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Sophies größte Sehnsucht

1. KAPITEL

Sophie Baxter trommelte nervös aufs Lenkrad, während sie vorsichtig den Schotterweg entlangfuhr. Es war schon fast dunkel, und der Schneematsch machte die ausgefahrene Spur gefährlich rutschig.

Sie hatte ganz vergessen, wie schlecht die Straßen hier auf dem australischen Land sein konnten, vor allem bei schlechtem Wetter. In der Großstadt merkte man von den Witterungsverhältnissen kaum etwas.

Angestrengt starrte sie durch die Windschutzscheibe. Es hatte aufgehört zu schneien, aber dafür fiel jetzt so dichter Regen, dass sie kaum noch etwas sah.

„Was zum Teufel …!“

Erschrocken trat sie auf die Bremse, als ohne Vorwarnung vor ihr ein Mann auftauchte, der die Arme über den Kopf schwang und ihr signalisierte, sie solle anhalten.

Instinktiv wich sie ihm aus, wobei der Wagen auf den nassen Steinen ins Schlingern geriet.

Sophie schloss die Augen und umklammerte das Steuer. Sie zwang sich, die Augen wieder aufzumachen, und bekam noch mit, wie ihr Wagen seitlich wegrutschte, bevor er endlich zum Stehen kam.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Es dauerte eine Weile, bis sie den ersten Schock überwunden hatte. Als sie ihre Umgebung wieder bewusst wahrnahm, sah sie einen großen dunklen Schatten vor ihrem Wagen entlang rennen.

Ein Pferd? Unglaublich. Offenbar lief ein Pferd frei auf der Straße herum.

Mit zitternden Händen zog sie ihr Handy aus der Handtasche und wählte die Notrufnummer.

„Notrufzentrale, was können wir für Sie tun?“

Sophie lehnte den Kopf an den Sitz und atmete tief durch. Lieber Himmel, sie hätte fast einen Menschen überfahren.

„Ich möchte ein frei laufendes Pferd melden“, erklärte sie mit zitternder Stimme. „Die Sicht ist sehr schlecht. Offenbar versucht jemand, es einzufangen, ich hätte ihn fast überfahren.“

Sie gab durch, wo sie sich befand, beendete den Anruf und schrie auf, als jemand an das Wagenfenster klopfte.

Verdammt, jetzt hatte sie wieder Herzrasen. Neben ihrem Auto stand der Mann, den sie fast überfahren hätte. Und abgesehen davon, dass er völlig durchnässt war, sah er ziemlich wütend aus.

Eilig öffnete sie das Fenster, um sich zu entschuldigen, doch er ließ sie gar nicht zu Wort kommen.

„Wollen Sie die ganze Nacht da sitzen oder helfen Sie mir jetzt endlich?“

Seine scharfen Worte ließen sie zusammenzucken. Was fiel dem Kerl ein?

„Ich hätte Sie fast überfahren!“, erwiderte sie, jetzt ebenfalls ärgerlich. „Was haben Sie bei so einem Wetter auch mitten auf der Straße zu suchen?“

Die Hände in die Hüften gestemmt, blickte er sie stirnrunzelnd an. „Ich wollte verhindern, dass Sie mit einem Pferd zusammenstoßen.“

Fast hätte sie gelacht, aber dafür ging ihr sein unverschämter Ton zu sehr auf die Nerven. Für wen hielt sich dieser Mann?

Jedenfalls war er ziemlich groß, weit über eins achtzig, und recht attraktiv. Soviel konnte sie im Dunklen ausmachen, obwohl ihm das Haar nass am Kopf klebte und sie im Scheinwerferlicht seine Gesichtszüge nur verzerrt erkennen konnte.

Aber gutes Aussehen war keine Entschuldigung für ungehobeltes Benehmen.

Er seufzte, als ihm offenbar klar wurde, wie wenig er sie mit seinem Auftritt beeindruckte, und strich sich das Haar aus dem Gesicht.

„Tut mir leid, das war unhöflich.“

„Allerdings.“

„Ich meinte nur, dass ich Ihre Hilfe sehr schätzen würde, wenn es Ihnen nichts ausmacht, nass zu werden. Ich hatte die Stute schon fast, aber jetzt ist sie auf und davon.“

Nun gut, vielleicht war er doch nicht so unsympathisch. Wahrscheinlich hatte sie ihm einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Und ein verängstigtes Pferd auf der Straße würde jeden in Stress versetzen.

„Schon gut, ich helfe Ihnen.“ Sie griff nach ihrer Allwetterjacke auf dem Rücksitz und zog sie über. „Ich arbeite im Tierheim, es ist also sogar mein Job.“

„Danke.“ Jetzt wirkte er geradezu erleichtert und lächelte sogar, was ihm gleich etwas Sympathisches gab.

Sophie schlug den Kragen hoch, um sich gegen den kalten Wind zu schützen. „Ich habe übrigens schon die Polizei benachrichtigt. Gleich bekommen wir Verstärkung.“

Überraschenderweise schien ihm das gar nicht zu gefallen. „Das ist wohl nicht mein Tag heute“, murmelte er.

„Ist das jetzt ein Problem?“, fragte sie irritiert.

Doch er ging gar nicht darauf ein. „Lassen Sie uns einfach möglichst schnell die Pferde einfangen und sie in den Transporter laden, okay?“

Wenigstens war sein Ton jetzt etwas höflicher.

„Wie viele sind es denn?“, fragte Sophie, während sie ihm folgte.

„Drei stehen da auf der Koppel, und dann noch die Ausreißerin“, sagte er über die Schulter.

„Warum laden wir nicht zuerst die Gruppe ein? Dann kommt sie wahrscheinlich freiwillig zurück. Herdentrieb.“

Jetzt blieb er stehen und drehte sich zu ihr um, nickte dann widerwillig. „Warum bin ich da nicht selbst draufgekommen?“

Lark Anderson betrachtete die Frau, die ihn fast überfahren hätte und ihm nun zu Hilfe kam. Er hätte nicht so unhöflich zu ihr sein sollen, aber sie hatte ihn zu Tode erschreckt.

Als sie Seite an Seite auf die Gruppe der unruhigen Pferde zusteuerten, versuchte er, ihre Gesichtszüge auszumachen, aber dafür war es zu dunkel. Sie war relativ groß für eine Frau und schlank, die langen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Mehr war nicht zu erkennen.

„Arbeiten Sie eigentlich immer nachts mit Ihren Pferden?“, fragte sie.

Die mitschwingende Kritik störte ihn, doch er nahm sich zusammen.

„Normalerweise nicht“, erwiderte er, „Aber es wird auch nicht jeden Tag ein Zaun so demoliert, dass sich die Pferde daran verletzen können.“

Sie wurde langsamer, warf ihm einen Blick zu, ging dann weiter. „Entschuldigung.“

Achselzuckend vergrub er sich tiefer in seinen Parka.

„Sie kommen nicht aus der Gegend, oder?“

„Was hat mich verraten?“, gab er zurück. „Mein seltsamer Akzent?“

Diesmal blieb sie stehen. „Sind Sie immer so unfreundlich?“

Er schloss die Augen und war froh, dass sie in der Dunkelheit seinen Gesichtsausdruck nicht sehen konnte. „Tut mir leid, es war ein langer Tag. Und diese Kälte hier geht mir auf den Geist. Ich hasse Wollsocken und kalte Füße.“

Jetzt lachte sie. Zum Glück. Schließlich hätte sie auch einfach in ihr Auto steigen, die Heizung aufdrehen und ihn mit seinen Pferden stehen lassen können. Er hätte es ihr nicht übel genommen.

„Und womit kann man Sie aufheitern?“

Jetzt musste er selbst lachen. „Mit kalifornischer Sonne, die mir auf den Cowboyhut brennt.“

Als sie sich den Pferden näherten, blieb er stehen und hob die Hand, damit sie dasselbe tat, dann reichte er ihr eins der Seile, die er über der Schulter trug. Nun kam es darauf an, die Pferde nicht noch weiter zu beunruhigen.

Langsam streckte er die Hand nach der ersten Stute aus und ließ dann wie nebenbei eine Seilschlinge über ihren Kopf gleiten, bevor sie wieder zur Seite wegtänzeln konnte. „Ruhig, mein Mädchen, ganz ruhig. Alles ist gut.“

„Dann sind Sie also der Rodeoreiter“, hörte er seine Begleiterin leise sagen.

„Der bin ich.“

„Haben Sie Ihr Pferd sicher?“, fragte sie.

Beeindruckt stellte er fest, dass auch sie es geschafft hatte, das Seil am Halfter des anderen Pferdes einzuhaken. „Ja. Dann auf zum Transporter!“

Lark sprach leise auf das Pferd ein und griff gleichzeitig nach dem Halfter des Dritten, das sich bereits genähert hatte. Je schneller sie die Pferde in Sicherheit brachten, desto besser. Schlimm genug, dass das Letzte immer noch auf der Straße herumlief, wo es jeden Moment angefahren werden konnte.

„Um noch mal auf meine Frage zurückzukommen, ob sie immer im Dunkeln solche Sachen treiben …“

Diesmal konnte er darüber lachen, und seine Stimmung, die im Keller gewesen war, seit er die Pferde unter diesen furchtbaren Bedingungen auf der Koppel vorgefunden hatte, besserte sich.

„Ich kann mich eben in einer solchen Nacht nicht einfach gemütlich vor den Kamin setzen, wenn Tiere in meiner Umgebung es draußen aushalten müssen.“

„Da haben Sie auch wieder recht.“

Plötzlich flammten Scheinwerfer auf.

Verdammt.

Er hatte gehofft, alles wieder im Griff zu haben, bevor die Polizei auftauchte. Am liebsten wäre er schon über alle Berge gewesen. Diese Art von Ärger konnte er jetzt am allerwenigsten gebrauchen. Doch er ging weiter in Richtung Transporter, als hätte er das sich nähernde Auto gar nicht bemerkt, um die Pferde nicht nervös zu machen.

Glücklicherweise ließen sie sich problemlos verladen. Offenbar hatte jemand sie ausgebildet, bevor sie sich selbst überlassen worden waren. Wie sie gehofft hatten, näherte sich nun auch die Stute der Herde.

„Ich mach das schon“, sagte er schnell. „Vielleicht könnten Sie inzwischen die Polizei noch ein bisschen hinhalten?“

„Mach ich“, antwortete sie. „Ich werde schon mal erzählen, was ich weiß.“

Lark unterdrückte einen Fluch. Wie zum Teufel sollte er sich da rausreden?

Früher wäre er vielleicht einfach in seinen Wagen gesprungen und hätte sich aus dem Staub gemacht. Aber die Zeiten waren vorbei. Er war jetzt nicht mehr nur für sich verantwortlich.

Gerade, als er die Ausreißerin verladen und die Rampe hochgefahren hatte, hörte er hinter sich eine Stimme.

„Sir?“

Lark atmete tief durch und drehte sich langsam zu dem Mann um, den er nicht kannte.

„Sophie hat mir gerade erzählt, dass die Situation bereits wieder unter Kontrolle ist.“

Sophie hieß sie also. Er warf der Frau, die jetzt neben dem Polizisten stand, einen Blick zu. Wäre er vorher nur höflicher zu ihr gewesen! Aber es war wirklich ein furchtbarer Tag gewesen – einer von vielen in einem furchtbaren Jahr.

Bisher war ihm entgangen, wie hübsch sie war. Jetzt stand sie im Scheinwerferlicht des Polizeiwagens und lächelte strahlend, obwohl sie klatschnass war und bestimmt ebenfalls fror. Erstaunlich.

Und er hatte bis jetzt noch nicht mal nach ihrem Namen gefragt.

„Ich habe sie gerade wieder in den Transporter geladen“, antwortete er, und deutete mit dem Daumen hinter sich. „Tut mir leid, wenn ich Ihnen Umstände gemacht haben sollte.“

Der Polizeibeamte knipste seine Taschenlampe an und leuchtete in Richtung des Transporters. Leider sah der Mann nicht so aus, als würde er einfach an seine Mütze tippen und wieder verschwinden.

„Als Tierhalter sind Sie dazu verpflichtet, Ihre Pferde stets unter Kontrolle zu haben und sicherzustellen, dass sie niemanden gefährden.“

Bei dem herablassenden Ton des Polizisten stellten sich Lark die Nackenhaare auf. Diese verfluchten Pferde gehörten ihm nicht einmal.

Er hätte einfach weiterfahren und sie ignorieren sollen. Wann lernte er endlich, dass er nicht jedes vernachlässigte Tier auf dieser Welt retten konnte? Aber er hätte es ja doch nicht über sich gebracht, sie bei diesem Wetter schutzlos draußen stehen zu lassen, selbst wenn er vorher gewusst hätte, dass er dafür Ärger bekam.

„Ihren Führerschein bitte. Ich brauche Ihre Personalien für den Bericht.“

„Ach komm, Tim, das ist jetzt aber wirklich nicht nötig.“

Überrascht schaute Lark zu Sophie hinüber. Erst wäre sie beinah mit dem Pferd zusammengestoßen, dann war er mehr als unfreundlich zu ihr gewesen, und jetzt ergriff sie Partei für ihn? Nicht zu fassen.

„Jemand hat wohl den Zaun demoliert, und eins der Pferde ist darin hängen geblieben. Dieser Mann hat nur sein Bestes getan, um noch größeren Schaden zu verhindern. Oder?“

Lark nickte instinktiv. „Ja, so kann man es beschreiben.“

Der Polizeibeamte schien nicht wirklich überzeugt. „Ihren Führerschein, bitte.“

Lark angelte nach seiner Brieftasche und reichte ihm den Führerschein. „Bitte sehr.“

„Ein internationaler Führerschein, Mr Anderson?“

Lark verkniff sich eine Bemerkung. „So ist es.“

„Komm, Tim, wir regeln das morgen, ja? Es ist einfach zu kalt“, bat Sophie und schlang die Arme um den Oberkörper. Fror sie in ihrer dicken Jacke wirklich oder übertrieb sie ein bisschen, um ihm zu helfen? „Ich werde einfach morgen früh nach den Pferden sehen und dir dann berichten. Aber jetzt sollten wir alle möglichst schnell ins Warme und Trockene.“

Lark schwieg einfach und ließ sie machen, das war wahrscheinlich seine einzige Chance, aus dieser Situation mit einem blauen Auge herauszukommen.

„Bist du sicher?“, hakte der Polizist nach.

„Absolut“, antwortete Sophie ohne Zögern.

„Also gut, Mr Anderson, Sie hören morgen von uns.“

Noch immer wusste Lark nicht so recht, was gerade passiert war oder warum Sophie ihm geholfen hatte. Aber ihm sollte es recht sein. Hauptsache, er kam endlich aus seinen klatschnassen Sachen raus und konnte sich wieder aufwärmen. Seinetwegen konnte sie auch gerne morgen nach den Pferden sehen.

Hauptsache, sie machte ihm dann keine Vorschriften.

Der Polizeibeamte war schon wieder zu seinem Wagen unterwegs, mit gebeugtem Rücken stemmte er sich gegen den Wind.

Lark wandte sich an Sophie: „Sie finden mich …“

Sophie unterbrach ihn, bevor er seine Adresse nennen konnte. „Ich glaube, jeder in der Stadt kennt die Farm, die der berühmte Rodeoreiter gekauft hat.“

Lark lachte leise. „Wie das in Kleinstädten so ist.“

„Ich komme also morgen vorbei, und dann können Sie mir die ganze Geschichte erzählen.“

„Danke für Ihre Hilfe“, sagte er.

„Gern geschehen.“

Lark schaute ihr nach, als sie zu ihrem Wagen ging, dann zuckte er zusammen und rannte zum Transporter zurück. Fast hätte er Lucy vergessen. Verdammt! Dabei gab er sich solche Mühe, ein guter Vater zu sein.

Hektisch riss er die Fahrertür auf. „Schatz, es tut mir so …“

Lucy saß im Schneidersitz auf der durchgehenden Sitzbank und lächelte ihn strahlend an. Dass sie trotz aller seiner Unzulänglichkeiten immer so fröhlich war, verstärkte seine Schuldgefühle noch.

„Schon okay, Dad. Hast du sie alle eingefangen?“

Bevor er einstieg, streifte er sein nasses Hemd ab und warf es hinter die Bank.

„Ich habe sie alle hinten drin, aber es tut mir so leid, dass ich dich so lange allein gelassen habe.“

Ihr Lächeln war zu weise und verständnisvoll für ihr Alter. Als ob sie genau wüsste, was in ihm vorging. Und sie war immer so geduldig mit ihm, obwohl er als Vater ständig irgendwelche Fehler machte. Fast, als wäre sie die Erwachsene und er das Kind.

„Können wir sie behalten?“

„Ich denke schon.“

Er erzählte ihr nicht, dass er eine Menge Ärger bekommen würde, wenn der Polizist eine große Sache daraus machte. Er konnte wegen Diebstahls verhaftet werden. Aber daran hatte er natürlich nicht gedacht, als er angehalten hatte, um die vier Pferde zu retten.

Stattdessen nahm er Lucys Hand und drückte sie leicht.

Oft wusste er nicht, was er zu ihr sagen, was er tun oder wie er sich verhalten sollte, aber es half immer, wenn er einfach ihre Hand nahm. Das konnte er gut.

„Ich hab dich sehr lieb, Lucy.“ Es fiel ihm nicht leicht, Gefühle zu zeigen, und dieser Satz ging ihm auch nur schwer von den Lippen. Als ob er gar nicht dafür gedacht war, laut ausgesprochen zu werden. „Das weißt du doch, oder?“

Sie schnallte sich an und schenkte ihm ein Lächeln. „Ich weiß.“

Unwillkürlich atmete er auf. Wenigstens das.

Er tat sein Bestes, jeden Tag. Aber wer hätte gedacht, dass das so schwer war?

Lark schloss das Stalltor hinter sich und wappnete sich gegen die beißende Kälte. Trotz des stechenden Schmerzes in seinem Rücken begann er zu rennen. Jedes Mal, wenn er mit dem rechten Fuß auftrat, fuhr es ihm in die Wirbelsäule.

Doch er biss die Zähne zusammen und lief noch schneller.

Heute Abend hatte er Lucy schon lange genug vernachlässigt. Obwohl er manchmal das Gefühl hatte, alles falsch zu machen, war er gern für sie da. Solange sie wusste, dass sie nicht allein war und dass er sie lieb hatte, machte er vielleicht wenigstens etwas richtig.

Auf der Veranda zog er die Stiefel aus und ging ins Haus. Der Wind schlug ihm die Tür aus der Hand, die mit lautem Knall hinter ihm zufiel. Wenigstens hatten sie im Haus noch Strom – im Stall war die Stromversorgung wegen des Sturms unterbrochen.

Lucy saß im Schneidersitz vor dem Kamin, wo ein ruhiges Feuer brannte, und war tief in ein Buch versunken.

„Ich bin wieder da, Schatz“, rief er ihr zu.

Lucy blickte auf und schenkte ihm wieder dieses Lächeln, das ihn jedes Mal tief ins Herz traf. Natürlich war er schon verliebt gewesen, hatte sogar geglaubt zu lieben. Doch die Gefühle, die sein kleines Mädchen in ihm hervorrief, hatten noch eine ganz andere Qualität. Was er im letzten Jahr auch durchgemacht hatte, für sie nahm er alles gerne auf sich. Auch wenn er sein Schicksal manchmal verflucht hatte.

„Ist das Buch gut?“, fragte er, während er sich den Pullover auszog.

„Toll“, erwiderte sie und schlug es zu. „Was gibt’s zum Abendessen?“

Verflixt. Das hatte er mal wieder vergessen.

„Wie wär’s mit Spaghetti? Oder vielleicht Rührei?“ Ihr Blick sprach Bände. „Oder wie wär’s mit selbst gemachten Minipizzas?“

Klar. Warum nicht? Es gab nur ein Problem: Auf keinen Fall wollte er eine Siebenjährige fragen, wie man Pizza machte. Er wusste alles über die richtige Ernährung von Pferden, aber er hatte keinen blassen Schimmer, was er jeden Tag für sich und seine Tochter auf den Tisch bringen sollte.

„Mit dem tiefgefrorenen Teig geht das ganz einfach“, sagte sie grinsend. „Dann legen wir Käse drauf und so. Ich zeig dir, wie’s geht.“

Lark lachte erleichtert. „Was du nicht alles weißt.“

Lucy kicherte. „Haha. Auf jeden Fall, wie man kocht.“

„Schon klar.“

In der Küche setzte Lark seine Tochter auf die Arbeitsplatte und öffnete den Kühlschrank, dann wartete er darauf, dass sie ihm Anweisungen gab. Woher sie ihr Wissen hatte, war ihm schleierhaft. Von seiner Exfrau jedenfalls nicht, die hatte noch schlechter gekocht als er. Deshalb hatten sie eine Haushälterin beschäftigt, die auch die Mahlzeiten zubereitet hatte. Wahrscheinlich hatte Lucy ihr beim Kochen zugeschaut und ihr in der Küche geholfen.

Seine Frau war in dieser Zeit lieber bummeln gegangen, hatte Geld ausgegeben und ihren Status als Promi-Gattin genossen. Sie war nicht unbedingt eine schlechte Mutter gewesen, aber sicher auch keine besonders gute. Als Ehefrau hatte sie auch nicht gerade geglänzt.

Aber sie waren zurechtgekommen. Bis sie alles aufgegeben hatte. Es tat immer noch weh, daran zu denken. Wie konnte sie zwei Menschen, ihren Mann und ihre Tochter, einfach so zurücklassen, ohne sich noch einmal umzublicken? Dass sie ihm den Laufpass gegeben hatte, war ja vielleicht noch nachvollziehbar. Aber ihrer eigenen Tochter?

Lucy blickte ihn fragend an, und er zwinkerte ihr zu, damit sie seinen Gesichtsausdruck nicht sah und sich Sorgen machte.

Jetzt gab es nur noch ihn und sie. Und die Pferde.

„Alles okay, mein Mädchen?“

Sie lächelte und nickte.

„Du weißt, du kannst mir alles sagen, was du auf dem Herzen hast, alles, was dir durch den Kopf geht, ja?“

Verdammt, manchmal vergaß er, dass sie erst sieben war, nicht siebzehn. Aber oft benahm sie sich wie eine Erwachsene, und dann redete er auch so mit ihr.

„Es gibt da eine Sache.“ Sie sprach langsam, zögernd.

Lark legte das Küchenmesser weg und drehte sich zu ihr um.

„Nur zu.“

„Also, es gibt etwas, was ich mir wirklich ganz doll zum Geburtstag wünsche.“

Ihr Geburtstag! Der war in einer Woche. Verflixt.

„Was denn? Ich werde sehen, was ich tun kann.“

Einen ganzen Stapel Bücher? Das neueste Spielzeug?

„Ich wünsche mir ganz, ganz doll einen Hund.“

Ihr Tonfall zeigte, dass sie es ernst meinte. Einen Hund also. Okay, er mochte Hunde, das war nicht das Problem, aber brauchte er noch mehr Verantwortung? Er hatte schon genug mit sich und ihr zu tun, der Farm, dem Haushalt …

„Einen Hund“, wiederholte er.

Lucy nickte heftig. „Oh ja, bitte. Einen Labradorwelpen.“

Offenbar hatte sie lange und gründlich darüber nachgedacht.

„Mal sehen“, sagte er, wusste aber schon jetzt, dass er ihr etwas, was sie sich so sehnlichst wünschte, niemals abschlagen konnte.

„Ehrlich?“

„Ehrlich.“

Lucy warf sich in seine Arme und gab ihm einen feuchten Kuss auf die Wange. „Du bist der beste Papa der Welt.“

Vielleicht hatte sie sein „mal sehen“ als „ja“ verstanden. Egal, denn eines wusste er sicher: Der beste Vater der Welt zu sein, war ihm gerade wichtiger als alles andere. Wenn das Kind einen Hund wollte, dann musste wohl ein Hund her.

Machte ihn das wirklich zu einem guten Vater? Er hatte keine Ahnung. Schließlich gab es dafür keine Gebrauchsanweisung – und auch niemanden, den er um Rat fragen konnte. Manchmal fühlte er sich deshalb einsam. Doch dann wurde ihm jedes Mal klar, wie dumm das war. Denn Lucy im Arm zu halten fühlte sich richtig an. Richtig gut.

2. KAPITEL

Sophie schaltete in den ersten Gang, als sie auf die lange Auffahrt zur Farm einbog. Seit sie das Tierheim verlassen hatte, hatte sie ein seltsames Flattern im Bauch.

Sie parkte vor dem Haus und schaute sich um. Eine breite Veranda zog sich über die Vorderseite des Hauses, an den Säulen zu beiden Seiten des Eingangs rankte sich wilder Wein empor. Auf dem Dach lag noch eine feine Schneeschicht, obwohl das Wetter über Nacht wieder aufgeklart hatte.

Es sah nicht so aus, als würde hier ein Junggeselle wohnen, aber gab es überhaupt so etwas wie den typischen Landsitz für einen Single-Mann?

Sophie hatte schon einiges gehört über den mysteriösen Rodeoreiter, der hierher gezogen war. Beim Aussteigen lächelte sie über sich selbst, weil sie ihm letzte Nacht begegnet war und ihn nicht sofort an seinem amerikanischen Akzent erkannt hatte. So viele Amerikaner liefen ja schließlich in dieser australischen Kleinstadt nicht herum. Schon gar nicht solche, die weltberühmt, attraktiv und ganz offensichtlich Single waren. Alle Frauen in der Stadt schwärmten für ihn. Heimlich natürlich.

Keine Frage, er sah ganz gut aus, aber ob das den ganzen Wirbel um ihn wirklich rechtfertigte? In der Dunkelheit hatte sie nicht viel erkennen können …

Sophie strich sich die Jeans glatt und ging zur Tür. Als sie gerade anklopfen wollte, bemerkte sie die große Scheune hinterm Haus.

Da sie wegen der Pferde hier war, ging sie direkt darauf zu. „Hallo?“

Keine Antwort.

„Hallo?“ Diesmal rief sie lauter.

Als sie näher kam, erkannte sie das ganze Ausmaß der Ställe. Das Haus mochte bescheiden sein, die Ställe waren es gewiss nicht. Die riesigen Flügeltüren standen offen, das Stallgebäude war von hohen Bäumen umrahmt.

Idyllisch.

Sie beschloss, hineinzugehen, und schob dabei die Hände in die Taschen. Ganz schön kalt. Warum hatte sie ihre Handschuhe auch im Auto liegen lassen …

Auch innen war der Stallkomplex beeindruckend. Alles in tadellosem Zustand, der Weg frisch gekehrt, und …

Sie war nicht allein.

Unwillkürlich blieb sie stehen, von dem unerwarteten Anblick überwältigt. Die Gerüchteküche hatte nicht gelogen: Im Tageslicht übertraf er sogar noch die glühendsten Beschreibungen.

Wow.

Er stand lässig vor einer Box und schaute hinein. Die verschränkten Arme hatte er auf das Gatter gelegt und stützte das Kinn darauf.

Noch mal wow.

Jetzt, im Hellen, fielen ihr viele Details auf, die ihr in der Nacht vorher entgangen waren. Zum Beispiel seine langen, muskulösen Beine, und die fantastisch sitzenden Jeans, die er trug.

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