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Sommer der Träume

Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Folge
  3. Über die Autoren
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Insel hinterm Horizont
  7. Griechische Geheimnisse
  8. Drei Tage in Rom … und eine Nacht
  9. Wenn Palmen Liebeslieder singen
  10. Wer ist die Frau in meinem Bett?
  11. In der nächsten Folge

Fünf Geschichten rund um Sommer, Sonne, Leidenschaft!

Folgen Sie uns in den „Sommer der Träume“ und lassen Sie sich von weißen Stränden und fernen Ländern verzaubern …

 

Über diese Folgen

„Insel hinterm Horizont“ von Vicki Parker

Kathrin verbringt ihren Urlaub auf Petit St. Vincent, einem Inselparadies im Ozean. Gleich zu Beginn lernt sie Andy kennen und verbringt mit ihm die Tage in einem Rausch der Zärtlichkeiten. Doch dann ist Andy eines Morgens abgereist …

 

„Griechische Geheimnisse“ von Charlotte Vary

Weil seine Ehe kriselt, flieht Peter auf die griechische Insel Karpathos, um Abstand zu gewinnen. Claudia reist ihm hinterher, um ihre Ehe zu retten. Aber dann lernt sie plötzlich einen geheimnisvollen Fremden kennen, der sie vergessen lässt, weshalb sie eigentlich nach Karpathos gekommen ist  …

 

„Drei Tage in Rom … und eine Nacht“ von Laura Hanson

Ulrike gönnt sich einen Wochenend-Trip nach Rom – nur für sich selbst. Am Tiber blühen die Mandelbäume, in den Gärten der Borghese duftet es nach Blumen und Ulrike fühlt sich wie eine Prinzessin. Aber wird sie in Rom auch ihren Prinzen finden?

 

„Wenn Palmen Liebeslieder singen“ von Jill Hilton

Sonne, blaues Meer und Palmen unter einem klaren Sternenhimmel – dazu ein verführerischer Mann. Britta erlebt den Urlaub ihrer Träume. Aber Martin hat einen entscheidenden Fehler – er sagt, er sei verheiratet …

 

„Wer ist die Frau in meinem Bett?“ von Chris Williams

Bei einem Preisausschreiben gewinnt die Wienerin Theresa ein Verwöhn- Wochenende – ausgerechnet in Wien!

In dem Luxushotel lernt sie nicht nur einen charmanten Mann kennen, sondern verwechselt aus Versehen auch die Zimmertür – und landet in einem fremden Bett 

Über die Autoren

Vicki Parker

Die Autorin schreibt am liebsten ganz früh morgens. Dann, wenn der Tag noch wie ein unbeschriebenes Blatt vor einem liegt. Vicki Parker liebt die verschiedenen Jahreszeiten und dekoriert ihr Haus gerne um. Dabei wird sie von ihren  Zwillingstöchtern begeistert unterstützt.

Charlotte Vary

Seit vielen Jahren ist die beliebte Autorin dem Bastei Verlag ganz eng verbunden. Sie hat schon mehr als hundert Romane geschrieben, und jeder einzelne bürgt für spannende Unterhaltung und ein zu Herzen gehendes Schicksal. Charlotte Vary  wohnt im oberbayerischen Rosenheim zwischen Chiemsee und Wendelstein. Wenn die Sonne die Gipfel der Alpen kurz vorm Untergehen noch einmal zum Glühen bringt, spürt sie ein tiefes Glücksgefühl.

Laura Hanson

Sie ist der Shootingstar in Autorenkreisen. Obwohl sie erst Anfang dreißig ist, bestechen ihre Romane durch besonderen Tiefgang. Für Laura Hanson ist es wichtig, dass sie mit ihren Geschichten die Leser glücklich macht. Im nächsten Jahr will sie heiraten. Geplant sind mindestens drei Kinder.

Jill Hilton

Die Autorin lebt und arbeitet an einem der schönsten Abschnitte des Hamburger Elbstrands. Von ihrem Schreibtisch aus kann sie beobachten, wie Einheimische und Urlauber auf der Promenade flanieren und relaxen. Viele bleiben sogar stehen, um ihren üppig blühenden Garten zu bewundern. Einmal im Jahr allerdings zieht es Jill Hilton in die Ferne. Dann kommt sie mit einem Koffer voller Abenteuer zurück, die sie zu spannenden Romanen verarbeitet.

Chris Williams

Neben dem Schreiben ist das Reisen die größte Leidenschaft von Chris Williams. Sie ist in der beneidenswerten Lage, ihre Arbeit und ihr Vergnügen miteinander zu verbinden. Zu Hause ist sie seit vielen Jahren auf Gran Canaria. Auch ihre Mutter war schon eine bekannte Schriftstellerin. Von ihr hat Chris Williams das Talent geerbt.

Vicki Parker – Charlotte Vary – Laura Hanson – Jill Hilton – Chris Williams

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Insel hinterm Horizont

Vicki Parker

Wo, bitte sehr, liegt Petit St. Vincent?

Das ist doch nur ein Pünktchen im Ozean, irgendwo in der Karibik. Aber was für ein Pünktchen, wenn man erst mal darauf steht! Es ist das Paradies aller Paradiese, mit Palmen und blühenden Hibiskussträuchern, so weit das Auge reicht. Und das Meer spiegelt die unwahrscheinliche Bläue des Himmels wider.

Nur wenigen Menschen ist es vergönnt, diesen verwunschenen Garten Eden kennenzulernen. Katrin jedoch darf dazugehören – zwei unendlich schöne Wochen lang. Gleich zu Beginn lernt sie Andy kennen und verliebt sich in diesen faszinieren Mann. Die Tage, die sie zusammen verbringen, sind wie ein Rausch an Zärtlichkeit. Darüber, dass ihre gemeinsame Zeit begrenzt ist, sprechen sie nicht – doch dann ist Andy eines Morgens abgereist …

„Katrin, Liebes?“

Von weit her schien die brüchige Stimme zu kommen, von einem Land jenseits aller Breitengrade und Klimazonen.

„Katrin, Liebes?“

Alt wirkte die Stimme, die da rief, müde und resigniert, unglücklich und schmerzerfüllt, doch die Frau, zu der sie gehörte, war kaum über fünfzig.

„Ja, Mama! Ich komme zu dir!“ Katrin eilte in das kleine Zimmer zum Hof, das einem Gefängnis glich, obwohl es keine vergitterten Fenster hatte, obwohl kein Aufseher mit rasselnder Schlüsselkette zugegen war. Ein Gefängnis, oh ja, denn wer jahrelang dahinsiecht, mit jedem Tag ein wenig mehr stirbt, für den gibt es keine Freiheit mehr.

Anna Thermolen lächelte ihre Tochter an.

Wie schön sie ist, dachte die Einundfünfzigjährige zärtlich. Wie schön und wie unglaublich tapfer. Sie hat ihre Brüder großgezogen und mich gepflegt, auf eigene Wünsche verzichtet. Und sie ist nie demütig geworden, sondern ein kleiner Kämpfer, bereit, sich überall in der Welt durchzusetzen.

„Versprich mir, dass du Ferien machst, wenn ich nicht mehr bin!“, bat die Kranke. „Du fährst irgendwohin, wo die Sonne scheint, wo der Wind in den Palmen spielt und Paradiesvögel zwitschern.“

Katrin blies eine vorwitzige Strähne ihres langen, blonden Haares aus der Stirn.

„Du bist eine hoffnungslose Romantikerin, Mama“, kritisierte sie. „Erstens wirst du noch lange nicht sterben, und zweitens habe ich keine Lust auf Urlaub und Palmen und deine verrückten Vögel …“

Sie hätte gern noch ein „Drittens“ hinzugefügt, aber das hätte die Kranke nur noch mehr bekümmert. Und drittens würde Katrin, sollte das Ende ihrer Mutter kommen, einen Haufen Schulden haben, kein Einkommen und daher auch keine Möglichkeit, überhaupt an eine Reise zu denken.

Besorgt schaute sie die ältere Frau an. Seit neunzehn Jahren litt sie nun schon an Multipler Sklerose. In Schüben hatte sich die Krankheit von Jahr zu Jahr verschlechtert, bis Anna Thermolen völlig gelähmt war, hilflos und schwach, darauf angewiesen, dass jemand sie pflegte.

„Wie bitte?“, hatte Jens, damals sechzehn, entgeistert gefragt. „Ich soll für Mutter sorgen? Dafür sind ja wohl Frauen zuständig.“

Er hatte seine Nase wieder in die schlauen Bücher gesteckt und es als selbstverständlich empfunden, dass Katrin ihn „mit diesem Mist“ in Ruhe ließ und zudem noch ein paar Euro lockermachte, damit er sich in seiner Freizeit vergnügen konnte.

„Ich?“, hatte Timo, damals einundzwanzig, ebenso entgeistert gefragt. „Du bist doch das Mädchen in der Familie, Katrin!“

Und er hatte schnell die Telefonnummer seiner Freundin gewählt, Liebesworte in den Hörer geflüstert und es ohne schlechtes Gewissen angenommen, dass Katrin schnell noch was für sein Mädchen kochte und ihm sein Hemd bügelte. Und noch viel, viel mehr.

Und damals war Katrin erst achtzehn gewesen, bildhübsch, begabt, ein Mädchen, das mit links sein Abitur hätte machen können, wenn nur … ja, wenn nur die Mutter sie nicht gebraucht hätte.

Jetzt war sie achtundzwanzig. Die Brüder waren aus dem Haus. Eilig hatten sie es gehabt, als feststand, dass ihre Mutter nun ein Pflegefall war. Sie riefen dann und wann an, schickten Postkarten aus den Staaten oder von Mallorca, und in unleserlichen Krakeleien standen darauf so nichtssagende Mitteilungen wie: „Geht’s gut, altes Haus?“ oder auch: „Tolles Wetter hier, bei euch auch?“

Ach ja! So waren die Männer eben, egal, ob sie Brüder waren oder Kollegen, Nachbarn oder Chefs. Männer waren mies. So einfach war das! Der liebe Gott hatte bei seinem ersten Versuch, ein brauchbares Ebenbild zu schaffen, danebengegriffen. Schade drum! Denn wären die Männer anders, ließe es sich ja mit ihnen leben. So aber nicht, nein! Absolut nicht!

Katrin seufzte, wie immer, wenn ihr dieses „leidige Thema“ auch nur einfiel. Schwamm drüber!

Ihre Mutter hatte sie beobachtet, mit jenem weisen, lieben Lächeln, das eigentlich nur in den Mundwinkeln lag und ihr doch einen anderen Ausdruck gab als den, den Schwerkranke normalerweise haben. Sanft wirkte dieses Lächeln, zärtlich und gut.

„Versprich es mir, Katrin!“, bat sie noch einmal.

Wie ernst sie heute war! Und wie beharrlich! Selbst wenn Katrin sie jetzt zu beschwindeln versuchte – sie log nie, niemals! –, Anna Thermolen würde ihr nicht glauben.

„Ach, Mutter!“

Mutter nannte sie sie nur, wenn etwas anders war. Und heute war etwas anders, und deshalb fürchtete Katrin sich.

„Ach, Mutter, wenn du nicht sofort aufhörst, lese ich dir nichts vor!“

Jetzt lachten beide. Diese halbherzige Drohung würde Katrin natürlich nie wahrmachen, denn sie beide liebten ja diese Nachmittagsstunden, in denen sie ein neues Buch gemeinsam erforschten. Die gesamte Weltliteratur gehörte schon ihnen, war nicht nur angelesen, sondern auch besprochen und damit „verdaut“.

Zehn Jahre Bettlägerigkeit und dabei tägliche Beschäftigung mit der Literatur vermittelten ein wunderbares Wissen um die Zusammenhänge im Leben. Nicht nur Worte waren es, oh nein, nicht nur angedeutete Charaktere. Katrin und Anna Thermolen lebten mit ihren Buchhelden, und ein einziger Blick zwischen ihnen reichte aus, um den anderen an einzelne Passagen, einzelne Menschen zu erinnern.

Wie ich dieses Kind liebe!, dachte die Kranke.

O Mama, ich liebe dich ja so sehr!, dachte Katrin.

Und da sprach sie es zum dritten Mal aus: „Versprich es mir, Katrin!“

Die junge Frau nickte.

„Ja, ich verspreche es dir. Und nun, wo du deinen Dickkopf durchgesetzt hast, drehe ich dich auf die andere Seite und lösche das Licht. Du bemühst dich, zu schlafen, ja?“

Nach dem nachmittäglichen Lesen kam die nötige Prozedur der Aufdeckung aller kleinen Wunden, die durch das lange Liegen entstanden waren. Katrin betupfte sie mit frischer Salbe, verband sie und legte die Kranke auf die andere Seite.

„Ich wecke dich in einer Stunde, Mama!“

Sie löschte das Licht und öffnete die Fensterklappe zum Hof. Draußen tröpfelte der Regen auf schwarze Mülltonnen. Die dicke Frau Schmidt von gegenüber schrie ihren kleinen Sohn an. Irgendwo plärrte ein Fernseher. „Du hast mich belogen und betrogen!“, sagte eine Filmstimme vorwurfsvoll. Und der Mann dazu erwiderte: „Aber Schätzchen! Ein Mann kann nun einmal nicht monogam sein. Männer sind geborene Verführer …“

Grimmig nickte Katrin. Ja, das waren sie, diese Hallodris, diese Flunkerer, diese albernen Casanovas! Blöd waren die außerdem. Wenn sie da nur an Holger dachte, der sich ganz schnell entlobte, als er begriffen hatte, dass sie ihre Mutter niemals allein lassen würde. Jetzt hatte er Gerti, die mit dem konstanten Übergewicht, und alle Nachbarn munkelten, dass das Kind gar nicht von ihm war, denn es sah „zufällig“ Heinzi von gegenüber unheimlich ähnlich …

***

Ein kleines bisschen deprimiert war Katrin an diesem Mittwoch im Oktober doch. Schon seit Tagen regnete es, was der engen Innenstadtstraße, nahe des Hamburger Hauptbahnhofs, etwas Düsteres, Unheilvolles gab. Keine der niedrigen, engen Wohnungen hatte einen Balkon. Wozu auch? Die sechs Meter bis zum Haus gegenüber schienen ohnehin nur aus rußiger Luft zu bestehen.

Na ja! Schon gut. Dafür war die Miete halt billig, der Hausbesitzer kein gieriger Typ, und die Tauben, die im Dach nisteten, gaben dem Viertel immerhin so etwas wie venezianischen Charme. Ja, Venedig! Gondel fahren und schwarz gelockte Papagalli mit einem einzigen Blick in ihre Schranken, sprich: Gondel weisen. Aber vielleicht war Venedig gar nicht so schön …

Wie kam sie nur darauf? Weil Mama immer von Palmen sprach. Nicht etwa, dass Anna Thermolen jemals weiter „gereist“ wäre als hinter das, was die Hamburger ihre Berge nennen, kleine Hügelchen am Stadtrand, die sie im Winter verbissen mit Langlaufskiern durchzogen. Vielleicht träumten Kranke einfach mehr als Gesunde. Ja, das war es wohl.

Katrin wusch ab und putzte die kleine Küche. Der Wasserhahn tropfte mal wieder, das Abflussrohr war verstopft, und dann machte es „zisch“, und die Glühbirne verlosch. Es gab Tage, in denen so kleine Malheure nichts bedeuteten, und solche, in denen sie einem Fiasko glichen. Regenreiche Mittwochnachmittage im Oktober gehörten offenbar zur zweiten Kategorie.

Die Laterne von gegenüber ließ schaurig-bleiches Licht hereinfließen und sorgte dafür, dass Katrin sich in den Fensterscheiben spiegeln konnte. Sie tat das nicht gern. Dieses Sich-Begucken kam ihr ungehörig vor, eitel, kokett, zu gar nichts gut.

Trotzdem: Ich bin ganz hübsch!, dachte sie.

Das blonde, glatte Haar mit dem vorwitzigen Pony, der ihr fast immer in die Augen fiel, war zu einem recht lieblosen Pferdeschwanz hochgesteckt. Die blaugrauen, leicht schräg gestellten Augen blitzten zornig oder traurig – je nachdem. Und ihre Figur – fast ein Meter siebzig groß war sie immerhin, hatte lange Beine mit schmalen Fesseln. Sie war sehr schlank und dennoch weiblich gerundet – ja, alles konnte sich sehen lassen, selbst in diesen unmöglichen Jeans-Latzhosen und dem abgetragenen Pulli darunter.

Die Latzhose ist aber praktisch, verteidigte sich Katrin selbst. In den elf Taschen lässt sich alles prima unterbringen. Wichtiges Handwerkszeug, das ich sonst niemals finde, zum Beispiel, Mutters Pillen und Arzneien und die geliebten Glimmstängel auch. Ja, sie rauchte! Und selbst Dr. Gerlach, der täglich nach Anna Thermolen sah, mochte ihrer Pflegerin das nicht verbieten. Die paar hastigen Züge in der Küche, am offenen Fenster dazu, damit die Kranke nicht noch mehr belastet wurde, konnten kaum schaden.

Und wenn schon! Eigentlich war der blaue Dunst das Einzige, was Katrin hatte.

Das Einzige? Sie kicherte. Nein, sie besaß noch etwas: einen Führerschein und das Gefährt dazu. Wagen konnte man es nicht nennen, Auto eigentlich auch nicht. Mausgrau war das Vehikel; es besaß vier richtige Räder, ein Chassis auch, sogar vier Sitze, von denen allerdings drei nicht recht funktionierten. Dass die Beamten beim TÜV letztes Jahr noch einmal ein Auge zugedrückt hatten, grenzte an ein Wunder.

„Wie viele Jahre hat das Ding da auf dem Buckel?“, erkundigten sie sich immer wieder.

„Siebenundzwanzig“, antwortete Katrin wahrheitsgemäß. „Ist ein echter Oldtimer, und damit wäre es ein Verbrechen, ihn von der Straße zu jagen. Ach, bitte, bitte, Herr Inspektor!“

Sie hatte sich extra fein gemacht für diesen Tag, genauer gesagt: Sie trug ihr einziges Kleid, das etwa sieben, acht Jahre alt und damit grässlich unmodern war. Aber der tiefe Ausschnitt hatte wohl eine deutlichere Sprache als das verbeulte Wägelchen gesprochen.

Wobei man ja wieder beim Thema war: Männer! Zu dumm, dass ihr diese Spezies Mensch überhaupt noch einfiel, zumal Mama ja auch so ihre schlechten Erfahrungen gemacht hatte: Der Vater des Kindertrios war vor fünfzehn Jahren vom „schnellen“ Besorgen eines Lottoscheins nicht mehr zurückgekehrt.

Sein Verschwinden bot Anlass zu allerlei Vermutungen: Vielleicht hatte er eine Geliebte; vielleicht ahnte er voraus, dass er sechs Richtige haben würde, und wollte nicht mit einer Frau und drei Kindern teilen. Ein Verbrechen immerhin war nicht geschehen, gestorben war der Herr Papa garantiert nicht. Tote pflegen nicht anzurufen und Katrin anzuschnauzen.

„Schick mir sofort meine persönlichen Papiere hierher, postlagernd“, hatte er befohlen.

Na ja. Schon gut. Wirklich, es machte ihr nichts mehr aus. Männer waren eben so.

***

Katrin hatte es gefühlt, schon am Morgen, als sie erwachte: Das Ende war nah. Etwas Geheimnisvolles lag in diesem Wissen um die nahe Erlösung, und dieses Geheimnisvolle ließ Anna Thermolen heiterer als sonst die Augen öffnen.

Katrin ist jetzt achtundzwanzig, dachte sie. Sie hat zehn Jahre des täglichen Opfers erlebt. Jetzt darf sie endlich mal an sich denken.

Ja, die Kranke fühlte sich heiter und leicht. Wenn es einen Gott gab, hatte sie nichts zu befürchten. Vielleicht breitete er gar die Arme aus und sagte etwas wie: „Hallo, Anna! Komm, mach’s dir bequem!“

Im Himmel brauchte man wohl keine Rollstühle und keine Pflegerinnen, keine starken Medikamente und Wundbalsame. Im Himmel schwebte man.

Und wenn es keinen Gott gab?

Anna Thermolen seufzte.

Dann werde ich eben zu Asche, überlegte sie. Ich werde eines Tages ein Teil der Erde, aus der ich gekommen bin. Ist doch ein tröstlicher Gedanke.

Diese Herzschmerzen neuerdings – sie hatte sie vor Dr. Gerlach verheimlicht, erst recht vor Katrin. Mit den Herzen war das so eine Sache. Jahrzehntelang blubberten sie gleichmäßig vor sich hin. Aber eines Tages wurden sie nun einmal müde. Das zeigten sie deutlich, indem sie plötzlich anders schlugen. Wie eine Uhr, die kaputt war. Genauer gesagt, wie eine, die nicht mehr reparabel war.

Aber ganz sicher war sich Anna Thermolen natürlich nicht. Vielleicht kannte Dr. Gerlach eine Operationsmöglichkeit. Er würde sie in die Klinik einweisen, aufschneiden und an einen Tropf hängen. Nein, das wollte sie nicht! Ihre Zeit war um, seit zehn Jahren schon. Der liebe Gott – sie war sicher, dass es ihn gab, sehr sicher – der liebe Gott hatte nur vergessen, ihr den berühmten Wink zu geben. So etwas konnte passieren.

Er hatte viel um die Ohren mit seinen Menschen, die grundsätzlich immer das taten, was er nicht wollte.

Anna Thermolen lächelte.

Ganz leise sollte ich gehen, überlegte sie. Gewiss sitzt Katrin jetzt in der Küche und raucht ihre Zigarette. Ja, ganz leise sollte ich gehen. Sie soll es nicht miterleben. Bestimmt hat sie genug geweint. Zehn Jahre mit einer Gelähmten … das arme Kind.

Seltsam, wie wenig die Wunden auf dem Rücken jetzt schmerzten! Seltsam auch, wie ruhig ihr Atem jetzt ging! Die bewegungslosen Beine schienen weniger schwer. Ob Sterbende keine … Krüppel mehr sind? Gut, dass Katrin ihre Gedanken nicht lesen konnte, nicht alle wenigstens. Sie hätte nie erlaubt, dass ihre Mutter das Wort „Krüppel“ benutzte. War es hässlich, dieses Wort? Nein, eher die Art, wie Gesunde es aussprachen. Worte konnten nicht hässlich sein. Menschen, die ja. Manche, nicht alle.

Wo ihre Söhne jetzt wohl waren? Timo hatte gerade Urlaub auf Hawaii gemacht, und sein kleiner Bruder war ihm auf den oberen Sprossen der Karriereleiter längst gefolgt. Mit sechsundzwanzig Manager einer Firma … nicht schlecht. Wenn die zwei nur nicht so … hartherzig wären! Ihr machte es inzwischen nicht mehr viel aus, aber Katrin litt unter dem Desinteresse der Jungen, ihrer Egozentrik und Borniertheit.

Ja, doch, sie waren borniert, die Herren Söhne, trotz Studium und Chefgehabe. Traurig, wenn eine Mutter das von ihren eigenen Kindern sagen musste. Traurig, aber wahr.

Ja, ich sollte jetzt hinübergehen, leise und unauffällig, prägte Anna Thermolen sich ein. Sie schloss die Augen. Es war schon dunkel draußen. Eigentlich ganz gut, denn dann musste sie in diesen letzten Minuten nicht mehr die schwarzgrauen Wände von gegenüber sehen. Sie konnte träumen von einer Blumenwiese, vom herrlichen intensiven Licht, das ihr schon einmal begegnet war. Aber da hatte Dr. Gerlach sie zurück ins Leben geholt. Ob er verliebt in Katrin war? Hoffentlich nicht. Ihr Kind kannte sich nicht mit Männern aus, und Gerlach war kein Partner für sie. Der redete einfach zu geschwollen und tat zu wenig.

Wie schön! Jetzt erstand diese Wiese ja wieder vor ihren Augen! Butterblumen blühten da, niedrige Margeriten und Löwenzahn. Sogar Malven und Vergissmeinnicht, Petunien und Schlüsselblümchen. In der Natur gab es vielleicht diese Zusammenstellung nicht, aber das zählte ja nun nicht mehr. Das Bächlein dort drüben sah himmelblau aus, hatte ein schneebedecktes Ufer, an dem Kinder spielten. Eines sah wie Katrin aus. Dasselbe ebenmäßige, schöne Gesicht, dieselben herrlichen Haare.

„Katrin“, flüsterte Anna Thermolen zärtlich, und das Kind drehte sich lachend um, lief ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen. „Ich hab dich so lieb, Katrin“, murmelte die Mutter.

***

Was hatte Katrin alarmiert? Eine Bewegung? Ein schwacher Ruf? Sie wusste es nicht.

Ihr Herz schlug hämmernd gegen die Rippen, als sie ins Zimmer der Kranken hinüberging. Sie tippte auf den Lichtschalter.

„Mama? Bist du wach?“

Keine Antwort. Nur das Geräusch eines schwachen Atems, schwächer als sonst, viel, viel schwächer.

„Mama, sag etwas, bitte, bitte!“ Sie hörte selbst die Angst aus ihrer Stimme heraus. Sonst verbot sie sich diesen Klang, jetzt aber kam er wie von selbst, so, als wüsste sie, dass nichts mehr ihre Mutter ängstigen konnte.

Die wenigen Schritte zum Bett. Den Puls fühlen. Er war ja viel zu langsam, mein Gott!

„Mama, sag etwas! Hast du große Schmerzen? Ich rufe Dr. Gerlach an. Er kommt bestimmt sofort und hilft dir.“

Das Telefon stand auf dem Nachttisch; wie als Erinnerung an eine Zeit, in der ihre Mutter noch die Arme bewegen und selbst eine Nummer wählen konnte. Wie lange war das her?

In diesem Augenblick bewegte Anna Thermolen den Zeigefinger ihrer rechten Hand. Eine winzige, wortlose Geste war das nur, doch sie gebot Einhalt.

Katrin gehorchte.

Wie bleich die Mutter war! So bleich, als ob …

Da wusste sie es.

Sie stirbt, dachte Katrin, und ein jäher Schmerz schien ihren Körper auseinanderreißen zu wollen.

Vorsichtig bewegte sie ihren Arm, um sich nicht zu verraten bei diesem Anruf, der sein musste, ja doch, der zwingend war. vielleicht konnte Dr. Gerlach noch etwas tun, Mutters Leben verlängern.

Der Zeigefinger streckte sich ein zweites Mal hoch, streng geradezu, unerbittlich.

Und da sagte Anna Thermolen es. Sie rang sich die Worte ab, wissend, dass ihr Kind sie sofort verstand.

„Die … Blumenwiese!“

Katrin schluckte.

Einmal hatte ihr die Mutter erzählt … von diesem traumähnlichen Zustand, als sie in den Tod hinüberglitt. Eine märchenhafte Landschaft hatte sie gesehen, war durch sie hindurchgegangen, näher zu dem herrlichen Licht, immer näher, noch näher … Und dann hatte die Spritze Dr. Gerlachs sie zurückgeholt in das kleine Zimmer zum Hof.

„Licht“, murmelte ihre Mutter. „Ob Gott …?“

Katrin fiel auf die Knie, umschlang sie mit beiden Armen, presste ihr Gesicht an die eingefallene Wange der Kranken.

„O Mama, Mama! Geh noch nicht! Ich kauf dir alle Blumen der Welt. Bleib hier, bleib bei mir!“

Ein drittes Mal gebot der Zeigefinger Einhalt, diesmal gebieterisch.

Noch ein Wort formte der Mund der Sterbenden, eines, deren Bedeutung Katrin nicht verstand, nicht verstehen wollte: „Lie …be“, flüsterte Anna Thermolen.

Sie lächelte, weil der Sog des unwirklich intensiven Lichtes stärker wurde, weil er die Macht besaß, sie hinauffliegen zu lassen in das unendliche Blau des Himmels. Und dort wurde sie erwartet, denn ein „Herzlich willkommen!“ war an die Wolken gemalt, und der Herr des Universums legte sein Fernglas aus der Hand und lächelte ihr entgegen.

Das Herz, das so viel gelitten hatte, stand still. Anna Thermolen hatte aufgehört zu sein.

***

Wie lange kniete die junge Frau dort vor dem Bett, hielt die Tote umschlungen, streichelte sie und sprach mit ihr? Katrin wusste es nicht. Zeit hatte ihre Bedeutung verloren, denn es gab nichts mehr zu tun, nichts mehr zu hoffen, nichts zu erreichen.

Der Regen auf den Mülltonnen war es, der Katrin irgendwann zurückrief. Sie schaute auf die Uhr, ohne die Stunde zu begreifen.

Ich muss den Arzt anrufen, dachte sie. Und meine Brüder.

Sie wählte Dr. Gerlachs Nummer.

„Hallo, Katrin! Wie geht es dir?“

Das wollte er immer wissen. Nie fragte er nach der Kranken, immer nur nach ihr.

„Sie ist tot“, sagte Katrin. „Sie ist in meinen Armen gestorben. Gelächelt hat sie und von der Blumenwiese geträumt.“

Er war keiner der Mediziner, die sich für Verhaltensforschung im Vorfeld zwischen Leben und Tod interessierten.

„Blumenwiese?“, fragte er nach, weil er längst vergessen hatte, was Anna Thermolen ihm einmal davon erzählt hatte. „Ach so, ja. Gut, ich komme dann. Ich muss den Totenschein ausstellen, und außerdem würde ich gern mit Ihnen eine Tasse Tee trinken.“

Kein Wort des Beileids, keines vom Mitfühlen. Sicher, er war ein viel beschäftigter Mann, und vielleicht war er sogar froh, dass ihm von nun an die täglichen Visiten erspart blieben.

Katrin legte auf und wählte Timos Privatnummer. Ihre Schwägerin Helga meldete sich. Wie üblich klang ihre Stimme gehetzt. Es musste sehr anstrengend sein, eine Putzfrau, eine Haushälterin und ein Kindermädchen Tag für Tag zu befehligen.

„Wie? Was? Sie ist tot? Das war ja vorauszusehen, so, wie sie aussah.“

Katrin wurde zornig. „Wie willst du wissen, wie Mutter aussah? Du hast sie doch zuletzt vor drei Monaten gesehen, als du mal kurz vorbeigekommen bist und teure Pralinen abgeliefert hast, die Mama nicht mehr essen konnte.“

Helga reagierte gelassen. „Timo hat mir erzählt, wie schlecht eure Mutter aussah …“

Aber Timo war auch seit sechs Wochen nicht zu Besuch gekommen …

Katrin fühlte sich zu müde, zu ausgelaugt, um spitzfindig zu sein.

„Gib mir bitte mal die Durchwahlnummer deines Mannes, Helga! Ich muss ihn doch benachrichtigen und will mich nicht von der Zentrale abwimmeln lassen, weil mein Herr Bruder wieder mal so beschäftigt ist.“

Natürlich bekam sie die Geheimnummer nicht.

„Du, das geht nicht“, erklärte Helga entschieden. „Timo ist gerade in einer wichtigen Konferenz. Es geht um Leben und Tod sozusagen. Wenn alles klappt, gehen wir für ein Jahr ins Ausland. Das ist zwar schrecklich, hat aber auch Vorteile: Hauspersonal bekommst du da überall und spottbillig dazu …“

Da legte Katrin auf. Sie wählte den Elektronikkonzern an, erreichte jedoch nur eine der Vorzimmerdamen, die sie als „affig und lackiert“ bezeichnete.

„Herrn Dr. Thermolen, bitte!“ Die Affige, Lackierte säuselte wie immer: „Oh, das tut mir leid. Gerade hat er eine wichtige Besprechung angefangen.“

Aber diesmal ließ Katrin sich nicht abweisen.

„Hier spricht seine Schwester“, sagte sie hart. „Und als seine Schwester empfehle ich Ihnen, mich schleunigst zu ihm durchzustellen. Weil Sie sonst nämlich Ihren Job verlieren, meine Gnädigste!“

Es knackte in der Leitung. Entweder war die Affige, Lackierte ohnmächtig geworden, oder sie hatte den Befehl durchgeführt.

„Thermolen hier!“ Timo war nicht weniger affig.

„Mutter ist tot, Timo!“

Einige Sekunden lang war es still in der Leitung. Da niemand bei Timo befürchten musste, dass er in einen Weinkrampf ausgebrochen war, lag diese Vermutung näher: Er rechnete aus, was die Beerdigung kosten könnte und ob seine Mutter wohl ausreichend dafür versichert war.

„Eine Erlösung … vor allem für dich, Katrin“, meinte er dann.

Dieser Mistkerl! Schon mit zehn war er seinem Vater fatal ähnlich gewesen.

„Tja, wie ich schon sagte: eine Erlösung. Du kümmerst dich doch um alles? Gut, gut. Entschuldige, aber ich habe eine wichtige …“

Katrin legte auf. Wichtige Leute darf man nicht mit derlei „Kleinkram“ behelligen. Wie gut, dass sie zornig war! Zorn war viel leichter zu ertragen als Trauer.

Es klingelte. Das musste Dr. Gerlach sein. Katrin öffnete die Wohnungstür und hörte seine schweren Schritte auf der Treppe, sein Keuchen, seine gemurmelten Worte.

„Armes Mädchen!“, sagte der schwergewichtige Arzt statt einer Begrüßung.

Anfang vierzig war er erst, doch er sah um Jahre älter aus. Der lichte Haarkranz am Hinterkopf, die altmodische Kleidung und die überaus korrekte, altväterliche Art, sich auszudrücken, ließen vermuten, dass er sich der Zeit näherte, in der er sich zur Ruhe setzen konnte.

Er sah Anna Thermolen an und nickte. „Sie hat es überstanden.“

Seine Untersuchung beschränkte sich auf zwei Handgriffe. Dann öffnete er seine Aktentasche und begann, den Totenschein auszustellen.

„Kocht das Teewasser schon, Katrin?“

Tränen liefen ihr übers Gesicht, doch sie gab dabei nicht einen einzigen Laut von sich.

Dr. Gerlach drehte sich um.

„Ja, wein nur, Mädchen. Aber irgendwann wirst du schon einsehen, dass es besser für euch alle ist. Für deine Mutter waren die letzten neunzehn Jahre eine einzige Qual … und für dich auch. Und dass deine Brüder dir nie geholfen haben …“

Das Teewasser konnte nicht kochen, ganz einfach deshalb, weil Katrin den Kessel nicht auf den Herd gestellt hatte. Wie stellte er sich das vor? Sollte sie am Bett der toten Mutter mit ihm plaudern? Er würde doch nicht etwa wieder Anstalten machen, ihr seine Liebe – was immer er darunter auch verstand – zu erklären?

„Ich habe noch einige Anrufe zu erledigen, Konrad“, sagte sie und ging in die Küche hinüber.

Er folgte ihr. „Warum brennt hier kein Licht?“, fragte er streng.

Katrin verzichtete darauf, ihm von der Glühbirne zu erzählen.

„Also, ich hätte da noch etwas mit dir zu besprechen, etwas, das nunmehr keinen Aufschub duldet …“

Nicht, lieber Gott, das nicht! Es gab Grenzen des guten Geschmacks. Warum hielten sich die Menschen nur nie daran?

„Nun, Katrin …“ Konrad Gerlach gelang es, etwas wie ein Lächeln in sein rundliches Gesicht zu zaubern. „Nun, Katrin, du weißt ja, dass ich dein guter Freund seit vielen Jahren bin. Ich darf mich doch so bezeichnen? Nach der Scheidung von Amelie“, seine Stirn verdüsterte sich beim Gedanken an die Frau, die ihm, ohne einen Cent zu verlangen, davongelaufen war, „wurde es etwas einsam um mich. Du weißt davon. Bisher musste ich tolerieren, dass du mein … äh … Angebot, dir einen sicheren Hafen zu bieten, nicht annehmen konntest. Doch jetzt sieht es ganz anders aus.“

Er fuhr sich mit der rechten Hand durch seinen Haarkranz.

Lieber gehe ich ins Kloster, dachte Katrin matt. Ob Konrad ahnte, was in ihr vorging?

„Ja, wovon willst du denn in Zukunft leben? Das Pflegegeld fällt fort, du hast nichts Rechtes gelernt …“

Lieber bettle ich am Hauptbahnhof, dachte Katrin.

„Da kommt dir mein … äh … Angebot sicher ganz recht, nicht wahr? Vielleicht bin ich nicht direkt ein Adonis, aber …“

Nein, ein Adonis war er „nicht direkt“. Das konnte niemand behaupten.

Katrin merkte kaum, dass sich ihre Haltung verändert hatte. Die Tränen waren verschwunden. Sie stemmte beide Fäuste in die Taille.

„Dein Angebot ehrt mich“, sagte sie leise, doch mit einem Unterton, der den meisten aufgefallen wäre. Ihm nicht, nein. Dem Konrad nicht. „Aber in einem sicheren Hafen möchte ich nicht landen. Sicher gibt es Frauen, die sich glücklich preisen würden, deine Frau zu werden. Bei mir ist es anders.“

Dr. Gerlach lächelte, weil ihm die Formulierung gefiel. „… sich glücklich preisen.“ Doch, das hörte sich gut an. Das musste er sich merken.

„Nun gut.“ Er sah auf die Uhr. Der nächste Patient wartete. „Ich habe schon von der Praxis ein Beerdigungsunternehmen angerufen“, fuhr er fort. „Die Leute werden demnächst hier erscheinen. Soll ich auch die anderen Formalitäten für dich erledigen?“

Katrin schüttelte den Kopf. „Nein, danke, das mache ich selbst.“

Er reichte ihr die Hand. Sie war ein wenig feucht, wie immer. Feucht und rund. Und rote Härchen sprossen darauf. Katrin schüttelte sich innerlich.

„Ich warte auf deinen Anruf. Überleg dir das mit dem sicheren Hafen noch mal.“

Die schweren Schritte auf der Treppe. Das Keuchen, die gemurmelten Worte. Adieu, Konrad Gerlach!

***

Katrin kehrte zu ihrer Mutter zurück und streichelte ihre Wange.

„Du verstehst doch, dass ich wütend bin?“

Ihre Mutter lächelte. Immer würde sie nun lächeln … in Katrins Gedanken. Wenn der Tod schon kommen musste, war es besser, dass man ihn lächelnd annahm.

Sie wählte die Nummer ihres jüngeren Bruders. Das Telefon klingelte neunmal.

„Thermolen“, brüllte Jens in den Hörer. „Moment mal, ich verstehe kein Wort.“

Das war kein Wunder, denn er feierte offenbar eine Party. An jungen Damen schien kein Mangel zu bestehen, denn rund ums Telefon kicherten und schwatzten und lachten die Mädchen.

„Ich bin’s“, sagte Katrin. „Ich wollte dir nur sagen …“ Weiter kam sie nicht, denn Jens unterbrach sie.

„Sie ist tot, ich weiß. Timo hat mich schon informiert.“

Ihm schien immerhin zu Bewusstsein zu kommen, dass es vielleicht … ungewöhnlich war, wenige Stunden nach dem Tod der Mutter eine Party zu feiern.

„Ich konnte das alles hier nicht absagen“, erklärte er lahm. „Wichtige Leute, du weißt schon!“

Die „wichtigen Leute“ kicherten albern im Hintergrund. Mochte Katrin auch keinen Schulabschluss und keinen Beruf haben: So dumm, Jens’ Worte zu glauben, war sie keinesfalls.

„Wir sehen uns bei der Beerdigung“, murmelte sie. „Das Bestattungsunternehmen kann euch die Uhrzeit und den Tag nennen. Ich werde es nicht tun.“

Da lag ihre Mutter, sie lag da und lächelte. Ihr machte es nichts mehr aus, dass die Männer verroht waren und lügnerisch, egoistisch und böse.

Noch einmal klingelte es an diesem Tag. Drei schwarz gekleidete Herren kamen die Treppe herauf. Zwei von ihnen trugen den schlichten Sarg, den Dr. Gerlach wohl bestellt hatte.

„Mein herzliches Beileid, gnädiges Fräulein“, sagte der Dritte. „Ja, das ist so ein Augenblick, in dem wir Menschen aneinander rücken. Der Tod hinterlässt … äh … eine Lücke, die …“

Katrin schnitt ihm die salbungsvolle Rede mit einer einzigen Handbewegung ab.

„Tun Sie, was Sie tun müssen“, bat sie leise. „Und dann gehen Sie! Ich möchte allein sein.“

Sie nahm noch einmal Abschied. Die Tote lächelte.

Ich bin jung und stark, dachte Katrin, doch als der Sarg fortgetragen wurde, öffnete sie das Wohnzimmerfenster, das auf die Straße führte … und weinte.

Ich bin jung und stark – fünf Worte, die sich so leicht aussprechen ließen. Aber keine Substanz lag dahinter. Katrin fühlte sich uralt, müde, ausgelaugt und – schwach.

***

Sechs Tage später folgten acht Menschen dem Sarg von Anna Thermolen: Katrin und ihre Brüder, Dr. Gerlach, zwei Nachbarinnen und Katrins einstige Schulfreundin Petra und deren Mutter.

So war das nun einmal: Wer jahrelang im Bett lag, stumm die Schmerzen und die wachsende Unbeweglichkeit erduldend, hatte keine Freunde mehr, oder fast keine. Katrin wusste das längst, denn sie hatte es ja miterlebt.

Der Herr Pastor hielt eine kurze Ansprache über den Sinn des Leidens auf der Welt. Niemand verstand seine Worte. Timo sah zweimal während der Zeremonie auf die Uhr, Jens nur einmal. Ihre Frauen waren zu Hause geblieben. „Bei den Kindern“, hieß es vage. Dass die Kinder eine sehr liebe Großmutter verloren hatten, wussten sie wohl nicht.

„Brauchst du Hilfe, Katrin?“, fragte Petra danach. „Du willst doch jetzt bestimmt arbeiten gehen, vielleicht eine Ausbildung machen. Sag mir, wie ich dir helfen kann, bitte!“

Katrin schaute ihre Freundin von früher an. Petra meinte es ehrlich. Das immerhin war etwas Gutes.

„Berufstätig sein – schön wär’s“, antwortete sie. „Wie denn? Wer nimmt denn eine, die zwölfeinhalb Schuljahre aufweisen kann und sonst nichts? Du, ich würde so gern etwas Richtiges lernen, aber das kann ich auch abends tun. Tagsüber muss ich irgendwie Geld verdienen. Weißt du nicht irgendeinen Job? Ich mache alles: Putzen, Verkaufen, Bügeln, was halt anliegt.“

Petras Mutter schniefte. „Vielleicht kann mein Bruder dir was besorgen. Der arbeitet jetzt bei Lang & Stolz.“

Sie erwähnte die Firmennamen, als wüsste dann jeder sofort Bescheid. Katrin sagte der Name gar nichts.

„Das sind doch die berühmten Rechtsanwälte, die neulich diesen gemeinen Mord auf der Reeperbahn quasi ohne Polizei aufgeklärt haben. Erinnere dich doch! Das arme Hascherl, das angeklagt war, haben sie verteidigt. Und dabei hat sich herausgestellt, dass das Würmchen völlig unschuldig war.“

Klang das nicht zu gut? Katrin zweifelte daran, ob es außer in den Krimiserien im Fernsehen edle Anwälte gab, die an ihre zahlungsunfähigen Klienten glaubten.

Lang & Stolz – warum nicht? Wenigstens klangen die Namen komisch.

„Ich bin Ihnen dankbar, wenn Sie das für mich tun“, sagte sie und reichte der Mutter ihrer Freundin die Hand. Dann küsste sie Petra, die hochschwanger war.

Aber kaum, als sie zu Hause war, vergaß Katrin das Gespräch wieder, trotz des komisch klingenden Firmennamens, vielleicht, weil sie nicht daran glaubte, dass berühmte Strafverteidiger sich für eine Frau ohne Ausbildung und Beruf interessieren könnten.

***

Viel gab es in den nächsten Tagen zu tun. Katrin musste zunächst die Sozialbehörde und den Hausbesitzer über den Tod ihrer Mutter informieren. Dann musste sie bei der Bank vorsprechen.

Das Fazit war überall gleich niederschmetternd: Nun, da Anna Thermolen nicht mehr lebte, der Kleinkredit also nicht mehr durch die Frührente abgedeckt war, verlangte die Sparkasse die Summe zurück. Die Behördenangestellten behandelten Katrin wie eine, die bald im Obdachlosenasyl landen würde, und der Hausbesitzer meinte: „Also, die Miete ist einfach zu billig. Fünfzig Euro mehr im Monat brauche ich von Ihnen.“

Katrin weinte nicht; sie schrie auch nicht ihren Zorn über die Ungerechtigkeit des Lebens hinaus. Sie nickte nur.

Ich habe zwei gut verdienende Brüder, dachte sie. Aber keiner von ihnen kommt auch nur auf die Idee, mir anzubieten, ein bisschen für den Übergang beizusteuern. Das Pflegegeld fällt doch fort, und ich will kein Fall für die Sozialhilfe werden.

Sie hielt den Hörer schon in der Hand, um Timo anzurufen … und legte ihn dann mit einem Knall beiseite. Nein, so weit war sie noch lange nicht, dass sie all ihre Prinzipien über Bord warf, weil sie nicht wusste, wovon sie leben sollte.

Und wie weiter dann?

Die freundliche ältere Dame beim Jobcenter machte ihr kaum Hoffnungen.

„Kindchen, ohne Ausbildung läuft heute gar nichts. Leider.“

Wie ein Kindchen fühlte sich Katrin zwar nicht, aber ihren Mangel empfand sie trotzdem.

„Ein bisschen was kann ich doch“, hielt sie dagegen. „Ich kann tippen und kenne mich prima in Literatur aus. Bloß: Kann ich davon die Miete bezahlen?“

Die ältere Dame schüttelte den Kopf.

„Wenn Angebote reinkommen, melde ich mich sofort bei Ihnen, Kindchen. Versprochen!“

Sie meldete sich natürlich nie. Sie nicht und auch nicht die siebenundzwanzig Firmen, die Katrin in den nächsten Tagen mit Bewerbungen bedachte. Wahrscheinlich hielten alle Personalchefs – so weit sie das Schreiben überhaupt in die Hand bekamen – es für eine Zumutung, von ihr, der dummen, ungebildeten jungen Frau, belästigt zu werden.

„Und ich geh nicht zur Arbeitsagentur!“ Wütend schrie sie es hinaus. Sogar dem Stuhl versetzte sie einen Tritt. Der flog um, und Frau Behrens unter ihr, die angeblich an Schwerhörigkeit litt, klopfte mit dem Besen gegen die Decke.

„Aufhören!“, brüllte sie.

Und am nächsten Morgen tuschelte die „Schwerhörige“ mit dem Petermann auf der Treppe, weil Katrin in der Woche nach dem Tod der Mutter doch tatsächlich vergessen hatte, die Stufen zu wischen.

Ja, so war das Leben eben. Es war grausam und brutal. Es sei denn …

… es sei denn, sie ballte die Hände zu Fäusten und packte es rigoros an. Oh ja, das würde sie tun! Sofort!

***

Berzelius war über sechzig und damit der Pensionsgrenze bei Lang & Stolz nah. Noch drei Jahre, und er würde nie wieder Buchhalter verteidigen, die in die Kasse gegriffen hatten, um ihre Spielschulden oder die teure Geliebte zu vertuschen. Nur noch Orchideen wollte er züchten, und sich höchstens darüber ärgern, dass die grünen Blattläuse, Marke Allesfresser, die Tauschönheit der Blüten zerstörte.

Und lesen wollte er. Keine Zeitungen und Illustrierten, sondern die dicken, in Leder gebundenen Wälzer, die seit Jahren unter Glas auf ihn warteten. Dazu ein Pfeifchen, ein Fläschchen des gewissen Roten und zwischendurch türkischen Mokka und die Zitronentorte seiner Frau. Das war Leben, jawohl!

„Herr Dr. Berzelius, Ihr Besuch ist da! Wusste gar nicht, dass Sie einen Termin haben.“

Das war die Empfangsdame, die alle Flora nannten. Der Anwalt schreckte hoch.

Hatte er einen Termin? Jetzt? Er wusste es nicht. Das Gedächtnis ließ ihn manchmal im Stich, wenn er von seiner Pensionszeit träumte. Goethe, Thomas Mann, Strindberg und Rilke. Und … Nein, Strindberg nicht. Der mochte keine Frauen, weswegen Berzelius’ Frau den Strindberg nicht mochte. Und dann gab es keinen Kaffee und keinen Zitronenkuchen. Ach ja.

Es klopfte an seiner Tür. Seltsames Klopfen. Zart und doch selbstbewusst. Mit Klopfgeräuschen kannte er sich aus. Kein Wunder, nach all den Jahren in Gerichtssälen. Die Unschuldigen klopften, die Schuldigen auch, die Anwälte und die Zeugen, die Richter und die Beisitzer. Aber jeder klopfte anders.

„Herein“, forderte er brummig.

Die Tür wurde geöffnet. Ein Mädchen stand da. Recht groß für eine Frau, obwohl die Mädels ja heutzutage kein Ende mehr beim Wachsen kannten. Wohl auch ein Zeichen der verkehrt verstandenen Emanzipation. Aber die hier – Berzelius musterte sie genau hinter seinen dicken Brillengläsern – die hier kannte vermutlich gleich drei, vier Rezepte für Zitronenkuchen.

„Ich heiße Katrin Thermolen!“, stellte das Mädchen sich vor.

Katrin – das war auch so ein neumodischer Name. Aber dafür konnte sie nichts. Thermolen klang gut.

„Hm“, machte Berzelius vage. „Geht’s um den Einbruch? Da kann ich Ihnen keine Hoffnungen machen, Fräulein. Ihr Verlobter ist schuldig.“

Sie hatte ein hübsches Lächeln. Doch, das sah er sofort. Fein sah es aus, und es passte zu diesem schlichten Rock. Ob der noch modern war? Berzelius war nicht so sicher.

„Es geht nicht um den Einbruch“, sagte sie. „Und verlobt bin ich auch nicht. Es geht darum, dass ich hier bei Ihnen Geld verdienen möchte. Ich habe einen Tipp bekommen, dass jemand gesucht wird.“

Berzelius seufzte. „Ihre Zeugnisse, Fräulein?“

Ordentlich war sie – das erkannte er auch gleich. Aber auch, dass sie nicht viel zu bieten hatte. Die paar fein in Schutzfolie gehüllten Blätter waren nicht die Welt.

„So, so, ein Abgangszeugnis aus der dreizehnten Klasse“, brummte er. „Und was steht da für ein Sermon?“ Er las es mit Betonung vor: „Die Schulleitung bedauert außerordentlich, dass Katrin aus familiären Gründen die Anmeldung zur Reifeprüfung zurückziehen musste. Wir wünschen ihr für den weiteren Lebensweg alles Gute.“

Familiäre Gründe – unklare Formulierung! So etwas mochte Berzelius nicht. Das waren alles schlechte Zeugen! Hatte man die im Gerichtssaal vor sich, war es aus mit einem Abend im Gewächshaus bei den Orchideen. Dann war Aktenstudium angesagt.

„Gutes Zeugnis“, knurrte er. „Lauter Zweier – das gefällt mir.“

Katrin traute sich, auf die beiden Noten hinzuweisen, die die Zweier noch übertrumpften. „Und in Biologie eine Eins“, murmelte sie. „Und in Deutsch auch. Aber wenn ich ehrlich bin, lag das nur daran, dass ich im freiwilligen Kurs – Literaturgeschichte – immer die Beste war.“

Berzelius putzte seine dicken Brillengläser. Ah! Goethe, Thomas Mann, Strindberg und Rilke … Nein, nicht Strindberg! Die Gründe dafür waren klar.

„Biologie?“, hakte er nach. „Sie kannten sich wohl mit dem Körper des Menschen gut aus?“

Katrin blieb ehrlich. „Also, lieber war mir alles, was mit Natur zusammenhing. Ich mag Tiere und Blumen sehr gern und …“

Die Tiere verzieh er ihr spontan. Blattläuse waren schließlich auch Tiere.

„Blumen? Welche Blumen?“, hakte er nach.

Jetzt blühte das Mädchen richtig auf. Hübsch war die Kleine, wirklich.

„Ich habe zwar nie einen Balkon gehabt, aber …“

„Balkon!“ Berzelius sprang auf. „Ach, lassen Sie mich in Ruhe mit Balkons! Gewächshäuser braucht ein Blumenfreund. Hier …“

Er riss die oberste Schublade auf. Unter den wichtigen Akten lagen sie nämlich … all die geliebten Prospekte von noch größeren, noch schöneren, noch besser belüftbaren Gewächshäusern.

„Mädchen … wie heißen Sie noch gleich? So etwas kann man auch selber bauen, ein kleines, für die Fensterbank.“

Er erklärte ihr die Architektur. Das Telefon läutete.

„Berzelius“, meldete er sich laut. „Wie bitte? Nein, keine Zeit! Ich führe gerade ein wichtiges Gespräch!“ Ein wenig schämte er sich dann doch. „Also gut, Sie mögen Blumen. Und was wissen Sie von guter Literatur?“

Ha, sie hatte nur geblufft! Wie die neunmalklugen Anwälte, die nie ein Ass im Ärmel hatten, obwohl sie „Full House“ anmeldeten.

„Literatur, mein Fräulein, was meinen Sie damit? Was ist für Sie Literatur?“

Wenn sie jetzt Romanschreiber erwähnte, würde er sie hinauswerfen, weil sie nicht mal einen Kreuz-König besaß!

Katrin lächelte ihn an. „Goethe“, begann sie. „Und Thomas Mann. Und Rilke, Hölderlin und Schiller, vielleicht auch Günter Grass. Und Lenz und …“

Die Namen konnte sie auswendig gelernt haben. Doch, sie bluffte! Da war Berzelius sich ganz sicher. Sie hatte nicht mal eine Pik-Dame!

„Hm“, machte er ungnädig. „Gehen wir doch mal ins Detail. Sind Sie auch fit in Gedichten?“ Das war fast böse von ihm. Die jungen Leute heutzutage kannten Popsongtexte in- und auswendig, aber „Die Glocke“ von Schiller nicht.

„Rilke – was kommt Ihnen da in den Sinn?“

Immer sicherer wurde die Kleine – ja! Sie lächelte sogar, als sie die wichtigsten Daten des großen Meisters aufzählte und sogar zu rezitieren begann: „Herr: Es ist Zeit, der Sommer war sehr groß …“

Zufall? Vielleicht!

„Und was sagt Ihnen der Name Klopstock?“

Sie antwortete wie aus der Pistole geschossen! Wer kannte heutzutage schon das Mammutwerk „Der Messias“? Kein Mensch – außer Studenten und Professoren. Und außer Berzelius. Jetzt gab es noch einen. Donnerwetter!

Und so ging das Spielchen weiter.

„Und Sie wollen hier arbeiten? Als was?“

Die Frage musste erlaubt sein, selbst wenn sie Blumen und Literatur mochte.

„Als irgendetwas“, antwortete Katrin ehrlich. „Ich koche Kaffee und wienere Ihren Schreibtisch, tippe Prozessakten und halte Ihnen unerwünschte Besucher vom Hals. Der, der mir den Tipp gab“, sie hatte Petras Mutter in die Hand versprechen müssen, ihren Namen nicht zu erwähnen, „meinte, Sie brauchten unbedingt eine Hilfe, würden aber alle Sekretärinnen davonjagen. Bei mir schaffen Sie das nicht. Und ich bin bereit, alles in Abendkursen zu lernen, was nötig ist. Übrigens spreche ich ganz gut Englisch, immer noch. Mutter und ich haben viel Englisches im Original gelesen.“

Jetzt fragte er doch nach den „familiären Gründen“. Katrin erklärte es ihm.

„Ich spreche auch gut Englisch!“, blaffte Berzelius.

„Das trifft sich doch gut, nicht wahr?“, entgegnete sie freundlich.

Da lächelte er ein wenig und tippte auf eine Taste des Telefons.

„Ja, hier Berzelius. Ich wollte Sie nur informieren, dass ich soeben eine Sekretärin eingestellt habe. Wie? Sie lachen? Ja, komisch, sehr komisch. Welche Gehaltsstufe? Doch, damit wird sie einverstanden sein, anfangs.“ Er knallte den Hörer auf die Gabel. „Tausendfünfhundert Euro und keinen Cent mehr! Und jetzt gehen Sie rauf ins Personalbüro. Die machen den Vertrag. Anfangstermin ist der erste November. Und kommen Sie mir ja nicht zu spät, nicht einen einzigen Tag! Ich hasse Zu-spät-Kommer!“

Sie reichte ihm die Hand. „Danke, Herr Dr. Berzelius.“

Trotz ihrer hohen Schuhe ging Katrin leise hinaus. Das mochte er auch.

„Kennen Sie ein Rezept für Zitronenkuchen?“, rief er ihr hinterher.

Sie steckte ihren Kopf noch einmal hinein.

„Ich kenne genau fünf“, erwiderte sie. „Eines davon ist sehr raffiniert, leider auch etwas teuer. Möchten Sie das Rezept haben?“

Sie schrieb es ihm gleich auf. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Trude würde sich freuen. Wenn er es ihr jetzt durchgab, empfing sie ihn heute Abend sicher mit dem Geruch, den er liebte …

***

Ein erster Sieg nach langer Zeit des Verlierens durchbricht eine Art Schallmauer. Weitere Höhepunkte folgen ihm – so läuft das Gesetz des Lebens.

Katrin wusste aus ihren Büchern davon, wenn sie diese Weise des Verständnisses auch für dichterische Freiheit hielt. Denn zunächst sah der neue Sieg ja wie eine entsetzliche Niederlage aus, wie ein kleiner, sehr persönlicher Weltuntergang.

Ich habe einen Job, dachte sie, als sie den Glaspalast von Lang & Stolz verließ, ein knisterndes Formular, das sich Arbeitsvertrag nannte, in ihrer Tasche. Jetzt kann ich die Schulden zurückzahlen und muss keine Angst mehr vor der Mieterhöhung haben.

Der erste Beweis für sie, dass sie sich wohl nur auf einem unerlaubten Höhenflug befand, klebte an der Windschutzscheibe ihres Wägelchens: ein Strafzettel. Der zweite kam, als sie sich anschickte, den Motor zu starten: „Rh, rh“, ächzte er müde … und schwieg stumm.

„Du bist eines der letzten Exemplare“, redete sie ihrem Auto gut zu. „Wacker hast du dich all die Jahre gehalten. Jetzt darfst du mich nicht im Stich lassen, hörst du?“

Das Wägelchen hörte es wohl nicht.

Also stieg Katrin wieder aus, sehr zum Vergnügen des jungen Mannes, der dabei interessiert ihre Beine betrachtete.

„Will er nicht mehr?“, erkundigte sich der Fremde mit anzüglichem Lächeln. „Warum kaufen Sie sich keinen Neuen oder wenigstens einen guten Gebrauchten?“

Männer, wie gesagt. Auf die Idee, dass Katrin sich das nicht leisten konnte, kam er wohl nicht.

Hinter ihr hupte jemand, der auch unerlaubt am Straßenrand stand, aber keinen Strafzettel bekommen hatte.

„Da drüben ist eine neue Tankstelle“, erklärte der junge Mann. „Schieben Sie Ihre Kiste doch da rüber.“

Er dachte also nicht im Traum daran, sich seine fein manikürten Finger schmutzig zu machen. Also, selbst die Ärmel hochkrempeln und durch Pfützen waten und dabei nach Leibeskräften das Vehikel schieben! Einmal segelten die Räder gegen die Bordsteinkante, ein anderes Mal hatten sie Lust, auf den verwaisten Straßenbahnschienen zu gleiten.

Tatsächlich, eine Tankstelle! Ganz in Rot und weiß ausstaffiert, blumengeschmückt und mit Transparenten versehen. „Das große Lotteriespiel!“, schrien Leuchtbuchstaben heraus. „Gewinnen Sie einen Sportwagen!“ Darunter prangte das Foto eines ebenso knallroten, unglaublich schönen, sündhaft teuren Zweisitzers.

„Können Sie mir helfen?“ Katrins Augen bettelten einen Mann in rotweißem Overall an. „Mein Auto springt nicht an. Sie haben doch sicher einen Mechaniker, der mal nachschauen kann?“

Der Mann im Overall starrte das Gefährt verdutzt an. „Dass es davon noch welche gibt …“

Zwei weitere Männer im gleichen Overall kamen hinzu.

„He, Leute, guckt euch doch mal diese Kiste an!“ Und zu Katrin gewandt: „Machen Sie sich Ihre TÜV-Plakette selbst? So was kommt doch bei unseren strengen Bestimmungen heutzutage nicht mehr durch.“

Der Vorplatz der Tankstelle füllte sich immer mehr. Aus jedem der haltenden Wagen stieg jemand aus, griff in die – natürlich rotweiße – Lotteriebox, schaute das Los an, als verwandelte es sich jetzt in den knallroten Sportwagen.

„Bitte, bitte“, bettelte Katrin.

Der junge Mann grinste.

„Normalerweise helfen wir ja gern“, sagte er. „Aber wir haben erst vor sechs Wochen eröffnet. Sicher haben Sie davon in der Zeitung gelesen, dass unsere Benzinmarke neu auf dem Markt einsteigt. Mit einem Super-Gewinnspiel. Einen Porsche gibt’s, mehrere Traumreisen und als Trostpflaster jede Menge Motoröl und ein Jahr Tanken gratis.“

Wozu braucht man Benzingutscheine, wenn man kein fahrbares Auto hat?

„Sie haben Glück: In drei Tagen ist die Ziehung“, sprach er weiter. „Na, nehmen Sie sich schon ein Los! Oder auch zwei. Oder sogar drei. Ich guck nicht hin …“

Er hatte wohl seinen großzügigen Tag.

„Also, wie gesagt: Deshalb können wir Ihnen im Augenblick nicht helfen. Aber lassen Sie die Schrottkiste ruhig hier. Wir fahren sie nach hinten auf den Hof. Und wenn das Gedöns mit der Lotterie vorbei ist, machen wir uns an die Arbeit. Zum Extrapreis. Weil Sie es sind.“ Er betrachtete die schmale Taille. „Und wenn ich’s abends mache, zahlen Sie nur die Ersatzteile, Fräulein …“

Am liebsten hätte Katrin losgeheult, ganz laut und vernehmlich.

„Hier, unsere Telefonnummer“, sprach er weiter. „Ich heiße Peter. Nur damit Sie wissen, wer …“

Er ließ nicht locker, wirklich nicht. Und nur, weil er so hartnäckig war, griff Katrin in die Lostrommel, fischte eines der Papierdinger heraus und stopfte es gleichmütig in die Tasche ihres Trenchcoats.

Sie streichelte ihr verbeultes Gefährt und ließ Schlüssel und Papiere da.

„Auf Wiedersehen“, sagte sie, mehr zu dem vierrädrigen Chaos als zu ihm. Er verstand das falsch.

„Und ob, Fräulein! Wir werden uns wiedersehen!“

Der zweite Schlag nach dem großen Sieg, dem Eintritt in die Berufstätigkeit, kam ein paar Meter weiter, als Katrin nicht ganz vorschriftsmäßig über die Straße lief, der Lastwagen heranrollte, mitten durch die Riesenpfütze fuhr und … Katrin somit ihren zwar alten, doch frisch gereinigten Trenchcoat von oben bis unten bespritzte.

„Gemeiner Kerl!“, schimpfte sie und starrte auf den schmutzigen, pitschnassen Stoff.

Wie gesagt: Manchmal sehen Siege zunächst wie Niederlagen aus …

***

Die ältere Frau in der Annahmestelle der Chemischen Reinigung setzte ihr sauerstes Gesicht auf. Es war immer dasselbe mit den jungen Dingern: Erst trugen sie ihre Sachen, bis sie schwarz waren, aber dann wollten sie sie innerhalb von ein paar Minuten gesäubert und gebügelt haben.

„Igitt, Fräulein!“, sagte die Frau deshalb kritisch. „Haben Sie damit im Matsch gelegen?“

Auch das war wieder typisch für die junge Generation. Ließen alles Mögliche in den Taschen und beschwerten sich dann hinterher, dass Monatskarten und Einkaufsbons aus tausend klebrigen Einzelteilen bestanden.

Mit spitzen Fingern zog sie etwas aus der Seitentasche. Katrin stutzte. Was war denn das? Ach so, dieses blöde Los von der Tankstelle!

Sie wollte es gerade in den Papierkorb werfen, da hielt sie inne. Hatte der Mann nicht davon gesprochen, dass irgendwann jetzt die Ziehung sein sollte? Schon eine Woche war das Erlebnis mit Berzelius und dem nachfolgenden Schlappmachen ihres Autos her. Na gut, sie konnte hinterher ja mal an der Tankstelle vorbeischauen. Sicher hatten die irgendwo die Siegernummern angeschlagen. So ein Porsche brachte, verkaufte man ihn sofort, sicher mehr als einhunderttausend Euro ein …

Hör auf zu träumen, Katrin!, dachte sie. Du hast noch nie was gewonnen. Hast einfach kein Glück im Spiel. Und überhaupt sonst.

Die dünne Wolljacke war kaum die richtige Bekleidung für einen Regentag im Oktober, und schon nach wenigen Minuten sah die junge Frau darin eher wie ein Kind, das ins Wasser geplumpst war, denn wie eine Erwachsene aus. Die Männer von der Tankstelle guckten auch ein wenig befremdet.

Die Transparente, die vom Gewinnspiel erzählten, waren mit – natürlich roter – Farbe quer durchgestrichen, und ein kleineres gelbes Schild darauf schrie dies hinaus: „Ende der Aktion! Prüfen Sie selbst: Haben Sie Glück gehabt?“

Katrin kramte das zerknitterte Los aus ihrer Tasche und prägte sich die Nummer ein: 06363999. Witzig sah die Zahl ja aus.

Drüben, in einem provisorischen Glaskästchen, hing die amtliche Mitteilung eines Notars aus.

Und dies ist die Nummer des Hauptgewinns“, stand da. „78453879!“

Natürlich, sie hatte es ja gewusst! Sie würde also nicht stolze Besitzerin eines Cabrios sein, nicht einmal nur für zehn Minuten. Sie drehte sich um …

Na, vielleicht hatte sie Tankgutscheine gewonnen, und wenn ihr Auto wieder lief, dann …

Was war denn das? Diese Losnummer sah ja fast wie ihre aus! Katrin verglich einmal, zweimal, dreimal. Unmöglich! Das konnte nicht sein!

„He, Sie! Junge Dame!“ Ein Mann kam ihr lächelnd entgegen. „Lassen Sie doch mal sehen! Haben Sie etwas gewonnen?“ Er riss ihr das Los aus der Hand, starrte es an und verglich mit den Nummern im Glaskasten. „Mensch, Wahnsinn!“ Das schrie er fast hinaus. „Echt irre! Das ist ja der zweite Gewinn! Eine Traumreise für zwei Personen: vierzehn Tage Bali. Oder eine noch traumhaftere Traumreise für eine Person in die Karibik. Herzlichen Glückwunsch!“

Sehr komisch! Der Wasserhahn tropfte, sie brauchte Glühbirnen, wusste nicht, wovon sie die Reinigung bezahlen sollte und erst recht nicht die Reparatur fürs Auto … und nun eine vierzehntägige Tage Traumreise in die Karibik.

„Kommen Sie, ich führe Sie zum Chef! Na, der wird sich freuen, dass gerade unsere Tankstelle den Platz 2 stellt. Die Presse wird auch informiert, und wenn Sie denen erzählen, dass Sie schon immer mit unserem Benzin fahren, kriegen Sie eine Tankfüllung extra.“

Er erinnerte sich erst in diesem Augenblick an das Aussehen ihres Autos. Es war wohl keine Reklame für die neue Benzinmarke. Oder doch?

Auch der Chef trug einen rotweißen Overall. Er haute erst seinem Tankwart, dann Katrin derb auf die Schulter.

„Da, die Prospekte! Wollen Sie Bali für zwei Personen oder Petit St. Vincent für eine?“

Petit … was? Katrin sah ihn verständnislos an.

Der Chef lachte. „Ja, das kennen Sie nicht, wie? Die Insel ist nur ein Pünktchen im blauen Ozean, irgendwo in der Karibik. Ein Zwergstaat sozusagen. Soll aber toll sein, sagt der Oberboss unseres Unternehmens. Hotel vom Allerfeinsten, und jede Menge Taschengeld gibt’s natürlich extra.“

So, so, ein Hotel vom Allerfeinsten. Was kostete so etwas, dazu noch mit Flug? Sicherlich viele tausend Euro. Und wenn sie das in bar bekäme? Sie hätte dann keine Schulden mehr, sogar noch etwas auf der hohen Kante. Vielleicht reichte es sogar für einen schönen Grabstein.

Wert des Gewinns: 25.000 Euro“, stand dort.

„Könnte ich nicht …“ Sie lächelte den Chef der Tankstelle so bittend wie nur möglich an. „Könnte ich es nicht bar auf die Hand haben, Sie wissen schon? Ich bin in ziemlichen finanziellen Schwierigkeiten und …“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, meine Dame. Mit Preisausschreiben ist das doch so: Unser Unternehmen kriegt die Reise ja viel billiger. Gegengeschäfte, Sie verstehen.“

Katrin verstand nicht. „Auch ein Teil des Geldes würde mich sehr freuen“, deutete sie an.

Wieder ein Kopfschütteln.

„Aber wenn Sie den Gewinn unter der Hand verkaufen, Fräulein, also, per Zeitungsinserat oder so: Das tolerieren wir natürlich. So etwas geht uns nichts an. Aber wenn ich Sie wäre, dann tät ich die Reise nehmen. Sie kommen doch nie wieder nach …“ Er musste selbst nachgucken. „… nach St. Vincent!“

Von überallher wurden Katrin Hände gereicht.

„Bestimmt haben Sie dieser Tage auch ein Schreiben des Unternehmens in Ihrem Briefkasten“, hieß es.

Und ihr Auto?

Dort stand es noch auf dem Hof, mausgrau und verrostet. Die Männer hatten natürlich noch keine Zeit gehabt, es in Ordnung zu bringen.

„Aber das machen wir sofort!“, versprachen sie. „Sie kriegen sogar eine Wäsche gratis!“

Hoffentlich brach dann das Wägelchen nicht vollends auseinander …

***

Ein Herr Blümlein bot für die Fünfundzwanzigtausend-Euro-Reise genau ein Zehntel der Summe. Eine Frau Herz wollte zwar in die Karibik, aber zum Supersparpreis von zwölf Monatsraten à zweihundert Euro. Und ein Junge, der sicher erst um die vierzehn war, meinte sogar frech: „Wennste den Gutschein loswerden willst, nur her damit! Ich will sowieso abhau’n!“

Drei „Interessenten“ also, und kein ernsthafter dabei!

Inzwischen war das Glückwunschschreiben des Benzin-Unternehmens eingetroffen, samt Vorab-Informationen über die Reiseziele, wozu auch eine kleine Landkarte gehörte. Katrin studierte sie, verglich mit einem Atlas und lächelte.

Petit St. Vincent war wirklich nur ein Pünktchen im weiten Ozean. Das gefiel ihr, ja, das lockte sie sogar … und die Beschreibung dieses „Pünktchens“ noch viel mehr. Von einem Zwergstaat war da die Rede, einem Paradies, das ein Kapitän einst für sich entdeckte, es ausbaute und nach und nach in eines der besten Hotels der Welt verwandelte. Der Übernachtungspreis, freundlicherweise das Frühstück inbegriffen: ab 570 Dollar!

Das Beste vom Besten natürlich … wie unsere Benzinmarke!“, hieß es im Prospekt, der eigens für dieses Preisausschreiben angefertigt sein musste. „Nur das Beste vom Besten ist uns für Sie gut genug! Vertrauen Sie uns Ihr Fahrzeug an! Wir pflegen es genauso liebevoll wie Sie selbst!“

Katrin rief Petra an, erzählte erst von der Unterredung mit Berzelius, dann von ihrem Gewinn.

„Ich freue mich“, sagte die Freundin von früher. „Du, wenn du was anzuziehen brauchst: Komm her! In den nächsten Monaten werde ich die schmalen Sachen ja doch nicht tragen können.“

Mit geliehenen Kleidern in ein Traumhotel fahren? Katrin widerstrebte das. Andererseits konnte sie dort kaum in ihren geliebten Jeans anreisen.

„Und wann fährst du?“, fragte Petra.

Katrin zuckte die Schultern. „Weiß nicht. Irgendwann. Den Termin kann ich mir aussuchen. Morgen fange ich bei Berzelius an, und so schnell werde ich ja doch keinen Urlaub bekommen.“

Sie hatte sich getäuscht. Aber das konnte sie natürlich nicht wissen.

***

Berzelius stutzte, als er an diesem Montag um zwei Minuten vor acht sein Büro betrat. Nanu, schon überall Licht? Und es roch wunderbar nach starkem Kaffee und Zitronenkuchen?

Er öffnete die Tür zu seinem Arbeitszimmer, entdeckte eine einzelne Orchidee in einem schlichten Glasgefäß … und gleich zwei sehr dekorative Kuchenstücke, die mit kandierten Früchten – hoffentlich mit Schnapsaroma, wünschte er sich – gefüllt waren.

Sie waren es!

Sein Schreibtisch war liebevoll poliert, die Akten darauf aber sahen so aus, als hätte der freundliche Putzteufel respektiert, dass man so etwas nicht anrühren darf. Trude wusste das nach fast vierzig Ehejahren immer noch nicht.

„Hm“, machte Berzelius, als er die ersten Happen auf der Zunge hatte zergehen lassen. Und noch einmal: „Hm, hm!“

Um zwölf Minuten nach acht diktierte er die Schriftsätze, und mittags sah er mal kurz von den Akten hoch.

„War’s zu viel?“

Katrin schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich hatte sie nur die Hälfte mitbekommen, wusste nicht, wo ein Komma hingehörte und wie die Abkürzung von „Paragraf“ war. Und wenn sie das alles geschafft hatte, würde sie nicht bis fünf fertig sein. Bestimmt, ganz sicher!

Um Viertel nach drei legte sie ihm die Unterschriftenmappe vor.

„Bitte, Herr Doktor Berzelius“, sagte sie. „Und da Sie keine Zeit fürs Mittagessen hatten: Wie wäre es mit einer Quarkspeise?“

Quarkspeise war kein Zitronenkuchen! Bestimmt war das so ein fertig gemischtes Zeugs. Das machte dick und schmeckte nach Chemie. Berzelius ekelte sich davor.

Katrin servierte das „Zeugs“ in einer einfachen Glasschale. Obendrauf waren Erdbeeren. Frische! Das ließ Gutes vermuten. Hoffentlich hatte sie die auch gut gewaschen und das Grüne total entfernt, sonst …

Sie hatte es!

„Sehr gut!“, lobte Berzelius. „Übrigens war Ihre Tipperei fehlerfrei.“

Wenn Katrin zu gut war, würde Lang das schnell spitzkriegen und sie nach oben holen, in die Chefetage. Das musste er verhindern.

„Was lesen Sie denn im Augenblick?“, fragte er.

Katrin lächelte. „Was sehr Dummes“, erklärte sie. „Reiseprospekte.“

Aha, noch so eine, die die meiste Zeit nur von ihrem Urlaub träumte …

Sie erzählte ihm von ihrem Gewinn. Berzelius nickte.

„Wie heißt der Ort? Petit St. Vincent? Nie gehört! Wann wollen Sie fahren?“

Der Gewinn musste innerhalb eines Jahres abgegolten werden, weil er sonst verfiel. Berzelius atmete auf. Ein Jahr war noch lang. Ein Jahr reichte für mindestens dreihundertfünfundsechzig Stücke Zitronenkuchen und Quarkspeisen. Nein, es waren leider weniger. Er musste ja die Wochenendtage abzählen und die übliche Krankfeierei der Leute. Besonders montags bekamen sie immer Migräne und Durchfall, Hexenschuss und Nierenleiden.

„Sie können jetzt gehen!“, blaffte er.

Katrin sah auf ihre Uhr. „Später. Ich möchte erst noch ablegen. Die Akten stapeln sich ja meterhoch. Das stört Sie doch sicher.“

Sie machte am ersten Tag Überstunden. Das hatte er noch nicht erlebt. Vielleicht war sie jetzt schon krank, sagte ihm das aber erst morgen. Am Telefon. Und hustete dabei oder stöhnte über Kopfweh. Das kannte man doch bei den jungen Dingern!

***

Gegen einundzwanzig Uhr an diesem allerersten Arbeitstag lag nur noch eine nicht abgelegte Akte vor Katrin, und obwohl ihr Kreuz schmerzte, las sie darin.

An die seltsame, verschrobene Juristensprache hatte sie sich inzwischen schon fast gewöhnt. Das mochte an der langjährigen Beschäftigung mit Literatur liegen. Jeden Stil hatte sie in dieser Zeit verstanden – warum nicht auch diesen?

Um einen Mordfall ging es hier, und ein Ordner reichte keinesfalls aus, um Verhandlung und Wiederaufnahme abzuheften. Eine alte Frau war umgebracht worden … von ihrem jüngsten Enkel, wie es hieß. Der Junge taugte nicht viel.

Tro ...

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