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Sommersaat

I did my best, it wasn’t much

I couldn’t feel, so I tried to touch

I’ve told the truth, I didn’t come to fool you

And even though it all went wrong

I’ll stand before the Lord of Song

With nothing on my tongue but Hallelujah

 

Hallelujah

Hallelujah

Hallelujah

Hallelujah

Leonard Cohen

1.

Stifter umfuhr die fünf Schlaglöcher im Fontaneweg in einer Sinuskurve. Heute um ein paar Grad steiler noch als vorgestern. Rund um den Jägerzaun von Baumann war wieder gerecht worden. Säuberlich parallel verliefen die Linien im dunkelgelben Sandboden, wie einzeln nachgemessen. Kein Steinchen, kein Unkraut störte den Verlauf. Wenn das trockene Wetter anhielt, und die Prognose verhieß nichts anderes als akute Waldbrandgefahr, würden die sauberen Linien des kleinen Handrechens von Siegmar Baumann noch bis zum nächsten Sonntag halten. Heute war Montag, und Stifter beobachtete neugierig die Spuren der Veränderung, die der Sonntag hinterlassen hatte. Ein arbeitsfreier Tag für ihn, aber augenscheinlich nicht für die anderen. Am Sonntag wurde in Germerow nicht geruht. Das Wochenende hatte nichts Christliches hier, im nördlichen Brandenburg, zumindest für die Gartenbesitzer, und das waren fast alle in der ehemaligen Kleingartenanlage »Waldesruh«.

Sechsundvierzig Holzspitzen bis zum Briefkasten, Modell »Klagenfurt«. Weißes Metall mit goldenem Posthorn in der Mitte. Fünfzig auf fünfzig, eine obere Klappe, die geöffnet werden musste, mit verspielt-gewelltem Rand, darunter ein Schlitz mit scharfer Kante. Wenigstens war der Schlitz breit genug, so dass die gepolsterten braunen Umschläge hineingezwängt werden konnten. Stifter war froh um jede Sendung, wegen der er nicht klingeln musste. Und Siegmar Baumann bekam viele gepolsterte Umschläge, beinahe wöchentlich einen. Aus ganz Deutschland, immer von anderen Absendern, immer Privatleute, keine Firmen. Stifter tippte auf Ebay, denn so viele Verwandte konnte kein Mensch haben, insbesondere nicht Siegmar Baumann, der nie ein überflüssiges Wort über die Lippen brachte. Der nur bellen konnte. Was vermutlich seiner Zeit als Grenzer geschuldet war. Deshalb auch der penibel gerechte Sandsaum vor dem Zaun.

Frau Baumann regte sich hinter der Goldkantengardine im großen Panoramafenster. Scheu streckte sie den Kopf dahinter hervor und nahm die kleine goldene Gießkanne mit der überlangen schlanken Tülle, die sie als Alibi stets parat hatte. Sie zeigte sich nie zur Gänze. Sobald Stifter drei Häuser weiter war, bei Singer, und dann um die Ecke bog, in den Heineweg, kam Frau Baumann aus dem Haus gehuscht, öffnete den Briefkasten »Klagenfurt« lautlos und huschte ebenso schnell wieder ins sichere Haus. Stifter hatte sich angewöhnt, ihr ein Signal zu geben, dass er gleich verschwunden war, und klapperte extra laut bei Singers mit der Postkastenklappe. Und wenn er bei Singer keine Post einwarf, klapperte er dennoch.

Heute war für Siegmar Baumann wieder einer dieser Umschläge dabei. Der Inhalt fühlte sich immer ähnlich an: flach, hart, ca. acht auf vier bis fünf Zentimeter mit unterschiedlichen Umrissen. Zinnsoldaten, darauf hätte Stifter wetten mögen, wenn er jemanden gehabt hätte, mit dem er hätte wetten können.

Zinnsoldaten für ihn, und ihr, Frau Baumann, blieben die Gummibäume. Das gesamte Panoramafenster war mit ihnen vollgestellt, und Frau Baumann tat jedes Mal so, als wäre sie eifrig dabei, die unansehnlichen Pflanzen mit den dicken, fleischigen Blättern zu gießen, wo diese doch nur selten Bedarf an Wasser hatten. Viel nötiger wäre ein Staubtuch gewesen. Die Pflanzen sahen aus, als stünden sie seit Erbauung des Hauses, und das dürfte Anfang der fünfziger Jahre gewesen sein, im Fenster.

Stifter arbeitete schnell die Familien Zanker und Klein ab, klapperte bei Singer mit dem Postkastendeckel – tatsächlich warf er zwei Werbeflyer ein – und bog um die Ecke. Vier kräftige Tritte in die Pedale, und er erreichte den heruntergetretenen Maschendrahtzaun, der das kleine Grundstück von Annika Strelski umgab. Hier hatte noch nie ein Handrechen den Sand geharkt; es wirkte fast, als lade Siegmar Baumann alles von ihm entfernte Unkraut und die Kiesel hier ab. Schöllkraut, fast einen halben Meter hoch, wucherte um das Grundstück herum, nur verdrängt vom gemeinen Beifuß. Löwenzahn, dessen ungehemmtes Wachstum ihn auf eine Größe pumpte, dass man Genmanipulation unterstellen konnte, und vereinzelte Rasenbüschel, die sich unter dem Zaun hindurchzwängten, hätten Baumann den sicheren Tod durch Herzinfarkt beschert. Der schlaff durchhängende und löchrige Zaun wurde lediglich von Hopfenranken, wildem Wein und Wicken zusammengehalten. Die Pflanzen verschleierten gnädig das Elend des winzigen vernachlässigten Gartens, aber in Stifters Augen vermittelten sie einen Hauch sommerlicher Romantik. Keine einzige Zierpflanze blühte hier, der Rasen wurde nicht gemäht, sondern niedergetrampelt, und überwucherte die drei verbeulten Plastikkanister sowie das kaputte rote Bobbycar mit nur zwei Rädern. An das rostige, windschiefe Schaukelgestell hatte jemand einen zerschlissenen schmutzig-rosa Teddy gefesselt. Der weiße Plaste-Gartenstuhl war der einzige intakte Gegenstand im ansonsten eher vollgemüllten Refugium der Familie Strelski.

Stifter hatte es sich angewöhnt, am Rand des Anwesens eine kurze Pause einzulegen. Er stieg vom Rad, klappte den Ständer herunter und ordnete die Post in seinen Taschen um, indem er sie sorgfältig zusammenschob, Leerräume füllte, Werbesendungen an den Rand schichtete. All das tat er nicht, weil es nötig gewesen wäre, sondern weil er sich erhoffte, einen Blick von der weichen Frau mit dem hellbraunen Haar zu erhaschen, die sich so rar machte wie die Frau von Siegmar Baumann. Aber zwischen Annika Strelski und Frau Baumann gab es nicht nur altersmäßig und optisch gewaltige Unterschiede. Zwar wollte auch Annika Strelski nicht gesehen werden, sie verbarg sich immer hinter ihren Kindern und in ihrem Haus. Aber wenn er das seltene Glück hatte, ihr zu begegnen, erwiderte sie seinen Blick stets offen. Und dieser Blick aus den wässrigblauen, großen und wimpernlosen Augen ließ Johannes Stifter des Nachts nicht los und bewirkte, dass er von dieser Frau, mit der er kaum ein Wort gewechselt hatte, die drei oder vier Kinder alleine großzog, die ausschließlich Briefe vom Jugendamt und anderen öffentlichen Einrichtungen erhielt, die stets ein schreiendes Baby auf dem Arm und ein behindertes Kind am Bein hatte, dass er von dieser Annika Strelski träumte.

Heute brachte das Umschichten nichts. Im Haus von Strelskis herrschte absolute Ruhe, nicht einmal das Baby schrie. Auf dem Sandweg lag ein kleiner zerrupfter Strauß aus Gänse- und Gewitterblümchen. Sicher hatte der Kleine ihn gepflückt, Sonny, das Trisomie-Kind. Stifter freute sich über Sonny, wenn er ihn sah, gleichzeitig hatte er unendliches Mitleid. Der Kleine war körperlich offenbar gut entwickelt, rund, fast pummelig. Er hatte sehr helles halblanges Haar, das immer in Bewegung war und den runden Schädel des Kleinen mit einem weizenblonden Heiligenschein umgab. Sonny besaß die gleichen hellen Augen wie seine Mutter, auch bei ihm traten die Augäpfel ein wenig hervor, sehr helle flaumige Wimpern und beinahe durchsichtige Augenbrauen umrahmten die stets strahlenden, schräg stehenden Augen.

Auch Sonny freute sich jedes Mal, wenn Stifter kam. Er freute sich allerdings nicht speziell wegen Stifter, er freute sich überhaupt, wenn jemand kam. Dieser Teil der Kleingartenanlage grenzte an den Wald, und der Heineweg, in welchem die heruntergekommene Datsche der Strelskis lag, wurde nur von wenigen frequentiert. Meistens spielte Sonny auf dem Weg, saß im Sand, summte und lachte. Er war immer freundlich und gutgelaunt, streckte kreischend die Arme in die Höhe, wenn er ein fremdes Wesen sah, und mühte sich, aufzustehen und umstandslos anzudocken. An die Beine, das Fahrrad, was auch immer einer an Halt und Stütze hergab. Stifter war anfangs befremdet, er traute sich nicht, Sonny anzufassen, sei es auch nur, um ihn wegzuschieben. Er hatte keine Erfahrung mit Kindern, erst recht keine mit geistig behinderten. Anfangs kam Annika Strelski dann aus ihrem Haus und führte Sonny sanft von ihm weg, wie um Stifter zu befreien. Aber da Stifter nun schon seit Anfang des Jahres als Zusteller in Germerow arbeitete und Sonny beinahe tagtäglich begegnete, konnte er sich der freundlichen Zuneigung des Kleinen mittlerweile selbst erwehren. Mit einer für Stifter eigentlich untypischen Onkelhaftigkeit setzte er Sonny manchmal auf sein Fahrrad und schob ihn ein paar Meter durch den Sand. Oder er hockte sich zu ihm und bewunderte, was Sonny glückstrahlend vor sich angehäuft hatte. Steine, Kronkorken, Blumen, manchmal auch ein Spielzeug: Schaufel, Auto, Murmel. Sonny quietschte und brabbelte und steckte stolz alles in den Mund, als wolle er zeigen, wie köstlich all seine Habseligkeiten waren. Stifter versuchte dann, sich auf den Jungen zu konzentrieren, war aber allzu oft abgelenkt, weil Annika, das Baby auf dem Arm, hinter dem Fenster oder im Türsturz erschien und ihren Sohn überwachte. Sie sagte nichts, sie sprach nicht mit Stifter. Aber Stifter war sich ihrer bloßen Gegenwart so bewusst, er kommunizierte mit ihrer Aura, dass ihm manchmal die Kraft fehlte, aufzustehen und seine Tour fortzusetzen.

Heute aber war kein Sonny auf dem Weg, nur eine kleine blau-grüne Plastiksandale lag da, nahe bei dem zerrupften Sträußchen.

Stifter war froh, dass er mit Hilfe der unerwarteten Fundstücke seine Weiterfahrt noch etwas hinauszögern konnte; er hätte keine Post gehabt für Annika Strelski. Er hob die Sandale und das Sträußchen auf. Die Sandale hängte er über den schmalen runden Metallpfosten, der vorgab, den Zaun zu stützen, und das Sträußchen zwängte er durch eines der Löcher des Maschendrahtes. Dann setzte er bedauernd seinen Weg fort.

 

*

 

Annika lag regungslos auf dem zerwühlten Bett, Jasmin neben sich, die, den Windelpo nach oben gestreckt, die Beine unter sich an den Bauch gezogen hatte. Der Kopf mit den roten heißen Backen war zur Seite gelegt, aus dem geöffneten Mund rann noch ein Rest Milch.

Annikas T-Shirt war hochgeschoben, sie hatte Jasmin gestillt, und dabei waren sie beide eingeschlafen. Annika war geradezu in Ohnmacht gefallen, Jasmins Fieber hatte sie die ganze Nacht auf Trab gehalten, sie hatte das schreiende Baby fast durchgehend gestillt. Natürlich war Jasmin mit ihren dreizehn Monaten zu alt, um gestillt zu werden, aber Annika hatte kein Geld für Pulvermilch, und sie hatte es bei allen ihren Jungs so gehalten, dass sie sie stillte, bis diese von selbst darauf verzichteten. Sonny dagegen, der Dreijährige, ließ sich nicht abstillen. Immer noch schob er ihr T-Shirt nach oben und nuckelte. Er nuckelte, wenn er sich einsam fühlte, er nuckelte, um einzuschlafen, er nuckelte, weil Jasmin gerade gestillt wurde, und er wollte unbedingt nuckeln, wenn Annika einen ihrer Wutanfälle hatte und Adam aus dem Haus gejagt hatte. Sonny war unnachgiebig, er ließ sich auch durch Annikas verzweifeltes Gebrüll nicht von ihrer Seite vertreiben, und meistens war er, der Lieblingssohn, der Grund, warum Annikas Wutanfall verebbte.

Annika fühlte sich ausgelaugt von der Stillerei. Nicht nur, dass ihre Brüste mittlerweile unansehnlich waren, die Brustwarzen rauh. Auch Annika selbst fühlte, wie sie keine Energie hatte, wie ihr der Lebenssaft ausgesaugt wurde und sie immer apathischer wurde. Aber sie wollte auch nicht aufhören damit. Nur wenn sie stillte war Ruhe. Ein gestilltes Kind war friedlich, satt und zufrieden. Annika liebte den Moment, wenn eines ihrer Kinder beim Stillen eingeschlafen war und der kleine Kopf, leicht nach hinten gekippt, die Brustwarze freigab. Die Oberlippe gewölbt und glänzend von der Muttermilch. Der schwere Körper, der sich nicht sträubte, der sich ihr nicht entgegenstemmte, sondern warm und ruhig auf ihr lag. Annika fasste im Schlaf instinktiv neben sich und tastete, ob Jasmin noch dalag oder bereits vom Bett gerollt war. Beruhigt, weil sie die kleine Faust neben sich spürte, zog sich Annika im Halbdämmer das T-Shirt über die Brust und rollte auf die Seite. Sie hätte ewig so liegen mögen. Es war erst Vormittag, aber die Sonne knallte in ihr Schlafzimmer, weil das schmutzig-weiße Plasterollo klemmte, die linke Seite hing, zum Fächer aufgeklappt, herunter, und Annika wartete darauf, dass Steven es reparierte. Steven, ihr Ältester, auf den sie so stolz war. Der alles reparieren konnte, der eine Lehre zum KFZ-Mechatroniker gemacht und Zauberhände hatte. Heute kam er angereist, zu Besuch aus dem Thüringischen. Annika war stolz und glücklich, dass Steven kam, auch wenn er nur wenig mit ihr redete, und wenn, dann warf er ihr vor, dass sie sich keine Arbeit suchte, dass sie vom Staat lebte, dass sie sich zweimal von dem Arschloch Micha hatte schwängern lassen – das zweite Mal, obwohl Micha ihr schon den Mongo angehängt hatte. Der Mongo. Annika schlug die Augen auf. Sie hatte Sonny ganz vergessen. Wo war er? Was hatten sie gemacht, bevor sie eingeschlafen war? Annika setzte sich auf, so schnell, dass ihr für einen Moment schwarz vor Augen wurde. Sie blickte sich um, aber Sonny war nicht im Zimmer. Sonny war nie im Zimmer, er machte sich immer auf die Socken, ließ sich nicht einsperren, und im Sommer stand die Haustür sowieso immer offen. Annika zögerte. Wenn sie rufen würde, weckte sie Jasmin auf. Aber sie konnte sie hier nicht liegen lassen, sie rollte vielleicht vom Bett, wie so oft, und wenn der Mann vom Jugendamt mal kam und sah, dass Jasmin vielleicht eine Beule oder einen blauen Fleck hatte?! Dabei achtete Annika schon darauf, dass der Abstand vom Bett zum Boden nicht so hoch war, dass eines ihrer Kinder sich ernsthaft verletzte. Meistens. Meistens hatte sie ein Auge auf ihre Kinder, so gut sie es eben schaffte. Verdammt, wo war Sonny jetzt?

Annika spürte, dass ihr schlecht wurde. So still war es noch nie gewesen, Sonny war nicht da, und sie hatte einfach geschlafen … geschlafen und versagt.

»Sonny!« Jetzt schrie Annika, packte Jasmin, die ruckartig aus dem Schlaf gerissen wurde und nach einer Schrecksekunde anfing zu brüllen. »Sonny!« Annika wusste, dass etwas passiert war. Sonny, ihr hilfloser, ihr weicher, ihr geliebter Sohn. »Sonny!« Das Glückskind, das immer lachte. »Sonny!« Annika war schon fast draußen auf der Straße, sie hatte die drei Zimmer ihres kleinen Hauses sofort gescannt und wusste, dass er in die Welt gegangen war, ihr kleiner runder, goldener Sohn. »Sonny!« Annika tat der Hals weh, sie hatte Stiche in der Brust, und ihre Kehle war eng vor Angst.

Die brüllende Jasmin auf der Hüfte, stürmte Annika durch das offen stehende Gartentor und sah sich panisch um. Links bog der Weg gleich um die Ecke; der kleine Trampelpfad, der über den Grashügel an den ersten vereinzelten Kiefern vorbei in den Wald führte, war versperrt durch einen Haufen verrottenden Sperrmülls. Auf der anderen Seite, nach rechts, verlief der Heineweg an zwei weiteren Grundstücken neben Annikas in Richtung Hauptstraße. Melchert hatte versucht, sein Grundstück von unliebsamen Zaungästen abzuschotten und einen Eisenfächer mit bedrohlich nach außen gerichteten Spitzen an die Eckpfosten seines Zauns geschweißt. Hier traute sich Sonny nicht vorbei, noch nicht. Annikas Blick blieb schließlich am Pfosten ihres eigenen Gartentores hängen, auf dem eine Sandale aufgespießt hing. Sonnys Sandale. Darunter ein zerrupfter Blumenstrauß, ein makaberes Zeichen, Blumen auf Sonnys Grab.

»Sonny!« – Annika ahnte jetzt, wer Sonny hatte, wer Sonny gelockt oder gewaltsam entführt hatte, diese Arschlöcher von der Bushaltestelle, diese Wichser, die ihr immer hinterherbrüllten, die auf Sonny Steine schmissen und »Spasti« riefen.

Annika hatte keine Schuhe an, aber sie rannte, wie sie im Leben noch nicht gerannt war, sogar Jasmin hielt endlich die Klappe, vielleicht weil sie spürte, dass etwas Schreckliches geschehen war, vielleicht aber auch, weil sie es genoss, dass endlich etwas los war in ihrem kleinen Leben.

Annika erreichte die Bushaltestelle, aber es war keiner da von den Losern, die hier immer rumhingen, wahrscheinlich pennten sie noch, weil sie wieder hackedicht waren von gestern und vorgestern.

»Sonny!« Annika konnte nicht mehr brüllen, sie war außer Atem, und die Angst saß ganz fest in ihrer Brust, und ihr Hals war so trocken, von der Schreierei, von der Hitze und dem Sand und natürlich von der Panik.

 

*

 

Die Mama schrie. Die Mama schrie so schlimm nach Sonny, dass Adam es bis in sein Baumhaus hören konnte. Adam spuckte noch einmal vom Baum, er würgte, aber jetzt konnte nichts mehr kommen, er hatte schon so viel kotzen müssen. Aber die Tränen kamen immer noch, und Adam wäre so gerne zur Mama gelaufen, aber er traute sich nicht zu ihr, weil sie ihm bestimmt sofort ansah, was los war. Heute war ein so beschissener Tag für Adam. Der beschissenste in einer Reihe von beschissenen Tagen. Adam war in der Nacht abgehauen, weil er die Brüllerei von Mama und Jassi nicht mehr ausgehalten hatte. Und weil die Mama ihn geweckt hatte und aus dem Bett gezogen, obwohl er noch so verpennt war, und ihn zu Sonny aufs Sofa geschubst hatte. Und als er gesagt hatte, dass er in sein Bett möchte, ohne den Scheiß-Sonny, hatte der Sonny geweint, und die Mama hatte ihm eine geknallt. Und dann war Adam abgehauen, im Schlafanzug und in den Wald ohne Taschenlampe und in sein Baumhaus. Weil, das fand er im Schlaf, und sein Seil hat auch draußen gehangen, das er sich aus altem Stoff zusammengeknotet hatte. Er hatte sogar ein bisschen geschlafen, aber als die Sonne durchkam, war er aufgewacht. Er wollte nach Hause, sich was zum Essen holen. Er hätte in die Schule gemusst, aber er war so müde, und außerdem war in den ersten zwei Stunden Sport, und er hatte keine richtigen Sportschuhe. Deswegen wurde er nie gewählt beim Völkerball. Er war immer der Letzte, obwohl er super gut werfen konnte und niemals abgeschossen wurde. Aber er war endpeinlich.

Also war Adam, anstatt nach Hause zu gehen, wieder zu Frau Schwitter gelaufen, wo er eigentlich nicht hin sollte. Aber er bekam dort jedes Mal etwas zu essen und meistens noch ein Geschenk. Scheiße, dieses Mal hatte er sein Geschenk verloren, wahrscheinlich unten am See, nach der Sache. Es war so geil gewesen, ein Lego-R2-D2 als Schlüsselanhänger. Adam spuckte noch einmal vom Baumhaus, es kam auch noch ein bisschen was raus aus seinem Magen, Galle, und dann schüttelte ihn der Heulkrampf in einen ohnmächtigen Schlaf.

 

*

 

Keiner von den Idioten stand an der Bushaltestelle. Klar, die waren irgendwo mit Sonny und machten Sachen mit ihm. In Annikas Kopf jagten sich die schlimmsten Phantasien. Die weichen Unterärmchen von Sonny, die immer noch aussahen wie angeschraubt, weil eine weiche Fettwulst das Handgelenk verdeckte. Glühende Zigaretten, die sich in das weiße Fleisch mit den flaumigen Härchen bohrten. Sonnys großer, runder Kopf, die freundliche Bowlingkugel, die immer wieder gegen die Wand knallte. Begleitet von Sonnys verzweifelten Schreien. Schreie, die Annika nur selten von Sonny gehört hatte, der kaum schrie, weil er immer fröhlich und zufrieden war, außer, wenn Micha kam. Annika versuchte sich zu erinnern, wo die Vorgänger von den jetzigen Scheißbushaltestellenteenies ihrem Kumpel auf den Kopf gesprungen waren, vor zwei Jahren. Das hatte auch niemand aus dem Kaff mitgekriegt, weil hier alle schon halbtot waren und die Fenster schnell schlossen, wenn mal was zu hören war. »Sonny!« Annika versuchte noch mal zu schreien, aber es kam nicht mehr viel aus ihrer Kehle, sie hatte sich heiser geschrien, so schnell schon. Annikas Beine wurden weich, vor Panik konnte sie Jasmin nicht mehr tragen. Sie wollte sich hinlegen und die Grasdecke über sich ziehen. Sollten die anderen Sonny für sie finden, nur bitte ganz schnell. Aber Germerow hatte keine anderen zu bieten, die ihr helfen würden. Nicht am Montagvormittag um elf. Da waren nur noch die Alten und die Hoffnungslosen, so wie sie. Und die halfen einander nicht, die hatten genug mit sich selbst zu tun. Jasmin, die während der ganzen Zeit erstaunlich ruhig gewesen war, quietschte. Sie zeigte mit dem nass genuckelten und rot geknabberten Finger über die Hauptstraße. Annika folgte ihrem Blick, hoffnungsvoll. Sonny war da, der kam jetzt über die Straße gelaufen, zur Mama! Annika spürte erst jetzt, dass ihre Augen voller Tränen standen und sie Mühe hatte, die andere Seite der Hauptstraße zu erkennen, aber da war kein Blondhaar. Kein Sonny. Alles, was da war und was sich aus ihrem Tränenschleier herauskristallisierte, war nur der Briefträger.

 

*

 

Stifter hörte die Schreie. Seine Tour hatte ihn schon auf die andere Seite der Hauptstraße geführt, er parkte sein Rad gerade vor der Platte, als er ihre Stimme vernahm. Es war ihm, als hörte er ihre Stimme zum ersten Mal. Tatsächlich hörte er sie so laut und kräftig zum ersten Mal. Sie sprach sonst immer leise und mehr nach unten, mit den Kindern. Sie hatte eine leicht angeraute Stimme, obschon Stifter hätte schwören können, dass Annika Strelski nicht rauchte. Erstaunlich, dass er gleich wusste, dass sie es war, die da schrie. Und sie verstummte sofort wieder. Ein letzter, fast erstickter Schrei folgte noch, wie ein letztes Aufbäumen vor der unweigerlichen Kapitulation der Stimmbänder. In diesem Schrei lag so viel unfassbare Verzweiflung, dass Stifter sofort den Radständer hochklappte, das rechte Bein über den Sattel schwang und, ohne auf den Verkehr zu achten, die Hauptstraße überquerte.

Stifter war es egal, dass Herr Lorch ihm empört hinterhersah. Lorch war immer empört, und er sah alles, das war lange sein Job gewesen, und er übte ihn immer noch aus, ungeachtet der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen. Das hatte Lorch, Hochparterre links, noch nie interessiert. Er hatte sich eine moderne Wohnung mit Zentralheizung und fließend Wasser zusammenbeobachtet und seiner Empörung schriftlich freien Lauf gelassen. Davon kam er nicht mehr runter, und Stifter ließ ihn links liegen. Er hielt, so schnell es das Katzenkopfpflaster eben zuließ, auf die Bushaltestelle zu, hinter der Annika Strelski stand, das Baby wie immer auf der Hüfte, und sich aufgelöst umsah. Sie staunte beinahe, als hätte sie nicht mit Hilfe gerechnet, als hätte sie jemand ganz anderen herbeischreien wollen.

Fast verließ ihn der Mut; Stifter glaubte, dass er eine Grenze übertreten hatte, indem er auf ihre Schreie reagiert hatte. Er fühlte sich, als mache er ein ungebührliches Angebot, weil er sich sofort, ohne nur im Geringsten zu zögern, zu ihr begeben hatte. Seine Gefühle für Annika Strelski lagen, so empfand es Stifter, offen vor ihr da. Aber nachdem er ihr in die wässrigblauen Augen gesehen und erkannt hatte, dass diese tatsächlich voller Tränen standen, dass Annikas Haare wirr um ihren Kopf hingen, sie keine Schuhe trug und keinen BH unter dem dünnen T-Shirt, schob Stifter seine kleinmütige Angst, sich ihr offenbart zu haben, beiseite. Annika Strelski war verzweifelt, und sie brauchte Hilfe.

»Frau Strelski … kann ich etwas für Sie tun?«

Annika Strelski nickte. Sie wollte antworten, aber musste erst schlucken und die Lippen befeuchten, so trocken waren ihre Kehle und ihr Mund von der Schreierei geworden.

»Mein Sonny«, brachte sie hervor. Die Tatsache, dass da jemand war, der vielleicht helfen konnte, brach den Damm, und sie weinte hemmungslos. Sie zitterte, und nach einer kurzen Sekunde der Überraschung, dass ihre Mama schwach wurde, begann auch Jasmin zu plärren. Von Stifter wurde augenblicklich Souveränität gefordert. Eine Fähigkeit, die er sich eher nicht zuschrieb. Aber vermutlich lag es daran, dass so etwas wie Souveränität zeigen, Klarheit verschaffen, die Dinge in die Hand nehmen, seinen Mann stehen, noch nie von ihm gefordert worden waren. Und eine Frau trösten … Stifter erinnerte sich nur an ein einziges Mal.

Er war vierzehn gewesen, als sein Vater starb. Und nach der Kirche, nach der Beerdigung, nach dem Leichenschmaus, zu Hause über der unbenutzten Teetasse seines Vaters, als sie beide alleine stumm in der Küche saßen, war seine Mutter unvermutet zusammengebrochen. Sie hatte viel Ähnlichkeit mit der Annika Strelski gehabt, die nun mit zuckenden Schultern vor ihm stand. Damals hatte er seine Mama in den Arm genommen und das Band, das immer schon besonders eng war zwischen ihm und seiner Mutter, hatte sich in diesem Moment gleichsam verfestigt und hielt bis heute. Hätte Stifter überlegt, hätte er die Distanz zu Annika Strelski gewahrt, hätte er es anders gemacht, doch er folgte seiner Empfindung und legte den rechten Arm vorsichtig, aber bestimmt, deutlich, aber nicht besitzergreifend, um die Schultern der weinenden Frau. Und Annika ließ es zu, sie wurde ganz weich und lehnte sich fast an ihn.

»Ist Sonny weg?«, fragte Stifter vorsichtig. Annika nickte und zuckte mit den Schultern, und das Weinen ebbte ein wenig ab.

»Ich hab … ich hab die Kleine gestillt.« Annika gelang es nun immerhin zu antworten, wenn auch mühsam und abgehackt. »Aber er war noch da, und ich hab vielleicht nur kurz nicht aufgepasst. Aber er war immer um mich rum, und ich konnte doch nicht … Jasmin hat getrunken. Und jetzt ist er nicht mehr da, das ist noch nie passiert, und ich guck doch immer …« Stifter spürte, wie die Frau in Rechtfertigungszwang geriet, und er wollte nicht der Ankläger sein und sie nicht in die Rolle der Schuldigen drängen. So baute er einem möglichen erneuten Redeschwall mit Aktionismus vor.

»Sonny kann nicht weit sein. Der ist bestimmt in den Wald gelaufen, zum Spielen.« Stifter ging im Kopf die Möglichkeiten, wo Sonny sich versteckt haben könnte, durch. »Oder er ist bei Melchert über den Zaun.«

Annika schüttelte den Kopf. Die Verzweiflung in ihrer Stimme wurde größer. »Ich hab doch gerufen! Der hätte mich gehört, der Sonny!« Sie wurde leiser. »Ich hab ihn doch auch immer gehört. Immer.«

»Ich suche ihn. Mit dem Rad habe ich schnell alles abgefahren. Den finden wir schon, den Sonny. Keine Angst.« Der souveräne Stifter.

»Den haben die Arschlöcher!« Der schrille Ausbruch von Annika Strelski kam plötzlich und ließ Stifter jäh zusammenfahren. »Die Wichser hier, die tun ihm was an.« Annika heulte fast auf vor Panik, und sofort fühlte Stifter sich unwohl. Er schwitzte ohnehin schon ordentlich bei gefühlten dreißig Grad im Schatten des Brandenburger Sommers, aber nun öffneten sich die Poren, und Stifter ahnte, dass er bei dieser Aktion vielleicht auf Dinge stoßen würde, mit denen er lieber nichts zu tun gehabt hätte. Er wollte doch nur den kleinen Jungen suchen, der sich hundertprozentig irgendwo versteckt hatte und ganz in der Nähe wartete. Er wollte ihn schnell finden und der glücklichen Mutter übergeben. Stattdessen tauchten jetzt Dritte in der Geschichte auf, unbekannte Faktoren.

Annika Strelski hörte auf zu schluchzen, und Stifter spürte ihre Erwartungshaltung, dass er die Dinge in die Hand nehmen möge, und ihm war klar, dass er Sonny suchen musste, sofort. Es gelang ihm, Annika davon zu überzeugen, nach Hause zu gehen. Annika schniefte und nickte gehorsam. Sie sah erwartungsvoll zu ihm auf, und in ihren Augen lag trotz ihrer Panik und ihrer Angst so viel Urvertrauen, dass Stifter ob dieser großen Verantwortung, die er plötzlich trug, ein bisschen übel wurde. Er musste die Dinge jetzt richten. Er legte seine Hand beruhigend auf Annikas warme und weiche Schulter, registrierte nebenbei die zarten winzigen Sommersprossen am Halsausschnitt und schob sie sanft in Richtung ihres Zuhauses.

»Ich finde Sonny, da können Sie sich drauf verlassen.« Annika trottete verzagt auf dem Trampelpfad hinter der Bushaltestelle zurück, und Jasmin, die neugierig über ihren Oberarm linste, zeigte erstaunt mit dem kleinen Finger auf ihn. »Da!«

Stifter wischte sich mit beiden Händen übers Gesicht, wie um sein plötzliches Unbehagen abzustreifen. Was hatte ihn geritten, sich so überlegen zu geben? Woher sollte er den Jungen plötzlich zaubern? Was, wenn tatsächlich ein Unglück geschehen war? Stifter schüttelte sich. Er hätte jetzt wahnsinnig gerne eine geraucht, aber das Päckchen mit dem halbvertrockneten Rest »Schwarzer Krauser« lag in seiner Datsche auf dem Fensterbrett. Sorgsam eingeteilt für die zwei abendlichen Zigaretten, die er sich gönnte. Eine um neun, wenn er anfing zu schreiben. Eine gegen eins, wenn er damit fertig war, vor seiner kleinen Hütte auf dem wackeligen Stuhl mit dem Plastikpolster saß und den Geräuschen des nächtlichen Waldes lauschte.

Stifter riss sich zusammen und analysierte die Lage. Die wenigen Straßen und Wege und Trampelpfade von Germerow würde er schnell abgefahren haben. Er hatte seine Tour gerade erst zur Hälfte erledigt, die zweite Hälfte verschob er auf später, in der Zwischenzeit würde er Sonny finden, wenn er systematisch vorging. Kam die Post in der anderen Hälfte von Germerow, vielleicht dreihundert Haushalten, eben später an. Stifter formte im Kopf ein Planquadrat. Er war ein Systematiker, er zählte beinahe alles, was er tat, alle seine täglichen Verrichtungen, unbewusst mit. Wie oft er zwischen den Briefkästen in die Pedale trat. Wie viele Kästen er bereits bedient und wie viele er noch vor sich hatte. Er achtete darauf, dass er die untere Zahnreihe exakt ebenso viele Sekunden putzte wie die obere. Er zählte die Schlucke Kaffee, die er morgens trank. Und er plante, Sonny erst im vertikalen Straßenverlauf, dann im horizontalen zu suchen.

Während Stifter sein Rad in Richtung Löschteich lenkte, dachte er an Annika Strelskis hysterische Anklage. Er hatte auf der Stelle gewusst, wen Annika mit »die Arschlöcher« gemeint hatte. Mike, Samantha, Kevin, Michelle und noch ein paar andere Gestalten. Die ganze Palette der Klischeenamen versammelte sich an dem mit Wellasbest aus dem VEB Volksbau Wandlitz notdürftig abgedeckten Betonunterstand. Bushaltestelle war ein glatter Euphemismus für dieses Relikt aus der Hochzeit der Pfuschbauten. Germerow, vor dem Krieg ein idyllisches Hundert-Seelen-Dorf mit Löschteich, Kirche und zwei Bauernhöfen, war im Lauf der fünfziger und sechziger Jahre totentwickelt worden. Hier wurden die Arbeiter der beiden nahe gelegenen Schweinemastbetriebe in die für DDR-Verhältnisse schnell hochgezogenen Mehrfamilienhäuser gestopft. Fünf Kilometer Betonplatten einmal kreuz und quer durchs Dorf verlegt, und eine neue Ausfallstraße zu den Betrieben auf der grünen Wiese. Nur mit viel Sympathie für den damals real existierenden Sozialismus konnte man so etwas wie »Anlage«, »System« oder gar »Straßenplanung« erkennen. Später kamen die entsprechenden Kleingartenanlagen mit den Datschen für die Funktionäre hinzu – auch sie mit Betonfertigteilen schlampig in die Landschaft geworfen. Insgesamt setzte sich Germerow also neben der Hauptstraße nach Wandlitz aus zwei größeren planierten Straßen zusammen, der »Straße der Freiheit« und der »Allee Juri Gagarin«, sowie mehreren Gehwegen, die aussahen, als hätten die Besitzer der sie säumenden Häuser diese in Eigeninitiative mit einem Rest Teer ausgegossen. Dazu die Trampelpfade der KGA »Waldesruh« mit ihren deutschen Dichternamen.

Nein, den Jugendlichen traute er keine geplante Gewalttat zu. Dass sie Sonny beschimpften, das einzige offensichtlich behinderte Kind in Germerow, war ihm nicht entgangen. Aber er hielt sie allesamt für zu hirnlos und abgestumpft, als dass sie sich planvoll am helllichten Tag eines kleinen Kindes bemächtigten, es in eine abgelegene Hütte bringen und dort misshandeln würden. Sicher, er erinnerte sich deutlich an die Zeitungsberichte vor zwei Jahren, als ebenjene vermeintlich hirnlose Clique einen der Ihren gedemütigt, gefoltert und schließlich auf unmenschliche Weise getötet hatte. Es waren ja nicht wirklich dieselben jungen Leute, oder nur zum kleinen Teil. Sie waren den Tätern von damals nachgewachsen und standen ihnen allerdings an Perspektivlosigkeit und sozialer Verwahrlosung in nichts nach. Aber die meisten von ihnen lagen jetzt bestimmt noch in den Federn, beziehungsweise hingen jetzt schon vor der Glotze, gesetzt den Fall, sie konnten die Augen schon öffnen und in die grelle Julisonne blinzeln. Die Clique kam erst am frühen Nachmittag aus ihren dunklen Löchern gekrochen, wenn es etwas zu sehen gab. Wenn sich Germerow belebte und die Privilegierten, also jene, welche Arbeit hatten, aus Berlin wiederkamen. Sie ließen morgens um sechs, wenn die Hoffnungslosen in den Fernsehsesseln dämmerten, ihre Autos an und pendelten in die Stadt. Hin auf der Autobahn, zurück über die Dörfer. Jeder für sich, in jedem Auto saß einer. Selten zwei. Nie drei. Eineinhalb Stunden später fuhren die Vans, nur sehr wenige, mit Müttern, die ihre Kinder nach Wandlitz brachten, in die besseren Schulen. Es waren die Kinder jener Familien, die bald wieder weiterziehen würden, weil sie die Trostlosigkeit nicht ertrugen in Germerow. Weil ihre Kinder sich nicht an der Bushaltestelle treffen sollten. Familien, die weder in den Datschen noch in der Platte wohnten. Hinter der Platte, an der Ausfallstraße zu den alten Schweineställen, gab es ein überschaubares Gebiet an größeren Einfamilienhäusern. Da gruppierte sich ein halbes Dutzend Neubauten – Architektenträume aus glatten Holz- und Glasfassaden, Wärmepumpen und Solarzellen – um einige wenige alte, jetzt hübsch renovierte flache Häuschen aus dem 19. Jahrhundert. Es waren die Familien, die erst neu zugezogen waren, aus Berlin; Pankow oder Prenzlauer Berg. Deren Kinder sich ausschließlich in ihren Gärten und denen der befreundeten Nachbarn aufhalten durften, die im Sommer gemeinsam grillten, ohne dass man sie in Germerows »Zentrum« jemals sehen oder hören würde. Nur die großen Autos ihrer Freunde, die am Wochenende den kleinen Ort blockierten – sehr zur Freude von Ladenbesitzerin Hilke Schwitter, aber zum Ärger aller anderen, deren Badesee plötzlich von schwäbelnden Berlinern okkupiert wurde –, waren nicht zu übersehen.

Gänseblümchenweg, Asternweg, Ginsterstraße, die Ecke um das Spritzenhaus der Feuerwehr und rund um den Löschteich samt Ziegenverschlag – kein Sonny. Langsam wurde Stifter nervös. Er hatte nun beinahe das gesamte Gebiet diesseits der Hauptstraße abgefahren. Währenddessen laut gebimmelt und nach dem kleinen Kerl gerufen. Und hatte dabei so gut wie gar keine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Vor allem aber: Sonny nicht gefunden. Den Teil Germerows, der jenseits der Hauptstraße lag, also das Gebiet mit der Platte, wo Lorch immer noch auf seine Post wartete, ließ er aus. Die Hauptstraße hatte der Kleine sicher nicht überquert. Er war trotz seiner drei Jahre noch nicht so gut auf den Beinen, dass er ohne Weiteres eine Strecke von mehreren Hundert Metern am Stück zurücklegen konnte. Obwohl Sonny manchmal in seiner seltsamen Art, sich zu bewegen – er sah dann aus wie ein schlingerndes Ei –, äußerst fix war, bezweifelte Stifter, dass der Aktionsradius des Kleinen mehr als dreihundert Meter betragen konnte. Ausschlaggebend für Stifters These war vor allem, dass Sonny sich ablenken ließ. Wenn er ein Ziel hatte, das Gartentor, das Bein eines Besuchers, das verrostete Schaukelgestell, so musste es schon direkt vor seiner Nase liegen, damit Sonny es umstandslos erreichte. Lag es mehr als fünf Schritte von ihm entfernt, gab es mindestens fünfmal Anlass, Station zu machen: ein Marienkäfer, ein Kronkorken, ein Gänseblümchen … alles konnte Sonnys Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ihn von seinem ursprünglich angestrebten Ziel abbringen. Wie konnte es also sein, dass Sonny sich plötzlich so weit von zu Hause entfernen konnte, ohne einen Zwischenstopp einzulegen? War es tatsächlich so, wie Annika Strelski vermutete, dass jemand Drittes involviert war? Den Kleinen entführt hatte? Stifter verwarf den Gedanken. Wer sollte den gehandicapten Sohn einer von Stütze lebenden Mutter entführen wollen? Zu welchem Zweck? Nur um ihm weh zu tun? Das widersprach allem, was Stifter unter Lebenserfahrung für sich verbuchen konnte. In der Regel geschahen solche Taten aus dem Affekt heraus. Auch diese Sache hier mit dem Teenager, dem sie an der Bürgersteigkante auf den Kopf gesprungen waren. Entstanden im Suff am Abend eines ohnehin schon verpfuschten Tages. Die Kinder, die Jugendlichen, waren damals erst dreizehn, vierzehn, fünfzehn, ein Alter also, in dem man nach Stifters Dafürhalten unbedingt noch Kind sein sollte; sie hatten ein Ventil gesucht und in dem Schwächsten ihrer Gruppe gefunden. Stifters Gedanken trudelten weiter, während er fuhr und rief und suchte. Oder der Obdachlose aus Prenzlau. Die ärmste Sau unter den anderen obdachlosen, arbeitslosen, versoffenen Typen. Er war einfach dran gewesen, weil das Wegschießen mit Alkohol irgendwann nicht mehr gereicht hatte. Absolut mitleidlose und nicht zu rechtfertigende Taten.

Stifter wurde schon wieder übel. Der Morgenkaffee stieß ihm leicht sauer auf. Er wollte nicht daran denken, dass Sonny ein solches Schicksal ereilt hatte. Nicht hier, nicht jetzt, bitte überhaupt niemals. Germerow war sein kleines privates Exil. Ruhig, friedlich, paradiesisch. Der weiche gelbe Sand, der sich von der Sonne aufgeheizt hatte und ihn, zusammen mit dem Geruch der Kiefern, an seinen ersten elternlosen Urlaub erinnerte, Camping in Südfrankreich. Der Löschteich inmitten des Dorfes, an dessen Rändern die Ziegen von Matoschka grasten (und bestialisch stanken, wenn Stifter ehrlich war). Das Storchenpaar, das jeden Sommer auf dem Spritzenhaus der Freiwilligen Feuerwehr gastierte. Das war es, was Stifter in Germerow sehen wollte. Nicht, dass er ein Romantiker war, beileibe nicht. Aber er sehnte sich nach Einsamkeit und Seelenfrieden. Das hatte er in all den Jahren in Berlin nicht gefunden. Auch nicht finden können, weil er gar nicht gewusst hatte, dass er es suchte. Aber er hatte im Lauf der Jahre gespürt, dass er sich immer mehr zu einem Soziophobiker entwickelte. Das war einer der Gründe für den späten Beruf gewesen und auf alle Fälle der Grund für Germerow. Der Grund, Berlin nach so vielen Jahren endgültig in Richtung Ostexil zu verlassen. Unabhängigkeit und Kontemplation durch die gleichförmige Tätigkeit. Nur ich und mein Fahrrad. Das war es, was den Beruf des Zustellers für ihn so attraktiv gemacht hatte.

Und nun suchte er für eine fremde Frau mit den bewegendsten wasserblauen Augen, die er je gesehen hatte, ihren kleinen mongoloiden Sohn. Und musste sich mit dem ungeheuerlichen Verdacht auseinandersetzen, dass der Dreijährige vielleicht einem brutalen Verbrechen zum Opfer gefallen war.

 

*

 

Er saß im Auto und beobachtete durch die Scheibe den Mann, mit dem die Chefin frühstückte. Die beiden lehnten in großen Korbstühlen auf der Straße, zwischen ihnen ein lächerlich kleiner Tisch. Ein Tisch, der einen Durchmesser hatte, der seinen beiden Händen entsprach, nebeneinandergelegt. Dennoch schafften sie es, daran zu essen und zu trinken. Von kleinen Tellern und aus kleinen Tassen, zerbrechlich wie Puppengeschirr. Er fixierte den Mann. Schwarze Haare, zurückgekämmt und wie lackiert glänzend. Dazu trug er eine Sonnenbrille, wie sie Frauen anstand. Und ein rosafarbenes Hemd. Achmat regte sich in dem tiefen, weichen Sitz des Mercedes. Das war kein Auto für ihn. Wenn es fuhr, merkte man nichts davon. Es glitt dahin. Das waren Autos für Männer wie diesen da, die keine Männer waren. Nicht für ihn. Er war Traktor gefahren, sein Leben lang. Sein altes Leben lang. Oder Saporoshez. Fahrzeuge, die man hören und riechen konnte. Und die einem ins Kreuz fuhren bei jedem Schlagloch und jeder Ackerfurche. Die man jederzeit wieder zum Laufen bringen konnte, wenn sie mal liegenblieben. Wie oft hatte er den Motor seines Traktors repariert, mit ein paar gezielten Schlägen seines Schraubenziehers. Oder die Antriebswelle geschweißt. Jetzt steckte sich der Mann mit den Lackhaaren eine Zigarette an, aus einer goldenen Packung. Mit Fingern, die, ebenso wie sein Hemd und seine Brille, die einer Frau waren. Diese Hände hatten noch in keinen Motor gefasst. Oder ein Kalb aus dem Leib seiner Mutter gezogen. Tief in der lehmigen Erde gewühlt, um Wurzeln und Steine aus dem Boden zu holen, um ihn für die Saat vorzubereiten. Oder die Gedärme eines Bruders zurück in den Bauch gestopft.

Der Mann zahlte, und Achmat sah missbilligend, wie er seiner Chefin Sabra zwei Küsse links und rechts auf die Wange gab. Die Chefin sah dem Mann hinterher, dann kam sie zu Achmat ans Auto. Er ließ die Scheibe herunter.

»Behalt ihn im Blick.«

Achmat nickte und ließ den Motor an.

 

*

 

»Hannes!« Hilke Schwitter stand vor ihrem Laden und sortierte Äpfel aus einer hölzernen Kiste in eine andere hölzerne Kiste, die auf einem grün gestrichenen Holzgestell aufgebaut war. Neben einem Karton Bananen, ein paar Pappstiegen mit Werderschen Kirschen und jeder Menge Landgurken. Die Schwitter streckte ihm einen rotgelben Apfel wie ein Lockmittel entgegen, und Stifter konnte gar nicht anders, als auf den kleinen Gemischtwarenladen mit dem improvisierten Obst- und Gemüsestand zuzuhalten. Der schmucklose Kasten, dunkelgrauer Rauputz über Asbest, war Germerows kommunikatives Zentrum. Hilke, ein Ostseeküstengewächs aus Ahrenshoop, war schon vor vielen Jahren der Liebe wegen ins trockene Barnimer Land gekommen. Aber sie strahlte noch immer aus allen rosigen Poren Meeresfrische aus. Ihre Haut war glatt, trocken und immer angenehm kühl – Stifter wusste das, weil Hilke ein ausgesprochen haptischer Mensch war. Sie fasste alle ihre Kunden, auch die unbekannten, stets an: knuddelte, drückte, tätschelte. Man entkam ihr nicht, aber ihre Zudringlichkeit hatte nichts Unangenehmes, es war vielmehr so, dass alle Welt sich von Hilke Schwitter getröstet und behütet fühlte. Hilke kannte alle, wusste alles und hielt niemals mit irgendetwas hinter dem Berg. Sie hatte versucht, Stifter an seinem ersten Arbeitstag bis ins Detail auszufragen, aber Stifter konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie bereits alles über ihn wusste. So hatte sie ihn vom zweiten Tag an »Hannes« gerufen, obwohl er ihr nie seinen Namen genannt hatte. Johannes Stifter dagegen nannte Frau Schwitter hartnäckig beim Nachnamen – nicht aus Antipathie, sondern aus Prinzip. Er wollte niemals wieder in die Verlegenheit kommen, dass er es bereuen musste, jemanden vertraulich zu duzen, mit dem er sich mittlerweile über Kreuz befand. Nichtsdestotrotz war zwischen ihm und der Endfünfzigerin eine gewisse Vertraulichkeit entstanden.

»Du siehst aus wie ein Schluck Wasser in der Kurve – verträgste die Sonne nicht, mein Jong?«

Stifter bremste, klappte den Radständer herunter, wobei Hilke Schwitter mit einem wissenden Blick die noch vollen Radtaschen registrierte, indes er den von ihr dargebotenen Apfel entgegennahm und nickte.

»Sonny ist verschwunden.«

»Dat Mongölchen?!«

Stifter nickte erneut. Hilke war schon bei ihm, klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. »Der kann nicht weit sein, wirste sehen, der versteckt sich.«

»Annika … Frau Strelski meint, sie hat schon überall gerufen, und er hätte das bestimmt gehört.«

»Wenn die wüsste, wo ihre Kinder immer stecken …« Bedeutungsschwanger ließ Hilke den Satz in der Luft hängen. Stifter wusste, dass Hilke sich gern empörte über die verwahrlost erscheinenden Strelski-Kinder, andererseits war sie es, die Annika immer und jederzeit gegen jedwede Verurteilung in Schutz nahm.

»Den Adam habe ich heute schon gesehen. War schon wieder nicht in der Schule, der Lütte.«

Stifter merkte auf. Dann waren die Brüder vielleicht gemeinsam unterwegs. Von Adam hatte Annika Strelski gar nichts gesagt. »Aber der Sonny war nicht bei«, fuhr Hilke Schwitter fort.

»Wo war denn der Adam?«, erkundigte sich Stifter hoffnungsvoll.

»Bei mir, was essen. Im Schlafanzug! Dann ist er in den Wald. Wie immer.«

Stifter bedankte sich, indem er grüßend den Apfel hochhob, dann fuhr er auch schon auf seinem Fahrrad gen Wald.

Am Saum des lichten Mischwäldchens stieg Stifter ab und schob. Die Wurzeln der Eichen lagen stark und bloß quer über dem kleinen Pfad, der vom Asternweg zum Badesee führte. Es gab von Germerow aus mindestens zwanzig solcher kleiner Pfade, neben dem gekiesten Weg, der am Ende der Ginsterstraße begann. Dort parkten im Sommer die Stadtflüchtlinge und schleppten dann ihre Gummitiere, Kühltaschen und Radios zum See. Es gab nur eine offizielle Badestelle: ein kleiner Sandstreifen, der gegen Ende des Sommers übersät war mit Grillkohle und Kippen und die einzige schilffreie Uferstelle umgab. Sehr viel weiter hinten, auf der Ostseite des Sees, befand sich eine weitere »geheime« Badestelle, die nur die Einheimischen kannten. Man konnte da allerdings weniger kommod liegen, sondern hatte lediglich eine schmale Einstiegsstelle in das Wasser. Aber Stifter ließ den See und den Kiesweg rechts liegen und orientierte sich in Richtung Osten, Ortsausgang. Linker Hand lag die KGA »Waldesruh« mit der Datsche der Strelskis. Von hier führten ebenfalls Trampelpfade durch den Wald hinunter zum See oder aus dem Ort hinaus in Richtung Wildnis. Der Wald wurde dort etwas dichter, die Kiefern standen enger beieinander, und es gab unbewirtschaftete Gebiete, wo umgestürzte Bäume, von Himbeerranken und Moos überwuchert, sich zu einem dichten urwaldartigen Gestrüpp verbanden. Ein Paradies für spielende Kinder. Aber außer Adam spielte kaum noch ein Kind unbeaufsichtigt im Wald. Die Jugendlichen mieden die Natur, außer bei ihren nächtlichen Zusammenkünften am See, deren Hinterlassenschaften Stifter jeden Morgen, beim kurzen Erfrischungsbad, welches er gegen halb vier nahm, begutachten konnte. Dosen, Tüten, Kippen, Kondome. Ansonsten bewegten sich in diesem Teil des Wäldchens lediglich Jogger, Pilzsucher und Hundebesitzer. Der Pfad machte eine leichte Biegung zum See hinunter, und trotz der lang anhaltenden Hitze in diesem Sommer war der Weg ab hier weich, moosig und ein bisschen feucht. Er führte zu einem kleinen Moor, das ursprünglich Teil des Sees gewesen sein mochte. Stifter hatte Mühe, sein schweres Postfahrrad auf dem Weg weiterzuschieben, dessen Kurven immer enger wurden und der von Wurzelwerk beherrscht wurde. Er bimmelte noch einmal mit der Fahrradglocke und rief Sonnys Namen, bevor er resigniert umdrehte. Er musste manövrieren; sein Rad ließ sich nicht ohne weiteres in die entgegengesetzte Richtung drehen, und Stifter versuchte, das Hinterrad mit dem noch halbvoll beladenen Gepäckträger und den sperrigen Packtaschen mit einer Hand über eine Wurzel zu heben, während er mit der anderen den Lenker festhielt. Mitten in der Bewegung sah er etwas Helles durch die Himbeersträucher blitzen. Helle Haare. Blonde Haare. Weiche hellblonde Haarbüschel. Stifter wollte Sonnys Namen rufen, doch ihm blieb der Ton im Hals stecken. Er ließ vor Schreck das schwere Fahrrad los, das vor ihm zu Boden krachte, aber Stifter hielt sich nicht auf, trat auf die Speichen des Vorderrades, stolperte vorwärts und brach durch das Gestrüpp. Da war er. Sonny. Regungslos. Aber da war nicht nur Sonny. Da war auch Blut. Und Gewebe. Und Knochensplitter. Und Micha. Micha lag am Boden, ebenfalls regungslos. Stifter konnte später nicht mehr sagen, warum er in der Sekunde wusste, dass es Micha war, denn da war nicht mehr viel, woran man ihn hätte erkennen können, aber Stifter glaubte, es war die auffällige Gürtelschnalle, die ihn annehmen ließ, dass es die Leiche von Annikas Ex-Mann war, vor der der kleine Sonny saß. Auf dem, was mal ein Kopf gewesen und nun nur noch Masse war, hatte Sonny Blumen verteilt, Äste und Gräser. Und nun saß er ganz versunken vor dem Leichnam seines Vaters, sang ein leises, zartes Lied, dessen Text nur er selbst verstehen konnte, mit einem versonnenen Lächeln auf seinem freundlichen Mondgesicht.

2.

Thalmeier pulte mit dem längsten seiner kurzgeschnittenen Fingernägel den Kitt aus der Ritze zwischen Glasscheibe und Fensterrahmen. Die Masse hatte ihre gummiartige Konsistenz schon lange verloren, und am Rahmen splitterte der gelbbeige Lack, mit dem wohl das gesamte Gebäude gestrichen war, großflächig ab. Er war fast vollständig verschwunden oder von Thalmeier in den zahllosen Stunden, die er hier am Fenster verbracht hatte, säuberlich abgepult worden, »gefieselt«, wie er sagte. Thalmeier stand an diesem Fenster in der glühenden Mittagssonne. Er schwitzte schon nicht mehr, er schwamm. Er unternahm nichts dagegen, er hielt es aus. Diese trockene, sandige brandenburgische Hitze, die so ganz anders war als »dahoam«. Da, wo er herkam, war selbst der heißeste Sommer noch feucht, zumindest am Morgen. Wenn der Dunst über dem See lag oder sich die Nässe aus den Wäldern noch über die fetten Wiesen zog wie Schleier. Der Schweiß rann in kleinen Bächen an seinem massigen behaarten Körper herab. Es kitzelte und fühlte sich fast an wie Liebkosungen. Der Schweiß bahnte sich einen Weg von den grauen Locken hinter den Ohren, die er längst hätte schneiden lassen müssen, unter seinen blau-weiß karierten Hemdkragen, sammelte sich da, wo Schlüsselbeinknochen hätten sein sollen, und rann dann zwischen seinen stattlichen, weiß behaarten Männerbrüsten in Richtung Bauchnabel. Schließlich staute sich der Oberkörperschweiß im Hosenbund und durchnässte den Stoff. Thalmeier fasste instinktiv an den Gürtel seiner Hose und lockerte den Bund etwas. Ein minimaler Lufthauch. Das Hemd war dort unten am Bund klitschnass, aber wechseln half nicht. Ein neues Hemd wäre ebenso schnell durchgeschwitzt gewesen, und er musste weg. Längst hätte er dort unten stehen sollen, auf dem Parkplatz, wo Galicek schon im Einsatzfahrzeug auf ihn wartete. Aber Hauptkommissar Georg Thalmeier war müde. Unendlich müde. Er blickte auf den Parkplatz der Polizeiinspektion, und was er sah, erstickte jeglichen Keim von Elan im Nu. Der Hinterhof des Containerbaus bestand aus einer Fläche schlecht verlegter und uninspiriert aneinandergeschobener Betonplatten, insgesamt ungefähr fünfzig mal dreißig Meter. Die schwarzen Fugen dazwischen waren so dick und wulstig, dass Thalmeier manchmal davon träumte, wie er sie an einem Ende mit dem Taschenmesser herauslöste, daran zog und wie eine überdimensionierte Lakritzschnecke aufrollte. Drei schwarze Müllcontainer für Restmüll, eine große blaue Papiermülltonne, drei PKW-Einsatzfahrzeuge, der eine Opel für zivile Einsätze – unter den Kleinkriminellen der Umgebung so bekannt, dass er ebenso gut die übliche weiß-grüne Lackierung tragen könnte – und eine »Wanne«. Das Gitter vorn verbeult von den Einsätzen in Berlin am ersten Mai. Umgeben war der Hof an drei Seiten von einer Brache. Man hatte die Mordkommission direkt nach der Wende »auf der grünen Wiese« mit der Aussicht aufgebaut, dass sie in wenigen Jahren in das renovierte Sommerschlösschen ziehen würde. Aus der Aussicht wurde nichts, das Provisorium stand noch immer, und Thalmeier starrte deprimiert vom zweiten Stock in den Hof. Galicek hatte die Fahrertür des Polizeiwagens geöffnet, ein Bein nach draußen gesetzt, und winkte ihm aufgeregt, er solle sich beeilen. Thalmeier seufzte tief und wedelte sich mit dem Hosenbund noch einen Hauch Luft an den verschwitzten Bauch. Eine Leiche. Das lockte ihn weder, noch schreckte es ab. Galicek hatte noch vieles vor sich, trotz seiner siebzehn Dienstjahre, er war immer nervös, richtiggehend vorfreudig. Thalmeier aber war einfach müde. Er wollte nicht zur Leiche. Nicht, weil er Angst hatte, dass ihn etwas Grauenvolles erwartete. Er wusste, dass der Schädel zerschmettert war. Das war nichts Neues. Aber ihn schreckten die damit verbundenen Mühen. Die vielen Worte, die gewechselt werden mussten. Mit Zeugen, mit Verdächtigen, mit Rechtsmedizinern, Journalisten und Spurensicherern. Von den Vorgesetzten ganz zu schweigen. Die vielen Schritte, die er würde gehen müssen. Um den Tatort herum, die Befragungen vor Ort, die endlosen Gänge bei der Staatsanwaltschaft und in den Katakomben des Präsidiums. Die vielen Worte, die getippt werden mussten, Protokolle, Pressemitteilungen, Anfragen an die Kollegen, immer eine Kopie nach Polen wegen der Grenznähe. Er wollte nach Hause; das Gefühl war immer stärker geworden in den letzten Jahren. Nicht in das schmucklose Zimmer, welches er als Untermieter in Bernau bewohnte. Nach Hause, an den Tegernsee. Auf dem Holzstuhl vor seinem Haus in der Sonne sitzen. Ein Helles trinken. Den Kater auf dem Schoß haben. Und seine Frau riefe ihn zum Essen.

»Chef!« Galicek steckte seinen Kopf durch die Tür, und Thalmeier zuckte zusammen. »Wir müssen jetzt echt mal los, die Kollegen haben schon nachgefragt.«

»Davon werd die Leich auch net lebendig.« Thalmeier nahm seinen Janker und folgte Galicek auf den gelbbeigen Flur.

 

*

 

Es war die fünfte ekelhafte Mentholzigarette, die Stifter mit der Schuhspitze im hohen Gras von Annika Strelskis Garten austrat. Die Kippe wickelte er zu den anderen in das Papier des Schokoriegels, welches er neben der Decke gefunden hatte. Hilke Schwitter hatte ihm die Zigaretten aufgedrängt, als er, den kleinen Sonny auf dem Arm und grün im Gesicht, in der Tür ihres Ladens stand und sie darum bat, die Polizei zu rufen. Sie hatte ihm sofort eine aus ihrer angebrochenen Packung angezündet und ihm wortlos einen Kräuterschnaps eingeschenkt, der immer griffbereit unter der Ladentheke stand. Sonny hatte sie eine Banane geschält und dann erst besonnen und hellwach die Nummer der nächsten Polizeiwache gewählt. Auch die lag immer griffbereit unter der Theke, neben dem Schnaps, einem Päckchen Taschentücher, den Kippen, Streichhölzern und einer Rolle Küchenpapier. Den »Kräuter« hatte Stifter nicht angerührt, er wollte sofort weiter zu Annika Strelski und Sonny abliefern. Der nicht im Geringsten beunruhigt, geschweige denn traumatisiert war. Er tatschte Stifter glucksend ins Gesicht mit den rot verschmierten Händen. Zum Glück war das Blut bereits größtenteils getrocknet. Er musste lange dort neben Micha gesessen und mit den Resten des Kopfes gespielt haben. Stifter wurde schon wieder übel von dem Geruch des Blutes und der Masse. Der Kopfmasse. Er hatte sich bemüht, nicht hinzusehen. Er hatte nur den Impuls gehabt, Sonny sofort hochzureißen, ihn in den Arm zu nehmen und ihn in Sicherheit zu bringen. Ein idiotisches Verlangen, denn welche Gefahr ging jetzt schon von Micha aus? Sicherlich weniger als noch zu Lebzeiten. Und tatsächlich war es Sonny gar nicht recht gewesen, von dem Ort seiner spielerischen Verzückung so brutal entfernt zu werden. Der Kleine bekam einen entsetzlichen Schrecken, als Stifter ihn von hinten packte, an sich drückte und mit ihm stolpernd durch den Wald rannte. Keuchend und voller Panik, als sei, wenn schon nicht der Mörder, so doch der blutige Leichnam hinter ihm her. Stifter glaubte, er habe geschrien. Sicherlich um Hilfe geschrien. Von der Vorstellung des souveränen Stifters, die er vor Annika gegeben hatte, war nichts mehr übrig. Erst als er auf der Schwelle zu Schwitters Laden stand, hatte die Realität ihn wieder. Der tiefe Zug an der Mentholzigarette brachte den ersehnten Schwindel und ließ ihn in den Knien leicht einknicken, die von dem Schock und dem Ekel und der Panik ohnehin weich waren. Aber ihm war nicht nach Ausruhen, er wollte sich nicht auf den von Hilke Schwitter angebotenen Stuhl setzen – das Adrenalin war in seinen Kreislauf geschossen und hielt ihn nun on the run. Er hatte den Notruf bei Hilke abgesetzt, die Dinge waren losgetreten, er musste jetzt zu Annika. Sonny auf seinem Arm knatschte an der Banane herum, und Stifter vermied es hinzusehen. Er hätte Sonny vielleicht die Finger und den Mund waschen sollen, bevor er ihm erlaubte, die Banane anzufassen. Sonny jedenfalls war glücklich, denn die Banane half ihm über den Verlust seines schönen Spieles mit seinem Papa hinweg.

Stifter lief im Trab. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal so beeilt hatte. Als er die U1 erwischen wollte? Er war ein Flaneur, wenn er nicht mit dem Fahrrad fuhr. Er mied schnelle Bewegungen ebenso wie schnelle Fortbewegungsmittel: Er fuhr nicht ICE, sondern Interregio. Er flog aus Prinzip nicht, und in ein Auto setzte er sich nur, wenn es gar nicht vermeidbar war. Aber jetzt lief er und beeilte sich. Er wollte Sonny loswerden. Er wollte ihn Annika in den Arm legen, in den See springen, schwimmen und dann in seiner kleinen Datsche in den Nachmittagsschlaf gleiten. Aufwachen und nichts mehr wissen von all dem, was soeben passiert war.

»O Gott!« Panisch riss Annika Strelski ihm ihren Sohn aus dem Arm. »Sonny, mein kleiner Sonny!«

Annika vergrub ihr Gesicht in dem warmen Specknacken ihres Sonnenscheins und schluchzte auf. Sie begann, hemmungslos zu weinen, und jetzt weinte Sonny auch. Annika zitterte und presste Sonny in einer Mischung aus Panik und Erleichterung an sich. Sie hatte Stifter am Gartentor stehen lassen und ging mit ihrem Sohn zu dem weißen Plastestuhl im Garten. Jasmin lag auf einer Decke zwischen Schaukelgestell und Birnbaum und kaute auf einer gelben Gummiente.

Als er Annika und Sonny so sah, Mutter und Sohn, eine Einheit, ein Glückswesen, Annikas Arme fest um den moppeligen Körper mit dem Windelpo und dem schmutzigen Leibchen geschlungen, sich vor- und zurückwiegend und Sonny mit einer Suada aus Lauten der Beruhigung und des Schluchzens einlullend, fielen die Angst und das Gefühl des Gehetztwerdens von Stifter ab. Er setzte sich ungebeten neben Jasmin auf die Decke, holte die Packung mit Hilke Schwitters Mentholzigaretten hervor, die diese ihm noch in die Tasche gesteckt hatte, und zündete sich eine an. Stifter schloss die Augen, zog tief an der Zigarette, hörte weit weg Annika summen und spürte die Sonne auf seinen Rücken brennen. Er war in Sicherheit, und jetzt musste er nur noch warten.

 

*

 

Er war von dem Gebimmel wach geworden, und dann hatte er auch gehört, wie der Typ nach Sonny gerufen hatte. Der jetzt auch noch. Adam hatte sich noch kleiner zusammengerollt und gleichzeitig versucht, durch die Ritze zwischen den Brettern was zu sehen. Er war ja echt voll weggeknackt, trotz der ganzen Scheiße. Und Mann! Dann hatte er Sonny gesehen! Sein Bruder hatte da bei dem Matschkopf gesessen. Adam hatte sofort Schiss vor Mama gekriegt. Er hatte nicht aufgepasst. Und die Mama hatte vorhin auch schon so geschrien. Aber dann war ihm klar geworden, dass Mama eigentlich wusste, dass er nachts abgehauen war. Er hätte gar nicht aufpassen können. Er konnte gar nichts dafür! Für den Matschkopf nicht und dass Sonny hier gewesen war auch nicht. Aber Adam wusste, dass es verdammt scheiße war, wenn jemand schnallte, dass er die ganze Nacht hier oben gesessen hatte. Von wegen Zeuge. Und Polizei und alles. Adam war echt nicht doof, und er checkte, wie das alles lief, und vielleicht dachte auch jemand, er hätte Micha den Schädel eingedonnert. Er hätt’s verdammt gern getan. Verdammt gern. Aber als er es gesehen hatte, wie das in echt war und wie eklig und voll der Horror, wollte er gar nicht mehr dran denken. Die Galle kam sofort wieder hoch und die Scheißtränen. Der Briefetyp hatte den Sonny geschnappt und hatte Panik gekriegt und war aus dem Wald rausgelaufen. Jetzt wollte Adam auch aus dem Versteck. Heute Morgen war er noch mal zurück ins Baumhaus, obwohl der Micha da unten lag so voll platt. Aber er hatte noch mehr Schiss gehabt, nach Hause zu gehen. Weil er gar nicht gewusst hatte, was da los war. Was mit der Mama war und den anderen. Da war er lieber noch mal hoch mit dem Apfel und dem Toast von Hilke und war eingepennt. Aber jetzt müsste er auch hier abhauen. Vielleicht bloß noch mal schnell den geilen Anhänger suchen.

 

*

 

»Der Micha ist tot.«

Annika hob ihren Kopf aus Sonnys Nacken, der mittlerweile ganz ruhig auf ihrem Schoß eingeschlafen war, und blickte ihn direkt an. Stifter sah keinerlei Überraschung in ihren Augen. Ihr Blick war klar, geradeaus und hell. Er hatte den Eindruck, als sei ihr diese Information entweder nicht neu oder egal oder dringe gar nicht zu ihr durch. Jedenfalls nickte Annika Strelski und steckte ihre Nase wieder in Sonnys speckige Halsfalte. Stifter war kurzzeitig irritiert von ihrer Gleichgültigkeit. Eine beängstigende Gleichgültigkeit. Er hatte hier längere Zeit bei ihr auf der Decke gesessen und geraucht. Jasmin knabberte neben ihm auf ihrer Decke an der Gummiente und gab kleine gurrende Laute von sich. Manchmal verfiel sie fast in Aktionismus, drehte sich auf den Bauch, mühte sich auf alle viere und schob den Po rhythmisch nach hinten und wieder nach vorn, so als wollte sie Anlauf holen zu einer großen Krabbelstrecke. Stattdessen wurden die Stoßbewegungen langsamer, Jasmin legte sich wieder mit dem Bauch auf die Decke, lallte erst laut, dann leiser, schließlich schlief sie. Po nach oben. Und obwohl diese Schlafhaltung für Stifter ganz und gar unbegreiflich war, steckte sie ihn doch an. Er gähnte, und fast wäre er eingeschlafen, so eine Ruhe bemächtigte sich seiner. Aber dann hatten sie die Polizeisirene gehört. Das heißt, er hatte sie gehört. Annika hatte gar nicht reagiert. Er hatte keine Not gesehen, sie aus ihrer Innigkeit mit Sonny herauszuholen, aber als er sich nun vorstellte, wie die Polizisten durch den Wald gingen und die Leiche suchten, kehrten die Bilder zurück. Das hellblonde Haar. Sonny, der vor dem ausgestreckten Männerkörper saß. Die große silberne Gürtelschnalle mit dem »Scorpions«-Schriftzug.

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