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Sons of Steel Row (01) – Stunde der Entscheidung

JEN MCLAUGHLIN

Sons of Steel Row

Stunde der Entscheidung

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Stefanie Zeller

Zu diesem Buch

Lucas Donohue ist im rauesten Viertel von Boston groß geworden. Um die Arztrechnungen seiner Mutter zu bezahlen und Essen für die Familie auf den Tisch zu bringen, ist er schon in seiner Jugend den Sons of Steel Row beigetreten. Die Sons sind die ungekrönten Herrscher der Gegend und verdienen ihr Geld mit Waffenhandel. Mit siebenundzwanzig und nach zwei Jahren im Gefängnis sieht Lucas seine Zeit nun gekommen und hat nur ein Ziel: eine Führungsposition bei den Sons of Steel Row. Zwei Dinge stehen ihm dabei im Weg: sein eigener Bruder, der es im Kampf um die Macht auf sein Leben abgesehen zu haben scheint, und die Barkeeperin Heidi Greene, die er vor einer Vergewaltigung durch eine rivalisierende Gang gerettet hat und die nun unter seinem Schutz steht. Um einen Vergeltungsschlag der Angreifer zu verhindern, beansprucht er Heidi als sein Eigentum und gibt die junge Frau als seine Freundin aus. Nun muss Lucas nicht nur gegen sein eigen Fleisch und Blut vorgehen, sondern findet sich in einer Schein-Beziehung wieder, in die sich unaufhaltsam tiefe Gefühle schleichen.

Meiner Agentin Louise gewidmet.

Du hast gesagt, wir schaffen es,
und wir haben es geschafft.

Danke für alles.

1

Lucas

Der Geruch von fauligem Fisch, abgestandenem Meerwasser und sterbenden Träumen, der über den Docks von Boston Harbor hing, war mir nur allzu vertraut, und trotzdem … weckte er jedes Mal aufs Neue Zweifel. An mir, an meinem Leben.

Für die Touristen war Boston ein Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit. Geschichtsträchtig, der Stolz Amerikas und der ganze Scheiß. Und für mich? Was verband mich mit der Stadt, in der ich mein ganzes Leben verbracht hatte? Knast wegen Körperverletzung, blutige Barschlägereien, bedeutungslose One-Night-Stands, Blackouts nach Saufgelagen, Glücksspiel, gewaltsame Tode und verdächtige Schiffsladungen an den Docks um Mitternacht. Mehr nicht.

Genau deswegen stand ich jetzt auch hier im Dunkeln, in dieser mondlosen Nacht, und sah ein paar schwitzenden Männern dabei zu, wie sie Kisten aus einem Schiffscontainer schleppten, der aussah, als würde er Autoteile transportieren. Was auch stimmte. Aber nicht nur. Die schlechten Lichtverhältnisse erschwerten die Arbeit, aber die Scheinwerfer anzustellen, damit sie besser sahen, war zu riskant.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. Wir waren noch gut innerhalb des von mir festgelegten Zeitlimits von zwanzig Minuten, aber mir kam es vor, als stünde ich schon seit Stunden auf diesem stinkenden Dock, während die Männer grunzten und sich gegenseitig beschimpften, wenn einer zu langsam machte. Wahrscheinlich würde alles sehr viel schneller gehen, wenn sie nicht immer wieder nervöse Blicke in meine Richtung werfen würden, zu dem Neuen, der frisch aus dem Knast raus war.

Für Scheiß wie diesen fehlte mir die Geduld, weswegen ich auch normalerweise mit dem Teil der Geschäfte nichts zu tun hatte. Eigentlich kümmerte sich mein kleiner Bruder um die Waffenlieferungen, aber da das Gerücht umging, das ATF habe einen Tipp bekommen, hatte ich Scott gesagt, er solle zu Hause bleiben, ich würde das regeln.

Um die Feds abzuschütteln, hatte ich die Lieferung vorverlegt und stand nun hier auf den Docks und hielt Ausschau nach verdächtigen Aktivitäten … in mehr als einer Hinsicht. Scotty dagegen hatte beschlossen, seinen freien Abend darauf zu verwenden, ein Mädel, das er »liebte«, flachzulegen. Dazu musste er erst auf irgendein ödes Event mit ihr gehen, um zu beweisen, dass er ein »anständiger« Typ war.

Das war er nicht.

Keiner von uns war das.

Denn der illegale Waffenhandel war nur ein Teil unserer Geschäfte – was in meinen Augen nicht gerade ein Beweis für Anständigkeit ist. So wie ich Scotty kannte, hatte er dem Mädel offen gesagt, womit er sein Geld verdiente, und auf den Bad-Boy-Charme gesetzt. Mit Erfolg, wie es schien. Ich persönlich vermied lieber alles, was mehr als einen Klaps auf den Po und ein Danke nötig machte, wenn sie auf Nimmerwiedersehen durch die Tür verschwand. Ich war zu lange weggesperrt gewesen, um mich auf Experimente einzulassen.

Dazu kam, dass eine Woche, bevor ich rauskam, so ein kleines Arschloch versucht hatte, mich umzubringen, und es ihm beinahe auch gelungen war – weshalb ich jetzt niemandem, egal wo, über den Weg traute. Bisher hatte ich noch nicht herausgefunden, ob der Überfall im Knast persönlich gemeint war oder mit dem Geschäft zu tun hatte, aber eines wusste ich: Irgendein Wichser wollte mich tot sehen.

Eines hatte ich durch die Arbeit für unsere Gang, die Sons of Steel Row, und unseren Boss, Tate Daniels, äußerst erfolgreicher Unternehmer und illegaler Waffenhändler, gelernt: Wann etwas ein Fake und wann etwas echt war.

Und diese Todesdrohung gegen mich war definitiv kein Fake.

Einer der Männer warf mir einen argwöhnischen Blick zu. Er versuchte wohl, mich einzuschätzen. Ich starrte zurück. Das kleine Arschloch. Dass ich die Augen offen hielt, bedeutete nicht, dass ich Schiss um mein Leben hatte.

Man lebte. Man starb.

Das war das Leben.

Da ich nun einmal die Aufsicht über diese Lieferung hatte, war es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alles glattlief. Wir hatten Importe und Exporte zu managen, Bestände zu führen, Geld zu waschen. Es gab eine Menge zu tun, wir mussten in die Gänge kommen, und das sofort.

Mit einem lauten Donnerschlag, der einen Toten erweckt hätte, fiel eine Kiste zu Boden. Ich gab ein lautes Zischen von mir, ballte die Hände an den Seiten zu Fäusten und war mit ein paar großen Schritten bei den beiden Männern, die für den Krach verantwortlich waren. Einer war ein neuer Rekrut, der während meiner Knastzeit aufgenommen worden war, der andere ein Anwärter. »Ob ihr es wohl schafft, die Ware auszuladen, ohne das gesamte Polizeirevier zu wecken? Ich habe den Termin aus gutem Grund vorverlegt.«

Der Anwärter wurde rot und senkte den Kopf. »Sorry, Mr Donahue.«

»Hey, ist nicht meine Schuld, wenn der zu blöd ist«, sagte der Neue.

Ich kannte ihn nicht, aber ich wusste, dass er aus dem gleichen Bostoner Drecksloch wie wir alle stammte – einem Viertel im Süden der Stadt, das allgemein Steel Row genannt wurde. Es war der Rothaarige, der mich eben so gemustert hatte. Ungefähr Mitte zwanzig. Er trug ein weites Shirt, zerrissene Jeans. Herausfordernder Blick. Feindselig. Muskulös wie ein Footballer, aber das war mir egal. Die Konfrontation kam mir gerade recht.

Die Herausforderung.

Früher hatte mir gerade das an diesem Job gefallen. Er hielt mich wach. Aber jetzt war alles so verdammt einfach geworden. Es langweilte mich zu Tode. Ich verschränkte die Arme und musterte ihn. »Ist das so?«

»Vielleicht solltet ihr hin und wieder mal solche Schwächlinge aussortieren, dann würde so’n Scheiß auch nicht passieren. Was hat sich Scotty dabei gedacht, dir das hier zu übertragen? Du hast doch von nix ’ne Ahnung. Wie lange warst du überhaupt drinnen?«

Ich trat dicht an ihn heran und starrte den Mann nieder. Er wollte Ärger? Den konnte er haben. »Loyalität wird belohnt, du kleiner Scheißer. Ich habe meine Zeit abgesessen und die Klappe gehalten. Könntest du das auch, wenn das ATF jetzt hier einfallen würde?«

Der Mann schwieg.

»Antworte mir.« Ohne ein weiteres Wort zog ich die Sig P229 aus dem Holster und drückte sie ihm mitten auf die Stirn. Meine Stimme war ruhig und tief, und ich sprach bewusst schön langsam. »Denn aus meiner Sicht gibt es nur eine einzige andere Option.« Die Ratte mit kaltem Blick fixierend, verstärkte ich den Druck meines Fingers auf den Abzug, um ihn ins Schwitzen zu bringen. »Also. Sag’s mir. Was würdest du tun?«

Der Mann schluckte hart, ohne jedoch klein beizugeben. Beinahe bewunderte ich ihn dafür, aber er war zu blöd, um das zu kapieren. Statt meine Frage zu beantworten, damit sein Hirn nicht auf dem dreckigen Dock landete, fragte er: »Drückst du wirklich ab?«

Mein Finger zuckte stärker. Für einen kurzen Moment wollte ich nichts lieber als das, nur damit der Vollidiot die Klappe hielt. Ein bisschen Ruhe und Frieden würde sicher gegen den aufziehenden Kopfschmerz helfen. Doch auch wenn ich heute Abend hier die Verantwortung trug, dies war die Crew meines Bruders. Es war nicht mein Job, uns von dem Flachwichser zu befreien. Diese Entscheidung musste ich Scotty überlassen.

Aber trotzdem …

Ich musste ihnen klarmachen, dass man sich mit mir am besten nicht anlegte und ich keinen Ungehorsam duldete. Die Männer um uns herum beobachteten gespannt, wie ich auf diese offene Demonstration von Respektlosigkeit reagieren würde. Er hatte meine Autorität infrage gestellt, und es war an der Zeit, den anderen zu zeigen, dass sie das lieber bleiben ließen.

Ich setzte ein lockeres Lächeln auf, zuckte die Achseln und schob die Waffe zurück ins Holster. »Nein, ich erschieße dich nicht. Dann hätten wir bald die Jungs in Blau am Hals, und ich will nicht wieder hinter Gitter. Noch nicht, jedenfalls.«

»Tja.« Grinsend sah der Mann zu seinen Kumpels hinüber und zupfte an seinem Hemd wie jemand, der mit dem Teufel geflirtet und es überlebt hatte, bevor er sich wieder mir zuwandte. »Hab ich’s mir doch gedacht, Mann.«

»Sir«, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen, immer noch lächelnd.

»Was?« Der Mann lachte. »Wie hast du mich gerade genannt?«

»Ich sagte …« Langsam, aber entschlossen krempelte ich mir die Ärmel auf. »Du sollst mich mit Sir ansprechen. Ich hab bei dem Job hier das Sagen, und das heißt, heute Nacht machst du schön brav genau das, was ich sage, Blödmann.«

Der Mann erblasste und folgte mit großen Augen jeder meiner Bewegungen. Als ich einen drohenden Schritt auf ihn zumachte, trat er stolpernd zurück, bevor er sich zusammenriss und still stehen blieb. »D-du bist nicht mein Boss. Ich arbeite für deinen Bruder.«

»Mein Bruder leitet diese Crew, das stimmt. Und ich …?« Ich packte den kleinen Scheißer am Hemd und riss ihn an mich, bis wir Nase an Nase voreinander standen. »Ich bin weiter oben in der Nahrungskette. Wo ich gelandet bin, weil ich die Regeln befolgt habe. Damit habe ich über alle hier auf dem Dock das Sagen. Hat dir denn niemand beigebracht, was eine Hierarchie ist? Denjenigen Respekt zu erweisen, für die dein Tod nur ein schnell zu verschmerzender Verlust ist?«

Der Mann packte meine Unterarme und schüttelte den Kopf. »Ich hab’s kapiert, Mann. Ich hab’s kapiert.«

»Ich habe gesagt, du sollst mich mit Sir ansprechen.« Ich schüttelte ihn. »Wie heißt du, Arschgesicht?«

Der Mann gab ein ängstliches leises Wimmern von sich. Und ich hatte ihn eben noch für seine Eier bewundert. Dabei schrumpften sie beim leisesten Anzeichen von Gefahr auf die Größe von Rosinen zusammen. »D-Doug. Doug Pearson. Hör zu, ich …«

»Halt die Klappe.« Ich stieß Doug von mir. Seine Stimme ging mir schon jetzt auf die Nerven. »Mir tut der Kopf weh, wenn ich dich reden höre.«

Doug wich zurück. »Ich bin …«

»Mein Gott, du kapierst es nicht, was? Dann zeig ich dir mal, wie man in dieser Crew auf die Anordnungen eines Vorgesetzten hört.« Damit riss ich die Faust nach oben und boxte ihm auf die Nase. Grinsend lauschte ich auf das Knacken seiner brechenden Scheidewand in der stillen Nacht. Aber richtig befriedigend war das immer noch nicht. Mann, was hatte ich dieses Gefühl vermisst, wenn etwas unter meinen Fäusten brach.

Meine letzte gute Schlägerei war viel zu lange her.

Sobald Doug auf dem Boden auftraf, die Hand auf die blutige Nase gepresst, riss ich ihn erneut am Hemd hoch und schlug ihm in den Magen. Und als er vornübergebeugt nach Luft rang, lehnte ich mich an seinen Rücken, als wäre er ein Möbelstück. Was mich anging, war er das auch. Er war hier, um einen Job zu erledigen, mehr nicht. Sobald er nicht mehr von Nutzen war, warf ich ihn auf den Müll, zusammen mit dem anderen Zeug, für das ich keine Verwendung mehr hatte. »Du bleibst verdammt noch mal stehen, wenn ich dir eine Lektion erteile, und du hältst die Klappe. Und ich rate dir, mich das nächste Mal mit Sir anzusprechen.«

Doug wankte, schaffte es aber, gerade stehen zu bleiben. »J-ja, Sir.«

»Braver Junge.« Ich grinste ihn an, obwohl ich wusste, dass ich wie ein Irrer aussah. Aber das war mir scheißegal. Ich gab Dougs Wange einen festen Klaps. »Und du solltest es dir lieber zweimal überlegen, bevor du jemandem komisch kommst, dem es egal ist, ob du die Mutter Gottes höchstselbst hinter ihm stehen siehst. Verstanden?«

Doug nickte. Seine untere Gesichtshälfte war blutverschmiert. »Ja, Sir.«

»Gut.« Ich zeigte auf die Kisten. »Jetzt wisch dir das Gesicht ab und lad den Rest aus. Und mach hinter dir sauber. Wir wollen hier keine Blutspur hinterlassen.« Ich warf den anderen, die nur dagestanden und geglotzt hatten, einen vernichtenden Blick zu. »Das gilt für euch alle.«

Sofort setzten sie sich wie die gehorsamen Arbeiterinnen der Ameisen in Bewegung, auch Doug. Niemand sagte etwas, aber sie tauschten immer wieder Blicke aus, während sie die Kisten aus dem Container in den Lastwagen schleppten, der die Ware in unser Lager, eine alte Halle, brachte. Ich hatte ihrem Kumpel die Nase gebrochen. Aber in dieser Welt verdiente man sich so Respekt.

Die würden sich kein zweites Mal mit mir anlegen.

Chris, mein bester Freund und ebenfalls ein Lieutenant, näherte sich mir. Noch im Gehen verschränkte er die Arme vor der Brust. Der Ausdruck in seinen braunen Augen war anerkennend. Chris war der Einzige, dem ich noch vertraute, die Ausnahme meiner Regel. Er hatte mich gegen alle Widerstände in diese Welt hereingeholt und war immer für mich da gewesen, wenn ich ihn am meisten brauchte. »Das hast du gut hingekriegt.«

Es war schon krank, dass es einem in meinem Berufsfeld Lob einbrachte, wenn man jemanden zusammenschlug, aber es war, wie es war. Für mich gab es kein anderes Leben. Und das war okay so. »Er hatte es verdient. Für seine Blödheit.«

»Das passiert, weil dich keiner dieser Typen ernst nimmt.« Chris senkte den Kopf, sodass sein braunes Haar seine Augen verdeckte, und betrachtete seine Nägel. Sein grünes T-Shirt spannte sich über den muskulösen, bis hinunter zu den Handgelenken tätowierten Armen. Er gehörte der Gang seit seiner Teenagerzeit an, genau wie ich. Schon sein Pa war Mitglied gewesen, dieses Leben war ihm quasi in die Wiege gelegt worden.

Ich hatte andere Gründe gehabt.

Meinen Vater würde ich nicht mal erkennen, wenn ich ihn auf der Straße träfe. Und ich bezweifelte, dass meine Mutter, Gott hab sie selig, gewusst hatte, wer er war.

»Tja, das ist dann ihr Fehler«, sagte ich, während ich meine Ärmel wieder herunterkrempelte. »Nicht meiner.«

Er blickte hinüber zur Crew, die es plötzlich ziemlich eilig hatte. »Vielleicht weil du die letzten beiden Jahre im Knast warst. Sie wissen nur, dass du wegen Körperverletzung verknackt wurdest, sonst nichts, und jetzt stehst du auf einmal hier am Dock und kommandierst sie rum.«

Chris und ich waren seit jeher unzertrennlich. Wenn ich saß, besuchte er mich zweimal im Monat und hielt mich auf dem Laufenden über das, was draußen geschah. Er kam öfter als mein eigener Bruder, aber das war keine Überraschung. Scotty war nicht gerade der sentimentale Typ, dem Familienbesuche wichtig waren. Und das war auch okay so. »Hatte ich ja auch gar nicht vorgehabt. Das ist nicht meine Baustelle. Ich bin nur wegen des scheiß AFT hier. Und Scotty hat eine Braut am Start.«

»Seit wann machst du dir bei solchen Sachen Gedanken darüber, was Scotty will?«

Ich zuckte die Achseln. »Seitdem ich einige Zeit hinter Gittern verbracht habe … Scotty und ich, wir sind nicht mehr so eng wie früher. Aber deswegen lasse ich ihn nicht ›Wer hat den Längsten‹ mit den Feds spielen. Er ist zu arrogant, das kann nicht gutgehen.«

»Das heißt, er vögelt irgendeine Tussi, während du den Hals für ihn riskierst? Alles beim Alten also?« Chris verdrehte die Augen.

Ich rollte mit den Schultern, ich wollte nur weg hier. Die Jungs waren fast fertig, gleich war ich endlich frei. Frei. Komische Wortwahl. Ich war niemals frei. Nicht wirklich. »Ja. So ungefähr.«

»Du musst aufhören, ihn wie ein Kind zu behandeln. Er ist jetzt vierundzwanzig Jahre alt.« Chris musterte mich, für meinen Geschmack ein wenig zu aufmerksam. Chris war der Einzige, der hin und wieder ein kleines Stück meines wahren Ichs sah. »Er ist nicht mehr der kleine Junge, der deinen Schutz brauchte. Er kann sich gut um sich selbst kümmern. Ein bisschen zu gut, vielleicht.«

»Was soll das denn heißen?«, fragte ich.

»Nichts, Mann. Gar nichts.« Er trat von einem Fuß auf den anderen und sah zu, wie die Crew den Container ein letztes Mal kontrollierte. »Ich habe gehört, es hätte dich da drinnen fast erwischt. Was ist passiert?«

Ich zuckte die Achseln. »Auf dem Weg zum Mittagessen hat mich einer von hinten angegriffen. Ich habe es geschafft, ihn abzuwehren, aber die Wachen hatten ihn schon weggezerrt, bevor ich sein Gesicht sehen konnte. Von einem Kumpel drinnen weiß ich, dass es wohl ein Neuer war, zumindest hat er ihn nicht erkannt. Es ist alles zu schnell gegangen.«

»Du wärst fast gestorben.«

Lachend kratzte ich mich am Kopf. »Na ja, ich lebe noch, oder? Aber gut, dass ich jetzt draußen bin«, sagte ich gedehnt.

Chris wippte auf die Fersen zurück. »Du hast einen Verdacht, oder?«

»Du nicht?« Ich sah Chris an. »Verarschen kann ich mich selbst. Ich sehe es doch in deinen Augen. Du weißt, dass da was im Busch ist.«

»Vielleicht ja. Vielleicht nein. Aber ein kluger Mann redet nicht.« Chris ließ die Hände sinken und pfiff durch die Zähne. Im Weggehen sagte er über die Schulter: »Nicht in dieser Welt.«

»Nicht mal mit seinem Blutsbruder?«

Chris blieb stehen. Seine breiten Schultern waren angespannt. »Nicht mal mit dem.«

»Schön zu sehen, dass du mich nicht vergessen hast, Bruder.« Ich presste die Finger auf die alte Narbe in meiner Handfläche. Eine von den beiden, die Chris und ich uns damals, vor so vielen Jahren, auf den Bahngleisen hinter unserem Haus zugefügt hatten. Ma war sauer gewesen, weil ich mich absichtlich geschnitten hatte. Wenn sich die Wunde infiziert hätte, hätten wir uns die Arztkosten nicht leisten können. An dem Abend war ich ohne Abendessen ins Bett gegangen. »Ich wünsche dir eine gute Nacht.«

Chris fuhr auf dem Absatz herum und kam zurück, die Wangen rot und Wut im Blick. »Du weißt nichts. Gar nichts. Du warst nicht hier, Arschloch. Als die Scheiße richtig losging. Ich musste ganz allein sehen, wie ich mit unseren verdammten Leuten zurechtkam.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Tut mir leid, dass ich verhaftet wurde.«

»Haha, echt lustig, du Wichser.« Chris ballte die Hände. »Du willst wissen, was ich denke? Wirklich?«

Ich zwang mich zu einem Schulterzucken. »Wenn du unbedingt möchtest, bitte schön.«

»Ich glaube, jemand will sich in Stellung bringen, und zwar seitdem wir gehört haben, dass du auf Bewährung rauskommst.« Mit geblähten Nasenflügeln musterte Chris mich von oben bis unten. »Und ich rate dir, Bruder: Bleib wachsam.«

Ich hielt die Hände locker neben den Oberschenkeln und zeigte ihm ein sorgloses Lächeln … obwohl mir ganz und gar nicht danach war. »Das tue ich immer. Nur ein Geist würde es schaffen, unbemerkt an mich ranzukommen.«

Chris schüttelte den Kopf. »Sei nicht so verdammt arrogant. Das könnte dir zum Verhängnis werden.«

»Oder meine Rettung sein.«

»Wie du meinst, Mann.« Chris erwiderte meinen Blick. »Wie du meinst.«

Als er ging, hörte ich auf zu lächeln und ballte die Fäuste. »Danke.«

Chris erwiderte nichts, sondern ging weiter zu dem beladenen LKW. Die Männer hatten sich auf die Kabine und auf ihre eigenen Fahrzeuge verteilt. Er schlug kurz gegen das Heck, um zu signalisieren, dass alles in Ordnung war, und der Lastwagen setzte sich in Bewegung. Chris folgte ihm in seinem Wagen, die anderen reihten sich nach und nach hinter ihm ein. Er würde sich vergewissern, dass auch alles im Lager ankam, ausgeladen und inventarisiert wurde. Ich sah dem Konvoi nach, der langsam außer Sichtweite geriet, dann drehte ich mich um und ging betont lässig und langsam davon, die Hände in den Jeanstaschen, The Star-Spangled Banner pfeifend.

Chris hatte recht, dessen war ich mir sicher. Doch das durfte ich mir auf keinen Fall anmerken lassen. Ich hatte den gleichen Verdacht wie er, und ihn dann noch aus dem Mund des einzigen Mannes bestätigt zu bekommen, dem ich auf dieser Welt vertraute … ja, das beantwortete wohl meine unausgesprochenen Fragen. Es war ein Insider-Job, völlig klar, und das bedeutete …

Jemand in Steel Row wollte meinen Tod.

2

Heidi

Unsere ganze Stadt ging vor die Hunde. Und mich wollte sie offenbar mitnehmen. Nicht dass das an sich etwas Neues für mich gewesen wäre, immerhin war ich hier aufgewachsen. Aber als ich hier so hinter der Theke stand und zuhörte, wie einige Typen, offensichtlich Mitglieder einer Gang, darüber debattierten, wer als Erster den Supermarkt an der Ecke überfallen durfte, wurde es mir noch einmal mehr bewusst.

Manchmal gelang es mir ganz gut, über den Verfall und den Dreck hinwegzusehen und mich einfach von der Energie dieses Viertels anstecken zu lassen. Die Slums von Boston so zu nehmen, wie sie nun mal waren. Dies war mein Leben, und mir gefiel es so. Doch an Abenden wie diesem hatte ich die Nase voll.

Ich schwenkte die Hüften zu der Musik, die aus den Boxen dröhnte, und versuchte, die lästige Stimme in meinem Kopf zu ignorieren, die mir zurief, ich hätte Besseres verdient.

Es gab nichts Besseres. Für mich zumindest nicht. Wie das Schweinchen am Ende der Looney-Tunes-Cartoons immer sagt: »So, das war’s, Leute.«

Ich habe dieses Schweinchen immer gehasst.

Aber eigentlich konnte ich mich nicht beschweren. Schließlich war ich immer noch besser dran als andere. Ich war von zu Hause ausgerissen und hatte auf den Straßen von Steel Row gelebt, bis mich ein alter Mann aufnahm, der sich besser um mich gekümmert hatte als meine eigenen Eltern. Und als Frankie starb, hinterließ er mir The Patriot, seine Bar. Meine Bar. An der ich mehr hing als an irgendeinem Menschen.

Mit einer Ausnahme.

Dem Mann, der sie mir vermacht hatte.

Ein betrunkenes Arschloch beugte sich über die Theke und grinste mich an. Er kam jeden Freitag und baggerte mich an, obwohl ich ihn stets abblitzen ließ. »Hey, meine Schöne.«

»Hey, Jimmy«, sagte ich, nahm ein leeres Glas und füllte es mit Bud Lite. »Wie geht’s?«

»Gut. Aber noch besser würde es mir gehen, wenn du mit mir nach Hause kämst«, sagte er mit einem Blick auf meine Brüste. Überraschung. »Sehr viel besser. Was sagst du? Ist heute die Nacht der Nächte?«

Ich verdrehte die Augen und wandte mich von ihm ab. Er war durchaus nicht unattraktiv. Daran lag es nicht. Aber er war ein Dealer, und ich war nicht so dämlich, mich in jemanden zu verlieben, der kurz darauf tot in irgendeiner Gasse endete. Dazu habe ich viel zu viele Frauen in Steel Row dieses Schicksal erleiden sehen. Mit mir nicht. Bevor ich mich umdrehte, knipste ich ein Lächeln an. »Sorry, aber ich bin heute Abend nicht in Stimmung. Ich habe Kopfschmerzen.«

»Oh Baby, ich sorge dafür, dass du dich wie neugeboren fühlst«, versprach er, streckte die Hand aus und zupfte zärtlich an einer Strähne meines Haars. Ich schob ihm das Bier mit Schwung zu, sodass er sich beeilen musste, um es aufzufangen. »Tja, mir gefällt’s, wenn du ein bisschen gröber wirst.«

Ich musterte ihn kühl und hielt ihm die geöffnete Hand hin. »Na klar doch. Fünf Dollar, Hübscher.«

»Eines Tages wird es dir leidtun, dass du so hart zu mir warst«, scherzte er, als er mir einen Zehner reichte.

»Dieser Tag ist noch nicht gekommen.« Ich griff nach dem Schein. »Und ich glaube nicht, dass er je kommen wird, aber red es dir ruhig weiter ein, wenn’s dir gefällt, Mann.«

Er packte meine Hand und drückte fest zu. »Ich zeige dir, was mir gefällt.«

»Ja, daran habe ich keinen Zweifel.« Ich riss mich los und warf ihm einen bösen Blick zu. »Zu schade dass das nie passieren wird.«

»Ich mag es, wenn du dich so zierst.« Er nahm sein Bier und ging zu seinen Kumpeln, alles miese Typen. »Behalt das Wechselgeld, Baby. Das ist gut gegen Kopfschmerzen.«

Meine Hand öffnend und schließend sah ich ihm nach. »Arschloch.«

»Das habe ich gehört«, sagte Marco, mein Rausschmeißer. Sein braunes Haar stand in alle Richtungen ab, aber ich wusste, dass er es absichtlich so stylte. »Hat er dich wieder belästigt?«

»Alles wie immer«, sagte ich und schob den Zehner in die Registrierkasse. »Nichts womit ich nicht klarkäme. Wie sind denn die Gäste so drauf heute?«

»Auf Streit aus.«

»Ja, das ist mir auch aufgefallen.« Ich musterte die Menge, bis mein Blick an einer Gruppe Gangmitglieder hängen blieb. Beunruhigt stellte ich fest, dass sie mich nicht aus den Augen ließen. »Es liegt Ärger in der Luft.«

Marco ließ die Knöchel knacken, und sein Blick wanderte ebenfalls zu den Männern. »Geh heute lieber nicht allein nach Hause. Ich bringe dich.«

»Danke, Marco.«

»Aber gern doch, Heidi. Gern doch.«

Marco war ein wahrer Schatz. Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, lebte er auf der Straße, so wie ich in seinem Alter. Er schlief hinter meiner Bar, unter einer fadenscheinigen Wolldecke. In dieser Nacht war es eiskalt gewesen, gut minus zwölf Grad, und er zitterte am ganzen Leib. Als ich zu ihm trat, wachte er sofort auf, mit dieser traurigen Resignation in den Augen. Ich glaube, so muss ich auch ausgesehen haben, als Frankie mich fand. Er hatte mich bei sich aufgenommen. Mir ein Zuhause gegeben. Einen Lebenssinn. Einen Job.

Mir kam es einfach richtig vor, das Gleiche für Marco zu tun.

Jetzt war er fast neunzehn und hatte die Wohnung über der Bar gemietet, bis er in einer Woche sein Studium beginnen würde. Er war am Boston College angenommen worden, und er würde etwas aus seinem Leben machen. Er hatte die Chance bekommen, die ich nie hatte, er kam raus aus diesem Drecksloch. Noch nie hatte ich mich so sehr für jemanden gefreut. Er war ein guter Junge.

Er hatte nur eine Chance gebraucht.

Ich war lediglich fünf Jahre älter als er, aber in seiner Gegenwart kamen mütterliche Gefühle in mir auf. Ich blickte ihm nach, wie er lächelnd davonging, bevor ich mich dem Gast zuwandte, der sich gerade am Ende der Bar niedergelassen hatte. Sobald ich ihn erkannte, schlug mein Herz schneller. Er hatte etwas an sich, etwas, das ich nicht benennen konnte, aber jedes Mal, wenn er im selben Raum war wie ich, spürte ich seine Anwesenheit überdeutlich. Seinen Namen kannte ich nicht, aber er strahlte Gefahr aus.

Sein Blick aus den zusammengekniffenen Augen brachte mich aus dem Gleichgewicht. Ich wusste, dass sie grün waren. Ein richtiges volles Grün. Ein sauberes, frisches, fröhliches Grün, das so gar nicht zu ihm zu passen schien. Wenn er kam, trug er immer Jeans und ein seine Muskeln betonendes T-Shirt mit langen Ärmeln, die er stets hochkrempelte, um seine starken, mit feinen Härchen bedeckten Arme zu zeigen. Ich hatte diese verdammten Arme schon viel zu oft angestarrt. Eigentlich stand ich gar nicht besonders auf Arme, aber sie hatten einfach diese Wirkung auf mich. Alles an ihm. Dabei sah er rau aus, düster und draufgängerisch. Und er hatte einen ganz leichten Bostoner Akzent.

Als wäre er nicht auch so schon sexy genug gewesen. Es war unfair.

Nachdem er letzte Woche zum ersten Mal da gewesen war, war er jeden Abend gekommen. Er sprach kaum zwei Worte mit mir und kommunizierte vor allem mittels Knurren und Geld. Er war nicht unhöflich oder so. Nur einfach der starke, stille Typ.

Das einzig Persönliche, das ich über ihn wusste, war, dass er die Autowerkstatt auf der anderen Straßenseite führte. Ich hätte gern mehr erfahren, doch dazu gab es nur einen Weg. Ich straffte die Schultern und trat zu ihm. »Was darf’s denn heute Abend sein, Lucky?«

Er streifte sich die dunkelbraune Lederjacke von den Schultern – ohne die ich ihn noch nie gesehen hatte – und fuhr sich mit den Händen durch das dunkelbraune Haar, das einen leichten Rotton hatte. Nicht dass mir das aufgefallen wäre, natürlich nicht. Nachdem er seine Jacke auf den Hocker gelegt hatte, richtete er seine hellen irischen Augen auf mich. »Ich heiße nicht Lucky.«

»Bist du sicher?« Ich legte den Kopf schief. »Es würde aber passen. Ich meine, du siehst so irisch aus. Rötliches Haar, helle Augen. Umwerfender Charme.«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Umwerfender Charme, hm?«

»Klar.« Ich lehnte mich an die Theke. Sein Blick wanderte kurz südwärts, schoss dann aber schnell wieder höher. »Du kommst hier rein, guckst finster und sagst kaum ein Wort. Wenn das nicht umwerfend charmant ist, weiß ich es auch nicht.«

»Dann solltest du mehr unter Leute gehen, Heidi.« Er tippte mit den Fingern auf den Tresen und erwiderte meinen Blick. »So heißt du doch, oder?«

Mein Magen zog sich fest zusammen, als ich ihn meinen Namen aussprechen hörte, der in diesem Akzent fast melodiös klang. »Ja. Woher weißt du das?«

»Ich höre zu …« Er brach ab und schenkte mir ein charmantes – ja, wirklich, ein charmantes – Lächeln. »Das heißt, wenn ich mal nicht damit beschäftigt bin, schrecklich charmant zu sein.«

Mein Herzschlag beschleunigte sich, aber ich ignorierte es. Nur weil der Typ mich angelächelt hatte, würde ich nicht weich werden. Auf keinen Fall. »Klar. Oder du bist ein Stalker. Eins von beidem.«

»Schätzchen?« Er beugte sich vor. Er roch gut. Nach Dolce und Gabbana, Leder, Autos und einer gesunden Dosis purer Mann. Und als er Schätzchen sagte und dabei das ä in die Länge zog, schmolz ich dahin. Und er merkte es, darauf hätte ich wetten können. »Ich bin die ganze Woche schon hier gewesen. Gerade du solltest wissen, dass ich es nicht nötig habe, Frauen zu stalken, damit sie mit zu mir nach Hause kommen.«

Ich fuhr zurück und riss die Augen auf, um ihm zu zeigen, dass ich schockiert war. Was nicht einfach war, denn es war so gut wie unmöglich, mich zu schockieren. »Entschuldige mal«, heuchelte ich. »Wer hat denn was davon gesagt, dass ich mit zu dir nach Hause gehe?«

Einen kurzen Moment lang wirkte er verlegen. Einen sehr kurzen Moment lang. Dann war das Grinsen zurück, und er tippte wieder mit den Fingern auf die Theke. Die gezügelte Kraft in dieser einfachen Geste schickte mir einen Schauder über den Rücken. »Oh, wie süß. Das musst du gar nicht. Ich habe doch gesehen, wie du mich jeden Abend beobachtet hast.«

Er hatte recht. Das hatte ich getan. Und mir schwante, dass ich ihn von jetzt an noch genauer beobachten würde. Als meine Wangen heiß wurden, drückte ich mich von der Theke ab. »Du hast meine Frage noch nicht beantwortet, Lucky. Was trinkst du?«

»Whiskey.« Er zog sein Handy aus der Tasche und warf einen Blick auf das Display. Seine Augen wurden schmal. »Fuck. Mach einen doppelten draus.«

»Geht klar.« Ich wandte ihm den Rücken zu und achtete darauf, dass meine Hände ruhig blieben, als ich sein Glas füllte. Ich wollte nicht, dass er sah, welche Wirkung er auf mich hatte. »Schlechte Nachrichten oder Nachrichten, die so gut sind, dass du feiern musst?«

»Ist das wichtig?« Er griff in seine Hosentasche und schob einen Zwanziger über die Theke. »Ich zahle so oder so.«

Ich reichte ihm seinen Drink und nahm das Geld. »Nö. Völlig unwichtig.«

»Gutes Mädchen.« Er nahm einen Schluck und warf einen Blick über seine Schulter. Seine starken Finger hielten das Glas, aber es war offensichtlich, dass seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gerichtet war. »Wer ist das?«

»Wer ist was?« Ich kassierte ab und holte das Wechselgeld aus der Schublade. »Du musst schon ein wenig genauer werden.«

»Die Typen, die dich angaffen und miteinander flüstern, seitdem ich hier bin.« Die harten Worte passten zu seinem spröden Akzent.

Ich bedachte ihn mit einem langsamen Lächeln. »Noch mal, drück dich genauer aus. Ich bin in meinem Leben durchaus schon ein oder zwei Mal angestarrt worden.«

Sein Blick glitt über meinen Körper. Auf einmal war es, als hätten sich mein schwarzes Tanktop, die Shorts und die schwarzen kniehohen Stiefel in Luft aufgelöst. Doch statt mir mit einem gekünstelten, gewollt originellen Anmachspruch zu kommen, so wie all die anderen Kerle in diesem Laden, sah er mir in die Augen und sagte: »Die an dem Tisch links in der Ecke. Die sind nicht aus Steel Row.«

Ich versteifte mich. Gefiel ihm nicht, was er sah? Eigentlich sollte es mir egal sein, doch das war es nicht. »Keine Ahnung. Die benehmen sich schon den ganzen Abend komisch.«

»Mehr als komisch.« Er hob das Glas an die Lippen. »Die haben irgendwas vor, und es hat mit dir zu tun.«

»Tja, ihr Pech. Ich bin nicht interessiert.«

»Ich glaube nicht, dass die was drauf geben, ob du interessiert bist oder nicht.« Seine Stimme klang hart. »Wohnst du hier obendrüber?«

»Nein. Da wohnt Marco.« Ungeduldig blies ich mir das Haar aus dem Gesicht. »Meine Wohnung liegt ungefähr drei Blocks die Straße runter.«

Er runzelte die Stirn. »Kann dich heute Abend jemand nach Hause bringen, oder gehst du allein heim?«

»Das geht dich gar nichts an«, blaffte ich ihn an. »Ich kenne dich nicht mal. Komm mir nicht mit der G.-I.-Joe-Nummer.«

Seine Lippen zuckten, aber er lächelte nicht. »Kann sein, aber das hat mich noch nie interessiert. Und du hast meine Frage nicht beantwortet.«

Die Musik schien leiser zu werden, und das Geplauder in der Bar trat in den Hintergrund, als ich seinen Blick festhielt. Meine Finger schlossen sich um das Wechselgeld.

»Du hast nicht besonders nett gefragt.«

»Das werde ich auch nicht.« Er zog eine Augenbraue hoch, und seine Augen wurden dunkel. Aber in seinem forschenden Blick lag noch etwas anderes. Sorge? Nein. Das konnte nicht sein. »Gehst du jetzt allein, ja oder nein?«

»Nein.« Er hatte etwas an sich, das schonungslose Offenheit provozierte. »Aber ich kann trotzdem auf mich selbst aufpassen.«

Er unterzog mich einer weiteren Ganzkörpermusterung. Meine Haut wurde warm. Warum ließ er sich nicht davon abbringen, mich anders zu behandeln, als meine anderen Gäste es taten? »Daran habe ich keinen Zweifel.«

»Meinetwegen.« Ich streckte ihm sein leicht zerknülltes Geld hin, aber er starrte es nur an. »Es ist dein Wechselgeld.«

»Das gehört dir, Schätzchen.«

Gott, dieser Akzent, diese Augen … er machte mich fertig. Das Trinkgeld war lächerlich hoch, aber na gut. Wenn er mich mit Geld bewerfen wollte, bitte schön. Ich tätschelte seinen Arm. Er war so hart, wie ich es mir vorgestellt hatte. »Danke, Lucky.«

»Ich habe es dir schon einmal gesagt.« Er hielt meine Hand fest. Als seine Haut auf meine traf, durchfuhr es mich wie ein Stromschlag. Es gab kein anderes Wort dafür. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber ich hätte schwören können, dass er überrascht aussah, so als hätte er es auch gespürt. »So heiße ich nicht.«

Er hatte keine weichen Hände. Sie waren rau und schwielig. Männerhände, und sie fühlten sich heiß an. Andererseits war alles an ihm heiß. Aber ich war keine Frau, die es mochte, festgehalten zu werden, und sein Griff war stärker, als ich es gewöhnlich zuließ. Doch ich versuchte nicht, mich loszureißen. Ich wollte nicht, dass er dachte, ich hätte Angst. Denn die hatte ich nicht. »Wie heißt du denn, Lucky

»Lucas«, knurrte er. An seinem Kiefer pulsierte ein Muskel. »Mein Name ist Lucas.«

»Tja, hallo, Lucas.« Ich beugte mich vor, bis unsere Nasen sich praktisch berührten. Etwas leuchtete in seinen Augen auf, etwas, das gefährlich sexy war, aber ansonsten zeigte er keinerlei Reaktion auf meine Nähe. »Hat deine Mama dir nicht beigebracht, dass es sich nicht gehört, Mädchen ohne ihre Erlaubnis zu begrabschen?« Auch wenn er größer war als ich, ich würde nicht klein beigeben. Nennen Sie es meinetwegen einen Napoleon-Komplex, aber er würde nachgeben, und wenn es mein Tod wäre.

»Meine Ma hat mir in letzter Zeit gar nichts gesagt. Sie ist tot.« Aus seinem Mund klang es sachlich, nicht traurig. Seine Mutter war tot, und er hatte es akzeptiert. Was es aus irgendeinem Grund noch trauriger machte. »Schon seit zehn Jahren.«

Ich blinzelte. »Tut mir leid.«

»Du hast sie ja nicht umgebracht.« Seine Finger drückten fester zu, und dann traf sein Blick auf meinen. Ich weiß nicht, was er dort sah, aber … sein Blick wurde weich. »Danke, Heidi.«

Ich unterdrückte ein Stöhnen. Meine Güte, diese Stimme. Das war wirklich nicht fair. »Gern geschehen.«

Wir starrten uns wortlos an.

Aus der Küche drang das Klappern von Geschirr, und der Koch lachte, nachdem er mit der Kellnerin einen Scherz gemacht hatte. Die Tür hinter mir schwang auf, und die blonde Kellnerin, die ich erst neulich eingestellt hatte, drängte sich mit einem Teller Hähnchenflügel an mir vorbei. Trotzdem rührte ich mich nicht.

Ich bemerkte, dass Marcos Blick auf uns fiel. Als er Anstalten machte herüberzukommen, schüttelte ich ganz leicht den Kopf, damit er auf seinem Posten blieb. Ich kam alleine klar. Auf Lucas’ Gesicht lag leichte Belustigung. Ich räusperte mich. »Lässt du mich irgendwann auch mal wieder los oder nicht?«

Er lachte, ein heiserer Laut, bei dem sich mein Magen zusammenzog. »Keine Ahnung.« Dann lockerte er seinen Griff und strich mit den Fingern über mein Handgelenk. Eine trügerisch sanfte Berührung, die meinen Puls beschleunigte. Obwohl er weiter meinen Arm festhielt, hatte er nichts Bedrohliches an sich. »Ich habe mich noch nicht entschieden. Gib mir noch einen Moment, Schätzchen.«

»Tja, die Leute warten auf ihre Getränke.«

Er grinste. »Um die geht es dir doch gar nicht. Du willst, dass ich dich loslasse, weil du meinem Charme und meinem verführerischen Bostoner Akzent nicht widerstehen kannst.«

Mist, er hatte recht. Aber das würde ich nicht zugeben. »So leicht kriegt man mich nicht rum. Ich glaube, du verwechselst mich mit jemandem.«

»Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Wie dem auch sei, ich liebe die Herausforderung. Und genau das sind Sie, Ms Greene.« Er fuhr wieder mit dem Daumen über meinen Puls und grinste, als dieser einen verräterischen Satz machte. »Deswegen werde ich dich erst wieder anfassen, wenn du mich darum bittest. Wenn du mir sagst, dass du mich willst.«

Damit ließ er mich los.

Ich wich zurück und widerstand dem Impuls, mir das Handgelenk, an dem er mich gehalten hatte, zu reiben. Nicht weil es wehgetan hatte. Seine Berührung war fest, aber sanft gewesen. Doch ich spürte dort immer noch dieses elektrische Kribbeln. Er jedoch sah völlig ungerührt aus. Vielleicht hatte nur ich die heftige Reaktion zwischen uns beiden gespürt. Ich musste die Situation wieder unter Kontrolle bringen. Daher lachte ich gezwungen und warf die Haare über die Schultern zurück. »Ich werde dich nicht bitten, mich noch einmal anzufassen, Lucky.«

»Lucas«, sagte er. »Du kennst meinen Namen, normalerweise sage ich den sonst niemandem einfach so, gratis, also kannst du ihn auch benutzen.«

Die Hände auf die Theke gestützt, zwang ich mich zur Ruhe, obwohl sich mein Fluchtinstinkt meldete. Etwas sagte mir, dass dieser Mann daran gewöhnt war, ein Ultimatum auszusprechen, und dass die Menschen ihm gehorchten. Ich würde allerdings nicht dazugehören. Nicht in meiner eigenen Bar. »Solange du unter meinem Dach bist, nenne ich dich, wie ich will und wann ich es will, und du wirst nichts dagegen tun können.«

»Das werden wir noch sehen«, entgegnete er. In seinen Augen lagen ein Versprechen und noch etwas anderes, über das ich lieber nicht weiter nachdenken wollte. Sein Blick ließ mein Herz schneller schlagen, meinen Atem schneller gehen. Er schenkte mir ein sexy Lächeln. Und in seinen grünen Augen lag eine Hitze … puh. »Ich liebe die Herausforderung, aber fast genauso gern höre ich diese drei kleinen Worte.« Seine Stimme war rau.

»Und die wären?«

Er hob die Hand und zählte an den Fingern ab. »Du. Hattest. Recht.«

Ich schnaubte und hob ebenfalls die Hand, um herunterzuzählen. »Vergiss. Es. Schnell.«

Er lachte. Ja, tatsächlich, er lachte. Und sein Lachen war genauso unwiderstehlich wie er. »Ich fürchte, da sind wir unterschiedlicher Ansicht. Bis du die Worte zu mir sagst, zumindest.«

»Da kannst du lange warten.« Ich zwinkerte ihm zu. »So viel Zeit hast du bestimmt nicht.«

»Oh, das bezweifle ich. Ich kann sehr stur sein. Mein Bruder sagt immer, ich sei halb Mensch, halb Esel.«

Das war … süß. Auf einmal wirkte er viel zugänglicher. Denn konnte jemand, der halb Esel war … ein schlechter Mensch sein? Und er hatte einen Bruder. Ein Gast ließ sich am gegenüberliegenden Ende der Theke nieder. »Ich muss mich jetzt um die anderen zahlenden Gäste kümmern. Es war nett, mit dir zu plaudern … Lucky.«

Er stieß ein Grollen aus. Ich schwenkte die Hüften, als ich mich entfernte, und hoffte, dass es lässig und unbeschwert aussah. Der andere Gast war ein alter Mann, der jeden Abend Punkt zehn auf ein Sam Adams erschien und nicht sehr erfreut darüber war, warten zu müssen. Im Weggehen spürte ich Lucas’ brennenden Blick im Rücken.

Und zwanzig Minuten später ging er – allein. Ich zwang mich, nicht hinzusehen. Was mir auch fast gelungen wäre. Fast. Als ich es dann doch tat, wäre mir fast das Herz stehen geblieben. Hatte ich vorher geglaubt, dass er mich interessiert beobachtete, war das nichts im Vergleich zu der Art, wie er mich jetzt ansah, als er durch die dunkle, holzvertäfelte Bar zur Tür schlenderte. Wie ein Raubtier.

Und als sei ich seine Beute.

3

Lucas

Am nächsten Abend saß ich in einem überteuerten Diner in einem Touristenviertel der Stadt, das versteckt hinter einem hippen Club lag, den ich normalerweise um jeden Preis gemieden hätte. Am Nachmittag hatte ich mein Bargeld gezählt und vorsorglich schon mal eine Tasche gepackt, für den Fall, dass ich schnell verschwinden musste. Ein Typ wie ich hatte immer einen Fluchtplan in der Hinterhand – vor allem wenn es jemand schon im Knast auf sein Leben abgesehen hatte. Ich hielt die Hand vor den Mund, weil ich gähnen musste, und rutschte unruhig auf der abgeschabten Lederbank hin und her.

Mir gegenüber saß Chris, der einen dampfenden Kaffeebecher mit beiden Händen umklammerte und vorsichtig daraufblies. Die Wände um uns herum waren rot und weiß gekachelt, und Kellnerinnen in nachgemachten Fünfziger-Jahre-Uniformen rollten durch das vollbesetzte Restaurant.

Immer wieder wich er meinem Blick aus und sah zum Fenster hinaus, als erwartete er noch jemanden, obwohl er mir versichert hatte, dass wir heute Abend unter uns bleiben würden. Jetzt nahm er einen Schluck Kaffee und stellte dann den Becher ab. Klopfte einmal, zweimal mit den Fingern auf den Tisch, bevor er wieder nach dem Kaffee griff.

Er benahm sich seltsam, und das machte mich unruhig.

Ich legte die Hand an die Hüfte und spürte die harten Kanten meines Holsters. Dass ich eine Waffe trug, verstieß gegen meine Bewährungsauflagen, aber ich musste vorbereitet sein. Schließlich konnte ich nicht wissen, woher der nächste Schlag kam. Ich dankte Gott, dass ich Chris hatte. Er war der einzige Mensch auf dieser Welt, dem ich tatsächlich, ohne zu zögern, vertraute. Soweit ich dazu in der Lage war, zumindest.

»Jetzt reicht’s. Wenn du noch einmal aus dem Fenster guckst, schlag ich die Scheibe ein.« Ich setzte mich anders hin. Unsere Blicke trafen sich. »Warum hast du mich heute Abend herbestellt?«

Chris zuckte die Achseln. »Brauche ich dafür einen besonderen Grund?«

»Wenn du nervöser bist als eine Jungfrau bei ihrem ersten Freier?« Ich nahm meinen Kaffeebecher in die linke Hand. »Ja, Mann. Dann schon.«

Am Tisch auf der anderen Seite des Ganges saß eine vierköpfige Familie vor riesigen Eisbechern. Sie lachten und wirkten so verdammt fröhlich, dass es fast wehtat, ihnen zuzusehen. Das Klischee der glücklichen Familie, eine Tochter, ein Sohn. Der amerikanische Traum. Etwas, das ich nie haben würde.

Wahrscheinlich würde ich überhaupt nie Kinder haben.

Was hatte ich meinen hypothetischen Kindern schon zu bieten? Eine Welt aus dem Blut und den Tränen anderer. Wer wünschte sich das schon für seine Kinder? Ich nicht. Und ich wollte nicht, dass jemand von mir abhängig war oder weinte, wenn ich tot in irgendeiner Gasse landete.

Denn so endeten Männer wie ich: durch gewaltsamen Tod, der irgendwem das Herz brach. Nur ein weiterer Drecksack, den das Boston PD von der Liste der Meistgesuchten streichen konnte. Mehr würde ich nie sein. Aber wünschte sich ein winziger Teil von mir insgeheim, dass ich das alles haben könnte? Eine Frau? Kinder? Einen Hund? Das Haus auf Cape Cod mit einem weißen Gartenzaun? Oh ja, und wie.

Früher habe ich mir auch gewünscht, fliegen zu können wie Supermann.

Auch das wurde nicht wahr.

Chris seufzte und stellte seine Kaffeetasse wieder ab, ließ sie aber nicht los. Die Lippen zu einem festen Strich zusammengepresst, beugte er sich ein wenig vor zu mir. Ich folgte seinem Beispiel. »Erinnerst du dich an die Fernsehsendung, von der wir gestern sprachen? Die Polizeiserie?«

Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. Da wir gestern auf den Docks gewesen waren und kein Fernsehen geschaut hatten, musste es wohl ein Code für unser Gespräch darüber sein, dass jemand es auf mich abgesehen hatte. »Die, die wir in der Bar am Kai geguckt haben?«

»Ja.« Chris räusperte sich. »Genau die.«

Das Gelächter eines kleinen Mädchens erklang durch den Diner und entlockte den anderen Gästen ein Lächeln, doch an unserem Tisch war die Atmosphäre zum Schneiden dick, sodass es nicht bis zu uns durchdrang.

»Ich erinnere mich, ja. Was ist damit?«

»Hast du gehört, was in der ersten Folge der neuen Staffel passiert?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nee, Mann, aber du weißt ja, ich habe nichts gegen Spoiler.«

»Na ja …« Chris warf einen prüfenden Blick über die Schulter, bevor er sich wieder mir zuwandte. »Also, der Bürgermeister war ziemlich beeindruckt davon, wie Leo die Dinge in der letzten Staffel geregelt hat, und will ihn zum Commissioner über die ganze scheiß Stadt befördern. Es geht das Gerücht, dass Leo sogar sein Nachfolger werden soll, wenn es erledigt ist.«

Ich blinzelte. Wer mit Leo gemeint war, hatte ich sofort kapiert. Mit einer so großen Chance, mich zu profilieren, hatte ich nicht gerechnet. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich es überhaupt wollte. »Warum?«

»Weil Leo den Job ohne viel Aufsehen erledigt hat und vertrauenswürdig ist. In der letzten Staffel hat er bewiesen, dass er ein Geheimnis für sich behalten kann. Der Bürgermeister mag Typen, die sich aufs Geschäft konzentrieren und nicht rumlabern, um Mädels aufzureißen.«

»Ach du Scheiße«, murmelte ich.

Chris zuckte mit den Schultern. »Aber Leos jüngerer Bruder dachte, er wär der Nächste an der Reihe für den Job. Und er findet es gar nicht gut, dass er leer ausgeht, wegen seines älteren Bruders. Deswegen will er Leo Ärger machen. Stürzt sich quasi auf jede Gelegenheit.«

Ich versteifte mich. Das waren ziemlich überraschende Neuigkeiten. Und die Anschuldigung war sehr ernst. Scotty war immer schon ein kleiner Mistkerl gewesen, und ich liebte ihn trotzdem, aber Mord? Das traute ich ihm nicht zu. Nicht ohne konkreten Beweis. »Woher hast du das?«

»Die Leute reden drüber. Ich war … online, und jemand fragte mich, welcher Bruder meiner Meinung nach die Stadt übernehmen soll.« Chris hielt meinen Blick fest. Seine braunen Augen blickten ernst. »Es stimmt, Mann. In einer der nächsten Folgen wird Leo überfallen.«

Also ich. »Scheiße.«

»Ja. Ich weiß.«

Ich lehnte mich auf der Bank zurück und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Wenn Chris die Wahrheit sagte, dann wollte mein Bruder mich ausschalten. Und wenn Scotty mich im Visier hatte, blieben mir nicht viele Optionen, die nicht einen schlechten Geschmack in meinem Mund hinterließen. »Du weißt, was du da sagst, oder?«

»Wenn nicht hätte ich es nicht gesagt.« Chris warf mir einen vielsagenden Blick zu. »Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Leo sich bald unter Beschuss finden wird, in einer der nächsten Folgen.«

»Fuck«, sagte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte, und warf einen Blick aus dem Fenster. Eigentlich sollte ich jetzt etwas Lässiges raushauen, das zeigte, wie egal mir das alles war, aber ausnahmsweise fiel mir nichts ein. »Weißt du, wann genau?«

»Ich würde sagen, in spätestens einer Woche.« Er nahm einen großen Schluck Kaffee. »Aber da ist noch was.«

»Da bin ich aber neugierig. Du bist ja heute wirklich ein richtiger Sonnenschein, was?«, sagte ich trocken. »Ertränkt er Leos Hund, während der zusehen muss?«

»Er hat keinen Hund«, sagte Chris nüchtern.

Ich massierte mir die Schläfen. »Ja, ich weiß. Das war ein Scherz.«

»Lustig. Wie dem auch sei, man munkelt, dass der jüngere Bruder mit den Feds kooperiert und ihnen falsche Informationen über Leo zuspielt«, sagte Chris, ohne auf meine spöttische Bemerkung weiter einzugehen. »Das heißt, vielleicht arbeitet er nur darauf hin, dass Leo weggesperrt wird, und will ihn gar nicht umbringen.«

Das bewirkte, dass ich mich aufrecht hinsetzte. »Blödsinn. Wie sollte er …?« Ich erstarrte. »Oh, Scheiße. Die Lieferung. Das war eine Falle.«

»Ja.« Chris verzog das Gesicht. »Die Folge von gestern Abend. Die Gegend wurde observiert, und er wusste davon. Das heißt, Leo wäre fast in die Falle gegangen.«

Der Dreckskerl. Ich setzte ein Grinsen auf, obwohl mir viel eher danach war, jemanden umzubringen. »Wow, das klingt, als würde er Leo als große Bedrohung sehen. Wenn ich Leo wäre, würde ich mich geehrt fühlen, dass jemand so viel Anstrengungen unternimmt, um mich aus dem Weg zu räumen.«

»Das ist nicht komisch«, fuhr Chris mich an. »Hör auf, darüber Witze zu reißen.«

Ich hielt die Hände hoch. »Bleib locker, Mann. Das ist nur Show, ich tu nur so.«

»Ja, klar.« Chris zückte einen Zwanziger und warf ihn auf den Tisch. »Mehr ist das Leben nicht für dich. Nur ein großes Scheißspiel.«

Ich nahm den Zwanziger und schob ihn wieder Chris zu, um dann selbst einen Schein auf den Tisch zu werfen. Ich wusste nicht, ob ich ihm glauben konnte, aber er hatte für diese Information sein Leben riskiert, also wollte ich wenigstens seinen Kaffee bezahlen. Außerdem würde ich mich revanchieren, indem ich ihm immer den Rücken freihielt. Aber das verstand sich von selbst. »Weißt du, warum ich so bin?«

Chris warf einen Blick auf das Geld, zuckte die Achseln und stopfte seinen Schein zurück in die Hosentasche. »Warum?«

»Weil ich nicht gern verliere.« Ich öffnete die Tür und steckte die Hände in die Taschen meiner braunen Lederjacke. »Das lasse ich bestimmt nicht zur Gewohnheit werden.«

Chris ging neben mir. »Ja, ich weiß. Als wir acht waren, hast du eine Schlägerei mit mir angefangen, weil ich dein Schlachtschiff versenkt hatte.«

»Und ich würde es wieder tun«, sagte ich grinsend. »Ohne schlechtes Gewissen.«

»Das ist mir klar.«

Die Nachtluft war schneidend kalt. Es war zwar Frühlingsbeginn, aber es herrschten Temperaturen wie im Winter. Ich schlang die Arme um meinen Oberkörper. Und es würde noch kälter werden. Die Sonne war gerade erst untergegangen, und es wehte ein eisiger Wind, den jeder, der so dumm war, sich nach draußen zu wagen, sofort zu spüren bekam.

Chris warf mir einen ernsten Blick zu. »Echt jetzt. Was wirst du wegen Scotty unternehmen?«

»Keine kryptischen Codes mehr?«, fragte ich.

»Wir sind die Einzigen, die so blöd sind, heute Abend einen Spaziergang zu machen. Ist schon in Ordnung. Ich war nur vorsichtig.« Und er fügte hinzu: »Man weiß nie, wer zuhört.«

»Da bin ich ganz deiner Meinung.« Ich stieß die Luft aus. In der kalten Nacht bildete sich eine kleine Wolke vor meinem Mund. »Und wegen Scotty: Ich weiß es nicht. So wie ich es sehe, habe ich drei Optionen. Mich wehren, wieder in den Knast gehen oder abhauen. Dieses Drecksloch und alle darin hinter mir lassen.«

Chris lachte. »Wenn du das tust, nimm mich mit. Ich wollte immer schon irgendwo wohnen, wo es warm ist. Ich hasse den Winter.«

»Das haben wir gemeinsam«, sagte ich.

Bei seinem roten Porsche blieb er stehen. »Bist du mit dem Auto da?«

»Ich bin zu Fuß.«

Chris entriegelte die Türen. »Soll ich dich mitnehmen?«

»Nee, ich gehe zu Fuß nach Hause. Deswegen habe ich meinen Mustang ja stehen gelassen. Manchmal tue ich ganz gern mal so, als wäre ich einer von ihnen.« Ich zeigte in Richtung Freedom Trail. »Und die Kälte macht den Kopf frei.«

»Na gut.« Chris öffnete die Tür. »Aber, Lucas?«

Ich krümmte mich zusammen, um mich gegen die Kälte zu schützen. »Ja?«, fragte ich so gelassen, als hätte ich keine Sorgen. »Ja, Kumpel?«

»Pass auf dich auf.«

»Immer.«

Ich sah zu, wie Chris aus der Parklücke zurücksetzte und davonfuhr. Sobald er außer Sichtweite war, ließ ich die Maske fallen. Die sorgsam aufgesetzte unbesorgte Miene verschwand und wurde durch Wut ersetzt. Sehr viel Scheißwut. Mein kleiner Bruder war ein Idiot. Wenn er dachte, er könnte mich einfach so erledigen und Steel Row übernehmen, war er verrückt. Das würden die Sons nicht mit sich machen lassen. Und Tate auch nicht. Niemand respektierte einen Mann, der einen Blutsverwandten tötete, nur um weiter aufzusteigen.

Aber andererseits … bei dem Leben, das wir führten? Vielleicht doch.

Mistkerle.

Kopfschüttelnd fluchte ich leise und bog auf den Freedom Trail ein. Normalerweise mied ich diese Gegend, aber heute, fand ich, war ich hier genau richtig. Außerdem hatte er sich deutlich geleert, seitdem die Sonne untergegangen war. Die Touristen waren in einer Bar, um sich zu betrinken, oder in ihren Hotelzimmern bei ihren Kindern, sicher und wohlbehalten bis zum nächsten Morgen.

Ich ging um die Metallplaketten herum, die die Route markierten, weil ich sie nicht mit meinen Schuhen beschmutzen wollte. Die Touristen gingen diesen Weg ab, um die Geburt unserer Nation, des Landes der Mutigen und der Heimat der Freien, zu feiern. Paul Revere und der ganze Scheiß. Ich kam hierher, um den Ketten, die mich fesselten, zu entfliehen, um frei zu sein.

Welche Ironie lag darin. So ein Blödsinn.

Außerdem fotografierten sie gerne ihre Füße auf den Plaketten. Ich verstand nicht, warum, aber andererseits verstand ich das Wenigste von dem, was die Leute so taten. Selfies. Liebe. Twitter. Das kam mir alles so albern vor. Mein Leben bestand aus Knast, Erpressung, Mordanschlägen und Verrat. Harten Entscheidungen und noch härteren Konsequenzen. Ich war nie der Typ gewesen, der Fotos von seinen Füßen machte und sie dann überall im Internet postete.

Und ich wusste auch nicht, was ich mit diesem letzten Verrat anfangen sollte, wenn es denn einer war.

Was sollte ich tun, falls die Information tatsächlich stimmte? Meinen eigenen Bruder töten, um mein Leben zu retten? Den kleinen Bruder, den ich praktisch aufgezogen hatte, der mir als kleiner Junge überallhin gefolgt war, bis in dieses Leben hinein? Natürlich war ich in der Lage zu töten. Ich hatte es schon getan und würde es wieder tun können. Aber wollte ich der Typ sein, der sein eigen Fleisch und Blut, ohne mit der Wimper zu zucken, umbrachte? Wie die verdammten Kain und Abel. Ich war kein »guter« Mensch, ganz sicher nicht, und ich würde es nie sein, aber selbst ich zog bei Brudermord die Grenze.

Doch wenn ich ihn nicht tötete, blieben mir nur noch zwei Optionen. Zurück in den Knast oder Flucht. Und keine dieser beiden Möglichkeiten gefiel mir. Trotz der gepackten Tasche, die zu Hause auf mich wartete, war ich keiner, der davonlief, wenn es Probleme gab, und in den Knast würde ich auch nicht freiwillig zurückgehen. Auf keinen Fall.

Scotty hatte mich in die Ecke gedrängt, es gab keinen Ausweg. Egal welche Wahl ich traf, Scotty gewann. Scheiß drauf. Und scheiß auf ihn. Ich würde es auf meine Art tun.

Wie immer die aussah.

Vor St. Stephen blieb ich stehen. Mein Herz schlug schneller. Das letzte Mal hatte ich vor meiner Verhaftung eine Messe besucht. Etwas sagte mir, dass Gott, wie barmherzig er auch sein mochte, für Männer wie mich keinen Platz hatte. Ich bereute mein Leben nicht oder das, was ich daraus gemacht hatte, aber ich war nicht blind meinen Fehlern gegenüber.

Und er auch nicht.

Vorsichtig streckte ich die Hand nach dem Türgriff aus und zog daran. Verschlossen. Natürlich. Die Himmelstore öffneten sich mir nicht. Ich hatte nichts anderes erwartet. Halb hatte ich sogar damit gerechnet, in Flammen aufzugehen, weil ich es gewagt hatte, heiligen Boden zu betreten. Ich schüttelte den Kopf. »Das ist doch dämlich. Ich hätte nicht herkommen sollen.«

Ich war gerade zwei Schritte weitergegangen, als eine Stimme hinter mir erklang. »Manchmal brauchen wir das Gebet gerade dann am dringendsten, wenn wir glauben, wir hätten nicht kommen sollen, um zu beten.«

Ich fuhr herum und griff nach meiner Waffe. Doch als ich sah, wer hinter mir stand, entspannte ich mich ein wenig. »Tut mir leid, Pater.«

Der alte Priester betrachtete mich mit einem wissenden Blick, der mir Unbehagen bereitete. Ich wollte mich gerade von ihm abwenden, als er sagte: »Sie müssen nicht gehen.« Er hatte weißes Haar, blaue Augen und ein faltiges Gesicht. »Wir haben schon geschlossen, aber Gott schickt keine Besucher fort und ich auch nicht.«

»Sie kennen mich nicht.« Ich erwiderte seinen Blick. »Sonst würden Sie das nicht sagen.«

»Das bezweifle ich«, sagte er. »Was suchen Sie, mein Sohn?«

Auf einmal musste ich an meine Mutter denken, ihre sanfte melodische Stimme, ihre kühle Hand auf meiner Stirn. Wie sie uns sagte, dass wir trotz unserer Armut und der miesen rattenverseuchten Wohnung in Steel Row alles werden könnten, was wir wollten. Und dass ich nichts daraus gemacht hatte. Ich räusperte mich. »Nichts. Ich wollte nur … ich wollte mich nur aufwärmen.«

»An diesem Ort wird nicht gerichtet.« Er öffnete die Kirchentür. »Wir sind immer für Sie da.«

Seine Worte waren wie ein Schlag in mein Gesicht. Außer auf Chris konnte ich auf niemanden zählen. Niemand half mir. Ich nahm mir, was ich brauchte. Wenn ich etwas wollte, machte ich es wahr. Ich. Nur ich allein. Und das würde sich auch nicht ändern.

Ich ließ niemanden an mich heran. Das war eine Herausforderung, der ich mich nicht stellen würde.

»Danke, Pater.« Ich zupfte an meinem Kragen. »Aber ich brauche niemanden.«

»Das hört sich an, als hätten Sie kein Vertrauen«, sagte der Priester.

Ich zuckte die Achseln. Mit einem Priester würde ich mich sicher nicht auf eine philosophische Auseinandersetzung über meine Psyche einlassen. »Gute Nacht, Pater.«

Ich entfernte mich mit langsamen, festen Schritten. Allein in der kalten Nacht, fühlte ich mich wohl. So sollte es sein. Nur wer Menschen an sich heranlässt, kann von ihnen verraten werden. Und am Ende verrieten sie einen immer. Menschen waren gierige Arschlöcher.

Scotty, den ich mein ganzes Leben beschützt hatte, seitdem meine Mutter nicht mehr dazu in der Lage gewesen war, wollte mich aus dem Weg schaffen, entweder indem er mich tötete oder indem er mich zurück in den Knast schickte. Auf keinen Fall würde ich in dieses eiserne elende Loch zurückgehen. Lieber würde ich sterben.

Auf dem gesamten Heimweg haderte ich mit mir. Töten oder getötet werden. Bleiben oder abhauen. Kämpfen oder fliehen. Immer den Umschlag mit Cash im Hinterkopf, der in meiner Wohnung versteckt war. Doch als ich zu Hause ankam, hatte ich immer noch keine Entscheidung getroffen. Vor der ramponierten roten Holztür des Patriot blieb ich stehen. Durch die beschlagenen Scheiben konnte ich nicht in die Bar hineinsehen, aber ich wusste, dass sie noch auf war. Und dass die sexy blonde Barfrau mit der großen Klappe vermutlich dort drinnen war.

Sie war immer da.

Ms Heidi Greene.

Sie hatte etwas an sich, das mich anzog. Auf eine Art erinnerte sie mich an Ma. Stur, stark, schön und unerschrocken. Sie war wie eine frische Frühlingsbrise, die über den Gestank meines Lebens hinwegstrich. Und als ich sie berührt hatte, hatte ich mich lebendig gefühlt.

Ich hatte vergessen, wie sich das anfühlte.

Sie war eine Herausforderung, und seitdem ich aus dem Gefängnis raus war, war mir alles viel zu leicht gefallen. Die Sperrstunde nahte, das hieß, die Bar würde sich bald leeren. Dann hätte sie keine anderen Gäste mehr als Entschuldigung, mich zu ignorieren.

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