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Sonnenuntergang

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© 2016 Roland Schunke

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN
Paperback: 978-3-7345-4556-6
Hardcover: 978-3-7345-4557-3
e-Book: 978-3-7345-4558-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

SONNENUNTERGANG oder die Suche nach Heimat

Peter

Er war für uns alle im Dorf schon immer ein alter Mann und bewohnte in meinen Kindertagen ein kleines an den Wald angrenzendes Haus. Sein Sohn, der in einem Nachbarort lebte, versorgte ihn mit den notwendigsten Lebensmitteln, mit Tabak für seine Pfeife und Wein aus den Nachbarorten. Da sich unser Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand und auch meine Brüder zu ihrer Kinderzeit sich bei ihm aufhielten, Hilfsarbeiten im Garten verrichteten, Holz hackten oder im Sommer die ans Haus angrenzende Wiese mähten, um das Gras nach Trocknung zur Winterfütterung für Hasen und Ziegen nach Hause zu transportieren, ergab es sich folgerichtig, dass auch ich mich bei jenem alten Herrn wie zu Hause fühlte. Seine Frau starb vor langer Zeit. Aus diesem Grund hatte er das Erdgeschoss an einen Rentner vermietet und das Obergeschoss für sich eingerichtet: Eine kleine Küche, ein Schlafzimmer, ein Bad, heute würde man dies als Waschgelegenheit bezeichnen, ein Wohnzimmer. In der Sprache der Einwohner jener Tage hätte man hierzu die „guud Stubb“ gesagt, die nur zu besonderen Anlässen wie Ostern, Weihnachten, Konfirmation oder sonstigen häuslichen Feiern Familienmitgliedern und Gästen geöffnet wurde. Gelebt wurde ausschließlich in der Küche. Hier empfing man Besuch, trank Schnaps, Bier und Wein, rauchte, stritt, kochte, as. Auch während des Winters hielt man sich gerne an jenem Ort auf: Es war der einzige beheizte Raum.

Im Wohnzimmer jenes alten Herrn stand auch ein „Schesselong“. Ein Möbelstück, dessen Name dem französischen Wort Chaisselongue entsprach, was frei übersetzt ‚langer Stuhl’ heißt, in Wahrheit aber eine Art Sofa darstellte, diente dem Alten als mittägliche Ruhestätte. Ein solches stand auch in unserer Küche. Meinem Vater diente es nach dem Mittagessen zur kurzen Entspannung für ein ‚Nickerchen’. Hier lag er gerne, behütet von unserer Hauskatze „Pit“. Ein nicht überhörbares Vergnügen, denn Vater und Kater schnarchten unisono.

Der Austausch jenes Sofas durch eine moderne Eckbank veränderte das mittägliche Schlafverhalten: Zu kurz, zu schmal, zu hart.

Jene Tage erscheinen mir heute als meine Persönlichkeit prägend. Ich mag zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, als es mir gestattet war, in den Ferien mit dem Alten und einem gleichaltrigen Rentner, der ebenfalls in unserer Straße wohnte, zu Arbeiten im nahe gelegenen Wald zu dürfen. Meine Mutter richtete mir einen kleinen Rucksack, einen Tornister mit hellbraunem Fell, der aus meines Vaters Militärzeiten stammte. Eine Feldflasche aus Aluminium, Butterbrot und Apfel füllten ihn. So marschierte ich stolz mit den beiden Waldarbeitern in den Soonwald. Zu ihren Aufgaben gehörte im Sommer das Ausforsten von Waldabschnitten, die zum Jagdrevier des Pächters gehörten. Mir oblag es, das geschnittene Zweigwerk auf einem Haufen zusammenzutragen, eine Arbeit, die ich mit großem Eifer und zur Zufriedenheit erledigte. Als Belohnung durfte ich nach getaner Arbeit mit den Alten, auf einem großen Baumstamm sitzend, Butterbrot, Apfel und das mitgebrachte Getränk genießen. „Was hast Du in Deiner Flasche?“, fragte Peter. „Tee.“ „Tee? Das trinkt man doch nur, wenn man krank ist. Hier, probier mal was Richtiges.“ Dabei bot er mir seine Feldflasche an. Nach dem ersten Schluck spie ich unter schallendem Gelächter der Gefährten aus. Das Getränk trug den Namen ‚Bierefiez’, ein aus Birnen und Äpfeln selbst gekelterter Wein .Dieser Begriff muss wie folgt erklärt werden: Die Frucht Birne wurde umgangssprachlich als ‚Bier’ bezeichnet und das Wort ‚Fiez“ könnte dem Begriff Fusel für qualitativ schlechten Schnaps entlehnt sein. Was auch immer zur Namensgebung Pate stand: Es roch nach Wein, schmeckte sauer und belegte die Zunge mit Pelz. In jenem Alter verstand ich nicht, dass ein derartiges Gebräu trinkbar sein sollte, obwohl alle Bauern im Herbst Äpfel und Birnen zur Weingewinnung für den häuslichen Bedarf zermalten und den nach der Pressung gewonnenen Saft in Holzfässern, die zuvor mit übel riechenden Schwefelstäben keimfrei geräuchert wurden, gären ließen. In späteren Jahren entfaltete dieser ‚Apfelwein’ ein ums andere Mal auch bei mir seine segensreiche Wirkung.

-Unser Waldfrühstück sollte noch zu einem besonderen Erlebnis werden. Peter schnitt mit seinem Jagdmesser ein Stück Rauchfleisch ab und reichte es mir mit einem Stück frischen Bauernbrots. Dann entnahm er seiner Arbeitsweste ein kleines Taschenmesser, streckte es mir entgegen und fügte kurz und trocken hinzu: „Damit Du ein richtiger Waldarbeiter wirst.“ Ein eigenes Taschenmesser! Die Beiden grinsten verschmitzt. Meinen verbalen Dank, „Ist das für mich?“, kommentierte Peter mit einem fast unhörbaren „Ja, nimm es.“ Mehr erfreuten sie sich wohl an meinem strahlenden Gesicht. Umgehend klappte ich das Messer auf und schnitt wie ein ‚Alter’ Stücke von Brot und Dörrfleisch. Lange Zeit verbarg ich dieses Kleinod mit höchster Aufmerksamkeit und benutzte es während meiner Kindheit für allerlei Knabenverrichtungen.

Der Herbst nahte mit den jährlichen Treibjagden auf Hasen und Fasanen. Peter teilte mich zu seinem Helfer beim Treiben ein. Tage vor dem großen Ereignis suchte ich, wie er mir aufgetragen hatte, einen alten Topf, um bei der Treibjagd für Angst einflößenden Lärm zu sorgen. Das Behältnis fand ich schnell: Im Stall, wusste ich, bewahrte meine Mutter einen großen, alten Aluminiumtopf auf, in dem sie Kartoffeln für unsere Hasen kochte. Mit einem aus der Küche geborgten Kochlöffel lief ich um unser Haus und jagte unseren Katzen und Hühnern mit blechernem Trommeln einen ordentlichen Schrecken ein, bis meine Mutter mir mit deutlichen Worten Einhalt gebot. „Hör endlich mit dem Unfug auf, Du machst ja die Tiere verrückt.“ Diese Maßregelung kam zur rechten Zeit, plante ich doch nach der Ouvertüre als Generalprobe unsere in den Ställen befindlichen Stallhasen in unseren Vorgarten mit Hecken und Sträuchern zu setzen, um die moralische Wirkung des von mir erzeugten Lärms zu testen.

In den Nächten vor dem großen Ereignis wuchsen in meinen Träumen vielfältige Ablaufszenarien. Wo würde ich stehen? Würde man zufrieden sein mit Kampfgebrüll und Trommelschlag? Meine von mir aufgeschreckten Karnickel würden die Größten sein, die durch mein Rufen in die Höhe und zur Flucht aus dem Dickicht getriebenen Fasanen würden wie Gold vor des Jägers Flinte mit ihren Flügeln um Gnade flattern. Am Abend würde man mich als Helden ehren, mit einer Stola aus silberfarbenem Hasenfell über der Schulter und Fasanenfedern im Haar, in der Sonne würde man mich bewundern, den einzigen, den wahren Jagdhelfer.

Ein irdisches, wenig Helden huldigendes Rufen, zerschlug meine Träume. „Aufstehen“, rief meine Mutter, „sonst kommst Du zu spät.“ Zum Frühstück gab es Haferflocken mit Blockschokoladenraspeln, übergossen mit heißer Milch und ein mit Butter belegtes Bauernbrot. Anstelle des großen Kartoffeltopfes reichte sie mir eine kleine Stielkasserolle und meinte: „Der ist nicht so schwer und Du kannst ihn besser festhalten.“ Die Größe des Topfes sollte nicht entscheidend sein, dachte ich, der Treiber und dessen ohrenbetäubendes Hämmern entscheiden die Schlacht.

Peter wartete bereits mit weiteren Helfern auf mein Kommen. Ein Bauer brachte uns auf einem an seinem Pferdefuhrwerk angehängten Leiterwagen zur Jagdhütte inmitten des belaubten Waldes. Hier wurde mein in der Nacht ersonnenes Heldenepos auf wenige Worte reduziert. Weit mehr als dreißig Helfer standen bereits in mehreren Gruppen zusammen und beratschlagten sich murmelnd im Morgennebel. Streng waren sie getrennt, die Truppenteile. Jäger in grünen Röcken mit Hüten und Flinten, manche mit Hunden, postierten sich direkt vor dem Jagdhaus, die Hornbläser links, ihre Mundstücke mit den Händen wärmend, die Treiber, also auch ich, rechts, in ehrfürchtiger, einem Helfer der Obrigkeit gerade noch zustehenden Nähe. Plötzlich, ohne vorherige Ankündigung, verstummten die Wortfetzen. Der Jagdherr, der Pächter, trat mit prächtiger Uniform aus seiner Hütte, begab sich auf eine kleine Anhöhe, um seine Befehle mit brusttiefem Ton, einem Führer gleich, mit fester Stimme und weit ausholenden Gesten der Gefolgschaft zu erteilen. Die Jäger wurden einem Jagdführer zugeordnet, wir Treiber erhielten einen Rottenführer. Nur die Bläser blieben unangesprochen. Hier begleitete der Dirigent als musikalischer Leiter eine Führungsrolle, ausbildungs- und nicht befehlsbedingt. Auf sein Zeichen intonierten neun Musiker eine Fanfare. Peter erklärte mir gerührt: „Das ist die Begrüßung.“ Nach dem Verklingen des letzten Tones und anschließender Beratung der Offiziersriege erhielt jede Gruppe die ihr zugedachten Anweisungen. Den Jägern, mutmaßte ich, wird wohl die ideale Abschusslinie zugewiesen worden sein. Ungeordnet schien mir die Gefahr von Verletzungen anderer Jagdteilnehmer auch zu groß. Wir erhielten unseren Marsch- und Einsatzplan von einem, Peter wohl bekannten, älteren Bauern aus unserem Dorf. Unsere Aufgabe lautete, auf leisen Sohlen einen Richtweg einzunehmen, der an das zu bejagende Revier angrenzte. In Abständen von jeweils zwanzig Metern sollten wir uns postieren. Sie nannten es ‚eine Reihe bilden’. Peter sagte leise zu mir: „Du bleibst neben mir.“ Ich erwiderte: „Aber wir sollen doch zwanzig Meter Abstand halten“. „Nein“, fügte er ruhig hinzu. „Das gilt für die anderen. Du bleibst neben mir.“ Er sorgte sich. Nachdem alles besprochen war, spielte die Jagdhorngruppe erneut auf. Da sich alle in Bewegung setzten, fragte ich Peter: „Geht es jetzt los?“ „Ja“, gab er mir zur Antwort, „die Bläser haben ‚Aufbruch zur Jagd’ gespielt.“ Leise, aber dennoch zügig nahmen wir den von uns einzunehmenden Weg in Angriff. „Die Jäger werden ein Gleiches tun“, dachte ich. „Sie werden ihren Schießplatz in Beschlag nehmen.“ Nach einem weiteren Musikstück begann das Treiben. Während wir auf unseren Töpfen und Eimern mit Holzknüppeln trommelten, bewegten wir uns im Gleichschritt langsam in den Wald.

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