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Sommer der Sehnsucht

Maureen Child

Sommer der Sehnsucht

1. KAPITEL

Jesse King liebte die Frauen. Und die Frauen liebten ihn.

Bis auf eine.

Jesse trat durch die Tür von Bella’s Beachwear und blieb mitten in der kleinen Boutique stehen. Kopfschüttelnd ließ er den Blick über die mühevoll renovierten Wände des Ladens schweifen, die krumm und schief wirkten. Ein Jammer, was weiblicher Starrsinn alles anrichten konnte, dachte er. Ihm war unbegreiflich, dass Bella Cruz sein großzügiges Angebot ablehnte, dieses baufällige Haus zu sanieren.

Seit neun Monaten lebte Jesse nun schon in Morgan Beach, einem netten Städtchen an der südkalifornischen Küste. In dieser Zeit hatte er einige der kleinen Geschäfte entlang der Main Street, der zentralen Einkaufsstraße des Ortes, aufgekauft und wiederhergerichtet. Mit neuen Büros und attraktiveren Geschäften wollte Jesse die Gegend aufwerten und mehr Leute von außerhalb anlocken.

Die meisten Ladenbesitzer waren froh über sein Übernahmeangebot gewesen und hatten die Verträge bereitwillig unterschrieben. Einige hatten ihm sogar neue Gewerbeflächen abgekauft. Im Prinzip waren alle glücklich. Alle – außer Bella Cruz. Diese Frau machte ihm seit Monaten die Hölle heiß und stellte sich quer.

Es war unfassbar, was sie alles tat, um ihn von seinen Vorhaben abzuhalten. Einmal hatte sie einen Sitzstreik organisiert und mit einer Handvoll Freunden einen ganzen Nachmittag lang vor den Baggern gesessen. Gemeinsam mit vier Frauen, zwei Kindern und einem dreibeinigen Hund war sie in einem Protestmarsch die Main Street hoch- und runtergelaufen. Ein anderes Mal hatte sie sogar zugunsten der sogenannten historischen Gebäude von Morgan Beach Kerzen aufgestellt und eine Mahnwache abgehalten.

Zu guter Letzt hatten fünf Menschen mit Kerzen nachts vor seinem Büro gestanden. Als es angefangen hatte zu regnen und der Wind die Kerzen ausgelöscht hatte, waren vier sofort wieder geflüchtet. Die fünfte, Bella, war die Einzige gewesen, die ausgeharrt hatte, um ihn von draußen durch das Bürofenster hindurch böse anzusehen.

Wieso nimmt sie das alles so persönlich, fragte Jesse sich. Er war schließlich nicht hierher gekommen, um ihr Leben zu zerstören.

Genau genommen war er wegen der Wellen in Morgan Beach.

Wie alle ehemals professionellen Surfer hatte auch er sich einen Platz gesucht, wo er es nach dem Karriereende aushalten konnte. Die meisten von ihnen verschlug es nach Hawaii. Doch als gebürtiger Kalifornier hatte Jesse sich für Morgan Beach entschieden, denn seine ganze Familie lebte seit jeher in Kalifornien. Seine drei Brüder wohnten in der Nähe, aber immer noch weit genug entfernt. Denn auch wenn er seine Familienmitglieder sehr liebte, hieß das noch lange nicht, dass er ständig mit ihnen zusammen sein musste.

Deshalb hatte Jesse begonnen, sich hier sein kleines Reich aufzubauen. Im Prinzip war alles bestens – wäre Bella Cruz nicht gewesen.

„Der böse Hausherr hält Einzug, um sich an der Not der Untertanen zu ergötzen“, hörte er plötzlich eine weibliche Stimme hinter sich murmeln.

Jesse drehte sich um. Da war sie – sein Untergang! Sie stand hinter dem Verkaufstresen, wo sie gerade ein paar Sonnenbrillen, Flipflops und Strandtaschen in der Vitrine geordnet hatte. Und Bella starrte ihn an, als hätte sie gerade eine Kakerlake entdeckt.

„Sind Sie bewaffnet?“, fragte er, während er langsam auf sie zuging. „Ehrlich gesagt wirken Sie auf mich, als wollten Sie mich mit Gewalt von meinem Elend erlösen.“

„Sie meinen wohl eher von meinem Elend“, antwortete sie, ohne die Miene zu verziehen.

Als sie sich schließlich aufrichtete, betrachtete er sie eingehend. Bella war ungefähr einen Meter siebzig groß, was theoretisch gar nicht so schlecht war. Jesse mochte Frauen, bei denen er sich nicht den Hals verrenkten musste, um sie zu küssen. Natürlich hatte er nicht vor, Bella zu küssen. Es war ganz einfach nur eine Feststellung.

Das schwarze wellige Haar fiel ihr locker auf den Rücken. Sie hatte große dunkle Augen und volle Lippen, die sie in diesem Moment zu einem hämischen Lächeln verzog. Eigentlich ist sie ganz hübsch, wenn man von ihrer Kleidung absieht, dachte Jesse.

Sie sah aus, als hätte sie sich für ein Fotoshooting für den Wachturm der Zeugen Jehovas zurechtgemacht. Sie trug ein weites T-Shirt und dazu einen bodenlangen Rock. Jesse mochte kurvige Frauen. Aber in ihrem merkwürdigen Outfit brachte Bella ihn jedes Mal auf die Frage, ob ihre Kurven möglicherweise quadratisch waren. Ihm war schleierhaft, warum eine Frau sich so scheußlich kleidete, die ihren Lebensunterhalt mit dem Design und Verkauf von Bademoden bestritt.

„Was führt Sie her, Mr. King?“

Jesse versuchte, sein charmantestes Lächeln aufzusetzen, dessen gewinnbringende Wirkung er gut kannte. In den letzten Jahren hatten ihm unzählige Frauen gestanden, beim Anblick seiner Grübchen weiche Knie zu bekommen.

Tja, die Knie von Bella schienen aus Granit zu sein. Dann eben nicht. Er hatte sowieso keine Lust, sie um den Finger zu wickeln. Warum auch! „Ich bin hier, um Ihnen mitzuteilen, dass wir nächsten Monat mit den Sanierungsarbeiten für dieses Gebäude beginnen werden.“

„Sanierungsarbeiten“, wiederholte sie und verzog dabei angewidert das Gesicht. „Sie meinen, Sie werden die Wände einreißen? Den Holzfußboden aufstemmen? Die bleiverglasten Fenster ausbauen? Sie meinen diese Art von Sanierungsarbeiten?“

Er schüttelte den Kopf. „Was haben Sie eigentlich gegen gut isolierte Wände und abgedichtete Dächer?“

Als sie die Arme vor der Brust verschränkte, war Jesse einen Moment lang abgelenkt. Wenigstens eine Stelle an ihrem Körper schien durchaus kurvig zu sein.

„Mein Dach ist nicht undicht“, entgegnete sie. „Robert Towner war ein erstklassiger Hausverwalter.“

„Wenn Sie es sagen“, antwortete er seufzend.

„Sie hätten sich ein Beispiel an ihm nehmen sollen.“

„Er hat der Außenfassade Ihres Ladens nicht einmal einen neuen Anstrich verpasst“, sagte Jesse.

„Das wäre auch unnötig gewesen“, protestierte Bella. „Ich habe sie vor drei Jahren eigenhändig gestrichen.“

„Das war Absicht, dass Ihr Geschäft von außen lila ist?“

„Die Außenwand ist lavendelfarben.“

„Lila.“

Sie atmete scharf ein und warf ihm einen drohenden Blick zu. Doch Jesse war nicht so leicht zu verunsichern. In diesem Revier war er der König. Und Könige ließen sich nicht provozieren.

„Sie geben doch erst dann Ruhe, wenn ein Haus wie das andere aussieht, oder? Mit beigefarbener Fassade und rostrotem Rand.“ Sie schüttelte den Kopf und sah ihn bedauernd an. „Langsam machen Sie aus uns eine Armee willenloser Dienstleistungsseelen. Müssen wir bald wir im Akkord arbeiten und Dienstuniformen tragen?“

„Ich bitte Sie“, sagte er und musterte sie von oben bis unten.

Bella wurde rot. „Mir geht es darum, diesen Ort davor zu schützen, dass er nicht wird wie jeder andere. Ich will nicht, dass alles gleich aussieht. Morgan Beach war immer einzigartig.“

„Und bis auf die Grundmauern morsch.“

„Es war immer bunt und gemischt.“

„Sie meinen schäbig.“

„Sie sind doch nichts weiter als ein skrupelloser Geschäftemacher!“, entgegnete sie.

Es traf Jesse, dass sie ihn so bezeichnete. Denn wenn er eines niemals hatte sein wollen, dann von einer Firma abhängig. Deswegen hatte er versucht, sich aus dem Familienunternehmen so weit es ging herauszuhalten. Er hatte nie dort enden wollen, wohin es alle Kings früher oder später verschlug: in der Geschäftswelt. Sein ganzes Leben lang lastete der Name King schon fast wie ein Fluch auf ihm.

Sein Vater, seine Brüder, seine Cousins – die Kings saßen überall, scheinbar für immer eingeschlossen in ihren Büros. Und selbst wenn es sich dabei um luxuriöse Penthousesuiten handelte, diese Welt war Jesse schon immer unheimlich gewesen.

Er hatte seinen drei älteren Brüdern dabei zugesehen, wie sie immer tiefer ins Familiengeschäft abgetaucht waren. Dabei schien es, als wäre diese Aufgabe ihre einzige Daseinsberechtigung. Sogar Justice, der auf einer Ranch lebte, sah sich in erster Linie als Geschäftsmann.

Nur Jesse war völlig aus der Art geschlagen. Er hatte es vorgezogen, professioneller Surfer zu werden. Gott, wie sehr hatte er dieses Leben geliebt! Während seine Brüder und Cousins in grauen Anzügen von einem Meeting zum anderen gehetzt waren, hatte er sich an den Stränden dieser Welt aufgehalten. Immer auf der Suche nach der perfekten Welle. Er hatte immer getan, was er wollte, und niemandem Rechenschaft abgelegt.

Bis der Mann seines Vertrauens, der Hersteller seiner Surfbretter, sich vor einigen Jahren aus dem Geschäft zurückgezogen hatte. Jesse wollte nicht auf seine Lieblingsboards verzichten und hatte deshalb kurzerhand den Laden übernommen. Genau wie die Firma, die seine Lieblingsurfersanzüge hergestellt hatte, und später die, die seine Lieblingsschwimmshorts verkauft hatte. Es hatte nicht lange gedauert, und plötzlich war er das, was er niemals hatte werden wollte: ein Geschäftsmann. Immerhin war er kein Befehlsempfänger – sondern der Kopf von King Beach, einem großen Unternehmen mit einem breiten Angebot für Herrenbademode und Surfbedarf. Es schien die pure Ironie des Schicksals gewesen zu sein, dass die Dinge, die er liebte, ihn dazu gebracht hatten, das zu tun, was er niemals hatte tun wollen.

„Sehen Sie“, sagte er ruhig und verdrängte die Gedanken, die ihm durch den Kopf spukten, „wir sind doch keine Feinde.“

„Oh doch, das sind wir.“

Himmel, diese Frau war eine harte Nuss! Zehn Jahre lang war er der beste Surfer seiner Klasse gewesen. Er hatte unzählige Wettbewerbe gewonnen, sein Foto hatte auf den Covern verschiedener Zeitschriften geprangt, und er hatte ausgelassen auf Promipartys gefeiert. Im letzten Jahr war er sogar zum attraktivsten Junggesellen Kaliforniens gewählt worden. Er hatte Geld und Charme. Außerdem konnte jede Frau haben, die er wollte. Warum um Himmels willen quälte er sich hier und ließ sich von Bella Cruz beschimpfen?

Weil sie ihn faszinierte. Ob es nun an ihrem Temperament oder ihrem Dickschädel lag, hätte Jesse nicht sagen können. Aber Bella hatte etwas, das ihn nicht losließ. Etwas, das ihm … vertraut vorkam.

Jesse holte tief Luft, legte beide Hände auf den Tresen und sah sie an. „Es geht doch nur um ein paar Wände und Fenster, Miss Cruz – oder darf ich Sie Bella nennen?“

„Nein, dürfen Sie nicht. Und es geht hier nicht bloß um Wände und Fenster.“ Sie streckte die Arme aus und wirkte dabei fast, als wollte sie das heruntergekommene Haus schützend umarmen. „Dieser Ort hat eine Geschichte. So wie die ganze Stadt es auch einmal hatte! Bis Sie aufgetaucht sind.“

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Sehr eindrucksvoll, dachte Jesse. Man konnte ihr beinah ansehen, dass sie vor Wut bebte.

Eigentlich hatten ihm temperamentvolle Frauen nie Probleme bereitet … bis jetzt jedenfalls. Seit Monaten versuchte er, sie dazu zu bewegen, mit ihm zu kooperieren. Das Leben wäre um einiges leichter gewesen, wenn sie einer Zusammenarbeit zugestimmt hätte. Denn Bella hatte Freunde in Morgan Beach. Sie war erfolgreich – jedenfalls auf ihre Art. Außerdem: Alle anderen Frauen waren, verdammt noch mal, vernarrt in Jesse King!

„Ihre Geschichte wird die Stadt auch nicht verlieren“, erwiderte Jesse. „Solange es Häuser gibt, die nicht beim ersten Windstoß in sich zusammenfallen.“

„Klar“, murmelte sie. „Sie sind ja so ein wunderbarer Wohltäter.“

Er lachte. „Ich versuche, erfolgreich ein Geschäft zu führen.“ Sofort zuckte er zusammen. Wann war er so geworden wie seine Brüder? Oder wie sein Vater?

„Nein. Sie versuchen, die Führung meines Geschäfts zu übernehmen.“

„Vertrauen Sie mir. Ich habe null Interesse an Ihrem Geschäft.“ Jesse betrachtete einen der an der Wand ausgestellten Badeanzüge, die Bella selbst entwarf. Seine Modelinie war auf den männlichen Kunden zugeschnitten. Er wusste genau, welchen Surfanzug, welche Shorts oder was auch immer ein Mann wollte. Dagegen hatte Jesse keinen blassen Schimmer, nach welchen Kriterien Frauen einkauften. Und für ihn stand daher fest, dass er sein Angebot nicht erweitern würde. Obwohl seine Teilhaber und Berater ihm rieten, seine Auswahl um eine Damenkollektion zu erweitern, weigerte er sich standhaft. Er hatte keine Ahnung von Bademode für Frauen, er konnte sich gerade einmal darauf konzentrieren, was er am besten fand. Und das galt auch, wenn Bella Cruz den größten Marktanteil an Bademode für Frauen hätte.

„Dann erklären Sie mir, was Sie hier wollen“, sagte Bella. Er hörte, wie sie ungeduldig mit der Schuhspitze auf den Boden tippte. „Meine Miete ist erst in drei Wochen fällig.“

„Sie sind unglaublich freundlich“, erwiderte er und schenkte ihr ein Lächeln, dessen Wirkung wieder einmal an ihr abprallte. Diese Frau ist wahrscheinlich dazu bestimmt, mich zu hassen, dachte er, schob die Hände lässig in Taschen seiner Khakihose und ging im Laden umher, um die Regale zu begutachten.

„Meinen Kunden gegenüber bin ich durchaus freundlich“, entgegnete sie.

„Das sehe ich. Der Shop quillt ja förmlich über vor Kundschaft.“

Offensichtlich empört, atmete sie hörbar aus. „Der Sommer ist vorbei. Der Verkauf geht jetzt natürlich etwas schleppender.“

„Sehr interessant, denn alle anderen erzählen mir, dass die Geschäfte prima laufen.“

„Machen Sie sich Sorgen um Ihre Miete?“

„Sollte ich?“

„Nein“, antwortete Bella schnell. „Ich habe zwar eine kleine, dafür aber sehr wohlhabende Kundschaft.“

„Hm hm.“

„Sie sind unmöglich“, murmelte sie, was er durchaus hörte.

Gut zu wissen, dass ich ihr genauso auf die Nerven gehe wie sie mir, dachte er und wandte sich ab, damit sie sein Lächeln nicht sah.

Draußen ging alles seinen gewohnten Gang. Es war später Morgen, und die Surfer machten sich startklar. Jesse wusste nur zu gut, dass die Zeit kurz nach Sonnenaufgang die beste war, um auf den Wellen zu reiten. Dann war das Wasser noch nicht von Müttern, Kindern und Möchtegernsurfern bevölkert.

Leute schlenderten die sauberen Gehwege entlang, saßen in Cafés und genossen den Tag – während er in einer Damenboutique stand und versuchte, mit einer Frau zu reden, die ihn ständig beleidigte.

Jesse atmete tief aus und betrachtete die Einrichtung von Bellas Laden. Die Wände waren in blassen Cremetönen gestrichen und mit selbst entworfenen Badeanzügen und Postern von den schönsten Stränden der Welt dekoriert. Er kannte die meisten von ihnen wie seine Westentasche. Schließlich hatte er zehn Jahre seines Lebens so gut wie vollständig auf dem Wasser verbracht. Er hatte Trophäen gesammelt, Werbeaufnahmen gemacht und nette kleine Schecks erhalten. Außerdem war er immer von einem Schwarm weiblicher Groupies umgeben gewesen. Häufig waren seine Verehrerinnen ihm sogar nachgereist. Manchmal vermisste er dieses Leben.

Er räusperte sich. „Da ich Ihr Vermieter bin, sollten wir vielleicht etwas freundlicher miteinander umgehen.“

„Das sind Sie nur, weil Robert Towners Kinder Ihnen nach seinem Tod das Gebäude verkauft haben. Eigentlich hatte er mir versprochen, den Pachtvertrag um weitere fünf Jahre zu verlängern.“

„Davon stand aber nichts in seinem Testament“, erwiderte Jesse und sah ihr in die Augen; sie hielt seinem Blick stand. „Seine Kinder haben sich entschieden, zu verkaufen. Ist nicht meine Schuld.“

„Natürlich ist das Ihre Schuld – Sie haben ihnen ein kleines Vermögen für dieses Gebäude angeboten!“

Er lächelte. „Ich habe einfach nur ein gutes Geschäft gemacht.“

Bella unterdrückte ein Seufzen. Was sollte es. Tatsache war, dass Jesse King nun der rechtmäßige Besitzer dieses Hauses war, trotz Roberts Versprechen.

Robert Towner war ein reizender alter Mann gewesen, eine Art Ersatzgroßvater für Bella. Jeden Morgen hatten sie miteinander Kaffee getrunken und geplaudert. Er hatte mehr Zeit mit ihr verbracht als mit seinen beiden Kindern. Unglücklicherweise war Robert vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Und entgegen seines Versprechens hatte er Bella in seinem Testament nicht berücksichtigt.

Seit Jesse King das Haus gekauft hatte, machte Bella sich ernsthafte Sorgen um ihre Zukunft. Denn nur weil Robert keine hohe Miete verlangt hatte, konnte sie sich diesen wunderbaren Laden leisten. Ihr war allerdings klar, dass Jesse King ihr nicht entgegenkommen kommen würde.

Er „sanierte“ hier und da, bestimmt würde es nicht mehr lange dauern, bis er die Mieten anhob. Für Bella bedeutete das, dass sie sich bald nach einem anderen Laden umsehen müsste. Sie musste wahrscheinlich die Main Street verlassen und damit die Strandnähe aufgeben, um weiter ins Stadtinnere zu ziehen. Mindestens ein Viertel ihres Umsatzes würde sie dadurch einbüßen, denn hier gab es einfach mehr Laufkundschaft. Eine so gute Lage würde sie für ihr Geschäft nie wieder bekommen.

Wieder machte Jesse King ihr alles zunichte. Genau wie vor drei Jahren.

Aber daran erinnerte er sich natürlich nicht. Der Mistkerl.

Bella hatte das starke Bedürfnis, ihrem neuen Vermieter gegen das Schienenbein zu treten. Das entsprach überhaupt nicht ihrem Wesen! Und dass sie gerade so schlimme Seiten entwickelte, war auch seine Schuld. Jesse King gehörte zu den Menschen, die glaubten, alles zu bekommen, ohne den kleinen Finger rühren zu müssen. Das Schlimmste daran war, dass es in seinem Fall auch stimmte.

„Ich habe Sie gerade ganz schön aus der Fassung gebracht, was? Seien Sie ehrlich. Hier geht’s doch um mehr als nur darum, dass ich die ganze Main Street aufkaufe, oder?“, fragte Jesse grinsend.

Ja, es ging um mehr. Instinktiv streckte Bella den Rücken. Der Gedanke, dass Jesse nicht einmal wusste, warum sie ihn so widerlich fand, trieb sie fast zur Weisglut. Aber sie würde einen Teufel tun. Auf keinen Fall würde sie ihn daran erinnern, was er offensichtlich vergessen hatte. Es war einfach zu peinlich und zu demütigend. „Was wollen Sie, Mr. King?“

Er runzelte die Stirn. „Bella, wir kennen uns zu lange, um auf Förmlichkeiten zu bestehen.“

„Wir kennen uns nicht im Geringsten“, widersprach sie. Er konnte es einfach nicht lassen, sie Bella zu nennen, obwohl sie es sich mehrfach verbeten hatte.

„Ich weiß, Sie lieben Ihren kleinen Laden“, sagte Jesse, ging wieder zum Tresen und trat damit auf sie zu.

Verdammt noch mal, dachte Bella, wieso riecht er so gut. Und mussten seine Augen wirklich so tiefeblau wie das Meer sein? Musste er ausgerechnet Grübchen haben, wenn er lächelte? Und warum hatte die Sonne nur diese überaus attraktiven Akzente in seine blonden Haare gezaubert? Sah er nicht schon umwerfend genug aus?

„Sie haben einige hübsche Sachen hier.“ Er beugte sich vor, um einen Blick in die Vitrine mit den Sonnenbrillen zu werfen. „Und ein gutes Auge für Farben. Wir haben einiges gemeinsam, Sie und ich. Meine Firma stellt Bademoden her, genau wie Ihre.“

Sie lachte.

Jesse machte ein finsteres Gesicht. „Was ist so lustig?“

„Oh, gar nichts.“ Bella stützte die Hände auf die Glasplatte. „Meine Bademode ist aus ökologisch einwandfreiem Material. Sie wird handgeschneidert, und zwar von Frauen aus der Region, die dafür einen fairen Lohn bekommen. Ihre hingegen wird von Kindern zusammengenäht, die sich den ganzen Tag in Ausbeuterbetrieben über schmutzige Tische beugen müssen.“

„Ich habe nichts mit Ausbeuterbetrieben zu tun“, entgegnete er scharf.

„Sind Sie sich da so sicher?“

„Ja, allerdings. Ich bin kein dahergelaufener Wikinger, der hier ist, um das Dorf zu plündern und niederzubrennen!“

„Das macht keinen Unterschied“, murmelte sie. „Sie haben das Gesicht der Stadt innerhalb nur eines Jahres völlig verunstaltet.“

„Und ich habe dem Einzelhandel zu einer Umsatzsteigerung von mehr als zwanzig Prozent verholfen.“

Sie spürte, wie heiße Wut in ihr aufstieg. „Im Leben gibt es Wichtigeres als nur Profit.“

„Stimmt. Surfen zum Beispiel. Und großartiger Sex.“ Jetzt grinste er wieder, während er allzu offensichtlich auf ihre Reaktion wartete.

Um keinen Preis wollte Bella sich anmerken lassen, wie anziehend seine Grübchen und sein Lächeln auf sie wirkten. Oder die bloße Erwähnung von Sex. Frauen verfielen Jesse King reihenweise. Und sie hatte ihre Lektion vor drei Jahren gelernt – als sie dummerweise einen Platz in der langen Schlange seiner Anbeterinnen eingenommen hatte.

Damals hatte sich Morgan Beach im Ausnahmezustand befunden, weil die Surf-Weltmeisterschaften hier ausgetragen worden waren. Eine ganze Woche lang hatte der Ort einer einzigen Partylandschaft geglichen. Bella hatte an jenem Abend am Pier gestanden und aufs Meer gesehen, als plötzlich Jesse King neben ihr aufgetaucht war. Er hatte ihr sein verführerisches Lächeln geschenkt, mit ihr geflirtet und sie berührt. Zuerst hatte er sie im Mondlicht geküsst, dann war er mit ihr zu der kleinen Bar am Ende des Piers gegangen, wo sie viel zu viele Margaritas getrunken hatten.

Sie musste zugeben, sie hatte sich sehr geschmeichelt gefühlt. Er war umwerfend. Berühmt. Und, soweit sie sich erinnerte, steckte eigentlich ein wirklich netter Kerl hinter all dem Glamour.

In jener Nacht waren sie solange am Strand entlang spaziert, bis sie den von Menschen bevölkerten Pier weit hinter sich gelassen hatten.

Sie standen am Meer und beobachteten das Mondlicht, das über die Wellen tanzte. Als Jesse sie küsste, nahm die Magie des Augenblicks Bella gefangen. Die Hitze, die sie in sich verspürte, und das Gefühl, gewollt zu werden, überwältigten sie. Im Hintergrund rauschte das Meer, und der Wind strich sanft über ihre Körper, während sie am Strand miteinander schliefen.

Bella sah in den Himmel voller Sterne und war verzaubert.

Er hingegen sah in ihr nur eine weitere Verehrerin.

Eigentlich hatte sie sich am nächsten Tag mit ihm treffen wollen, um ihm bei Tageslicht gegenüberzutreten und mit ihm über diese Nacht reden.

Doch einen Tag später hatte er ihr nur im Vorbeigehen ein „Schön, dich zu sehen, Baby“ zugerufen. Er hatte sich nicht einmal an den Sex mit ihr erinnert!

Damals war sie viel zu verletzt gewesen, um ihn anzuschreien. Sie hatte nichts weiter tun können, als hinter ihm herzustarren, während er aus ihrem Leben spaziert war.

Als Bella ihn jetzt ansah, erinnerte sie sich wieder genau an jene Nacht und an das widerliche Gefühl, das sie am Tag danach befallen hatte. Aber selbst das brachte die bittersüße Erinnerung daran, wie sie in seinen Armen gelegen hatte, nicht zum Verblassen.

Der Gedanke, dass sie wegen dieser einen Nacht mit Jesse King ein schwieriges Verhältnis zu Männern hatte, machte sie wütend. Was sie aber schier ohnmächtig vor Wut werden ließ, war, dass er sich nicht an sie erinnerte.

Wenigstens würde ihr das nicht noch einmal passieren. Jeder machte Fehler. Aber nur ein Idiot würde den gleichen Fehler zweimal begehen.

Nachdem sie tief Luft geholt hatte, wandte Bella sich an ihn. „Hören Sie, es macht keinen Sinn, noch weiter zu streiten. Sie haben gewonnen, und ich habe ein Geschäft, das ich am Laufen halten muss. Wenn Sie also nicht hier sind, um mich zwangsräumen zu lassen, dann würde ich jetzt gerne wieder meine Arbeit tun.“

„Sie zwangsräumen? Wieso sollte ich das tun?“

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