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Sorge um Valentina

Johanna Theden

Sorge um Valentina

1. KAPITEL

Simon war fassungslos: Isar wollte ihn allen Ernstes mit der Scheinehe erpressen?!

„Spar dir deine Moralpredigten“, giftete das Mädchen, mit dem er ein paar Tage in der Fürstensuite verbracht hatte. „Geld oder Ausländerbehörde. Deine Entscheidung.“ Hätte er ihr bloß nie erzählt, was Maike und er für eine Vereinbarung miteinander hatten!

„Dafür könnte ich dich anzeigen“, meinte er.

„Mach doch!“, spottete sie. „Vielleicht landen wir ja in derselben Zelle. Oder bekommt man für eine Scheinehe bloß eine Geldstrafe? Dann kannst du mir die Kohle auch gleich geben.“ Sie brauchte die neuntausend Euro für ein eigenes Nagelstudio. Und sie gewährte ihm ein paar Stunden Bedenkzeit. Mehr nicht.

„Warum wundert mich das nicht?“ Ben hatte nie viel von Isar gehalten. Und dass sie Simon nun erpresste, bestätigte das Bild, das er von ihr hatte. Sie hatte Simon nur ausgenutzt. Weil der durch einen Lotteriegewinn plötzlich zu einer halben Million Euro gekommen war. Aber Simon sorgte sich ausschließlich um Maike. Wenn Isar ihre Drohung wirklich wahr machte – dann würde seine Schein-Ehefrau bestimmt sofort abgeschoben werden. Und auch er selbst würde irgendeine Strafe bekommen. „In dem Fall …“ Ben versuchte, die Sache pragmatisch zu sehen. „Was sind schon neuntausend Euro, wenn man eine knappe halbe Million auf dem Konto hat? Kein schlechter Preis, um sich so eine Zecke vom Hals zu schaffen.“

„Verdammt!“ Simon stöhnte und raufte sich die Haare. „Was ist das nur für ein Schlamassel?!“

„Das Problem ist doch, dass du auf diese Schickimickitusse reingefallen bist“, sagte Ben. „Zum Glück habe ich dich ja vor dem Schlimmsten bewahrt.“ Er grinste. „Eigentlich sollte ich Provision verlangen. Zehn Prozent, die es dich kostet, Isar loszuwerden und vor Maike mal wieder als Held dazustehen.“

„Nur, dass meine reizende Gattin kaum etwas davon mitbekommen wird“, erwiderte Simon trocken. „Die hat ja bloß noch Augen für den Stallknecht.“ In der Tat hatte er schon zweimal mit ansehen müssen, wie Maike Jacob Krendlinger küsste. Dass sie das nur tat, um von Simon loszukommen – das ahnte er ja nicht.

Kurz darauf lief Ben Maike über den Weg, und die hatte nur noch Hohn und Spott für ihren Schein-Ehemann übrig. Dass er sich mit so einer primitiven Tussi zusammengetan hatte, dass er sich eine Tätowierung auf den Oberarm hatte machen lassen …

„Simon stammt eben aus kleinen Verhältnissen, das merkt man jetzt deutlich“, sagte sie hochmütig.

„Ich glaube, ich muss meinen Freund mal kurz verteidigen“, sagte Ben energisch. „Wenn du nämlich wüsstest, was dein Göttergatte gerade mal wieder für dich tut …“

Zur gleichen Zeit gab Simon Isar die neuntausend Euro, die sie von ihm verlangt hatte.

„Werde glücklich damit“, schnaubte er. „Und dann hoffentlich auf Nimmerwiedersehen.“ Sie versuchte es noch mit einem Scherz und versprach, ihm zur Eröffnung ihres Nagelstudios eine Einladung zu schicken. Aber er wollte einfach nur noch, dass sie verschwand. Er hatte seine Lektion gelernt. Und würde sich nie mehr auf Menschen einlassen, die sich nur für sein Geld interessierten.

Eva fühlte sich von Alain Briand schwer unter Druck gesetzt. Der Franzose hatte sie gebeten, für ihn zu arbeiten – falls er das Sorgerecht für Valentina zugesprochen bekam. Und er appellierte an ihre Liebe zu der Kleinen. Sie wollte doch sicher auch, dass es Valentina in Zukunft an nichts fehlte …

„Ich werde mit Herrn Saalfeld sprechen“, erklärte sie überfordert. „Und wenn er auch denkt, es wäre für Valentina das Beste …“ Briand ließ sie nicht ausreden.

„Mir wäre es lieber, Sie behalten mein Angebot erst einmal für sich“, sagte er lächelnd. „Wir wissen ja nicht, ob das Sorgerecht tatsächlich mir zugesprochen wird. Momentan möchte ich nur vorsorgen – für den Fall.“ Sie fühlte sich gar nicht wohl bei dem Gedanken, Robert die Angelegenheit zu verschweigen. „Kein Grund, jetzt schon die Pferde scheu zu machen“, fügte Alain hinzu. „Die Situation ist auch so schon angespannt genug.“

Was bildete sich dieser Typ eigentlich ein?! Eva war vollkommen aufgewühlt, als sie durch den Park spazierte. Ihr eine Stelle als Kindermädchen anzubieten … Für ein Kind, für das er noch nicht einmal das Sorgerecht hatte … Aber falls er es tatsächlich bekäme, und Valentina müsste zu ihm, ohne einen vertrauten Menschen in ihrer Umgebung … In dem Punkt hatte Briand leider recht: Da sollte wenigstens Eva bei ihr sein. Selbst wenn sie ihr die Familie nicht ersetzen konnte. Andererseits … Wenn Eva zusagte und das auch noch hinter Roberts Rücken … Wenn das herauskäme – niemals würde ihr Robert verzeihen. Es gab nur eine Möglichkeit: Sie musste offen mit ihm darüber sprechen. Egal, ob das diesem aalglatten Monsieur Briand passte oder nicht.

Natürlich ging Robert sofort an die Decke, als sie ihm von Alains Angebot berichtete. Aber nachdem er sich ausgetobt habe, musste er einsehen, dass es im schlimmsten Fall wirklich das Beste für seine Tochter wäre, wenn Eva bei Valentina bliebe.

„Auch wenn ich den Kerl erwürgen könnte …“, knurrte er. „Wir müssen an Valentina denken. Dass sie es gut hat!“

Werner kam in die Wohnung, als die beiden noch immer über die Sache sprachen. Der Senior bemerkte die angespannte Atmosphäre sofort und bestand darauf, dass sie ihn einweihten.

„Kapiert ihr denn nicht, was dieser Windhund vorhat?“, rief Werner, nachdem er die Geschichte gehört hatte. Er wandte sich an Eva. „Wenn Sie das Angebot dieses schmierigen Franzosen annehmen, verwendet es Zastrow vor Gericht sofort gegen Robert! Er wird argumentieren, dass sein Mandant bereits gut für die Kleine vorgesorgt hat. Indem die wichtigste Bezugsperson erhalten bleibt.“ Eva schluckte. So hatte sie die Situation noch gar nicht betrachtet.

„Aber Miriam würde mir nie verzeihen, wenn ich vor lauter Wut vergesse, was für Valentina das Beste ist!“, hielt Robert dagegen. Natürlich wollte auch Werner das Beste für seine Enkelin.

„Aber lass uns erst mal den Prozess durchstehen“, mahnte er. „Alles Weitere sehen wir dann. Bis dahin dürfen wir diesem Halunken auf keinen Fall noch mehr Angriffsfläche bieten.“

„Ich fürchte, dein Vater hat recht“, meinte Eva. Und nach einigem Nachdenken pflichtete Robert seinem Vater und ihr bei. Eva sollte Briands Angebot auf jeden Fall ausschlagen!

Michael hatte seine Aussage bei der Polizei hinter sich gebracht. Er hatte zu Roberts Gunsten ausgesagt und behauptet, es sei zweifelsfrei, dass Götz Zastrow unglücklich auf einen Stein gefallen war.

„Wohl ist mir bei der Sache auch nicht“, seufzte er, als er Rosalie davon erzählte. „Aber dass es sich so abgespielt hat, wie Zastrow behauptet … Dass Robert ihn töten wollte …“ Das konnte sich Michael nun beim besten Willen nicht vorstellen. Rosalie machte sich trotzdem Sorgen. Wenn das Ganze aufflog – dann würde Michael sogar seine Approbation verlieren können. „Du brauchst dir wirklich keinen Kopf zu machen“, versuchte er, sie zu beruhigen. „Es wissen nur vier Menschen Bescheid: Charlotte, ihr temperamentvoller Sohn, du und ich. Und solange das so bleibt, kann mir nichts passieren.“

„Ich halte dicht“, versicherte Rosalie und fuhr dann selbstironisch fort: „Denn wenn du kein Halbgott in Weiß mehr bist, muss ich dich leider verlassen.“

„Simon! Warte!“ Ben hatte Maike verraten, dass Simon zu einer kleinen Wanderung auf die Almwiese aufgebrochen war. Und sie war ihm so schnell wie möglich gefolgt. Nun erreichte sie ihn außer Atem. „Du wolltest mir wohl gar nicht erzählen, dass du diesem blonden Gift neuntausend Euro in den Rachen geworfen hast!“, meinte sie. „Und das meinetwegen.“

„Keine Sorge.“ Er winkte müde lächelnd ab. „Ich hab’s ja.“

„Nichts da!“, protestierte sie. „Sobald ich die Stelle in Frankreich oder einen anderen guten Job habe, bekommst du die neuntausend wieder. Falls es sein muss, in Raten.“

„Wenn du darauf bestehst …“ Sie nickte nachdrücklich. Die beiden standen voreinander und sahen sich an. Eine unausgesprochene Sehnsucht lag zwischen ihnen, aber keinem von beiden gelang es, sie in Worte zu fassen.

Der Fürstenhof brauchte noch eine Moderatorin für die Abschlussveranstaltung des Charity-Golfturniers, das gerade im Hotel stattfand. Charlotte dachte eigentlich daran, das selbst zu übernehmen. Aber sie hatte die Rechnung ohne Rosalie Engel gemacht. Denn die Geschäftsführerin wollte unbedingt selbst dort oben auf der Bühne stehen.

„Muss ich Sie wirklich an die Verleihung des Oberbayrischen Verdienstordens erinnern?“, fragte Charlotte kühl. „Als Sie betrunken auf die Bühne getorkelt sind und sowohl sich als auch mich und den ganzen Fürstenhof zum Gespött der Leute gemacht haben?“ Insgeheim war Rosalie peinlich berührt. Aber sie ging sofort zum Angriff über.

„Und muss ich Sie daran erinnern, dass Sie allen Grund hätten, etwas kooperativer zu sein?“, zischte sie. „Schließlich hat mein Lebensgefährte Ihnen gerade einen großen Gefallen getan. Einen ziemlich großen sogar. Um den Sie ihn gebeten haben.“ Charlotte begriff sofort, worauf die Geschäftsführerin anspielte. Also schwieg sie. Und überließ Rosalie die Moderation.

Eva traf sich am Nachmittag noch einmal mit Alain Briand und erklärte, dass sie sein Angebot nicht annehmen würde.

„Aber Valentina braucht Sie!“, ereiferte er sich. „Ich will ihr die Trennung von Ihnen nicht zumuten!“

„Hören Sie auf!“, gab Eva wütend zurück. „Ihnen geht es doch gar nicht um Valentina! Sie wollen doch nur an ihr Erbe!“

„Schade.“ Briands Stimme war eisig geworden. „Ich hätte Sie für klüger gehalten.“

„So kann man sich täuschen“, sagte Eva ebenfalls kühl. „Richten Sie Ihrem Anwalt bitte aus, so leicht lasse ich mich nicht einwickeln. Da muss er sich schon etwas Raffinierteres einfallen lassen.“

Als Maike Tanja abends von ihrer Begegnung mit Simon erzählte, witterte Tanja sofort eine romantische Geschichte. Kein Mensch blätterte einfach so neuntausend Euro hin, wenn ihm der andere nichts bedeutete. Außerdem sagte Maike selbst, dass Simon sie auf der Almwiese so innig angesehen hatte.

„Und drittens kann die Geschichte nur so ausgehen“, fand Tanja. „Der absolute Klassiker: Zwei sind längst ineinander verknallt, aber keiner traut sich aus der Deckung.“

„Aber warum ist Simon dann so oft so ekelhaft zu mir?“, fragte Maike skeptisch.

„Auch das ist typisch für viele der besten Liebesgeschichten“, erklärte Tanja.

„Wir sind aber nicht in irgendeinem Kitschroman“, seufzte Maike. „Sondern in der traurigen Realität. Wo ich mit dem Mann verheiratet bin, den ich liebe. Aber es ist hoffnungslos.“ Tanja verdrehte die Augen.

„Was willst du lieber?“, fragte sie dann. „Eine Abfuhr, die vielleicht für den Moment wehtut? Oder dein ganzes Leben lang bereuen, dass du nicht einmal die Initiative ergriffen hast?“

„Ich soll ihn also direkt darauf ansprechen?“ Maike schlotterten schon bei der Vorstellung die Knie. Simon hatte sie einfach zu oft zurückgewiesen.

Michael wunderte sich darüber, dass Rosalie und nicht Charlotte die Abschlussveranstaltung des Charity-Turniers moderierte.

„Solltest du nicht heute Abend der Mittelpunkt sein?“, sprach er sie an, während seine Freundin auf der Bühne Preise verlieh. Charlotte schwieg und warf ihm nur einen vielsagenden Blick zu. „Was?“

„Kannst du dir diese Frage nicht selbst beantworten?“, entgegnete sie nun bitter. Er verstand noch immer nicht. „Hättest du dir nicht denken können, was passiert, wenn du deiner kapriziösen Freundin von unserer Abmachung erzählst?“ Michael fiel die Kinnlade herunter.

„Sie hat dich gezwungen, ihr die Bühne zu überlassen?“, fragte er fassungslos.

„So weit ist sie nicht gegangen, aber es war deutlich genug.“ Er kochte vor Wut. Rosalie konnte was erleben.

Barbara und Götz gingen unterdessen die Gästeliste für ihre Hochzeit durch. Es waren eine Menge Leute eingeladen. Nur ihre Kinder würden wohl nicht mit von der Partie sein. Lukas und Lena Zastrow hatten ihrem Vater auf Cosimas Beerdigung deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nichts mit ihm zu tun haben wollten. Und auch Ben würde sich sträuben, zur Hochzeit zu kommen. Auch wenn Barbara ihren Sohn unbedingt dabeihaben wollte. Götz passte das gar nicht. Aber er ließ die Sache erst einmal auf sich beruhen und wechselte das Thema.

„Übrigens: Briands Aussichten auf den Saalfeld-Spross sind leider wieder gesunken.“ Barbara hob alarmiert die Augenbrauen. „Die treue Soldatin hat sein Angebot abgelehnt. Und ich bin mir sicher, dass die Krendlinger damit sofort zu den Saalfelds gerannt ist.“

„Und weil das dumme Dinge Robert jeden Wunsch von den Lippen abliest, hat sie sich bequatschen lassen“, ergänzte Barbara erbost.

„Das ist es!“, rief Götz da auf einmal. „Bedingungslose Loyalität! Wäre doch gelacht, wenn man genau daraus nicht auch einen schönen dicken Strick drehen könnte …“

Am nächsten Morgen erschien Lena Zastrow im Fürstenhof und fragte nach ihrem Vater. Barbara und sie waren sich bislang noch nicht begegnet, und erst behandelte Barbara die Fremde recht abweisend. Doch als sie begriff, dass es sich um Götz’ Tochter handelte, änderte sie ihr Verhalten schlagartig. Überfreundlich nahm sie Lena in den Arm und beteuerte, wie sehr sie sich darüber freute, dass sie zur Hochzeit kam. Lena setzte allerdings ein Pokerface auf. Sie wollte ihren Vater sprechen. Über alles andere schwieg sie sich aus.

Sie ließ sich von Barbara in die Wohnung führen und sah sich dort aufmerksam um.

„Gefällt es Ihnen?“, fragte Barbara. Lena nickte.

„Muss Spaß gemacht haben, eine Wohnung mit fremdem Geld einzurichten“, fügte sie dann hinzu. „Genauer gesagt: mit dem Erbe meiner Mutter.“ Barbaras Lächeln gefror.

Sie hatte Lena allein in der Wohnung gelassen und Götz mitgeteilt, dass seine Tochter auf ihn wartete. Der freute sich sichtlich, Lena zu sehen. Auch wenn sie ihn alles andere als freundlich begrüßte und auch sofort erklärte, dass sie auf keinen Fall zu seiner Hochzeit kommen würde.

„So schnell nach Mamas Tod …“, meinte sie nur. „Ich finde das ziemlich pietätlos.“ Er versuchte, ihre Bemerkung zu überspielen.

„Erzähl mir, wie es dir geht“, bat er und zog sie mit sich aufs Sofa. „Was führt dich zu mir? Trotz der Abneigung gegen deinen alten Vater?“

„Du kannst mir glauben“, erwiderte sie ernst. „Wenn ich eine Wahl hätte, wäre ich bestimmt nicht hier. Aber ich brauche einen Anwalt. Ohne Honorar. Ich habe nämlich keinen Cent in der Tasche.“ Sie wollte die Scheidung von ihrem Mann Stephan. Und zwar so schnell wie möglich. Über die Hintergründe wollte sie sich jedoch nicht weiter äußern. Götz beschloss, ihr erst einmal ein Zimmer im Hotel zu besorgen. Dann würden sie weitersehen.

2. KAPITEL

Jacob Krendlinger hatte Post vom Finanzamt erhalten. Er sollte dreitausend Euro Steuern nachzahlen, für seinen Hof, den er längst verkaufen musste. Natürlich hatte er das Geld nicht. Als er auf dem Vorplatz zum Hotel Maike begegnete, fragte er sie kurzerhand, ob sie nicht mit Simon sprechen könnte.

„Für den sind dreitausend Euro doch ein Klacks“, sagte er bitter und bemerkte nicht, dass Simon gerade vom Joggen kam und das Gespräch belauschen konnte. Seine Miene hatte sich verfinstert.

„Ich muss sagen, du traust dich was!“, empörte sich Maike. Doch da war Simon schon weitergelaufen.

„Weil ich ausgerechnet den Mann anpumpen will, dem ich die Frau ausspannen möchte?“ Maike nickte. „Das gelingt mir ja leider sowieso nicht“, witzelte Jacob. Aber er steckte ernsthaft in Schwierigkeiten. Trotzdem blieb Maike hart. Simon war so gutmütig, am Ende würde er sogar noch Ja sagen.

„Aber das will ich nicht“, erklärte sie. „Ich möchte ihn nicht so ausnutzen.“

Kurz darauf unterhielt sich Maike mit André. Und Simons Vater konnte sich das Elend zwischen ihr und seinem Sohn einfach nicht mehr länger mit ansehen. Er musste dem jungen Glück einfach auf die Sprünge helfen.

„Nehmen wir an, du hast dich inzwischen in Simon verliebt“, sagte er also und lächelte, als er bemerkte, dass sie errötete. „Und dabei gar nicht gemerkt, dass er deine Liebe längst erwidert …“

„Simon … liebt mich auch?“ Maike starrte ihn überrumpelt an.

„Ich habe nichts gesagt.“ Aber Andrés Grinsen sprach Bände.

Sie war den ganzen Weg zur Dachkammer gerannt. Simon verzog erstaunt das Gesicht, als sie vor seiner Tür stand.

„Ich habe eben mit André gesprochen …“ Sie keuchte. „Und … Es muss endlich … Ich liebe dich auch!“ Und dann gab sie dem verblüfften Simon einen Kuss, den er zunächst erwiderte, sich dann aber von ihr löste und sie kühl musterte.

„Seit wann liebst du mich?“, fragte er misstrauisch.

„Was meinst du?“, entgegnete sie irritiert. „Das ist doch ganz egal. Hauptsache, wir sind jetzt endlich offen miteinander.“

„Für wie blöde hältst du mich eigentlich?!“, schnauzte er sie da an. „Denkst du, ich weiß nicht, dass du bloß an mein Geld willst?! Wie alle anderen auch?“ Verletzt und entgeistert starrte sie ihn an.

„Wieso sagst du so was?“, flüsterte sie tonlos.

„Ich habe es langsam satt, von dir benutzt zu werden“, giftete er. „Ich weiß, dass dein Lover Geld braucht.“

„Mein Lover?“, wiederholte sie verständnislos.

„Jacob Krendlinger! Und deshalb fällt dir wohl auch plötzlich ein, dass du mich liebst.“ Sie protestierte energisch: Jacob war nicht ihr Lover! „Du wirst schon einen Grund gehabt haben, mit ihm rumzumachen.“ Ertappt verzog sie das Gesicht. „Ich habe euch gesehen“, fuhr er grimmig fort. „Und es sah nicht so aus, als hätte er dich zwingen müssen. Also lass es einfach gut sein. Ich habe deine Lügen satt.“

„Ich habe dich nicht angelogen!“, beteuerte sie unglücklich. Aber er glaubte ihr nicht.

„Mein Bedarf an Frauen, die mich hintergehen, ist gedeckt“, erklärte er. „Vielen Dank.“ Und dann forderte er sie auf zu verschwinden.

„Simon empfindet nichts für mich.“ Am Boden zerstört berichtete Maike André von der Szene, die sich eben in der Dachkammer abgespielt hatte. „Außer Hass und Verachtung.“

„Das kann nicht sein“, widersprach der Chefkoch.

„Ich habe mir den Rauswurf bestimmt nicht eingebildet“, entgegnete sie traurig.

„Das ist dieses verdammte Geld!“, befürchtete André. „Simon ist nicht mehr er selbst.“

„Oder er zeigt endlich seinen wahren Charakter.“ Maike war zutiefst getroffen. Nie wieder würde sie Simon noch einmal die Möglichkeit geben, sie so zu demütigen.

Götz hatte ein Schreiben ans Jugendamt aufgesetzt und Werner und Robert eine Kopie davon zukommen lassen. Die beiden konnten es kaum glauben, was sie da lesen mussten.

„Jetzt vernachlässige ich meine Sorgfaltspflicht, weil ich Eva dazu genötigt habe, die Stelle bei Briand nicht anzutreten?“ Robert verstand nur noch Bahnhof.

„Klingt komplizierter, als es ist“, seufzte sein Vater. „Du bist der Böse, weil du deinem Baby die Hauptbezugsperson vorenthalten willst.“

„Noch hat der Mistkerl das Sorgerecht doch gar nicht“, rief Robert aufgebracht.

„Aber er ist leider der leibliche Vater“, gab Werner zurück. „Man wird später sagen, du hättest vorher kooperieren sollen. Dem Kind zuliebe.“ Und dass Robert Eva zurückgepfiffen hatte – auf Geheiß seines Vaters – wurde ihm nun als unzulässige Manipulation ausgelegt. „Tut mir wirklich leid.“ Werner war sichtlich zerknirscht. „Aber ich dachte, wir tun das Richtige.“

„Hätte Eva das Angebot von diesem Franzmann angenommen, hätte man uns daraus genauso einen Strick gedreht“, meinte Robert fatalistisch. „Vergiss es einfach. Vielleicht müssen wir einfach akzeptieren, dass dieser Zastrow uns überlegen ist.“

Götz und Barbara gingen gerade mit ihrem Hochzeitsplaner durch den Park, um Details für das Fest zu besprechen. Da kam Werner Saalfeld außer sich vor Wut auf sie zugerannt.

„Was ist das wieder für eine Sauerei?!“ Erbost baute er sich vor Götz auf. „Sie haben Robert angeschwärzt! Angeblich soll er Frau Krendlinger unter Druck gesetzt haben! Aber damit kommen Sie nicht durch!“ Götz hob nur die Augenbrauen und wandte sich wieder dem Hochzeitsplaner zu. Barbara schlug einen zuckersüßen Ton an.

„Werner, beruhige dich doch“, säuselte sie. „Götz tut nur, was jeder Anwalt tun würde: die Interessen seines Mandanten vertreten.“ Sie fasste ihn sogar am Arm. „Kann nicht endlich Frieden sein? Götz und ich heiraten morgen …“

„Da haben sich immerhin die zwei Richtigen gefunden“, stellte der Senior eisig fest und schüttelte sie ab.

„Und wir würden uns freuen, wenn du uns die Ehre erweisen würdest, daran teilzunehmen“, fuhr sie dann zu seinem großen Erstaunen fort. Und Zastrow sah nicht weniger überrascht aus. „Bitte mach uns die Freude und komm!“ Kopfschüttelnd wandte Werner sich ab und ging davon.

„Was sollen die Saalfelds auf unserer Hochzeit?“, zischte Götz Barbara ins Ohr.

„Sie werden mit ansehen, wie wir uns verbinden“, verkündete sie triumphierend. „Unsere ärgsten Feinde erleben unsere Hochzeit mit! Es wird sich köstlich anfühlen!“

Kurz entschlossen machte sie sich auf den Weg in die Küche, um auch Robert zur Feier einzuladen. Er reagierte wie erwartet: Nie im Leben würde er zu ihrer Hochzeit kommen.

„Ich werde versuchen, Götz umzustimmen und die Anzeige wegen versuchten Mordes zurückzuziehen“, versprach sie ihm. „Dafür erweist du ihm Respekt und erscheinst bei unserer Hochzeit.“

„Respekt erweisen?“ Robert schnaubte. „Wer ist er, der Pate?“

„Bis morgen, ja?“ Mit einem freundlichen Lächeln verabschiedete sie sich. Irritiert blieb er zurück. Er hatte gerade Eva dazu angehalten, Barbara, Götz und Alain Briand in Zukunft aus dem Weg zu gehen. Robert hatte es genauso halten wollen. Aber das schien alles andere als einfach zu sein.

Eva hatte es eigentlich vernünftig gefunden, was Robert sagte: dass sie sich in Zukunft von Barbara, Götz und diesem schmierigen Franzosen fernhalten sollte. Aber während sie sich jetzt um Valentina kümmerte, wuchs ihr Zorn auf Götz Zastrow ins Unendliche. Es wäre doch noch schöner, wenn dieser Saukerl einfach tun und lassen konnte, was er wollte, und keiner traute sich, sich zur Wehr zu setzen. Da würde sie nicht mitmachen. Auch wenn es gegen Roberts Rat war: Sie würde diesem Götz Zastrow nicht aus dem Weg gehen!

Auch Michael Niederbühl und Rosalie hatten eine Einladung zur Hochzeit erhalten. Und die Geschäftsführerin freute sich auf das Fest. Michael hatte allerdings nicht die Absicht, daran teilzunehmen.

„Und du solltest auch nicht hingehen“, verlangte er kühl. „Diesen Leuten geht man nämlich besser aus dem Weg.“

„Götz ist mein Arbeitgeber“, argumentierte Rosalie. „Den muss ich nicht unbedingt verärgern. Und mit Frau von Heidenberg habe ich keine Probleme.“ Michael seufzte nur entnervt. „Ich verstehe schon“, schmollte sie. „Du willst nicht, dass uns deine Ex dort zusammen sieht.“

„Was soll der Mist jetzt wieder?!“, rief er wütend. „Wer hat Charlotte denn erpresst? Nur, um sie zu demütigen?!“ Rosalie schluckte. „Du hast mein Vertrauen missbraucht“, hielt er ihr nun vor. Und was auch immer sie zu ihrer Verteidigung vorbrachte – er ließ es nicht gelten.

Götz hatte die ersten Schritte für die Scheidung seiner Tochter eingeleitet und ein formloses Schreiben aufgesetzt. Stephan würde nur bestätigen müssen, dass Lena und er bereits seit einem Jahr getrennt waren.

„Das macht Stephan niemals“, erklärte Lena. Ihr Mann wollte sich nämlich nicht scheiden lassen.

„Das macht die Sache allerdings etwas komplizierter“, seufzte Zastrow und blickte seine Tochter forschend an. „Willst du mir nicht endlich sagen, was los ist?“ Bevor Lena antworten konnte, flog die Wohnungstür auf, und Eva Krendlinger stand im Raum.

„Was fällt Ihnen ein, mich so zu benutzen?!“, ging sie auf Götz los. „Ich lasse mich nicht zu Ihrem Werkzeug machen, und wenn Sie glauben …“ Er ließ sie nicht ausreden.

„Ich glaube gar nichts“, erklärte er knapp und machte Anstalten, sie wieder hinauszuschieben. „Und im Moment passt es ganz schlecht.“ Erst da bemerkte Eva Lena Zastrow. Sie hatten sich anlässlich Cosimas Beerdigung und der Hochzeit von Lukas und Sandra flüchtig kennengelernt. Auch jetzt konnten sie nur eine knappe Begrüßung austauschen, denn Götz wies Eva deutlich die Tür.

„Was meint sie mit: Sie lässt sich nicht benutzen?“, fragte Lena, der Eva von Anfang an sympathisch gewesen war. Aber ihr Vater gab ihr darauf keine Antwort, sondern kam wieder auf die Scheidung zu sprechen.

„Ihr seid doch immerhin schon ein paar Jährchen verheiratet“, meinte er. „Und, wie ich dachte, glücklich. So was wirft man doch nicht einfach so weg.“

„Du musst es ja wissen“, bemerkte sie spitz. „Machst du eigentlich wieder ein Berliner Testament?“

„Wieso?“, fragte er irritiert.

„Du bist ein reicher Mann seit Mamas Tod. Da muss man doch wissen, wer diesmal wen beerbt.“ Lenas Worte verletzten ihn. Aber sie verunsicherten ihn auch.

Charlotte, Werner und Robert diskutierten unterdessen, wie man mit der eigenartigen Hochzeitseinladung, die Barbara ihnen ausgesprochen hatte, umgehen sollte. Natürlich hatte keiner ein besonderes Interesse daran, zu diesem Fest zu gehen.

„Aber der Fürstenhof ist unser Zuhause“, argumentierte Werner. „Sollen wir Barbara und diesen Erbschleicher wirklich ohne uns Hof halten lassen?“ Er ging davon aus, dass Barbara damit rechnete, dass die Saalfelds der Feier fernbleiben würden. „Aber wir werden demonstrieren, dass wir nicht so berechenbar sind. Dass sie uns nicht nach Lust und Laune dirigieren kann.“

„Also gehen wir hin und machen gute Miene zum bösen Spiel?“ Charlotte wirkte weiterhin skeptisch.

„Wir zeigen ihr, dass wir nicht kuschen“, erwiderte er. „Dass wir uns nicht vertreiben lassen.“ Robert hatte Barbara ja sogar versprochen, dass Götz die Anzeige zurückziehen würde, wenn er bei der Hochzeit erschiene.

„Das klingt zwar verlockend, aber ich traue ihr nicht“, sagte Robert nun. Auch Charlotte und Werner wusste nicht, was sie von diesem Deal halten sollten. Charlotte war es, die schließlich beschloss, tatsächlich zur Hochzeit zu gehen.

„Es kostet mich mehr Überwindung, als du dir vorstellen kannst“, meinte Werner. Sie nickte. Und konnte sich nicht verkneifen, ihn darauf hinzuweisen, dass er Barbara ja auch schon zweimal geheiratet hatte.

„Charlotte, Robert und ich, wir bedanken uns für die Einladung und werden der Zeremonie mit Freude beiwohnen.“ Götz staunte nicht schlecht, als Werner Saalfeld ihm das in der Lobby eröffnete.

„Vorhin schienen sie das aber noch ganz anders zu sehen“, entgegnete er.

„Das lasse ich mir doch nicht entgehen!“ Der Senior grinste. „Mit der Heirat liefern Sie sich auf Gedeih und Verderb einer Giftmischerin und Mörderin aus.“ Götz bemühte sich um ein souveränes Lächeln, aber es misslang. „Wissen Sie was?“, fuhr Werner fort. „So viel Mut gehört belohnt! Ich spendiere einen Karton unseres Jahrgangschampagners. Wie oft sieht man schon, wie sich jemand sein eigenes Grab schaufelt!“ Damit klopfte er Zastrow gönnerhaft auf die Schulter und ging davon.

Ben saß in der Dachkammer und starrte trübsinnig auf die Hochzeitseinladung, die vor ihm auf dem Tisch lag. Er wusste nicht, wie er sich dazu verhalten sollte.

„Du bist sauer auf deine Mutter und kannst Zastrow nicht ausstehen“, meinte Simon. „Also geh nicht hin.“

„Sie legt großen Wert darauf, dass ich komme“, seufzte Ben. Das hatte Barbara ihm bei einer ihrer sporadischen Begegnungen mitgeteilt. Ben glaubte nicht, dass sie den Anwalt aus Liebe heiraten wollte. „Ansehen, Geld, Macht, Status … Das ist das Einzige, was für sie zählt.“

„Wird dann ja kaum der schönste Tag ihres Lebens sein, oder?“, bemerkte Simon grinsend. Er war auf das Thema Ehe ohnehin nicht gut zu sprechen. Schlechter als mit Maike hätte es ja gar nicht laufen können. „Ein Grund mehr, sich das Drama nicht aus der Nähe anzutun.“

Götz konnte mit niemandem darüber sprechen. Aber die Andeutungen, die Lena und Werner Saalfeld heute gemacht hatten, waren nicht ohne Spuren geblieben. Er fühlte sich richtiggehend verunsichert. Dass es am Fürstenhof so gut wie niemanden gab, der Barbara über den Weg traute, war sowieso klar. Vielleicht machte er ja einen großen Fehler. Vielleicht wollte sie ihn wirklich nur aus bösartiger Berechnung heiraten …

Kurz darauf berichtete er seiner Verlobten, was es an Neuigkeiten gab: Frau Zwick würde sie beide morgen trauen. Und die Saalfelds würden bei der Zeremonie dabei sein. Barbara grinste.

„Wir werden ihnen zeigen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen“, sagte sie. „Und gemeinsam unsere Besitzansprüche anmelden.“

„Weil du es gerade gesagt hast …“ Aufgrund des Misstrauens, das in ihm geweckt worden war, hatte er sich etwas überlegt. „Was ist eigentlich, wenn wir uns eines Tages nicht mehr einig sein sollten?“

„Hältst du das ernsthaft für denkbar?“, entgegnete sie verführerisch.

„Eigentlich nicht, aber …“ Er räusperte sich. „Es wäre mir dennoch lieber, wenn es so was wie eine schriftliche Vereinbarung gäbe. Auf Gütertrennung und Unterhaltsverzicht. Sollte es irgendwann zur Scheidung kommen …“ Er wollte also einen Ehevertrag. Barbaras Augen waren zu schmalen Schlitzen geworden.

„Du möchtest also doch nur ein Geschäft mit mir abschließen“, stellte sie fest, und in ihrer Stimme klirrten Eiskristalle. Götz versuchte, sich zu rechtfertigen – sie hörte ihm nicht einmal zu. „Ich hätte dich nicht für eine solche Krämerseele gehalten“, meinte sie und verzog sich wütend ins Schlafzimmer. Götz folgte ihr hilflos.

„Es ist doch nur ein Vertrag …“, setzte er an. Sie winkte scheinbar matt und resigniert ab.

„Schon gut“, seufzte sie. „Ich habe mich eben in dir getäuscht. Ich dachte, du bist endlich jemand, der mich wirklich liebt. Aber auch du willst mich nur besitzen.“

„Unsinn!“, protestierte er. „Du weißt, dass ich dich von ganzem Herzen liebe.“ Sie schüttelte den Kopf und mimte weiterhin die Leidende.

„Es ist in Ordnung. Dann ist es eben keine Hochzeit aus Liebe, sondern eine Geschäftsbeziehung. Das ist mehr, als ich erwarten darf.“ Was konnte er schon tun? Natürlich verzichtete er in Anbetracht dieser Situation auf den Ehevertrag. Was auf der Stelle ein strahlendes Lächeln auf Barbaras Lippen zauberte. „Du wirst es nicht bereuen“, versprach sie und warf sich in seine Arme.

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