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Sommer des Schweigens

Über die Autorinnen

Anna Maria Scarfò ist heute vierundzwanzig Jahre alt. Seit Erscheinen ihres Buches in Italien steht sie unter Polizeischutz, doch die Repressalien der verurteilten Täter und ihrer Angehörigen machten ihre Teilnahme am Zeugenschutzprogramm erforderlich; sie lebt inkognito an einem unbekannten Ort in Italien. Dieses Buch erzählt ihre Vergangenheit. Ihre Zukunft muss zum Glück erst noch geschrieben werden.

Co-Autorin Christina Zagaria, 34, arbeitet als Journalistin für die Tageszeitung Repubblica und hat schon mehrere Bücher verfasst. Seit 2007 lebt und arbeitet sie als Journalistin in Neapel und berichtet hauptsächlich über Verbrechen und Prozesse.

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dei Autorinnen
  3. Inhalt
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Prolog
  8. 1. Kapitel: Ich
  9. 2. Kapitel: Die Torte
  10. 3. Kapitel: Die Stufe
  11. 4. Kapitel: Ich will mich nicht mehr mit ihm verloben
  12. 5. Kapitel: Ave Maria
  13. 6. Kapitel: Die Osternacht
  14. 7. Kapitel: Die Hütte
  15. 8. Kapitel: Die Stofftiere
  16. 9. Kapitel: Der Pfarrer
  17. 10. Kapitel: Schwester Mimma, die Lumpenpuppe
  18. 11. Kapitel: Die Überraschung
  19. 12. Kapitel: Das Internat von Polistena
  20. 13. Kapitel: Die Stickerei
  21. 14. Kapitel: Christus am einen Ortsende, die Madonna am anderen
  22. 15. Kapitel: Der Stall
  23. 16. Kapitel: Meine Haare
  24. 17. Kapitel: Der Friseursalon
  25. 18. Kapitel: Meine einzigen Freunde
  26. 19. Kapitel: Verschwunden
  27. 20. Kapitel: Die Schulden
  28. 21. Kapitel: Abdriften
  29. 22. Kapitel: Deine Schwester
  30. 23. Kapitel: Das Ende des Schweigens
  31. 24. Kapitel: Die Kaserne
  32. 25. Kapitel: Die Anzeige muss zurückgenommen werden
  33. 26. Kapitel: Meine Familie
  34. 27. Kapitel: Die Avvocatessa
  35. 28. Kapitel: Das Fest des Heiligen Martin
  36. 29. Kapitel: Der Eselstanz
  37. 30. Kapitel: Der neue Hosenanzug
  38. 31. Kapitel: Das Gericht
  39. 32. Kapitel: Weihnachten bei den Carabinieri
  40. 33. Kapitel: Das Urteil
  41. 34. Kapitel: Die zweite Anzeige
  42. 35. Kapitel: Wieder im Gericht
  43. 36. Kapitel: Ein weiterer Schuldspruch
  44. 37. Kapitel: Das Schutzprogramm
  45. 38. Kapitel: Die Polizeieskorte
  46. 39. Kapitel: Mit denselben Waffen
  47. 40. Kapitel: Ich bin Malanova
  48. Epilog
  49. Anmerkung
  50. Danksagungen

Anna Maria Scarfò
mit Christina Zagaria

Sommer des
Schweigens

Ich war in der Gewalt dreier Männer.
Und ein ganzes Dorf sah zu

Aus dem Italienischen von
Barbara Neeb und Katharina Schmidt

Doch wo war dieser Punkt, wo man nicht mehr konnte? Er verlagerte ihn immer weiter nach vorne, wie ein Ziel des Willens, der mit dem Schmerz um die Wette läuft.

Leonardo Sciascia

Prolog

Der Himmel schweigt. Die Erde klagt an. Die niedrigen Häuser im Dorf drängen sich eng aneinander, und die Stimmen hallen zwischen ihren Mauern und den Dachziegeln wider. Sie verstärken einander. Gleich darauf zersplittern sie und schlüpfen unter der Tür durch. Einzeln. Und doch vereint. Zitternd sagen sie: »Hau ab.«

Die Drohungen legen die Grenze fest. Sie erfüllen die Straßen wie ein Wind. Dort ist kein Platz mehr. Kein Entkommen. Sie sind dort.

Schreien: »Du Hure.«

Anna hält sich die Ohren zu.

»Das ist nicht wahr!«, schreit sie zurück.

»Du Hure.« Der Schrei des Windes übertönt sie.

Diese Augen hinter den Fensterläden. Diese drei Männer dort auf dem Platz unter dem Vordach. Die Frau auf den Stufen zur Kirche. Der Lastwagenfahrer neben der Madonnenstatue. Dieses Mädchen am Brunnen. Der Pfarrer. Die Nachbarn. Die Fahrgäste in den Triebwagen auf der Eisenbahnstrecke zwischen Kalabrien und Lukanien. Der Christus am Ortseingang.

»Du Hure.«

Nachts klingelt das Telefon. Ein Auto hält unter den Fenstern. Türen, die sich schließen.

Mütter, Ehefrauen, Schwestern: Sie sind die Richter. Die Männer lachen.

Und das Dorf sagt: »Es ist alles deine Schuld.«

Das ist das Urteil.

»Es ist alles deine Schuld, verschwinde.«

»Ich habe nichts getan. Ihr müsst mich anhören.«

»Hau ab, du Hure.«

Frühling 2010 in San Martino di Taurianova, Kalabrien. Hier beginnt die Geschichte von Anna Maria Scarfò. Heute ist sie vierundzwanzig Jahre alt und lebt unter Polizeischutz.

Ich

In meinem Zimmer stehen zwei schmale Betten, eins für mich und eins für meine Schwester. Außer den Betten gibt es nur noch einen Schrank, ein Mini-Fernseher und eine Stereoanlage stehen auf einem kleinen Regal, weil hier kein Platz für weitere Möbel ist. Fotos von uns hängen an der Wand.

Ein winziger Raum. Außerdem gibt es in der Wohnung noch eine Küche und das Zimmer meiner Eltern.

Meine Mutter heißt Aurora. Sie geht in den Wohnungen anderer Leute putzen. Dafür bekommt sie fünf Euro die Stunde. Mein Vater arbeitet auf dem Land, er erntet in Rosarno Orangen. Und wenn es keine Orangen zu ernten gibt, repariert er Autos, aber schwarz, das heißt er hat keine eigene Werkstatt, und der Kunde bezahlt ihn bar auf die Hand.

Wenn mein Vater auf den Feldern arbeitet, steht er um fünf Uhr morgens auf. Und wir alle, meine Mutter und ich, stehen mit ihm auf, aus Respekt.

Wir wohnen in einer Sozialwohnung.

Die Dusche im Bad ist mitten an der Wand gegenüber der Tür angebracht, der Boden ist ein wenig geneigt, damit das Wasser abfließen kann. Wenn man sich wäscht, wird alles nass, denn es gibt weder einen Vorhang noch eine Wand. Also musst du, wenn du dich gewaschen hast und noch nach Duschgel und Shampoo duftest, das Bad trocken wischen – und schon schwitzt du wieder. Aber meine Mutter ist nun mal auf Sauberkeit fixiert. Wenn auf den Kacheln Tropfen zurückbleiben, die dann Kalkflecken bilden, schreit sie immer.

Das ist also mein Zuhause. Küche, zwei Zimmer, ein kleines Bad und ein Fenster, das in meinem Zimmer, das ich aber nicht öffnen kann.

Selbst wenn ich hin und her laufen wollte, um meine Gedanken und meine Angst unter Kontrolle zu halten, ich könnte es nicht. Dafür ist kein Platz. Deshalb bleiben meine Gedanken immer hier, mit der Angst, treten auf der Stelle, jetzt, wo ich das Haus nicht mehr verlassen kann.

Früher habe ich immer gebetet. Aber jetzt kann ich nicht einmal mehr beten.

Sonntag ist Wahl, aber ich werde nicht hingehen. Ich werde nicht einmal für den Segen zu Palmsonntag in die Kirche gehen. Ich kaufe nicht ein. Ich gehe nicht ans Meer. Ich habe keine Bedürfnisse mehr. Ich weiß nur eins: Ich will nicht davonlaufen. Ich trage keine Schuld. Und da ich nicht weiß, wo ich sonst hingehen sollte, entscheide ich mich zu bleiben.

Jetzt habe ich viel Zeit in dieser Wohnung. Ich habe keine Eile. Kein Ziel. Gar nichts. Außer meiner Vergangenheit.

Sie werden sich sicherlich fragen, warum ich die Wohnung nicht verlassen kann. Das könnten Sie nicht verstehen, selbst wenn ich versuchte, es Ihnen zu erklären. Geschichten wie meine kann man nicht vom Ende her erzählen. Aber ich kann berichten, wie ich so weit gekommen bin. Ich habe ja Zeit. Viel Zeit.

Ich kann meine Geschichte von Anfang an erzählen, als ich noch ein kleines Mädchen war und alle mich nur »Püppchen« nannten. Jeder nannte mich so, meine Mutter, die Verwandten und sogar die Leute in der Kirche. Ich hatte Grübchen in den Wangen und lachende Augen. Mit den Sommersprossen auf der Nase und dem süßen, leicht schmollenden Gesichtsausdruck sehe ich aus wie eine Puppe. Mitten auf der linken Wange habe ich einen Leberfleck. Meine Haare sind lang und schwarz und glänzen. Und außerdem bin ich klein. Ein Meter, ein Meter fünfzig. So klein wie eine Puppe.

»Annarella, du bist so hübsch wie eine Puppe«, sagten mir alle. Und ich habe ihnen geglaubt.

Dies ist die Geschichte einer dreizehnjährigen Hure. Meine Geschichte. Es ist nicht leicht, sie aufzuschreiben. Und genauso wenig wird es leicht sein, sie zu lesen. Entscheiden Sie jetzt, ob Sie alles erfahren wollen. Doch wenn Sie einmal damit anfangen, dann haben Sie auch den Mut und lesen Sie sie ganz zu Ende, so wie ich den Mut hatte, alles zu durchleben, wovon ich Ihnen erzählen werde.

Ich beginne am Anfang. Als alle mich noch »Püppchen« nannten.

Das Dorf

»Du Hure. Dreckige Schlampe.«

Der Aufschrei einer Frau und quietschende Reifen. Das Auto wendet. Es fährt zurück unter die Fenster des Sozialbaus, und die Frau schreit wieder. Noch lauter. Sie zieht die Konsonanten in die Länge.

»Scheißßßßnutttte.«

Anna ist im Haus. Sie schließt knallend die Fensterläden.

»Dreckige Schlampe!«

Das Auto fährt mit quietschenden Reifen auf der menschenleeren Straße davon. Es ist drei Uhr nachmittags. Ein kühler Wind kündigt den nahenden Abend an. Aus dem Inneren des Hauses hört man keine Antwort, keine Reaktion. Keine Geräusche. Nicht einmal einen Atemzug.

»Dreckige Schlampe«, schreit die Frau. Und das Echo antwortet: »Einmal Hure, immer Hure.«

Violette Wolken drücken auf die mit Früchten reich beladenen Zweige der Mandarinenbäume, die hinter dem Haus mit den verrammelten Fenstern stehen.

Das Auto fährt weg. In der Luft mischt sich der Geruch nach verbranntem Olivenholz mit dem von Zitrusfrüchten.

Der Winter geht zu Ende.

Die Torte

Ich mag Torte, und zwar mit viel süßer Schlagsahne und jeder Menge roten Erdbeeren drauf. Und herzförmig muss sie sein.

Mit der Torte zu meinem dreizehnten Geburtstag hat alles angefangen.

Ich heiße Anna Maria Scarfò und lebe in San Martino di Taurianova. Ich bin in Kalabrien geboren, aufgewachsen und habe immer hier gelebt.

Ich kann mir keinen anderen Ort zum Leben oder zum Sterben vorstellen.

San Martino ist ein hässliches Dorf, sagt meine Schwester immer. Aber ich mag es. Hier gibt es niedrige Häuser und Olivenfelder. Mandarinenbäume. Und meine Familie. Ich kann hier stundenlang mit dem Fahrrad herumfahren.

Ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Habe ich nie gebraucht. Vielleicht liegt darin meine Schuld.

Es ist Ende März 2010, der Monat, in dem alles begonnen hat: am 11. März vor elf Jahren.

Alles hat mit einer Geburtstagstorte angefangen.

* * *

An jenem Nachmittag sagt meine Mutter zu mir, dass ich die Zutaten für meine Torte einkaufen gehen darf. Sie will eine dreistöckige Torte für mich machen. Mit Erdbeeren und Sahne. Sie gibt mir das Geld dafür. Aber bevor ich die Sachen kaufe, gehe ich erst auf die Piazza: Heute ist mein Geburtstag, und ich möchte mich dort sehen lassen, damit mir alle, die mir begegnen, gratulieren. Ich bin dreizehn Jahre alt. In ein paar Monaten werde ich den Abschluss nach der achten Klasse machen. Aus mir wird langsam eine Frau.

Ich drehe meine Runden. Erst als ich von den vielen Glückwünschen beinahe platze, gehe ich in Richtung Lebensmittelladen, um Mehl, Eier und die Hefe für den Teig zu kaufen.

Als ich mit der Tüte im Arm das Geschäft verlasse, kommt auf der Straße ein Auto heran und fährt neben mir her. Es hupt.

»Hallo, Annarella, wo willst du hin?«

Es ist Domenico. Domenico Cucinotta. Ich kenne ihn, obwohl er viel älter ist als ich. Er ist schon zwanzig.

»Hallo. Ich war einkaufen. Heute ist mein Geburtstag. Jetzt gehe ich wieder nach Hause«, sage ich stolz zu ihm gewandt, aber ich gehe weiter.

Domenicos Wagen folgt mir. Neben ihm sitzt sein Freund. Er heißt auch Domenico. Domenico Iannello. Doch der sagt nichts zu mir. Im Ort sind nie viele Autos unterwegs. Ich gehe langsam weiter. Und Domenicos Wagen fährt weiter neben mir her.

»Komm schon, Annarella, bleib doch mal stehen. Weißt du eigentlich, dass du schön bist? Wirklich schön.«

Ich lächele.

»Komm, bleib stehen. Ich möchte dir zum Geburtstag gratulieren, so, wie es sich gehört.«

Ich gebe seinen Schmeicheleien nach und bleibe, die Tüte im Arm, auf dem Bürgersteig stehen. Die beiden Männer bleiben im Wagen sitzen. Domenico lässt den Arm aus dem Seitenfenster hängen. Seine Augen hinter den Brillengläsern mustern mich zärtlich von oben bis unten.

Ich erschauere.

Ist es so, wenn man dreizehn Jahre alt ist? Ist es so, eine Frau zu werden? Ich habe noch nie einen solchen Blick auf mir gesehen oder gespürt. Und jetzt sagen seine Worte dasselbe wie seine Blicke.

»Weißt du eigentlich, Anna, dass ich dich schon eine Weile beobachte? Du interessierst mich. Ich will was von dir.«

»Was willst du denn?«, frage ich frech.

»Ich möchte mich mit dir treffen. Ich möchte mich mit dir verloben.«

»Du willst dich verloben?«

»Sicher.«

»Heute habe ich keine Zeit. Ich muss nach Hause. Ich muss meiner Mutter helfen, die Torte zu backen. Wir reden morgen darüber. Um drei komme ich zur Chorprobe in die Kirche. Wir treffen uns danach. Hinter der Kirche. Um fünf Uhr. In Ordnung?«

Ich hebe die Tüte auf, die ich in der Zwischenzeit auf dem Boden abgestellt hatte, und wende mich ab. Dann mache ich mich auf den Heimweg.

»Alles Gute, Püppchen. Wir sehen uns morgen. Einen schönen Geburtstag«, ruft mir Domenico nach, dann gibt er Gas und fährt ohne ein weiteres Wort davon. Aber mir genügt das.

Ich bin dreizehn Jahre alt und habe vielleicht ab morgen einen Verlobten.

* * *

An die Begegnung mit Domenico Cucinotta und Domenico Iannello kann ich mich Wort für Wort erinnern. Ich erinnere mich an Cucinottas Blick. Daran, wie die Torte geschmeckt hat, die meine Mutter an diesem Abend gebacken hat. Ich erinnere mich an alles.

Das Dorf

Mitten in der Nacht klingelt das Telefon. Alle in der kleinen Wohnung werden wach. Aber nur Anna steht auf. Sie weiß, dass es für sie ist. Halb drei. Sie nimmt den Hörer ab.

»Hallo?«

»Ich werfe dich in eine Wanne mit Säure. So wirst du irgendwann enden. In den nächsten Tagen stirbst du.«

Anna zieht den Stecker des Telefons heraus. Sie geht ins Bad. Wäscht sich die Hände. Dann legt sie sich wieder ins Bett.

»Wer war das, Anna?«, fragt ihre Schwester schlaftrunken.

»Niemand. Mach dir keine Sorgen, schlaf weiter.«

»Was haben sie gesagt?«

»Jetzt wird geschlafen.«

»Hast du das Telefon ausgestöpselt?«

»Ja.«

»Gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Vier Augen starren weit aufgerissen in die Dunkelheit und warten darauf, dass es Tag wird.

Die Stufe

Das Fest an meinem dreizehnten Geburtstag war wunderschön. Alle meine Onkel und Tanten sind gekommen. Auch meine Lieblingstante Tiziana. Und meine Cousinen. Mama hat eine wunderbare Torte gebacken, wirklich dreistöckig, wie versprochen, und ich habe ein Stofftier bekommen und ein neues Kleid für den Tag der Abschlussprüfungen.

Am nächsten Tag treffe ich mich wie verabredet mit Domenico.

Wir üben mit dem Kirchenchor das Ave Maria ein. Das werden wir an Ostern singen. Ich habe sogar ein Solo. Und dank dem Chor kann ich mich etwas freier bewegen und auch nachmittags das Haus verlassen.

Nach der Probe gehe ich hinter die Kirche. Domenico wartet dort schon auf mich. Er ist allein. Wir setzen uns ganz nah beieinander auf eine Stufe. Er nimmt sofort meine Hände. Und ich lasse es zu. Mir gefällt das.

»Ich möchte mich mit dir treffen. Mir ist es ernst. Ich werde mit deinem Vater reden. Du bist ein Püppchen. Und du sollst mein Püppchen sein.«

Er sagt viele solche zärtlichen Sachen zu mir. Ist so nett. Ich werde ganz rot und bringe kaum ein Wort heraus. Ich hatte noch nie einen festen Freund. Einen Verlobten.

Domenico arbeitet bei seinem Vater in der Ziegelei von Rendo. Er fährt einen grünen Lancia Y10. Und er ist ein anständiger Kerl. Er verdient sich seinen Lebensunterhalt auf ehrliche Weise.

Nach jenem Nachmittag treffen wir uns noch einige Male. Wir verabreden uns nie vorher. Ich sehe ihn, wenn ich aus der Schule komme. Oder vor der Chorprobe. Wir treffen uns einfach im Ort, und dann gehen wir zu unserer Stufe hinter der Kirche. Es ist nur eine Stufe vor einer verschlossenen Tür, auf der Rückseite der Pfarrkirche. Doch für mich ist sie so schön wie eine Bank am Meer.

Auf der Eisentür stehen viele Namen von verliebten Pärchen, mit dickem Edding draufgekritzelt. Und wir lehnen uns mit dem Rücken an die Tür und ihre Versprechen und reden über Gott und die Welt. Aber niemals sehr lange.

Wir bleiben nur kurz zusammen, weil ich dann immer nach Hause muss. Ich darf nicht lange allein unterwegs sein. Aber für ihn ist das so in Ordnung. Und er macht mir viele Komplimente.

Zu Hause und bei meinen Mitschülerinnen erzähle ich nichts von meinen Treffen mit Domenico. Kaum eine meiner Freundinnen hat schon einen festen Freund, einen Verlobten.

Jedes Mal, wenn ich von einem Treffen mit Domenico nach Hause komme, schalte ich das Radio ein. Dann suche ich nach Liebesliedern und singe mit. Meine Mutter sagt, ich spinne. Aber ich singe trotzdem. Und träume von meinem Brautkleid.

Es muss aus Seide sein, und lang natürlich. Außerdem soll es am Rücken drei Röschen haben, eine Brosche, um die Schleppe zu halten, die lang, weich fallend und weiß sein muss. Kein Schleier, weil ich so klein bin. Aber dafür ein Krönchen aus Seidenrosen auf den Haaren, die ich offen tragen werde.

Ich singe und träume vor mich hin und denke an all die Worte, die Domenico zu mir sagt. Es ist wunderbar, dreizehn Jahre alt zu sein.

Das Dorf

»Du bist eine Nutte, eine verdorbene Schlampe. Du gefällst mir so, warum gehst du nicht mal mit mir? Du bist doch so gut im Blasen. Du Nutte, mir ist ganz egal, dass du zu den Carabinieri gerannt bist. Wenn du nicht am üblichen Platz auftauchst, komme ich zu dir nach Hause.«

Der erste Anruf ist heute um 15.55 Uhr. Ein weiterer um 15.57. Und um 16.06. Um 16.11. Um 16.14. Und um 16.16.

Es sind immer die.

Anna zieht den Telefonstecker heraus, sie schließt das Fenster, verriegelt die Tür.

Doch die Stimmen schweigen nicht. Die anklagenden Worte schlüpfen durch die Mauerritzen hinein, unter der Tür durch. Dringen von oben durch das Dach ein und mit dem Wasser, das aus dem Wasserhahn kommt.

Sie sind immer da und werden nie müde. Die wollen sie, wollen sie immer noch.

Ich will mich nicht mehr mit ihm verloben

Heute habe ich mich mit Domenico getroffen. Ich will mich nicht mehr mit ihm verloben. Will ihn nie wieder sehen. Wir haben uns am Schultor getroffen. Er hat mich gefragt, ob ich nicht einen Ausflug machen wollte, ein wenig raus vors Dorf. Ich war glücklich. Es wird Frühling. Und in der Sonne ist es angenehm warm.

»Aber nicht länger als eine halbe Stunde, meine Mutter wartet auf mich. Ich muss ihr helfen, Abendessen zu machen«, habe ich ihm gleich gesagt.

»Eine halbe Stunde reicht«, hat er geantwortet, und da habe ich ihm noch geglaubt.

Ich steige in den Wagen.

Ich weiß, dass er mit mir rausfahren will, um mich zu küssen. Verlobte küssen sich. Und ich möchte das auch.

Aber als Domenico wenig später den Wagen anhält, sehe ich, dass wir dort draußen nicht allein sind. Da ist auch sein Freund Domenico Iannello, den ich am Tag der Geburtstagstorte gesehen habe. Und andere junge Männer.

Sobald sie mich sehen, fangen sie an zu grinsen. Ihre Gesichter sind zu schrecklichen Grimassen verzerrt. Sie lachen. Sagen kein Wort. Und lassen die Hosen herunter.

Um mich herum Oliven und Erde. Erde und Oliven. Der Himmel. Sonst nichts. Sie haben ihr Ding herausgeholt. Den Penis. Den Schwanz. Dieses Wort habe ich noch nie ausgesprochen. Ich bekomme einen Schreck und schreie. Weiß nicht, wohin ich schauen soll. Ich starre sie an.

Domenicos Lancia Y10 parkt mitten auf dem Feld unter einem Olivenbaum. Die Männer stehen in einer Reihe vor mir. Ich bleibe ganz nah beim Wagen und rühre mich nicht. Mein Herz rast.

Sie wollen, dass ich bei ihnen irgendwelche Sachen mit dem Mund mache. Zeigen mir das mit ihren Händen. Winken mir, ich soll zu ihnen kommen.

Sie lachen.

Ich steige wieder in den Wagen. Dort sitze ich starr wie eine Statue. Stumm. Ich habe Angst, richtig Angst. Wo bin ich hier gelandet? Wo soll ich nur hin?

»Hilfe«, rufe ich schrill. Wieder und wieder. »Hilfe! Helft mir doch!«

Da werden sie wütend und lachen nicht mehr. Ziehen nur die Hosen hoch. Kommen nicht einmal näher. Die Männer reden miteinander. Ich starre sie weiter an und rühre mich nicht.

Irgendwann steigt Domenico in den Wagen und fährt los. Die Räder bohren sich tief ins Erdreich. Die anderen bleiben unter dem Olivenbaum stehen. Domenico bringt mich zur Kirche zurück. Den ganzen Weg über sagt er kein Wort und schaut vor sich auf die Straße. Genau wie ich.

Ich will Domenico Cucinotta nicht mehr sehen. Er hat gesagt, dass er sich mit mir verloben will. Dass er mit meinem Vater sprechen will. Und was erzählt er meinem Vater über heute Nachmittag?

Ich verstehe die masculi, die Männer nicht. Ich bin verwirrt. Begreife weder, was ich fühle, noch weiß ich genau, was die heute von mir wollten und warum. Machen die älteren Mädchen solche Sachen etwa mit ihren Verlobten?

Als ich die Szene auf dem Feld wieder vor mir sehe, verjage ich den Gedanken sofort. Ich habe Angst, mich daran zu erinnern. Mein Magen zieht sich dann ganz schrecklich zusammen.

Ich würde gern meine Mutter fragen. Aber sie ist so naiv. Mit Mama kann ich über Küchendinge reden und über die Wäsche. Aber über so etwas rede ich nicht mit ihr. Nicht einmal über die Schule. Gar nicht daran zu denken, dass ich ihr sagen könnte, was heute dort draußen passiert ist. Meine Schwester ist zehn Jahre alt. Sie ist zu klein. Wie gern hätte ich jetzt eine ältere Schwester.

Ich habe noch nie zuvor einen nackten Mann gesehen. Es gefällt mir nicht. Ich habe noch nicht einmal jemanden geküsst.

Das Dorf

Heute hat Anna das Haus verlassen. Sie hat es dort drinnen nicht mehr ausgehalten. Sie bekam keine Luft mehr. Heute Nacht hatte sie einen Albtraum. Sie hat geträumt, während sie im Bett lag, hätte es zu regnen begonnen. Das Dach des Hauses war verschwunden, und es regnete hinein. Das Wasser prasselte heftig auf sie herab. Und sie begann es zu schlucken. Sie konnte nicht mehr atmen. Es regnete. Dann war sie am Strand. Die Wellen brachen über sie herein. Und sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten.

Wasser.

Ein Atemzug.

Wasser.

Es war schrecklich.

Heute hat sie das Haus verlassen. Aber sobald sie um die Ecke bog, hat eine von denen von einem Balkon im ersten Stock eine brennende Zigarette nach ihr geworfen und sie genau im Gesicht getroffen.

»Wir werden dich verbrennen. Du kannst uns so oft anzeigen wie du willst, die können ja doch nichts tun.«

Anna ist sofort nach Hause zurückgelaufen.

Sie bekommt keine Luft mehr.

Ave Maria

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir.

Die Nacht vor Ostern. Heute ist Messe, und ich darf abends aus dem Haus gehen, weil ich im Chor singe. Das ist ein Ereignis. Seit dem Morgen bin ich schon aufgeregt, ich bin sehr früh aufgewacht, so sehr freue ich mich darauf, dort heute Abend zu singen.

Ich ziehe mich langsam an. Ein schwarzes Röckchen. Einen grünen Pullover. Flache Schuhe. Ohne Strümpfe. Meine Haare duften frisch, und ich habe sie mit einem Eisen geglättet. Ich schminke mich. Male mir Blau auf die Augen. Im Bad verfolgt meine Schwester gebannt, wie ich geschickt und rasch den Lidschatten verteile. Meine Mutter schminkt sich nie. Ich weiß nicht einmal, von wem ich gelernt habe, Kajal, Lidschatten und Lippenstift zu benutzen. Das habe ich mir bei den älteren Mädchen abgeschaut. Ich habe sie beobachtet. Und den Lidschatten hat mir eine Freundin geschenkt, die schon siebzehn ist. Es ist nicht mehr viel drin, deshalb benutze ich ihn nur bei besonderen Gelegenheiten.

Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

Während ich mich im Bad schminke, singe ich diese Worte leise vor mich hin, empfinde jedes einzelne tief in meinem Herzen nach, bevor ich es über die Lippen kommen lasse. Ich mag nicht an Domenico denken. An das, was auf dem Land passiert ist. Heute Abend will ich nur singen und dabei an Jesus und Maria denken.

Heilige Maria, Mutter Gottes.

Nach der achten Klasse will ich eine Friseurlehre machen. Ich kann schon sehr gut frisieren. Mit dem schwarzen Stift umrande ich meine Augen.

»Anna, beeil dich, es ist schon spät.« Meine Mutter betritt das Bad.

»Schon fertig. Ich gehe.« Ich verstecke den Lidschatten in der Schublade des Schrankes zwischen den sauberen Höschen und räume auf: Haarbürste, Shampoo, Handtücher.

Im Haus herrscht Festtagsstimmung.

»Ich will auch mitgehen, Mama, ich auch«, jammert meine Schwester und klammert sich an meinem Röckchen fest.

Meine Mutter zieht sie weg.

»Dazu bist du noch zu klein.

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