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Sophie und der feurige Sizilianer

Kim Lawrence

Sophie und der feurige Sizilianer

Oscar Balfours Brief an seine Töchter

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Stammbaum der Familie Balfours

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1. KAPITEL

Sophie blieb stehen und zog ihr Notizbuch aus der Tasche. Vorsichtshalber sah sie noch einmal auf der selbst gezeichneten Straßenkarte nach und verglich die dort vermerkte Zahl mit der Hausnummer an dem schlichten Gebäude in georgianischem Stil.

Ähnlich bescheiden wirkende Häuser bestimmten das gesamte Straßenbild. Doch wie hieß es so schön?

Wenn es um Grundbesitz geht, zählt in erster Linie die Lage!

Mit einer Hand über den Augen als Schutz gegen die strahlende Junisonne musterte Sophie die Reihe der am Bordstein geparkten Luxuslimousinen. Sie bestätigten ihr, was in der Maklersprache etwa so ausgedrückt wurde: Diese Wohnlage wird als im höchsten Maße begehrenswert eingestuft.

Nach einem zweiten Blick auf die täuschend schlichte Fassade entschied Sophie, dass sie hier goldrichtig war, auch wenn sie immer noch kein Namens- oder Firmenschild entdecken konnte.

„Klein, aber exklusiv“, hatte ihr Vater gesagt, „mit einem stetig wachsenden ebenso exklusiven Kundenkreis.“ Also genau der richtige Ort für seine Tochter, um ihre künstlerischen Schwingen auszubreiten. „Ein perfektes Sprungbrett für eine steile Karriere. Mit deinem Talent wirst du es sehr weit bringen, Sweetheart. Du musst nur hinaus in die Welt gehen und den Menschen zeigen, was du kannst!“

Ein väterlicher Ratschlag, ganz ohne Druck, wie er es nannte …

Sie hatte der Versuchung widerstanden, Oscar darauf hinzuweisen, dass ein Fernstudium in Innenarchitektur sie möglicherweise nicht automatisch dazu qualifizierte, ein Interieurdesign-Imperium aufzubauen, und schon gar nicht über Nacht!

Ein Vorstellungsgespräch war offenbar überflüssig, und als Sophie fragte, wann es mit ihrem neuen Job losgehen solle, versetzte die knappe Antwort ihres Vaters sie in helle Panik.

„Montag? Nächsten Montag? Glaubst du denn wirklich, dass ich das kann?“, hatte sie besorgt gefragt und nur einen konsternierten Blick geerntet.

Und wenn jemand wirklich entnervend gucken konnte, dann Oscar Balfour! Aber sie verschonte er normalerweise damit.

Bisher hatte Sophie ihm auch nie einen Anlass zur Sorge gegeben. Sie ging immer ruhig und gerade ihren Weg. In ihrem Leben gab es keine großen Dramen. Sie musste nicht aus irgendwelchen Notlagen befreit werden, war nie Gegenstand peinlicher Schlagzeilen, in ihrer Vergangenheit existierte kein unpassender Mann … kurz gesagt: Ihr Leben war wie ein aufgeschlagenes, ziemlich langweiliges Buch.

Wenn sie wirklich einmal ernsthaft darüber nachdachte, deprimierte sie diese Vorstellung.

„Ich weiß, dass du es kannst!“, versuchte Oscar ihr den Rücken zu stärken.

„Wirklich?“

„Natürlich, Sophie, ich vertraue fest darauf, dass du und deine Schwestern mich nicht enttäuschen werdet. Sie haben doch auch alle die Herausforderungen angenommen, mit denen ich sie konfrontiert habe.“

Und was passiert, wenn ich mich weigere? hätte sie am liebsten gefragt. Doch dazu fehlte ihr der Mut.

„Ich weiß“, murmelte sie stattdessen und dachte daran, wie sehr sie ihre Schwestern vermisste.

Offenbar konnte Oscar ihre Gedanken lesen. „Tut mir leid, Sweetheart, es ist allein meine Schuld. Ich hätte euch nicht so vernachlässigen und auf der anderen Seite so übermäßig verwöhnen dürfen.“

Sophies weiches Herz zog sich vor Liebe zusammen. „Du bist ein wundervoller Vater gewesen“, behauptete sie liebevoll, wenn auch nicht ganz wahrheitsgemäß. Spontan lief sie um den Schreibtisch und umarmte Oscar. Dabei sah sie die aufgeschlagene Zeitung vor ihm liegen und einen weiteren reißerischen Artikel, der die Balfour-Dynastie verunglimpfte.

„Ich tu’s, Daddy“, versprach sie rau. „Ich werde mein Bestes geben.“

Als sie das Arbeitszimmer verließ, hatte sie einen dicken Kloß im Hals und schwor sich insgeheim, ihren Vater und ihre Schwestern nicht zu enttäuschen. Wenigstens einmal wollte sie über sich hinauswachsen und zeigen, dass auch sie eine echte Balfour war!

Jetzt, eine Woche später, spürte sie den Kloß immer noch. Trotzdem streckte sie die Hand aus und klopfte zögernd an die Tür, die nur angelehnt war, wie sie erst jetzt feststellte. Mit angehaltenem Atem wartete sie auf Antwort, doch nichts regte sich.

Noch immer stand Sophie unter einer Art Schock, dabei war das Ansinnen ihres Vaters nicht einmal unerwartet gekommen. Seit den skandalösen Ereignissen und Berichten der letzten Zeit hatte sie Mia, Kat und Emily abrücken sehen – um sich in der realen Welt zu bewähren, ohne den Komfort des Familiennamens und der damit verbundenen Reputation.

Seitdem waren Wochen verstrichen, in denen Sophie nervös auf die Privateinladung ihres Vaters in sein Arbeitszimmer gewartet hatte. Da nichts dergleichen geschehen war, hatte sie langsam begonnen, sich wieder zu entspannen und in Sicherheit zu wiegen.

Zu früh, wie sich herausstellte!

Sie erinnerte sich noch gut an ihr Unbehagen angesichts des mitfühlenden Blicks, den ihr der Butler zuwarf, als er sie durch einen Nebeneingang in Balfour Manor einließ. Den Rest erledigte kurz darauf die tränenreiche Umarmung der dicken Köchin, sodass sie wenig später wie ein Lamm vor der Schlachtbank am Schreibtisch ihres Vaters stand.

Er habe den perfekten Ort für sie entdeckt, an dem sie ihre Talente entwickeln und zur Blüte treiben könne, eröffnete Oscar seiner Tochter, die glaubte, diesen Platz bereits im Pförtnerhaus auf dem Balfour-Anwesen gefunden zu haben, wo sie zusammen mit ihrer Mutter lebte. Doch das behielt sie lieber für sich.

Hinter der Tür zu ihrer potenziellen neuen Arbeitsstelle tat sich immer noch nichts. Ein Blick auf die Uhr zeigte Sophie, dass sie eine Viertelstunde zu früh war. Vielleicht wirkte das ein wenig übereifrig. Ob sie lieber noch einen kurzen Spaziergang unternehmen sollte?

Nein! Jetzt oder nie! Bevor sie der Mut wieder verließ.

Also holte sie noch einmal tief Luft, sah sich nach einer Klingel um und drückte, da sie keine fand, die Tür vorsichtig mit dem Ellenbogen auf.

„Hallo?“

Keine Antwort.

Sophie riss sich zusammen, trat ein und stand mitten in einem riesigen Raum, der wie das Paradewohnzimmer eines luxuriösen Landhauses wirkte. Das Interieur war auf Kunden mit ebenso viel Geld wie Geschmack ausgerichtet.

Der aromatische Duft von frischem Kaffee stieg ihr in die Nase, während sie die bedachte und reizvolle Mixtur aus antiken Möbeln, individuellen Modern-Art- Designerstücken und kostbaren Stoffen registrierte. Alles harmonierte perfekt miteinander. Keine Frage, sie stand in einem Showroom der Extraklasse. Zweifellos konnte man jedes der ausgestellten Stücke erwerben, obwohl nichts so Ordinäres wie Preisschilder an den einzelnen Exponaten hing.

Dieses Ambiente unterschied sich unglaublich von ihrem Mini-Designstudio zu Hause, das mit einem schlichten Zeichentisch, Farbtafeln und einer kleinen Tapetenmusterkollektion ausgestattet war.

Fast andächtig fuhr sie mit den Fingerspitzen über einen wunderschönen antiken Kelim, der lässig über der Lehne eines Chesterfield-Sofas lag. Hier sollte sie arbeiten?

„Hallo?“, rief sie noch einmal. Wieder ohne Erfolg.

Doch während sie langsam weiterging, hörte sie irgendwo im Hintergrund Stimmen, die mit jedem ihrer Schritte lauter und verständlicher wurden. Irritiert hob sie die Brauen und erkannte im nächsten Moment, dass das, was sie für eine Wand gehalten hatte, nur eine Art stoffbespannter Paravent war. Vorsichtig linste sie durch einen Spalt zwischen den weißen Leinenbahnen hindurch und war verblüfft.

Auf den zweiten Blick entpuppte sich das eher schmale Haus mit der täuschend schlichten Fassade als wahres Raumwunder. Denn der Bereich hinter dem Paravent war mindestens noch einmal so groß wie der Eingangsraum und erstrahlte im Glanz zweier riesiger Kristalllüster.

Hier war alles im streng klassizistischen Stil gehalten. Blasse Töne und trügerisch schlichte Formen gaben dem Ganzen eine ungeheure Leichtigkeit. An einer Wand hing ein antiker Spiegel, dessen ornamentverzierter breiter Rahmen weiß gekalkt war – ein wahres Prachtstück, das die Bühne vollends beherrschte.

Gerade wollte Sophie sich bemerkbar machen, da schnappte sie in dem fortwährenden Geschnatter ihren eigenen Familiennamen auf und erstarrte. Offenbar waren es zwei junge Frauen, die sich unterhielten. Sie sah von ihnen aber nicht mehr als die wohlfrisierten Hinterköpfe, da sie mit dem Rücken zu ihr auf einer weiß gelaugten Bank in skandinavischem Design saßen.

„Was? Eine echte Balfour soll hier bei uns anfangen? Du machst Witze! Arbeiten die denn überhaupt? Und riskieren dabei, sich womöglich einen Fingernagel abzubrechen?“

„Was würdest du denn tun, wenn du eine Millionenerbin wärst?“

„Lass mal überlegen …“

Beide Frauen brachen in hämisches Kichern aus, und Sophie krümmte sich auf ihrem unfreiwilligen Lauschposten vor Unbehagen.

„Immerhin muss sie ihr Erbe mit ihren Schwestern teilen! Wie viele von ihnen gibt es überhaupt?“

„Meinst du, mit diesem Kuckucksei, das erst kürzlich aufgetaucht ist?“

Obwohl Sophie das gutmütigste der Balfour-Mädchen war, röteten sich ihre Wangen vor Ärger über den Tratsch, der sich gegen Mia richtete. Sie war das Resultat einer Affäre ihres Vaters, die über zwanzig Jahre zurücklag.

Oscar hatte seine Tochter, von der er bis vor Kurzem nichts gewusst hatte, herzlich in der Familie willkommen geheißen. Und Sophie hatte sich vom ersten Moment an besonders zu ihrer wunderschönen italienischen Halbschwester hingezogen gefühlt.

„Diese Zoe Balfour soll ja auch gar keine echte Balfour sein! Vielleicht ist sie ja diejenige, die hier anfangen soll“, drang es weiter an ihre Ohren.

Die Röte auf Sophies Wangen vertiefte sich noch.

„Yeah. Vielleicht will ihr Vater sie elegant abschieben, weil er weiß, dass sie nicht sein eigen Fleisch und Blut ist“, spekulierte die andere Stimme. „Ich wünschte, ich hätte auf diesem phänomenalen hundertsten Balfour-Charity-Ball Mäuschen spielen können!“

Sophie ballte die Hände zu Fäusten und wäre am liebsten dazwischengegangen, doch dann hätte sie zugeben müssen, dass sie gelauscht hatte, und das wäre bestimmt kein guter Start für ihren neuen Job.

Auf dem Ball hatte sich, durch einen dummen und laut ausgetragenen Streit ihrer Zwillingsschwestern Olivia und Bella, tatsächlich Zoes Illegitimität herausgestellt. Dieser erneute Skandal, nach Mias unerwartetem Auftauchen, hatte Oscar Balfour dazu veranlasst, seine Vaterqualitäten einer ernsthaften Prüfung zu unterziehen. Es hätte ihn aber nie dazu gebracht, in Zoe jemals etwas anderes als eine echte Balfour zu sehen.

„Also, wie viele sind es denn nun?“

„Sechs, sieben … wer weiß das schon so genau. Aber was würde ich darum geben, ihr Aussehen oder ihr Geld zu haben!“

Acht sind wir! stellte Sophie für sich fest, konnte aber nicht verhehlen, dass sie sich im Geiste dem ersten Wunsch der unbekannten Stimme anschloss. Die Sache mit dem Geld war nie ein Problem für sie gewesen, da sie nicht annähernd so einen exklusiven Geschmack wie ihre Schwestern hatte. Für sie bedeutete Luxus, ohne Einschränkungen ihren Begabungen und Instinkten folgen zu dürfen.

Und ihr Instinkt trieb sie gerade in dieser Sekunde dazu an, wie eine Brieftaube in den heimatlichen Schlag zurückzukehren – wo ihre Mutter seit dem tragischen Tod ihres zweiten Mannes lebte. Als sie an den Mann dachte, der ihr und ihren Schwestern Kat und Annie mehr Vater gewesen war, als Oscar es je sein konnte, füllten sich Sophies Augen mit Tränen.

Für eine kurze Zeit, bis zu Victors gewaltsamem Tod, war Sri Lanka ihre Heimat gewesen, so wie jetzt das Pförtnerhaus auf Balfour Manor in Buckinghamshire. Der Platz, wo sie hingehörte und an dem sie sich wohlfühlte. Dort verlangte niemand Unmögliches von ihr. Dort durfte sie sein, wer und wie sie war … eben nicht wie ihre wunderschönen, gertenschlanken Schwestern.

Anders als bei ihnen erschien ihr Gesicht weder in den Gesellschaftsnachrichten, noch würde jemand, der ihr zufällig auf der Straße begegnete, sie mit der berühmten Balfour-Dynastie in Verbindung bringen. Außer natürlich den Angestellten auf Balfour Manor und vielleicht den Bewohnern des nächstgelegenen Dorfs.

„Ich habe meine Töchter früher nie vor echte Herausforderungen gestellt!“, hatte Oscar bei ihrem Gespräch unter vier Augen gesagt. „Das ist ein großes Versäumnis, denn Kinder brauchen Regeln und eine Aufgabe, an der sie sich beweisen können. Ich war ein nachlässiger Vater, aber zur Einsicht ist es nie zu spät. Unabhängigkeit, Sophie, das ist dein besonderes Stichwort. Eine echte Balfour muss für sich selbst die Verantwortung übernehmen und darf sich nicht auf den Familiennamen verlassen, um durchs Leben zu kommen.“

„Ich wette mit dir, dass wir es schließlich sind, die ihre Arbeit mit erledigen müssen!“, riss die schrillere der weiblichen Stimmen Sophie aus ihrer Versunkenheit. Insgeheim schwor sie sich, allen zu zeigen, wie hart sie arbeiten konnte. Besonders diesen beiden klatschsüchtigen Schnepfen!

„Was hat Amber sich bloß dabei gedacht, sie einzustellen?“, wunderte sich die andere Stimme.

Jetzt lehnte Sophie sich vor und lauschte konzentriert. Denn genau dasselbe fragte sie sich ununterbrochen seit dem Gespräch mit ihrem Vater.

„Du kennst doch dieses phänomenale Diamantarmband, das Amber so gern trägt?“

In der entstehenden Pause hielt Sophie instinktiv den Atem an.

„Ja, und?“

„Es ist so etwas wie ein kleines Abschiedsgeschenk von Oscar Balfour.“

„Wow! Amber und Oscar Balfour? Wieso weiß ich davon nichts?“

„Weil es Jahre her ist und nicht lange gehalten hat.“

Oscar Balfour … er ist noch ziemlich attraktiv für einen Mann seines Alters, findest du nicht auch? Sogar ziemlich sexy und bestimmt ungeheuer erfahren.“

Sophie schnitt eine gequälte Grimasse und hielt sich die Ohren zu. Auf diesen Teil der Unterhaltung hätte sie liebend gern verzichtet. Als sie die Hände wieder wegnahm, musste sie feststellen, dass sie selbst inzwischen wieder in den Fokus der Lästermäuler gerückt war.

„Ich nehme an, der wahre Grund für ihre Einstellung ist …“ Es folgte eine Pause, und Sophie bedauerte flüchtig, dass sie das Mienenspiel der beiden nicht verfolgen konnte. Doch bereits die nächsten Worte brachten Aufklärung. „Kannst du dir eine bessere Werbeikone vorstellen als diese eine Balfour-Schönheit? Du weißt schon, dieser umwerfende Modeltyp …“

„Du meinst sicher Bella, eine von den Zwillingen.“

„Genau! Erinnerst du dich noch an das Charity-Event, bei dem sie ein Kleid aus dem Secondhand-Fundus angezogen hat, um Solidarität mit sozial Benachteiligten zu bekunden? Am nächsten Tag war der Laden völlig leer gekauft!“

Sophie erinnerte sich daran! Denn genau dieses Thema war Gegenstand einer lebhaften Familiendiskussion gewesen. Zoe hatte kichernd gemeint, sie könne nicht verstehen, warum daraus so ein Theater gemacht würde, da Sophie doch seit Jahren Secondhand-Klamotten trage.

Gutmütig hatte sie ins allgemeine Gelächter eingestimmt und die Lachmuskeln der Anwesenden noch weiter strapaziert, indem sie einen ernsthaften Vortrag zum Besten gab, wobei es um den Tragekomfort eines Baumwoll-Sport-BHs im Vergleich zu diesen sündhaft teuren Push-ups aus kratziger Spitze ging.

Doch später in ihrem Zimmer hatte Sophie eine ganze Weile vor ihrem offenen Kleiderschrank gestanden und die langweiligen, farblosen „Hauszelte“ angestarrt, wie Annie ihre weiten, formlosen Kleider und Oberteile nannte.

Aber was konnte sie dafür, dass sie nicht wie ihre hochgewachsenen, dünneren Schwestern aussah, die keinen Atombusen unter Lagen von Stoff verstecken mussten, damit sie sich nicht hilflos unverschämten Männerblicken ausgesetzt sahen.

Kein einfaches Los in einer Familie, die durch Schönheit, Grazie und geistreiche Verbalakrobatik aus der Masse hervorstach. Eine Balfour, die das Scheinwerferlicht scheut wie der Teufel das Weihwasser. Wie hatte sie diese gehässige Presseschlagzeile gehasst.

Dass sie weder hinreißend schön war noch vor Charme und Witz sprühte, machte sie doch nicht gleich zum Freak! Trotzdem saß der Giftpfeil so tief, dass sie sich damals ernsthaft fragte, ob sie nach ihrer Geburt im Krankenhaus nicht vertauscht worden war. Dagegen sprachen allerdings die typischen blauen Balfour-Augen, ein Erbe Oscars.

Im allgemeinen Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, schien für jedes Familienmitglied der Balfours nicht nur selbstverständlich, sondern eine Art Lebenselixier zu sein, außer für Sophie. Für sie bedeutete es die Hölle. Doch inzwischen hatte sie eine bewundernswerte Routine darin entwickelt, unauffällig mit dem Hintergrund zu verschmelzen, wenn man sie tatsächlich zu öffentlichen Auftritten zwang. Falls sie auffiel, dann eher dadurch, dass sie über ihre eigenen Füße stolperte oder etwas umstieß …

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine kultivierte weibliche Stimme in ihrem Rücken.

Vor Schreck stieß Sophie einen kleinen Schrei aus und fuhr herum, wobei ihre Handtasche zu Boden fiel. Eine gertenschlanke Blondine im hautengen roten Designerkostüm musterte sie mit erhobenen Brauen.

„Verzeihung, ich …“ Sophie bückte sich nach ihrer Tasche und richtete sich mit puterrotem Kopf wieder auf. „Ich bin Sophie Balfour und soll hier … ich meine, mein Vater …“

„Sie sind Sophie Balfour?“ Die Skepsis in der Stimme der blonden Frau war nicht zu überhören.

Da Sophie genau diese Reaktion erwartet hatte, verzichtete sie auf jede weitere sichtbare Regung und nickte nur knapp. „Mein Vater sagte, Sie würden mich erwarten.“

„Ich habe …“ Die Frau beendete den Satz nicht, aber das war auch nicht nötig.

Sie hat jemand mit Glanz und Glamour erwartet, und sie bekommt … mich! füllte Sophie die Wortlücke für sich aus.

Die Blondine kniff die perfekt geschminkten Augen zu schmalen Schlitzen und die kirschroten Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Obwohl sie wahrscheinlich die Stirn runzelte, zeigten sich auf ihrem Gesicht nicht mehr Falten als bei einem Baby.

„Ich bin Amber Charles“, stellte sie sich eher widerstrebend vor. „Ihr Vater hält Sie für ziemlich talentiert.“

„Ich liebe Farben und Stoffe …“, antwortete Sophie ausweichend.

Als sie den beziehungsvollen Blick ihrer zukünftigen Chefin sah, mit dem diese ihre farb- und formlose Garderobe musterte, krampfte sich ihr Magen zusammen.

„Ich habe einen Abschluss in Einrichtungsgestaltung“, platzte sie heraus und wusste im gleichen Moment, dass ihr Gegenüber auch davon nicht besonders beeindruckt sein würde.

Amber machte nur ein gequältes Gesicht und hob wie abwehrend eine sorgfältig manikürte Hand. „Ich bin sicher, Ihre Zeugnisse sind exzellent. Viele Mädchen aus Westfield gehen bevorzugt nach Oxbridge. Die Tochter einer meiner Cousinen macht dort nächstes Jahr ihr Diplom und ist ganz begeistert von dem hohen Standard. An welcher Universität haben Sie studiert?“

„Eigentlich an gar keiner. Ich habe einen Fernkurs gemacht.“

Amber bemühte sich um ein Lächeln. „Wie … nett.“ Offensichtlich hatte ihr Vater seiner Exflamme gegenüber kaum Details verraten, als er ihr seine Tochter als neue Mitarbeiterin angepriesen hatte.

„Nun, Sophie, was sollen wir jetzt mit Ihnen machen“, überlegte Amber laut. „Sie mögen ja tatsächlich talentiert sein, aber das ist in unserer Branche bei Weitem nicht genug.“

„Nicht?“, echote Sophie schwach.

„Natürlich nicht“, kam es knapp zurück. „Interieurdesign ist ein heiß umkämpfter Markt, auf dem man alles geben muss. Aufmachung und Auftreten sind mindestens so wichtig wie Talent. Unsere Klienten erwarten ein gewisses … Sie verstehen, worauf ich hinauswill?“

„Ich befürchte, nein.“

„Ich denke, Sie würden sich bedeutend wohler bei einer Arbeit hinter den Kulissen fühlen.“

Sophie brauchte nicht zu fragen, was Amber damit meinte. Es war einfach zu übersetzen. Ich möchte auf jeden Fall vermeiden, dass unsere Kunden Sie sehen.

Seltsamerweise fühlte sie sich von der dezent verpackten und dennoch kaum verhohlenen Kritik nicht wirklich getroffen, sondern musste sogar schmunzeln.

Das vermittelte Amber den Eindruck, es sei möglicherweise gar nicht so schwierig, mit Oscar Balfours Tochter umzugehen, wie sie befürchtet hatte. „Na sehen Sie!“, rief sie zufrieden aus. „Sie sollten öfter lächeln, Miss Balfour. Es lässt Sie fast hübsch aussehen.“

2. KAPITEL

Marco ließ den Wagen stehen und spazierte den gewundenen Weg zum Palazzo hinauf, der seit mehreren Jahrhunderten im Besitz seiner Familie war. In der Tasche trug er den schweren antiken Schlüssel zur massiven Eingangstür, die er vor einem Jahr fest verschlossen hatte.

Er war gegangen, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Damals hatte er es als eine symbolische Geste angesehen, mit der er auch die Tür zu seinen Fehlern, seiner Schmach und seiner zerbrochenen Ehe verriegelte. Dabei schwor er sich, die Vergangenheit endgültig abzuhaken, nur noch nach vorn zu schauen und seine Kräfte ausschließlich auf geschäftlichen Erfolg zu fokussieren.

Auf jeden Fall hat sich das besser angehört, als davonzulaufen, dachte Marco mit einem selbstironischen Lächeln.

Und seine Strategie war aufgegangen. Nachdem er sich von den gesellschaftlichen und sozialen Verpflichtungen zurückgezogen hatte, die er früher als Hüter des altehrwürdigen Namens Speranza pflichtschuldigst wahrgenommen hatte, blieb ihm endlich ausreichend Zeit, um sich auf ebenso waghalsige wie risikoreiche neue Geschäftsideen einzulassen. Der Gewinn daraus lag weit jenseits der optimistischsten Vorhersagen.

Nicht länger an sein Ehegelübde gebunden, das er selbst dann noch ernst genommen hatte, als er von seiner Frau nach Strich und Faden betrogen wurde, fand Marco in den letzten Monaten nebenbei ausreichend Gelegenheit für diverse Affären, die er allerdings auf eine rein sexuelle Ebene reduzierte.

Verspürte er zwischen den seelenlosen Akten eine gewisse Leere, akzeptierte er sie mit Nonchalance und empfand keinerlei Bedürfnis, die Lücke mit emotionalen Komplikationen zu füllen. Einsamkeit war ungleich leichter zu ertragen als ein romantisch verbrämter Ausnahmezustand, der eher einem Liebeswahn glich, wie er es nach seiner Heirat mit Allegra erlebt hatte.

Nie wieder sollte eine Frau die Chance bekommen, sein Herz zu brechen! Nein, dieser Entschluss, sein neues Leben betreffend, war ganz sicher kein Fehler gewesen.

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