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Sonne am Winterhimmel

Christina McKay

Sonne am Winterhimmel


Gewidmet: Euch beiden und Euren verstorbenen Männern. Ohne Euch würde es diese Geschichte nicht geben. Danke, dass ich sie erzählen durfte.


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Man trifft sich immer zweimal

„Nächste Woche dann wieder um die gewohnte Zeit am Freitagnachmittag. Schönes Wochenende, Hr. Carstensen.“ Die Sprechstundenhilfe lächelte Nils zu und er verabschiedete sich. Während er die Praxis seines Therapeuten verließ, war er in Gedanken schon bei den Dingen, die er heute noch erledigen wollte. Erst einmal kurz ins Büro, dann Einkaufen für seine Schwester Gabi. Den Rest des Tages, na mal sehen.

Nils bog um die Ecke zur Treppe und stieß gleich darauf mit jemandem zusammen. Die Person vor ihm geriet ins Schwanken und aus Reflex griff Nils zu, gerade rechtzeitig, um zu verhindern, dass der Mann rückwärts die Treppe hinunter fiel. Nils war so erschrocken, dass er erst einmal kein Wort herausbrachte.

„Ich… Das tut mir leid“, sagte eine weiche Stimme und der Mann hob den Kopf. Goldbraune Augen schauten Nils an. Der Fremde war offenbar genauso erschrocken.

„Schon gut, es ist ja zum Glück nichts passiert“, beruhigte er den Anderen und sich selbst. Da der Mann wieder einen festen Stand hatte, ließ Nils ihn los und nickte ihm kurz zu. Ein wirklich hübscher Kerl, ging es ihm kurz durch den Kopf, während er die Treppe des Ärztehauses hinunterlief. Nils war immer noch ziemlich erschrocken über den Zusammenstoß. Mann, wenn der Typ rückwärts die Treppe runter gefallen wäre... Das hätte wirklich böse enden können.

Das Läuten des Handys unterbrach seine Gedanken, gerade als er das Auto erreicht hatte. Nils lächelte, das war der Klingelton, den er für seine Schwester Gabi eingestellt hatte. Mit ihren 34 Jahren war sie zwei Jahre älter als er selbst, und sie verstanden sich wirklich gut. Er schloss den BMW auf, stieg ein und griff nach dem Handy. „Hallo, Schwesterchen“, nahm er das Gespräch entgegen.

„Hallo, Nils. Warst du schon einkaufen? Ich hab nämlich ein paar Sachen auf der Liste vergessen.“

„Kein Problem. Ich komme gerade von meinem wöchentlichen Termin bei Dr. Hartmann. Jetzt fahre ich noch kurz im Büro vorbei und gehe dann zum Einkaufen. Was brauchst du denn noch?“ Nils griff nach seinem Terminplaner, und holte schnell die Einkaufsliste und den Kugelschreiber hervor.

„Geht es dir gut?“ erkundigte sich Gabi leise, statt seine Frage zu beantworten.

„Ja, es geht mir gut.“ Überraschenderweise stimmte das sogar. „Wirklich“, setzt er hinzu, als Gabi nicht gleich antwortete.

„Okay. Das freut mich“, hörte er sie sagen. „Also, ich brauche unbedingt noch Babyshampoo, Parmesan, von der leckeren Pfeffersalami, Blumenkohl und Kopfsalat. Hab ich dir die Babynahrung aufgeschrieben?“

Nils grinste und las seiner Schwester die Liste vor. „Fehlt noch was?“

„Ich hoffe nicht. Du bist wirklich ein Schatz.“

„Ich mach das gern für dich, das weißt du doch.“

„Hab dich lieb. Bleibst du später zum Abendessen?“

„Hab dich auch lieb, und ich esse gern mit euch.“

Nils beendete das Gespräch und fuhr zum Büro. Eigentlich hatte er an diesem Tag frei, aber er wollte noch einige Dinge mit seinem Geschäftspartner besprechen. Lars war außerdem sein bester Freund, sie kannten sich schon seit der Grundschule. Die Eventagentur hatten sie vor einigen Jahren zusammen gegründet. Anfangs war es ein kleines Unternehmen gewesen, das sie beide kaum ernähren konnte. Aber inzwischen war die Agentur ziemlich angesagt, sogar bundesweit, und sie beschäftigten 12 Angestellte.

An der offenen Bürotür blieb Nils stehen. Lars telefonierte gerade, hatte ihn aber bemerkt und winkte ihn herein. Nils grinste, während er sich auf den bequemen Stuhl vor Lars' Schreibtisch fallen ließ und den Rest des Telefonats verfolgte.

„Ja, ich freu mich auch. Bis heute Abend dann, Oliver“, beendete Lars das Gespräch kurz darauf.

„Ein Neuer?“ fragte Nils neugierig.

„Ja, ich hab ihn vor einigen Tagen im Chat kennen gelernt. Netter Typ, ich hoffe, der Sex wird gut. Ich bin definitiv untervögelt.“ Lars warf seinem Freund einen forschenden Blick zu. „Ich weiß echt nicht, wie du -“

„Mann, nicht schon wieder! Ich weiß, du machst dir Sorgen, aber lass es einfach. Bitte.“ Nils seufzte. „Ich bin nicht an meinem freien Tag hier, um über mein Sexleben zu reden. Hast du was von den Berlinern gehört?“

Lars zögerte einen Moment, ließ sich dann aber auf den Themenwechsel ein. Sie besprachen die Neuigkeiten zum Berliner Projekt, das sie für eine große Kunstgalerie planten, und schnell war fast eine Stunde vorbei.

„Okay, das war es wohl für heute.“ Nils stand auf. „Wir sehen uns dann am Dienstag.“

„Du kannst nicht ewig so weitermachen.“ Nils wusste sofort, was sein Freund meinte. Lars' Worte zeigten deutlich, dass das Thema für ihn noch nicht abgehakt war.

„Nein, kann ich nicht. Aber für den Moment schon“, erwiderte Nils leicht verärgert. „Du bist mein bester Freund, und ich bin froh, dass du immer für mich da warst und es noch bist. Aber das geht dich nichts an, das ist meine Entscheidung. Oder willst du dich etwa anbieten?“

Verärgert schauten sie sich an, dann lachte Lars los, und auch Nils musste grinsen. „Ich schätze mal, die Zeiten sind längst vorbei, oder?“ brachte Lars schließlich hervor. „Damals war das in Ordnung, heute wäre es das nicht mehr. Du stehst mittlerweile auf Sex mit Gefühlen, ich mag es unverbindlich.“

„Bis du irgendwann auch den richtigen Mann triffst“, erwiderte Nils leise und nun wieder ernst. So war es bei ihm gewesen. Alex war für ihn der Richtige gewesen. Alex... Der tödliche Unfall war nun fast eineinhalb Jahre her, aber es tat immer noch sehr weh. Nils vermisste seinen Mann, Tag für Tag. Und ja, ihm fehlte auch der Sex. Aber er konnte sich nicht vorstellen, mit einem anderen als Alex zu schlafen.

Energisch schob er die Gedanken beiseite, verabschiedete sich von seinem Freund und machte sich auf den Weg. In dem großen Supermarkt am Stadtrand kaufte Nils gerne ein, weil er dort meistens alles bekommen konnte. Für einen Freitag war heute wenig Betrieb. Na ja, es war Monatsende. Viele warteten wohl auf den Lohn, nächste Woche würde es sicher wieder voller sein. Zum Glück waren für Nils die Zeiten, in denen er ständig Geldsorgen gehabt hatte, längst vorbei.

Er ließ sich Zeit, er hasste Hektik beim Einkaufen. Mit dem ziemlich voll beladenen Wagen kam er schließlich bei der Abteilung für frisches Obst und Gemüse an. Er ließ den Wagen stehen und ging ein paar Meter den Gang hinunter. Zuerst suchte er den Salat aus, klemmte die beiden Salatköpfe mit dem Arm fest und wandte sich dem Blumenkohl zu. Die Auswahl war groß, aber die Kohlköpfe sahen alle ziemlich mickrig aus.

Nils beschloss, beim Gemüsehändler in der Stadt vorbei zu fahren und legte den Blumenkohl, den er gerade inspiziert hatte, auf die schräge Ablage zurück. Der Kohlkopf kam ins Rutschen und Nils fluchte leise. Hastig griff er danach und verhinderte, dass der Kohl auf den Boden kullerte. Bei der hastigen Bewegung geriet dann allerdings der Kopfsalat in Schräglage. Für einen Außenstehenden sah es bestimmt lustig aus, wie Nils versuchte, den Salat festzuhalten, was jedoch vergeblich war.

In dem Versuch, wenigstens einen der beiden Salatköpfe noch im Fallen aufzufangen, machte Nils unbedacht zwei Schritte zurück und stieß mit jemandem zusammen. Wieder fluchte er leise, während er sich nach dem Salat bückte. „Hey, tut mir leid“, entschuldigte er sich.

„Nichts passiert“, erwiderte eine warme Männerstimme.

Nils richtete sich auf und starrte sein Gegenüber verblüfft an. Es war der Mann aus dem Treppenhaus. Das gab es doch wohl nicht, dass er gleich zweimal mit diesem Mann zusammen stieß!

Ihm wurde bewusst, dass er den anderen Mann einfach nur anstarrte. Na ja, da gab es auch so einiges zum Anstarren. Der Fremde war etwas kleiner als er selbst, und schlank. Der Kerl war wirklich hübsch. Die goldbraunen Augen blitzen, das hellbraune Haar hatte ebenfalls einen schönen Goldstich. Etwas zu lang, aber herrlich verwuschelt. Genau richtig, um mit den Händen hindurch zu fahren. Die schmale Nase war vielleicht einen Tick zu kurz, aber das störte das mehr als angenehme Gesamtbild gar nicht.

Sag endlich was! forderte Nils sich selbst auf. „Damit wären wir dann wohl quitt“, brachte er hervor. Boah, was für ein dummer Spruch! Mehr fiel ihm nicht ein? Dennoch musste er grinsen, und der andere Mann lächelte zurück. „Das gibt doch dem Sprichwort recht, dass man sich immer zweimal trifft“, fügte Nils etwas unbeholfen hinzu.

Der andere Mann lachte kurz auf. Ja, an seiner Stelle hätte Nils jetzt wahrscheinlich auch gelacht. Er war total aus der Übung, und... Stopp! Aus der Übung? Er dachte wohl nicht im Ernst darüber nach, mit dem Mann zu flirten, oder? Doch, tat er. Aber so wurde das sicher nichts.

„Sieht so aus“, erwiderte der Fremde belustigt. Um seinen festen Mund lag ein breites Lächeln, und Nils fragte sich unwillkürlich, wie sich dieser Mund wohl auf seinem anfühlen würde. Oder auf seinem Körper, der sofort in eindeutiger Weise auf den Gedanken reagierte.

Himmel nochmal, er stand mitten in einem großen Supermarkt und bekam einen Steifen, weil ein Fremder ihm zulächelte? Plötzlich wollte Nils so schnell wie möglich weg. Das fehlte ihm gerade noch, dass er sich hier total lächerlich machte. Er schaffte es, ein unverbindliches Lächeln aufzusetzen. „Dann noch einen schönen Tag, ohne weitere Zusammenstöße“, gab er zurück und nickte dem Anderen zu. Schon besser, das wirkte deutlich souveräner.

„Ihnen auch“, kam es zurück.

Nils wandte sich ab und ging betont ruhig zu seinem Einkaufswagen. Er hatte das Gefühl, dass der andere Mann ihm nachsah, aber er drehte sich nicht um. Scheinbar gelassen legte er den Salat zu den restlichen Einkäufen, griff nach dem Wagen und schob ihn vom Gemüsestand weg. Erst bevor er in den nächsten Gang abbog, wagte er einen Blick zurück. Der Mann hatte sich längst wieder dem Obst zugewandt und suchte einige Äpfel aus. Was auch sonst? Mit der Nummer hatte Nils sicher keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, und falls doch, bestimmt nicht im positiven Sinn.

***

„Okay, was ist mit dir los?“ fragte Gabi, nachdem ihr Mann Peter mit den Kindern nach oben gegangen war, um die kleinen Racker ins Bett zu bringen.

„Ich weiß nicht, was du meinst“, murmelte Nils und fluchte innerlich. Er bekam den Fremden aus dem Supermarkt einfach nicht aus dem Kopf, auch nicht seine Reaktion auf den Mann. Nils war nicht klar gewesen, dass es so offensichtlich war, dass ihn etwas beschäftigte. Andererseits sollte es ihn nicht wundern, dass Gabi etwas bemerkt hatte. Sie hatten sich schon immer nahe gestanden, und seit Alex' Tod war das Band zwischen den Geschwistern noch enger geworden.

„Nils... Verkauf mich nicht für dumm. Nun sag schon.“

Er seufzte, zögerte einen Moment und fing dann an zu reden. Na super, seiner älteren Schwester zu gestehen, dass er mitten im Supermarkt wie ein Teenager auf einen hübschen Mann reagiert hatte, das war wohl wirklich das Highlight des Tages! Dass es um Gabis Mund amüsiert zuckte, machte es nicht besser.

„Klar, lach mich nur aus!“ brummelte Nils verlegen.

Gabi lachte auf, hatte sich aber sofort wieder im Griff. „Entschuldige, aber wundert dich das wirklich? So was musste doch irgendwann passieren. Mensch Nils, du bist ein gesunder junger Mann und hattest seit eineinhalb Jahren keinen richtigen Sex mehr! Da ist es doch echt kein Wunder, dass du so auf einen gutaussehenden Kerl reagierst.“

Seine Schwester wurde ganz ernst und legte die Hand auf seine. „Nils, du brauchst wieder jemanden in deinem Leben. Rede doch endlich mal mit Dr. Hartmann darüber, wenn du schon mit deinen Freunden oder mir nicht reden willst.“

Nils seufzte wieder. „Ich will keinen anderen Mann.“

Sanft drückte Gabi seine Hand. „Ich weiß. Aber das ändert nichts an den Tatsachen. Denk mal darüber nach.“

Zeit zum Loslassen

Mit einem kleinen Keuchen fuhr Nils aus dem Schlaf hoch, die Bilder aus dem Traum noch deutlich vor Augen. In den letzten Monaten hatte er öfter davon geträumt, mit Alex zu schlafen. Leidenschaftlich und voller Gefühl, so wie sie es oft getan hatten. Manchmal kam es vor, dass Nils aus dem Traum aufwachte, weil er einen Höhepunkt hatte. So auch in dieser Nacht, er konnte das warme Sperma in seiner Pants an seiner Haut spüren. Aber dennoch war alles anders als sonst.

 

Verwirrt und mit schlechtem Gewissen stand Nils auf, ging hinüber ins Bad und direkt unter die Dusche. Erst unter dem warmen Wasserstrahl streifte er die Pants ab, drehte sie auf Links und ließ das Wasser darüber laufen, um die Spermaspuren zu beseitigen. Achtlos ließ er die Unterhose fallen und atmete ganz bewusst tief ein und aus, während er auch von seinem Körper die Spuren seiner Erregung abwusch.

 

Langsam beruhigte sich sein Atem, und auch sein Körper. Mit geschlossenen Augen lehnte er sich gegen die Kacheln und seufzte leise. Was zum Teufel war nur mit ihm los? Okay, ja, ihm fehlte eindeutig Sex. Aber vor allem fehlte ihm Alex. Davon zu träumen, mit seinem Mann zu schlafen, war in seiner Situation sicherlich nichts außergewöhnliches. Er schämte sich nicht dafür. Aber in diesem Traum war es nicht Alex gewesen, der ihn zum Höhepunkt brachte.

 

Es war nicht das Gesicht von Alex gewesen, das er vor Augen hatte, als er kam. Mit Alex hatte der Traum angefangen, ja. Aber irgendwann hatte er nicht mehr seinen Mann über sich gesehen, sondern ein hübsches Gesicht, in dem goldbraune Augen funkelten. Das Gesicht des Fremden, mit dem er zwei Tage zuvor zusammengestoßen war.

 

Mit einem unmutigen Laut fuhr sich Nils mit beiden Händen durchs Gesicht und drehte dann das Wasser ab. Er verdrängte alle Gedanken, konzentrierte sich stattdessen auf seine Handlungen. Abtrocknen. Die nasse Pants auswringen und in die Waschmaschine werfen. Die Seifenreste aus der Duschkabine spülen. Zähne putzen. Anziehen. Rüber in die Küche gehen. Kaffeeautomat einschalten. Tasse aus dem Schrank holen.

 

Er ließ einen doppelten Espresso in die Tasse laufen, und drückte danach auf die Taste für Milchkaffee. Erst als er gleich darauf mit dem Kaffee am Esstisch saß, konnte er die Gedanken nicht länger verdrängen. Was zum Teufel war das? Er war dem Fremden insgesamt nicht einmal fünf Minuten lang begegnet, und sie hatten nur sehr wenige Worte gewechselt. Wie konnte es sein, dass er das schmale Gesicht so deutlich vor Augen hatte? Dass er sich so gut an diese Stimme erinnern konnte? Mann, diese schöne Stimme.

 

Schon den ganzen Samstag lang hatte er über all das nachgedacht, und war zu keinem Ergebnis gekommen. Jedenfalls keinem, das ihm gefiel. Seinem Alex war er damals in einem Club begegnet, und dass Alex wie er selbst ein Top war, daran bestand von Anfang an kein Zweifel. Sie fanden einander sexy, ja, und sie verstanden sich sehr gut, aber eine Beziehung, das schien vom ersten Moment an ausgeschlossen zu sein. Sie waren auch beide nicht auf der Suche nach etwas Festem gewesen.

 

Das zwischen ihm und Alex hatte sich über Wochen hinweg entwickelt. Sie hatten angefangen, sich als Freunde auch außerhalb des Clubs zu treffen, zum Sport oder auf ein Bier. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis ihnen beiden bewusst geworden war, dass sie sich ineinander verliebt hatten. Und noch länger, bis sie sich gegenseitig ihre Gefühle gestanden hatten.

 

Vom ersten Moment an so von einem Mann fasziniert zu sein, das kannte Nils nicht. Es gefiel ihm auch nicht. Denn wo sollte das hinführen? Aller Wahrscheinlichkeit nach würde er diesem Mann nie wieder begegnen. Selbst wenn doch, und selbst wenn der Mann schwul war: Nils war der breite Ehering nicht entgangen. Er selbst trug seinen immer noch, und genau das war eigentlich der springende Punkt. Alex. Er war seit siebzehn Monaten tot, aber Nils' Gefühle hatten sich nicht geändert. Er liebte Alex.

 

So an einen anderen Mann zu denken, im Traum sogar mit ihm zu schlafen, das war nicht richtig. Von dem Moment an, als sie sich zu ihren Gefühle bekannt hatten, waren Alex und er sich immer treu gewesen. Schon in den Wochen davor hatte Nils mit keinem anderen Mann mehr geschlafen, und dass es bei Alex genauso war, hatte der ihm erst gestanden, als sie das erste Mal Sex miteinander hatten. Früher hatten sie beide nichts anbrennen lassen, fanden den schnellen, unverbindlichen Sex toll, nahmen jede Gelegenheit wahr. Aber das hatte sich geändert, seit sie zusammen waren.

 

Sex ohne Gefühle, das konnte Nils sich nicht mehr vorstellen, und seine Gefühle gehörten nun mal Alex. Warum also dachte er ständig an den Fremden? Schlief im Traum sogar mit ihm? Wollte sein Körper oder sein Unterbewusstsein ihm damit sagen, dass es Zeit war, wieder richtigen Sex zu haben? Dann hatte er ein Problem. Denn er liebte nach wie vor Alex, und er würde ihn nicht betrügen.

 

***

 

Als Nils am Montagmorgen aufwachte, war er erleichtert. Keine erotischen Träume in der vergangenen Nacht, dafür hatte er beim Aufwachen eine beachtliche Morgenlatte. Wenige Minuten später trieb er sich unter der warmen Dusche mit schnellen Bewegungen dem Höhepunkt entgegen. Er dachte dabei an Alex, seinen hochgewachsenen durchtrainierten Körper, das markante Gesicht mit den hellblauen Augen und dem sinnlichen Mund, mit dem Alex so geschickt umgehen konnte.

 

Kurz vor dem Höhepunkt schob sich ein anderes Gesicht davor. Keine kurzen schwarzen Haare, sondern hellbraune, die verwuschelt ein hübsches Gesicht mit goldbraunen Augen umrahmten. Als es Nils bewusst wurde, nahm er schockiert die Hand von sich. Zu spät, der heftige Höhepunkt war nicht mehr aufzuhalten. Mit einem erstickten Laut ließ Nils sich gegen die Wand sinken und rutschte daran herunter, bis er mit angezogenen Beinen auf dem Boden saß. Er schlang seine Arme um die Knie, legte die Stirn darauf und schloss die Augen, in denen Tränen brannten.

 

„Es tut mir leid, Alex. Es tut mir so leid“, murmelte Nils und versuchte sich zu beruhigen. Aber er kam gegen die Tränen nicht an, und so ließ er ihnen freien Lauf. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich beruhigt hatte, und aufstand, um sich schnell zu duschen.

 

So konnte es nicht weitergehen. Gabi hatte recht, er sollte mit Dr. Hartmann darüber reden. Andere Männer, eine neue Beziehung, das war ein Thema, das Nils in der Therapie bisher erfolgreich abgeblockt hatte. Aber jetzt wollte er darüber reden, und der Gedanke, dass bis zur nächsten Sitzung noch fast die ganze Woche vor ihm lag, erschreckte ihn.

 

Als Nils angezogen in die Küche kam, nahm er seine Brieftasche und holte die Visitenkarte seines Therapeuten heraus. Dr. Hartmann hatte ihm mehrfach versichert, dass er ihn jederzeit anrufen konnte, selbst mitten in der Nacht. Nils warf einen Blick zur Uhr. Kurz nach sieben, wenn er Glück hatte, war der Therapeut schon auf. Er konnte nicht bis zehn Uhr warten, bis die Praxis öffnete.

 

Ohne noch länger darüber nachzudenken, wählte Nils die Handynummer des Arztes. Er registrierte, dass seine Hände zitterten, und das passierte ihm sonst nie. Schon nach dem dritten Klingeln meldete sich Dr. Hartmann, und er klang zum Glück so munter, als wäre er schon seit Stunden auf.

 

Nils entschuldigte sich für die frühe Störung, aber Dr. Hartmann beruhigte ihn sofort und fragte, was er auf dem Herzen hatte. Nils holte tief Luft, und fing an zu reden. Es fiel ihm erstaunlich leicht, seine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, plötzlich sprudelte alles aus ihm heraus. Der Arzt hörte ihm einfach zu, minutenlang.

 

„Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll“, sagte Nils zum Schluss mit einem tiefen Seufzer.

 

„Haben Sie sich mal gefragt, wie es umgekehrt wäre?“ Die Stimme des Arztes klang wie immer ruhig und sanft. „Wenn Alex allein zurückgeblieben wäre, würden Sie dann wollen, dass das so bleibt? Dass er allein bleibt?“

 

Darüber musste Nils nicht nachdenken. „Nein, natürlich nicht. Dazu liebe ich ihn viel zu sehr. Ich würde wollen, dass er wieder glücklich ist und sein Leben lebt.“

 

„Auch wenn er das mit einem anderen Mann tun würde?“

 

„Ja“, kam es wieder ohne Zögern von Nils. Dann seufzte er und atmete tief durch. „Alex würde das sicher genauso sehen. Das ist es doch, was Sie meinen, oder?“

 

„Ja, so ist es. Nils, Ihr Mann hat Sie geliebt. Er würde ganz bestimmt nicht wollen, dass Sie einsam sind. Und er würde es auch ganz sicher nicht als Betrug sehen, wenn Sie wieder einen Mann in Ihr Leben lassen. Alex ist seit anderthalb Jahren tot, und Sie sind in Ihrer Trauer jetzt an einem Punkt angelangt, an dem Sie wieder nach vorn schauen können. Ohne ihn, auch wenn es weh tut. Sie sind erst 32 und haben Bedürfnisse, die Sie nicht ignorieren sollten. Bestimmt hilft es Ihnen, wenn Sie sich einfach fragen, was Alex dazu sagen würde, wenn er es könnte, oder was Sie ihm sagen würden, wenn es umgekehrt wäre.“

 

Nils seufzte und fühlte sich plötzlich erleichtert. „Danke, Dr. Hartmann. Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?“

 

„Auch wenn das wahrscheinlich eine rhetorische Frage war, beantworte ich sie Ihnen gerne. Wenn es um die eigenen Gefühle geht, kann man das selten rational sehen. Deshalb gibt es Leute wie mich.“

 

Nils lächelte. „Das ist auch gut so. Ich danke Ihnen.“

 

„Nichts zu danken. Rufen Sie einfach an, wenn Sie reden wollen.“

 

***

 

Nach diesem Gespräch fühlte Nils sich deutlich besser. Der Doc hatte recht, aber so ganz verschwunden war das schlechte Gewissen noch nicht. Wie sollte es auch, von einem Moment auf den anderen? An den Gedanken, tatsächlich wieder einen Mann in sein Leben zu lassen, musste Nils sich erst noch gewöhnen.

 

Außerdem musste er sich den schönen Fremden aus dem Kopf schlagen. Denn das konnte er getrost vergessen. Wenn er nicht tagelang von morgens bis abends im Supermarkt herumlungerte, in der Hoffnung, dass sie sich vielleicht noch einmal zufällig trafen, würde er den Mann wahrscheinlich nie wieder sehen. Davon mal abgesehen war der hübsche Kerl offenbar in festen Händen, egal ob nun schwul oder hetero.

 

Das ganze Wochenende über hatte diese Sache Nils schwer zu schaffen gemacht, und auch an diesem Tag grübelte er stundenlang, dachte über alles nach. Jetzt allerdings – dank Dr. Hartmann – auf eine andere Art. Irgendwann ging er hinüber ins Schlafzimmer und nahm den Bilderrahmen mit dem Foto von Alex vom Nachttisch.

 

Als er sich endlich dazu aufgerafft hatte, aus dem gemeinsamen Haus auszuziehen, war ihm das sehr schwer gefallen. Das Foto von Alex auf seinem Nachttisch war das einzige in der neuen Wohnung. Alle anderen lagen sorgsam verpackt in einer Schachtel, die in einem der Aktenschränke in seinem Arbeitszimmer stand.

 

In gewisser Weise hatte Nils schon mit dem Umzug einen Schlussstrich unter das gemeinsame Leben mit Alex gezogen. Zumindest hatte er gedacht, dass er das getan hatte. Aber erst jetzt war er offensichtlich an dem Punkt angelangt, an dem er wirklich bereit war, Alex loszulassen. Sein Leben ohne den geliebten Mann weiterzuführen. Vielleicht sogar irgendwann mit einem anderen Mann.

 

Alex war nie in seinem jetzigen Schlafzimmer gewesen, hatte nie zusammen mit ihm in dem neuen Bett geschlafen. Es kam Nils plötzlich falsch vor, dass das Foto auf dem Nachttisch stand. Es war abends das letzte gewesen, was er vor dem Einschlafen sah, und morgens beim Aufwachen das erste. Nils wollte seinen Mann nicht vergessen, das könnte er auch gar nicht. Alex war so lange Zeit ein Teil seines Lebens gewesen. Aber vielleicht war das Wohnzimmerregal der bessere Platz für das Foto.

 

So ungewohnt der Gedanke auch noch war, aber wenn Nils wirklich einen anderen Mann in sein Leben lassen würde, dann musste sein Schlafzimmer zu einer alexfreien Zone werden. In jeder Hinsicht. Scheiße, konnte er das überhaupt? Beim Sex mit einem anderen nicht an Alex denken? Was, wenn Nils tatsächlich mit einem anderen Mann schlief, und ihm dann vielleicht in einem leidenschaftlichen Moment Alex' Name heraus rutschte? Das würde sicher kein Mann tolerieren, außer es ging um einen unverbindlichen OneNight-Stand. Selbst dann wäre das noch ziemlich peinlich.

 

Aber eigentlich wollte Nils keinen unverbindlichen Sex mehr. Vor der Beziehung mit Alex hatte er das toll gefunden, aber durch Alex hatte sich das völlig geändert. Sex war so viel schöner und erfüllender, wenn der Partner auch am nächsten Tag noch da war, ein Teil des eigenen Lebens war. Wenn Gefühle im Spiel waren. Nils seufzte. Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als es auf sich zukommen zu lassen.

 

Nils setzte sich mit dem Foto in der Hand auf das Sofa. Es war keine Studioaufnahme, Nils hatte das Foto bei einem gemeinsamen Ausflug gemacht. Alex sah darauf so lebendig aus, das schwarze Haar war etwas zerzaust, und er hatte ein fröhliches Lachen auf dem Gesicht, die hellblauen Augen strahlten.

 

Sanft strich Nils mit dem Finger über das Bild, und es schnürte ihm die Kehle zu. Er spürte nur das kühle, harte Glas. Keine warme Haut. Was Alex betraf, würde Nils nie wieder dessen warme Haut spüren. Alex war fort, für immer, und es war Zeit, ihn wirklich gehen zu lassen.

 

Denn Nils wollte und brauchte das. Warme Haut an der seinen. Arme, die sich um ihn schlangen und ihn festhielten, jemand, der sein Leben teilte. Die schönen Dinge, aber auch die Sorgen. Jemand, den er lieben konnte, und der ihn auch liebte.

 

***

 

„Du willst was?“, fragte Lars völlig entgeistert.

 

Nils seufzte. „Du hast schon richtig gehört, und ja, ich kann deine Reaktion verstehen.“

 

„Versteh mich nicht falsch, ich finde es toll, dass du endlich wieder anfangen willst, richtig zu leben.“ Lars schaute seinen besten Freund forschend an. „Das kommt nur ziemlich überraschend. Erst vor vier Tagen warst du drauf und dran, einen Streit mit mir anzufangen, weil ich das Thema angesprochen habe. Also was ist am Wochenende passiert?“

 

„Du wolltest am Freitag über Sex reden, aber hier geht es um mehr.“

 

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