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Sonntags gab es Apfelsinentorte

Hannelore Dittmar-Ilgen

Sonntags gab es Apfelsinentorte

Eine Kindheit in den 1960er Jahren





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Eine Idee nimmt ihren Lauf

Ich will erzählen, wie es war…

Dieser Satz hat mich bewogen, Geschichten aus meiner Kindheit, die in den 1950er und 1960er Jahren liegt, zu erzählen, Ereignisse und Erlebnisse, an die ich mich im Laufe der letzten Jahre erinnert habe, unterstützt durch unzählige Fotos aus alten Alben. Manchmal schildern meine Texte den ganz normalen Alltag, wie es in meiner Kindheit in der Schule zuging oder was es an Sonntagen zu essen gab. Mir sind jedoch auch lustige und teilweise schreckliche Episoden aus meiner Kindheit wieder eingefallen.

Alle Geschichten und Erzählungen in diesem Buch habe ich natür­lich gemäß meiner Erinnerung aufgeschrieben. Dem einen oder an­deren Leser, der mich und meine Familie gut kennt, mag auffallen, dass da etwas nicht stimmt, dass er es anders in Erinnerung hat. Oder dass ich gar Dinge durcheinander gebracht habe. Kann sein! Ich habe eben alles so beschrieben, wie ich es in Erinnerung habe und vor allem wie ich es damals – als Kind – wahrgenommen habe. Der Blick auf Geschehnisse und Dinge ändert sich ja auch im Laufe des Lebens. Heute mag uns auch vieles seltsam erschienen, aber die Zeiten damals waren anders. Auf diese Weise ist ja jede Kindheit auch ein Blick in eine andere Zeit mit anderen Werten, Wünschen und Vorstellungen.

Aber: Alles und alle beim Namen nennen? Nicht bei mir, ich habe in vielen Fällen passenden "Ersatz" gesucht. Sollte Ihnen dennoch der eine oder die andere bekannt vorkommen, so ist das purer Zufall und hängt vielleicht mit Ihren eigenen Erinnerungen zusammen.

Kindergeburtstag

In meinen ersten Lebensjahren wurde mein Geburtstag immer im elterlichen, kleinen Kreis zu Hause gefeiert. Meine Mutter hat eine Torte gebacken mit Schokolade und Butterkreme. Meine Ge­burtstagsgeschenke und das Kränzchen mit den Kerzen, genau so viele wie mein Alter, und eine Lebenskerze wurden immer auf mein kleines Tischchen gestellt. In späteren Jahren gab es Einladungen zu Kindergeburtstagen in der Nachbarschaft. Dort genügte, jedenfalls nach der Meinung meiner Oma, als Geschenk noch eine gute Tafel Schokolade. Aber ich glaube, die Beschenkten waren darüber weni­ger glücklich. Man muss in diesem Zusammenhang allerdings er­zählen, dass es bei uns zu Hause wirklich gute Schokolade gab. Sie stammte von der ehemaligen Schokoladenfabrik Hardy in Darm­stadt. Meine Oma kaufte dort immer einen größeren Kasten ge­mischte Tafeln. Besonders die Nougat-Schokolade war außerge­wöhnlich zart und lecker.

 

An meinem Tischchen feiere ich meinen 3. Geburtstag

 

An einige Geburtstagsfeiern aus meiner ersten Schulzeit erinnere ich mich noch recht lebhaft. Eingeladen wurden natürlich Kinder aus der Nachbarschaft, mit denen man die Schulbank drücken durfte, aber auch einige Mädchen aus der Schulklasse. Und: Die Geschenke wurden vielfältiger. Es gab vor allem Bücher, Spiele oder mal etwas für die Puppen. An zwei besondere Geschenke kann ich mich noch erinnern: Einer Klassenkameradin hatte meine Mutter, die immer die Ideen hatte, einen wirklich großen Ball eingepackt. Mit diesem riesigen Geschenk zog ich los und es machte tatsächlich Eindruck. Allerdings war das Mädchen über den Ball dann doch irgendwie enttäuscht, wahrscheinlich hatte sie etwas ganz anderes erwartet.

Und einmal war auch ich sehr enttäuscht: Ausgerechnet meine Freundin Karin brachte eine große Dose Kekse mit. Ich bin in Trä­nen ausgebrochen, meine Mutter musste mich trösten. Allerdings habe ich mich im Nachhinein mit dem Geschenk ausgesöhnt: Die Kekse waren ein Volltreffer, sie schmeckten ausgezeichnet. Es war nur schade, dass meine Freundin das nicht mehr mitbekommen hat.

Was haben wir so an den Geburtstagen gemacht? Natürlich gab es Kuchen und Plätzchen am Nachmittag und abends meistens Würst­chen mit Kartoffelsalat oder bunt belegte Brote. Das war allerdings – zumindest für mich – gar nicht so interessant. Ungeduldig habe ich darauf gewartet, dass die Spiele losgingen.

Dabei handelte es sich meist um verschiedene Geschicklichkeits­spiele, die von den Erwachsenen oder älteren Geschwistern ange­leitet wurden. Meine absoluten Renner waren „Topfschlagen“ und das „Schokoladenspiel“. Beim Topfschlagen wurden dem Kandidaten die Augen verbunden und dann musste er sich mit einem Kochlöffel auf die Suche nach einem Metalltopf machen, den die übrigen Gäste irgendwo abgestellt hatten. Laute Anfeuerungsrufe wie „heiß“ oder „kalt“ gestalteten die Suche aufregend. Und wenn man den Topf dann endlich durch lautes Schlagen gefunden hatte, war unter ihm ein kleiner Gewinn versteckt.

Auch beim Schokoladenspiel ging es ziemlich hektisch und laut zu. Eine Tafel Schokolade wurde zunächst in mindestens zwei Lagen Papier eingewickelt und verschnürt und dann auf den Tisch gelegt. Handschuhe, Schal und Mütze sowie Messer und Gabel lagen bereit. Nun wurde reihum gewürfelt. Derjenige, der eine „6“ gewürfelt hatte, durfte die Kleidungsstücke anziehen und konnte sich mit Messer und Gabel an die Schokolade machen. Allerdings währte das Vergnügen nie lange, denn schon wieder erklang es laut „6“, und man bekam seine Ausrüstung in großer Hast abgenommen. So konnte eine Tafel Schokolade eine ganze Zeitlang völlig unversehrt bleiben. Ein anderes Spiel taufte ich „Mitternachtsspiel“, denn es musste unbedingt bei absoluter Dunkelheit durchgeführt werden (was den Eltern oft unrecht war, denn so zog sich der Kindergeburtstag noch in den Abend hinein.…). Die Teilnehmer machten sich durch Geisterlaute und allerhand Blödsinn bemerkbar und mussten erkannt oder gefangen werden. Ich habe keine Ahnung, was ich daran so toll fand!

 Als ganz spezieller Geburtstagskuchen gab es in meiner Kindheit oft den Kalten Hund. Diese Kekstorte wird im Kühlschrank oder im kühlen Keller „gebacken“ und liebevoll mit bunten Zuckerstreuseln oder Liebesperlen verziert. Und auch wenn wir die größten Scho­komäuler waren, mehr als ein oder zwei Stücke hat keiner von uns geschafft.

Das Originalrezept verwendet leider rohe Eier. Aus Furcht vor Salmonellen habe ich es leicht abgewandelt, was ihm geschmacklich keineswegs schadet. Vielleicht möchten Sie das alte Kinderrezept einmal ausprobieren. Aber warnen muss ich trotzdem: Es ist eine Kalorienbombe!

 

Der Kalte Hund

Sie benötigen: 250 g Kokosfett (z.B. Palmin) oder Butter, ca. 50 ml Dosenmilch, 250 g Zucker, 75 g Kakao, 1 Essl. löslicher Kaffee, 1 Prise Salz, 1 Essl. Rum; Butterkekse

So gehen Sie vor: Lassen Sie zunächst das Fett schmelzen und dann wieder abkühlen. Es soll jedoch nicht fest werden.

Inzwischen vermischen Sie die restlichen Zutaten, außer den Keksen natürlich, zu einer Masse. Nun nach und nach das erkaltete Fett unterrühren. Die Schokomasse sollte schön cremig sein.

Legen Sie eine Kastenkuchenform oder längliche Plastikdose mit Backpapier oder Alufolie aus und füllen sie etwas Schokomasse als Boden ein. Darüber legen Sie nun nebeneinander Butterkekse, dar­über kommt wieder etwas Schokomasse. So füllt sich schichtweise die Form. Die oberste Schicht sollte Schokomasse sein, die schön glatt gestrichen wird. Die Kekstorte mit bunten Zuckerstreuseln, Liebesperlen oder Nüssen verzieren und im Kühlschrank erstarren lassen.

Die Schokomasse kann man auch „auf die Schnelle“ herstellen, indem man 250 g Kokosfett und 400 g Kuvertüre raspelt und dann durch Erhitzen schmilzt. Diese Füllung ist aber fettiger!

Eine etwas weniger süße Variante erhält man, indem man die But­terkekse durch Knäckebrot (Sorte Weizen) ersetzt. Dann sollte man aber als unterste Lage mit Knäckebrot beginnen. Das Brot oder Kekse können auch in kleinen Stücken unter die Schokomasse gege­ben werden, das erspart das Schichten.

Und noch eine leckere Anwendung ist mit der Schokomasse möglich: Man kann Schokoladenwurst daraus machen, auch eine Erinnerung aus Kind­heitstagen. Dazu mischt man unter die Masse noch gehackte Nüsse oder Mandelstifte und lässt sie im Kühlschrank soweit abkühlen, dass sie formbar wird. Dann zu einer runden Wurst rollen. Das geht am besten in Folie. Zum Schluss in Zuckerstreuseln wälzen und... anschneiden.

Toll an den Geburtstagen war auch, dass ich mir ein Mittagessen wünschen konnte. Dieses Lieblingsessen wurde immer mal wieder abgewandelt. Ich erinnere mich, dass ich mir in den ersten Lebens­jahren häufig Bratwurst mit Kartoffelbrei erbeten habe. Dann mochte ich besonders gern Hähnchen mit Reis, auch meine Schwester hat dieses Gericht irgendwann gewählt. Man konnte es mit den Fingern essen und die Knochen abnagen. Und auch Linsensuppe habe ich mir einige Male gewünscht, sie musste schön sauer sein. Aber das beste Essen war immer noch Sauerbraten mit selbst gemachten Kartoffelklößen. Die Sauce des Bratens musste gut sauer sein, oft habe ich mit einem Löffel noch Sauce extra gegessen.

Und heute? Erst einmal kann ich es als dreifache Mutter heute gut verstehen, warum meine eigene Mutter meinem Kindergeburtstag mit einigem Schrecken begegnete und jedes Mal – im Gegensatz zu mir – froh war, wenn er endlich über die Bühne gegangen war. Es musste ja nicht nur etliches vorbereitet werden… es war auch unter Garantie – besonders weil mein Geburtstag in den Winter fällt und man nicht draußen herumtoben konnte – sehr stimmungsvoll (man könnte auch sagen „laut“) an diesem Tag und es ging nicht selten alles drunter und drüber. Und ich selbst war oft – sehr zum Leidwe­sen meiner Mutter und wahrscheinlich auch der Gäste – der größte Kasper in dieser Runde.

Das Wunschessen haben wir auch in unserer Familie eingeführt, meist findet sich sogar ein spezieller Koch für diesen Abend, denn meine Kinder sind inzwischen groß und beschenken sich unterein­ander oder uns mit einem ganz ausgefallenen Essen. Den Kalten Hund stellen wir auch heute noch her, aber natürlich nicht nur an Geburtstagen.

Meine Freundin Karin

In den ersten Jahren war Karin meine beste Freundin. Sie wohnte mit ihren Eltern gerade über die Straße und war ein Jahr jünger als ich. Wir haben mit unseren Puppen und Ted­dys zusammen gespielt, im Garten, in unserer Garage oder auch im Haus. Und natürlich haben wir auch viel Quatsch gemacht und laut gelacht. Leider kam sie zum Spielen nur selten aus dem Haus. Sie verbrachte die meiste Zeit drinnen mit ihrer Mutter, das kam mir damals (und auch heute noch) sehr seltsam vor. Und auch das Einla­den zu mir war oft schwierig, immer waren sie irgendwie „nicht da“. An einen Fall kann ich mich jedoch erinnern, bei dem es nicht an ihrer Mutter lag, dass wir nicht zusammen spielen konnten: Es war unmöglich, die Straße zu überqueren. Nach mehreren Tagen Regen waren dort nur Matsch und Pfützen.

Heute denke ich, dass es ihrer Mutter wahrscheinlich nicht recht war, wenn wir zusammen spielten. Über Gründe kann ich nur spe­kulieren: Sie fand mich albern, ich war kein Umgang für ihre Toch­ter. Aber immerhin durfte sie zu meinen Geburtstagen kommen, an eine Feier bei ihr kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern, auch wenn wir in den ersten Grundschuljahren noch befreundet wa­ren.

Dann haben wir uns allerdings aus den Augen verloren, denn sie sind weggezogen. Vermisst habe ich Karin seltsamerweise nicht, denn in der Schule gab es inzwischen neue Freundschaften.

Die Osterhasenwiese

Im Odenwald gibt es eine Osterhasenwiese! Ich muss es wissen, denn in meiner Kindheit fuhren wir an Ostern dorthin. Sie lag im hinteren Teil des Ohrenbachtals, was schon als erster Hinweis auf den Osterhasen zu verstehen ist. Diese Wiese war an einem Abhang und außerordentlich buckelig und krumm. Den Erzählungen meines Vaters entsprechend musste der Osterhase auf seinem Weg zu den Kindern jedes Jahr über diese Wiese, augenscheinlich war er also ein Odenwälder. Da die Wiese jedoch so viele Hoppelstellen auf­wies, musste der Hase öfter hüpfen oder er stolperte sogar. Bei die­ser Gelegenheit sprangen immer mal wieder einige Sachen aus sei­nem Rückenkorb, die dann auf der Wiese liegen blieben. Der Hase bemerkte das natürlich nicht, denn er hatte es immer eilig.

So machten wir uns also auf den Weg, die verlorenen Osterschätze zu heben. Mit einem Körbchen begann ich meine Suche. Und tat­sächlich konnte ich kleinere Eier aus Schokolade oder auch mal ein Häschen finden. Mein Vater hatte also Recht und wusste über den Odenwälder Osterhasen augenscheinlich gut Bescheid! Man musste allerdings sehr genau die ganze Wiese ablaufen, denn es war ja nicht genau bekannt, wo genau der Hase entlang geflitzt war.

Später sind wir dann auch noch ein paar Mal mit meiner (kleineren) Schwester hingefahren, aber die Osterhasenwiese hatte natürlich nicht mehr den Zauber meiner Kindheit. Zudem erzählte meine Mutter, sie hätten, damit ich ordentlich was finden konnte, manche Eier halt mehrmals auf der Wiese ausgelegt. Gemein!

Und heute? Meine Kinder glauben natürlich schon lange nicht mehr an den Osterhasen, aber gefärbte Eier und kleine Naschereien neh­men sie natürlich noch gerne an Ostern an. Dem immer mehr aus­ufernden Rummel um Geschenke, der schon fast an Weihnachten erinnert, haben wir uns nicht angeschlossen. Ostern ist ein Familien­fest, bei dem – da bin ich auch etwas heidnisch geprägt – der kom­mende Frühling mit einem herrlichen Osterfrühstück begrüßt wird. Als die Kinder noch klein waren, haben wir übrigens noch einen Brauch aus der Familie meines Mannes übernommen. Dort wurden am Samstag vor Ostern Osternester aus Moos und Zweigen angefer­tigt. Die Nester wurden teilweise mit Blumen aufwändig dekoriert und waren schön anzusehen, schließlich sollte der Osterhase ani­miert werden, genau dort hinein seine Ostereier zu legen. Und oh Wunder: Es klappte!

Backen für Weihnachten

Die weihnachtliche Stimmung fing in meinem Elternhaus schon beim Plätzchenbacken an. Ich kann mich noch gut erinnern, dass meine Oma in den meisten Jahren irgendwann in der Vorweih­nachtszeit zu mir sagte, dass wir heute mit dem Plätzchenbacken anfangen würden. Das hieß, dass sie einen Knetteig herstellte, aus dem wir dann mit unseren Förmchen Motive ausgestochen haben. Meine Oma (und auch meine Mutter) passten aber gut auf, dass ich nicht zu viel von den Teigabfällen naschte. Ich kann mich jedoch nicht erinnern, dass es mir davon einmal schlecht geworden ist. Die Plätzchen wurden sorgfältig auf Bleche gesetzt, mit Eigelb bestri­chen und mit bunten Zuckerstreuseln, ein absolutes Muss auch heute noch, bestreut. Und dann verbreitete das Backen den unverkennba­ren Weihnachtsduft in der Küche. Die ersten Plätzchen durften noch heiß probiert werden, das waren immer die besten.

Als zweite Sorte haben wir immer das Spritzgebäck gemacht. Bei uns wurde es aber nicht, wie der Name suggeriert, mit einem Teig­beutel auf das Backblech gespritzt, was eine harte und anstrengende Arbeit ist. Wir hatten dafür einen Aufsatz, der auf den Fleischwolf geschraubt wurde und aus dem Teig hübsche sternförmige Würst­chen formte, die in den lustigsten Formen auf die Backbleche wan­derten. Makronen waren auch ein traditionelles Gebäck bei uns. Ein Problem war dabei immer, dass das Eiweiß auch gut steif war, mussten wir es doch mit einem kleinen Handrührer schlagen. Dann wurden mit zwei kleinen Löffelchen Teigklößchen auf runde Obla­ten gesetzt. Ich erinnere mich, dass ich die Oblaten viel lieber geges­sen hätte, statt die Makronen darauf zu setzen.

Viel Mühe machte die Herstellung von Schokoladina. Dabei handelt es sich um ein Lagengebäck: Auf ein Backblech wurden dünne Schichten Schokoladenmasse gestrichen, zwischen die Lagen von rechteckigen Oblaten kamen. Und alles musste hauchdünn sein. Man hatte also für die Backblechhöhe mindestens 5 Schichten Schokolade zu verteilen. Wer das je einmal probiert hat, weiß, dass alles verrutscht und klebt. Dann kam das Backblech ins Kühle und am nächsten Tag wurden rautenförmige Plätzchen daraus geschnit­ten, auch wieder nicht ganz einfach. Wenn ich ehrlich bin: Die Plätzchen sind lecker, aber ich stelle sie wegen der aufwändigen Kleckserei nicht her.

Eine Lieblingssorte meiner Mutter waren augenscheinlich Spring­erle, ein Anisgebäck. Der Teig dafür wurde auf Aniskörnern, ein Gewürz, das ich damals übrigens nicht ausstehen konnte, ausgerollt und dann mit einem Holzmodel geformt. Mit einem kleinen Räd­chen hat meine Mutter die einzelnen Plätzchen dann voneinander getrennt. Nun kamen die Plätzchen auf ein Blech und mussten über Nacht trocknen. Meine Mutter sagte dazu immer, die Springerle müssten „Füßchen“ bekommen, ich konnte jedoch am anderen Tag keine entdecken. Auf jeden Fall waren die Plätzchen nach dem Ba­cken knallhart, ich habe davon kein einziges gegessen! Aber meine Mutter hat die Springerle unverdrossen in ihren Kaffee getunkt. Viel mehr liebte ich die Vanillekipferl, die meine Mutter nach einem alten Rezept ihres Onkels herstellte. Der duftige Vanillezucker (auch wenn wir nur mit Vanillinzucker in dieser Zeit backten!) war für mich der Inbegriff des Weihnachtsduftes. Ich liebe diesen Duft auch heute noch, viel mehr als Zimt.

Meine Mutter hat auch das Rezept für einen ganz besonderen Weih­nachtsstollen. Ich vermute, er wurde in ihrer Heimat, dem Sudeten­land, so gebacken. Er wird nämlich mit Backpulver und Quark her­gestellt und nicht aus Hefeteig wie der bekannte Dresdner Christstollen. Wer einmal das zarte und saftige Ergebnis probiert hat, ist von dieser Version überzeugt. Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter früher den Stollen aus Teigzöpfen, dazu noch mehrla­gig, geflochten hat. Später hat sie den Teig der Einfachheit wegen übereinander geschlagen, und es war dann auch gut so. Diesen Un­terschied schmeckte man sowieso nicht.

Die Rezepte für unsere weihnachtliche Bäckerei stammten übrigens aus kleinen Werbeheftchen für Speisestärke, Vanillezucker oder Backpulver. Ich kann mich nicht erinnern, dass je ein Kochbuch dafür aufgeschlagen wurde. Ich habe unsere Traditionsrezepte ir­gendwann einmal meiner Mutter abgeschwatzt und hüte sie sorgfäl­tig in einem kleinen Ringbuch. Auch heute noch backe ich danach. Auch den Packungen der Oblaten für die Makronen lagen immer kleine Faltblätter mit Rezepten bei. Übrigens haben wir die meisten Plätzchen mit „guter Butter“ gebacken, auch wenn diese teurer als Margarine war. Diese Verschwendung gehörte zu Weihnachten ein­fach dazu.

Meine Oma hat sogar oft erzählt, dass sie in den Jahren vor dem Krieg immer Eier in Flüssigglas für die Weihnachtsbäckerei aufge­hoben hat. Hühner legten in der damaligen Zeit nämlich noch nicht das ganze Jahr frische Eier. Das können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen! Auch das Mehl wurde in meiner Kindheit noch gesiebt. Und das hatte zwei Gründe: Oft war das Mehl klumpig und wurde durch das Sieben schön locker für das Backen. Und zum an­deren fand sich in der einen oder anderen Tüte immer mal wieder Fremdgut. Wenn es nur ein Same oder Dreckteilchen war, war alles gut. Manchmal fanden wir aber auch die nicht gerade appetitlichen Hinterlassenschaften von Mäusen oder kleine schwarze Käferchen im Mehl. Das sollte natürlich nicht mit in das Gebäck kommen.

Und heute? In meinen Jugendjahren habe ich vor Weihnachten im­mer wieder neue Sorten Plätzchen ausprobiert. Und in meiner Stu­dentenzeit haben wir jedes Jahr an einem Samstag vor Weihnachten mit allen Freunden und Bekannten Plätzchen in unserer Frankfurter Wohnung gebacken. Jeder musste ein Rezept aussuchen, den Teig herstellen und wir haben dann gemeinsam die Plätzchen gebacken. Wenn wir am Ende des Samstags dann fix und fertig von unserer Backerei waren, gab es einen großen Topf Suppe. Während des Essens konnten die gebackenen Werke dann abkühlen, wir reinigten die Küche und zum Schluss kam das Beste: Jeder bewaffnete sich mit einer möglichst großen Schüssel und die Plätzchen wurden ver­teilt. So konnte jeder dann von allen Sorten mit nach Hause nehmen. Diese Tradition haben wir auch später fortgeführt und dann sogar die Kinder in diese Aktion einbezogen. Sie ist allerdings in den letzten Jahren eingeschlafen, auch weil nicht immer ich die Einladende sein wollte und damit die ganze Arbeit hatte. Vielleicht ist auch der vorweihnachtliche Stress, den ich heute als besonders schlimm empfinde, schuld daran, dass sich keine „Mit­täter“ fanden.

Auf jeden Fall habe ich in dieser Zeit viele interessante Plätzchen kennen gelernt. Aber wenn ich ehrlich bin: Auch heute noch backe ich an einem Samstag vor Weihnachten Plätzchen, aber fast nur traditionelle Sorten, sie schmecken – wohl auch wegen der Erinnerung – einfach am besten und gelingen garantiert. Keine noch so raffinierte Kreation in irgendwelchen Kochheften kann mich davon abbringen. Den Spitzgebäck-Aufsatz für den Fleischwolf habe ich übrigens von meiner Mutter bekommen. Besonders mein Sohn legt gerne die verrücktesten Formen aus den Teigwürst­chen. Nur Teignaschen ist heute strikt verboten: Da die meisten Teige Eier enthalten, habe ich einfach Angst vor einer Salmonellen-Infektion, so wie es einmal im Kindergarten passiert ist. Eigentlich schade, denn das Teignaschen war eines der schönsten und wich­tigsten Beschäftigungen beim vorweihnachtlichen Backen.

Weihnachts-Quarkstollen

Zutaten: 500 g Mehl, 1 Päckchen Backpulver, 1 Päckchen Vanille­zucker, 200 g Zucker, Muskatnuss, 1 Fläschchen Rumaroma, 2 Eier, 175 g Butter, 250 g Quark, 250 g Rosinen, 150 g gehackte Nüsse und je 100 g Zitronat und Orangeat, gewürfelt

Man stellt aus den Zutaten einen festen Knetteig her und füllt damit am besten eine Brotbackform. Man kann den Stollen auch, so wie das meine Mutter früher immer gemacht hat, flechten. Der Stollen wird dann bei 180 °C 2 Stunden gebacken; evtl. muss man ihn mit Alufolie abdecken, damit die Oberseite nicht zu dunkel wird. Der Stollen wird noch heiß mit zerlaufener Butter bepinselt und mit Pu­derzucker bestreut. Ich tränke ihn zusätzlich mit einem Gläschen Likör, z.B. Marillen, Pfirsich oder Orange. Den Stollen dann gut abkühlen lassen und in Alufolie verpacken, damit der durchzieht. Kühl lagern.

Wir feiern Weihnachten

Weihnachten begann für mich in meiner Kindheit, wie auch heute noch in meiner Familie, schon lange vor Heiligabend. Wir starteten mit einem Kranz aus grünen Tannenzweigen und roten Kerzen, der mit schönen, frisch gebügelten roten Bändern an einen speziellen Ständer gehängt wurde, in die Adventszeit. Besonders gut habe ich die heimelige Atmosphäre am ersten Advent in Erinnerung, an dem meine Mutter dann beim Dunkelwerden die erste Kerze anzündete. Im stimmungsvollen Kerzenschein knackte sie immer Nüsse für uns. In meiner Ungeduld wollte ich an diesem ersten Adventssonntag immer weitere Kerzen anzünden, aber meine Mutter bestand darauf, dass an diesem Tag nur die eine Kerze des Adventskranzes brennen durfte. Schade, denn ich hätte gerne eine, wenn auch noch so kleine Kerze für mich gehabt, denn ich liebte (und liebe) Kerzen über alles. Aber natürlich hatte sie Recht!

 

Immerhin schon vier Kerzen: Advent im Jahr 1958

(Im Hintergrund unser Kachelofen und darüber mein Adventskalender)

 

In der Vorweihnachtszeit verschwanden auch regelmäßig einige meiner Puppen. Es war einfach rätselhaft, wo sie hingekommen waren. Am Heiligabend löste sich jedoch das Rätsel: Meine Mutter hatte sich die Puppen geholt und hatte für sie, oft abends nach ihrer anstrengenden Arbeit, noch Kleidchen, Strümpfe oder sonstige Be­kleidungsstücke für sie gehäkelt oder gestrickt. So waren an Weih­nachten immer einige meiner Puppen neu eingekleidet. Leider wur­den meine viel geliebten Bärchen nicht so intensiv bedacht …

Der Heiligabend begann dann damit, dass die Tür zum Wohnzim­mer immer auf wundersame Weise mit einem kleinen Riegel aus Draht verschlossen war. Meine Eltern hatten am Vorabend, nach­dem ich schon im Bett war, heimlich den Baum aus dem Garten hereingeholt, den Weihnachtsschmuck vom Dachboden herunter gebracht und den Baum geschmückt. Ich sollte das Ergebnis keines­falls vorher sehen. Der Tag zog sich in die Länge, daran konnten auch die schönen Kindersendungen im Fernsehen, die so bedeut­same Namen wie „Wir warten aufs Christkind“ trugen, nichts än­dern. Immer wieder habe ich heimlich zur Tür geschielt, ob nicht ein verräterischer Laut oder Kerzenschein hinter der Tür die Ankunft des Christkindes ankündigte. Und ich habe meine Eltern mit Sicher­heit gequält, so wie es Kinder eben machen, wenn die Geduld am Ende ist.

 

Voller Ungeduld öffne ich die Tür zum Weihnachtszimmer (1958)

 

Wenn dann (endlich!!) durch die (matte) Glasscheibe die Kerzen zu sehen waren, die mein Vater natürlich still und heimlich angezündet hatte, wurde der kleine Drahtriegel abgemacht und ich durfte vor­sichtig die Tür zum Weihnachtszimmer öffnen: Die Kerzen brannten auf dem Baum, unter dem Baum lagen die Geschenke, Puppenküche und Kaufladen waren aufgebaut und die Puppen waren frisch einge­kleidet. Herrlich und spannend zugleich! In meiner Kindheit hatten meine Eltern auf dem Baum noch echte Kerzen. Diese Stimmung lässt sich mit elektrischer Beleuchtung nicht vergleichen. Der Baum wurde allerdings seltener angemacht, denn Kerzen kosteten Geld und man musste sie beaufsichtigen. In späteren Jahren mussten meine Schwester und ich nun etwas auf dem Klavier vorspielen. Bei mir war das allerdings nicht so beliebt, denn es zögerte das ersehnte Geschenkeauspacken nur unnötig hinaus.