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Sommerzauber auf der kleinen Insel

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Prolog
  9. Vier Monate später …
  10. Morgens um sieben
  11. Mittagspause mit Mutter
  12. Meeting mit Paul Satzmann
  13. Drei Monate später
  14. Andy hat Sonnenbrand
  15. Erbsen und Erdbeeren
  16. Die Salzsiederei
  17. Hvide Bakker
  18. Ida
  19. Østerby Kro
  20. Mads
  21. Britta
  22. Der Ferienpark
  23. Eine schrecklich dänische Familie
  24. Der Neue im Team
  25. Andy Wilson
  26. Kaffee bei Oma
  27. Jan Ole staunt nicht schlecht
  28. Das Meeting im Hotelgarten
  29. Oma startet durch
  30. Auf der Baustelle
  31. An der Bar
  32. Das Geständnis
  33. Das Telefonat mit Charlotte
  34. In der Tischlerei
  35. Finger weg von meiner Insel
  36. Mit Jan Ole am Hafen
  37. Alles nur aus Plastik
  38. Daniels neue Pläne
  39. Das Kleid
  40. Mull of Kintyre
  41. Das Hafenfest
  42. Wir chartern die Ane Læsø
  43. Charlotte
  44. Allein oder zusammen?
  45. Glitzer auf dem Boden der Tatsachen
  46. Es wird Herbst in Frankfurt
  47. Jan Ole braucht Rat
  48. Im Zug nach Kiel
  49. Mads springt über seinen Schatten
  50. Einfach weg, egal wohin
  51. Weihnachten auf Læsø
  52. Danksagung

Weitere Titel der Autorin

Das kleine Café an der Mühle

Über dieses Buch

Britta, 30, Single, hat ihr Leben im Griff. Sie arbeitet erfolgreich in der Tourismusbranche. Ihr neuestes Projekt: Sie soll zusammen mit einem Kollegen nach Dänemark auf die Insel Læsø fahren, um dort ein Feriendorf zu planen. Die Insel ist für Britta ein besonderes Ziel, stammt doch ihr bereits verstorbener Vater von dort, den sie nie kennengelernt hat. Doch sie muss feststellen, dass ihre Mutter sie die ganzen Jahre über belogen hat. Auf Læsø trifft Britta nämlich plötzlich ihre Halbschwester und andere Verwandte. Sehr bald stellt sich sogar heraus, dass auch ihr totgeglaubter Vater noch dort lebt. Auf einmal ist die ordentliche und strukturierte Britta Teil einer liebenswert chaotischen dänischen Familie. Und damit nicht genug: Auch der sympathische Schreiner Jan Ole stellt Brittas bisheriges Leben ganz schön auf den Kopf.

Über die Autorin

Andreas J. Schulte ist freier Journalist und Autor. Christine Schulte hat bereits in ihrer Schulzeit zusammen mit einer Freundin ihren ersten Roman verfasst und arbeitet heute als technische Redakteurin. Das Ehepaar lebt mit seinen beiden Söhnen seit 25 Jahren in einer alten Scheune zwischen Andernach und Maria Laach. Unter dem Pseudonym Barbara Erlenkamp schreiben sie zusammen moderne, humorvolle Frauen- und Unterhaltungsromane. 2018 ist ihr erster Roman »Das kleine Café an der Mühle« erschienen.

Barbara Erlenkamp

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Für alle Leserinnen und Leser, die mit ihrem Lob und ihrer Begeisterung dafür gesorgt haben, dass »Barbara Erlenkamp« ein zweites Buch geschrieben hat.

»Zerreiß deine Pläne. Sei klug und halte dich an Wunder.«

(Mascha Kaléko)

Prolog

Hinter ihnen die Lichter, vor ihnen nichts als das Meer. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

»Das ist ein ganz besonderer Abend. Ich werde diesen Moment nie vergessen.« Seine Stimme klang rau. Sie standen nebeneinander am Wasser.

»Hör nur, es ist so still«.

Nur ab und zu schlug eine kleine Welle leise ans Ufer.

Vorsichtig bewegte sie ihre Hand. Sie konnte seine Wärme spüren. Gleich, gleich würden ihre Finger sich berühren. Seine Nähe sorgte für ein sanftes, aufregendes Kribbeln. Ihr ganzer Körper sehnte sich nach diesem Gefühl, nach seiner warmen Haut. Sie wandte sich zu ihm. In der nordisch hellen Juninacht sah sein blondes Haar beinahe silbern aus.

»Mads?«

»Ja, Charlotte?«

»Mads? Ich muss dir etwas sagen.«

Sein Gesicht war jetzt so nah, dass sie seinen Atem spüren konnte. Eine zarte Brise, die ihre Wangen streifte. Verlangen lag darin.

»Charlotte … das ist ein wunderbarer Name. Er passt so gut zu dir.«

»Mads, bitte hör zu, das ist mein letzter Abend hier. Morgen fahre ich wieder nach Hause.«

So, nun war es heraus. Seine Hand umfasste vorsichtig ihren Nacken, seine Finger strichen leicht über ihr offenes Haar.

»Was willst du mir denn damit sagen?«

»Na ja, ich meine, du und ich – das hat keine Zukunft, oder? Ich fahre morgen zurück nach Deutschland. Und du – sag mal, gibt es da jemand Besonderen in deinem Leben?«

Er lachte leise. »Du redest nicht um den heißen Brei herum, das mag ich. Und wenn du es ganz genau wissen willst – ja, da ist tatsächlich ein Mädchen, das ich sehr mag.«

»Ist das was Festes mit euch?«

»Ach, Charlotte. Ich weiß es nicht. Ehrlich. Bis vor einer Woche hätte ich diese Frage sofort beantwortet. Aber … aber dann habe ich dich getroffen.«

Mads neigte leicht den Kopf, und seine Lippen hauchten einen ersten Kuss auf ihre Haut. Ein Kuss wie ein Versprechen. Ein Versprechen und eine Aufforderung.

»Ja, wahrscheinlich hast du recht: Das mit uns hat keine Zukunft. Aber ich will auch gar keine Zukunft, ich will diesen Abend. Diesen einen Abend mit dir. Die Erinnerung kann uns keiner nehmen.«

Sie schluckte. Genau dasselbe hatte sie vor kaum einer Stunde zu ihrer besten Freundin gesagt. Heute Abend und nur heute Abend, das war es, was zählte.

Vier Monate später …

Sie war schwanger. Daran gab es keinen Zweifel. Gespürt hatte sie es ja schon viel früher, aber jetzt hatte es auch Dr. Gerster bestätigt. Sanft strich sie sich über den Bauch. Heute Abend würde sie Mads anrufen. Er hatte ein Recht darauf, es zu erfahren. Sie würde zu ihm zurückkehren, und diesmal würde sie für immer bleiben.

In der kleinen Küche, die sie sich mit Danni teilte, lag die Post auf dem Esstisch. Gedankenverloren sah Charlotte die Briefe durch. Zwischen zwei Prospekten befand sich ein Umschlag aus Dänemark. Voller Neugier riss sie ihn auf. Auf einer Doppelkarte prangten zwei goldene Ringe, darunter standen in schwungvoller Schreibschrift die Namen Mads und Lise.

Charlotte klappte hastig die Karte auf. Sie musste den dänischen Text nicht lesen, um zu wissen, was da stand. Das Foto des glücklich lächelnden Brautpaars verschwamm vor ihren Augen. Charlotte ließ die Karte fallen, schloss die Augen und weinte.

Allein in dieser kleinen Küche, weit weg vom Strand und dem endlos scheinenden Meer, zerriss ihr die Erinnerung an diesen einen Abend das Herz.

Morgens um sieben

Wer hatte eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, dass morgens um sieben die Welt noch in Ordnung war? Britta Hoffmann hatte nachgesehen, daher kannte sie die Antwort: Schuld war ein Spielfilm aus den Sechzigerjahren, basierend auf einem Familienroman von Eric Malpass.

Nein, morgens um sieben war die Welt nicht in Ordnung! Jedenfalls nicht für Britta, wenn sie im Bus auf dem Weg zur Arbeit saß und nur knapp vier Stunden geschlafen hatte.

Vier Stunden! Ihre Augen brannten, sie sah wahrscheinlich furchtbar aus. So früh am Morgen konnte sie unmöglich irgendetwas in Ordnung finden. Sie hasste es, wenn sie morgens nicht wenigstens in Ruhe eine Tasse Milchkaffee trinken konnte. Aber selbst dafür war heute keine Zeit geblieben.

Und doch: Sie schloss die Augen und fühlte sofort eine wohlige Entspannung. Eigentlich durfte sie sich nicht beschweren. Sicher, sie war müde und unausgeschlafen, aber auch stolz und zufrieden. Sie lächelte still in sich hinein. Die Präsentation, an der sie den ganzen Abend und die Stunden nach Mitternacht gearbeitet hatte, war endlich fertig. Dirk Strehlau würde nicht schlecht staunen. Zwei Tage vor dem großen Meeting – und alles war ausgearbeitet. Zwei Tage, das war die Reserve, die sie für sich sicherheitshalber eingeplant hatte. Zeit, um Änderungen einzuarbeiten, neue Bilder einzusetzen, die Kalkulation ein letztes Mal durchzurechnen. Um ihre eigenen Ansprüche zu erfüllen, war zwar eine Nachtschicht nötig gewesen, aber es hatte sich gelohnt. Wozu setzte man sich sonst Ziele? Eben: um sie zu erreichen.

«Na, Fräulein, Sie haben aber schon gute Laune, so früh am Morgen.«

Die Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Ein älterer Herr nickte ihr freundlich zu. Offenbar sah man ihr die Freude über die abgeschlossene Präsentation deutlich an.

»Lassen Sie sich bloß nicht die gute Laune verderben. Denken Sie daran, mit einem Lächeln besiegen Sie das Grau des Tages.«

Er stand mit einem Schnaufen auf und drückte auf den Halteknopf.

»Einen schönen Tag noch, Fräulein.«

»Ja, ähm, Ihnen auch.« Sie war immer noch tief in Gedanken. Schnell holte sie ihr blaues Notizbuch und den Bleistift aus der Handtasche.

Memo an mich

»Mit einem Lächeln besiegst du das Grau des Tages.«

Das ist doch mal ein Satz, der es lohnt, aufgeschrieben zu werden, dachte Britta und lächelte weiter in sich hinein.

Weil sie das Notizbuch schon mal zur Hand hatte, konnte sie ebenso gut auch gleich die To-dos für heute notieren:

1. Einkaufen: Vollmilch-Joghurt, Lachs

2. Wintermantel aus der Reinigung holen

3. Geburtstagskarte für Bernd besorgen

4. Geschenk für Bernd

Sie überlegte kurz. Dann schrieb sie hinter den letzten Punkt:

4. Rotwein?

Rotwein als Geschenk – das war ja nicht gerade originell. Sie traf Bernd, den langjährigen Lebensgefährten ihrer Mutter, eigentlich viel zu selten, um wirklich einen tollen Einfall zu haben. Unschlüssig blätterte Britta in ihrem Notizbuch zurück. Ein Dutzend Seiten weiter vorn fand sie die Lösung. Da stand es ja:

Bernd macht Whisky-Tasting

Was für ein Glück, das musste sie sich schon vor Wochen, nach einem der seltenen Telefonate mit ihrer Mutter, aufgeschrieben haben.

Entschlossen strich sie »Rotwein« durch und ergänzte stattdessen einen neuen Punkt:

4. Whisky für Bernd kaufen

Sie klappte das Notizbuch zu und lehnte sich zufrieden zurück. Ja, die Idee mit dem Whisky gefiel ihr.

Draußen vor dem Busfenster erwachte einer der ersten richtigen Frühlingstage. Vielleicht würde es heute sogar schon so mild werden, dass sie in der Mittagspause in der Sonne sitzen konnte.

Mittagspause – ach, Himmel, sie war ja mit ihrer Mutter verabredet. Sie hatten sich in den letzten Wochen nur ganz selten gesehen, und ihre Mutter hatte darauf bestanden, Britta zu treffen; das war schon seit Wochen ausgemacht. Einen freien Abend für die Verabredung hatten sie nicht gefunden. Ein gemeinsames Mittagessen war Britta damals wie ein guter Plan vorgekommen. Jetzt sorgte dieser Plan für ein unangenehmes Kribbeln in ihrem Bauch. Es ist ja nur ein Mittagessen, dachte sie, was soll da schon schiefgehen. Leider konnte sie die leise Stimme in ihrem Kopf, die immer gern Zweifel äußerte, dennoch nicht zum Schweigen bringen.

***

»Natürlich freuen wir uns, wenn Sie morgen früh bei uns vorbeikommen … Nein, mein Team steht Ihnen jederzeit zur Verfügung … Ob ich den passenden Teamleiter –? … Oh, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Ich habe schon die richtige Person im Kopf: Britta Hoffmann. Frau Hoffmann ist eine meiner besten Mitarbeiterinnen, unglaublich gut organisiert. Sie hat bereits vier große Planungsprojekte gemanagt … Ja, genau, auch den Ferienpark im Elsass … Richtig … Ich sage Ihnen, und das bleibt bitte unter uns, in spätestens fünf Jahren werde ich ihr einen Platz in der Geschäftsführung anbieten müssen, wenn ich sie nicht an einen Konkurrenten verlieren will … Eben … Vor allem spricht Frau Hoffmann Dänisch, also … Genau, die besten Voraussetzungen für das Projekt … Gut. Wir sehen uns dann morgen um zehn.«

Dirk Strehlau beendete mit einem Tastendruck das Telefonat und lehnte sich breit lächelnd in seinem Ledersessel zurück. Strehlau, Eulex & Partner, kurz SE&P, hatte in den letzten Jahren den internationalen Consulting-Agenturen mehr als einen Großkunden vor der Nase weggeschnappt. Doch wenn das Bradford-Projekt in Dänemark bei ihnen landen sollte … Strehlau grinste; das wäre der ganz große Wurf für SE&P. Er überschlug die Zahlen im Kopf. Es sollte ja nicht bei dem einen Ferienpark bleiben, allein in Frankreich hatte Bradford International sechs solcher Anlagen in kürzester Zeit errichtet. Der Park auf Læsø würde sicher nur der Anfang sein, aber allein mit diesem «Anfang« hätten er und seine Partner bereits im ersten Quartal das Jahresumsatzziel erreicht.

Mit Bradford International als Kunden könnten sie das ganz große Rad drehen, rechnete sich Strehlau aus. Britta Hoffmann war dafür genau die richtige Projektleiterin. Übermorgen würde er mit ihr nach Köln fahren, um einen weiteren Auftrag an Land zu ziehen. Sollte mich nicht wundern, wenn Britta die Charts für die Präsentation schon fertig hätte, dachte der Agenturchef. Er selbst nutzte die Deadline lieber voll aus, aber Britta war ganz anders. Gut so. Dann hatte sie gewiss auch morgen Vormittag Zeit, wenn Paul Satzmann, der Deutschlandchef von Bradford International, vorbeikommen würde.

***

Sie liebte die kurze Strecke von der Bushaltestelle zu der großen Jugendstilvilla, dem Firmensitz von SE&P. Nie empfand sie den Fußweg als unangenehm oder störend. Selbst bei Regen strahlten die alten Villen etwas Ehrwürdiges aus, diese Zeugen längst vergangener Tage. Für Britta waren die alten Häuser und die knorrigen Bäume der Allee der Beweis dafür, dass es Dinge gab, die Bestand hatten. Manchmal, wenn im Herbst leichter Nebel durch die Straßen zog, die Vorgärten verhüllte und die Großstadt vergessen machte, glaubte sie sogar, den Hufschlag von Droschkenpferden hinter sich auf dem alten Pflaster zu hören.

Auch heute früh tat ihr das Laufen gut. Auf dem Bürgersteig standen vereinzelte Pfützen, denen sie geschickt auswich. In der Nacht hatte es geregnet. Ein Anflug von Übermut regte sich in ihr. Wie wäre es, wie früher mit beiden Füßen mitten in die größte Pfütze zu springen? Das tat sie natürlich nicht. Aber der Gedanke, es zu können, ließ sie leise auflachen. In der frischen Aprilluft lag ein Hauch von Frühling. Ein noch unerfülltes Versprechen auf das, was kommen würde.

Britta blieb vor dem großen, schmiedeeisernen Tor stehen. Ein mit alten Sandsteinplatten gepflasterter Weg führte durch einen Vorgarten zum Haupteingang ihrer Agentur. Der feuchte Rasen rechts und links des Wegs war übersät von gelben Inseln – mehrere Dutzend Osterglocken. Britta öffnete das Tor und nahm sich beim Anblick der Osterglocken vor, heute Mittag ein paar Blumen für ihren Schreibtisch zu kaufen.

In der Agentur war es noch still. Dirk Strehlau und Sandra, seine Sekretärin, waren zwar immer sehr früh da, aber die übrigen Kolleginnen und Kollegen würden erst gegen neun eintreffen. Britta mochte die Ruhe in der großen Villa. Sie fuhr ihren Rechner hoch und checkte die Mails.

Nichts, was sie sofort beantworten musste. Sie hasste es, von Mails überrascht zu werden, die während ihres Wegs zur Arbeit eintrafen. Britta entspannte sich und stand auf. Den Flur hinunter, Richtung Kaffeeküche, lag das Büro von Dirk Strehlau. Die Tür zum Vorzimmer war fast immer offen. Britta steckte den Kopf hinein.

»Guten Morgen, Sandra. Bin da.«

Sandra Lercher schaute von ihrem Monitor auf und lächelte: »Morgen, Britta! Du bist aber früh dran. Schalte doch schon mal die Kaffeemaschine ein, ich bin gleich bei dir.«

»Gut, beeil dich, ich habe eine Menge zu tun.«

Es gab zwei Morgenrituale: erstens das Checken der Mails, zweitens der kurze Plausch in der Kaffeeküche mit ihrer Freundin und Arbeitskollegin Sandra.

Britta holte zwei Tassen aus dem Geschirrschrank und roch vorsichtshalber an der Milchpackung, bevor sie den Schlauch der Espressomaschine hineinsteckte.

»Bist du mit dem Auto gekommen, oder fährt so früh schon ein Bus bei dir ab?«

Sandra betrat die Kaffeeküche.

»Natürlich habe ich den Bus genommen. Warum sollte ich hier im Viertel herumkurven und nach einem Parkplatz suchen?«

»Wenn du mich fragst, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis du deinen eigenen Stellplatz hinterm Haus hast. Jeder in der Geschäftsführung hat schließlich seinen eigenen, namentlich gekennzeichneten Stellplatz, darauf solltest du unbedingt bestehen. Nicht, dass unsere Chefs glauben, sie könnten dich über den Tisch ziehen.«

Britta mochte Sandra wirklich, aber in letzter Zeit ging sie ihr mit den ständigen Hinweisen auf die wahrscheinlich schon bald zu erwartende Beförderung langsam, aber sicher, auf die Nerven.

»Sandra! Bitte, hör auf. Wenn man dich so reden hört, könnte man glatt denken, dass ich bereits morgen befördert werde. Außerdem weiß ich gar nicht, ob es mir wirklich gefallen würde, mich jeden Morgen mit meinem Auto durch den Frankfurter Berufsverkehr zu quälen. Mit dem Bus bin ich wahrscheinlich doppelt so schnell. Auf einen eigenen Stellplatz kann ich gut verzichten.«

»Aber Britta, es geht doch nicht um den Stellplatz, sondern um das, was er repräsentiert. Das gehört einfach dazu. Genau wie dein eigenes Büro samt einer sündhaft teuren Espressomaschine. Das ist sozusagen der Ritterschlag.«

Die Busfahrt zur Arbeit, vor allem aber der Spaziergang durch das Villenviertel sorgten jeden Morgen dafür, dass sich Britta entspannt in die Arbeit stürzen konnte. Das würde sie ganz sicher nicht für so etwas Unwichtiges wie einen Stellplatz mit ihrem Namen opfern.

»Sag mal, Britta, hörst du mir überhaupt zu?«

Die zuckte zusammen.

»Was?«

»Ich sagte, dass du nicht gerade wie das blühende Leben aussiehst. Aber du warst ja mit deinen Gedanken Lichtjahre entfernt. Hast du einen neuen Lover, der dich mit seinen verruchten Sexspielen um den Schlaf gebracht hat?«

Sandra kicherte, sie wusste genau, dass es für Christopher noch keinen Nachfolger gab.

»Wenn du es genau wissen willst: Ich habe die halbe Nacht gearbeitet und die Präsentation für Köln fertig gemacht. Und die ist richtig gut geworden.« Okay, das klang selbst in Brittas Ohren ein bisschen angeberisch, aber sie war schließlich stolz darauf. Sandra stieß einen tonlosen Pfiff aus.

»Meine Güte, da sieht man mal wieder, wozu der Mensch fähig ist, wenn er nicht die halbe Nacht von einer quengeligen Dreijährigen wach gehalten wird.«

Sandra hatte zwei Kinder, drei und fünf Jahre alt, und sie und ihr Ehemann wechselten sich mit den Arbeitstagen ab.

»An den Tagen, an denen du arbeiten musst, ist doch Jochen dran«, erwiderte Britta.

»Klar, mein Göttergatte musste aufstehen, aber glaub nicht, dass ich gut schlafen kann, wenn Emmis Angstschreie durchs Haus gellen, weil sie glaubt, dass Monster unter ihrem Bett hausen.«

Britta musterte Sandra und musste sich neidvoll eingestehen, dass man ihr den fehlenden Schlaf nicht ansah.

»Übrigens, ich hab gerade den Rest eines Telefonats mitbekommen«, Sandra vergewisserte sich mit einem Schulterblick, ob sie auch wirklich allein waren, »es wird einen neuen großen Auftrag geben, und Dirk hat dich ins Spiel gebracht. Würde mich nicht wundern, wenn du das nächste Großprojekt übernehmen darfst.«

Britta winkte ab. »Abwarten – erst mal werde ich froh sein, wenn ich den heutigen Tag hinter mich gebracht habe.« Den heutigen Tag, oder besser gesagt die Mittagspause mit meiner Mutter, ergänzte sie im Stillen.

Mittagspause mit Mutter

Zum wiederholten Mal prüfte sie die Uhrzeit. Schon Viertel vor eins. Ihre Mittagspause hatte sie von halb eins bis halb zwei eingetragen. Niemand würde Anstoß daran nehmen, wenn sie länger als eine Stunde in der Pause bliebe. Aber darum ging es ja gar nicht. Es ging darum, dass ihre Mutter nicht pünktlich war. Darum, dass sie nicht nur heute nicht pünktlich war, sondern dass sie es noch nie geschafft hatte, zur abgesprochenen Uhrzeit zu einer Verabredung aufzutauchen. Das gehörte einfach nicht in ihren Kosmos.

Dass Bernd das ertragen konnte! Britta jedenfalls brachte es regelmäßig auf die Palme. Dabei ging es ihr noch nicht einmal um die Wartezeit. Es war schließlich ein Ausdruck von Wertschätzung, wenn man eine Verabredung einhielt. Ihre Mutter war da anders – zehn Minuten mehr oder weniger bringen keinen um, lautete eine ihrer Lebensweisheiten.

Sie würde jetzt hier noch genau fünf Minuten–…

«Hallo, Britta, mein Schatz, da bist du ja schon.«

Charlotte Hoffmann strahlte über das ganze Gesicht. Um den Hals trug sie einen groß geblümten Seidenschal, dazu eine gelb geblümte Tunika, Leggings und dunkelgelbe Strümpfe. Bei jeder anderen hätte diese Kombination seltsam, ja lächerlich, ausgesehen. Doch zusammen mit dem dunkelroten Lippenstift und der strengen schwarzen Lesebrille war der Gesamteindruck umwerfend. Sogar die große Stofftasche, die sie über der Schulter trug, passte farblich zum Kleid. Es hatte keinen Sinn, mit Charlotte über eine Viertelstunde Wartezeit zu diskutieren, also schluckte Britta ihren Ärger hinunter und lächelte sie ebenfalls an. Es war eher ein gequältes Lächeln, aber ihre Mutter schien das nicht zu bemerken.

»Lass dich ansehen, Kind. Grundgütiger, du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht durchgetanzt.« Sie hakte sich bei Britta unter und lachte dann glucksend. »Durchgetanzt … Sag nichts, ich weiß schon: Wahrscheinlich hast du die halbe Nacht an irgendeiner Präsentation für einen Kunden gearbeitet. Wirklich, Britta, du bist alt genug, um selbst Entscheidungen zu treffen, aber ich würde dir wünschen, dass du mal dunkle Augenringe hast, weil dir ein Traummann den Kopf verdreht hat. Ein Traummann, keine Excel-Tabelle.«

»Ach, Mama, fang bitte nicht wieder damit an. Mir macht meine Arbeit Spaß, und ich mache sie gut, ist das so schwer zu verstehen?«

Sie waren gerade einmal drei Minuten zusammen, und schon befanden sie sich wieder an dem Punkt, an dem sie in den letzten Jahren so oft gelandet waren: Britta, ihre Arbeit und der ewige Stress, die falsche Ernährung; fehlte eigentlich nur noch …

«Sag mal, was macht eigentlich Christopher?«

Na bitte. War ja klar. Streitthema Nummer drei. Nein, diesmal würde sie sich nicht darauf einlassen. Also wechselte sie das Thema, ohne auf die Frage einzugehen.

»Da drüben hat ein französisches Bistro neu eröffnet. Ich war letzte Woche mit ein paar Kollegen dort. Der Koch ist großartig.«

Nachdem sie das Bistro betreten hatten, dauerte es nur Augenblicke, bis Pascal, der Besitzer, sie entdeckte und freudestrahlend begrüßte.

»Ah, Mademoiselle Hoffmann, ich freue mich, Sie wieder als Gast in meinem Bistro begrüßen zu dürfen. Willkommen im ›Chez Pascal‹. Sagen Sie nichts, ich sehe doch die Ähnlichkeit: Sie haben Ihre etwas ältere Schwester mitgebracht.«

Pascal verbeugte sich vor den beiden Frauen und hauchte jeder einen Kuss auf die Hand. Britta musste ihre Mutter gar nicht erst anschauen, um sicher zu sein, dass sie sich geschmeichelt fühlte. Es war nicht das erste Mal, dass man Mutter und Tochter für Schwestern hielt. So war das eben, wenn der Altersunterschied lediglich achtzehn Jahre betrug und die Tochter praktisch ein jüngeres Abbild der Mutter war.

Britta musste zugeben, dass Charlotte mit ihren achtundvierzig Jahren ausgesprochen attraktiv war. Sie führte seit mehreren Jahren eine sehr erfolgreiche Yogaschule. Es war ihr gelungen, die Reichen und Schönen der Stadt von Yoga zu überzeugen, lange bevor Achtsamkeit und Körperbewusstsein ein neuer Trend geworden waren. Charlotte hatte sich mit ihren knapp ein Meter siebzig den schlanken, durchtrainierten Körper einer Zwanzigjährigen bewahrt. Und obwohl ihr langes lockiges Haar schon ein wenig mit Grau durchsetzt war, hätte man sie für zehn Jahre jünger halten können. Insgeheim war Britta schon ein wenig stolz darauf, dass ihre Mutter auf sich und ihr Äußeres achtete.

Ich kann mich glücklich schätzen, ihre Gene geerbt zu haben, dachte Britta. Nur dass meine Haare nie lockig waren.

Ein Schwall französischer Sätze sorgte dafür, dass Britta wieder im Hier und Jetzt ankam. Pascal klatschte erfreut in die Hände und antwortete in rasantem Tempo, sodass Britta keine Chance hatte mitzukommen. So gut war ihr Schulfranzösisch dann doch nicht.

Ihre Mutter sah Brittas fragenden Gesichtsausdruck und lächelte. »Ich habe gerade Monsieur Pascal für seine wundervolle Einrichtung gelobt. Das letzte Mal habe ich solche herrlichen Holztische in der Provence gesehen. Es ist dir doch recht, dass ich die Speisekarte abgelehnt habe? Ich habe ihn gebeten, uns einfach mit ein paar Vorschlägen seines Kochs zu überraschen.«

»Ach, Mama, ich habe doch nur eine Stunde Mittagspause, in der Agentur gibt es unglaublich viel zu tun. Ich kann es mir nicht leisten, den halben Nachmittag hier im Bistro zu verbringen.«

Charlotte Hoffmann wandte sich auf Französisch an Pascal.

Der Bistrobesitzer verbeugte sich erneut. »Also gut, dann werde ich nur ein paar kleine Köstlichkeiten aus der Küche servieren lassen – petit à petit. Und, Madame, erlauben Sie mir die Bemerkung: Ihr Französisch ist exzellent.«

Britta verdrehte hinter Pascals Rücken die Augen.

»Hast du das gehört, Schatz, mein Französisch ist exzellent. Ich hab dir schon immer gesagt, dass man mit Französisch mehr anfangen kann. Aber du musstest ja unbedingt Dänisch lernen. Ich frage dich, wie viele dänische Restaurants es wohl hier in Frankfurt gibt!« Charlotte Hoffmann grinste über das ganze Gesicht.

»Ja, sehr witzig, Mama. Gibt es sonst noch etwas, das du an mir auszusetzen hast? Dann könnten wir das gleich klären und hätten danach Ruhe beim Essen.«

Charlotte griff nach Brittas Hand. »Himmel, bist du dünnhäutig geworden. Ich wollte dich doch nur ein bisschen aufziehen.«

»Tschuldigung, Mama, ich hab in der letzten Nacht nur ganz wenig Schlaf bekommen. Das ist zwar keine Entschuldigung, aber … na ja, es tut mir leid.«

»Also hast du tatsächlich wieder so viel zu tun, dass du vergisst, auch mal an dich selbst zu denken.«

»Es macht mir Spaß, und meine Arbeit wird geschätzt – das kann ja nicht jeder behaupten.«

»Ich will nur, dass du glücklich bist und dass du dich nicht von deinen Chefs ausnutzen lässt.« Charlotte beugte sich vor und kramte in ihrer Tasche.

»Schau mal, was ich dir mitgebracht habe. Du hast doch früher immer diese endlosen Listen in Notizbücher geschrieben.«

Britta schnappte nach Luft. Ihre Mutter konnte unmöglich wissen, dass sie bis heute nicht damit aufgehört hatte. Charlotte zog ein altes, abgegriffenes Notizbuch aus dem Stoffbeutel und schlug es irgendwo in der Mitte auf. »Hier, Britta, da warst du ungefähr fünfzehn.« Sie überflog die Seiten, während Britta über den Tisch langte, um ihr das Notizbuch abzunehmen.

»Mama, lass das doch, das ist peinlich.«

Doch Charlotte zog ungerührt das Notizbuch aus Brittas Reichweite. »Schau mal hier, das ist süß. ›Ich möchte später, wenn ich erwachsen bin, am Meer leben. Und dann habe ich mein eigenes Hotel am Strand.‹ Na ja, davon bist du ja ziemlich weit entfernt, oder?«

»Jetzt lass das doch. Das ist privat, wieso hast du das überhaupt mitgebracht?«

»Hab ich beim Aufräumen gefunden. Hier, nimm es mit nach Hause. Nimm die ganze Tasche mit. Übrigens wolltest du mir doch gerade noch von Christopher erzählen.«

Britta seufzte leise. Ihre Mutter hatte zwei Eigenschaften: Sie konnte mit wildfremden Menschen innerhalb weniger Minuten Freundschaft schließen, und sie hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant, wenn es um heikle und unangenehme Themen ging.

»Ich wollte dir gar nichts von Christopher erzählen. Wir sind im Moment, also … wir …«

»Das habe ich mir gedacht. Eure Beziehung ist in einer Sackgasse. Aber da kann man was machen. Hast du beispielsweise schon einmal über Dessous nachgedacht? Wenn ich überlege, was mein durchsichtiger Spitzen-BH bei Bernd … der ist ganz verrückt danach, vor allem, wenn ich dazu meine hochhackigen Pumps …«

Britta schaute sich hektisch um, ob irgendjemand an den Nachbartischen ihre Unterhaltung verfolgte. »Mama! Bitte! Hör auf«, flüsterte sie eindringlich, »glaubst du wirklich, dass ich mit meiner Mutter in aller Öffentlichkeit über die Vorzüge von Reizwäsche diskutieren will? Und was du trägst oder nicht trägst, um Bernd den Kopf zu verdrehen, will ich gar nicht wissen.«

Charlotte lachte leise: »Ach, Britta, Kind, du musst wirklich lockerer werden.«

»Nein, muss ich nicht«, zischte Britta. »Und wenn du es genau wissen willst, dann ist meine Beziehung mit Christopher nicht in einer Sackgasse. Wir haben keine Beziehung mehr – so einfach ist das. Und das liegt nicht daran, dass mir Strapse fehlen. Christopher hat ein Traumangebot von einer Firma bekommen, die ihn für die nächsten drei Jahre als Finanzberater nach Dubai geschickt hat. Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten, verstehst du, nicht ein Dorf in der Nähe von Ingelheim. Ich könnte mir noch so viele Spitzen-BHs kaufen, es würde nichts bringen.«

Zum Glück tauchte in diesem Moment Pascal mit zwei Tellern und einer großen gemischten Vorspeisenplatte auf. Britta riss wütend ein großes Stück Baguette auseinander und bestrich eine Ecke energisch mit Kräuterbutter.

Woran lag es nur, dass ihre Gespräche in den letzten Jahren regelmäßig eskalierten, fragte sie sich, während sie verärgert kaute. Vielleicht war es dieses ewige »Du musst lockerer werden«, das sie auf die Palme brachte. Was ihr aber noch mehr zu schaffen machte, war ein anderer Gedanke: Was, wenn ihre Mutter recht hatte? 

Meeting mit Paul Satzmann

Dirk Strehlau lehnte sich zurück, der graue Designerstuhl gab seiner Bewegung folgsam nach. Paul Satzmann und er, das war genau eine Wellenlänge. Schnell, fast sportlich war die Vorstellungsrunde abgelaufen. Er hatte ihm einen kurzen Überblick über die Agentur gegeben, Fragen beantwortet, und im Gegenzug hatte Satzmann die Strategie von Bradford International umrissen.

Bisher hatten die anderen Teilnehmer nur schweigend zugehört. Sandra tippte mit atemberaubender Geschwindigkeit auf ihrem Laptop. Dirk mochte es, wenn die Besprechungsergebnisse sofort nach dem Meeting fertig protokolliert waren.

Paul Satzmann schaltete einen Beamer ein. Klares Signal: Ich habe Ihnen alles über Bradford International erzählt, jetzt geht es ans Eingemachte. Dirk Strehlau konzentrierte sich wieder auf seinen Gast, nun kam der wirklich spannende Teil.

»Wie Sie wissen, hat Bradford International in acht europäischen Ländern bereits Ferienparks eröffnet. Wir betreiben diese Parks über eine Tochterfirma. Doch bevor wir damit gutes Geld verdienen können, müssen wir investieren, den richtigen Standort für unser Konzept finden. Das gilt auch für unsere Pläne in Dänemark – für uns der erste Schritt, um den skandinavischen Raum zu erschließen.«

Den skandinavischen Raum erschließen. Dirk wechselte einen Blick mit Britta, die zog eine Augenbraue hoch und lächelte. Keine Frage: Auch sie hatte begriffen, dass das hier der ganz große Wurf werden konnte.

Auf der Leinwand erschien ein Foto von einem Holzhaus, dunkelrot mit weißen Fensterrahmen und weißen Leisten an den Hausecken. Dirk kannte solche Häuser aus den Petterson-und- Findus-Bilderbüchern seiner Tochter. Kleine Häuser, bei denen jeder Schweden-Fan ins Schwärmen geriet.

»Ja, das sieht aus wie in einem schwedischen Bilderbuch, ich weiß, und genau das wollen wir auch erreichen.« Satzmann grinste in die Runde. »Wir sind zwar in Dänemark und nicht in Schweden, aber die Dänen haben eben nicht diese typischen Häuser, die jedes Kind kennt. Also, was soll’s – das ist doch nur ein unbedeutendes Detail. Skandinavien ist schließlich Skandinavien.«

Dirk bemerkte, dass er automatisch nickte, obwohl er fand, dass die letzte Behauptung reichlich gewagt war. Aber Paul Satzmann trat ausgesprochen überzeugend auf.

»Ein Ferienpark mit diesen Häusern«, fuhr Satzmann fort, »das ist unsere Idee, und diese Idee muss mit Leben gefüllt werden. Wer soll hier Urlaub machen? Wen wollen wir ansprechen? Wir brauchen geeignete Flächen, die Unterstützung der örtlichen Behörden, Baupläne, Genehmigungen, Werbekampagnen – das ganze Programm. Wie würden Sie bei den nächsten Schritten vorgehen?« Paul Satzmann sah zu Britta hinüber. Sie setzte zum Sprechen an, doch ihr Kollege Daniel war schneller.

»Ja, das ist doch wie bei dem großen Projekt im Elsass. Dort haben wir …« Britta schaute ihn unbewegt an, runzelte nur leicht die Stirn.

Dirk wartete gespannt ab. Daniel war voreilig und unerfahren, aber er ließ sich begeistern, wollte Erfolg haben. Und nicht nur das: Daniel hatte auch ein phänomenales Gespür für Zahlen. Trendverläufe und Statistiken konnte er fast im Schlaf berechnen. Auf der anderen Seite wirkte Daniels Verhalten oft merkwürdig unreif.

Dirk hatte ihn bewusst mit in das Meeting genommen. Bei aller Unerfahrenheit hatte Daniel genug Potenzial, und dass er heute dabei war, war auch ein Test für Britta. Sie musste sich gegenüber Newcomern wie Daniel vor einem Klienten durchsetzen, wenn sie die Karriereleiter weiter hinaufsteigen wollte. Schließlich wusste jeder in der Agentur, dass Daniel bei dem Elsass-Projekt nicht dabei gewesen war. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch gar nicht bei SE&P gearbeitet.

Paul Satzmann lehnte sich interessiert vor. »Ja, Herr, ähm, Herr Bitterfeld?« Daniel holte Luft. Jetzt würde er improvisieren müssen. »Ja, also, die Baupläne … die Genehmigungen … Ich könnte mir vorstellen, dass eine Werbekampagne über Social Media sehr gut laufen würde. Mit Video Content. Und Instagram ist für die Zielgruppe total im Kommen, und …«

Dirk schüttelte unmerklich den Kopf und seufzte leise. Nein, das würde kein Test für Brittas Durchsetzungsvermögen werden. Daniel hatte seine Chance gehabt, und er hatte sie vertan, das konnte Dirk an Satzmanns abschätzigem Lächeln sehen.

Der warf einen Blick in die Unterlagen vor ihm. »Herr Bitterfeld, Ihre Ausführungen sind sehr … ähm, interessant, aber ich sehe hier, dass das Projekt im Elsass vor zwei Jahren abgeschlossen wurde. Und Sie haben vorhin in der Vorstellungsrunde gesagt, dass Sie jetzt ein knappes Jahr hier im Unternehmen arbeiten.«

Über Daniels Hals kroch eine verräterische Röte. Er sank in sich zusammen und murmelte: »Ja, Herr Satzmann, ich arbeite seit letztem Juni hier.«

Treffer, versenkt, dachte Dirk Strehlau.

Paul Satzmann nickte knapp und wandte sich Britta zu.

»Frau Hoffmann, wenn Sie jetzt so freundlich wären … Sie hatten damals die Projektleitung?«

Sandra schaute von ihrem Laptop auf, wechselte einen Blick mit Britta.

Nein, Britta zeigte keine Anzeichen von Nervosität, bemerkte auch ihr Chef. Und er glaubte zu wissen, warum: Jede Wette, dass Britta Hoffmann sich in der letzten Nacht intensiv mit Bradford International und den Aktivitäten der Firma beschäftigt hatte.

»Ich denke, Herr Satzmann«, sagte Britta mit genau der richtigen Mischung aus Professionalität und Freundlichkeit, »dass wir noch eine Menge Arbeit vor uns haben. Das Elsass-Projekt hat gezeigt, wie wichtig es ist, alles gründlich zu planen und die Details nicht aus dem Blick zu verlieren. Aber ich kann Sie beruhigen: Bei SE&P ist Ihr Projekt in den richtigen Händen.«

Unter Brittas Lächeln schmolz Paul Satzmann geradezu dahin, der Mann war Wachs in ihren Händen, stellte Dirk begeistert fest. Den Auftrag hatten sie im Sack.

***

»Ich sage dir, das wird nicht der einzige Auftrag bleiben. Herrn Satzmann und Bradford International haben wir restlos überzeugt.« Sandra schaute in der Kaffeeküche ihre Freundin bewundernd an. »Wie du ihn um den Finger gewickelt hast. Du, das hat Dirk aber auch bemerkt.«

Britta stand am offenen Fenster und blickte gedankenverloren auf die Frühlingsblumen im Garten. Sandra hatte recht. Zwei Stunden lang hatten sie sich die Köpfe heißgeredet, Möglichkeiten geprüft und verworfen, die Ideen waren nur so hin und her geflogen.

Und jetzt war es mit Handschlag besiegelt: Sie würde das neue Projekt leiten, ein ganzes Feriendorf entwickeln, von den ersten Ideen bis zur Eröffnung. Und nicht irgendein Feriendorf in irgendeinem Land. Nein, es ging um Dänemark, genauer gesagt um die Insel Læsø. Wie viele Wochen ihres Lebens hatte sie schon in Dänemark verbracht, zahllose Urlaube am Meer, seit sie alt genug war, allein zu verreisen.

Aber dieses Feriendorf-Projekt hat nichts mit deinen Urlauben zu tun, ermahnte sie sich, das ist jetzt Arbeit. Richtig anspruchsvolle, herausfordernde Arbeit. Sie fühlte sich nach diesem Meeting so erschöpft wie nach zwei Stunden Training im Fitnessstudio. Würde sie das schaffen? Das Projekt im Elsass war schon aufwendig gewesen, aber nichts im Vergleich zu dem, das sie jetzt übernommen hatte. Schließlich musste sie immer im Hinterkopf behalten, dass es Folgeprojekte geben konnte.

Sandra machte sich hinter ihr am Kühlschrank zu schaffen. »Die Luft im Konferenzraum war ja zum Schneiden. Dass da niemand mal ein Fenster öffnet. Ich muss jetzt unbedingt was trinken.« Britta drehte sich zu ihrer Freundin um. Sandra lächelte. »Das Meeting war anstrengend, aber du warst wirklich spitze.« Ihr Blick fiel auf das Haltbarkeitsdatum des Orangensafts, den sie gerade öffnen wollte. »Igitt, der ist ja schon im Februar abgelaufen, und zwar im Februar Zweitausendund – was steht da? Himmel, können die das Jahr nicht mal richtig deutlich drucken, also 2018 sieht anders aus. – Britta, wie gesagt, du warst spitze. Wie du auf alle Fragen von Satzmann sofort eine Antwort hattest – ich wünschte, ich könnte das auch. Und das dumme Gesicht von Daniel, als ihm klar wurde, dass er das Projekt als dein Assistent begleiten soll … Ich glaube, der hatte sich schon als Projektleiter gesehen. Was bildet er sich eigentlich ein?«

Britta nickte. »Ja, jetzt kann er erst mal lernen, wie alles läuft. Für den Anfang lasse ich ihn die Anreise organisieren und das Hotel auf der Insel buchen, schließlich ist in Dänemark dann Hochsaison, und unser Aufenthalt liegt in den Sommerferien einiger Bundesländer. Das hab ich gerade schon im Kalender geprüft.« Sie seufzte und schaute hoch. »Wir haben bis Juli so viel zu tun – bis dahin ist es nur noch ein knappes Vierteljahr. Und Bradford ist ja nicht unser einziger Kunde.«

»Komm, du schaffst das! Ich meine, wenn es jemand hinkriegt, dann du.«

Sandras Vertrauen in ihre Fähigkeiten war offenbar grenzenlos. So muss eine Freundin sein, dachte Britta. Aber die Selbstzweifel blieben. Nur noch bis Juli … Dann gab sie sich innerlich einen Ruck. Sie würde einfach anfangen und Schritt für Schritt vorgehen. Eigentlich gar nicht so schwer.

Drei Monate später

Nein, schwer war es nicht gewesen – nur unglaublich viel, dachte Britta, als sie mit ihrem Mercedes-SLK ein Caravan-Gespann überholte und danach wieder auf die rechte Spur einscherte. Aber das war Geschichte, jetzt war sie mit Daniel unterwegs nach Læsø. Die erste lange Fahrt, die sie mit ihrem Sportwagen unternahm.

Das knallrote Cabrio war der einzige Luxus, den sie sich in den letzten Monaten geleistet hatte. Okay, ein Cabrio zu kaufen, wenn man lieber jeden Tag mit dem Bus zur Arbeit fuhr, war schon ein bisschen … ja, was eigentlich? Britta lächelte, als sie an den Kauf dachte.

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