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Sommerferien in Peking

Über die Autorin

Leela Wang, geboren 1973 in Peking, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Beijng Jiaotong University und Medienkommunikation in Chemnitz. Während ihrer Zeit in Deutschland organisierte sie nebenbei internationale Austauschprogramme für Jugendliche, dolmetschte für verschiedene Kulturveranstaltungen und schrieb für die Chinese European Post. Zusammen mit ihrem deutschen Ehemann und zwei Kindern lebt Leela Wang abwechselnd in Deutschland und in China, zurzeit in Nanjing.

INHALT

  1. Noch vor Weihnachten
  2. Die neue Schule
  3. Der peinlichste Moment meines Lebens
  4. Im Juni kommt das kaiserliche Edikt
  5. Eine gute Vorbereitung
  6. Der Flug nach Peking
  7. Feuer und Bambus
  8. Mi Mi und Chinesisch
  9. Ping und Meister Zhao
  10. Auf dem Gemüsemarkt
  11. Spy Kid
  12. Zhen Zhen, der Panda
  13. Onkel Peter und Sophie
  14. Das Geheimnis der Pekingente
  15. Lei und Abitur
  16. Jiaozi für alle
  17. Kleines China-Glossar
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Die neue Schule

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Ich muss zugeben, dass ich ziemlich enttäuscht war, als ich das erste Mal vor meiner neuen Schule in Schönau stand. Durch den Umzug hatte ich die erste Schulwoche verpasst und war ziemlich nervös, aber Mama sagte schon vor unserem Besuch, dass ich die neue Schule mögen würde. Als ich dann das Schulgebäude sah … An diesen Tag erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen.

»Schau mal den kleinen roten Turm und die blühende Clematis an der Wand! Wie romantisch!«, rief Mama und zeigte aufgeregt durch das Autofenster, während Papa parkte. Was ich jetzt sah, gefiel mir gar nicht: Die Schule war im Prinzip nur eine alte Villa mit einem großen Garten. Meine ehemalige Schule in China war riesengroß und modern! Wir hatten zwei gigantische Spielplätze und eine riesengroße Turnhalle. Eine Cafeteria hatten wir auch, und es wurde immer lecker gekocht. O.K., die Schule in Schönau war schon 150 Jahre alt und vorher wohnte da die Familie eines italienischen Künstlers. Na und?

Papa sagte zu mir: »Ich glaube, du kannst sogar in die Schule laufen. Ich schätze mal: Sie ist maximal 20 Minuten von zu Hause entfernt.«

In China fuhr ich mit unserem Schulbus zur Schule, der direkt vor unserer Haustür hielt. Aber man musste lange fahren, besonders wenn es Stau gab, was oft passierte. Zum Glück saß ich im Bus immer neben Sophie, meiner besten Freundin, sodass es mir nie langweilig wurde.

Die holzigen Treppenstufen quietschten laut, als Papa und Mama Ricky in seinem Kinderwagen hochtrugen. Einen Aufzug gab es in so einem alten Haus natürlich nicht.

Als Papa und Mama auf einem weißen Sofa vor dem Büro der Direktorin saßen und warteten, schaute ich mich etwas um: die breiten Sofas, die vielen grünen Pflanzen, die großen Fenster … Ricky saß im Kinderwagen und starrte gebannt auf ein paar bunte Fische, die in einem Aquarium herumschwammen und Mamas Fingerbewegung folgten.

Als ich durch das große Fenster in den Garten schaute, traute ich meinen Augen kaum. »Mama, schau mal. Ist das … ein Pony?« Tatsächlich: Da war ein schneeweißes Pony im Hintergarten, das gerade frisches Gras knabberte.

»Hast du schon unsere Scheddy entdeckt?«, fragte eine Stimme hinter mir. »Wir haben auch noch ein paar Hasen und eine schwarze Ziege.«

Als ich mich umdrehte, sah ich zwei Frauen, die mir die Hand reichten. Es ist hier üblich, dass man sich bei der Begrüßung die Hand gibt. Das habe ich schon kapiert. Also schüttelte ich ihre Hände und sagte höflich: »Hallo.« Mama hatte mir vorher ein paar Mal gesagt, wie wichtig es sei, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen. Aber nun konnte ich unmöglich noch länger mit meiner Frage warten: »Dürfen wir in der Pause auf dem Pony reiten?«

»Nicht in der Pause, aber nach der Schule. Die Pause ist zu kurz fürs Reiten. In der Pause wird Scheddy nur gestreichelt und gefüttert.« Die ältere Dame schaute stolz meine Eltern an und erzählte weiter: »Unsere Kinder kümmern sich selbst um die Tiere.«

Hieß das, wenn ich in diese Schule gehe, darf ich jeden Schultag Scheddy füttern und auf ihr reiten? Mein Herz schlug schneller und ich schaute Mama an. Sie zwinkerte mir spitzbübisch zu, als ob sie damit ausdrücken wollte: »Habe ich nicht gesagt, dass es dir hier gefallen wird?«

Die ältere Dame war Frau Richter, die Direktorin. Die andere Frau war ziemlich jung. Sie trug einen kurzen Rock und Schuhe mit hohen Absätzen!

»Du musst Lisa sein«, sagte sie. »Ich bin Grit und unterrichte in der zweiten Klasse. Ich freue mich, dich kennenzulernen.«

Eigentlich hieß sie Frau Wolf, aber die Kinder durften alle Grit zu ihr sagen. »Frau Wolf« hätte auch gar nicht zu ihr gepasst, da sie so ein sympathisches Lächeln hatte. Ich mochte sie sofort.

Die beiden führten uns nun direkt zu einem Klassenzimmer. An der Tür hing ein großes, von Kindern bunt bemaltes Schild. »Herzlich willkommen«, las ich leise vor mich hin. Merkwürdigerweise fiel mir das Deutschlesen gar nicht so schwer. Das war wie in meiner ehemaligen Schulklasse in China. Damals war ich sogar die Erste, die lesen konnte – allerdings auf Englisch.

In dem Klassenzimmer gab es viele interessante Sachen, sodass ich nicht wusste, wohin ich zuerst schauen sollte: bunte Kinderbilder, lustige Tierfiguren, gebastelt aus Kastanien, eine Kuschelecke mit weichen Kissen und durchsichtige Vorhänge …

»Wo sind die Kinder?«, fragte ich.

»Beim Sportunterricht«, sagte Grit. »Wir haben keine eigene Turnhalle, aber die nächste Sporthalle ist nur zehn Minuten zu Fuß entfernt.«

»Was ist das?« Als ich die vielen Pyramiden aus goldenen Kugeln sah, wurde ich neugierig. Grit sagte: »Damit kann man die Potenzrechnung lernen. Das kommt zwar noch nicht in der zweiten Klasse dran, aber wenn du willst, kann ich es dir kurz zeigen.«

Mit den Pyramiden zu rechnen, war spannend und Grit war genauso nett wie Ms Welsen, fand ich.

Als meine Eltern mit Frau Richter wieder ins Büro gingen, um irgendwelche Formulare zu holen, wartete ich mit Ricky im Flur. Es klingelte plötzlich und viele Kinder stürmten aus den Klassenzimmern heraus. Max war einer davon.

»Hallo, Lisa«, sagte er und lief zusammen mit einem anderen Jungen sofort zu uns herüber. Die anderen Kinder stoppten und schauten mich neugierig an. Ich fühlte mich plötzlich ganz merkwürdig: Was ist, wenn die Kinder mich gar nicht mögen?

Zu meiner Überraschung beugte sich der andere Junge zum Kinderwagen hinunter.

»Ist das dein Bruder?«, fragte er. Er ließ Ricky mit seinen Fingern spielen und lächelte ihn an.

Ich glaubte es nicht. Seit wann mögen Jungen denn Babys? Bevor ich etwas sagen konnte, antwortete Max schon für mich: »Er heißt Ricky. Er ist Lisas Bruder.«

Ricky freute sich über die Aufmerksamkeit und lächelte den Jungen fröhlich an. Vor Aufregung bekam er sogar einen lauten Schluckauf.

»Oh, er hat Schluckauf! Wie süß!«

Jetzt kamen noch einige Mädchen dazu: »Darf ich auch mal seine Hand halten?«, fragten sie mich.

Eine Gruppe Kinder rannte von draußen herein. Bestimmt war das die zweite Klasse, die jetzt vom Sportunterricht zurückkam.

Um mich herum war plötzlich so viel Trubel, dass ich fast nicht gemerkt habe, dass die Kinder im Flur mittagessen mussten, weil die Schule keine Cafeteria hatte.

»Bist du Max’ neue Nachbarin aus China?«, fragte ein Mädchen mit roter Brille. Sie war das einzige Mädchen, das sich im Moment mehr für mich als für Ricky interessierte.

»Ja«, sagte ich. Warum fiel mir nichts ein, was ich noch sagen konnte?

»Wie heißt du denn?«, wollte sie wissen.

»Lisa«, antwortete ich. »Lisa Wang.«

Es ist in China üblich, dass die Frauen nach dem Heiraten ihren Familiennamen behalten. Meine Eltern haben sich bei ihrer Heirat darauf geeinigt, dass sie das auch so machen wollen. Ich glaube, damals hatte jemand vorgeschlagen, dass Mama doch lieber Papas deutschen Namen übernehmen sollte. Weil es dann für Mama leichter wäre und niemand gleich an ihrem Namen merken könnte, dass sie eine Ausländerin ist.

»Aber ich bin doch eine Chinesin. Na und?«, sagte Mama nur. Und da ich das erste Enkelkind von Lao Ye und Lao Lao bin, sollte ich den Familiennamen Wang auch übernehmen. Wenn alles nicht so gewesen wäre, hätte meine Mama meine Klassenlehrerin Grit so begrüßen müssen: »Hallo, Frau Wolf. Ich bin Frau Hase …« Das ist nämlich der Nachname meines Papas. Das wäre doch sehr lustig gewesen.

»Ist Wang auch Chinesisch?«, fragte das Mädchen wieder.

»Ja, Wang heißt König«, versuchte ich zu erklären.

»Aha.« Sie lachte mich mit leuchtenden Augen an: »Lisa König heißt du dann.«

Jetzt musste ich ebenso lächeln.

»Kommst du auch auf unsere Schule?«, fragte sie mich weiter.

»Vielleicht …« Meine Eltern hatten mir gesagt, dass wir uns noch andere Schulen anschauen würden, falls mir diese nicht gefiel. Nach kurzem Zögern sagte ich jedoch: »Ja, ich denke schon.«

Dann sah ich, dass meine Eltern aus dem Büro herauskamen. »Ich muss jetzt gehen. Tschüss!«, sagte ich entschuldigend zu dem Mädchen.

»Tschüss«, sagte sie freundlich zurück. »Bis bald!«

»Die Kinder sind aber sehr nett. Findest du nicht?«, fragte mich Papa begeistert auf dem Weg zum Auto.

»Ja«, antwortete ich nur beiläufig und fragte mich, wie das Mädchen mit der roten Brille wohl heißen würde. Und dann dachte ich, dass so ein nettes Mädchen bestimmt schon ganz viele Freunde in der Klasse hatte, da die Kinder in der zweiten Klasse einander schon ein Jahr lang kannten. Nur mich kannte keiner. Ich war neu.

Sie hieß Emily. Als ich an meinem ersten Schultag ins Klassenzimmer kam, sah ich sie schon: Das Mädchen mit der roten Brille, das mir fröhlich winkte. Ich lächelte ihr zaghaft zu und freute mich, als Grit sagte, dass ich an Emilys Vierertischgruppe sitzen durfte. Ich bekam den Platz neben Nicole, und Emily und Sarah saßen uns gegenüber. Die drei waren offensichtlich schon gute Freundinnen.

Erst im Deutschunterricht wurde mir klar, dass ich noch Schreibschrift lernen musste. Das war ziemlich anstrengend. Ich hatte in China nicht mal gehört, dass es so etwas wie Schreibschrift gab.

»Warum müssen wir das lernen?«, jammerte ich in der Pause.

»Ach, Lisa, das schaffst du schon«, sagte Sarah.

»Chinesisch zu schreiben ist bestimmt viel schwieriger als Schreibschrift«, meinte Nicole.

»Wenn du willst«, schlug Emily vor, »bringe ich dir die Schreibschrift bei und du mir Chinesisch.«

Zum Glück hatten wir gleich danach Kunstunterricht und wir sollten mit Luftballons etwas basteln. Bevor es losging, fragte unsere Kunstlehrerin Frau Zimmermann, was im Innern des Luftballons sei.

»Nichts!«, riefen alle Kinder.

»Überlegt noch mal!«, sagte Frau Zimmermann geduldig und schob ihre Brille hoch.

»Nichts«, war immer noch die Antwort. Viele Kinder schüttelten nun die Ballons und kicherten laut.

»Wirklich nichts?«, fragte Frau Zimmermann nach einer Weile erneut.

Die Art und Weise, wie sie es sagte, gab mir den Eindruck, dass die Antwort nicht so einfach sein sollte. Ich nahm den Luftballon hoch, hielt ihn gegen das Licht und schaute noch einmal hinein. Es gab nichts in dem Ballon. Ich überlegte und plötzlich fiel mir doch eine Antwort ein.

Ich hob meine Hand. Frau Zimmermann drehte sich zu mir und sah ein bisschen überrascht aus: »Ja, Lisa?«

»Luft!« Ich sagte es schnell und laut: »Luft ist in dem Luftballon drin!« Ich merkte, wie die ganze Klasse mich anstarrte.

»Richtig! Gut gemacht, Lisa!« Frau Zimmermann nickte lobend. Ich war wirklich glücklich darüber, dass ich eine richtige Antwort gegeben hatte. Und das sogar an meinem ersten Schultag!

Der Englischunterricht war sehr leicht für mich. Englisch fing hier erst in der zweiten Klasse an und ich las damals schon jeden Abend vor dem Zubettgehen den neuen Band von »Harry Potter« im englischen Original. Das Buch war ein Umzugsgeschenk von Papa, der auch ein »big fan«

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