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Sommerflimmern

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. 15. Kapitel
  21. 16. Kapitel
  22. 17. Kapitel
  23. 18. Kapitel
  24. 19. Kapitel
  25. 20. Kapitel
  26. 21. Kapitel
  27. 22. Kapitel
  28. 23. Kapitel
  29. 24. Kapitel
  30. 25. Kapitel
  31. 26. Kapitel
  32. 27. Kapitel
  33. 28. Kapitel
  34. 29. Kapitel
  35. 30. Kapitel
  36. 31. Kapitel
  37. 32. Kapitel
  38. Epilog

Über das Buch

Ariane lebt auf Rügen, doch das, was sie am meisten brauchen könnte, ist Urlaub! Sie muss nicht nur ihrer Freundin bei der Hochzeitsplanung helfen, sondern auch noch den Verkupplungsversuchen ihrer Mutter entgehen. Schließlich kann sie eins im Moment überhaupt nicht gebrauchen: einen Mann. Erst als der Schriftsteller David auf der Ostseeinsel auftaucht, um sich um seine kranke Großmutter zu kümmern, bringt er Arianes Haltung ins Wanken und ihr Herz zum Klopfen. Aber dann merkt sie, dass ihr David etwas verheimlicht. Was hat er in seiner Heimat Usedom zurückgelassen, von dem sie nichts erfahren darf?

Über die Autorin

Marie Merburg wurde am 7.7.1977 in Mühlacker in Süddeutschland geboren. Nach dem Studium in Stuttgart zog sie mit ihrer Familie in die Nähe von Heilbronn, wo sie auch heute noch lebt. Für ihre Romane Wellenglitzern, Inselleuchten und Sommerflimmern hat sie sich die deutsche Ostseeküste als Schauplatz ausgesucht, weil sie von der Landschaft und den Menschen dort fasziniert ist.

Unter dem Namen Janine Wilk schreibt die Autorin auch erfolgreich Kinder- und Jugendbücher.

Marie Merburg

Sommerflimmern

Ostsee-Roman

1. Kapitel

In meinem Laden ›Schönheit kommt von Rügen‹ ließ sich ungefähr so selten ein Kunde blicken, wie der Halleysche Komet die Erde passierte. Ich war schon derart an das Alleinsein gewöhnt, dass ich mich in meinem Verkaufsraum zuweilen verhielt wie in meinem eigenen Wohnzimmer. Vor einer Stunde hatte ich mir hinter dem Tresen beispielsweise die Fußnägel lackiert. Wäre ein Kunde gekommen, hätte er mich mit hochgerollten Hosenbeinen und babyblauen Zehenspreizern zwischen den Fußzehen erwischt. Somit hatte ich dem Leben eine Steilvorlage für eine echt peinliche Situation geliefert – und was hatte es daraus gemacht? Nix. Ich hatte meine Fußnägel völlig ungestört in der Farbe ›Honolulu-Pink‹ lackieren können.

Ich stieß frustriert die Luft aus und stellte noch einen ›Sommer-Special‹-Korb zusammen. In meinem Laden verkaufte ich handgesiedete Seifen und Bio-Kosmetikprodukte aus Rügener Manufakturen. Die ›Sommer-Special‹-Körbe, mit denen ich die Touristen anzulocken versuchte, enthielten zum Beispiel Bio-Sonnenmilch, ein modernes Strandtuch aus fair gehandelter Bio-Baumwolle und eine handgesiedete Seife mit sommerlichem Kokos-Ananas-Duft.

Dieser Laden war schon immer mein Traum gewesen, und ich hatte nicht nur all meine Ersparnisse investiert, sondern auch einen Kredit aufnehmen müssen. Doch all meine Leidenschaft, die Risikobereitschaft und die vielen Arbeitsstunden zahlten sich offenbar nicht aus. Dabei brachte ich eigentlich die besten Voraussetzungen mit: ein abgeschlossenes BWL-Studium und eine Zusatzausbildung als Kosmetikerin mit einer Spezialisierung auf natürliche Produkte. Allerdings hätte ich kein Studium benötigt, um zu erkennen, wo das eigentliche Problem lag: Ich hatte meinen Laden unbedingt in Sellin eröffnen wollen, da die Touristen in Massen zu der berühmten Seebrücke strömten. Doch aufgrund meines knapp bemessenen Startkapitals hatte ich mir leider keine Geschäftsräume in der belebten Wilhelmstraße leisten können. Bedauerlicherweise auch nicht in der näheren Umgebung. Mein Laden war so weit von den üblichen Laufwegen entfernt, dass sich kaum Touristen hierher verirrten. Dabei hatte der Makler mir damals versichert, es wäre ein aufstrebendes Viertel, und schon bald würden sich Galerien und Modelabels in der Gegend niederlassen. Von wegen! Nach mir hatte lediglich ein thailändischer Schnellimbiss mit Lieferservice aufgemacht.

Das Glockenspiel über der Tür ertönte, und sofort richtete ich mich kerzengerade auf. Zwei Frauen traten ein. Ihre schlichten Blusen waren bis obenhin zugeknöpft, ihre dunkelbraunen Röcke reichten bis zu den Waden, und jede von ihnen trug ein Buch mit der Aufschrift ›Der wahre Glaube – Die Kinder des natürlichen Odems‹ wie den heiligen Gral vor sich her. Ach du meine Güte, die beiden kamen garantiert von irgendeiner obskuren Sekte! Schon überlegte ich, wie ich die zwei so schnell wie möglich loswerden konnte, doch dann bremste ich mich. Die beiden waren schließlich in meinem Laden und somit potentielle Kundinnen. Diese Chance durfte ich mir nicht entgehen lassen!

»Einen schönen guten Morgen«, begrüßte ich sie freundlich. »Kann ich Ihnen behilflich sein?«

Mein strahlendes Lächeln prallte an ihren ernsten Mienen ab wie ein Glitzerflummi an einer Betonwand.

»Haben Sie in letzter Zeit mal über Ihr Leben nachgedacht?«, fragte mich die ältere Frau, die offenbar die Wortführerin war, mit Grabesstimme.

Ich nickte eifrig. »Habe ich. Zum Beispiel wie dankbar ich dafür bin, dass es in meinem Leben dieses grandiose und rein biologische Stutenmilch-Shampoo gibt.« Ich eilte um den Tresen herum und hielt den beiden eine Shampoo-Flasche vor die Nase. »Es ist für alle Haartypen geeignet.«

»Aber wir …«, wollte die Frau mich unterbrechen.

Doch ich fuhr ungerührt fort: »Für Kopfhaut und Haar ist es wichtig, möglichst schonende Tenside zu verwenden, die nicht reizen oder austrocknen. Dafür ist dieses Shampoo ideal. Wenn Ihre Kopfhaut gesund ist, werden Ihre Haare automatisch glänzend und wunderbar seidig nachwachsen.«

Die ältere Frau hob herrisch die Hand. »Hören Sie, wir haben wirklich kein Interesse an Schönheitsprodukten! Wir wollten eigentlich …«

»Das sollten Sie aber!«, fiel ich ihr verzweifelt ins Wort.

Ich dachte an den Ratgeber ›Verkaufen Sie. Jedem. Alles.‹, den ich kürzlich gelesen hatte. Er riet dazu, sich in die Bedürfnisse der Kundschaft einzufühlen – und genau das würde ich jetzt tun.

»Gerade bei Ihrer missionarischen Tätigkeit müssen Sie auch ein wenig an Ihr Aussehen denken, werte Damen! Meinen Sie nicht, dass die Leute offener für ein Gespräch wären, wenn Sie optisch einen ansprechenderen Eindruck machen würden?«

Die Jüngere der beiden Frauen nickte. »Das habe ich mich auch schon gefragt.« Sie streckte zaghaft die Hand aus und griff nach dem Shampoo.

»Judith!«, zischte die ältere Frau streng.

»Aber ihr Argument ist einleuchtend, Erika. Überall werden wir hinausgeworfen, oder die Haustüren werden uns vor der Nase zugeschlagen. Vielleicht könnten wir unserer Sache besser dienen, wenn wir nicht herumlaufen würden wie zwei Vogelscheuchen.«

»Eitelkeit ist eine Sünde, Judith!«, wies Erika sie zurecht, entriss ihr das Shampoo und stellte es auf den Tresen.

Sie strich sich über ihre gestärkte Bluse und hielt mir ihr obskures Buch direkt vors Gesicht. »Wir sind hier, um mit Ihnen über unsere Glaubensgemeinschaft ›Die Kinder des natürlichen Odems‹ zu reden!«

»Und ich bin hier, um meine Bio-Produkte zu verkaufen!«, konterte ich. Meine kämpferische Herangehensweise überraschte mich selbst. Die ›Kinder des natürlichen Odems‹ hatten anscheinend meinen Widerspruchsgeist zum Leben erweckt.

Wir maßen uns aus zusammengekniffenen Augen. Zwei Frauen mit einem erklärten Ziel. Ich deutete auf meine handgesiedeten Seifen. Sie waren meine Passion und mein ganzer Stolz. Die Seifen gab es in den unterschiedlichsten Duftrichtungen, und ich hatte sie in Rügen-typische Formen gegossen. Manche sahen aus wie eine Möwe oder ein Schiff, andere wie eine Muschel oder ein Leuchtturm. Im Inneren der durchscheinenden Seifen befanden sich entweder kleine Bernsteinbrocken oder getrocknete Wiesenblumen, die ich selbst gesammelt hatte. Eine meiner wenigen Kundinnen hatte mal gesagt, dass die dekorativen Seifen eigentlich viel zu schade zum Benutzen waren.

»Diese handgesiedeten Seifen machen nicht nur sauber, sondern pflegen gleichzeitig ihre Haut, versorgen sie mit wichtigen Nährstoffen und duften traumhaft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihr Glaube so etwas verbietet.«

»Doch«, beharrte die ältere Frau und presste die Lippen zusammen.

Ich seufzte auf. Das führte wohl zu nichts. Ich würde den beiden überhaupt nichts verkaufen.

Meine Kontrahentin schien meine Schwäche zu wittern. »Vielleicht können wir uns zu einem Gespräch irgendwo hinsetzen?«, fragte sie mit einem listigen Lächeln. »Wir erzählen Ihnen, wie Sie Ihre Seele vor der ewigen Verdammnis retten können, und Sie erfahren ein wenig mehr über unsere Sek… äh … Glaubensgemeinschaft.«

Bloß nicht! Ich schüttelte vehement den Kopf. »Das geht leider nicht, weil …« Ich stockte und suchte fieberhaft nach einer Ausrede. Eigentlich war ich ein höflicher Mensch, und es widerstrebte mir zutiefst, andere Menschen vor den Kopf zu stoßen oder anzulügen. Aber auch meine Gutmütigkeit kannte Grenzen, und ich wollte mich nur ungern einer Gehirnwäsche unterziehen lassen.

»Weil ich schon Mitglied einer anderen Glaubensgemeinschaft bin«, schwindelte ich aus dem Stegreif. »Nämlich bei der ›Gemeinde der absolut sicheren Seelenerlösung‹.«

Sie wirkte irritiert. »Von dieser Gemeinde habe ich noch nie gehört. Welche Glaubensgrundsätze verfolgt sie?«

Ach, verflixt! Hätte sie es nicht auf sich beruhen lassen und einfach gehen können? Jetzt war meine Fantasie gefragt!

»Wir sind … äh … Anhänger sämtlicher Hauptreligionen.« Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen und kratzte mich am Hinterkopf, um etwas Zeit fürs innere Brainstorming zu gewinnen. »Bei all den vielen Göttern und Propheten, die gemeinhin angebetet werden, glauben wir vorsichtshalber mal an alle. Immerhin geht es um unsere unsterbliche Seele, und da will man doch nicht das Risiko eingehen, aufs falsche Pferd zu setzen.«

Sie wurde blass um die Nasenspitze. »Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!«

Das war es natürlich nicht, aber ich fand Gefallen an meiner Idee. »Vielleicht wollen Sie einmal einen Blick in unsere Infobroschüre ›Mit Vollgas ab ins Paradies!‹ werfen?«

»Mit Sicherheit nicht!«, rief sie entsetzt.

Die beiden wandten sich fluchtartig Richtung Tür. Ich startete einen letzten verzweifelten Verkaufsversuch und rief ihnen hinterher: »Ich weiß zwar nicht genau, was mit ›Kinder des natürlichen Odems‹ gemeint ist, aber ich hätte auch noch ein gutes biologisches Mundwasser im Angebot …«

Doch schon waren sie weg, und ich stellte unverrichteter Dinge das Stutenmilch-Shampoo zurück ins Regal. Das war mal wieder ein absoluter Fehlschlag gewesen! Ich ließ mich auf meinen Stuhl hinter dem Tresen sinken und fuhr mir über die brennenden Augen.

Im Grunde war es Ironie des Schicksals: Obwohl ich auf einer Insel lebte, auf der so viele Menschen Urlaub machten und ihre Freizeit genossen, fühlte ich mich chronisch erschöpft und überarbeitet. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal einen Tag am Strand verbracht und mich dem süßen Nichtstun hingegeben hatte. Um meinen Laden halten zu können und etwas Geld in die Kasse zu spülen, hatte ich mir zwei Nebenjobs zulegen müssen: Jeden Tag um die Mittagszeit, wenn mein Geschäft geschlossen war, bot ich Wellness-Behandlungen im Schlosshotel meiner Freundin Jule an. Und abends, nach Ladenschluss, besuchte ich noch Stammkundinnen mit meinem mobilen Kosmetikstudio. Nur durch mein hohes Arbeitspensum gelang es mir, einigermaßen in den schwarzen Zahlen zu bleiben. Doch wie lange sollte das noch so weitergehen?

Mein Handy klingelte und riss mich aus den trüben Gedanken. Meine große Schwester Jutta war am Apparat.

»Hallo, Schwesterherz!«, grüßte ich sie. »Wie geht’s?«

»Frag nicht, Ariane!«, stöhnte sie. »Gerade war Mama hier und wollte mir eine ihrer japanischen Schlafmasken aufschwatzen. Sie meinte, ich würde schließlich schon stramm auf die vierzig zugehen, und die ersten Falten wären nicht zu übersehen.« Sie stieß ein entrüstetes Schnauben aus.

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Unsere Mutter war in ihrer Jugend eine Dorfschönheit gewesen und legte noch heute viel Wert auf ihr Aussehen. Ihr Ziel war es, die Welt zu einem schöneren Ort zu machen – indem sie andere Menschen über ihre optischen Defizite aufklärte und ihnen Vorschläge unterbreitete, diese zu beheben. Allerdings war ihr über die Jahre hinweg aufgefallen, dass nicht jeder auf ihre Ratschläge positiv reagierte, sodass mittlerweile nur noch Familienmitglieder in den Genuss der Verschönerungstipps kamen. Ihr liebstes Opfer war natürlich ich, das ehemalige Pummelchen der Familie. Dass es heute zur Abwechslung einmal Jutta getroffen hatte, erfüllte mich – bei aller Liebe zu meiner Schwester – mit ein klein wenig Schadenfreude.

»Mit meinem Fräulein Tochter habe ich auch mal wieder Ärger«, fuhr Jutta fort, sich zu beschweren. »Leonie ist gestern Abend eine halbe Stunde zu spät nach Hause gekommen, und jetzt ist sie sauer, weil ich ihr zur Strafe eine Woche Hausarrest verpasst habe.«

»Mhm«, kommentierte ich wortkarg.

War diese Strafe nicht etwas übertrieben? Immerhin war meine Nichte schon siebzehn Jahre alt und eine halbstündige Verspätung wirklich kein Drama. Aber da ich selbst noch kinderlos war, behielt ich meine Meinung lieber für mich. Dabei konnte ich mich noch gut daran erinnern, dass Jutta in Leonies Alter die Ausgehzeit um weit mehr als eine halbe Stunde überschritten hatte.

»Ich rufe wegen Jules Hochzeit an. Gestern Abend hatte ich nämlich eine großartige Idee, Ariane!«

Unsere Freundin Jule würde schon bald ihren Verlobten Markus heiraten, und bis dahin gab es noch unglaublich viel zu organisieren. Es war meine Aufgabe, das Brautpaar dabei tatkräftig zu unterstützen, denn zu meiner Freude und Überraschung hatte Jule mich gefragt, ob ich ihre Trauzeugin sein wollte. Wir beide hatten allerdings auch schon Einiges gemeinsam durchgestanden. Jule war im April letzten Jahres nach Rügen gekommen und hatte bei Markus eine Stelle als Hotelmanagerin angenommen. Es hatte nicht lange gedauert, bis die beiden das marode Schlosshotel auf Vordermann gebracht und sich dabei rettungslos ineinander verliebt hatten.

Im Hintergrund hörte ich meinen vierjährigen Neffen Jonas lautstark brüllen: »MAMAAA! Spielen. Ich will spielen.«

Meine Schwester antwortete mit ihrer pädagogisch wertvollen Stimme: »Sofort, mein Schatz! Lass mich bitte noch kurz mit deiner Tante telefonieren, ja?«

»Und was ist nun die großartige Idee?«, hakte ich nach.

»Statt auf der Schlosstreppe sollten wir die Zeremonie im Schlosspark abhalten. Unten, auf dem Anlegesteg. Das wäre die perfekte Kulisse! Blauer Himmel, das Wasser des Jasmunder Boddens, das Schilfgras am Ufer und Schiffe, die im Hintergrund vorbeifahren.«

Juttas Vorschlag gefiel mir auf Anhieb. »Das wäre bestimmt sehr romantisch«, murmelte ich, während ich mir in Gedanken schon die Hochzeitszeremonie unter einem Rundbogen aus roten Rosen ausmalte. »Aber ob Jule das genauso sieht?«

»Wir bringen sie nachher einfach zum Steg und stellen die Hochzeit nach«, schlug Jutta vor. »Damit werden wir sie überzeugen. Was hältst du davon?«

Ich gab mich geschlagen. »Okay! Ich habe heute in der Mittagspause zwar keine Kundentermine im Schloss, aber ich wollte im Wellnessraum ohnehin meine Vorräte für die Behandlungen aufstocken. Ich hole dich dann nachher mit dem Auto ab.«

»MAMAAA!«, brüllte Jonas, dieses Mal so laut, dass ich mich reflexartig vom Handy wegdrehte. »SPIELEN!«

»Dann bis später!«, konnte Jutta mir gerade noch zurufen, dann brach die Verbindung ab. Offenbar hatte mein Neffe das Telefonat eigenhändig beendet, weil er nicht mehr hatte warten wollen.

Ich schrieb Jule schnell eine Nachricht, dass sie sich nachher eine halbe Stunde für uns freihalten sollte. Dann setzte ich mich hinter den Verkaufstresen.

Darauf lagen einige Brautkataloge, mein Trauzeugen-Hochzeitsplaner und ein Poesie-Album, das ich schon vorab für die Hochzeitsgäste besorgt hatte.

Es war bereits das vierte Mal, dass ich bei einer Hochzeit die Trauzeugin sein durfte, und so langsam hatte ich wirklich Übung darin. Dabei war ich selbst von einer Heirat so weit entfernt wie eine Waldameise von einem eigenen Facebook-Account. Vor einem Jahr war meine letzte Beziehung in die Brüche gegangen, und seither hatte es in meinem Leben keinen Mann mehr gegeben. Doch das störte mich nicht. Über Langeweile konnte ich mich jedenfalls nicht beklagen.

*

Zwei Stunden später standen wir zu dritt am Anlegesteg, der an den Park des Schlosshotels grenzte, und meine Schwester mimte die Pfarrerin.

»… und so frage ich dich, Jule Seidel, willst du den hier anwesenden Markus von Kronlitz«, dabei deutete sie grinsend auf mich, »zu deinem rechtmäßigen Ehemann nehmen? Ihn lieben und beglücken, ihm nach einem harten Arbeitstag den Nacken kraulen und ihn zur Sau machen, wenn er es verdient hat? So antworte mit Ja.«

Jule ergriff meine Hände, drückte sie an ihre Brust und hauchte im besten Scarlett-O’Hara-Stil: »Oh ja, das will ich!«

Die Sonne stand hoch am Himmel, und die drückende Augusthitze machte uns allen zu schaffen. Selbst die Vögel hatten das Tschilpen eingestellt und dösten auf den Ästen im Schatten der Baumkronen. Es war einer der wenigen Tage auf Rügen, an denen es absolut windstill war. Die Wasseroberfläche des Jasmunder Boddens kräuselte sich nicht einmal und lag spiegelglatt vor uns.

Ich zog eine Grimasse. »Ist das nicht ein wenig übertrieben, Jule? Willst du wirklich auf diese Weise dein Jawort geben? Obwohl ich nur Markus’ Double bin, finde ich das ziemlich schwülstig und abschreckend.«

Jule ließ meine Hände los und machte ein enttäuschtes Gesicht. »Ich möchte Markus nur zeigen, dass ich unbedingt für den Rest meines Lebens mit ihm zusammen sein will.«

»Ich glaube, das weiß er auch ohne dramatische Geste«, beruhigte ich sie.

»Ariane, gibst du mir mal meine Schuhe?«, bat mich unsere selbsternannte Frau Pfarrerin. Jutta stieg von der Kiste herunter, schob den Träger ihres geblümten Sommerkleids hoch und nahm ihre Sandalen von mir entgegen. Bei dieser Hitze beneidete ich meine Schwester um ihre moderne Kurzhaarfrisur. Unter meinen langen blonden Haaren herrschte gerade ein schlimmer Hitzestau. Bestimmt war mein Gesicht schon rot wie eine Erdbeere.

Meine Schwester stemmte die Hände in die Taille und warf einen Blick in die Runde – auf das ruhige Wasser, das hohe Schilf, den leicht sandigen Uferbereich und die alten Bäume des angrenzenden Schlossparks. »Ich finde diese Location um einiges romantischer als die Treppe am Schlosseingang. Was denkt ihr?«

Ich nickte zustimmend. »Wir könnten am Steg einen Rundbogen aufstellen und ihn mit roten Rosen schmücken.«

Jule nagte nachdenklich an ihrer Unterlippe. »Aber der Anlegesteg ist ziemlich schmal. Was ist, wenn mich in meinem Brautkleid ein Windstoß erfasst und ich im Bodden lande?«

Zugegeben, auch ich hatte sofort Internet-Videos vor Augen, in denen Brautpaare ein unfreiwilliges Bad in einem Pool oder Teich nahmen. Trotzdem winkte ich ab. »Quatsch! Seit du stillst, hast du einen riesigen Busen. Der erhöht deine Schwerkraft.«

Der Rest von Jule war allerdings so klein und zierlich wie vor ihrer Schwangerschaft. Das Baby war vor ein paar Monaten bei der Geburt einfach aus ihr herausgeploppt, und schon war sie wieder schlank gewesen. So etwas fand ich zutiefst ungerecht. Ich kämpfte permanent mit meinem Gewicht, dabei war ich nicht einmal schwanger. Jules und Markus’ Tochter hieß Katharina und hielt die frischgebackenen Eltern ziemlich auf Trab. Sie hatte beeindruckend kräftige Lungen und konnte so laut schreien, dass sogar ein Schwarm Möwen neidisch geworden wäre. Markus nannte Katharina liebevoll seine ›kleine Heulboje‹.

Ich bückte mich, um meinen Hochzeitsplaner, den ich auf dem Steg abgelegt hatte, aufzuheben. »Du kannst es dir ja noch mal durch den Kopf gehen lassen!«

Obwohl ich in meinem Job als Trauzeugin schon Routine hatte, war er dieses Mal mit deutlich mehr Arbeit verbunden als normalerweise. Da Jule mit dem Baby und dem Schlosshotel schon genug am Hals hatte, war sie darauf angewiesen, dass ich sie bei den Hochzeitsvorbereitungen entlastete. Ich konnte nur hoffen, dass ich Jules Hochzeit nicht ruinierte, weil ich irgendetwas enorm Wichtiges vergessen hatte!

Wir verließen den Anlegesteg und machten uns auf den Rückweg zum Schloss. Jule hielt sich einen Mini-Ventilator vors Gesicht und ließ sich ihre braunen Locken aus der schweißnassen Stirn pusten, während ihre Riesendogge Muffin treu neben ihr herlief. Der feinkörnige Kiesweg knirschte unter unseren Füßen, und ich beförderte einen Kieselstein in eine meiner hellblauen Sommersandalen. Autsch, das piekte! Dabei fiel mir auf, dass meine Schuhe auch schon bessere Tage gesehen hatten. Ich musste mir dringend neue kaufen. Nur wann? Kurz vor dem Morgengrauen? Oder um Mitternacht? Ich konnte mich wirklich glücklich schätzen, dass es momentan in meinem Leben keinen Mann gab, der sich über meine ausgebuchten Tage beschweren konnte. Neue Sandalen konnte ich mir notfalls übers Internet besorgen, aber ein eingeschnappter Freund, dem es an weiblicher Zuwendung fehlte, war nicht so einfach zufriedenzustellen.

»Wegen der Band aus Glowe beim Polterabend«, wechselte Jule nun das Thema. »Seid ihr sicher, dass die gut ist? Wir könnten auch einen DJ organisieren.«

Oh weh! Dazu würde ich mich lieber nicht äußern. Ich warf meiner Schwester einen auffordernden Blick zu.

»Quatsch, ihr braucht keinen DJ!«, widersprach Jutta sofort. »Die ›Fischköppe‹ sind super. Ich habe sie schon oft gehört. Du wirst sie l-i-e-b-e-n, Jule.«

Mir entwich ein sarkastisches Schnauben. Jutta hatte die Band deshalb so oft gehört, weil ihr Mann Mattes der Schlagzeuger war und die ›Fischköppe‹ jeden Sonntagabend in ihrem Schuppen probten. Sie zeichneten sich in erster Linie durch ihre absolute Unbekanntheit aus, was wohl auch der Grund dafür war, dass Jule und Markus noch nichts von ihnen gehört hatten. Bisher hatten die ›Fischköppe‹ nur einen einzigen Auftritt auf dem sechzigsten Geburtstag meines Vaters absolviert. Allerdings war das schon ein paar Jahre her, und es bestand immerhin die Möglichkeit, dass sie in der Zwischenzeit besser geworden waren. Ich schätzte die musikalischen Ambitionen der fünf Familienväter jedoch eher gering ein. Wahrscheinlich dienten die Bandproben hauptsächlich als Vorwand zum gemeinsamen Bierkonsum. Jutta hatte kürzlich den Posten der Bandmanagerin übernommen und versuchte nun unermüdlich, den Jungs einen Gig zu verschaffen. Ich hatte nicht gewagt, ihr in den Rücken zu fallen, als sie Jule die ›Fischköppe‹ für den Polterabend aufgeschwatzt hatte. Leider war mir noch immer nicht ganz klar, wem meine Solidarität in dieser Sache gelten sollte: meiner Schwester oder meiner besten Freundin?

Jule ließ das Thema zum Glück auf sich beruhen, denn wir hatten den Parkplatz des Hotels erreicht. Das Schloss war recht klein geraten, und die Bezeichnung ›Schlösschen‹ traf es wohl eher. Trotzdem wirkte es mit seinen vier Türmen und der mit Efeu bewachsenen dunkelroten Fassade einladend und romantisch. Deswegen hatte Jule letztes Jahr auch die Idee gehabt, sich bei der Inneneinrichtung und beim Marketing an Verliebte und Frischvermählte zu richten. Das Konzept schien aufzugehen, denn über leere Zimmer konnten sich Jule und Markus nicht beschweren. Gerade stiegen wieder ein paar Neuankömmlinge aus einem Kleinbus, der um diese Jahreszeit täglich Gäste vom Bahnhof zum Hotel chauffierte. Der beleibte Fahrer schleppte schnaufend das Gepäck die Eingangstreppe hinauf, und zwei Ehepaare um die sechzig folgten ihm mit verzückten »Oh, ist das schön hier!«-Ausrufen.

»Chefin?« Kevin trat aus der Eingangstür und winkte Jule aufgeregt zu. Er war der Rezeptionist des Hotels und noch so jung, dass er nicht einmal regelmäßigen Bartwuchs hatte.

Markus und Jule hatten ihn eingestellt, weil er nach der Schule auf der Insel keine Ausbildungsstelle gefunden hatte. Seither versuchte Jule vergeblich, ihm seinen Jugendslang abzugewöhnen und ihn für das Hotelgewerbe zu erwärmen.

»Chefin, der PC an der Rezeption ist futsch!«, rief er ihr über den Parkplatz zu. »Ich war gerade a-f-b und hab wohl eine falsche Taste gedrückt. Die alte Mühle will nicht mehr. Ausgerechnet jetzt, wo die neuen Touris sich wie die Heringe vor meiner Theke aufreihen.«

Ich sah Jule fragend an. »A-f-b?«

»Away from brain«, übersetzte sie seufzend. »Will heißen: Kevin war mal wieder nicht ganz bei der Sache.«

Sie hob ihre Stimme und rief ihm zu: »Ich komme! Und vergiss nicht, die Gäste höflich und respektvoll zu behandeln.«

»Ey, Chefin, ich bin immer krass höfli…« Kevin verstummte und wandte sich zackig um. Offenbar gab es drinnen irgendwelche Probleme, denn er warf die Hände in die Höhe, fluchte »Oh Scheiße!« und verschwand im Foyer.

»Die Arbeit ruft!«, stellte Jule seufzend fest. Sie fuhr sich müde über die Augen. Momentan sah meine Freundin nicht gerade aus wie das blühende Leben. Aber litten nicht alle frischgebackenen Eltern an chronischem Schlafmangel?

Ich umarmte sie zum Abschied. »Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes passiert!«

Sie winkte ab. »Ach, seit ich Mutter geworden bin, sehe ich solche Dinge viel entspannter. Ich hoffe nur, bei meiner Schwiegermutter und Katharina ist alles in Ordnung.« Jule blickte besorgt zum dritten Stock hinauf, in dem sich ihre Privaträume befanden. »Immer wenn Adelheid sich um die Kleine kümmert, mache ich mir Sorgen. Einerseits um Adelheid, weil Babysitten in ihrem Alter ziemlich anstrengend sein kann. Andererseits habe ich Angst um Katharina. Was ist, wenn Adelheid sie vor lauter Patiencelegen einfach vergisst?«

»Den beiden geht es bestimmt großartig«, versuchte ich sie aufzumuntern.

Wir verabschiedeten uns hastig voneinander, denn auch ich wollte unbedingt wieder zurück nach Sellin in mein Geschäft. Die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich ein Kunde vor meiner Ladentür stand, war zwar äußerst gering, aber es kam mir unprofessionell vor, wenn ich die Öffnungszeiten nicht einhielt. Erst einmal musste ich meine Schwester allerdings zurück ins Dorf in ihre Pension fahren.

Die Sonne hatte meinen alten Fiat Panda in einen Backofen verwandelt, und ich drückte verzweifelt an der Lüftung herum. Doch die Luft, die aus den angestaubten Schlitzen strömte, schien das Auto nur noch mehr aufzuheizen.

Erst jetzt fiel mir auf, dass Jutta außergewöhnlich still geworden war. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte finster aus dem geöffneten Beifahrerfenster.

»Hast du etwas?«

Die Antwort war ein schlechtgelauntes Brummen.

Ich zog die Augenbrauen in die Höhe. »Welche Laus ist dir denn plötzlich über die Leber gelaufen?«

»Das ist doch wohl die Höhe!«, platzte es aus Jutta heraus. »Hast du die beiden älteren Ehepaare gesehen, die vorhin im Schloss angekommen sind? Das waren die Hansens und die Kowalskis aus Bremen.«

Juttas Miene nach zu urteilen, hätte mir diese Information etwas sagen müssen.

»Sind die wichtig? Muss man die kennen?«

Ich setzte den Blinker und bog am Ende der Zufahrtsstraße in Richtung Glowe ab.

»Das sind Stammkunden von uns«, fauchte sie. »Die beiden Ehepaare kommen seit über zehn Jahren jeden Sommer.« Sie rang die Hände und betonte noch einmal nachdrücklich: »Zu uns in die Pension, Ariane!«

»Oh.« Nun verstand ich ihre Aufregung. Leider fielen mir auf die Schnelle keine hilfreichen oder aufmunternden Worte ein.

Doch Jutta hatte sich ohnehin in Rage geredet. »Zum Glück haben mich die Hansens und die Kowalskis nicht gesehen. Gott, wäre das peinlich gewesen!« Sie stutzte und runzelte die Stirn. »Oder hätte ich sie vielleicht begrüßen sollen? Um sie mit ihrem Verrat zu konfrontieren? Die vier haben mir ständig versichert, dass sie sich das ganze Jahr über auf ihren Urlaub in unserer Pension freuen. Weil es bei uns so gemütlich und familiär wäre.« Sie stieß ein abfälliges Schnauben aus. »Und jetzt verbringen sie ihren Urlaub plötzlich in diesem Bonzenschuppen!«

Ich unterdrückte ein Seufzen. Das Schlosshotel war mit Sicherheit kein ›Bonzenschuppen‹. Ein Großteil der eleganten Einrichtung stammte von Ebay oder vom Flohmarkt, und im letzten Winter war Jule einem Nervenzusammenbruch nahe gewesen, weil mehrfach die altersschwache Heizung ausgefallen war.

Jutta kniff wütend die Augen zusammen. »Jule und Markus nehmen uns die Gäste weg! Dabei sind wir darauf angewiesen, dass die Pension in der Hochsaison ausgebucht ist, weil wir sonst nicht über den Winter kommen. Wir sind einfache Leute vom Dorf, Ariane!« Ihre Stimme zitterte vor Empörung. »Mattes und ich müssen eine Familie ernähren und schuften jeden Tag wie verrückt. Schließlich haben wir auch noch den Fahrradverleih und den Pferdestall.«

»Das weiß ich doch«, sagte ich in beruhigendem Tonfall. »Aber Markus und Jule müssen jetzt auch eine Familie ernähren, schon vergessen? Der Unterhalt für das Schloss verschlingt Unsummen. Außerdem haben sie bestimmt nicht versucht, dir deine Gäste abspenstig zu machen.«

Jutta knirschte mit den Zähnen. So aufbrausend und unversöhnlich kannte ich meine Schwester überhaupt nicht. Normalerweise war sie sanftmütig, ausgeglichen und zu allen Leuten freundlich. Wenn ich eine Charakterschwäche von ihr hätte benennen müssen, dann vielleicht, dass sie einen Hang zum Tratschen besaß und Geheimnisse bei ihr sehr schlecht aufgehoben waren.

»Bisher hast du dich noch nie an dem Schlosshotel gestört«, bemerkte ich.

»Weil ich bis eben dachte, dass wir einen völlig anderen Kundenstamm bedienen. Aber da habe ich mich wohl geirrt. Wir sind Konkurrenten!«

Meine Schwester sorgte sich offenbar ernsthaft um ihre Existenz. Wenn es um ihren Mann und ihre zwei Kinder ging, verstand sie keinen Spaß.

Sie fuhr abrupt in ihrem Sitz herum und deutete mit dem Zeigefinger auf mich. »Und deswegen darfst du auch nicht mehr für sie arbeiten, Ariane! Du bist großartig in deinem Job, und die Leute lieben dich. Durch dich bekommt das Schlosshotel noch bessere Bewertungen und zieht somit noch mehr Gäste an. Gäste, die eigentlich zu uns in die Pension kommen sollten.«

Mir fiel fast die Kinnlade herab. Ich sollte nicht mehr im Schloss arbeiten? Für einen Moment wandte ich meinen Blick von der Straße ab und starrte Jutta fassungslos an.

»Ich brauche das Geld, das ich dort verdiene! Und zwar dringend.«

Tatsächlich hatte meine Schwester diesen Punkt im Eifer des Gefechts wohl übersehen. »Mist, stimmt ja!«

Sie verfiel in brütendes Schweigen, und ich entspannte mich wieder ein wenig, während ich die Hauptstraße unseres Dorfs entlangfuhr. Vorbei an der kleinen Bäckerei, den Gästehäusern und der Touristeninformation. Zwischen den Häuserreihen zu unserer Rechten konnte man ab und zu die Strandpromenade und die Hochwasserschutzdüne hervorblitzen sehen. Statt zu arbeiten, wäre ich jetzt lieber an den Strand gegangen, um mich mit einem Bad in der Ostsee abzukühlen.

»Ariane, ich habe eine Idee!« Jutta richtete sich so hastig auf, dass ihr Sicherheitsgurt einrastete. »Mattes wollte schon immer eine Wellness-Abteilung in unserer Pension haben. Schon seit Jahren liegt er mir damit in den Ohren, dass man das heutzutage anbieten muss. Die Leute wollen offenbar diesen ganzen Firlefanz wie Hot-Stone-Massagen, Heilkreideanwendungen und Gesichtsbehandlungen. Deshalb betreust du ab sofort exklusiv unsere Gäste und verdienst bei uns dein Geld! Damit ist allen geholfen. Super, oder?«

Das konnte doch nicht ihr Ernst sein? Es musste an der Augusthitze liegen. Bestimmt hatte Jutta vorhin bei der Hochzeitsprobe einen Sonnenstich bekommen!

»Aber … aber ihr habt doch gar keinen Platz dafür«, wandte ich ein.

»Quatsch!« Sie winkte ab. »Natürlich haben wir Platz. Wir quartieren dich einfach in unserem Kellerraum mit der kleinen Sauna ein. Der ist perfekt!«

»Die Sauna, in der ihr eure Weihnachtsdekoration aufbewahrt?«, entgegnete ich ungläubig.

Na großartig! Das wurde ja immer besser. Doch meine Schwester steigerte sich immer mehr in ihre Schnapsidee hinein und war nicht mehr zu bremsen.

Bis ich vor ihrer Pension ›De Rügenruh‹ zum Stehen kam, hatte sie schon einen groben Zeitplan für eine notdürftige Renovierung und die Einweihungsfeier aufgestellt. Wie hatte mein Leben in nur fünf Minuten Autofahrt eine derart katastrophale Wendung nehmen können?

Irgendwann gab ich mir einen Ruck und unterbrach Juttas Wortstrom: »Ich kann meine Arbeit im Schlosshotel nicht einfach hinschmeißen! Jule ist meine beste Freundin.«

Für den Raum, in dem ich die Hotelgäste behandelte, musste ich nicht einmal Miete zahlen, und der Verdienst ging zu hundert Prozent an mich. Ohne Jules Hilfe hätte ich schon letztes Jahr Insolvenz anmelden müssen, weil ich mit meinem Laden in Sellin immer noch viel zu wenig verdiente, um über die Runden zu kommen.

»Und du«, sie hob ihren Zeigefinger und deutete auf mich, »bist meine Schwester. Die Familie muss zusammenhalten, Ariane! Blut ist dicker als Wasser. Du willst doch nicht, dass wir in den Ruin getrieben werden und deine Patenkinder hungern müssen, oder?«

Ich stieß einen tiefen Seufzer aus und fuhr mir über die Augen. »Nein, natürlich möchte ich das nicht.«

In diesem Moment wurde die Haustür aufgerissen und meine siebzehnjährige Nichte Leonie trat mit genervter Miene heraus. »Na endlich!«, rief sie. »Das hat ja ewig gedauert.«

Das herzzerreißende Geheul meines Neffen Jonas, der gerade vier Jahre alt geworden war, drang aus dem Inneren des Hauses zu uns. In knappen Shorts und Spaghetti-Top stapfte Leonie durch den Garten. Rosen, Margeriten und Hortensien rahmten den Kiesweg ein, und im Schatten eines Kirschbaums stand ein blau-weiß gestreifter Strandkorb, der zum Ausruhen einlud.

Trotz Juttas jüngster Beobachtung glaubte ich nicht, dass das Schlosshotel in direkter Konkurrenz zur Pension stand. Das gemütliche Bauernhaus mit dem Reetdach und den weißen Sprossenfenstern hatte seinen ganz eigenen Charme und lockte eher bodenständige Gäste an, die Ruhe und Erholung in der Natur suchten. Nur Jonas’ Geschrei im Hintergrund strafte den Namen der Pension Lügen.

Leonie beugte sich durch das geöffnete Fenster zu uns in den Wagen. »Ich habe es satt, auf den kleinen Butterkeks-Fresser aufzupassen!«, verkündete sie. »Das war das letzte Mal. Jonas nervt total.«

Eilig schnallte Jutta sich ab. »Was ist denn passiert? Ist Jonas verletzt?«

Leonie schnaubte auf. »Der Quälgeist schreit nur, weil ich ihm nicht erlaubt habe, Cola zu trinken. Du hättest ihm mal eine bessere Erziehung zukommen lassen sollen, Mama. So wie mir!«

Ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht loszulachen. Ganz unrecht hatte Leonie mit ihrem Vorwurf allerdings nicht, denn als späten Nachzügler verhätschelte meine Schwester ihren Sohn tatsächlich. Voller Sorge stieß Jutta nun die Autotür auf, und Leonie musste beiseitespringen.

»Jonas weint doch nicht so schrecklich wegen einer Cola«, blaffte sie ihre Tochter an. »Bestimmt warst du wieder gemein zu ihm.«

Ohne ein Wort des Abschieds rannte meine Schwester zur Haustür, wie magisch angezogen vom Gebrüll ihres Kindes.

Immerhin war mein Jobwechsel damit fürs Erste vergessen. Insgeheim hoffte ich, dass Juttas gesunder Menschenverstand sich wieder einschalten würde und sie diesen Plan nicht mehr so ernst nahm, wenn sie erst mal eine Nacht darüber geschlafen hatte. Bestimmt rief sie mich morgen an, um zu erklären, dass sie überreagiert hatte und die bodenständigen Pensionsgäste höchstwahrscheinlich auch nicht für meine ›Firlefanz‹-Behandlungen, wie Jutta sie vorhin genannt hatte, Schlange stehen würden.

Leonie starrte ihrer Mutter kopfschüttelnd hinterher. »Immer geht es um Jonas. Was hat die kleine Kröte nur, was ich nicht habe?«

»Putzige Pausbäckchen, ein Lächeln mit einer Zahnlücke und viel Charme«, beantwortete ich ihre Frage grinsend. »Immerhin sagt er deiner Mutter mehrmals am Tag, wie lieb er sie hat.«

Leonie dachte einen Moment nach, dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, das kann ich nicht machen. Dann wäre mein Ruf als coolste Siebzehnjährige des Dorfs komplett ruiniert. Liebesbezeugungen für Mama gibt es nur an Geburtstagen, an Weihnachten und am Krankenbett.«

In gespielter Ernsthaftigkeit nickte ich. »Das Leben als Teenager ist wirklich anstrengend. So viele Regeln, die es zu beachten gilt!«

Ich warf einen Blick auf meine Uhr. Wenn ich noch rechtzeitig mein Geschäft aufmachen wollte, musste ich dringend weiter und auf dem Weg nach Sellin ein paar Tempolimits überschreiten.

Ich ließ den Motor an und winkte Leonie zu. »Bis dann, liebste Nichte!«

»Moment!« Sie beugte sich wieder durchs Autofenster zu mir herein. »Du weißt doch, dass ich bald die Führerscheinprüfung mache, Tantchen. Für begleitetes Fahren ab 17.«

»Ja, und?«

»Bis dahin muss ich dringend das seitliche Einparken üben«, sagte Leonie mit gesenkter Stimme, als wäre ihr das schrecklich peinlich. »Könntest du mir dabei helfen?«

Ich stöhnte innerlich auf. Hatte es heute eigentlich jeder auf mich abgesehen? Natürlich wollte ich meiner Nichte helfen, aber ich wusste kaum noch, wo mir der Kopf stand.

»Dein Vater kann doch mit dir üben«, wandte ich ein. »Oder deine Mutter …«

Sie winkte ab. »Mit Papa habe ich es schon auf dem großen Parkplatz vor dem Supermarkt versucht. Das war eine Katastrophe! Einzuparken ist seiner Meinung nach das Leichteste der Welt, und sogar ein Schimpanse könnte das schaffen. Und mit Mama würde es garantiert noch schlimmer werden. Du bist meine letzte Hoffnung. Biiitte, Ariane!« Sie zog eine Schnute. »Du bist meine allerliebste Tante, und du weißt doch, wie sehr ich dich mag.«

Oha, eine Liebesbezeugung! Dabei hatte ich nicht einmal Geburtstag.

»Na schön!«, gab ich nach. »Vielleicht können wir uns Sonntagnachmittag treffen.«

Dabei waren meine Sonntage eigentlich auch schon verplant, weil ich da die Buchhaltung machte und Seifen für den Laden herstellte. Aber für eine Fahrstunde mit meiner Nichte konnte ich bestimmt etwas Zeit erübrigen.

Leonie strahlte. »Du bist die Beste!«

»Ja, ja!« Ich zwinkerte ihr zum Abschied zu und gab Gas.

Leonie hatte ihre Beharrlichkeit eindeutig von Jutta geerbt. Die beiden schafften es immer wieder, mich zu bequatschen.

2. Kapitel

Eine Spur zu schnell fuhr ich über die Hauptstraße des Dorfs, als ich links von mir eine alte Dame mit Strohhut wahrnahm. Behangen mit zwei Einkaufstüten lief sie langsam vorwärts und schien mit jedem weiteren Schritt zu kämpfen. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich, dass die Bezeichnung ›Dame‹ in diesem Fall nicht ganz zutreffend war, denn es handelte sich um Trudi.

Trudi Linnemann war klein, äußerst schrullig, steinalt, und ich kannte sie schon, seit ich in die Windeln gemacht hatte. Sie war wie eine Großmutter für mich, und ich liebte sie auch genauso – gerade wegen ihrer eigenwilligen Art und der rauen Schale, unter der ein riesengroßes Herz steckte. Durch den Hut, den sie sich wahrscheinlich zum Schutz vor der Sonne aufgesetzt hatte, war ihr Gesicht kaum zu sehen. Warum war Trudi denn ausgerechnet während der größten Hitze einkaufen gegangen, um Himmels willen?

Ich nahm den Fuß vom Gas und warf einen Blick in den Rückspiegel. Trudis kleiner werdende Gestalt schwankte unter der Last der Tüten, und ich hielt erschrocken den Atem an, als sie einen Schritt zur Seite stolperte.

»Ach, scheiß drauf!«, murmelte ich. Dann öffnete ich eben zu spät meinen Laden, na und?

Ich wendete, fuhr zurück und hielt direkt neben Trudi am Straßenrand. »Soll ich dich heimfahren?«

Trudi wandte sich mir zu, und ihre Augen weiteten sich vor Erleichterung. »Ariane, Kindchen, dich schickt der Himmel!«

Eigentlich hätte ihr faltiges Gesicht unter dem Strohhut von der Hitze gerötet sein müssen, doch stattdessen waren ihre Wangen kalkweiß, und selbst ihre Lippen hatten jegliche Farbe verloren. Das allein erfüllte mich schon mit Sorge, doch noch mehr erschreckte mich ihre dankbare Reaktion. In Trudis Augen gehörte es zum guten Stil einer alten Rügenerin, ruppig und rebellisch zu sein. Normalerweise hätte sie mich mindestens fünf Minuten flehen und betteln lassen müssen, bis sie mir den Gefallen tat, sie heimfahren zu dürfen.

Ich verstaute ihre Taschen im Kofferraum, bevor ich Trudi die Tür öffnete und ihr auf den Beifahrersitz half. Ihre Finger zitterten in meiner Hand, und ihr knochiger Unterarm fühlte sich kalt an. Die Witwe machte ein großes Geheimnis um ihr wahres Alter, aber ich schätzte sie auf Mitte oder Ende achtzig. Auf alle Fälle war sie viel zu alt, um sich an einem Tag wie heute einen Marsch durchs Dorf zuzumuten.

»Soll ich dich lieber zum Arzt fahren, Trudi?«

»Quatsch!«, entgegnete sie brüsk. »Ich brauch keinen Quacksalber, der mir sagt, dass ich zu alt zum Leben bin. Ich weiß selbst, dass ich schon mit einem Fuß im Grab stehe, vielen Dank auch!«

Ächzend ließ sie sich in den Sitz zurücksinken. »Mir ist nur ein wenig schwindlig. Daheim trink ich einen kräftigen Schluck Likör und leg mich kurz hin. Das wird schon wieder!«

»Wenn du meinst …«

Es war schwer, Trudi zu widersprechen. Sie war so etwas wie die Dorfälteste in Glowe, und gemäß diesem Status verteilte sie auch großzügig ihre Lebensweisheiten. Gerne ungefragt, obwohl das nicht jeder positiv aufnahm. Wie alle wirklich guten Ratschläge waren auch die von Trudi unbequem und das Äquivalent zu einer Ohrfeige, mit der man nicht gerechnet hatte.

Trotzdem war ich kurz in Versuchung, sie gegen ihren Willen zu unserem Dorfarzt Dr. Theis zu bringen. Aber das hätte Trudi mir wohl den Rest ihres Lebens übelgenommen. Außerdem konnte ich die alte Frau schlecht mit Gewalt in die Praxis zerren.

Resigniert setzte ich mich wieder hinters Steuer. Bis zu Trudis Wohnung in einem älteren Mehrfamilienhaus waren es nur ein paar Minuten. Während ich losfuhr, beobachtete ich sie aus den Augenwinkeln. Irgendetwas war heute anders an Trudi, doch es dauerte einen Moment, bis mir der Grund dafür auffiel.

»Du hast gar keine Watte in den Ohren«, bemerkte ich überrascht.

Trudi litt seit Jahren unter einer chronischen Ohrentzündung und gab dem ständigen Wind auf Rügen die Schuld. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich sie zuletzt ohne die rosafarbene Watte im Ohr gesehen hatte.

»Kein Wind.« Sie atmete schwer. »Der Wind ist weg.«

»Stimmt, das ist mir vorhin am Jasmunder Bodden auch schon aufgefallen.«

Obwohl Trudi ansonsten selbst die leichteste Meeresbrise verflucht hatte, schien sie dieser Umstand nicht zu freuen.

»Dafür trägst du aber einen schicken Strohhut«, sagte ich und versuchte, so unbeschwert wie möglich zu klingen. »Hast du den einer Touristin geklaut?«

Sie winkte schlaff ab. »Den hat mir meine Nachbarin Elfriede geliehen. Die alte Schreckschraube meinte, dass ich sonst einen Sonnenstich kriege.« Sie nahm ihn ab und kratzte sich am Hinterkopf. »Das Ding piekst.«

Ich konnte mir einen Tadel nicht verkneifen. »Warum gehst du auch ausgerechnet während der schlimmsten Hitze einkaufen?«

»Weil ich versprochen habe, für Oles neue Segelschüler ›Gestowte Wruken‹ zu kochen. Anscheinend lieben die Touristen meine regionalen Gerichte. Seit ich vor zwei Jahren zum ersten Mal für Oles Schüler gekocht habe, bittet mich der Junge immer wieder darum.«

Das konnte ich gut verstehen. Allein beim Gedanken an ihren leckeren Steckrüben-Eintopf mit dem selbstgemachten Brot lief mir das Wasser im Mund zusammen. Trudi hatte eine Schwäche für Ole und konnte ihm einfach nichts abschlagen. Obwohl der ›Junge‹ immerhin schon über fünfzig und inzwischen mit Jules Schwester Sophie verheiratet war.

»Und wenn ich einkaufen gehe«, fuhr sie fort, »dann tue ich das immer um diese Zeit, weil … weil ich das eben schon immer so mache.«

Ich erwiderte nichts, obwohl mir mehrere Gegenargumente auf der Zunge lagen. Zum Beispiel, dass Ole ihr die Zutaten bestimmt auch gerne besorgt hätte. Oder dass Gewohnheiten der eigenen Gesundheit zuliebe manchmal geändert werden mussten. Doch ich wollte Trudi nicht zu einer Diskussion herausfordern.

»Irgendwann musst du mir mal zeigen, wie du ›Gestowte Wruken‹ kochst! Niemand macht den Eintopf so lecker wie du, Trudi.«

Ein Anflug von Stolz zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. »Weil ich ihn nach dem Rezept meiner Urgroßmutter mache. Es ist ein Familiengeheimnis, das immer von der Mutter auf die Tochter vererbt wird, und irgendwann einmal werde ich meiner …« Sie stockte.

Anstatt ihren Satz zu beenden, presste Trudi ihre Lippen zusammen und blickte traurig aus dem Fenster.

Ich hielt vor dem gelben Mehrfamilienhaus und schaltete den Motor ab. Trudi wandte sich mir wieder zu und lächelte gezwungen.

Sie hob ihre Hand und tätschelte meine Wange. »Wenn ich das Geheimrezept eines Tages jemandem verrate, dann dir, mein Kindchen.«

Ehe ich etwas erwidern konnte, weiteten sich Trudis hellblaue Augen. Ihre Hand rutschte von meiner Wange ab, sie stieß ein schmerzerfülltes Wimmern aus und fasste sich an die linke Brust. Ein unsäglicher Schreck lag in ihrem Blick.

»Trudi!«, rief ich alarmiert.

Sie atmete nur noch stoßweise, und ihre Augenlider begannen zu flattern. Für einen Augenblick war ich wie erstarrt, ehe mein Verstand wieder die Führung übernahm. Mit fahrigen Fingern griff ich nach meinem Handy und wählte die Nummer des Notrufs. Jede meiner Bewegungen kam mir zu langsam vor, und das Tuten des Freizeichens schien sich unerträglich in die Länge zu ziehen. Als endlich jemand abnahm, brüllte ich panisch: »Wir brauchen einen Notarzt. Schnell!«

In diesem Moment sackte Trudi in sich zusammen.

*

Ich tigerte im Wartebereich der Notaufnahme auf und ab. In unregelmäßigen Abständen eilten Schwestern an mir vorbei, ohne mir Beachtung zu schenken. Nur der junge Pfleger, der hinter dem Tresen der Anmeldung saß, warf mir ab und an ein hilfloses Lächeln zu. In den letzten vierzig Minuten hatte ich ihn schon ein halbes dutzend Mal gefragt, wie es um Trudi stand. Seine Antwort war stets die gleiche gewesen: »Bitte warten Sie, bis ein Arzt mit Ihnen spricht!«

Ich zwang mich dazu, an einem der großen Fenster stehen zu bleiben und tief durchzuatmen. Eine Kälte, die tief aus meinem Inneren zu kommen schien, ließ mich frösteln, und ich schlang die Arme um meinen Oberkörper. Ein Leben ohne Trudi konnte und wollte ich mir nicht vorstellen. Bilder unserer gemeinsamen Erlebnisse, die bis in meine früheste Kindheit zurückreichten, blitzten in meinem Kopf auf: Trudi, die in der Küche meiner Eltern saß und mir mit einem verschwörerischen Augenzwinkern ein Karamellbonbon zusteckte, obwohl meine Mutter mir Süßigkeiten verboten hatte. Oder unsere gemeinsamen Ausflüge mit dem Schiff auf die Insel Hiddensee. Im Sommer hatten wir oft Wettkämpfe ausgetragen, wer von uns am weitesten Kirschkerne über die Reling ins Meer spucken konnte, und nur weil ich ein Kind gewesen war, hätte Trudi mich niemals gewinnen lassen. Seit ich zurückdenken konnte, hatte sie mich ernstgenommen und mir ein Gefühl der Wichtigkeit und Stärke vermittelt. Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals, und ich presste die Handballen auf meine brennenden Augen. Noch war die Zeit für Tränen nicht gekommen!

Ich war so aufgewühlt und konfus, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Musste ich nicht irgendjemand informieren, was geschehen war? Zum Beispiel Trudis Familie? Ich griff nach meinem Handy und starrte auf das Display. Ich hatte keine Ahnung, wen ich anrufen sollte. Trudis Mann war schon vor vielen Jahren gestorben, aber ich erinnerte mich dunkel daran, dass sie noch einen Sohn oder eine Tochter hatte. Doch Trudi sprach so gut wie nie über ihre Familie und machte deutlich klar, dass dieses Thema niemanden etwas anging.

»Angehörige von Gertrude Linnemann?«

Ich wandte mich vom Fenster ab und entdeckte einen Arzt um die fünfzig, der sich suchend unter den Wartenden umsah.

»Ja, hier!«

Ich hastete auf ihn zu. »Ich bin Ariane Hildebrandt. Wie geht es Trudi? War es ein Herzinfarkt? Wird sie durchkommen?«, bombardierte ich ihn umgehend mit Fragen.

»Sind Sie mit Frau Linnemann verwandt?« Er musterte mich kritisch, als würde er nach äußeren Ähnlichkeiten suchen. »Wenn nicht, darf ich Ihnen bedauerlicherweise keine Auskunft über den Gesundheitszustand der Patientin geben.«

Ich wusste, dass die Wahrheit uns nicht weiterbringen würde, denn mit echten Verwandten konnte Trudi im Moment nicht aufwarten. Deshalb hielt ich seinem fragenden Blick so gut wie möglich stand.

»Ja, ich bin die Enkelin.« Das schlechte Gewissen, das in meiner Stimme mitschwang, strafte mich Lügen.

Zu meinem Erstaunen glaubte der Arzt mir jedoch.

»Ich bin Doktor Bloch«, stellte er sich vor und wies mit der Hand auf zwei freie Stühle, die etwas abseits standen. »Vielleicht sollten wir uns einen Moment setzen, Frau Hildebrandt.«

Ich bekam ein flaues Gefühl in der Magengrube. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Um mir zu sagen, dass es Trudi wieder gut ging und ich sie gleich mitnehmen konnte, hätte ein Gespräch im Stehen sicherlich ausgereicht. Mit zittrigen Knien folgte ich ihm und ließ mich auf den Stuhl sinken.

Doktor Bloch räusperte sich. »Leider muss ich Ihnen sagen, dass Ihre Großmutter einen schweren Herzinfarkt hatte. Ein Thrombus hat ein Herzkranzgefäß verstopft, doch wir konnten Frau Linnemann stabilisieren. Ihr Herz ist nicht in allerbestem Zustand, was mit ihren achtundneunzig Jahren jedoch nicht verwunderlich ist.«

Ach du lieber Himmel, Trudi war schon achtundneunzig Jahre alt? Keiner im Dorf konnte sich noch genau an ihr wahres Alter erinnern, denn schon seit ewigen Zeiten feierte sie offiziell ihren siebzigsten Geburtstag, und ihre Altersgenossen waren mittlerweile alle unter der Erde. So fit wie Trudi bisher gewesen war, hätte ich niemals geglaubt, dass sie schon auf die hundert zuging.

Doktor Bloch blätterte in Trudis Krankenakte herum. »Nimmt Ihre Großmutter Medikamente?«, fragte er. »Heparin? Betablocker oder ACE-Hemmer?«

»Nicht, dass ich wüsste«, antwortete ich unsicher. Wahrscheinlich hielt er mich für die schlechteste Enkelin auf der Insel, weil ich darüber nicht Bescheid wusste. Deshalb fügte ich hinzu: »Großmutter weigert sich, zu einem Arzt zu gehen, weil sie sie alle für Quacksalber hält.«

»Das ist mir bekannt.« Zum ersten Mal zeigte sich ein leichtes Lächeln auf Doktor Blochs Miene. »Frau Linnemann war kurz bei Bewusstsein und meinte, dass ich meine Quacksalberfinger von ihr nehmen und gefälligst einer Frau in meinem Alter die Brust abhören sollte. Gut zu wissen, dass ich das nicht persönlich nehmen muss.«

Das war typisch Trudi! Ich lachte auf, doch es hörte sich eher wie ein hysterisches Schluchzen an.

Doktor Blochs Miene verfinsterte sich wieder. »Wir dürfen keine Zeit verlieren, Frau Hildebrandt. Ihre Großmutter benötigt dringend eine Bypass-Operation.«

Er erklärte mir den Ablauf der OP und warf mit medizinischem Kauderwelsch um sich, sodass ich Mühe hatte, ihm zu folgen. Es blieb lediglich bei mir hängen, dass der Eingriff in Trudis Alter und bei ihrem schwachen Herzen unglaublich riskant sein würde. Doch ohne die Operation würde sie die Nacht voraussichtlich nicht überleben.

Am Ende hielt Doktor Bloch mir einen Zettel hin. »Da Ihre Großmutter momentan nicht ansprechbar ist, muss ich Sie als Angehörige darum bitten, mir die Einwilligung zur Operation zu geben. Unterschreiben Sie das bitte, Frau Hildebrandt?«

Schockiert starrte ich ihn an. Ich sollte diese Entscheidung fällen? Das hatte ich nun von meiner Lüge. Jetzt bereute ich, dass ich nicht wenigstens meine Mutter oder Trudis Freundin und Vertraute Nane angerufen hatte. Doch auch sie wären keine nächsten Verwandten gewesen.

Zaghaft nahm ich das Formular und den Kugelschreiber von Doktor Bloch entgegen. Er blieb abwartend neben mir sitzen. Was sollte ich nur tun?, dachte ich panisch. Aber eigentlich war die Antwort klar: Ich wollte, dass Trudi weiterlebte, und laut ihrem Arzt war die OP unumgänglich. Deshalb nickte ich mechanisch, unterschrieb die Erklärung und gab sie ihm zurück. Wenn ich dafür in den Knast kommen würde, aber Trudi überlebte, war es mir das wert.

»Darf ich sie vorher noch einmal sehen?«, bat ich ihn. »Falls sie …« Meine Stimme brach, und ich schluckte schwer, ehe ich von Neuem begann: »Falls sie stirbt, möchte ich mich von ihr verabschieden.«

»Natürlich!« Doktor Bloch tätschelte meine Hand. »Aber seien Sie bitte nicht enttäuscht, wenn ihre Großmutter nicht auf Sie reagiert.«

Er führte mich zu ihr, und einige Minuten später stand ich keimfrei und in grünen Klinikklamotten neben Trudis Bett. Sie war an unzählige Monitore und Geräte angeschlossen, und eine Sauerstoffmaske verdeckte einen Teil ihres Gesichts. Ich streichelte ihren Arm, vorsichtig darauf bedacht, keinen der Infusionsschläuche zu berühren.

»Auch wenn du mich nicht hören kannst«, flüsterte ich, »möchte ich dir sagen, dass ich dich unglaublich lieb habe, Trudi. Du bist uns allen sehr wichtig, und ich bin dir ungeheuer dankbar, dass du mich mein ganzes Leben …« Ich hielt mitten im Satz inne, denn Trudis Augenlider begannen zu flattern.

Sie blinzelte und drehte den Kopf in meine Richtung. Schwerfällig hob sie eine Hand und gab mir ein Zeichen, die Sauerstoffmaske beiseitezuschieben. Da ich nicht wusste, ob das erlaubt war, sah ich mich nach einer Schwester um, aber leider vergeblich. Wahrscheinlich wollten sie mir ein paar Minuten allein mit meiner ›Großmutter‹ geben.

Deutlich genervt wiederholte Trudi die Handbewegung, und ich gab seufzend nach.

»Heb dir … die schwülstigen Worte für die … Grabrede auf«, sagte sie schwer atmend.

»Okay!« Ich lächelte unter Tränen. »Bitte, tu mir den Gefallen und kämpfe, ja? Du darfst nicht aufgeben!«

Sie nickte knapp.

»Astrid«, keuchte sie angestrengt. »Ruf Astrid für mich an!«

Ich runzelte die Stirn, da ich nur eine Astrid kannte – eine junge Kindergärtnerin aus Sassnitz. Unwahrscheinlich, dass Trudi ausgerechnet sie meinte. »Welche Astrid denn?«

»Meine … meine Tochter. Sie wohnt auf … Usedom.«

Trudis Augenlider flatterten erneut, und ich drückte alarmiert ihre Hand.

»Den Nachnamen, Trudi«, rief ich. »Du musst mir ihren Nachnamen sagen!«

Sie hörte mich nicht mehr, denn sie war schon wieder weggedämmert.

3. Kapitel

Doktor Bloch schickte mich nach Hause und versicherte mir, dass mich eine Schwester auf dem Handy anrufen würde, sobald Trudi die Operation überstanden hatte. Auch wenn alles gut ging, durfte Trudi erst wieder am nächsten Tag Besuch empfangen, und bis dahin sollte ich eine Tasche mit dem Notwendigsten für sie packen.

Wie in Trance verließ ich die Klinik und nahm prompt einem anderen Auto die Vorfahrt, als ich aus dem Parkplatz fuhr.

Das alles kam mir so surreal vor. Noch vor wenigen Stunden war es mir unglaublich wichtig gewesen, mein Geschäft rechtzeitig zu öffnen, und jetzt bangte ich plötzlich um Trudis Leben. Man rotierte im Alltagstrott, schmiedete Pläne, dachte an scheinbar wichtige Dinge – alles in der irrigen Vorstellung, man hätte das Leben unter Kontrolle. Auch mir selbst konnte jeden Moment etwas zustoßen, oder nicht? Schon sah ich meine Familie und das halbe Dorf in Trauerkleidung an meinem Grab stehen. Ich schluckte. Mit einem Mal kam mir mein Leben ziemlich leer vor. Was würde nach meinem Tod von mir übrig bleiben? Da war kein Freund oder Ehemann, der einen Funken meiner Liebe für immer in seinem Herzen tragen würde, und es gab keine Kinder, die ein Teil von mir waren. Im Grunde würde ich nur einen Berg an unerledigter Arbeit, einen verschuldeten Laden für Bio-Kosmetik und ein Paar abgetragene Sommersandalen hinterlassen. War das nicht ein bisschen … mau?

Ich schob meine düsteren Grübeleien beiseite, denn es gab wichtigere Dinge, um die ich mich kümmern musste.

Da ich nach wie vor die Einzige war, die von Trudis Herzinfarkt wusste, musste ich nun endlich die anderen informieren. Leider lag es mir nicht besonders, schlechte Nachrichten zu überbringen. Meistens redete ich so lange um den heißen Brei herum, dass mein Gegenüber das Gefühl bekam, er müsste bei einer Runde ›Tabu‹ den Lösungsbegriff erraten.

Aber wen sollte ich anrufen? Trudis Freundin Nane war ebenfalls nicht mehr die Jüngste, und ich wollte nicht für den zweiten Herzinfarkt an diesem Tag verantwortlich sein. Deshalb entschied ich mich, ihren Sohn Ole über die Freisprechanlage anzurufen. Männer waren ohnehin die besseren Empfänger, wenn es um schlechte Nachrichten ging. Bei ihnen musste man nicht mit Weinkrämpfen oder lebensbedrohlichen Schockzuständen rechnen. Bis das männliche Gehirn die beunruhigenden Informationen an die rudimentär ausgeprägte Gefühlszentrale weitergeleitet hatte, war die betreffende Situation oft schon vorbei. Außerdem war Ole Segellehrer, und ihn konnte so schnell nichts aus der Fassung bringen. Er war nicht einmal ausgeflippt, als seine ehemalige Schülerin und jetzige Frau Sophie eine seiner Jollen im Breeger Bodden versenkt hatte.

Zum Glück ging Ole sofort ans Telefon, und ich berichtete ihm – für meine Verhältnisse relativ offen und zügig – die Einzelheiten. Außerdem bat ich ihn, es seiner Mutter Nane und allen anderen so schonend wie möglich beizubringen. Trotz seiner ruhigen, ausgeglichenen Art wirkte Ole ziemlich erschüttert. Vor allem, als ich ihm erzählte, dass Trudi wegen der Zutaten für seinen Eintopf in der Mittagshitze einkaufen gegangen war.

»Das wollte ich wirklich nicht, Ariane«, beteuerte er. »Ich hätte sofort alles für sie besorgt. Sie hätte nur ein Wort sagen müssen.«

»Du weißt doch, wie stolz und stur Trudi ist«, versuchte ich, ihn zu beruhigen. »Bitte mach dir keine Vorwürfe!«

»Das ist leider nicht so einfach«, murmelte er.

In gedrückter Stimmung verabschiedeten wir uns voneinander, doch dann fiel mir in letzter Sekunde noch etwas ein. »Kannst du Nane bitte nach Trudis Tochter Astrid fragen?«, bat ich ihn. »Vielleicht weiß sie ihre Telefonnummer oder wenigstens ihren Nachnamen.«

Gleich nachdem ich Trudis Krankenzimmer verlassen hatte, hatte ich auf meinem Handy nach einer Astrid Linnemann auf Usedom gesucht, doch leider keinen Eintrag gefunden. Sie schien ihren Mädchennamen nicht mehr zu tragen oder lebte inzwischen woanders.

»Astrid … Astrid …«, wiederholte Ole nachdenklich. »Ich erinnere mich dunkel an sie.«

»Du kennst Trudis Tochter?«, fragte ich. Vielleicht konnte ich Astrid schneller über den Notfall informieren, als ich gedacht hatte.

»Das würde ich nicht sagen«, wiegelte Ole ab. »Ich war noch ein kleiner Stöpke, als Trudis Tochter die Insel verlassen hat. Aber meine Mutter hat manchmal den Versuch unternommen, mit Trudi über sie zu sprechen. Offenbar sind Astrid und Trudi im Streit auseinandergegangen. Aber selbst mit Nane wollte Trudi nicht darüber reden. Für sie war das Thema wohl erledigt.«

»Und ist Astrid jemals wieder nach Rügen gekommen?«

»Ich glaube nicht. Aber ich melde mich bei dir, sobald ich etwas Neues erfahre, okay?«

»Danke, Ole!«

Ich legte auf. Mittlerweile hatte ich unser Dorf erreicht. Die Touristen strömten gerade mit ihren Luftmatratzen, Kühltaschen und Handtüchern vom Strand zu ihren Autos, um zurück zu ihren Ferienunterkünften zu fahren und Abendbrot zu essen. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube passierte ich die Stelle, an der ich vor einigen Stunden Trudi eingesammelt hatte. Ich hatte geglaubt, sie gut zu kennen, aber dass sie sich mit ihrer Tochter derart zerstritten hatte, schockierte mich. Was mochte zwischen Mutter und Tochter nur vorgefallen sein?

*

Von einer inneren Unruhe getrieben, fuhr ich weiter und ließ Glowe hinter mir. Kurz vor Juliusruh stellte ich mein Auto auf einem der Parkplätze im Kiefernwäldchen ab und griff nach der Sporttasche, die ich für solche Fälle auf dem Rücksitz deponiert hatte. Zum Glück hatte ich heute einen Sommerrock an, sodass ich problemlos in meine Sporthose schlüpfen konnte, ehe ich den Rock abstreifte. Dann wechselte ich die Sandalen gegen meine Joggingschuhe aus und machte mich auf in Richtung Strand.

Mit fünfzehn Jahren hatte ich mit dem Laufen begonnen und zu meiner Überraschung nach den ersten kräftezehrenden Trainingseinheiten Gefallen daran gefunden. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich überzeugt gewesen, unsportlich zu sein, denn ich war ziemlich dick. Zum Leidwesen meiner Mutter hatte ich seit meiner frühesten Kindheit mit meinem Gewicht zu kämpfen, und es war immer schlimmer geworden, je mehr Verbote und Diäten sie mir verordnet hatte. Angefangen hatte es mit ein bisschen Babyspeck, in der Grundschule war ich schon ziemlich pummelig gewesen, und den traurigen Höhepunkt hatte ich mit Beginn der Teenagerzeit erreicht. Doch das Laufen hatte alles verändert und war fast zu einer Sucht für mich geworden. Obwohl die Pfunde gepurzelt waren und ich mittlerweile durchtrainiert war, hatte ich immer noch keine Modelmaße, aber an guten Tagen mochte ich meine weiblichen Rundungen und fühlte mich wohl in meinem Körper. In den Augen meiner Mutter, die heute noch in ihr Hochzeitskleid Kleidergröße 34/36 passte, blieb ich allerdings das kleine Moppelchen mit den ständigen Gewichtsproblemen.

Ich beschleunigte meine Schritte, als das Meer zwischen den Kieferbäumen aufblitzte und mich eine salzige Brise streifte. In solchen Momenten hatte ich das Gefühl, die Ostsee würde mich zu sich rufen.

Das Fremdenverkehrsamt hatte einmal damit geworben, dass man nirgends auf Rügen mehr als sechs Kilometer vom Wasser entfernt ist. Dazu rechnete man natürlich auch die Bodden, doch deren Wasser war vom matschigen Untergrund oft trüb und schlammig. Aber vor allen Dingen besaßen die Bodden nicht die Lebendigkeit und Wildheit des offenen Meers. Das Farbenspiel der Ostsee war unerschöpflich und änderte sich von Tag zu Tag: ein intensives Azurblau mit karibischem Türkis im Sonnenschein, geheimnisvolles Blassblau bei Nebel bis hin zum düsteren Graublau bei Sturm. Heute begrüßte mich das Meer in einem mystischen Blauviolett, da die Sonne sich schon dem Horizont zuneigte. Der Rhythmus der Wellen, die ans Ufer schwappten, wirkte langsam und träge, als wäre auch die See erschöpft von der Hitze des Tages. Einen Moment blieb ich stehen, um die Weite und Freiheit in mich aufzunehmen. Luftige Wolkenberge türmten sich über dem Meer auf, und im Licht der Abendsonne formten sie sich zu einem rosa- und goldschimmernden Wolkenschloss. Zum ersten Mal seit Stunden konnte ich wieder freier atmen, und die angespannten Muskeln in meinem Nacken lockerten sich.

»Tach schön, Ariane!«, grüßte mich ein älterer Herr und tippte sich an seine ausgeblichene Kapitänsmütze.

Ich brauchte einen Moment, um ihn als den Ehemann einer Freundin meiner Tante zu identifizieren. Allerdings kannten wir uns nur flüchtig.

»Hallo, Arne!«, entgegnete ich lächelnd.

Doch Arne suchte offenbar auch Ruhe und Entspannung, denn er lief gemessenen Schrittes weiter, ohne einen Gesprächsversuch zu unternehmen, wofür ich dankbar war.

Nach ein paar Dehnübungen begann ich am Wassersaum entlangzulaufen und wartete auf den Augenblick, an dem mein Kopf sich leerte. Ich wollte nicht mehr an Trudi und die gerade stattfindende Operation denken. Oder an meine Schwester mit ihrer bescheuerten Idee, dass ich im Hotel kündigen sollte. Oder an Geldprobleme, Verpflichtungen, anstrengende Kunden und To-do-Listen für Jules Hochzeit. Und auch nicht an die seltsame Leere, die ich vorhin empfunden hatte.

Ein paar Möwen, die den Strand nach Essbarem absuchten, hüpften erschrocken beiseite, als ich mich ihnen näherte. Meine Schuhe hinterließen Abdrücke auf dem feuchten Ufersand, mein Atem passte sich meinem Tempo an, und der Wind strich über meine erhitzte Haut. Immer wenn ich lief, schien ich mit Rügen eins zu werden.

*

Ich schaute kurz zu Hause bei meinen Eltern vorbei, um zu duschen und mich umzuziehen. Die körperliche Anstrengung hatte eine angenehme Schwere in meinen Gliedern hinterlassen. Am liebsten hätte ich mich erschöpft ins Bett fallen lassen. Doch vorher musste ich noch zu Trudis Wohnung, ihre Tasche für die Klinik packen und nach einem Adressbuch suchen. Ole hatte sich bisher nicht bei mir gemeldet und demzufolge wohl nichts über Astrid herausgefunden. Zum Glück hatte ich im Krankenhaus noch daran gedacht, Trudis Hausschlüssel aus ihrer Handtasche mitzunehmen. Da ich seit dem Mittag nichts mehr gegessen hatte, steckte ich mir im Gehen schnell eine Banane ein und aß sie während der Fahrt.

Als ich in dem Mehrfamilienhaus Trudis Wohnungstür aufschloss und das Licht im Flur anknipste, kam ich mir wie eine Einbrecherin vor. Trudis Nachbarin Elfriede, die normalerweise hinter ihrer Tür lauerte und jeden Neuankömmling abpasste, hatte mich überraschenderweise nicht bemerkt. Das lag wohl daran, dass sie sich gerade eine abendliche Musikshow ansah und ihr Fernseher alle Nebengeräusche im Umkreis von fünf Kilometern übertönte.

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