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Sommerkind

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

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PROLOG

An ihrem elften Geburtstag wurde Daria Cato zur Heldin.

Nach einem schweren Unwetter in der vergangenen Nacht hatte sich eine bleierne Stille über das Sea Shanty gelegt. Wie üblich erwachte Daria schon früh. Am Himmel vor ihrem Zimmerfenster zeigten sich die ersten zaghaften Boten der Morgendämmerung. Sie öffnete das Fenster über der Frisierkommode und ließ die laue Morgenbrise herein. Vom Ozean drang ein ruhiges rhythmisches Rauschen herüber, kein aggressives Peitschen wie in der Nacht zuvor. Daria sog den Geruch von Salz und Tang in tiefen Zügen ein. Der Sonnenaufgang würde an diesem Morgen gigantisch sein.

Schnell zog sie ihren Schlafanzug aus und schlüpfte in Shorts und Top. Dann öffnete sie leise die Zimmertür und trat auf die Diele hinaus. Auf Zehenspitzen schlich sie an den Zimmern ihrer Schwester Chloe und ihrer Cousine Ellen vorbei. Ellens Mutter schlief unten im Hochparterre, das Schlafzimmer von Darias Eltern lag im zweiten Stock. Ihr Vater würde bald aufstehen, um die Frühmesse zu besuchen, aber ihre Mutter, Tante Josie, Ellen und Chloe würden mindestens noch eine Stunde schlafen. Sie konnten nicht nachvollziehen, warum der Strand in den frühen Morgenstunden eine solche Faszination auf Daria ausübte. Aber das war ihr auch ganz recht. Sie war lieber allein, wenn Sand und Himmel Morgen für Morgen ihre Farbe und Struktur änderten. Dieser Morgen würde etwas Besonderes werden; nicht nur wegen des Sturms, sondern weil es ihr Geburtstag war. Elf. Irgendwie eine stumpfsinnige Zahl, und immer noch zwei Jahre, ehe sie sich einen Teenager würde nennen können. Aber ohne Frage besser als zehn.

Barfuß tappte Daria die Treppe hinunter, wobei sie sich bemühte, nicht auf die Stufe zu treten, die immer knarrte. Ob irgendwer an ihren Geburtstag denken würde? In diesem Jahr würde bestimmt alles anders sein als im letzten, als ihre Mutter für sie und die anderen Kinder, die in der Sackgasse wohnten, eine Party veranstaltet hatte. Ja, dieses Jahr war zum Anderssein geradezu prädestiniert. Weil ihre Mutter anders war. Sie hatte sich in den letzten Monaten verändert, und diese erste düstere und wolkenverhangene Woche in Kill Devil Hills in North Carolina hatte nicht gerade zur Besserung ihrer mürrischen Laune beigetragen. Sue Cato schlief fast jeden Tag lange, und war sie dann endlich auf den Beinen, schlich sie griesgrämig durchs Haus. Nur mit Mühe schien sie sich an die Namen ihrer Töchter zu erinnern, von den Geburtstagen gar nicht zu reden. Chloe würde das natürlich egal sein. Sie war diesen Sommer siebzehn geworden; die Schlaue in der Familie, die gerade ihr erstes Jahr am College hinter sich gebracht hatte und sich nur für Jungs interessierte und dafür, mit welchem Nagellack sie sich die Fußnägel anmalen könnte. Das war der Zeitpunkt, als sich unsere Mutter verändert hat, dachte Daria, als Chloe ans College ging. “Allmählich verliere ich meine kleinen Mädchen”, hatte Daria ihre Mutter am Vortag zu Tante Josie sagen hören.

Und außerdem würden sich die Jungen und Mädchen aus der Straße auch nicht gerade darum reißen, auf die Geburtstagsfeier einer Elfjährigen zu gehen. Jetzt, wo sie alle Teenager waren. Alle außer ihr! Gut, dass mir das Alleinsein nicht so viel ausmacht, dachte sie, als sie die Haustür öffnete und auf die große, mit Fliegengittern gesäumte Veranda des Sea Shanty trat. Denn allem Anschein nach würde sie diesen Sommer die meiste Zeit für sich sein.

Von der Veranda aus konnte Daria auf der anderen Straßenseite das Poll-Rory sehen, das Cottage von Rory Taylor. Selbst Rory, mit dem sie die Sommer verbracht hatte, seit sie denken konnte, war nun vierzehn und ignorierte sie völlig. Es war, als hätte er all die Stunden vergessen, in denen sie zusammen geangelt und Krebse gefangen oder in der Bucht Wettschwimmen veranstaltet hatten.

Im Poll-Rory brannte kein Licht. Und als sie zu dem Fenster im Obergeschoss hinaufsah, wo Rorys Zimmer lag, spürte sie im Herzen einen stechenden Schmerz.

“Wer braucht dich schon”, murmelte sie, stieß die Fliegengittertür auf und stieg die Stufen hinunter in den kühlen Sand. Sie schlenderte zum Strand, über dem der Himmel gerade sein allmorgendliches kupferrotes Schauspiel begann.

Alle sechs Häuser in der Straße waren auf Stelzen gebaut, wie die meisten meerwärts liegenden Gebäude auf den Outer Banks. Darias Vater und Onkel hatten das Sea Shanty in ihrem Geburtsjahr fertiggestellt. Da nur ein weiteres Cottage zwischen ihrem Haus und dem Meer lag, gelangte Daria schnell zu der niedrigen, von Strandhafer bewachsenen Düne, die über den Strand wachte. Von dort warf sie einen Blick zu dem Cottage, in dem Cindy Trump lebte. Es war das einzige Haus in der Sackgasse, das unmittelbar ans Meer grenzte, und Daria wollte sich vergewissern, dass der Sturm es nicht beschädigt hatte. Es war in bestem Zustand. Sie beneidete Cindy und ihren Bruder um die exklusive Lage ihres Häuschens, aber ihr Vater hatte gesagt, der Strand in Kill Devil Hills werde schmaler und Cindys Cottage würde eines Tages vom Ozean verschluckt. Dennoch stellte sie es sich schön vor, vom eigenen Zimmer aus nichts als das türkisblaue Meer zu sehen.

Der Strand war herrlich! Der Sturm hatte den Sand rein gewaschen, und die Flut hatte ein breites dunkles Muschelband zurückgelassen, das nur darauf wartete, von ihr verlesen zu werden. Die Sonne zeigte sich bereits als schmaler Kupfersplitter am Horizont über dem Ozean, der so ruhig war, dass er eher einem See als dem offenen Meer glich. Keine wilden, schaumigen Wellen wie in der Nacht zuvor. Sie setzte sich auf die Düne, grub ihre Füße tief in den feuchten Sand und sah der Sonne bei ihrem raschen Aufstieg in den changierenden Himmel zu.

Übersät mit den großen braunen Panzern der Pfeilschwanzkrebse, erweckte der Strand im rötlichen Morgenlicht den Eindruck, man befände sich auf einem anderen Stern. Irgendwie unheimlich. Zwar war Daria von dieser Vielzahl an Muscheln fasziniert, doch nach wenigen Momenten war sie mit ihren Gedanken schon wieder bei dem sozialen Dilemma, vor dem sie diesen Sommer stand. Obwohl die Catos erst vor knapp einer Woche im Sea Shanty angekommen waren, konnte Daria sich ausmalen, wie der Sommer ablaufen würde – und dieses Bild war alles andere als farbenfroh. Im Geiste ging sie die Kinder aus ihrer Straße durch und hoffte, sich beim Alter des einen oder anderen vertan zu haben. Chloe war siebzehn und Ellen, die fast den ganzen Sommer mit ihnen verbringen würde, fünfzehn. Cindy Trump war sechzehn, ihr Bruder Todd dreizehn. Dann gab es noch die siebzehnjährigen Zwillinge Jill und Brian Fletcher, die im Cottage neben dem Poll-Rory wohnten. Neben ihnen wiederum wohnte dieses stille Mädchen Linda; sie war vierzehn und steckte ihre Nase stets in irgendein Buch. Das Haus zur Rechten des Sea Shanty gehörte den Wheelers, einem älteren Ehepaar, dessen drei Kinder schon aus dem Haus waren. Im letzten Jahr hatte Daria einmal mit Rorys Schwester Polly gespielt. Sie war fünfzehn, aber geistig zurückgeblieben, sodass sie wesentlich jünger wirkte. Doch selbst Polly war in diesem Sommer in ihrer Entwicklung weit an Daria vorbeigezogen – und wenn auch nicht hinsichtlich ihrer Interessen, dann doch zumindest, was das Körperliche betraf. Sie hatte Brüste, um die Chloe und Ellen sie heiß beneideten.

Als die Sonne wie ein Ball am Horizont stand, lief Daria auf das einladende Muschelband zu. Die Taschen ihrer Shorts waren tief, sie würde also jeden Schatz nach Hause tragen können. Auch wenn das ihre Mutter verärgern würde, die sich neuerdings darüber beschwerte, dass sie jeden Sommer eimerweise “nutzloses Zeug” mit nach Hause brachte.

Daria folgte dem Muschelband ein Stückchen, und als sie auf Höhe des Trump-Hauses angelangt war, entdeckte sie inmitten der Muscheln plötzlich den größten Pfeilschwanzkrebs-Panzer, den sie je gesehen hatte. Er kam ihr eigenartig vor, denn er stand irgendwie hoch, ganz so, als läge der Krebs noch darunter. Neugierig stupste sie die braune Kugel mit ihrem sandbeschmutzten Zeh an, bis sie auf den Rücken kullerte. Daria blinzelte ungläubig. Ein blutverschmiertes Baby! Ehe sie sich's versah, rannte sie auch schon kreischend und mit wedelnden Armen durch den Sand davon. Jetzt wünschte sie sich, nicht mutterseelenallein am Strand zu sein.

Sie war bereits ein ganzes Stück gerannt, als sie abrupt stehen blieb. Hatte da wirklich ein Baby gelegen? Konnte es nicht auch eine Puppe gewesen sein? Bestimmt war nur die Fantasie mit ihr durchgegangen. Sie warf einen Blick über die Schulter. Nein, sie war sicher, dass es ein echtes Menschenbaby war. Sie meinte sogar, sich an die kleine, fast unmerkliche Bewegung eines winzigen Fußes erinnern zu können. Reglos stand sie am Strand und drehte sich erneut zu dem Krebspanzer um. Na gut, vielleicht war es ja tatsächlich ein Baby, aber dann war es wohl kaum am Leben. Zögernd ging sie zurück. Das Meer war so leise, dass sie ihr Herz laut in den Ohren pochen hörte. Als sie vor dem Panzer stand, zwang sie sich, nach unten zu sehen.

Es war ein Baby, ein nacktes Baby. Es war nicht nur blutbefleckt, sondern lag auch noch neben einem Haufen, der wie ein matschiger Blutberg aussah. Und es war wirklich am Leben. Daran gab es keinen Zweifel: Das Baby drehte sein Köpfchen zum Meer und stieß zwischen seinen puppenhaften Lippen ein leises Wimmern aus.

Obwohl ihr schwarz vor Augen wurde, zog Daria ihr Top aus und kniete sich in den Sand. Vorsichtig wickelte sie den Stoff um das Kind, um dann erschrocken zurückzuweichen. Der Blutberg war mit dem Baby verbunden! Man konnte ihn nicht einfach dort liegen lassen. Sie biss die Zähne zusammen, wickelte alles in ihr Top ein – Baby, Blutberg und ein halbes Dutzend Muscheln – und stand auf. Das Bündel in den Armen, rannte sie so schnell sie konnte zum Sea Shanty. Nur ein einziges Mal blieb sie stehen, weil sie glaubte, sich übergeben zu müssen. Doch als sie spürte, wie das zarte Leben in ihrem Arm zitterte, zwang sie sich zum Weitergehen.

Im Sea Shanty angekommen, legte sie das Bündel auf den Küchentisch. Ihr Top hatte sich mit Blut vollgesogen, und als Daria die Treppen zum Schlafzimmer ihrer Eltern hinaufrannte, merkte sie, dass auch ihre nackte Brust blutverschmiert war.

“Mom!” Sie hämmerte gegen die Schlafzimmertür. “Daddy!”

Hinter der Tür hörte sie die schweren Schritte ihres Vaters. Einen Augenblick später kam er heraus. Er band sich gerade die Krawatte. Sein dickes, sonst wirres schwarzes Haar hatte er für die Kirche ordentlich zurechtgekämmt. Hinter ihm lag Darias Mutter noch schlafend im Ehebett.

“Shhh.” Ihr Vater hielt den Zeigefinger vor die Lippen. “Was ist los?” Als er die Blutspur auf ihrer Brust sah, riss er die Augen auf. Er packte sie bei den Schultern. “Was ist passiert? Bist du verletzt?”

“Ich habe ein Baby am Strand gefunden!”, sagte sie. “Es lebt, aber es ist völlig …”

“Was hast du gesagt?” Ihre Mutter setzte sich auf. Die Haare standen ihr an einer Seite vom Kopf ab. Mit einem Mal war sie hellwach.

“Ich habe ein Baby am Strand gefunden”, wiederholte Daria und sauste an ihrem Vater vorbei zum Bett. Sie zerrte an der Hand ihrer Mutter.

“Es liegt unten auf dem Küchentisch. Ich habe solche Angst, dass es stirbt. Es ist so klein, und überall ist Blut.”

Im Nu war Darias Mutter auf den Beinen. So schnell hatte sie sich seit Monaten nicht mehr bewegt. Sie schlüpfte in Bademantel und Hausschuhe und stürmte noch vor ihrem Mann und Daria die Stufen hinunter.

Das Baby lag noch immer genau dort, wo Daria es hingelegt hatte, und zwar so reglos, dass sie fürchtete, nun sei es wirklich tot. Ihre Mutter ließ sich nicht eine Sekunde von dem Blut beirren, und Daria war von der Entschlossenheit, mit der sie das blutrote Top entfernte, beeindruckt.

“Heiliger Vater im Himmel!”, sagte Darias Dad und wich einen Schritt zurück. Ihre Mutter hingegen bewegte sich mit den routinierten Handgriffen der Krankenschwester, die sie einst gewesen war, in der Küche. Sie füllte einen Topf mit Wasser und stellte ihn auf den Herd, befeuchtete dann ein Handtuch und säuberte damit das Baby.

Daria stand dicht neben ihr. Die sachliche Art, mit der ihre Mutter die Situation meisterte, beruhigte sie. “Warum ist es so blutig?”, fragte sie.

“Weil es ein Neugeborenes ist”, erklärte ihre Mutter. “Weil sie ein Neugeborenes ist.”

Bei näherem Hinsehen erkannte auch Daria, dass es ein Mädchen war.

“Wo genau hast du sie gefunden?”, wollte ihre Mutter wissen.

“Sie lag unter dem Panzer eines Pfeilschwanzkrebses”.

“Unter einem Panzer?”

“Zwischen all den Muscheln, die die Flut angespült hat. Glaubst du, der Sturm letzte Nacht hat sie an den Strand gespült?”

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. “Nein. Dann wäre sie sauber. Und sie wäre tot.” Ihre Unterlippe zitterte, und ihre Nasenlöcher bebten vor Zorn. “Nein, irgendjemand hat sie einfach dort liegen lassen.”

“Ich rufe jetzt die Polizei.” Darias Vater ging zum Telefon im Wohnzimmer. Sein Gesicht war aschfahl. Tante Josie, die gerade auf dem Weg in die Küche war, kam ihm entgegen.

“Was ist denn hier los?”, fragte sie. “Oh mein Gott!” Beim Blick zum Küchentisch schlug sie die Hände vor den Mund.

“Ich habe sie am Strand gefunden”, erklärte Daria.

“Wie, ganz allein?”, fragte Tante Josie. “Wo am Strand?”

“Direkt vor dem Cottage von Cindy Trump”, antwortete Daria.

Ihre Mutter und Tante Josie tauschten einen vielsagenden Blick. Das taten die Leute immer, wenn die Rede von Cindy Trump war, aber Daria hatte keine Ahnung, warum.

“Die Plazenta ist noch dran”, sagte Tante Josie fachmännisch. Damit musste sie den Blutberg meinen.

“Ich weiß.” Sue Cato spülte das Tuch unter dem Wasserhahn aus und schüttelte den Kopf. “Ist das nicht unglaublich?”

Daria dachte an Chloe und Ellen, die immer noch schliefen. Sie sollten das auf keinen Fall verpassen. Sie war schon auf dem Weg zur Küchentür, als ihre Mutter fragte: “Wohin gehst du?”

“Chloe und Ellen holen.”

“Es ist noch nicht mal acht. Lass sie noch schlafen.”

“Teenager schlafen den Schlaf des Gerechten, das kann ich dir sagen”, fügte Tante Josie hinzu.

Zwar würden Chloe und Ellen ihr später Vorwürfe machen, weil sie sie nicht geweckt hatte, doch Daria hielt es im Augenblick für das Beste zu gehorchen. Sie trat wieder nah an den Tisch heran und beobachtete, wie ihre Mutter für ein paar Sekunden die Klingen einer Schere in das kochende Wasser tauchte und dann damit die Schnur durchtrennte, die aus dem Bauch des Babys kam. Endlich war das Kind von der furchtbaren matschigen Masse befreit. Tante Josie holte ein Handtuch aus dem Badezimmer, und Darias Mutter wickelte das frisch gewaschene Baby darin ein. Dann nahm sie das Bündel auf den Arm. Sie wiegte es sanft hin und her. “Armer kleiner Schatz”, flüsterte sie. “Armes verstoßenes Ding.” Daria hatte den Eindruck, der Blick ihrer Mutter sei seit Jahren nicht so lebendig gewesen.

Die Polizei und das Rettungsteam trafen schon nach wenigen Minuten ein. Einer der Rettungsassistenten – ein junger langhaariger Mann – musste Darias Mutter das Baby förmlich entreißen. Noch immer in Bademantel und Hausschuhen, folgte sie dem Kind bis zum Krankenwagen. Sie sah dem wegfahrenden Fahrzeug nach, und auch als es längst auf die Strandstraße abgebogen war, stand sie noch minutenlang da.

Die Polizisten hatten eine Menge Fragen, vor allem an Daria. Sie saßen mit ihr auf der Veranda und gingen die Details ihres Fundes so lange durch, bis sie sich selbst schuldig fühlte. So als hätte sie einen unverzeihlichen Fehler gemacht und würde jeden Moment ins Gefängnis gesteckt. Nach einer halben Stunde schickten sie sie ins Haus und wandten sich an ihre Eltern und Tante Josie. Daria setzte sich im Wohnzimmer in den Korbsessel, der direkt neben dem Fenster zur Veranda stand, sodass sie jedes Wort der Erwachsenen mithören konnte.

“Können Sie uns sagen, was für Mädchen im Teenageralter in der Straße leben?”, fragte einer der Polizisten.

Tante Josie begann sie aufzuzählen. “In dem Haus dort am Strand, da lebt so ein naives Ding. Cindy Trump. Die Jungs hier nennen sie Cindy Tramp, weil sie vom einen zum Nächsten zieht, wenn Sie verstehen, was ich meine.”

“Ach, so solltest du das aber nicht sagen, Josie”, wies Darias Mutter sie zurecht.

“Ich habe sie gestern noch gesehen”, meinte Darias Vater. “Und sie kam mir nicht schwanger vor.”

Daria neigte ihren Kopf leicht zur Seite, um das spannende Gespräch besser verstehen zu können.

“Ich habe sie auch gesehen”, sagte Tante Josie. “Sie trug ein weites weißes Männershirt. Darunter hätte sie alles Mögliche verstecken können.”

Daria konnte das resignierte Achselzucken ihres Vaters fast hören. Tante Josie war mit seinem vor fünf Jahren verstorbenen Bruder verheiratet gewesen, und anscheinend schaffte sie es immer wieder aufs Neue, bei Darias Dad ihren Kopf durchzusetzen.

Tante Josie setzte erneut an. “Dann ist da noch dieses Mädchen Linda, das …”

“Sie ist erst vierzehn”, protestierte Darias Mutter. “Und sie ist so schüchtern, dass sie noch nicht mal mit Jungs reden kann, geschweige denn …” Ihre Stimme verlor sich.

“Wir wüssten trotzdem gerne, welche Mädchen noch in der Straße wohnen”, sagte der Polizist. “Egal, ob Sie sich eine von ihnen als Kindsmutter vorstellen können oder nicht. Was ist denn mit diesem Haus? Leben hier noch andere Mädchen außer dem Supergirl Daria?”

Supergirl? Daria grinste in sich hinein.

“Ja”, antwortete Darias Vater, “aber das sind gute katholische Mädchen.”

“Meine Tochter Ellen ist fünfzehn”, warf Tante Josie ein, “und ich kann ihnen versichern, dass sie nicht schwanger war.”

“Das gilt auch für unsere Tochter Chloe.” Darias Vater klang, als wäre er beleidigt, dass man seine Tochter verdächtigte. “Sie besucht ein katholisches College, seit sie sechzehn ist. Sie können sich also vorstellen, dass sie ihre Nase die meiste Zeit in Bücher steckt.”

Dessen war sich Daria alles andere als sicher, denn Chloe war gescheit genug, gute Noten zu schreiben, ohne viel dafür zu lernen.

“Sonst noch jemand?”, fragte diesmal der andere Polizist.

“In diesem Haus? Nein”, sagte Tante Josie. “Aber in unserer Straße leben noch mehr Mädchen. Polly von gegenüber, zum Beispiel.”

“Jetzt reicht es aber, Josie”, fuhr Darias Mutter sie an. “Sie ist geistig zurückgeblieben. Glaubst du wirklich …”

“Erzählen Sie nur weiter”, verteidigte sie der Polizist. “Wer noch?” Es klang, als wären er und Tante Josie alte Freunde.

“Ich glaube, das einzige weitere Mädchen ist diese Jill”, sagte Tante Josie.

“Sie ist die Tochter der Fletchers”, fügte Darias Mutter kapitulierend hinzu. Jedes der Mädchen würde auf die Liste kommen, ob es ihr nun passte oder nicht.

Als ihre Schwester die Treppe herunterkam, legte Daria einen Finger auf die Lippen. Chloe zog die Augenbrauen hoch, während sie mit nackten Füßen über den Wohnzimmerteppich tappte.

“Was ist denn hier los?”, flüsterte sie und versuchte, durch das Fenster auf die Veranda zu spähen.

“Pass auf, dass sie dich nicht sehen!” Daria griff ihrer Schwester in das ungekämmte schwarze Haar und zog ihren Kopf herunter.

Autsch.” Chloe wand sich aus Darias Griff. “Warum sind die Bullen hier?”

“Ich habe ein Baby am Strand gefunden.”

“Du hast was gefunden?”

“Psst”, machte Daria, doch noch ehe sie mehr erklären konnte, betrat ihr Vater das Zimmer.

“Chloe, gut, dass du hier bist”, sagte er. Seine Haare waren jetzt wieder durcheinander. Er konnte sie nie für lange Zeit bändigen. “Ich wollte dich gerade holen. Die Polizisten haben ein paar Fragen an dich und Ellen.”

Warum?” Chloe war überrascht. Ihr sonst olivenfarbener Teint war im fahlen Morgenlicht ziemlich blass. Daria vermutete, dass ihre Schwester wegen des bevorstehenden Gesprächs nervös war.

“Es ist überhaupt nicht schlimm”, beruhigte Daria sie. “Ich habe lange mit ihnen gesprochen. Sie sind wirklich nett.” Klar, schließlich bin ich ja auch Supergirl.

“Geh und hol Ellen”, sagte ihr Vater zu Chloe, die die Augen verdrehte und ihm einen verächtlichen Blick zuwarf, bevor sie die Treppe hinaufstapfte. Dieses aufsässige Verhalten war neu. Nach einem ganzen Jahr am College war Chloe erst vor wenigen Tagen im Sea Shanty angekommen, und Daria musste sich an ihre neue Art noch gewöhnen. Seit jeher war die aufrichtige und zuverlässige Chloe der ganze Stolz ihrer Eltern gewesen. Ein Muster an Folgsamkeit. Und plötzlich tat sie so, als brauchte sie überhaupt keine Eltern mehr.

“Und du …” Darias Vater sah ihr direkt ins Gesicht, und sie wusste, dass er sie beim Lauschen am Fenster ertappt hatte. “Du gehst jetzt nach oben. Du musst doch müde sein. Es war schon ein langer Morgen für dich.”

Daria wollte nicht hochgehen. Sie wollte hören, was die Polizisten mit Chloe und Ellen zu besprechen hatten, und sie fand, sie hatte auch ein Recht darauf. Schließlich war sie jetzt elf – auch wenn sich kein Mensch daran zu erinnern schien. Und wenn sie nicht gewesen wäre, würde das ganze Spektakel überhaupt nicht stattfinden. Aber im Gesicht ihres Vaters lag jener strenge Ausdruck, der ihr verriet, dass jegliche Diskussion zwecklos war.

Auf dem Weg nach oben kamen ihr Chloe und Ellen entgegen. Ihre Cousine war genauso blass um die Nase wie Chloe. Die beiden gingen wortlos an ihr vorbei. Erst als sie schon fast auf der ersten Etage war, hörte sie Chloe rufen: “Hey, Schwesterherz! Alles Liebe zum Geburtstag.”

Im Obergeschoss angekommen, setzte sich Daria bei dem Versuch, in Hörweite zu bleiben, auf die oberste Treppenstufe. Zwar konnte sie hören, wer gerade sprach, doch was gesagt wurde, verstand sie kaum. Und so schweiften ihre Gedanken ab. Sie dachte darüber nach, was sie der Polizei erzählt hatte, und spielte die Befragung wieder und wieder durch. Wenn man die Polizei anlog, kam man dann ins Gefängnis? Würden sie ein elfjähriges Mädchen einsperren? Aber eigentlich habe ich ja gar nicht gelogen, beruhigte sie sich. Sie hatte einfach nur eine Sache weggelassen – ein kleines, vermutlich unbedeutendes Detail: Das Baby war nicht das Einzige, was sie an diesem Morgen am Strand gefunden hatte.

1. KAPITEL

Zweiundzwanzig Jahre später

Darias dreiunddreißigster Geburtstag unterschied sich nicht wesentlich von den anderen Tagen Anfang Juni. Mit den ersten Urlaubern, die in die Küstenregion kamen, kehrte allmählich auch das Leben auf die Outer Banks zurück, und es schien, als würden schlagartig auch Luft und Meer wärmer. Daria verbrachte den Tag mit ihrem Tischlerkollegen Andy Kramer. Gemeinsam gestalteten sie in einem Haus in Nag's Head eine Küche neu. Während sie Wandschränke und Arbeitsplatten montierte, kämpfte Daria die ganze Zeit über gegen die Melancholie an, die seit anderthalb Monaten ihr ständiger Begleiter war.

Andy hatte darauf bestanden, ihr zum Geburtstag das Mittagessen zu spendieren – Hühnchensandwich mit Pommes Frites bei Wendy's. Die beiden saßen sich am Tisch gegenüber. Während sie an ihrem Sandwich nagte und er seine drei Hamburger und zwei Portionen Pommes verschlang, stellten sie den Arbeitsplan für den Nachmittag auf. Trotz seines gesegneten Appetits war Andy rank und schlank. Das blonde Haar trug er zum Pferdeschwanz gebunden, der ihm bis zur Rückenmitte reichte, ein goldener Ring zierte sein Ohrläppchen. Er war erst Mitte zwanzig. Wahrscheinlich kann er deshalb essen, was er will, ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen, vermutete Daria.

“Und”, fragte er, als er gerade seinen letzten Burger verdrückte, “gehst du heute Abend feiern?”

“Nein, ich werde nur mit Chloe und Shelly ein bisschen Kuchen essen.”

“Richtig. Shelly hat ja heute auch Geburtstag.”

“M-hm. Sie wird zweiundzwanzig.” Kaum zu glauben. In ihren Augen war Shelly immer noch ein Kind.

Andy nahm den letzten Schluck von seiner Limonade und stellte den leeren Becher auf dem Tablett ab. “Ich finde, du und Shelly solltet heute Abend die Stadt unsicher machen.”

“Ich unterrichte gleich noch eine Klasse auf der Feuerwache”, sagte Daria, als wäre das der Grund, der sie von einer Kneipentour abhielt.

“Ach tatsächlich?” Andy sah überrascht aus. “Ich dachte, du bist nicht mehr …”

“Ich bin keine Rettungsassistentin mehr, nein”, beendete Daria seinen Satz. “Aber ich möchte trotzdem noch als Dozentin arbeiten. Das heute ist meine erste Klasse seit … seit einiger Zeit.”

Sicher wusste er, dass sie seit April nicht mehr unterrichtet hatte, als das Flugzeug ins Meer gestürzt und fortan ihr gesamtes Leben durcheinandergeraten war. Aber er war klug genug, den Mund zu halten. Daria war unwohl bei dem Gedanken, wieder vor einer Klasse zu stehen. Heute Abend würde sie ihre ehemaligen Kollegen zum ersten Mal wieder sehen; zum ersten Mal, seit sie den Freiwilligen Rettungsdienst verlassen und die anderen völlig verwirrt – und unterbesetzt – zurückgelassen hatte. Sie hatte Angst, ihr Vertrauen verspielt zu haben.

Gemeinsam mit Andy verließ sie das Restaurant und überlegte, wie er wohl mit ihrer Kündigung zurechtkam, wo es doch sein sehnlichster Wunsch war, Rettungsassistent zu werden. Er war zweimal durch die Prüfung gefallen, und Daria war sich sicher, dass er sie nie bestehen würde. Doch er versuchte es unbeirrt weiter. Trotzdem – auch er war bei dem Flugzeugabsturz im April dabei gewesen und musste einfach verstehen, wie entsetzlich das alles für sie war. Auch wenn selbst Andy nicht die ganze Geschichte kannte.

Das Verhalten von Darias Klasse bestätigte sie in ihren Selbstzweifeln. Keiner schien zu wissen, was er sagen sollte. Waren sie wütend, weil sie so plötzlich gegangen war, oder einfach nur enttäuscht? Die meisten dachten vermutlich, ihr Weggang sei eine Reaktion auf die Kündigung ihres Verlobten Pete, und Daria ließ sie gern in diesem Irrglauben. Es war einfacher, als ihnen die Wahrheit zu sagen. Nur die Wenigen, die sie schon seit Jahren kannten, erkannten einen Zusammenhang zwischen ihrer Kündigung und dem Flugzeugabsturz. Doch selbst sie konnten sich keinen Reim auf ihr Verhalten machen. Nach zehn Jahren als freiwillige Rettungsassistentin mit dem Ruf als “Heldin der Stadt”, die über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt und Nerven aus Stahl hat, war es unbegreiflich, dass ein fehlgeschlagener Rettungsversuch eine Daria Cato dermaßen aus der Bahn werfen konnte.

Als Daria an jenem Abend vor der Klasse stand, konnte sie ihnen ihr Misstrauen nicht verübeln. Immerhin brachte sie ihnen bei, Aufgaben auszuüben, die sie selbst nicht mehr erfüllen wollte. Sie fragte sich, ob sie überhaupt noch das Recht hatte, als Dozentin zu arbeiten. Nach dem Unterricht wurde ihr auf dem Weg zum Auto schmerzlich bewusst, dass ihr niemand folgte. Niemand, der noch eine Frage hatte; keiner, der noch ein wenig mit ihr plaudern wollte. Sie blieben allesamt im Klassenraum zurück, vermutlich in Erwartung darauf, endlich ungestört über sie reden zu können.

Es war kurz nach acht, als sie sich auf den Heimweg machte. Obwohl es mitten in der Woche war und die Saison gerade erst begann, herrschte auf der Hauptstraße wegen der Touristen schon dichter Verkehr. Sie wusste, was das bedeutete: Unfälle, Herzinfarkte, Beinah-Ertrinkende. Ihr schauderte, und sie war froh, keine Sanitäterin mehr zu sein.

Sie bog in die Einfahrt des Sea Shanty ein und parkte hinter Chloes Wagen. Wie schon die ganze Woche über standen auch an diesem Abend alle Einfahrten in der Sackgasse voll. Beim Anblick der Autos sehnte sich Daria plötzlich nach den einsamen Wintermonaten, in denen sie und Shelly die Straße ganz für sich allein hatten. Seit zehn Jahren lebten sie ganzjährig in Kill Devil Hills, und normalerweise freute Daria sich auf den Sommer, wenn die Sackgasse zum Leben erwachte. Aber dieses Jahr gab es zu viel zu erklären. “Wo ist Pete?”, würde jeder wissen wollen, und: “Warum arbeitest du nicht mehr bei der Rettung?” Sie hatte keine Lust mehr, diese Fragen zu beantworten.

Chloe saß in einem Schaukelstuhl auf der Veranda und las im Licht der Terrassenlampe ein Buch. “Ich habe einen Eiskuchen im Gefrierfach”, sagte sie. “Jetzt fehlt nur noch Shelly.”

“Wo ist sie denn?”

“Unten am Strand, wo sonst? Sie ist schon seit Stunden da draußen.”

Daria setzte sich in den anderen Schaukelstuhl. “Ich finde es nicht gut, wenn sie im Dunkeln an den Strand geht”, überlegte sie laut.

“Schwesterchen, sie ist zweiundzwanzig Jahre alt”, meinte Chloe.

Chloe verstand das nicht. Sie verbrachte nur die Sommermonate mit ihnen, wenn sie an der St.-Esther's-Kirche das Ferienprogramm für Kinder leitete. Sie war zu selten mit Shelly zusammen, als dass sie hätte wissen können, wie schlecht es um das Urteilsvermögen der jungen Frau bestellt war. Sie könnte irgendeinen Fremden am Strand aufgabeln, oder irgendein Fremder könnte sie aufgabeln. Das war alles schon vorgekommen.

Daria rubbelte über einen Fleck auf ihren kakifarbenen Shorts. Bei der Montage der Arbeitsplatte hatte es sich dort ein Klecks Klebstoff bequem gemacht. Schon wieder ein Paar Shorts im Eimer. Sie musste geseufzt haben, denn als sie aufsah, blickte sie direkt in Chloes Augen. Der raspelkurze Haarschnitt, den Chloe diesen Sommer zur Schau trug, ließ ihre braunen Rehaugen noch größer wirken und ihre dunklen samtigen Wimpern noch länger. Für einen Augenblick war Daria von der Schönheit ihrer Schwester wie hypnotisiert.

“Ich mache mir Sorgen um dich, Daria”, sagte Chloe.

“Warum?”

“Du machst so einen traurigen Eindruck. Ich glaube, ich habe dich noch nicht ein Mal lächeln gesehen, seit ich hier bin.”

Daria war nicht bewusst gewesen, dass ihre Traurigkeit so offensichtlich zutage trat. “Tut mir leid”, entschuldigte sie sich.

“Das muss es nicht. Ich wünschte nur, ich könnte irgendetwas für dich tun. Offen gesagt: Ich verstehe Pete einfach nicht. Ruft er dich manchmal an?”

Daria streckte die Arme vor sich aus. “Er hat mich schon mehrfach angerufen, aber es ist endgültig aus.” Pete hatte erleichtert geklungen, nicht mehr bei ihr zu sein, und sie in ihren wenigen Telefonaten ermahnt, doch endlich einmal zuerst an sich zu denken. Es tat weh, von ihm zu hören, und während sich ein Teil von ihr nach seinem Anruf sehnte, war ihr doch klar, dass eine Fortsetzung der Beziehung sie auf lange Sicht nur verletzen würde.

“Verrätst du mir, warum er die Verlobung gelöst hat?”, fragte Chloe vorsichtig. Bislang hatte sie diese Frage vermieden, in der Hoffnung, Daria würde von sich aus darüber sprechen.

“Ach, es gibt einen Haufen Gründe”, wich Daria aus. “Shelly ist einer davon.” In Wirklichkeit war Shelly der einzige Grund.

“Shelly? Was hat sie denn damit zu tun?”

Daria zog die Knie an und schlang ihre Arme um die Beine. “Er war der Ansicht, ich hätte sie nicht ausreichend unter Kontrolle. Er fand, ich sollte sie in so eine Art Heim stecken.”

Chloe gingen vor Staunen die Augen über. “Das ist verrückt”, sagte sie. Sie beugte sich zu Daria hinüber und nahm ihre Hand. “Es tut mir so leid, Süße. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Shelly eine solche Belastung für eure Beziehung war.”

Shelly war schon immer ein Streitpunkt zwischen ihr und Pete gewesen, nur hatte sich der Konflikt nach dem Flugzeugabsturz zugespitzt. Doch Daria wollte darüber nicht mit Chloe sprechen. Und auch mit niemandem sonst.

“Das ist Petes Problem, nicht meins.” Daria stand auf. “Ich bin müde. Ich lege mich ein bisschen hin. Ruf mich, wenn Shelly auftaucht und wir uns an den Kuchen machen können, okay?”

Oben legte sie sich zwar aufs Bett, schlief jedoch nicht. Sie starrte an die dunkle Decke und lauschte den nächtlichen Geräuschen des Ozeans und den Schreien der Wheeler-Enkel, die vom Nachbarhof zu ihr heraufdrangen. Von ihrem elften Geburtstag an hatte jeder ihrer folgenden Geburtstage die Erinnerung an den Tag zurückgebracht, an dem sie den ausgesetzten Säugling am Strand gefunden hatte. Sie schloss die Augen und schickte ein kurzes Gebet zum Himmel, dass es Shelly am Strand gut gehen möge. Dann verlor sie sich in Erinnerungen an den Tag vor zweiundzwanzig Jahren – den Tag, der ihr weiteres Leben bestimmt hatte.

Den ganzen Tag lang und noch viele Tage danach war das Baby das Gesprächsthema in der Nachbarschaft gewesen. Die Polizei hatte alle Bewohner der Sackgasse sowie die Nachbarn in den angrenzenden Straßen und auf der anderen Seite der Strandstraße befragt, doch Daria hatte nur von den Untersuchungen in ihrer kleinen Welt, der Sackgasse, gewusst. Als die Polizei an jenem Nachmittag ihre Runde machte, saß Daria mit Chloe und Ellen auf der Veranda und tat so, als spielte sie mit ihrem Insektenforscherset. Aber eigentlich hörte sie den beiden bei ihrem Gespräch über die anderen Mädchen der Straße zu. Ellen und Chloe lungerten in den Schaukelstühlen herum, ihre langen nackten Beine vor sich ausgestreckt, die Füße auf das Terrassengeländer gelegt. Daria saß am Picknicktisch über ein Mikroskop gebeugt. Zwar konnte sie den beiden oft nicht folgen – wenn sie auch wusste, dass sie über Sex sprachen –, doch da die Mädchen ihr Gespräch sofort beenden würden, wenn sie Fragen stellte, hielt sie lieber den Mund und heuchelte großes Interesse an einer Libelle.

“Die Bullen sind jetzt bei den Taylors”, sagte Ellen.

Daria wagte einen Blick quer über die Straße zum Poll-Rory.

“Ich bin so käsig”, stöhnte Chloe, während sie ihre Beine inspizierte. Dabei war sie alles andere als weiß, denn wie Daria und Ellen war auch Chloe griechischer Abstammung und hatte von Seiten der Cato-Familie die Merkmale dickes dunkles Haar und olivenfarbene Haut geerbt. Und obwohl ihr Teint stets mit jedem Tag dunkler wurde, jammerte sie jeden Sommer über ihr Unvermögen, braun zu werden.

“Ich verstehe nicht, warum sie sich die Mühe machen, Polly zu befragen”, wunderte sich Ellen. “Ich meine, wer schwängert schon ein Mädchen mit Downsyndrom?”

“Na ja, immerhin ist sie jetzt fünfzehn”, erwiderte Chloe. “Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie vor Mrs. Taylor eine Schwangerschaft verbergen könnte. Die ist doch wie eine Glucke.”

“Ja, und außerdem bin ich auch fünfzehn”, meinte Ellen. “Und ich sehe um einiges besser aus als Polly und bin trotzdem noch Jungfrau.”

Chloe lachte. “Na klar, und ich bin die Königin von Saba.”

Daria wusste, was eine Jungfrau war. Die Jungfrau Maria war mit dem Jesuskind schwanger gewesen, ohne jemals Sex gehabt zu haben. Es war ihr noch nie in den Sinn gekommen, dass Ellen oder ihre Schwester oder Polly oder irgendein anderes Mädchen in der Straße keine Jungfrau mehr sein könnte. Schnell sah sie wieder in das Mikroskop, um ihren schockierten Gesichtsausdruck zu verbergen.

“Warum sind die Bullen überhaupt so sicher, dass es ein Teenager war?”, fragte Ellen.

“Sie gehen wahrscheinlich davon aus, dass es das Baby von Cindy Tramp ist”, antwortete Chloe, “aber sie haben nicht genügend Beweise, um eine ärztliche Untersuchung anzuordnen. Ich wette, sie hören in jedem Haus die übelsten Geschichten über sie. Sie macht es schon, seit sie zwölf ist.”

“Zwölf?” Ellen sah überrascht aus.

“Zwölf”, sagte Chloe mit Nachdruck. “Nur ein Jahr älter als Daria.” Beide sahen zu Daria hinüber, die den Kopf hob und spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

“Ich habe keine Ahnung, wovon ihr redet”, sagte sie scheinheilig. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, in einem Jahr Sex zu haben. Wieder blickte sie zum Haus gegenüber und dachte an Rory. Er war der einzige Junge, den zu küssen sie in Erwägung ziehen würde, doch selbst mit Rory konnte sie sich nicht mehr ausmalen. Und überhaupt – sie wusste gar nicht genau, wie man es machte.

“Ich weiß, wer es war!”, sagte Ellen aufgeregt. “Ich wette, es war diese Linda.” Die zwei prusteten los, und Daria stimmte in ihr Gelächter ein, als hätte sie den Witz verstanden.

Plötzlich kamen zwei Polizisten aus der Haustür des Poll-Rory, Rory dicht auf ihren Fersen. Er schrie sie an. Die drei Mädchen beugten sich weit zum Fliegengitter hinüber, um besser verstehen zu können.

“… sie nur durcheinandergebracht!”, schrie Rory. “Und warum?”

Die Polizisten gingen unbeirrt weiter.

“Lassen Sie sich hier bloß nicht wieder blicken!”, rief Rory ihnen in bedrohlichem Ton nach. Sein blondes Haar glänzte in der Sonne, und seine Haut war nach nur einer verregneten Woche am Strand bereits gebräunt. Seine Stimme war tiefer als im Jahr zuvor. Wie er die Polizisten so anschrie, wirkte Rory plötzlich überhaupt sehr männlich und gar nicht mehr wie ein Junge. Bei der Vorstellung, dass er diesen Sommer vielleicht immer noch seine Zeit mit ihr verbringen wollte, war Daria ganz aufgeregt. Doch zugleich schämte sie sich auch für den Gedanken, denn sie wusste, wie lächerlich diese Hoffnung war.

“Rory.” Mrs. Taylor öffnete die Fliegengittertür ihres Hauses.

Rory drehte sich nicht um. Er blickte den Polizisten auf ihrem Weg die Straße hinunter nach, und Daria meinte, sogar von der Veranda aus die Dolche in seinen Augen erkennen zu können.

Mrs. Taylor ging zu ihrem Sohn hinüber, legte ihm den Arm um die Schultern und sprach ruhig auf ihn ein. Schließlich gingen sie gemeinsam ins Haus zurück.

“Rory sieht diesen Sommer ziemlich heiß aus”, sagte Ellen und fächelte sich mit der Hand Luft zu.

“Er ist erst vierzehn”, frotzelte Chloe. “Obwohl, ich glaube, er wäre genau der Richtige für dich.”

Darias Mutter kam auf die Terrasse. Sie trug ein für Kill Devil Hills ungewöhnliches Kleid. “Wir wollen heute Abend Pizza essen gehen”, verkündete sie, während sie Daria übers Haar strich. Die Berührung fühlte sich beinahe fremd an. Seit einer ganzen Weile war ihre Mutter nicht mehr so zärtlich gewesen. “Zu deinem Geburtstag, Daria”, fügte sie hinzu. “Und danach zum Minigolfplatz. Hast du Lust?”

“Au ja!”, sagte Daria. Sie freute sich, dass ihre Mutter den Geburtstag doch nicht vergessen hatte. Chloe und Ellen sahen Sue Cato an, als wäre sie über Nacht zwei Köpfe gewachsen.

“Und jetzt …”, Darias Mutter strich sich das Kleid glatt, “… fahre ich nach Elizabeth City ins Krankenhaus, um das Baby zu besuchen.”

“Warum?”, fragte Chloe. “Es ist doch nicht deins.”

“Das stimmt, aber sie hat doch niemanden”, antwortete Sue. “Niemanden, der sie im Arm hält. Und genau das werde ich jetzt machen.”

“Kann ich mitkommen, Mom?” Daria stand auf. Die Libelle war vergessen. “Ich habe sie schließlich gefunden.”

Ihre Mutter neigte den Kopf zur Seite, als wäge sie ab. “Natürlich”, sagte sie dann. “Ich finde, du musst sogar mitkommen.”

Die Krankenschwester wies sie an, sich die Hände mit einer desinfizierenden Seife zu waschen und blaue Kittel anzuziehen. Erst dann durften sie die Säuglingsstation betreten, wo das kleine Mädchen in einem Brutkasten lag. Da sie sie nicht auf den Arm nehmen durften, sahen sie die Kleine einfach nur an. Daria erkannte sie kaum wieder. War sie wirklich so winzig gewesen, als sie sie am Strand gefunden hatte? Ihre Haut war sehr blass, fast durchsichtig, und ihr Haar war nicht mehr als ein feiner blonder Flaum. Mit langen Drähten, die auf ihrer Brust klebten, war sie an mehrere Monitore angeschlossen.

Überrascht bemerkte Daria, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Dieses Mädchen lebte ihretwegen. Sie bewegte sich und atmete ihretwegen. Es war schier unglaublich.

Sue Cato nahm die Hand ihrer Tochter und drückte sie – etwas, was sie seit vielen Monaten nicht getan hatte. Daria blickte zu ihrer Mutter auf, die leise Tränen weinte, und in dem Moment begriff sie, dass dieses Baby für sie beide mehr war als ein neuer kleiner Erdenbürger. Dieses Baby war bereits dabei, ihr beider Leben zu verändern.

“Wir werden bei St. Esther's vorbeifahren”, sagte ihre Mutter, als sie wieder im Wagen saßen und über die Currituck-Bucht in Richtung Kill Devil Hills fuhren.

“Um eine Kerze anzuzünden”, fügte Daria im Brustton der Überzeugung hinzu; sie war stolz darauf, die Gedanken ihrer Mutter lesen zu können.

“Genau. Aber wir wollen auch Pfarrer Macy einen Besuch abstatten.”

“Warum?”

“Weil …” Darias Mutter blickte angestrengt auf die Straße und hielt das Lenkrad fest in den Händen. “Weil ich finde, dass das Baby zu uns kommen sollte, wenn sich die Mutter nicht meldet.” Sie streifte Daria mit einem Seitenblick. “Findest du nicht? Immerhin ist sie nur deinetwegen am Leben, meine kleine Daria.”

Nie war es ihr in den Sinn gekommen, das Kind zu behalten. Doch jetzt schien ihr alles andere undenkbar. Eine kleine Schwester! Beim Anzünden der Kerze würde sie dafür beten, dass die Identität der leiblichen Mutter niemals festgestellt würde. Auch wenn es böse war, sich so etwas zu wünschen.

St. Esther's hatte keine Gemeinsamkeiten mit der Kirche in Norfolk in Virginia, die Darias Familie das restliche Jahr über besuchte. Dort roch es modrig, und Daria lief immer ein Schauder aus Angst und Ehrfurcht über den Rücken, wenn sie sie betrat. St. Esther's hingegen stand in der Nähe der weiten Bucht von Nag's Head. Diese Kirche war ein großes rechteckiges Gebäude aus Holz, das innen sauber und neu wirkte. Sie war hoch gebaut und luftig, mit großen Fenstern in Deckennähe und Kirchenbänken aus hellem Holz. In einige Fenster war Buntglas eingelassen – ein Kaleidoskop aus in abstrakte Formen geschliffenem Glas, das bunte Lichtstrahlen quer durch das Gotteshaus warf.

An diesem Nachmittag waren Daria und ihre Mutter die einzigen Besucher in St. Esther's, und als sie über den Holzfußboden zum Opferkerzenstand in der Ecke gingen, kamen Daria ihre Schritte viel zu laut vor. Ihre Mutter nahm den langen Holzstab aus der Wandhalterung, hielt ihn in die Flamme einer Kerze und zündete damit ein weiteres Opferlicht an. Dann übergab sie den Stab an Daria.

Hier eine Kerze anzuzünden hatte zwar bei Weitem nicht die gleiche Magie wie in ihrer düsteren, höhlengleichen Kirche in Norfolk, aber Daria tat es ihrer Mutter dennoch gleich und entzündete eine Kerze in der unteren Reihe. Dann kniete sie neben ihrer Mom nieder und betete für das Kind.

Lieber Gott, bitte lass das Baby überleben und gesund sein. Und mach, dass es zu uns kommt.

Nach dem Gebet verließen die zwei die Kirche durch den Seitenausgang und gingen zu dem angrenzenden kleinen Gebäude, in dem die Büros der beiden Pfarrer sowie jene Räume untergebracht waren, in denen die Veranstaltungen des Feriencamps stattfanden. Sie durchquerten den breiten kühlen Korridor, in dessen gewienertem Holzfußboden sich die Oberlichter spiegelten, und kurz bevor sie das Büro von Pfarrer Macy erreichten, kam er heraus.

“Hallo Mrs. Cato, hi Daria”, begrüßte er sie mit einem Lächeln. “Was führt euch beide denn hierher?” Er trug ein Hawaiihemd, und sein Haar hatte die Farbe von Strandhafer, wie er auch in Kill Devil Hills wuchs. Er passte gut zu St. Esther's – er war genauso offenherzig und fröhlich wie die Kirche selbst.

Sue legte den Arm um ihre Tochter. “Erzähl es ihm, Kleines.”

“Ich habe ein Baby am Strand gefunden”, sagte Daria.

Pfarrer Macy riss die Augen auf. “Ein Baby?”

“Ja”, bestätigte Sue Cato. “Daria war so mutig, das Mädchen zu uns nach Hause zu bringen, obwohl es ein Neugeborenes war und die, äh … Nachgeburt noch an ihr dranhing.” Zärtlich zog sie Daria an sich. “Wir würden gern mit Ihnen darüber sprechen, wenn Sie einen Moment Zeit haben.”

“Aber sicher”, sagte Pfarrer Macy und trat zurück in sein Büro. “Kommt nur rein.”

Sie folgten ihm in den kleinen Raum. Ein massiver Tisch stand vor dem einzigen großen Fenster. Man konnte direkt auf die Bucht sehen und in der Ferne die hohen goldenen Dünen von Nag's Head erkennen. Der Priester setzte sich lässig auf die Ecke des Tischs, während Daria und ihre Mutter in den beiden Armsesseln gegenüber Platz nahmen. Daria wusste, dass ihr Vater von Pfarrer Macys unbekümmertem Benehmen stets irritiert war. “Er ist viel zu locker”, hatte er einmal gesagt, und sie bezweifelte, dass sich die Priester in Norfolk auf einer Tischecke niederließen. Aber Pfarrer Macy war noch sehr jung; es war erst sein drittes Jahr als Priester und sein zweites in St. Esther's. Sogar Daria fand ihn gut aussehend, mit diesen großen braunen Augen und langen Wimpern. Und sein unbeschwertes Lachen vermittelte ihr ein Gefühl von Geborgenheit.

“Erzähl mir mehr über das Baby, Daria”, forderte er sie auf.

“Ich war heute Morgen schon sehr früh am Strand, um mir den Sonnenaufgang anzusehen und Muscheln zu sammeln. Und dann habe ich einen Pfeilschwanzkrebs-Panzer umgedreht, und darunter lag das Baby.” Sie wollte ihm nicht von dem Blut erzählen.

“Und offensichtlich war es erst kurz zuvor zur Welt gekommen, nicht?” Er sah zu Darias Mutter, und diese nickte zustimmend.

“Irgendjemand hat sie dort oder zumindest in der Nähe geboren und zum Sterben zurückgelassen”, sagte Darias Mutter.

“Du liebe Güte.” Pfarrer Macy blickte betroffen drein. “Ist sie denn … am Leben?”

“Ja, Gott sei Dank, das ist sie”, antwortete Sue Cato. “Sie liegt in Elizabeth City im Krankenhaus. Wir haben sie gerade besucht. Es geht ihr gut. In ein paar Tagen kann sie wahrscheinlich nach Hause. Aber sie hat kein Zuhause, und deswegen sind wir hier.” Zum ersten Mal nach Betreten des Büros strahlte Darias Mutter ein gewisses Unbehagen aus. Sie sah auf ihren Schoß hinab und spielte mit der Schnalle ihrer Geldbörse. Daria wartete ungeduldig, dass sie weitersprach.

“Mein Mann und ich möchten sie gern adoptieren”, sagte sie schließlich. “Natürlich nur, wenn niemand sonst Ansprüche geltend macht. Und wir haben uns gefragt, ob Sie uns dabei helfen würden. Ob Sie sich zu unseren Gunsten aussprechen würden?”

Pfarrer Macy machte ein nachdenkliches Gesicht. “Wissen Sie eigentlich, was für ein Wunder das ist?”, fragte er dann. “Dass Daria dieses Kind noch rechtzeitig gefunden hat? Dass es von jemandem gefunden wurde, der Teil einer so gläubigen, einer so heiligen und gesegneten Familie wie der Ihren ist?”

Zum zweiten Mal an diesem Nachmittag war Daria den Tränen nah.

“Ja”, sagte ihre Mutter leise. “Ja, wir sind uns bewusst, dass der Herr uns auserwählt hat.”

“Ich werde mich mit dem Krankenhaus in Verbindung setzen”, fuhr Pfarrer Macy fort und erhob sich. “Und auch mit der staatlichen Adoptionsvermittlungsstelle. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit das Kind zu Ihnen kommt. Denn ich kann mir für die Kleine kein besseres Zuhause vorstellen.”

Eine Woche später kam das Baby im Sea Shanty an und wurde sofort zum Star in der Nachbarschaft. Jeder aus der Straße kam vorbei, um sich das kleine Mädchen anzusehen und über seinen grausamen Start ins Leben den Kopf zu schütteln. Sue Cato gab ihm den Namen Michelle oder kurz: Shelly. Aber niemandem außer Daria schien die Ironie des Namens aufzufallen. Sie hatte sich darüber gefreut, wie passend er war. Die Leute hatten indessen eine andere Ironie des Schicksals kommentiert: dass dieser blonde, blasse Winzling nun Teil des dunkelhaarigen, griechischstämmigen Cato-Clans war.

Den ganzen Sommer lang hatte Darias Mutter auf der Veranda gesessen, das Baby in ihren Armen gewiegt und jedem Besucher erzählt, dass Shelly ein Geschenk des Meeres sei.

“Daria?”

Der Klang von Chloes Stimme ließ Daria hochschrecken. Sie setzte sich auf und schüttelte die Erinnerungen ab.

“Shelly ist wieder da”, rief Chloe von unten. “Komm runter zum Kuchenessen.”

“Ich komme!”, antwortete Daria, erleichtert, dass Shelly wohlbehalten zurückgekommen war. Sie fuhr sich mit den Händen durchs Haar und lief nach unten, um die junge Frau zu umarmen, die zugleich ihr Glück und ihr Kummer war, ihr Stolz und ihre Bürde.

2. KAPITEL

Als das Flugzeug am Gate zum Stehen kam, löste Rory den Gurt und stand auf, um den Rucksack aus dem Gepäckfach zu holen. Er gab ihn seinem Sohn, der noch immer angeschnallt in seinem Sitz saß und keinerlei Anstalten machte auszusteigen. Den Blick starr aus dem Fenster gerichtet, trommelte Zack einen imaginären Rhythmus auf seinem Bein. Er war fünfzehn Jahre, und die Aussicht, den ganzen Sommer mit seinem Vater an der Ostküste zu verbringen, stimmte ihn verdrießlich. Der Flug war anstrengend gewesen, zumindest für Rory, der mit allerlei Tricks versucht hatte, seinem Sohn ein paar Worte zu entlocken – doch vergeblich.

“Komm”, sagte Rory, “lass uns das Mietauto holen und uns auf den Weg machen.”

Mit einem abgrundtiefen Seufzer löste Zack den Sicherheitsgurt und trottete hinter seinem Vater den Gang hinunter.

“Herzlich willkommen in Norfolk, Mr. Taylor”, sagte die Flugbegleiterin, als Rory an ihr vorbeiging. Sie hatte sich auf dem Flug von Los Angeles dann und wann mit ihm unterhalten und gesagt, “True Life Stories” sei ihre Lieblingssendung. Er zweifelte allerdings am Wahrheitsgehalt dieser Aussage, denn als Moderator und Produzent der beliebten Fernsehsendung, in der er schicksalhaften Geheimnissen auf den Grund ging, war er derlei Schmeicheleien gewohnt. Die Frauen kannten ihn für gewöhnlich aus dem Fernsehen, die Männer vom Footballspielfeld. So oder so – er zog Aufmerksamkeit auf sich, und auch das schien Zack nicht recht zu sein. “Nie können wir irgendwo hingehen, ohne dass die Leute uns anstarren”, sagte er, nachdem der dritte oder vierte Passagier Rory um ein Autogramm gebeten hatte.

“Willkommen in Nor-fuck”, murmelte Zack, und Rory überhörte es galant.

Sie checkten am Schalter der Autovermietung ein und sorgten damit bei den zwei Schalterbeamtinnen, die ihren prominenten Kunden sogleich erkannten, für eine gewisse Aufregung, die sie jedoch zu unterdrücken versuchten.

“Sie haben einen Jeep reserviert?”, stellte die Frau zur Überprüfung seiner Reservierung die rhetorische Frage.

“Ehrlich?” Zack klang ungläubig.

“Klar”, antwortete Rory. Er hatte ausdrücklich nach einem Jeep verlangt. Dort war ausreichend Stauraum für ihr beachtliches Gepäck vorhanden, und außerdem wusste Rory, dass er seinem Sohn damit eine Freude machen würde. Doch wenn Zack sich tatsächlich über den Jeep freute, gab er sich alle Mühe, es nicht zu zeigen.

Der tomatenrote Jeep war nagelneu. Rory breitete die Straßenkarte über dem Lenkrad aus und suchte eine Route zu den Outer Banks heraus. “Es ist nicht weit”, sagte er zu seinem Sohn, der jedoch nicht reagierte.

Von Norfolk nach Kill Devil Hills waren es nur anderthalb Stunden Fahrt. Zack war während des Flugs nicht gesprächig gewesen, und er war es auch jetzt nicht. So gab Rory seine Bemühungen nach einer Weile auf und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Umgebung – auf all die Antiquitätenläden und Gemüsestände, die die Straße säumten und früher noch nicht da gewesen waren. Zack bearbeitete währenddessen auf der Jagd nach einem “halbwegs erträglichen” Sender den Suchknopf des Autoradios.

Rory hatte all seine Hoffnungen in diesen Sommer gesetzt. Die Scheidung von ihm und Glorianne – Zacks Mutter – lag nun knapp zwei Jahre zurück. Seitdem besaßen sie das gemeinsame Sorgerecht für ihren Sohn. Zumindest theoretisch. Rory konnte ihn an den Wochenenden, in den Ferien und den Sommer über sehen. Doch vor einigen Monaten hatte Glorianne den Filmproduzenten geheiratet, mit dem sie Rory während ihrer Ehe betrogen hatte, und jetzt wohnte sie nicht nur in einem prächtigen Haus in Beverly Hills, sondern hatte auch sonst jegliche Habe, von der andere nur träumen konnten. Rory hielt sich für unfähig, mit dem schillernden Lebensstil mitzuhalten, den Zack nun bei Glorianne genoss – zumal sein Sohn in einem Alter war, in dem Eigentum und Pomp eine große Rolle spielten. Allmählich entglitt er ihm, und Rory hoffte, dass sie sich in diesem Sommer wieder annähern würden. Er wusste, dass sein Sohn hinter der angriffslustigen Fassade noch immer die Wunden leckte, die er und Glorianne ihm mit ihrer Trennung zugefügt hatten. Und er war sich auch bewusst, dass Zack ihnen beiden nachtrug, dass sie es so weit hatten kommen lassen. Vom Kopf her verstand Rory das alles. Er wusste nur nicht, wie er damit umgehen sollte.

“Und”, fragte Zack, während er gelangweilt auf dem Suchknopf herumdrückte, “wann sind wir endlich da?”

“Noch zwanzig Minuten, schätze ich”, antwortete Rory. “Früher war diese Straße hier einmal ganz schmal und verschlafen, bloß mit vereinzelten Gemüseständen an den Seiten.”

“Auf mich wirkt sie immer noch ziemlich schmal und verschlafen”, erwiderte Zack. Er war ein typisch südkalifornisches Kind. Alles, was weniger befahren war als der San Diego Freeway, war für ihn verschlafen.

Aber Rory wollte sich jetzt nicht streiten. Er wusste, wie sehr Zack es hasste, Geschichten von “früher” zu hören, und er sagte sich, dass er selbst mit fünfzehn wohl auch gut auf Unterhaltungen dieser Art hatte verzichten können.

“Ich vermisse L. A. jetzt schon”, moserte Zack und sah aus dem Fenster.

“Warte ab, noch sind wir nicht auf den Outer Banks.”

“Ich verstehe sowieso nicht, warum wir hierher fahren mussten.”

Rory hatte eigentlich geglaubt, seinem Sohn die Gründe für seinen Entschluss, den Sommer in Kill Devil Hills zu verbringen, ausführlich erklärt zu haben. Doch entweder hatte Zack ihm nicht zugehört oder die in seinen Ohren wenig überzeugenden Argumente seines Vaters schon wieder vergessen.

“Na ja, du weißt doch, dass ich als Kind immer hier war”, sagte Rory.

“Ja. Und der Ort übt jetzt so eine nostalgische Anziehung auf dich aus”, ergänzte Zack in ironischem Ton.

“So ist es.” Rory bemühte sich, nicht beleidigt zu klingen. “Es war einmal ein sehr bedeutender Ort für mich, und mir gehört noch immer das Cottage, das meine Eltern damals gekauft haben. Ich war nicht mehr dort, seit ich siebzehn war.”

“Du meinst, das Haus hat die ganze Zeit über leer gestanden? Ist es dann nicht längst verfallen?”

“Das will ich nicht hoffen. Ich habe ein Immobilienbüro beauftragt, sich darum zu kümmern. Sie haben es an Touristen vermietet, und ich gehe davon aus, dass sie auch für die Instandhaltung gesorgt haben. Aber das werden wir ja gleich sehen.” In der Tat war er etwas beunruhigt deswegen.

“Du hättest doch auch einfach für eine Woche oder ein paar Tage kommen können, um nach dem Cottage zu sehen”, sagte Zack. “Stattdessen müssen wir einen ganzen beschissenen Sommer hier bleiben.”

“Ich habe meine Gründe”, sagte Rory und streifte seinen Sohn mit einem Seitenblick. Den Teil seines Plans hatte er ihm noch nicht verraten. “Es gibt da eine alte Geschichte, die ich hier für 'True Life Stories' recherchieren möchte. Willst du wissen, was?”

Zack zuckte die Achseln.

“Als ich vierzehn war, wurde in der Nähe meines Hauses ein Baby am Strand gefunden. Ein neugeborenes Mädchen. Die kleine Tochter unserer Nachbarn von gegenüber fand es am frühen Morgen und brachte es zu sich nach Hause. Natürlich wurde die Polizei eingeschaltet, aber die hat nie herausgefunden, wer das Baby dort zurückgelassen hat. Vor einigen Monaten bekam ich Post von diesem Baby, das inzwischen natürlich eine erwachsene Frau ist.”

“Was wollte sie denn?” Zack klang geradezu neugierig.

“Sie schrieb, sie wisse, dass ich in 'True Life Stories' alten Geheimnissen auf den Grund gehe und damals in der Nähe ihres Fundortes gewohnt hätte. Sie habe schon immer wissen wollen, wer ihre Mutter sei, und sie bat mich, es herauszufinden.” Er sah wieder zu Zack hinüber. “Je länger ich darüber nachdachte, umso mehr wollte ich es versuchen”, fuhr er fort. “Seit dem Vorfall damals habe ich mir immer wieder den Kopf über die Sache zerbrochen, vor allem in der letzten Zeit. Erinnerst du dich noch an den Bericht über die Teeniemütter, die ihre Babys in der Toilette hinunterspülen oder in Müllcontainer stecken, als wären sie nicht mehr als Kaugummipapier? Macht es dich nicht wütend, wenn du so was hörst?” Er wartete die Antwort gar nicht erst ab, weil er ohnehin keine erwartete. “Dass jemand so grausam sein kann, will einfach nicht in meinen Kopf. Wenn ich so was in den Nachrichten höre, muss ich immer an das Baby von damals denken. Ihr Name ist Shelly.”

“Und wo lebt diese … Shelly?”, fragte Zack.

“Sie wurde von der Familie des Mädchens adoptiert, das sie gefunden hat. Anscheinend lebt sie immer noch in dem Haus in der Sackgasse.” Er versuchte, sich an den Namen des Cottage zu erinnern. Ohne Erfolg. “Zumindest war das die Absenderadresse.” Shelly hatte ihm nur knappe Informationen gegeben. Der Brief war kurz gewesen – eigentlich nur eine Bitte. “Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, war sie erst drei.” Rory erinnerte sich noch gut an das zierliche kleine Mädchen mit den langen weißblonden Haaren und den großen braunen Augen. Schon als Teenager hatte er den Anblick dieses langbeinigen blassen Kindes inmitten der dunkelhäutigen exotischen Cato-Familie als seltsam empfunden. Bevor er den Brief erhalten hatte, hatte er sich nicht genau an ihren Namen erinnern können. Er wusste nur noch, dass es Sandy oder Shelly war, irgendetwas, das mit dem Strand zu tun hatte. “Ich habe ihr nicht geantwortet”, sagte Rory. “Ich wollte sie lieber überraschen.”

Direkt vor ihnen lag die lange Brücke, die über die Currituck-Bucht führte, und Rorys Herzschlag beschleunigte sich. “Auf der anderen Seite der Bucht liegt Kitty Hawk”, erklärte er Zack. “Und direkt daneben Kill Devil Hills.”

Als sie die Brücke hinter sich gelassen hatten, zeigte Rory auf einen der Meilensteine am Straßenrand und lächelte. “Die Menschen hier machen Orte anhand der Meilensteine ausfindig”, sagte er. “Achte mal auf den Fahrbahnrand. Die nächste Markierung müsste die Acht sein. Unser Cottage liegt zwischen den Meilensteinen sieben und acht.” Insgeheim war er froh über die Steine, denn er war sich ganz und gar nicht sicher, ob er die richtige Abzweigung noch finden würde. Vor allem, da sich die Landmarken seit seinem letzten Besuch drastisch verändert hatten.

“Da ist Nummer drei”, sagte Zack.

“M-hm.” Bei dem Anblick, der sich ihm bot, machte sich in Rory eine große Enttäuschung breit. Dieser Teil der Outer Banks war übersät von stelzenbeinigen Cottages, die sich wie ein Ei dem anderen glichen. Die Hauptstraße war mit Geschäften und Restaurants zugemüllt, und es waren entschieden zu viele Menschen und Autos unterwegs.

“Was ist das denn?” Zack zeigte durch die Windschutzscheibe auf einen Obelisken, der in einiger Entfernung von einem der Hügel in den Himmel ragte, die Kill Devil Hills seinen Namen gaben.

“Das ist das Wright Brothers National Memorial”, antwortete Rory, “das Denkmal für die Gebrüder Wright, die vor fast einhundert Jahren von dieser Stelle aus ihren ersten Flug unternahmen.”

“Cool”, sagte Zack anerkennend, als müsste er eingestehen, dass es doch nicht so abwegig war, diesen Ort zu mögen.

Nachdem sie Meilenstein Nummer sieben passiert hatten, lenkte Rory den Jeep in Richtung Meer und legte die kurze Strecke zur Strandstraße zurück. In der Hoffnung, es möge die richtige Weggabelung sein, bog er rechts ab, und nur wenige Augenblicke später erspähte er zu seiner Linken die Sackgasse.

“Da wären wir”, sagte er, als er in die kurze, breite Straße einbog. Nach dem hektischen Treiben auf der Route 158 war Rory beim Anblick seiner Sackgasse erleichtert. Sie sah noch genauso aus wie zu seinen Kindertagen, und ein Gefühl der Nostalgie packte ihn. Noch immer dieselben Cottages – nur eines fehlte. Das Haus am Ende der Straße, das unmittelbar ans Meer gegrenzt hatte, war verschwunden. Cindy Trumps Haus. Er konnte sich Cindy um einiges leichter ins Gedächtnis rufen als ihr Cottage. Sie war zwei Jahre älter gewesen als er, hatte von der Sonne gebleichtes Haar, einen sexy Teint und wohl den knappsten Bikini gehabt, den Kill Devil Hills je gesehen hatte.

Rorys Augen ruhten auf seinem alten Sommerhaus, das letzte der drei Cottages auf der rechten Seite. Er lachte. “Tja”, sagte er zu seinem Sohn, “sieht ganz so aus, als würden wir nun das Privileg der unmittelbaren Meeresnähe genießen. Früher stand zwischen unserem Cottage und dem Strand nämlich noch ein weiteres Haus. Aber das ist verschwunden.”

“Wie, verschwunden?”, fragte Zack.

“Vermutlich vom Meer verschluckt”, antwortete Rory. “Bei einem Unwetter, schätze ich.”

Er lenkte den Wagen in die Auffahrt. Das Haus sah aus wie immer – nur sauberer. Es war frisch gestrichen. Das Immobilienbüro machte seine Arbeit gut.

Poll-Rory”, las Zack vom Schild über der Haustür ab. “Wart ihr das, du und Tante Polly?”

Rory folgte Zacks Blick. Dort hing nicht mehr das hölzerne Schild aus Kindertagen, dieses hier war blau mit weißen Buchstaben. Aber es überraschte ihn, dass es nach so vielen Jahren überhaupt noch ein Schild gab.

“Ja, genau”, sagte er. “Meine Eltern haben das Haus nach uns benannt.” Er fühlte einen Stich im Herzen. Die Zeit hier würde viele Erinnerungen an seine Schwester wachrufen.

Sein Blick wanderte zum Haus der Catos auf der anderen Straßenseite, und er entdeckte, dass auch bei ihnen über der Verandatür noch ein Schild hing. Sea Shanty. Richtig. So hieß ihr Cottage. Dabei war es alles andere als eine Hütte, wie man aus dem Namen hätte schließen können. Es war das größte Haus in der Sackgasse. Drei maulwurfsgraue Etagen türmten sich auf den Stelzen, und über dem zweiten Stockwerk befand sich der weiße Witwensteg, auf dem er und Daria als Kinder immer gespielt hatten.

“Oh Mann, wir sind ja wirklich direkt am Strand”, staunte Zack und öffnete die Autotür. “Das sehe ich mir mal genauer an.” Und schon flitzte er zum Wasser. Rory hielt ihn nicht auf.

Als er aus dem Wagen ausstieg, sah er zwei Autos in der Auffahrt des Sea Shanty stehen und fragte sich, wem die gehören mochten. Lebten Mr. und Mrs. Cato noch? Wie kamen sie wohl mit Shellys Plan zurecht, nach ihren Wurzeln zu suchen? Ob Chloe auch da war? Zu Jugendzeiten hatte sie ganz klar in einer höheren Liga gespielt als er. Sie hatte damals immer einen Haufen Jungs um sich geschart, die Rory in seiner jugendlichen Sehnsucht allesamt beneidet hatte. Die drei Jahre ältere Chloe, die schon mit sechzehn das College besuchte, war einfach umwerfend schön: dunkle Augen und langes gewelltes Haar. Alle Mädchen aus der Familie hatten das gleiche dicke schwarze Haar. Ellen – die Cousine, wenn er sich recht erinnerte – war auch sehr hübsch, aber hinter ihrem niedlichen Gesicht verbarg sich ein fieses Temperament, vor dem er sich so manches Mal gefürchtet hatte. Auf einmal kam ihm ein Zwischenfall in den Sinn, an den er schon seit Jahren nicht mehr gedacht hatte. Er war etwa dreizehn gewesen und hatte mit Ellen und einer Gruppe Jugendlicher am Strand herumgelungert. Als er gerade einem attraktiven Mädchen nachsah, das durch das seichte Wasser stakste, meinte Ellen, die ganze Gruppe auf seine Erektion aufmerksam machen zu müssen. Er hatte sich blitzschnell auf den Bauch gerollt und Ellen für ihre große Klappe gehasst. Selbst jetzt zuckte er bei der Erinnerung an diesen Moment noch zusammen.

Dann war da noch Daria gewesen, seine kleine Kumpelfreundin. Das Mädchen, das schneller rennen, besser schwimmen und größere Fische fangen konnte als er. Obwohl er drei Jahre älter war, hatte er sie stets als seine Konkurrentin betrachtet. Zwar hatte er immer so getan, als ließe er sie gewinnen. Aber in seinem Innersten hatte er sie bewundert. Er fragte sich, was wohl aus den Cato-Mädchen geworden war.

Rory öffnete die Heckklappe und nahm zwei Koffer heraus. Er brachte sie auf die Veranda und hielt dann einen Moment inne, um aufs Meer hinauszublicken und den nach wie vor vertrauten Geruch des Strandes einzuatmen, den er so liebte. Es würde ein guter Sommer werden. Er war auf dem schönsten Fleckchen Erde, stand kurz davor, sich in eine geheimnisvolle Geschichte zu vertiefen, und er war mit seinem Sohn zusammen. Zack würde nicht nur gebräunt und mit sonnengeküsstem Haar, sondern auch mit einem neuen Gespür für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens aus dem Urlaub zurückkehren. Und – so hoffte Rory – mit der wieder erwachten Liebe zu seinem Vater. Man durfte ja wohl noch träumen, oder?

3. KAPITEL

Im Wäschekorb türmte sich ihre saubere Arbeitskleidung – mehrere Shorts und ein Dutzend T-Shirts –, und Daria kippte alles auf ihr Bett, um sich ans Zusammenlegen zu machen. Das Fenster stand weit offen, und eine warme Meeresbrise streichelte die blauweißen Vorhänge, sodass sie sich wie die Flügel einer müden Möwe in den Raum hineinreckten. An Sommertagen wie diesem hatte sie sich sonst immer beschwingt und sorglos gefühlt, doch anscheinend war sie zu derlei Empfindungen nicht mehr in der Lage.

Sie trug den Stapel gefalteter Wäsche durchs Zimmer und legte ihn auf die Kommode. Aus der geöffneten Schublade nahm sie das Foto, das sie unter ihren T-Shirts versteckt hielt. Sie ging näher ans Fenster, um es sich genauer anzusehen, so wie jedes Mal, wenn sie die Kommode öffnete. Das Foto zeigte Pete, wie er am Haus eines Freundes in Manteo an einem rudimentären Holzzaun lehnte – ein Bier in der Hand, den nachmittäglichen Anflug von Bartstoppeln im Gesicht und ihr, der Fotografin, ein strahlendes Lächeln schenkend. Sein dunkles Haar, das so fein und glatt war wie ihres dick und gewellt, fiel ihm in die Stirn. Der Anblick dieses Bildes quälte sie, und dennoch tat sie es sich immer wieder an. Sechs Jahre lang war er Teil ihrer Gegenwart und Zukunft gewesen. Nun war er nur noch ein Teil ihrer Vergangenheit, und sich daran zu gewöhnen dauerte länger, als ihr lieb war.

Daria legte das Bild zurück, verteilte ihre T-Shirts darüber und ging wieder zum Wäschekorb, doch mit ihren Gedanken war sie noch immer bei dem Foto. In ihrem Kopf waren Pete und seine Gleichgültigkeit Shelly gegenüber untrennbar mit der Nacht des Flugzeugabsturzes verbunden, bei dem die Pilotin ums Leben gekommen war. Seit zwei Monaten drehten sich Darias Albträume nun schon um die letzten Minuten dieser jungen Frau. Sie konnte sich von der Erinnerung an ihren flehenden Blick einfach nicht befreien.

Am Morgen hatte sie vom Leiter des Freiwilligen Rettungsdienstes einen Anruf erhalten. Einen Anruf, den sie ebenso erwartet wie befürchtet hatte. Sie entließen sie aus ihrem Amt als Notfallseelsorgerin, sagte er, und sie zuckte zusammen, als hätte er sie ins Gesicht geschlagen. Fünf Jahre lang arbeitete sie nun schon im Kriseninterventionsdienst. Bei traumatischen Ereignissen im gesamten Bezirk rief man sie, damit sie verzweifelten Rettungskräften helfen konnte, das Erlebte zu verarbeiten. Und nun war sie so eine verzweifelte Rettungskraft. Ihr Chef brachte es auf den Punkt, als sie ihn anflehte, es sich noch einmal zu überlegen: “Wenn du deinen eigenen Stress nicht bewältigen kannst, wie um alles in der Welt willst du dann anderen dabei helfen?”

Sie legte gerade das letzte Paar Shorts zusammen, als ihr Blick unwillkürlich nach draußen auf die andere Straßenseite wanderte, wo die dieswöchigen Urlauber gerade das Poll-Rory bezogen. Irgendetwas veranlasste sie, näher ans Fenster zu gehen, den aufgeblähten Vorhang zur Seite zu halten und die Neuankömmlinge genauer ins Visier zu nehmen. Ein Mann und ein Junge luden Gepäck aus einem roten Jeep aus. Trotz der Entfernung und obwohl sie ihn seit fast zwanzig Jahren nicht gesehen hatte, erkannte sie in dem Mann sofort Rory Taylor. Als er noch Footballspieler bei den Rams gewesen war, hatte sich Daria jedes Spiel im Fernsehen angesehen, und nun war sie seit Jahren eine treue Zuschauerin von “True Life Stories”. Sie hatte jegliche Hoffnung aufgegeben, dass er ins Poll-Rory zurückkehren würde – vor allem nach dem Tod seiner Eltern. Vermutlich gab es in seinem Leben viel glamourösere Ferienorte, wo er seine freie Zeit verbringen konnte. Dennoch war er jetzt hier. Und der Junge war bestimmt sein Sohn. Sie hatte in der Zeitung von Rorys Scheidung gelesen.

Aus irgendeinem Grund erinnerte sie sich sofort an die Heuwagenfahrt, die sie einst mit einigen Nachbarskindern und ihrem Vater als Begleitperson unternommen hatten. Rory, der damals um die zwölf und voller schmutziger vorpubertärer Späße war, riss einen derben Witz nach dem anderen, doch Daria wagte in Anwesenheit ihres tiefreligiösen Vaters nicht, darüber zu lachen. Rory war sich ihrer misslichen Lage natürlich bewusst gewesen und hatte sie mit noch lauter erzählten Geschichten geneckt. Bei dieser Erinnerung musste sie lächeln. In Kindertagen waren sie und Rory die besten Freunde gewesen. Als sie zehn oder elf war, hatte sich ihre Freundschaft in Verliebtheit gewandelt. Zumindest von ihrer Seite. Rory hingegen hatte zeitgleich begonnen, sie links liegen zu lassen, und seine Zeit lieber mit den Älteren verbracht. Sie wusste genau, dass sie nie aufgehört hatte, ihn attraktiv zu finden. Wenn sie sich “True Life Stories” ansah, war sie nicht einfach nur aufgeregt, weil ein Bekannter eine Berühmtheit geworden war. Nein: Sie war seinetwegen nervös.

Als Rory einen Koffer quer über den sandigen Vorplatz und dann die Stufen zur Veranda hinauftrug, nahm Daria in seinem Gang ein leichtes Hinken wahr, und ihr fiel ein, dass er sich beim Football eine Verletzung zugezogen hatte und seine Laufbahn deshalb hatte beenden müssen.

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