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Führe mich in Versuchung …

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Linda Howard

Führe mich in Versuchung …

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Linda Strehl

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1. KAPITEL

E s war bereits nach elf Uhr abends, als der breitschultrige Mann in der offenen Verandatür erschien. Er stand nur da, vollkommen ruhig, und betrachtete die Party mit einem leicht amüsierten Gesichtsaus druck.

Susan bemerkte den Mann sofort. Sie war sich sicher, dass sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte, denn er gehörte zu der Sorte Männer, die man nie mehr vergaß.

Er war groß und muskulös. Das maßgeschneiderte schwarze Dinnerjackett schmiegte sich um breite Schultern. Doch es war nicht diese selbstverständliche Eleganz, die der Fremde ausstrahlte, sondern sein Gesicht, das ihn so besonders machte.

Er sah aus wie ein Abenteurer, was noch von den dunklen Augenbrauen betont wurde, unter denen saphirblaue Augen blitzten. Augen wie Stahl, dachte Susan. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, und mit einem Mal waren ihre Instinkte zum Leben erwacht, während sie den Fremden wie gebannt musterte.

Sein Blick sagte ihr, dass er ohne Zögern bereit war, Risiken einzugehen und die Konsequenzen zu tragen. Seine Züge waren hart. Der schwarze Bart und die kühn blickenden Augen gaben ihm etwas Verwegenes. Sein dichtes dunkles Haar glänzte im Schein der Kerzen.

Zunächst schien niemand den Fremden zu bemerken, doch dann, nach und nach, wandten sich ihm die Blicke aller Anwesenden zu, und eine feindselige Stille machte sich breit. Unangenehm berührt sah Susan zu ihrem Schwager Preston Blackstone. Er war der Gastgeber. Doch anstatt den Fremden zu begrüßen, stand er nur da wie erstarrt und sah den Mann fassungslos an. Aus Prestons Gesicht war alle Farbe gewichen.

Inzwischen waren die Gespräche in dem Raum verstummt, und sämtliche Gäste schauten den Fremden an. Selbst die Musiker auf dem Podium hatten aufgehört zu spielen.

Susan wurde unsicher. Was ging hier vor? Wer war dieser Mann? Sie schaute zu Preston und bemerkte seine nervöse Anspannung. Er sah aus, als ob er gleich auf den Fremden losgehen wollte, doch das würde sie nicht zulassen.

Egal, wer der Mann war, er war Gast der Blackstones, und diese Unhöflichkeit wollte sie keinen Moment länger dulden. Sie trat an den anderen Partygästen vorbei nach vorn.

Die Aufmerksamkeit aller konzentrierte sich nun auf sie. Auch der Fremde richtete den Blick auf Susan und betrachtete die schlanke, anmutige Frau abschätzend aus zusammengekniffenen Augen.

Ihre Züge waren klar und ebenmäßig, sie trug ein zartes cremewei-ßes Seidenkleid, das ihr beim Gehen um die Knöchel spielte, und um ihren zarten Hals lag eine schlichte Perlenkette. Mit dem hochgesteckten dunklen Haar und den weichen Locken, die ihr um die Schläfen fielen, wirkte sie auf anziehende Weise unberührt – und unberührbar. Wie eine unwiderstehliche Herausforderung.

Auf ein Kopfnicken von ihr begann die Band wieder zu spielen, zuerst zögerlich, dann beherzter. Nun hatte Susan den Mann erreicht. Sie streckte ihm die Hand hin.

„Guten Abend“, sagte sie freundlich, während alle mit angehaltenem Atem zusahen. „Ich bin Susan Blackstone. Möchten Sie tanzen?“

Der Fremde nahm ihre Hand, doch statt sie zu schütteln, hielt er sie einfach fest und strich mit seinem rauen Daumen über ihren weichen Handrücken. Seine blauen Augen wirkten aus der Nähe noch hypnotischer. Amüsiert hob er eine Braue, zog Susan an sich und begann, mit ihr zu tanzen.

Niemand sonst tanzte, aber nachdem Susan ermunternd den Blick zu den Anwesenden schweifen ließ, füllte sich die Tanzfläche nach und nach wieder mit weiteren Paaren.

Susan fühlte, wie der Fremde die Hand mit einem sanften, aber unerbittlichen Druck in ihrem Kreuz spreizte. Er zog sie näher an sich, und ihre Brüste strichen leicht gegen seinen muskulösen Brustkorb. Susan spürte die Hitze seines Körpers, und ihr wurde warm. Auf einmal fiel es ihr schwer, seinen Schritten zu folgen, und sie musste sich konzentrieren, um ihm nicht auf die Füße zu treten.

Ein erregendes Prickeln überlief sie, und ihre Hand zitterte in seiner. Zärtlich streichelte er über ihren Rücken.

„Haben Sie keine Angst, ich tue Ihnen nichts“, raunte er ihr ins Ohr.

Wie sie bereits geahnt hatte, war die Stimme des Mannes sanft und tief, und wieder überlief sie ein kleiner Schauer. Beim Blick auf seine wohlgeformten Lippen machte sich ein nie gekanntes Begehren in ihr breit, und Susan fragte sich, ob sein Mund so berauschend schmeckte, wie er aussah.

Wieso reagierte sie auf diesen Mann wie ein Teenager? Sie war doch erwachsen, und nicht einmal als Teenager war sie jemals so hin und weg gewesen, dass sie bei einem bloßen Blick aus Männeraugen zu zittern be gann.

Aber in diesem Blick, mit dem er sie musterte, lagen Anerkennung, eine Frage … und Erwartung.

Susan reagierte so selbstbewusst, wie es ihr in der Situation möglich war. „Eine seltsame Bemerkung“, erwiderte sie, stolz darauf, dass ihre Stimme nicht gezittert hatte.

„Finden Sie?“ Sein Tonfall wurde noch sanfter und vertraulicher. „Dann können Sie nicht wissen, was ich denke.“

„Nein.“ Sie beließ es dabei und zog es vor, nicht auf seine Andeutung zu reagieren.

„Aber Sie werden es noch erfahren“, versprach er. Seine Stimme war jetzt nur noch ein tiefes Vibrieren, das jeden Nerv in ihr berührte.

Er verstärkte den Druck um ihre Hüften, um Susan enger an sich zu ziehen. Nicht so nah, dass sie hätte protestieren müssen, aber doch gerade noch eng genug, dass sie die Muskeln an seinen Oberschenkeln spüren konnte, während er mit ihr tanzte.

Susan verkrampfte die Hände auf seinen Schultern und kämpfte gegen den Drang, die Hand in seinen Kragen zu schieben, um seine nackte Haut zu spüren.

Geschockt über sich selbst, hielt sie den Blick starr auf den Kragen seines Jacketts gerichtet und versuchte, nicht an seine Hände zu denken.

„Ihre Schultern sehen aus wie Satin“, murmelte er rau. Bevor sie seine Absicht auch nur erahnen konnte, hatte der Fremde den Kopf gebeugt und mit seinen warmen, festen Lippen die zarte Haut berührt.

Zitternd schloss Susan die Augen. Gott, was war nur los mit ihr? Sie wollte diesen Mann in sich spüren, und dabei wusste sie noch nicht einmal seinen Namen! Aber alles in ihr reagierte auf ihn, sie hatte die Kontrolle verloren, und sie konnte nur noch daran denken, wie es wäre, wenn seine Lippen ihren Körper liebkosen würden …

„Hören Sie auf“, versuchte sie, aber es klang wenig überzeugend, im Gegenteil. Ihre Haut brannte, erregende Schauer liefen ihr in Wellen über den Rücken.

„Warum?“, fragte er und strich mit den Lippen von ihrer Schulter zu ihrem Ohr.

„Weil die Leute schon schauen“, murmelte Susan wenig überzeu-gend und versuchte vergebens, das Entzücken zu unterdrücken, das dieser Mann in ihr auslöste.

Mühsam holte sie Luft. Es war unmöglich, seine Erregung nicht zu spüren, und verwirrt sah sie ihm in die Augen.

In seinem Ausdruck lagen weder Verlegenheit noch eine Entschuldigung. Und zu ihrem Erstaunen stellte Susan fest, dass sie auch keine Entschuldigung erwartete. Das Einzige, was sie wollte, war, sich seinen sehnigen Händen hinzugeben.

„Ich weiß ja nicht einmal, wer Sie sind“, sagte sie mit einem verunglückten Lächeln.

„Würde das etwas ändern?“ Sanft blies er ihr eine Locke aus der Stirn. „Aber wenn Sie sich dabei besser fühlen: Es bleibt in der Familie.“ Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln.

Susan hielt einen Augenblick die Luft an, bevor sie wieder sprechen konnte. „Ich verstehe nicht ganz.“

„Holen Sie noch mal so tief Luft, dann ist es egal, ob Sie verstehen oder nicht“, murmelte er. Fast schmerzhaft wurde Susan bewusst, dass sich ihre Brüste an seinen harten Körper pressten.

Er senkte den Kopf. „Ich bin auch ein Blackstone, obwohl die anderen das nicht gern hören.“

Susan schaute ihn irritiert an. „Aber ich kenne Sie gar nicht. Wer sind Sie?“

„Ja, kennen Sie denn nicht die ganzen Klatschgeschichten? Die Bezeichnung Schwarzes Schaf wurde vermutlich speziell für mich erfunden.“

„Ich weiß von keinem Schwarzen Schaf. Wie heißen Sie?“

„Cord Blackstone“, antwortete er. „Cousin ersten Grades von Vance und Preston Blackstone, einziger Sohn von Elias und Marjorie Blackstone“, schloss er mit einem dämonischen Lächeln. „Und Sie? Wenn Sie eine Blackstone sind, dann bestimmt keine geborene. Ich würde eine Blutsverwandte wiedererkennen, die so aussieht wie Sie. Also, mit welchem meiner hoch geschätzten Cousins sind Sie verheiratet?“

„Vance“, sagte sie. Einen Moment lang überschattete ferner Schmerz ihre Züge, und nur ihre Willensstärke ermöglichte es ihr, ruhig weiterzusprechen. „Er ist tot, wie Sie wahrscheinlich wissen.“ Nichts konnte die Trostlosigkeit verbergen, die plötzlich ihre leuchtenden Augen verdunkelte.

Sanft drückte er sie. „Ja, ich habe davon gehört. Es tut mir leid“, erwiderte er teilnahmsvoll. „Verdammt, was für eine Verschwendung. Vance war ein guter Kerl.“

„Ja, das war er.“ Es gab nichts, was sie dazu noch hätte sagen kön-nen. Noch immer hatte sie sich nicht mit dem sinnlosen Unfall abgefunden, der Vance das Leben gekostet hatte.

„Wie genau ist es passiert?“, fragte er.

Susan wunderte sich. Wusste er denn nicht, wie Vance gestorben war? „Ein Bulle hat ihn überrannt“, entgegnete sie schließlich. „Vance ist verblutet, bevor wir ihn ins Krankenhaus bringen konnten.“

Er war in ihren Armen gestorben. Als hätte er geahnt, dass er sterben würde, hatte er seine blauen Augen bis zuletzt auf Susan gerichtet. Auf seinen Lippen hatte ein heiteres Lächeln gelegen, das ihr schier das Herz zerriss, während sein Blick sich immer mehr verschleiert hatte und dann für immer erloschen war.

Seltsamerweise linderte Cord Blackstones Anteilnahme ihre Trauer ein wenig. In seinen blauen Augen lag plötzlich ein ganz eigener Schmerz, und Susan überlegte, ob auch er einmal einen Sterbenden im Arm gehalten hatte. Vielleicht einen Freund? Cord verstand, was sie durchgemacht hatte. Und weil er sie verstand, war die Last plötzlich leichter zu tragen.

„Erzählen Sie“, sagte Cord und riss sie aus ihren Gedanken. „Sie sind wahrscheinlich direkt von der Schule für höhere Töchter in Vances Armen gelandet?“

Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen. „Wieso glauben Sie, dass ich auf einer solchen Schule war?“

Cord ließ seinen Blick über ihre runden Brüste gleiten. „Weil Sie so offensichtlich … vollendet sind. Ich sehe nichts, was Mutter Natur vergessen hätte.“ Mit seinen festen, warmen Fingern strich er über ihren Rücken. „Wie weich Ihre Haut ist“, flüsterte er leise. „Und, habe ich recht?“

Eine leichte Röte überzog ihre Wangen, obwohl Susan geschmeichelt war. „Nein“, gab sie lächelnd zu. Hätte sie Cord gekannt, hätte sie an seinem Blick bemerkt, auf wie dünnes Eis sie sich begab. „Ich war vier Monate an der Universität von Kalifornien, bis meine Mutter einen Schlaganfall hatte und ich nach Hause zurückkehrte, um sie zu pflegen. Ich habe mein Studium danach nicht mehr aufgenommen.“

„Wäre auch Zeitverschwendung gewesen, die Lilie noch weiter zu vergolden“, brummte er und ließ seinen Blick wieder über ihre Kurven gleiten.

Bei der unverhohlenen Bewunderung dieses Mannes durchströmte Susan eine unerwartete Hitze. Er sah aus, als wollte er sich hinunterbeugen, um sein Gesicht genau zwischen ihren Brüsten zu verbergen – und Susan zitterte vor Verlangen danach, dass er genau das tat. Cord Blackstone war mehr als verlockend, er war gefährlich!

Sie musste irgendetwas sagen, um den Bann zu brechen. Schließlich griff sie auf das nächstliegende Thema zurück. „Sind Sie erst heute in Biloxi angekommen?“

„Ja, heute Nachmittag.“

Seine gekräuselten Lippen verrieten ihr, dass er ihr Ablenkungsmanöver durchschaute. Wieder blies er ihr sanft eine Locke aus dem Gesicht, und Susan fühlte, wie ihr ganzer Körper pulsierte.

„Kurz nach meiner Ankunft erfuhr ich, dass die Blackstones heute Abend eine Party geben würden“, sagte er langsam. „Und da dachte ich, um der alten Zeiten willen schaue ich da mal vorbei und sorge für etwas Aufruhr.“

Susan lächelte. „Machen Sie so was öfter?“

„Wenn ich Preston damit ärgern kann, bestimmt“, antwortete er. „Preston und ich haben uns nie vertragen“, erklärte er. „Vance war der Einzige, mit dem ich zurechtkam. Er hatte sich nie etwas aus diesem arroganten Wir-sind-die-Blackstones-Gehabe gemacht. Aus diesem lä-cherlichen Familienkult.“

Er hatte recht. Susan lächelte, weil Cord Vances Natur so gut gekannt hat te.

Nach außen hin hatte Vance sich den Forderungen der Blackstone-Familie angepasst, die an ihn gestellt wurden, aber immer mit einem Augenzwinkern. Manchmal hatte Susan gedacht, dass ihre Schwiegermutter Imogene ihrem Sohn die Hochzeit mit ihr nie verzeihen würde. Vance hatte sich mit seiner Wahl für Susan gegen die Tradition der Blackstones gewandt, eine Frau aus ihren Kreisen zu heiraten.

Unwillentlich schloss Cord die Arme fester um Susan. „Und, aus welcher angesehenen Familie hat man Sie für Vance ausgesucht?“

„Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Vance hat mich geliebt und ich ihn. Deshalb haben wir geheiratet.“

Cord gab einen tonlosen Pfiff von sich. „Von diesem Schock wird sich Imogene bestimmt nie erholen. Ihr Sohn mit einer Frau aus einfachen Verhältnissen“, meinte er und lächelte spöttisch.

Susan musste ebenfalls lächeln. Es bereitete ihr Vergnügen, mit diesem verwegenen Mann zu reden, der einen so seltsam fesselnden Blick hatte. Sie war überrascht, denn seit langer Zeit hatte sie keine solche Freude mehr gespürt … eigentlich nicht mehr seit Vances Tod vor fünf Jahren. Zu viele Jahre und Tränen lagen dazwischen, aber plötzlich schien alles anders; sie selbst fühlte sich anders.

Es kam ihr vor, als wäre sie tot gewesen und erst jetzt wieder zum Leben erwacht.

Cord musste gespürt haben, dass sie nahe daran war, der Versuchung nachzugeben, mit dem Feuer zu spielen. „Hier sind so viele Leute. Gehen Sie mit mir in den Garten“, flüsterte er heiser an ihr Ohr und fuhr mit der Zunge die Konturen ihrer Ohrmuschel nach.

Susan war wie elektrisiert, aber das ging zu weit. Mit einem Schlag verebbte das Verlangen, das ihren Verstand betäubt hatte. „Mr. Blackstone!“

„Cord“, verbesserte er sie lachend. „Immerhin sind wir fast verwandt, nicht wahr?“

Sie hatte keine Gelegenheit zu antworten, weil Preston dazwischenkam. Die ganze Zeit war Susan bewusst gewesen, dass er jeden ihrer Schritte beobachtete. Jetzt legte er ihr eine Hand auf den Arm und schaute seinen Cousin frostig an.

„Hat er dich beleidigt, Susan?“

Sie überlegte kurz, was sie antworten sollte. Wenn sie Ja sagen würde, gäbe es wahrscheinlich eine Szene, und das wollte sie auf alle Fälle vermeiden. Ein Nein dagegen wäre gelogen, denn Cord war zu weit gegangen. Aus einem Geistesblitz heraus entgegnete sie ausweichend: „Wir haben über Vance gesprochen.“

„Ich verstehe.“ Preston wandte sich an seinen Cousin, der gelangweilt lächelte. „Mutter erwartet dich in der Bibliothek“, sagte er steif. „Wir nehmen an, du hast einen Grund, uns mit deiner Anwesenheit zu beehren.“

„Richtig“, stimmte ihm Cord lässig zu, als hätte er die Beleidigung nicht bemerkt. „Geh nur voraus. Ich trau dir nicht, wenn ich dich im Rücken habe.“

Preston spannte sich an, und Susan verhinderte einen Eklat, indem sie eine Hand leicht auf Cords Arm legte. „Wir wollen Mrs. Blackstone nicht warten lassen.“

„Du brauchst nicht mitzukommen, Susan. Bleib hier bei den Gäs-ten“, wandte Preston ein.

„Ich hätte sie aber gern dabei“, widersprach Cord. „Sie gehört doch zur Familie, nicht wahr? Susan soll sich anhören, was ich zu sagen habe. Ich möchte nicht, dass sie nachher die geschönte Version von dir und Imogene zu hören bekommt.“

Preston spannte die Kinnmuskeln an, dann drehte er sich um und ging voran. Niemals hätte er vor Gästen eine Szene gemacht, auch wenn er Cord am liebsten an den Hals gesprungen wäre.

Cord folgte ihm, während er seine Hand leicht auf Susans Hüfte ruhen ließ. „Ich will nur sichergehen, dass Sie mir nicht entwischen.“

Susan war eine erwachsene Frau, kein Teenager mehr. Fünf Jahre lang hatte sie umsichtig ein großes Unternehmen geführt, sie war längst aus dem Alter heraus, wo sie rot wurde. Aber dieser Mann hier mit diesem herausfordernden Blick ließ ihr das Blut in den Kopf steigen. Eine unbekannte Erregung durchströmte sie, ihr Herz klopfte laut, und ihr war schwind lig.

Susan wusste, was Liebe war. Sie hatte Vance so sehr geliebt, dass sein Tod sie beinahe umgebracht hätte. Das hier dagegen war eine rein körperliche Anziehung, berauschend und fiebrig, und hatte nur mit Sex zu tun. Bei Vance Blackstone war es Liebe gewesen, Cord Blackstone bedeutete reine Lust.

Und diese Tatsache steigerte noch die Wirkung, die er auf sie hatte, während sie seine Hand auf ihrem Rücken so deutlich spürte, als berührte er ihren nackten Körper. Aber Susan war nicht der Typ für eine Affäre. Sie hatte die Liebe kennengelernt und würde sich niemals mit weniger zufrieden geben.

Kurz bevor sie die Bibliothek betraten, wo Imogene schon auf sie wartete, sagte Cord leise: „Mein Angebot mit dem Garten steht, noch.“

Sie warf ihm einen empörten Blick zu, der ihn auflachen ließ. Mit seiner Bemerkung hatte er sie genau zum richtigen Zeitpunkt wieder aus der Fassung gebracht. Unsicher schweifte Imogenes Blick von Susan zu Cord und zurück.

„Susan, geht’s dir gut? Du hast so rote Wangen.“

„Mir ist vom Tanzen nur ein bisschen warm geworden“, redete Susan sich heraus.

Cord ließ sich ungebeten auf einem blauen Sessel nieder, was ihm einen abschätzigen Blick von Preston und Imogene einbrachte. „Hallo, Tante Imogene. Was macht das Familienvermögen?“

Kühl ignorierte Imogene seine Frage. „Warum bist du zurückge-kommen?“

„Wieso sollte ich nicht? Das ist mein Zuhause, erinnerst du dich? Mir gehört sogar ein Teil des Grundbesitzes. Ich war so lange unterwegs, und jetzt möchte ich sesshaft werden. Wo sonst als daheim? Ich dachte, ich ziehe in die Hütte am Jubilee River ein.“

„Diese Bruchbude hinter dem Fluss?“ Prestons Stimme war voller Verachtung.

Cord zuckte die Schultern. „Geschmackssache. Lieber eine Bruchbude als ein Mausoleum.“ Abwertend warf er einen Blick auf die Möbel, die Ölgemälde und die kostbaren Vasen und Miniaturen, die die Regale schmückten. Der Raum hieß zwar Bibliothek, aber die wenigen Bücher wirkten auf Susan manchmal so, als wären sie eher wegen der Farbe ihres Einbandes und nicht wegen ihres Inhalts ausgewählt worden.

Prestons Stimme zitterte vor kalter Verachtung. „Wie viel wird es uns kos ten?“

Spöttisch hob Cord die Augenbrauen. „Was kosten?“

„Dass du die Stadt für immer verlässt.“

Cord lächelte spöttisch. „So viel Geld hast auch du nicht, mein Lieber.“

„Sei nicht dumm oder voreilig“, riet Imogene. „Dir ist doch klar, dass wir dir eine beträchtliche Summe anbieten würden, wenn du Biloxi wieder verlässt?“

„Kein Interesse“, sagte Cord lässig, immer noch lächelnd.

„Aber ein Mann mit deinem Lebensstil hat sicher Schulden, die beglichen werden müssen. Nebenbei bemerkt habe ich viele einflussreiche Freunde, die dir den Aufenthalt hier äußerst unangenehm gestalten können.“

„Oh, da bin ich leider nicht deiner Meinung, Tante Imogene.“ Cord war völlig entspannt und streckte die Beine aus. „Ich brauche kein Geld. Nebenbei bemerkt, wenn irgendwelche von deinen Freunden es mir schwer machen wollen, solltest du daran denken, dass auch ich Freunde habe. Und glaub mir, gegen meine Freunde werden deine wie Engel aussehen.“

Zum ersten Mal fühlte sich Susan gezwungen einzugreifen. Ihre ruhige Stimme zog die Aufmerksamkeit auf sich. „Imogene, sieh ihn dir an.“ Sie deutete auf den gut gekleideten Mann neben sich. „Cord sieht nicht aus, als ob er Geld braucht.“

Cord betrachtete sie mit unverhohlener, wenn auch spöttischer Bewunderung. „Sie hat recht, Imogene, auch wenn du es nicht gern hörst. Ich brauche euer Geld nicht, denn ich habe selber welches. Ich werde in der Hütte wohnen, weil ich meine Ruhe haben will, und nicht, weil ich mir nichts Besseres leisten kann. Und jetzt schlage ich vor, dass wir unsere Differenzen klären, denn ich habe vor, hierzubleiben. Wenn du die schmutzige Wäsche dieser Familie in der Öffentlichkeit waschen willst, bitte. Mich stört es nicht, aber du wirst diejenige sein, die darunter lei det.“

Imogene seufzte. „Du warst schon als Kind immer schwierig, Cord. Und später hast du die Ehre der Blackstones durch dein ungebührli-ches Verhalten so tief in den Schmutz gezogen, dass ich dir nicht verzeihen kann. Du magst einen teuren Anzug tragen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein zivilisierter Mensch darin steckt.“

„Seit damals ist viel Zeit vergangen“, erwiderte er düster. „Ich war lange in Europa und Südafrika. Ich bin hier, weil ich meine Heimat vermisst habe.“

„Wirklich? Verzeih, wenn ich ein anderes Motiv dahinter vermute, aber deine Vergangenheit lässt mir keine andere Wahl. Also gut, schlie-ßen wir einen Waffenstillstand … jedenfalls vorläufig.“

„Einen Waffenstillstand.“ Er zwinkerte ihr zu. Aber wenn er glaubte, dass für Imogene die Sache geklärt war, täuschte er sich. Susan kannte ihre Schwiegermutter nur zu gut. Es mochte vielleicht so aussehen, als gäbe sie nach, aber das war nur Schein. Imogene gab niemals nach, sie änderte nur die Taktik. Wenn sie Cord nicht bestechen oder bedrohen konnte, würde sie eben zu anderen Maßnahmen greifen.

Er stand auf. „Du hast deine Gäste schon viel zu lang allein gelassen“, sagte er höflich zu Imogene. „Ich gebe dir mein Wort, dass ich es nicht auf einen Skandal anlege. Du kannst beruhigt sein. Kommen Sie, Susan.“

„Einen Moment“, unterbrach Preston ihn und trat ihm in den Weg. Für Imogene mochte es ein Waffenstillstand sein, für ihn nicht. „Keine Feindseligkeiten, aber auch keine Bündnisse. Susan geht nirgendwo mit dir hin.“

„Ach? Ich glaube, das sollten wir der Lady selbst überlassen. Susan?“, wandte Cord sich an sie.

Susan zögerte. Sie selbst wäre gern mit Cord gegangen. Sie wollte mit ihm lachen, das mutwillige Blitzen in seinen Augen sehen und das magische Gefühl in seinen Armen genießen. Aber sie durfte ihm nicht trauen, und zum ersten Mal in ihrem Leben traute sie sich selbst nicht.

Bedauernd schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich glaube, es wäre besser, wenn ich nicht mit Ihnen komme.“

Er kniff die blauen Augen zusammen und ließ Susans Arm los. „Vielleicht haben Sie recht.“ Ohne ein weiteres Wort verließ er die Bibliothek.

Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann seufzte Imogene. „Gott sei Dank bist du nicht mitgegangen, Liebes. Er ist charmant, ich weiß, aber er hasst die Familie. Er wird alles tun, um uns zu schaden. Du kennst ihn nicht, aber es wäre in deinem Interesse, ihm aus dem Weg zu gehen.“ Sie zuckte die Schultern. „Nun, ich fürchte, wir werden das durchstehen müssen, bis ihm langweilig wird und er sich etwas Neues sucht.“ Sie strich ihr knöchellanges graues Kleid zurecht und folgte Cord.

Preston nahm Susans Hand. „Entspannen wir uns einen Augenblick, bevor wir zurückgehen. Möchtest du einen Drink?“

„Nein, danke.“ Susan setzte sich wieder und beobachtete, wie er sich einen Whisky einschenkte. An seiner gerunzelten Stirn sah sie, dass Preston etwas auf dem Herzen hatte, aber sie drängte ihn nicht. Seit Vance’ Tod standen sie sich nahe, und Susan mochte ihn gern. Er hatte zwar weniger Humor als Vance, doch er war ein guter Freund und Geschäftspartner.

„Du bist eine schöne Frau, Susan“, sagte er unvermittelt.

Erschrocken sah sie ihn an. Ihr war bewusst, dass sie heute Abend gut aussah. Und ein paar verrückte Minuten lang hatte sie es genossen, gut auszusehen, nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen eines anderen Augenpaars – fremden stahlblauen Augen. Was wäre wohl passiert, wenn sie die Party tatsächlich mit Cord Blackstone verlassen hätte, statt hier zu bleiben?

Preston betrachtete sie sanft. „Du bist keine Gegnerin für meinen Cousin. Wenn du es zulässt, wird er dich benutzen, um uns zu verletzen. Dann wirft er dich auf den Müllhaufen, ohne sich nach dir umzudrehen. Halte dich von ihm fern, er ist Gift für dich.“

Susan erwiderte seinen Blick. „Preston, ich bin kein Kind mehr, ich kann gut auf mich selbst aufpassen. Du kannst deinen Cousin nicht leiden, aber mir hat er nichts getan.“

Auf ihren Einwand hin lächelte er reuig. „Ich habe diesen Tonfall in den letzten fünf Jahren in genug Vorstandsbesprechungen gehört, um zu wissen, dass ...

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