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Sommerliebe, Lebensglück

1. KAPITEL

„Sie haben doch nicht die Absicht, noch heute Abend nach Pittsburgh zurückzufahren?“

Danny Carson betrat das Büro im dritten Stock seines Strandhauses in Virginia Beach, wo seine neue Assistentin Grace McCartney über den Laptop gebeugt an seinem Schreibtisch saß.

Grace war eine groß gewachsene, dunkelhaarige Frau mit hellen violettfarbenen Augen und einem Lächeln, das einem das Herz erwärmte. Sie war klug und sympathisch und ging gern mit Menschen um – alles Eigenschaften, die für die Arbeit, die sie an diesem Wochenende zu bewältigen hatten, hilfreich waren.

Grace hob den Kopf. „Möchten Sie, dass ich bleibe?“

„Ja. Keine Überstunden, nur eine Lagebesprechung.“

Sie neigte den Kopf zur Seite und dachte über den Vorschlag nach. Lächelnd stimmte sie zu. „In Ordnung.“

Genau darin zeigte sich der Charme der neuen Assistentin: Seit drei Tagen hatte sie jede Minute hart gearbeitet, um Danny zu helfen: Orlando Riggs sollte überzeugt werden, das Management seiner Finanzen der Firma Carson Services zu übertragen. Orlando Riggs war ein armer Schlucker gewesen, bis er kürzlich einen Dreißig-Millionen-Dollar-Vertrag bei der Nationalen Basketball-Organisation unterzeichnet hatte.

So hatte Grace weder Zeit, bei ihren Freunden in Pittsburgh zu sein noch sich in ihrer Freizeit ein wenig zu erholen. Aber statt sich über Dannys Bitte, eine weitere Nacht zu arbeiten, zu ärgern, lächelte sie nur. Nichts brachte sie aus der Fassung.

„Warum gehen Sie nicht auf Ihr Zimmer und machen sich ein wenig frisch?“, schlug Danny vor. „Ich informiere inzwischen Mrs. Higgins, damit sie in etwa einer halben Stunde das Dinner serviert.“

„Das klingt gut.“

Nachdem Grace das Büro verlassen hatte, rief Danny seine Haushälterin an und bestellte das Essen. Er überprüfte seine E-Mails und ging mit einem Glas Scotch zum Strand. Dort setzte er sich auf den Steg.

Grace ließ sich Zeit, sodass Danny sie erst durch die Terrassentür kommen hörte, als Mrs. Higgins bereits den Salat anrichtete. Den Servierwagen mit den Vorspeisen stellte die Haushälterin neben den Tisch unter den Sonnenschirm.

Selbst erschöpft von der vielen Arbeit, vermutete Danny, dass auch Grace müde war. Er wollte schon vorschlagen, das Dinner abzublasen und am nächsten Morgen weiterzuarbeiten, aber dann drehte er sich um und sah Grace.

Das rosafarbene Sommerkleid schmeichelte ihrer frischen Bräune, die sie sich beim Strandspaziergang mit Orlando Riggs geholt hatte. Sie wirkte jung und natürlich. Wie hübsch sie war, hatte Danny auch schon zuvor bemerkt. Man hätte blind sein müssen, um das nicht zu sehen. Jetzt aber schimmerte ihr schulterlanges, blondes Haar im Schein der untergehenden Sonne golden. In der leichten Brise, die vom Meer heraufwehte, flatterte ihr Rock – sie sah atemberaubend aus.

„Wow“, entfuhr es ihm anerkennend.

Grace lächelte. „Danke. Mir war danach, den Abschluss mit Orlando und Carson Services zu feiern. Zwar kein Prada-Kleid, aber das schönste, das ich eingepackt habe.“

Danny rückte einen Stuhl für Grace zurecht. „Es ist perfekt.“

Er bedauerte plötzlich, sich nicht umgezogen zu haben. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er eher lässig gekleidet war mit seinen aufgekrempelten Hemdsärmeln und der Stoffhose. Außerdem hatte der Wind seine dunklen Haare zerzaust. Aber warum machte er sich darüber überhaupt Gedanken?

Schließlich ging es hier nicht um ein Date. Grace war seine Angestellte. Er hatte sie gebeten zu bleiben, um ihr einen Bonus für ihre gute Wochenleistung anzubieten. Er wollte mit ihr über eine Beförderung sprechen und sich klar werden, welche Position für sie passen könnte. Außerdem war es an der Zeit, ihr für ihre gute Arbeit zu danken. Da sollte seine Kleidung nicht von Bedeutung sein.

„Mrs. Higgins hat das Abendessen schon serviert“, sagte er und nahm Platz.

Grace nickte. Dann fiel ihr Blick auf die silbernen Schüsseln auf dem Servierwagen neben dem Tisch und den Salat vor jedem Gedeck. „Tut mir leid“, entschuldigte sie sich. „Ich habe gar nicht gemerkt, wie lange ich in der Badewanne lag.“ Sie lächelte verlegen. „Ich war sehr müde.“

„Umso schöner, dass Sie sich jetzt noch Zeit für mich genommen haben.“

Was hatte er jetzt wieder gesagt? Sicher, er war Grace dankbar, dass sie Orlando gegenüber so aufgeschlossen gewesen war und dem Sportler eine angenehme Atmosphäre geschaffen hatte. Aber es klang doch ein wenig zu persönlich, wie er ihr Zuspätkommen akzeptierte. Er kannte Grace schließlich kaum.

Grace lachte entspannt. „Ich mag Orlando. Ich halte ihn für einen wundervollen Menschen. Aber wir waren hier, um einen Job zu erledigen, und zwar rund um die Uhr.“

Plötzlich spürte Danny, dass ihr natürliches Lachen sein Verlangen weckte – vollkommen unangemessen dafür, dass er ihr Boss war! Aber er fühlte sich zu dieser Frau hingezogen. Kaum zu glauben, dass er eine ganze Woche gebraucht hatte, um das festzustellen.

Danny schüttelte über sich selbst den Kopf. Er war ihr Boss, und er hatte sich bereits zweimal im Ton vergriffen. Sein „Wow“ zu ihrem Kleid war höchst unangebracht gewesen und sein Kommentar zu ihrer Stunde im Bad viel zu persönlich. Bestimmt lag es an seiner Erschöpfung. Er musste sich am Riemen reißen, denn sich mit einer Angestellten zu verabreden kam nicht infrage. Vor allem nicht mit Grace, die so gute Arbeit geleistet hatte. Er durfte kein Risiko eingehen, sie zu verlieren.

Grace nahm ihre Salatgabel. „Sieht ja lecker aus. Ich habe einen Bärenhunger.“

„Mrs. Higgins ist ein Juwel. Ich bin wirklich froh, dass ich sie habe.“

„Sie hat mir gesagt, sie arbeitet gern für Sie, weil Sie nicht die ganze Woche über hier sind. Sie mag die Teilzeitarbeit, selbst wenn es sich meistens um die Wochenenden handelt.“

„Zum Glück“, stimmte Danny zu.

Als Grace schwieg, war Danny ein wenig enttäuscht. Wieso wünschte er sich auf einmal persönlicheren Kontakt zu seiner Angestellten? Ihm war doch klar, dass dieses Abendessen seine professionelle Atmosphäre behalten musste. Außerdem hatte er noch Geschäftliches mit Grace zu besprechen.

Nach dem Salat servierte Danny die Hauptspeise. „Hoffentlich mögen Sie Fettucini al Alfredo.“

„Ich liebe Fettucini.“

„Großartig.“ Er hob die silbernen Deckel von den Schüsseln und servierte das Dinner. „Sie haben außergewöhnlich gute Arbeit geleistet“, fuhr er fort, nachdem sie beide eine Weile gegessen hatten.

„Danke für das Kompliment.“

„Ich habe das nicht als Kompliment gemeint. Ihre Arbeit sichert Carson Services eine Menge Geld. Sie erhalten nicht nur einen Bonus, ich möchte Sie auch befördern.“

Grace holte tief Luft. „Ist das ein Witz?“

Danny freute sich über ihr überraschtes Gesicht und lachte. „Nein. Wir müssen uns über Ihre Fähigkeiten unterhalten und darüber, wo Sie in der Organisation gern arbeiten möchten. Wenn wir uns einig geworden sind, setzen wir einen Vertrag auf.“

Noch immer schaute Grace verblüfft. „Eine höhere Position ganz nach meinem Wunsch?“

„Allerdings unter einer Bedingung: Sollte sich eine ähnliche Situation wie bei Orlando ergeben, möchte ich, dass Sie wieder einspringen.“

Grace runzelte die Stirn. „Ich freue mich, wenn ich behilflich sein kann, einen zögerlichen Investor zu überzeugen. Dafür müssen Sie mich nicht befördern.“

„Die Beförderung ist Teil meines Dankeschöns.“

Sie schüttelte den Kopf. „Danke, aber das möchte ich nicht.“

Hatte er richtig gehört? „Wie bitte?“ „Ich arbeite erst seit zwei Wochen in Ihrer Firma und wurde doch schon ausgewählt, ein Wochenende in Ihrem Strandhaus mit Orlando Riggs zu arbeiten, einem Superkunden, den die meisten der Belegschaft für ihr Leben gern kennengelernt hätten. Sie haben mir also bereits eine Vergünstigung gewährt. Falls es irgendwo in der Firma eine freie Position gibt, befördern Sie Bobby Zapf. Er hat Frau und drei Kinder und spart für ein Haus. Er kann das Geld gut gebrauchen und würde sich über Ihr Vertrauen freuen.“

Danny sah Grace einen Moment überrascht an. Er lachte. „Ich verstehe. Sie nehmen mich auf den Arm.“

„Ich meine es ernst.“ Grace holte tief Luft. „Sehen Sie, alle haben verstanden, warum Sie mich für dieses Wochenende mitgenommen haben. Ich bin neu. Ich arbeite erst kurze Zeit in Ihrer Firma und bin noch nicht mit allen Regeln vertraut. Aus diesem Grund war ich eine gute Wahl. Aber ich will nicht vor allen anderen ausgezeichnet werden.“

„Haben Sie Angst vor Eifersucht?“

Grace schüttelte den Kopf. „Nein! Ich möchte nur keine Position einnehmen, die eigentlich einem anderen zusteht. Jemandem, der schon lange für Sie arbeitet.“

„Wie Bobby Zapf?“

„In den zwei Wochen, die ich in der Firma bin, habe ich bemerkt, dass Bobby härter arbeitet als alle anderen. Wenn Sie jemanden befördern wollen, dann ihn.“

Danny lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Okay. Dann befördere ich Bobby.“ Er zögerte und spielte mit seinem Besteck, bemüht, ernst zu bleiben. Das hatte er noch nie erlebt, dass ein Angestellter eine Beförderung ausschlug – und sich noch dafür einsetzte, dass ein anderer an seiner Stelle befördert wurde! Grace war anders als die anderen.

„Darf ich Ihnen wenigstens den Bonus anbieten?“

Sie lachte. „Ja. Schließlich habe ich das ganze Wochenende hart gearbeitet. Ein Bonus ist absolut in Ordnung.“

Danny musste lächeln. Er räusperte sich. „Gut. Bonus ja, Beförderung nein.“

„Beobachten Sie doch meine Leistung das kommende Jahr über und befördern Sie mich, wenn ich mich beweisen konnte.“

„Das wäre eine Möglichkeit.“ Grace hatte recht, eine Beförderung nach nur zwei Wochen wäre übertrieben gewesen. Er war ihr dankbar, dass sie seinen Überschwang gebremst hatte.

Sie lächelte. „Also abgemacht. Ich bekomme eine Prämie, und Sie verfolgen meine weitere Arbeit.“ So schnell, wie sie ihre Abmachung zusammengefasst hatte, wechselte sie das Thema: „Es ist sehr schön hier.“

Danny schaute aufs Meer. Inzwischen war es dunkel geworden. Millionen Sterne funkelten am Himmel. Im hellen Schein des Mondes glitzerten die weiß gekrönten Wellen, die sanft ans Ufer schlugen.

Danny nickte. „Hier kann ich effektiv arbeiten, weil ich Ruhe habe. Und am Ende des Tages ist es perfekt, um zu entspannen.“

„Was eher selten vorkommt, oder?“

„Stimmt. Seit Jahren trage ich die Verantwortung für die Firma, die mein Urgroßvater aufgebaut hat. Ich versuche die Tradition fortzuführen und das Unternehmen zu sichern. Vielleicht habe ich deshalb besondere Angst vor Fehlern. Selbst wenn ich mir Erholung verordne, kann ich schwer abschalten.“

„Dann geht es Ihnen wie mir.“ Grace stocherte in ihrem Essen. „Sie haben sicher mitbekommen, wie ich Orlando erzählt habe, dass ich wie er in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen bin. Vielleicht verbindet uns die Sehnsucht, uns einen sicheren Ort zu schaffen.“

„Kleiner Tipp – dann sollten Sie Ihren Boss nicht davon abbringen, Sie zu befördern.“

Grace lachte. „Ich kann nicht annehmen, was mir nicht zusteht. Meine Million muss ich wohl auf altmodische Art machen.“

Danny schmunzelte. „Ich muss Sie warnen: Menschen, die für einen anderen arbeiten, werden selten reich. Wieso arbeiten Sie überhaupt für mich, wenn Sie Millionärin werden wollen?“

„Um mehr über Vermögensverwaltung und Investitionen zu erfahren. Schließlich soll man sein Geld so hart arbeiten lassen, wie man selbst dafür gearbeitet hat, oder nicht? Und wo könnte ich das besser lernen als in einer Investmentfirma?“ Nach kurzem Zögern fuhr sie lächelnd fort: „Und Sie?“

„Was, und Sie?“

„War es Ihr Wunsch, das Geschäft Ihrer Familie zu übernehmen? Sind Sie glücklich damit? Also, mit Ihrem Leben?“

Grace versuchte, ihre persönlichen Fragen lässig und spontan klingen zu lassen. Und sie war froh, nicht mehr von sich selbst sprechen zu müssen. Außerdem war sie neugierig auf Danny. Etwas an ihm zog sie an. Was dachte er wohl, wie fühlte er?

Danny befeuchtete seine Lippen mit der Zunge. Sein Herzschlag beschleunigte sich, während er sich eine Antwort überlegte. Ein Teil von ihm wollte mit ihr reden, sich ihr offenbaren.

Zwei Jahre waren vergangen, und so viel war geschehen …

Doch dann atmete er tief durch. Konnte er sich ihr anvertrauen?

Nein, unmöglich. Er durfte niemandem davon erzählen. Nicht ihr und auch sonst keinem Menschen.

Er musste das Gespräch wieder auf die geschäftliche Ebene bringen.

„Der Mann, der Ihnen gegenübersitzt, ist der Vorstand und Inhaber von Carson Services. Darüber hinaus gibt es nichts zu berichten“, erwiderte er betont kühl.

„Wirklich?“

„Seit ich ein kleiner Junge war, wusste ich, dass ich einmal die Firma übernehmen sollte. Ich brauchte nicht herumzuprobieren, um herauszufinden, was mir lag. Meine Karriere war vorgezeichnet, ich musste nur die Stufen eine nach der anderen hochsteigen. Deshalb gibt es dazu nicht viel zu sagen.“

„Sie wurden schon als Kind auf den Beruf vorbereitet?“

„Ein bisschen. Mein Großvater und mein Dad waren immer bemüht, mich in Gespräche mit einzubeziehen, von denen sie glaubten, dass ich aus ihnen lernen könnte.“

„Und wenn Ihnen dieser Beruf nun gar nicht gefallen hätte?“

„Er hat mir gefallen.“

„Trotzdem komisch.“ Grace errötete. „Na ja, es geht mich ja eigentlich überhaupt nichts an. Tut mir leid.“

„Es braucht Ihnen nicht leidzutun.“ Warum fühlte er sich so wohl bei ihr? „Es ist wirklich Glück, dass mir mein Job gefällt. Er scheint wie geschaffen für mich. Mein Sohn allerdings …“

Danny verstummte abrupt. Er spürte einen Kloß im Hals, sein Herz schlug wie wild. Er konnte nicht glauben, was er da gerade sagen wollte.

„Ihr Sohn …?“

„Mein Sohn war künstlerisch sehr begabt …“ Erneut unterbrach er sich. „Irgendwann habe ich eingesehen, dass nicht jeder zum Vorstand geschaffen ist und eine so große Verantwortung tragen möchte. Wenn wir tun, was wir können und mögen, gehen wir den richtigen Weg. Allerdings muss ich jetzt einen Fremden als meinen Nachfolger in der Firma einstellen. Und jemand mit einer solchen Qualifikation wird eine Menge Geld kosten, was wiederum den Gewinn schmälert.“

Grace sah Danny fragend an. Ihm war klar, dass er mit der Bemerkung über seinen Sohn ihre Neugier geweckt hatte. Aber mehr wollte er über Cory nicht sagen. Dieser Teil seines Lebens war tabu. Er erlaubte nicht einmal sich selbst, an Cory zu denken.

„Sie haben wirklich Glück, dass Ihnen der Job so viel Freude macht.“ Grace sah ihn sanft an und wandte sich dann wieder dem Essen zu.

Danny entspannte sich. Grace hatte bemerkt, dass er seinen Sohn zwar erwähnt hatte, offensichtlich aber keine Details über ihn erzählen wollte.

Im weiteren Verlauf des Dinners erzählte Grace ganz ungezwungen vom Umbau ihres kleinen Hauses, das sie vor zwei Jahren gekauft hatte. Während sie über Eichenholz und Küchentresen plauderten, dachte Danny über Grace nach. Ihre Reaktion auf die Geschichte um seinen Sohn war sehr sensibel gewesen. Bestimmt war sie jemand, der das Vertrauen anderer nicht missbrauchte und mit Gefühlen behutsam umging.

Allein aus diesem Grund könnte ich mich ihr anvertrauen, dachte er, wobei ihn dieser Wunsch erstaunte. Warum bloß wollte er über die Vergangenheit sprechen? Und warum glaubte er, dass Grace sich für die Horrorgeschichten seiner Ehe interessieren könnte?

Nach dem Essen gingen sie für einen Drink ins Haus. Danny blieb vor dem Aufgang zu seiner Suite stehen.

„Prämien werden bei uns normalerweise nicht aufs Konto überwiesen. Ich schreibe selbst einen Scheck aus. Mein Scheckbuch liegt oben. Warum gehen wir nicht gleich in mein Büro, und ich gebe Ihnen Ihren Bonus?“

Grace musste lachen. „Klingt prima.“

Grace ging vor Danny die Treppe hinauf. Obwohl er nicht wollte, musste er sie ansehen: Ihre wohlgeformten Hüften bewegten sich unglaublich geschmeidig, ihre Beine waren schlank und an den Fesseln fast zerbrechlich schmal.

Er versuchte, sich auf den Treppenläufer zu konzentrieren. Grace wartete oben auf ihn. Der Gang war dunkel bis auf das sanfte Licht des Mondes, das durch die großen Fenster am Ende des Flurs drang. Grace wurde von diesem silbernen Schein völlig eingehüllt.

Einen Moment starrte Danny sie an. Warum nur war sie so ein netter, herzensguter Mensch? Und warum erinnerte sie ihn in diesem Moment an einen Engel? Aber sie war auch seine Angestellte und er ihr Boss. Er musste Distanz wahren.

Im Büro setzte er sich hinter seinen Schreibtisch, während Grace zögernd auf einem Stuhl davor Platz nahm.

„Orlando Riggs ist sehr wichtig für uns“, sagte Danny, als er das Scheckbuch hervorholte. „Sie haben dafür gesorgt, dass er sich bei uns wohlfühlt.“

„Er ist ein sehr angenehmer Mensch.“ Grace lächelte. „Viele junge Männer, die gerade einen Dreißig-Millionen-Dollar-Vertrag mit einem nationalen Basketball-Team unterschrieben haben, wären bestimmt ein bisschen eingebildet.“

„Ein bisschen?“, lachte Danny. „Ich kenne Leute, die weniger Talent haben und viel weniger verdienen als Orlando und dabei unerträglich eingebildet sind.“

„Das Geld scheint ihn nicht zu beeindrucken.“

Danny nickte. „Aber er legt Wert darauf, dass seine Familie alles hat, was sie braucht. Ich wusste gar nicht, dass er verheiratet ist.“

„Er hat zwei Kinder.“

Kinder …

Danny biss sich auf die Lippe, als mit diesem Wort eine unerwartete Flut von Erinnerungen hochkam. Er hatte nicht vergessen, wie versessen er darauf gewesen war, Lydia zu heiraten und eine Familie zu gründen. Er erinnerte sich genau an seine naive Vorstellung vom Glück. Er spürte einen Stich im Herzen, als er daran dachte, wie nah er der Erfüllung seiner Träume gewesen war und wie schnell sie sich in nichts aufgelöst hatten.

Jetzt, da Grace gut gelaunt und mehr als reizend vor ihm saß, sah Danny plötzlich alles viel klarer. Er hatte immer sich selbst die Schuld für das Scheitern der Ehe gegeben. Aber war das wirklich so? Schließlich hatte er damals eine Eheberatung aufsuchen wollen – Lydia hatte sich geweigert.

Mit einem Mal musste er beinahe lachen. Wenn er tatsächlich glaubte, dass die Scheidung nicht sein Fehler war, dann …

Hatte er dann nicht Jahre mit schlechtem Gewissen vergeudet?

Nein. Er hatte sein Leben vergeudet. Es war kein leeres Gerede, wenn er sagte, er fühle sich ausgebrannt. Er wusste von vielen Menschen, denen es ähnlich ging, nachdem sie ihren Lebensgefährten verloren hatten. Seit seiner Heirat hatten sich die Tage in nichts aufgelöst, als hätte er nicht wirklich gelebt.

Nachdem Danny den Scheck ausgestellt hatte, erhob er sich. Seit einigen Tagen war etwas anders, und es lag an Grace: In ihrer Gegenwart war von dem Gefühl der inneren Leere nichts mehr zu spüren. Sie sprühte vor Lebensfreude und Energie.

„Nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe dieses Wochenende.“

Als Grace den Scheck entgegennahm und die Summe sah, schaute sie ihn verwirrt an. „Das ist zu viel.“

Danny hielt ihren Blick. Es war ihm, als könne er ihre Energie in sich spüren. Nie hatte er sich ihr so verbunden gefühlt. Plötzlich wusste er, dass ihre Anwesenheit hier bei ihm richtig war.

Die Intimität machte Dannys Stimme rau, als er widersprach: „Nein, Grace. Das ist nicht zu viel. Sie haben es sich verdient.“

Grace holte tief Luft, sodass sich ihre Brust hob und Dannys Blick auf den Ausschnitt ihres Kleides lenkte. Sie wirkte so sanft und verletzlich. Gerade diese Mischung aus Sensibilität und Attraktivität zog ihn an und drängte ihn, sich ihr zu öffnen und zum ersten Mal über den Schmerz zu sprechen, der ihn so quälte. Grace ging mit ihm wie mit einem normalen Menschen um – nicht wie mit einem reichen Boss, einem glücklichen „Fang“.

Mehr als das – sie behandelte ihn wie einen Mann.

„Danke.“ Grace lächelte leicht und sah Danny direkt in die Augen. Warum wurde er so unruhig? Wollte sie dasselbe wie er? Er wünschte es sich mit einem Mal sehr. Und er wollte diesem Gefühl nicht mehr ausweichen. Er brauchte Grace.

Doch als er den Scheck in ihrer Hand sah, wurde ihm wieder bewusst, dass sie seine Angestellte war. Eine Affäre zwischen ihnen durfte nicht sein. Besonders, wenn die Beziehung zu Ende ging. Der Klatsch im Büro wäre unerträglich, und er wollte es Grace nicht antun, ihren Job aufs Spiel zu setzen. Für sich selbst konnte er ein Risiko eingehen, aber für Grace durfte er keine Entscheidung treffen.

2. KAPITEL

Danny räusperte sich. „Gern geschehen. Wie gesagt, ich bin Ihnen für Ihre Arbeit sehr dankbar.“ Er ging zur Tür. „Ich genehmige mir unten noch einen Drink, bevor ich ins Bett gehe. Wir sehen uns dann morgen früh.“

Grace sah Danny nach. Warum war sie so verwirrt? Sie hätte schwören können, dass er sie küssen wollte. Und sie hätte es geschehen lassen …

Wirklich? Sie fühlte sich so stark zu diesem Mann hingezogen, dass sie ihn beinahe zuerst geküsst hätte. Ein beängstigender Gedanke. Sie durfte nicht vergessen, dass er ihr Boss war. Er war ein vermögender Mann – Welten trennten sie. Vor wenigen Minuten hatte das noch keine Bedeutung für sie gehabt …

Lächelnd fuhr sie sich mit den Händen durchs Haar. Was auch der Grund sein mochte, sie konnte nicht leugnen, dass es zwischen ihnen gefunkt hatte. Nachdem Orlando an diesem Nachmittag abgefahren war, war sie zuerst enttäuscht gewesen, weil sie gemeint hatte, das Wochenende sei damit schon beendet. Aber Danny hatte sie gebeten, noch eine Nacht zu bleiben. Sie hatte seinem Wunsch nachgegeben und sich ein wenig herausgeputzt, in der Hoffnung, Danny könnte sich zu ihr hingezogen fühlen – so wie sie sich zu ihm.

Als Wendepunkt sah Grace den Augenblick an, als Danny seinen Sohn erwähnte. Warum wollte er nicht über ihn sprechen? Sie erinnerte sich an die Traurigkeit in seinen Augen. Es musste mehr dahinterstecken. Aber ihr war auch klar gewesen, dass nicht der Zeitpunkt war, Fragen zu stellen.

Grace hatte von Dannys hässlicher Scheidung gehört. Von einem Kind aus dieser Ehe war aber nicht die Rede gewesen. Wahrscheinlich hatte ihn seine Ex-Frau dazu getrieben, das Besuchsrecht für seinen Sohn zu erstreiten. Das konnte der Grund sein, warum er nicht über ihn sprechen wollte.

Aber heute wollte sie Danny auf keinen Fall an unglückliche Zeiten erinnern. Heute Abend musste sie herausfinden, ob er für sie dasselbe empfand wie sie für ihn. Die Vorstellung, sich unglücklich in ihren Boss zu verlieben und sich für den Rest ihrer Karriere nach ihm zu verzehren, machte ihr schmerzhaft bewusst, dass sie etwas tun musste.

Denn sie konnte wohl keine Antwort erwarten, wenn sie im Büro blieb, während er sich unten in seinem Wohnraum aufhielt!

Kurz entschlossen ging sie die Treppe hinunter und fand ihn in dem großen Wohnzimmer, wo er sich an der Bar gerade ein Glas Scotch ...

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