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Sommer der Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Folgen
  3. Über die Autorinnen
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Sonne, Sand und Liebesträume
  7. Karibikträume
  8. Hol dir die Liebe zurück
  9. Träume hinterm Horizont
  10. Der Urlaubsflirt vom letzten Jahr
  11. In der nächsten Folge

Fünf Geschichten rund um Sommer, Sonne, Leidenschaft!
Folgen Sie uns in den „Sommer der Liebe“ und lassen Sie sich von weißen Stränden und fernen Ländern verzaubern …

 

Über diese Folgen

„Sonne, Sand und Liebesträume“ von Jill Hilton

Mallorca – Insel der Sonne und der Träume. Viele Märchen wurden hier Wirklichkeit. Doch daran will Nadja nicht denken. Sie ist nach Mallorca geflohen, um eine unglückliche Liebe zu vergessen. Aber aus ihren ruhigen, beschaulichen Ferien wird nichts, denn bald trifft sie auf Simon – einem Mann mit dunkler Vergangenheit und einer Ausstrahlung, die der jungen Frau gefährlich werden kann …

 

„Karibikträume“ von Valentine Michaels

Andrea flieht vor der Trostlosigkeit ihres Zuhauses auf das kleine Inselparadies San Andrès. Wird es ihr hier gelingen, all das, was an Schrecklichem hinter ihr liegt, zu vergessen?

 

„Hol Dir die Liebe zurück“ von Jill Hilton

Nach acht Jahren Ehe vernachlässigt Marius Sabine und widmet sich nur noch seiner Karriere. Enttäuscht flieht Sabine an die Orte, an denen sie einst mit Marius glücklich war. Wird sie ihn in der Ferne vergessen können?

 

„Träume hinterm Horizont“ von Valentine Michaels

Nach 13 Jahren steht Anja vor den Scherben ihrer Ehe. In ihrer Verzweiflung durchforstet sie die Stelleninserate und bewirbt sich kurzentschlossen um eine Stelle in Costa Rica. Mit Elan taucht sie in ein neues Leben voller Abenteuer ein, in dessen Mittelpunkt ein aufregender Mann steht...

 

„Der Urlaubsflirt vom letzten Jahr“ von Jill Hilton

Um ihre furchtbare Vergangenheit zu vergessen, fährt Sandra nach Südfrankreich. Unter dem wolkenlosen Himmel der Provence lernt sie Robert kennen. Zunächst scheint es, als könnte ihr dieser Mann mit seinem Charme helfen, ihr verschwundenes Lachen wiederzufinden und den Schmerz zu überwinden. Doch dann erfährt Sandra, welch dunkles Geheimnis Roberts Leben überschattet …

Über die Autorinnen

Jill Hilton

Die Autorin lebt und arbeitet an einem der schönsten Abschnitte des Hamburger Elbstrands. Von ihrem Schreibtisch aus kann sie beobachten, wie Einheimische und Urlauber auf der Promenade flanieren und relaxen. Viele bleiben sogar stehen, um ihren üppig blühenden Garten zu bewundern. Einmal im Jahr allerdings zieht es Jill Hilton in die Ferne. Dann kommt sie mit einem Koffer voller Abenteuer zurück, die sie zu spannenden Romanen verarbeitet.

 

Valentine Michaels

Die Romane dieser Autorin sind von ganz eigenem Reiz. Mal spielen sie an bekannten, lebhaften Urlaubmetropolen, dann wieder entführen sie uns an Orte, deren Stille und Frieden und unberührte Natur geeignet sind, die Menschen zurück zu sich selbst finden zu lassen. Valentine Michaels ist eine begeisterte Hobbyköchin, die auf ihren vielen Reisen durch die ganze Welt exotische Gewürze und die passenden Rezepte sammelt.

Jill Hilton – Valentine Michaels

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Sonne, Sand und Liebesträume

Jill Hilton

Mallorca – Insel der Sonne und der Liebesträume. Viele Märchen wurden hier Wirklichkeit. Doch daran will Nadja nicht denken. Sie ist nach Mallorca geflohen, um eine unglückliche Liebe zu vergessen. Aber aus ihren ruhigen, beschaulichen Ferien wird nichts, denn sie trifft Simon – einen Mann mit Vergangenheit und einer Ausstrahlung, die der jungen Frau gefährlich werden kann …

Wie lange wartete sie nun schon auf ihn? Wirklich nur Stunden oder nicht doch eine Ewigkeit lang? Der altmodische Wecker gab tickend die Sekunden wieder, und jede, so schien es Nadja, lähmte sie mehr.

Unruhig wanderte die Siebenundzwanzigjährige auf und ab, horchte an der Haustür, lauschte auf die Geräusche, die von der Straße hereindrangen. Die Minuten verrannen. Langsam senkte sich die Dunkelheit über die Großstadt.

Fünf Schritte durch das kleine behagliche Wohnzimmer mit den bauchigen Korbmöbeln, den fröhlichen Bildern; drei Schritte, um den Flur zu durchqueren, an den sich das winzige Schlafzimmer anschloss.

Wo Peter nur blieb? Er konnte doch nicht vergessen haben, dass sie ihn zu diesem Kerzenschein-Dinner eingeladen hatte! Heute vor einem Jahr hatte ihre Liebe begonnen, und diesen Tag konnte ein Mann wie er unmöglich aus seinem Gedächtnis verbannt haben. Das passte einfach nicht zu ihm.

Die Soße des Züricher Geschnetzelten war längst zu sämig geworden, die Rösti zu braun und erkaltet, und die wieder und wieder aufgewärmte Krabbensuppe schmeckte inzwischen fade.

Ich werde ihn anrufen, dachte Nadja. Ihre Hände zitterten, als sie den Hörer hochnahm.

„Marks“, brummte die geliebte Stimme gleich darauf, und als sie sich nicht sofort meldete, stieß Peter einen missgelauntes „He, hallo, melden Sie sich doch, verdammt noch mal!“ hervor. Im Hintergrund lachte jemand. Sicher hatte er den Fernseher eingeschaltet.

„Ich bin es, Peter.“

Nadjas Stimme klang wie immer sanft und ein wenig rauchig. „Du hast doch unsere Verabredung nicht vergessen?“

Die Stille, die auf diese Frage folgte, hatte etwas Beklemmendes.

„Wie? Was? Welche Verabredung? Ach so …“, sagte er gedehnt.

Und dann war da auf einmal eine andere Stimme – laut und fordernd: „He, Peter, leg den Hörer auf! Komm wieder zu mir und bring den Schampus mit, Süßer!“

Nadja erstarrte. Der Hörer rutschte aus ihrer Hand. Nein, kein Zweifel: Der Mann, den sie liebte, war nicht allein. Er sah auch nicht fern, sondern …

„Nun mach schon, Schatzi!“

Er lachte verlegen. „Also“, jetzt war ein neuer Ton in seiner Stimme, einer, den sie nicht an ihm kannte, „also, Nadie, du hörst es ja – da verlangt jemand nach mir.“

Sie mochte es nicht, wenn er sie Nadie nannte. Es war ein alberner Kosename.

„Ich komme nachher vorbei“, fuhr er fort. „Du kriegst alles haarklein erklärt. Ehrlich, Nadie, so was kommt vor. Es ist eben die große Liebe … wenn du weißt, was ich meine.“

Mit zitternden Händen legte sie den Hörer zurück auf den Apparat; schnell, und als gelte es, diese Handlung zu vollenden, bevor der Schmerz sie ohnmächtig machte. Ohnmächtig, ohne Macht … Wie gut dieses Wort nun zu ihr passte!

Sie schaltete den Herd aus, korkte die Flasche Wein wieder zu. Mechanische Bewegungen, die ihre Gedanken verdrängen und die aufsteigende Angst entkräften sollten. Doch dann, als es nichts, wirklich gar nichts mehr zu tun gab, stand sie mit hängenden Armen vor dem Spiegel und starrte ihr blasses Gesicht an.

„Ihre Augen faszinieren mich, Nadja“ – mit diesem Satz hatte ihre Liebe begonnen. Mit Vergleichen, die sich ständig steigerten, hatte Peter sie beschrieben, diese ein wenig schräg stehenden jadegrünen Augen, die kleine, mit vielen Sommersprossen übersäte Nase, den Mund, der ständig lachen wollte … und diese langen, hellblonden Haare, die im Sonnenlicht wie Gold glänzten.

Immer neue, fantasievolle Kosenamen waren ihm für sie eingefallen, zuerst wenigstens. Später blieb er bei „Nadie“, was für ihren Geschmack zu kindlich und ein wenig nachlässig klang.

Nadja knöpfte den obersten Knopf ihrer weißen Seidenbluse zu. In dem Moment klingelte es, und sie drückte auf den Summer. Die Lifttür wurde im Parterre zugeknallt. Surrend bewegte sich der Fahrstuhl nach oben, in den achten Stock des Hochhauses.

Gleich darauf stand Peter vor ihr. Einen Augenblick lang erschreckte sie sein Anblick, löste die widersprüchlichsten Gefühle in ihr aus. Sehnsucht und Liebe, Verbitterung und die Angst vor einer Zukunft, die ohne ihn sinnlos schien.

Er sah gut aus mit den kurzen dunklen Haaren, den blauen, verwegen blitzenden Augen. Die muskulösen Arme verrieten seine Begeisterung fürs Krafttraining.

Jetzt schaute Peter ein wenig verlegen auf seine Schuhe. „Tut mir leid, Nadie, ehrlich. Das mit Moni, also, weißt du, das hat sich irgendwie so ergeben. Ich war nicht mehr ganz nüchtern.“

Schweigend ließ sie ihn herein und sah zu, wie er achtlos sein kariertes Jackett über die Sessellehne warf. Die Krawatte folgte. Früher hatte sie über die Art, wie er Unordnung verbreitete, gelacht …

„Was hattest du denn gekocht?“ Er hob den Deckel vom Geschnetzelten und stippte den Finger in die kalte Soße. „Ah, das Züricher! Schade drum!“

Dann ging er nervös in ihrem Wohnzimmer auf und ab, hob hier ein Buch auf und nahm dort eine Zeitschrift zur Hand, um darin zu blättern. Am liebsten hätte er sie wohl gar nicht angesehen, während er sprach.

„Es ist vorbei mit uns, verstehst du? Ein Irrtum meinerseits, das weiß ich jetzt. Die Moni – sie hat etwas, dem ich nicht widerstehen kann. Etwas Aufregendes halt. Es geht auch schon länger mit uns. So etwa drei, vier Monate. Aber ich wollte dich schonen, darum hab ich es dir bisher noch nicht gestanden.“

Er schenkte sich ein Glas Wein ein, prostete Nadja zu. Wie gefühllos er doch war! Und … wie schwach!

„Ich hab ja noch ein paar Sachen bei dir. Den Rasierapparat, das Radio. Ich nehm’s jetzt mit, Nadie. Ist dir doch recht, oder?“

Sie nickte. „Ja, natürlich.“

„Und wenn du später noch was findest, das mir gehört: Ruf mich einfach an. Die Nummer ändert sich ja nicht. Moni zieht zu mir.“

Ungeniert öffnete er alle Schränke, kramte darin herum, fand noch ein Hemd, das Nadja für ihn gewaschen, gestärkt und gebügelt hatte, eine Jeans, in die sie einen Reißverschluss eingenäht hatte. Zufrieden nickte er.

„Also, Nadie, mach’s gut. Ich geh jetzt, ja? Die Moni spielt sonst verrückt. Ist schrecklich eifersüchtig, das Frauenzimmer. Kein Wunder, wie? Sie hat doch deine Fotos gesehen. Übrigens, die behalte ich natürlich. Vor allem das eine, du weißt schon!“

Er lachte, wie Männer lachen, die sich ihrer selbst sehr sicher sind. Peter war dreiunddreißig, ein Mann, der viele Erfahrungen gesammelt hatte, bevor er sie getroffen hatte.

Dieses Foto – er hatte es aufgenommen, als Nadja sich unbeobachtet glaubte. Damals, an jenem Wochenende zu zweit an der Nordsee, hatte sie sich kopfüber nackt in die Brandung gestürzt und war dann lachend herausgelaufen, weil das Wasser bitterkalt gewesen war. Eine junge Frau mit einem schönen, zartgliedrigen Körper …

Und auch das Foto war schön, denn es hatte alles eingefangen: die Naturkraft des Meeres, fast sogar sein Rauschen, den Himmel, der vom Geschrei der Möwen erzählte – und diesen zarten Frauenkörper, der eins zu sein schien mit der Natur. Wenn man es so betrachtete, war es ein Traumfoto. Doch ein Mann, der nicht mehr liebte, mochte das anders sehen …

„Auf Wiedersehen, Peter.“ Sie reichte ihm die Hand, und es gelang ihr sogar, ihm offen in die Augen zu sehen. „Ich wünsche dir und Moni viel Glück.“

Der Stapel mit seinen Habseligkeiten fiel zu Boden, als er in den Fahrstuhl steigen wollte. Fast automatisch bückte sich Nadja, um ihm zu helfen. Dann knallte Peter die Fahrstuhltür zu, und Nadja hörte ihn wieder fluchen. Wahrscheinlich waren seine Sachen noch einmal heruntergefallen. Dann klappte die Haustür zu. Ein Motor sprang an. Der dunkelblaue Wagen verließ die Hochhausstraße.

Inzwischen war es Mitternacht. Die nahe Kirchturmuhr schlug zwölfmal. Jeder einzelne Schlag – so schien es Nadja – hämmerte auf sie ein. Er hat mich verlassen, ging es ihr fieberhaft durch den Kopf. Nie hat er mich geliebt. Wie dumm ich doch war!

Alle Anzeichen für seine Untreue – die kleinen Lügen und albernen Ausreden – hatte sie nicht wahrhaben wollen. Hatte immer verziehen, sich selbst verboten, Ansprüche auf diesen Mann zu erheben. Er sollte sich nicht bedrängt und eingeengt fühlen. Eines Tages würde er vielleicht aus freiem Entschluss die Frage stellen, auf die Nadja so sehr wartete: „Willst du mich heiraten?“

Sie hatte versagt – nicht er! Wenn sie ihm genug Liebe gegeben hätte, wäre er den Reizen einer anderen nicht erlegen. Wenn sie ihn hätte fesseln können, so wie diese Moni … Ja, wenn! Aber es war ihr eben nicht gelungen, und deshalb trug sie Schuld am Scheitern ihrer Beziehung.

Die Turmuhr schlug einmal, schlug zweimal, dreimal. Diese Nacht erschien Nadja dunkler und länger als andere, diese Nacht, in der ihre Einsamkeit begann.

Sie starrte das Telefon an. Warum klingelte es nicht? Warum meldete Peter sich denn nicht und sagte etwas wie: „Du, Nadie, alles war ein Scherz, ein ziemlich dummer, wie ich jetzt weiß. Ich wollte dich nur einmal auf die Probe stellen.“

Sie presste den Kopf in sein Kissen. Duftete es nicht noch nach seinem Rasierwasser?

Als die Kirchturmuhr viermal schlug, gingen die ersten Lichter im Hochhaus an. Im Bad über Nadjas Wohnung rauschte das Wasser. Das war Hermann, der zur Frühschicht musste … und wie immer machte ihm seine Frau das Frühstück. Die beiden liebten einander sehr.

Endlich kamen die Tränen. Unaufhörlich rannen sie über Nadjas heißes, fast glühendes Gesicht. Sie weinte sich in einen kurzen, unruhigen Schlaf. Und als sie am Morgen erwachte, wusste sie, dass sie fortgehen musste. Hier konnte sie jedenfalls nicht bleiben.

Die kleine Exportfirma, in der sie als Fremdsprachenkorrespondentin, manchmal sogar als Simultan-Dolmetscherin arbeitete, schuldete ihr viel. Unzählige, noch nicht bezahlte Überstunden, Zeitausgleich für Fortbildungsseminare, den Jahresurlaub vom letzten Jahr und für dieses. Es musste möglich sein, ein paar Wochen Ferien zu bekommen.

Sie rief Rita an, ihre einstige Kollegin, die aus Altersgründen inzwischen ausgeschieden war. „Könntest du mich vertreten, Rita? Ich brauche einen langen, sehr langen Urlaub.“

Die ältere Frau am anderen Ende der Leitung horchte auf.

„Kleines“, sagte sie mütterlich, „was ist geschehen? Ausgerechnet du möchtest urplötzlich Ferien machen? Das passt doch gar nicht zu dir!“ Sie überlegte einen Augenblick und gab sich dann selbst die Antwort. „Es ist wegen Peter, stimmt’s? Er hat eine andere, und du kannst den Gedanken nicht ertragen, in deiner Wohnung zu leben und zu wissen, dass er nie wiederkommt. Ist es das, Nadja?“

„Ja, Rita, genau das ist es. Wie gut du mich kennst! Hilfst du mir? Dann rufe ich gleich Herrn Wiechers an.“

Der zweite Anruf. Reginald Wiechers brauchte nicht lange zu überlegen.

„Also gut, Frau Landsberg. Ihre Frage kommt zwar ein bisschen überraschend, doch da Sie meiner Firma so oft ebenso spontan geholfen haben … Wie lange wollen Sie fortbleiben? Mindestens vier Wochen? Genehmigt, Frau Landsberg. Gute Reise also. Und erholen Sie sich gut.“

Nadja war froh und dankbar, dass ihr Chef keine längeren Erklärungen von ihr verlangte und zufrieden war, dass sie schon für eine Aushilfe gesorgt hatte.

Ein dritter Anruf. „Ein Taxi in die Goetheallee 47, bitte! Ja, Punkt acht Uhr. Es geht zum Flughafen.“

Unter der Dusche ließ Nadja abwechselnd heißes und eiskaltes Wasser auf ihren Körper herunterprasseln. Sie massierte ihre Haut, bis sie sich rötete, und wusch die langen Haare.

Dann warf sie wahllos Kleider in ihren Koffer, ließ Blusen und Hosen, Pullover und Schuhe folgen. Sie, die Ordentliche, die selbst mit verbundenen Augen jedes noch so winzige Teilchen in ihrer Wohnung gefunden hätte, gab sich nicht die geringste Mühe, ihre Kleider sinnvoll zu stapeln. Wozu auch? Ihr Leben war ein Chaos. Was bedeutete da ein Koffer, der unordentlich gepackt war?

Als der Taxifahrer klingelte, drehte sie sich noch einmal um, wie, um sich das Bild ihrer Wohnung einzuprägen. Und dann tat sie etwas Seltsames: Sie nahm das Foto im Silberrahmen an sich und verstaute es in ihrer Reisetasche. Nein, ganz ohne Peter würde sie nirgendwohin fahren.

„Wohin geht denn die Reise?“, erkundigte sich der Taxifahrer freundlich.

„Ich weiß es noch nicht. Irgendwohin halt. Nur fort von hier“, antwortete Nadja.

Er blickte im Innenspiegel auf ihr blasses, ungeschminktes Gesicht. „Irgendwohin? Na, Sie sind gut! Haben Sie denn wenigstens Ihren Ausweis dabei und genügend Geld? Eine Reise irgendwohin kann teuer werden.“

Er fuhr langsam, schien ihr Zeit geben zu wollen, sich alles noch einmal zu überlegen. Mehr noch: Er zog fast eine Schleife um die Hochhaussiedlung, die jetzt, im Schein der Morgensonne, fast liebenswürdig aussah.

„Wie wär’s denn mit Paris, junge Frau?“, fragte er und schnalzte mit der Zunge, als würde er sie am liebsten begleiten.

„Vielleicht“, antwortete Nadja mechanisch. „Vielleicht auch nicht.“

Sie gab ihm ein viel zu hohes Trinkgeld, fast so, als müsste sie sich bei ihm bedanken, weil er sie nicht zurückhielt.

Dichtes Gedränge herrschte im Flughafengebäude. Nadja fragte sich durch, erfuhr am Informationsschalter der Abflughalle, welche der Bodenstewardessen ihr Problem lösen könnte.

„Wie bitte?“ Die junge Frau in der blauen Uniform sah Nadja verständnislos an. „Sie wollen einen Flug nach … irgendwohin? Das Ziel ist Ihnen gleichgültig? Wichtig ist nur, dass es nicht in Deutschland liegt und dass die Maschine bald fliegt?“

Nadja nickte.

Vielleicht war die Stewardess an ungewöhnliche Wünsche oder extravagante Passagiere gewöhnt. Sie zuckte jedenfalls nicht mit der Wimper.

„Wien?“, begann sie ihr halblautes Selbstgespräch. „Nein, voll besetzt. Genua? Ach, stimmt, die Maschine hat ja Verspätung. Da müssten Sie warten. Aber, Moment mal, Mallorca ist doch eben aufgerufen worden.“ Sie tippte eine Nummer ein. „Andrea? Ich bin’s: Karin. Sag mal, seid ihr voll besetzt? Nicht? Wunderbar! Ich habe noch einen Passagier für euch. Ja, ja, ich weiß, die Zeit ist knapp. Aber wir schaffen das schon.“

Sie füllte das Ticket aus. Nadja war ein wenig mulmig zumute, als sie die Geheimzahl ihrer Kreditkarte eintippte und sich bedankte.

„Schnell zur Gepäckkontrolle, Frau Landsberg! Und guten Flug!“

Nachdem sie den Gurt angelegt hatte, sah Nadja hinaus auf das Rollfeld. Mallorca also. Nun, warum nicht? Ein Ziel war so gut wie das andere, wenn es nur weit genug von Frankfurt entfernt war. Mallorca … und ihr Spanisch würde sicher ausreichen, sich verständlich zu machen und eine Bleibe zu finden, die weit genug entfernt lag von überfüllten Stränden, an denen glückliche Familien und verliebte Pärchen in der Sonne lagen. Mallorca – ja, warum nicht?

Auf die Morgenzeitungen, die die Stewardess ihr anbot, warf sie nur einen flüchtigen Blick. Schon wieder diese schreienden Schlagzeilen über den Mann, der seine Frau getötet hatte und der doch, mangels Beweisen, vom Gericht freigesprochen worden war. Vielleicht machte es die Druckerschwärze, dass sein Gesicht so Furcht erregend aussah. Aber Menschen, die mordeten, trugen ihn wohl zur Schau – diesen Ausdruck unbändigen, unverhohlenen Hasses.

„Danke, keine Zeitungen“, lehnte Nadja ab.

Die Stewardess lächelte verständnisvoll. „Sie haben wohl auch genug davon, an jedem Tag dasselbe zu lesen, nicht? Entweder geht es ums Wetter, um das schlechte Fernsehprogramm oder um diesen Sensationsprozess. Liegt wohl an der – wie nennen die Journalisten das noch? – sommerlichen Saure-Gurken-Zeit.“

Nadja nickte nur zustimmend und schloss dann die Augen, als die Maschine mit zunehmender Fahrt über das Rollfeld raste und sich langsam in die Luft erhob. Ein silberner Vogel aus Stahlblech, der sie forttrug aus einer Vergangenheit, die von Liebe und Glück ausgefüllt gewesen war, und der sie in eine Zukunft brachte, die ihr beängstigend und ungewiss erschien.

Peter, dachte Nadja, und obwohl sie sich selbst verbot, sich sein Gesicht vorzustellen, an die Berührung seiner Hände, an das zärtliche Streicheln zu denken, war er ihr nah. Peter …

***

Nadja schlief ein wenig, döste vor sich hin, während die Maschine in fast zehntausend Meter Höhe dahinglitt. Im Unterbewusstsein hörte sie das Gespräch hinter sich wohl, das zwei Männer, wahrscheinlich Geschäftsreisende, miteinander führten.

„Haben Sie das gelesen, das da mit dem Mord? Schöne Zeiten, in denen wir leben! Da bringt einer genüsslich seine Frau um und wird freigesprochen! Na, wenn ich immer losgelegt hätte, wenn ich Wut im Bauch hatte, haha!“

Und der andere stimmte zu. „Ein Maler, na ja. Künstler sollen ja alle ein bisschen verrückt sein. Obwohl, wenn Sie mich fragen … mir sind diese Typen nicht einen Heller wert. Würde nie Tausende von Euro für so ein Geschmiere bezahlen.“

Ja, vielleicht war es das, was Nadjas Albträume auslöste. Sie sah schreckliche Gestalten vor sich, die sie mit dem Messer bedrohten, doch als sie um Hilfe schreien wollte, wachte sie von der Stimme der Stewardess auf, die aus dem Lautsprecher drang.

„Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten werden wir in Palma de Mallorca landen. Bitte, schnallen Sie sich jetzt wieder an und stellen Sie die Rückenlehnen Ihrer Sitze senkrecht.“

Ein wenig aufgeregt war Nadja nun doch, als das Flugzeug über der Insel kreiste. Blaugrün schimmerte das Meer in der Vormittagssonne, doch die grauen Wolken über der Bucht kündeten schon ein Unwetter an.

„Meine Damen und Herren, hier spricht Ihr Kapitän“, erklang noch einmal eine Stimme aus dem Lautsprecher. „Ich hoffe, Sie haben Ihren Regenschirm griffbereit, denn der Wetterbericht sagt etwas an, das für diesen Mittelmeerraum eigentlich ungewöhnlich ist: Regen, Sturm und Gewitter.“

Behutsam landete die schwere Maschine auf dem Rollfeld. Die Passagiere sprangen wie auf Befehl hoch und kramten hektisch in ihren Taschen.

Nadja blieb sitzen. Als Letzte wollte sie über die Gangway hinausgehen, die seidenweiche Luft des Südens einatmen und dabei versuchen zu ignorieren, dass es am Flugplatz wohl eher nach Benzin roch. Mochte ihr Koffer auf dem Laufband ein paar Mal kreisen, mochten die Beamten an der Sicherheitskontrolle warten – sie hatte es nicht eilig. Niemand wartete auf sie.

Da – ihre Koffer rollten heran. Suchende Blicke. Dort draußen mussten Taxis stehen, und wenn sie sich bemühte, das Spanisch ihrer Schulzeit hervorzukramen, gelang es ihr sicher, so etwas wie einen Geheimtipp zu bekommen. Die Adresse einer kleinen Pension vielleicht, die am anderen Ende der Insel lag, dort, wo es noch unberührte Buchten und urwüchsige Natur gab.

Die Hotelbusse und Taxis waren längst abgefahren, doch um die Ecke bog gerade ein etwas altersschwach aussehender Überlandbus.

„Perdone ustedes, parla Inglese?“, sprach sie den Fahrer an, und als er den Kopf schüttelte, gelang ihr in einem Gemisch aus Englisch, Spanisch und Deutsch, sich verständlich zu machen. „No habla Español.“ Nun, so ganz stimmte es nicht, dass sie der spanischen Sprache nicht mächtig war. Eine kleine Schwindelei, die es ihr im Augenblick erlaubte, sich in vertrauten Sätzen auszudrücken.

„Ah, si, si, Señora.“ Der Fahrer lächelte breit. „Mein Mallorca wollen Sie kennenlernen?“ Er sprach mit warmer Stimme, erzählte von der zerklüfteten Landschaft, in der er zu Hause war, wie von einer schönen, geheimnisumwitterten Geliebten. „Sie müssen Cordillera Norte sehen, das Gebirge, das fruchtbare Hügelland. Agrumen, Mandeln, Oliven, Wein … wir bauen alles an. Mallorquinische Bauern sind gute Bauern.“

Nadja stieg in den Bus. Die Menschen rückten bereitwillig zusammen. Einige trugen Käfige mit Hühnern auf dem Schoß. Obst und Gemüse baumelte in einer wunderschönen Farbmischung in Netzen von den Sitzen herab.

„Sie … kein Hotelzimmer, Señora? Oh, macht nichts, gar nichts. Fahren Sie mit in Richtung Faro. Dort Bauernhäuser, viele sogar. Und wenn wir empfehlen dürfen: Bei Ramon und Maria Gonzalez sind Sie gut aufgehoben.“

Es war seltsam: So weit fort von zu Hause war Nadja plötzlich, weit entfernt von dem Mann, den sie liebte. Doch sie fühlte sich nicht verlassen, nicht in diesem Augenblick jedenfalls. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Mitreisenden ließ trotz der durchwachten Nacht mit all den Tränen keine Müdigkeit aufkommen, erst recht keine Fremdheit.

Der Bus zuckelte durch Palma. Nadja sah die Hotelkomplexe, die endlos scheinende Kette der Restaurants, glaubte den Lärm der Hauptstadt im Südwesten der Ferieninsel regelrecht fühlen zu können. Unzählige Menschen lagen dicht gedrängt am Strand. Ihre bunten Badesachen leuchteten.

„Nach Faro hinaus wird es einsamer.“ Die alte Frau neben ihr, die mehrere farbenprächtige Schürzen übereinander trug, schien sie beruhigen zu wollen. „Sie werden Bauernhäuser finden, gebaut wie vor Hunderten von Jahren. Stein auf Stein, wie es gerade kam. Sie sehen alle windschief und unregelmäßig aus; das macht sie so lebendig. Und Ramons ist das schönste. Wilder Wein und Bougainvillea ranken sich an ihm hoch, und ein Mühlrad dreht sich im Wind.“

Nadja staunte über das akzentfreie Deutsch. Woher hatte diese alte Dame diese Sprachkenntnisse?

Sie schien ihre Gedanken erraten zu haben.

„Ich war Lehrerin in Ihrer Heimat, Señora“, erklärte sie lächelnd. „Aber die Sehnsucht hat mich zurückgetrieben. Heißt es nicht … Heimweh? Wer einmal auf Mallorca war, muss wiederkommen, sagt man. Aber wer hier geboren ist, hat tiefere Wurzeln. Inselwurzeln sind etwas Besonderes.“

Immer wieder hielt der Bus, um Leute zusteigen zu lassen. Der Fahrer brauchte keine Haltestelle dazu. Ein Wink, ein Pfiff genügte.

Wieder öffneten sich die automatischen Türen – und plötzlich wurde es still im Bus, mehr noch: Kalt und abweisend starrten die Einheimischen auf den hoch gewachsenen Mann, der eingestiegen war.

Draußen zuckten die ersten Blitze am düsteren Himmel, und dumpfes Grollen schien die Erde beben zu lassen. Ob sich die Einheimischen vor dem Gewitter fürchten?, fragte sich Nadja.

Auch sie konnte den Blick nicht von dem Fremden wenden. Seiner hellen Haarfarbe nach zu urteilen, war er kein Mallorquiner. Er sieht krank aus, dachte die junge Frau, schwer krank sogar. Wie bleich er doch ist! Warum nur sehen ihn alle so feindselig an? Bilde ich mir das nur ein? Doch dann ärgerte sie sich über ihre Neugierde und sah wieder aus dem Fenster, um die unbekannte Landschaft in sich aufzunehmen.

Nadja schrak aus ihren Gedanken hoch, als die alte Lehrerin sie ansprach.

„Haben Sie sich entschlossen? Möchten Sie zu Maria und Ramon Gonzalez?“, wollte sie wissen. „Dann sollten Sie jetzt aussteigen.“

Als sie bemerkte, dass Nadja unschlüssig war, rief die alte Frau dem Fahrer ein entschiedenes „Hombre!“ zu, und die automatischen Türen öffneten sich, noch bevor der Bus hielt. Der Fremde mit dem seltsam kantigen, düsteren Gesicht sprang hastig hinaus und lief auf einen pinienbewachsenen Hügel zu.

Nadja gab sich einen Ruck, stand auf und bedankte sich bei ihrer Mitreisenden.

„Schöne Tage auf Mallorca!“, rief die Lehrerin ihr nach. Die junge Frau – schwer beladen mit ihrem Koffer und der Reisetasche – hatte Mühe beim Aussteigen. Wie sollte sie allein und ohne Hilfe weiterkommen? Nun, vielleicht fand sich unterwegs ein Bauer, der sie auf seinem Eselskarren mitnahm.

„Eine Viertelstunde Richtung Südost – dort finden Sie Ramon. Und bitten Sie Maria, Ihnen die Gazpacho zuzubereiten! Sie macht die beste der Insel!“, rief ihr die Lehrerin noch nach.

Nadja blieb stehen und sah dem Bus hinterher, der hinter einer Kurve verschwand. Ausgerechnet in diesem Moment wurde aus dem feinen Nieselregen ein heftiger Schauer. Blitze zuckten durch die dunklen schweren Wolken. Donner grollte Furcht erregend.

Nein, so hatte sich Nadja ihre Ankunft auf Mallorca nicht vorgestellt.

Schnell ergriff sie ihr Gepäck und eilte den Hügel hinauf, um unter einer Pinie Unterschlupf zu suchen. Dort angekommen, ließ sie erschöpft ihren Koffer und die Reisetasche fallen und lehnte sich gegen den Baumstamm.

Als sie sich umsah, entdeckte sie ihn – den Fremden aus dem Bus. Nadja erschrak beim Anblick des Mannes: Er stand vor einem Baum und schlug mit beiden Fäusten auf die raue rissige Borke ein. Sein schlanker, muskulöser Körper zuckte, als würde eine unbekannte Macht ihn schütteln.

Nadja überlegte eine Weile, was sie tun sollte, dann lief sie auf ihn zu.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie und bemühte sich, furchtlos zu ihm aufzuschauen.

Seine dunklen Augen funkelten vor Zorn. „Mir helfen?“ Er lachte bitter. „Mir kann keiner helfen. Und Sie … bringen Sie sich nur schnell vor mir in Sicherheit. Ich bin der Mörder, vor dem alle Angst haben. Ich habe meine Frau umgebracht.“

Nadja schauderte vor Entsetzen, als ihr plötzlich klar wurde, dass sie dieses kantige Gesicht schon einmal gesehen hatte. Einmal? Nein, zehn-, zwanzigmal hatten ihr diese hasserfüllten Augen von den Titelseiten der Zeitungen entgegengeblickt.

„Sie sind Simon Lenius, der Maler, nicht wahr?“, fragte sie und bemühte sich, das Zittern ihrer Hände zu verbergen.

Er nickte. „Ja, das bin ich. Ich bin der Mann, den sie monatelang verfolgt und dann angeklagt haben.“

Wie gelähmt stand Nadja vor dem Fremden. Dieser Mann sollte wirklich einen Menschen getötet haben?

„Was starren Sie mich so an?“, fuhr er sie da an. „Haben Sie denn nicht gehört, was ich gesagt habe? Ich bin ein Mörder! So wie ich sieht ein Mörder aus! Und Sie, ein junges Mädchen, das nichts von der Grausamkeit des Lebens weiß, sollten sich von mir fernhalten.“

Ein junges Mädchen, das nichts von der Grausamkeit des Lebens weiß? Ja, sah er denn nicht die Spuren der unzähligen Tränen, die sie um Peter geweint hatte? Und, was ihr fast noch wichtiger erschien: Erkannte er denn nicht, dass sie den unbeschwerten Jungmädchentagen längst Adieu gesagt hatte?

Noch immer stand er da, hielt in ohnmächtiger Wut die Hände zusammengeballt. Direkt über ihnen grollte der Donner. Würde nicht gleich etwas Schreckliches passieren? Sie und der Mörder allein, mitten in diesem Fleckchen Einsamkeit, weit von Deutschland entfernt …

„Junge Mädchen wie Sie sollten in Palma oder Arenal Urlaub machen“, sagte er verächtlich. „Dort gibt es Männer aller Nationalitäten.“

Warum war er so beleidigend? Was trieb ihn dazu, sie zu verletzen? Und warum ließ sie sich das eigentlich gefallen? Warum widersprach und wehrte sie sich nicht?

Gerade als Nadja sich abrupt umdrehen wollte, rannte Simon Lenius los, erklomm im Laufschritt die Spitze des Hügels und verschwand aus ihrem Blickfeld.

***

„Eine Viertelstunde Richtung Südost“, hatte die Lehrerin aus dem Bus erklärt. Nun zog sich der Weg jenseits des Hügels schon Kilometer um Kilometer dahin – und kein altes Bauernhaus war zu sehen!

Nadjas Hände schmerzten von der ungewohnten Last. Die zierlichen Pumps an ihren Füßen quietschten vor Regenwasser und waren sicher nicht mehr zu gebrauchen.

Der Regen und das Gewitter hatten glücklicherweise aufgehört, als die junge Frau den Pinienwald hinter sich ließ und einem Olivenhain entgegenging.

Tief atmend blieb Nadja stehen und sah sich die Landschaft ein wenig genauer an. Und da entdeckte sie es: ein klobiges Haus, das sicher Jahrhunderte alt war, aus groben, aufeinander geschichteten Felsbrocken errichtet, in denen nur Platz gelassen worden war für unterschiedliche Fensterformen.

Es war eine alte Mühle mit einem Haupthaus, neben dem sich das Mühlrad im Wind drehte, und einem kleinen Nebenhaus, das von wildem Wein umrankt wurde.

Wie leicht ihre Füße sie jetzt trugen! Wie unwichtig doch das Gepäck plötzlich war! Es schien nur noch die Hälfte zu wiegen! Nadja lief die letzten Meter, und als sie das alte Bauernhaus erreicht hatte, klopfte sie an die Holztür.

Die schwarzhaarige Frau, die ihr öffnete, konnte kaum an deutsche Touristen gewohnt sein, doch sie lächelte der blonden Fremden verwundert zu.

„Señora Maria?“, fragte Nadja ein wenig unsicher.

Maria Gonzalez nickte.

„Ich möchte für einige Wochen ein Zimmer mieten. Eine Frau im Bus hat mir erzählt, dass Sie Gäste aufnehmen. Ich möchte nicht in ein Hotel gehen, denn ich liebe die Einsamkeit, und ich will Mallorca von seiner ursprünglichen, schönsten Seite kennenlernen.“

Ohne dass es ihr bewusst war, hatte sie deutsch gesprochen, doch Maria schien sie verstanden zu haben.

„Sie … Ruhe haben, Señora? Dann Sie sind richtig bei Ramon und mir. Sie … sehr unglücklich?“, fragte sie mit starkem Akzent.

Nadja nickte. Warum sollte sie es leugnen?

Der untersetzte, stämmige Insulaner mit den ölig schwarzen Haaren, der plötzlich hinzutrat, schüttelte ihr freundlich die Hand.

„Ich … Ramon! Und das sind meine Söhne: Enrique und Juan.“ Über den Stolz auf seine Stammhalter schien er seine kleine Tochter fast vergessen zu haben.

Maria lächelte ein wenig nachsichtig. „Und das ist Pilar, meine Tochter“, erklärte sie der Fremden.

Das kleine Mädchen versteckte sich hinter seiner Mutter, aber von diesem sicheren Platz aus wagte es einen neugierigen Blick auf die blonde, fremde Frau und lächelte ihr zu.

Vielleicht war es gerade diese Geste von Zurückhaltung, kindlicher Neugier und einem Freundschaftsangebot zugleich, die in Nadja plötzlich ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit hervorrief.

Interessiert ließ sie sich durch das alte Haus führen, hörte staunend seine Geschichte, die mit der Familie Gonzalez eng verknüpft war. Und als sie schließlich ihr Zimmer betrat, nickte sie zufrieden.

Der Raum hatte vielleicht acht, neun Quadratmeter und nur ein winziges Fenster mit Blick auf einen Hühnerhof. Doch es war in alt-mallorquinischem Stil eingerichtet. Die Möbel waren aus massivem Pinienholz, seit Jahrhunderten mit Seife und Bürste geschrubbt. Das schmale Bett mit der bestickten Tagesdecke darüber, der gestrickte Teppich aus pflanzengefärbten Wollresten, das Bild der Jungfrau Maria an der Wand – alles wirkte anheimelnd und gemütlich.

„Gefällt es Ihnen?“ Ramon schien plötzlich Angst zu haben, dass die Fremde aus dem Norden doch höhere Ansprüche stellte. „Sonderpreis für Sie, wenn Sie lange bleiben. Billig, sehr billig!“

Nadja reichte ihm die Hand, buchstabierte ihren Namen langsam und deutlich, und der Insulaner strahlte sie an.

„Nadja? Richtig so? Schöner Name, Señora! Sie bleiben?“

„Ja, ich bleibe“, bestätigte Nadja und nickte.

***

Ihr erster Nachmittag auf Mallorca begann, ein unfreundlicher Nachmittag. Der Wind wehte die gelben Blüten der nahen Ginsterfelder herbei, rüttelte an Zitrusbäumen, bis die noch unreifen Früchte herunterfielen.

Nadja hatte sich in großen Schüsseln Wasser hochgetragen, das die Pumpe am hauseigenen Brunnen hergab. Es war nicht nur das Gefühl von Sauberkeit auf ihrer Haut, das sie zufriedener machte, nicht die Tatsache, dass sie endlich trockene, saubere Kleidung anziehen konnte. Nein, es war mehr als das.

Es ist fast so, als sei ich heimgekehrt, dachte sie überrascht, und zum ersten Mal zählte der Schmerz, dass sie so jung ihre Eltern verloren hatte, nicht mehr.

Erst als sie ihre Habseligkeiten auspackte und in den Schrank räumte, kehrte die Erinnerung an ihre Flucht zurück. Denn dort lag es ja, das Foto des Mannes mit den dunkelbraunen, stoppelig geschnittenen Haaren, den blauen, verwegen blitzenden Augen.

Peter liebte sie nicht mehr, und doch stellte sie sein Foto auf den kleinen Tisch neben ihrem altmodischen Bett, um sein vom Fotografen festgehaltenes Lächeln jeden Morgen beim Aufwachen zu sehen.

Sie war so sehr in Gedanken versunken, dass sie das Klopfen an der Tür fast überhörte, doch der Besucher blieb hartnäckig.

Als Nadja öffnete, grinste sie der etwa siebenjährige Enrique treuherzig an.

„Amigos?“, wollte er wissen, wobei er mit dem Finger abwechselnd auf sich und die junge Deutsche zeigte.

Sie nickte lächelnd. „Ja, wir wollen Freunde werden.“ Fast feierlich reichten sie sich die Hände.

Der Junge war groß für sein Alter, aber so mager, dass selbst durch das geringelte T-Shirt die Rippen hervortraten. Seine verschrammten Knie waren noch eckig, die Bewegungen ungestüm und hölzern. Aber seine samtbraunen Augen und die kleine, vorwitzig nach oben gerichtete Nase gaben ihm etwas, das an die Gemälde berühmter spanischer Maler erinnerte.

Maler … plötzlich dachte Nadja wieder an die merkwürdige Begegnung mit Simon Lenius, die sie auf dem Weg zur Mühle noch sehr beschäftigt hatte.

„Meine Freunde nennen mich Rico“, vertraute der Kleine ihr an.

„Gut, Rico. Und ich bin Nadja. Wenn du magst, helfe ich dir, meine Sprache zu lernen, und du erklärst mir, was mir im Spanischen noch fehlt.“

Jetzt lachte er laut, klatschte begeistert in die Hände. „Prima! Aber jetzt noch nicht, denn es gibt Essen.“

Die Familie war rund um den gemauerten Küchenherd versammelt, und es duftete verführerisch nach Knoblauch und frischen Kräutern. Auf dem Esstisch aus derbem Naturholz stand der riesigste gusseiserne Kochtopf, den Nadja je gesehen hatte.

„Das ist ‚Olla podrida‘“, erklärte Maria. Ihr Mann schnalzte genießerisch mit der Zunge, als er die Suppe aus Rindfleisch und Kalbsbrust, Huhn und Hammel und den verschiedensten, köstlichsten Kohl- und Gemüsesorten auf den Teller des Gastes füllte.

Beim Essen wurde kaum gesprochen. Nur leises Atmen war zu hören und das Geräusch der blechernen Löffel, die rhythmisch an den Rand der bunt bemalten Keramikteller schlugen. Nie zuvor, so schien es der jungen Frau, hatte sie eine derart einfache und doch schmackhafte Speise gegessen. Der leichte Rosé dazu, die Crème Caramel, die folgte, der kochend heiße, starke Kaffee – Nadja genoss all das in vollen Zügen, und danach wurde sie angenehm schläfrig.

Rico sprang auf. Der kleine Kavalier begleitete sie die steile Treppe hinauf in ihr Zimmer.

„Schlafen, Nadja!“, befahl er streng. „Mama sagt, du bist jetzt müde.“

Sie schaffte es noch nicht einmal mehr, sich auszuziehen. Erschöpft ließ sie sich auf das Bett sinken und schlief so fest ein, dass sie weder das Abendgewitter noch den Sturm in der Nacht mitbekam.

Als sie am nächsten Tag aufwachte, ein wenig benommen zwar, doch hellwach, schien die Sonne in ihr Zimmer.

Der erste Morgen auf Mallorca! Nadja verspürte eine unbändige Lust, die Insel zu erkunden, einfach draufloszugehen, ohne zu wissen, wohin. Vielleicht nur der Sonne entgegen.

***

Später konnte Nadja sich nur vage daran erinnern, wie die ersten Tage auf der Insel verlaufen waren. Als heitere, abenteuerlich kurze Stunden erschienen sie ihr, in denen sie mit Rico, seinem Bruder Juan und der kleinen Pilar lange, interessante Wanderungen durch fruchtbares sonnenbeschienenes Hügelland gemacht hatte, vorbei an Obstfeldern, die künstlich bewässert wurden.

Die mächtigen Steineichen, die selbst dem Sturm getrotzt hatten, die Feigen- und Johannisbrotbäume, die reichlich Futter für die Schweinemast gaben, die Schaf- und Ziegenherden auf den höheren Lagen der Klippen – fast wie ein Wunder erschien Nadja diese unberührte Landschaft.

Das andere Mallorca hatte sie kennenlernen wollen – und die Kinder der Gonzalez zeigten es ihr, mit Händen und Füßen „redend“, wenn die Sprache nicht ausreichte. Gelehrig nahmen sie jedes deutsche Wort auf, das ihnen ihre „Lehrerin“ erklärte.

Manchmal schien es, als zerrte der Wind die düsteren Wolken genau vor die Sonne, manchmal hagelte es gar auf die Blechdächer der alten Bauernhäuser, und doch stieg Nadja, von den Kleinen begleitet, die Hügel hinauf und hinunter.

„Jetzt ans Meer!“ Rico nahm ihre Hand und führte sie sicher die Felsvorsprünge der Klippe hinunter. Dort lag eine Bucht, die nur ihnen zu gehören schien. Die Möwen kreischten empört, als sie sie aufstöberten. Kristallklares, blaugrünes Wasser trieb schneeweiße Gischt vor sich her.

Nadja ließ sich ins Wasser gleiten, schloss die Augen, ließ sich ein Weilchen von den Wellen tragen, ganz ohne Angst.

Als sie gegen die Sonne blinzelte, entdeckte sie hoch oben auf der Klippe einen Leuchtturm.

„Rico? Dort hinauf möchte ich einmal gehen.“

Der kleine, braun gebrannte Junge, der neben ihr im Wasser planschte, schüttelte entsetzt den Kopf und sah sie aus großen Augen an.

„Dorthin, Nadja? Nein, nie! Dort wohnt der Mörder aus Deutschland. Dahin gehen wir nicht. Der Turm gehört ihm schon lange, jahrelang, glaube ich.“

Und dann tuschelten die drei Geschwister und vertrauten ihr noch weit mehr an, genau das, was sich die Leute hier schon lange zuflüsterten: Zuerst hatte dieser berühmte Maler aus dem Norden seine Frau mitgebracht. Leuchtend rot war ihr Haar gewesen, engelsgleich ihr Gesicht. Doch die Einsamkeit der Landschaft und das Leben mit einem nächtelang malenden Mann hatten ihr nicht gefallen. Immer häufiger war sie abends allein ausgegangen, war nach Palma gefahren und erst morgens heimgekommen. Und jedes Mal hatte sie ein anderer Mann begleitet, ein Deutscher oder Engländer, ein Holländer oder Skandinavier …

Nadja hatte fast atemlos zugehört und schämte sich jetzt ihrer Neugier. „Eigentlich dürftest du davon gar nichts wissen, du Bösewicht“, schalt sie Rico und zog ihn dabei sanft an den Ohren.

Der Junge lachte spitzbübisch. „Ich bin doch schon sieben“, verkündete er stolz. „Wenn der Herbst kommt, gehe ich in die Schule. Und die da …“, er zeigte ein wenig geringschätzig auf seine Geschwister, „die müssen darauf noch lange warten.“

Mit jedem dieser ersten, aufregenden Tage wurde Nadja etwas brauner, bis ihre Haut einen samtigen Goldton annahm, der ihre jadegrünen Augen und das helle Blond ihrer Haare noch mehr betonte.

Vielleicht heilt diese Insel auch meinen Schmerz, dachte Nadja manchmal, wenn sie gegen Mitternacht von ihrem Fenster aus die Sternenpracht des Himmels betrachtete. Ob es die Insel war oder die Kinder, die sie liebten, Marias Gazpacho oder das ofenheiße Brot, das sie in Aioli tunkten – das war eigentlich nicht wichtig. Wichtig war nur, dass sie zur Ruhe kam, dass der Schmerz nicht mehr so im Herzen brannte und Peters Bild schon ein wenig zu verblassen schien.

„Morgen gibt es Unwetter“, sagte Ramon manchmal beim Frühstück, das – des Gastes wegen – reichlicher als sonst ausfiel. Und er fügte hinzu: „Die Natur begehrt auf. Nie zuvor habe ich so einen Sommer auf Mallorca erlebt. Wer weiß, vielleicht ist er daran schuld, dieser Mörder aus Deutschland.“

Nadja wollte den Kopf schütteln und ihm erklären, dass die Wetterlage sich offenbar in der gesamten Welt veränderte. Doch dann ließ sie es. Dieser einfache Bauer, vom Gang der Natur abhängig, hätte seinen Aberglauben sowieso nicht ablegen können. Das schlichte Gemüt der Insulaner ließ keinen Raum für Toleranz. Eher schien es, als fürchteten die Insulaner sich ein wenig davor, zu viel Zuneigung zu Fremden in sich aufkeimen zu lassen. Doch warum sollte sie sich darüber den Kopf zerbrechen?

Nach einer köstlichen „Sopa de almendra“, einem delikaten Suppengemisch aus Huhn, Gemüse und Mandeln, nahm Nadja den kleinen Rico beiseite.

„Magst du mit mir das Kastell besuchen? Du weißt schon, du hast mir doch davon erzählt.“

Der Kleine war einverstanden. Bevor sie aufbrachen, füllte er hauseigene Oliven in eine Tüte und schwang das Netz mit einer Wassermelone über die Schulter. Ohne „Wegzehrung“ entfernte er sich kaum ein paar Meter weit von daheim.

Es war überraschend heiß an diesem Nachmittag. Unbarmherzig brannte die Sonne herab, und Nadjas Gesicht glühte. Ob sie sich einen Sonnenbrand holen würde? Doch in der alten mallorquinischen Burg war es kühl. Nach ihrer kleinen Zwischenmahlzeit tobten sie über Steintreppen und halbhohe Mauern, und Rico verband ihr mit einem Taschentuch die Augen.

„Such mich! Ich wette, du gibst auf, bevor du mich findest“, rief er noch und lief davon.

Wenig später hörte Nadja ein Poltern. Ein paar Steine haben sich wohl aus dem Gemäuer gelöst, war ihr erster Gedanke. Doch dann ertönte ein Schmerzensschrei, und sie riss sich die „Augenbinde“ vom Kopf.

„Rico! Wo bist du?“, rief die junge Frau verzweifelt. Nur ein Stöhnen deutete an, dass der Junge sich irgendwo links von ihr verbarg – vielleicht im ehemaligen Brunnenschacht des Kastells?

Du bist schuld, sagte eine Stimme in ihr. Du hättest das Kind nicht noch ermuntern dürfen, in dieser gefährlichen Umgebung zu spielen.

„Nadja – hier!“ Die Kinderstimme drang nur leise an ihr Ohr. Und dann, nach kurzer Suche, entdeckte sie den Kleinen. Er war tatsächlich in den Brunnenschacht gefallen. Doch so schlimm, wie sie befürchtet hatte, konnte seine Verletzung nicht sein, denn der Schacht war nicht allzu tief, und sie konnte sich auch ohne Schwierigkeiten mit Rico unterhalten.

Irgendjemand, der vielleicht mit der nicht zu bezähmenden Neugier kleiner Kinder gerechnet hatte, hatte vorsorglich ein paar dicke Bohlen in den Schacht geworfen, die einen tiefen Sturz verhinderten.

Nadja versuchte, barfuß zu Rico hinunterzuklettern, doch sie schaffte es nicht. Ihre Finger glitten an der rissigen Oberfläche der Steine ab. Ihre Nägel splitterten, und die Hände waren nach kurzer Zeit blutig.

„Rico, ich muss Hilfe holen“, rief sie zu dem Jungen hinunter. „Kennst du ein Haus in der Nähe? Erklärst du mir den Weg dorthin?“

Erst nickte der Kleine, doch dann wurde sein Gesicht blass, was Nadja allerdings nicht sehen konnte.

„Das nächste Haus ist das des Mörders“, sagte er. „Wenn du den Hügel hinunterläufst, kannst du den Leuchtturm erkennen. Es führt ein Weg zu ihm hinauf.“ Er schloss die Augen, wie um sich das Grauen vorzustellen, dass seine große Freundin aus Deutschland dort erwartete.

„Gut, Rico. Hältst du es noch eine Weile dort unten aus? Ich hole den Maler.“

Ganz selbstbewusst, fast heiter hatte ihre Stimme geklungen – ein Täuschungsmanöver, um Rico nicht noch mehr zu beunruhigen. Ja, sie ängstigte sich vor der Begegnung mit dem Mann, dessen hasserfüllte Augen sie noch immer vor sich sah. Woher sollte sie wissen, ob er nicht gemeingefährlich reagierte, sobald ein Fremder seinen Zufluchtsort betrat?

Aber es brachte nichts, wenn sie sich länger ihrer Angst hingab. Rico brauchte Hilfe – und nur der Mann aus Deutschland war in der Lage, ihr bei der Rettung des Jungen zu helfen.

***

Aus der Nähe sah der Leuchtturm viel größer aus, als ihn Nadja sich vorgestellt hatte. Kleine, schießschartenähnliche Fenster lockerten die strenge Fassade auf. Gerade, als sie mit der Faust gegen die Eingangstür schlagen wollte, hörte sie Klaviermusik. Ein Grieg-Konzert, gewaltig und ein wenig unheimlich, eines, das an vernebelte Fjorde im November erinnerte und gar nicht zu dem strahlend blauen Sommerhimmel Mallorcas und dem blaugrün glitzernden Mittelmeer passte.

So sehr sie auch klopfte und rief – sie schaffte es nicht, die Musik zu übertönen.

Nach kurzem Zögern öffnete Nadja die Tür und trat ins Haus. Staunend blickte sie sich im Parterre des Leuchtturms um. Natürlich, alles war hier rund. Daher wohl die ungewöhnliche Atmosphäre – oder?

Wie ein Einbrecher schlich sie die gewundene Treppe in den ersten Stock empor. Die Stufen knarrten ein wenig unter ihren leichten Schritten.

Die schmalen Fenster ließen nur wenig Licht herein, doch es reichte, um die riesigen Ölbilder an den runden Wänden wahrzunehmen. Sie zeigten fast alle eine wunderschöne Frau mit rotem Haar. Ein roher Holztisch mit Malutensilien, ein altmodischer Stuhl, Staffeleien mit halbfertigen Landschaftsskizzen … und dort, in der Ecke, eine Art Lagerstatt, auf der Simon Lenius mit geschlossenen Augen hockte und der schwermütigen Musik lauschte.

„Herr Lenius?“

Erschrocken fuhr er zusammen. Dann stand er hastig auf.

„Bitte, Sie wünschen?“, fragte er knapp und alles andere als freundlich.

„Entschuldigen Sie, dass ich hier eingedrungen bin“, sagte Nadja unsicher. „Ich habe wie verrückt unten an Ihre Tür gehämmert, und als Sie nicht öffneten, da …“

Simon Lenius machte eine knappe Handbewegung, ihre Entschuldigung interessierte ihn wohl nicht.

„Ich brauche Ihre Hilfe“, fuhr Nadja fort. „Ein Kind ist verletzt. Es liegt in einem Brunnenschacht dort oben im alten Kastell. Sicher kennen Sie die Stelle.“

Keine Reaktion. Nadja fühlte sich hilflos, fast wie ein Kind, dem die Macht der Sprache noch nicht gegeben war.

„Es ist Ramon Gonzalez’ Sohn: Enrique. Vielleicht kennen Sie den Kleinen? Und ich heiße Nadja Landsberg. Wir haben uns doch neulich im Bus getroffen, als …“

„Ich weiß, wer Sie sind“, erwiderte er und blickte sie unverwandt an. Vielleicht mochte er Frauen nicht, die in kurzen weißen Sommerhosen herumwanderten. Oder ihre Kleidung erinnerte ihn an etwas …

„Gut“, stieß er plötzlich hervor. „Ich helfe Ihnen.“

Nur einen Augenblick lang musterte er sich in einem Spiegel, strich sein Polohemd glatt und suchte Sandalen für seine bloßen Füße.

„Sie haben noch nicht vergessen, wer ich bin? Der Mörder, der Mann, den alle auf der Insel fürchten …“ Ironisch klang seine Stimme, sollte sie wohl provozieren.

„Nein, ich habe es nicht vergessen“, erwiderte Nadja. „Aber wenn ein Kind verletzt ist, zählen doch solche Dinge nicht mehr.“

Simon Lenius lächelte ein wenig. Er machte sich wohl über sie lustig, doch was bedeutete das schon? Hauptsache, Rico war bald in Sicherheit, konnte von einem Arzt behandelt werden.

„Es sind sieben Kilometer bis zum Kastell“, meinte Simon Lenius, als sie den Leuchtturm verlassen hatten.

Wollte er gar eine Unterhaltung beginnen? Oder sie davon abhalten, den staubigen Weg noch einmal zurückzulegen?

„Ich weiß“, gab sie spröde zurück, bemüht, ihn nicht dabei anzusehen.

Der Rückweg kam ihr endlos lang vor. Längst war die Sonne hinter dunklen Wolken verschwunden. Vom Meer her stürmte es schon wieder. Nadja fröstelte vor Angst und Sorge.

Sie standen dicht nebeneinander, als sie den Schacht hinunterblickten.

„Rico!“, rief die junge Frau.

Doch der Junge antwortete nicht. Sein rechter Fuß lag seltsam abgewinkelt auf einer der Holzbohlen, der Kopf war auf die Brust gesunken.

„Ohnmächtig“, meinte der Mann neben ihr. Und er gab sofort präzise Anweisungen: „Sie legen sich so hin, dass Ihre Hände über den Schachtrand hinausragen, damit ich sie, falls ich dort unten abgleite, fassen kann.“

Aber er brauchte ihre Hilfe dann doch nicht. Geschickt kletterte er an den Eisenhaken hinunter, legte sich Rico über die Schultern und kam wieder hinauf. Vorsichtig bettete er das ohnmächtige Kind auf den Rasen im Kastellhof.

„Rico, komm zu dir!“, rief Nadja und rieb die braunen Kinderwangen.

„Hauen Sie ihm kräftig eine runter – das hilft“, empfahl Simon Lenius, was Nadja jedoch empört überhörte.

Als Rico die Augen aufschlug, entdeckte er zunächst nur seine große Freundin und strahlte sie an. Dann zuckte er erschrocken zusammen – er hatte den Maler erkannt.

„Du hast richtig gesehen, Enrique Gonzalez“, sagte Simon grimmig. „Du bist nun auf mich angewiesen. Traust du dir zu, auf meinen Schultern den Weg zu eurer Mühle zurückzulegen? Sonst …“ Plötzlich schwang so etwas wie aufgesetzte, ganz und gar nicht natürliche Grausamkeit in seiner Stimme mit, „sonst wirst du hier wohl verhungern müssen. Und regnen wird es auch gleich.“

Als Nadja dem Jungen aufmunternd zunickte, antwortete er: „Ich habe keine Angst, auch vor Mördern nicht. Wenn ich im Fernsehen welche sehe, verstecken sich Juan und Pilar immer. Aber ich bin schon groß. Ich fürchte mich nicht.“

Simon nickte nur zu den Worten des Kindes.

Behutsam wickelte Nadja das Taschentuch, das im Spiel ihre Augenbinde gewesen war, um Ricos verletzten Fuß. So musste es gehen, auch wenn sie noch viele Kilometer zurückzulegen hatten.

Unterwegs wurde kein Wort gesprochen. Es hatte wieder zu regnen begonnen, aber Nadja spürte kaum, dass sie innerhalb von wenigen Sekunden durchnässt war.

Nach vorn schaute sie, hoffte an jeder Wegbiegung, die alte Mühle möge doch auftauchen, damit sie nicht nach links sehen musste. Denn links von ihr marschierte mit Riesenschritten der Mann mit dem kantigen Gesicht. Er trug Rico, als sei der Junge federleicht.

Nadja wusste nicht, wie viel Zeit verstrichen war, als Simon plötzlich ankündigte, dass es nicht mehr weit sei. Er hatte eine Abkürzung gefunden. Nur noch ein paar Meter, und sie war zu Hause. Zu Hause – wie selbstverständlich sie diese beiden Wörter schon aussprach!

Maria Gonzalez wurde bleich, als sie den Maler erkannte.

„Sie?“, fragte sie erschrocken und entdeckte erst dann hinter dem breiten Männerrücken ihren kleinen Sohn. „Was ist geschehen?“

Nadja berichtete von ihrem Versteckspiel mit Rico, gab sich die Schuld an dem Unglück, denn sie befürchtete, dass die herzliche, mütterliche Frau ihr Kind trotzdem bestrafen würde.

Simon Lenius bettete den Jungen auf ein Sofa, entkleidete ihn und tastete behutsam über die Rippen.

„Ich fürchte, da ist etwas angeknackst“, stellte er sachlich fest. „Und außer dem verstauchten Fuß dürfte der Junge eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen haben. Gibt es ein Telefon in Ihrer Nähe? Rico braucht ärztliche Hilfe.“

Der Kleine erwachte wieder. „Mir ist schwindelig“, klagte er.

Nadja kniete vor der Couch, hielt seine Hand. „Du warst sehr tapfer, Amigo“, sagte sie zärtlich. „Und wenn du jetzt noch ein Weilchen durchhältst – solange, bis der Doktor kommt –, dann verschwinden deine Schmerzen bald.“

Simon Lenius beobachtete sie unablässig. Nadja wunderte sich, dass er noch blieb, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gab.

Der Arzt kam nur wenige Minuten später. Er bestätigte die Vermutung des Malers, verband die angeknacksten Rippen, ließ Maria den verstauchten Fuß mit essigsaurer Tonerde kühlen. Und für die Gehirnerschütterung gab es ein schmerzstillendes Mittel und die Ermahnung: „Und die nächsten beiden Wochen wirst du hübsch im Bett bleiben.“

Die Tür fiel ins Schloss, und der Mediziner verschwand im Regen. Maria Gonzalez, ihr Mann und Ricos Geschwister sahen die beiden Deutschen an.

„Sie war ganz toll, die Nadja“, erzählte Rico. „Ist den weiten Weg zum Leuchtturm gelaufen, obwohl sie doch wusste, dass …“ Erschrocken hielt er inne.

„… dass dort ein Mörder wohnt“, fügte der Maler trocken hinzu.

„Und er, Vater“, Rico konnte noch immer nicht aufhören, „er hat mich den ganzen Weg vom Kastell hierher getragen. Das sind doch ganz viele Kilometer, nicht?“

Die Eltern nickten. Mit scheuen Gesten bedeuteten sie ihren Gästen, doch auf den einfachen Stühlen Platz zu nehmen.

Nadja, die sich nun auf einmal müde und erschöpft fühlte, setzte sich, und Simon tat es ihr nach.

Ramon bat seine Frau, mit in die Vorratskammer zu gehen. Als sie zurückkehrten, lächelten sie. Sie hatten zwei staubige Flaschen mitgebracht. Es war Rotwein, der sicher viele Jahre im Regal auf einen ganz besonderen Augenblick gewartet hatte. Doch nun sei die Gelegenheit gekommen, diesen besonders guten Tropfen zu trinken, meinten Ricos Eltern.

„Danke!“ Maria Gonzalez prostete dem Retter ihres Sohnes zu. „Sie sind nicht schlecht, Herr Lenius … was auch immer die Zeitungen schreiben und die Leute sagen.“

Eine seltsame Atmosphäre umgab sie plötzlich: das Kind, das keinen Blick von ihnen ließ, weil es spürte, dass etwas Unerklärliches zwischen den Erwachsenen seinen Anfang nahm, der mallorquinische Bauer, der genüsslich und doch recht hastig trank, seine Frau, die nur kostete, Nadja, die die schwere Süße des Weines nicht gewohnt war … und Simon Lenius, dessen Augen einen sanfteren Ausdruck angenommen hatten.

Warum schaut er mich nur immerzu an?, fragte sich Nadja verunsichert und spürte, wie sie errötete. Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie das Glas kaum zu halten vermochte. Ob es nur der Alkohol war, der ihr so zusetzte, oder war es die Anwesenheit dieses merkwürdigen Mannes? Nadja hatte das Gefühl, mehr und mehr in seinen Bann zu geraten, und das verwirrte sie, machte ihr Angst. Um sich abzulenken, versuchte sie, sich Peters Bild vor Augen zu halten, aber es gelang ihr nicht. Die Erinnerung war verloschen.

Nach dem Abendessen stand der Maler auf, reichte den Gonzalez die Hand und strich dem verunglückten Kind, das inzwischen eingeschlafen war, über den Kopf. Zum Schluss ging er auf Nadja zu und reichte auch ihr zum Abschied die Hand.

„Hasta la vista“, sagte Simon Lenius. Dann ging er hinaus.

Nadja trank noch ihr Glas leer, danach verabschiedete sie sich schnell und zog sich auf ihr Zimmer zurück. Dort warf sie sich aufs Bett und schlief auf der Stelle ein.

Draußen stürmte es. Draußen war es kalt und unwirtlich. Doch das war gar nichts gegen den Sturm, der in ihr tobte. Verwirrt fühlte sie sich – stärker denn je aus der Bahn geworfen. Und schuld daran war ein Mann, den alle auf der Insel für einen Mörder hielten …

***

Den nächsten Tag verbrachte sie an Ricos Bett. Trotz seiner Kopfschmerzen bestand der kleine Junge darauf, seine „Sprachstudien“ mit der großen Freundin weiterzuführen.

„In ein paar Wochen wieder, Enrique“, versprach Nadja. „Jetzt musst du dich ausruhen.“

Doch weil er so sehr bettelte, seufzte sie und gab nach. „Also gut, aber nur eine Viertelstunde!“

Die Gonzalez waren seit Ricos Unfall noch aufmerksamer, noch besorgter ihrem Feriengast gegenüber. Sie gaben Nadja keinerlei Schuld an Ricos Unfall, ganz im Gegenteil: Sie waren dankbar für ihre Hilfe.

Als Nadja die Zimmerrechnung für ihre erste Woche bezahlen wollte, wehrte Ramon beinahe beleidigt ab.

„Nicht einen Euro! Erst von der nächsten Woche an, Señora!“

„Señora …“ Nicht das vertraute, inzwischen allen selbstverständliche Nadja also. Selbst in den weiter entfernt gelegenen Gehöften kannten die Menschen sie schon. Sie lachten ihr zu, wenn sie ihr begegneten. Und ohne dass die junge Frau aus Deutschland es ahnte, rankten sich schon seit ihren ersten Tagen auf der Insel romantische Geschichten um sie.

„Sicher ist sie ihrem Geliebten fortgelaufen, die Blonde“, hieß es. Und andere meinten, er würde sie gewiss holen, über Nacht vielleicht, wenn die letzte Maschine in Palma gelandet war.

Nadja saß an Ricos Bett, erfand wundervolle Geschichten von einem schwarzhaarigen spanischen Jungen, der tollkühn über die alten Mauern eines Kastells kletterte, um dort Schätze aus Gold und Edelsteinen zu finden, die seit Jahrtausenden versteckt, nur auf einen „Mann“ namens Enrique gewartet hatten. Gebannt hörte der Junge zu.

„Kannst du nicht bleiben, Amiga?“, fragte er bittend. „Ich meine: für immer!“

Nadja dachte an Deutschland, an ihre Wohnung im Hochhaus mitten in der Stadt, an die Arbeit als Fremdsprachenkorrespondentin. Früher war ihr dieses Leben so selbstverständlich erschienen. Kein Baum vor der Tür, eine blasse Sonne, die nur selten schien … Und jetzt?

„Ich würde gern bleiben, Rico“, erwiderte sie mit sanfter Stimme. „Aber, weißt du, ich muss doch Geld verdienen.“

Der kleine Junge zog die Stirn kraus. „Hier bei uns braucht niemand viel“, meinte er. „Das Land ist fruchtbar, wir Bauern fleißig. Es wächst viel zum Essen auf den Bäumen, und Freundschaft bedeutet hier bestimmt mehr als in deinem Land.“

Wie erwachsen das klang – und wie einleuchtend dazu! Sie musste nur ihre Arbeit aufgeben, die Ersparnisse abheben, die Möbel verkaufen, das kleine Auto auch. Davon konnte sie sicher ein Jahr auf der Insel leben. Oder zwei Jahre sogar. Woher willst du überhaupt die Kraft nehmen, in den grauen Alltag zurückzukehren?, fragte eine spöttische Stimme in ihr, aber sie schob diesen Gedanken schnell wieder beiseite.

„Bitte, Amiga, sag Ja!“, bettelte der Kleine, und Nadja lächelte ihn versonnen an.

„Ich komme ja wieder“, versicherte sie ihm. „Und außerdem – du tust ja, als würde ich schon morgen fahren. Dabei bleibe ich doch noch eine Weile hier bei euch.“

Aber Rico gab keine Ruhe, bis sein Vater eingriff. „Lass unseren Gast in Ruhe, du Quälgeist!“, befahl er, woraufhin der Junge brav nickte.

An diesem Tag nach dem Unfall waren sie die ganze Zeit zusammen. Mittags gab es „Huevos a la flamenca“, eine feurige Eierspeise, und nachmittags schrieb Nadja an Ricos Bett einen Brief an ihre Freundin und bat sie, ein Schnellpaket mit Kinderspielzeug zu schicken. Die Kleinen der Familie Gonzalez besaßen nichts, was für deutsche Kinder selbstverständlich war.

Als der Abend kam, verzogen sich die dunklen Wolken endlich, und der Himmel war strahlend blau.

„Schlaf gut, Kleiner“, sagte Nadja. Sie ging die Treppe zu ihrem Zimmer hoch, entdeckte Peters Foto und betrachtete es nachdenklich. Nach einer Weile öffnete sie den Koffer und legte es hinein. Dann schlief sie tief und traumlos dem neuen Tag entgegen.

***

Ohne Rico die Insel zu erkunden, war weniger lustig. Doch da der Tag windstill war, die Spuren der regnerischen Tage längst verwischt, badete Nadja in „ihrer“ Bucht und wollte sich anschließend in die Sonne legen.

Als sie gerade ihr Handtuch auf dem Sand ausgebreitet hatte, sah sie eine einsame Gestalt durch das seichte Wasser waten. Ihr Puls ging schneller, als sie den Mann erkannte: Es war Simon Lenius. Sie fragte sich, warum er sie nicht beachtete. Er konnte sie unmöglich übersehen haben!

Aus irgendeinem Grund wagte sie nicht, ihn von sich aus anzusprechen, so beschloss sie, ihn zu ignorieren und sich zurückzulegen.

Etwa eine halbe Stunde später bemerkte sie einen Schatten und öffnete die Augen. Sie zuckte vor Schreck zusammen.

„Da!“, brummte Simon Lenius und ließ etwas auf sie hinunterwehen, das sie im grellen Licht der Sonne nicht sofort erkannte. „Für Rico!“

Es war eine Kohlezeichnung! Staunend betrachtete sie das Bild, das die Szene im Wohnzimmer der Familie Gonzalez wiedergab, wie sie sich vor zwei Tagen abgespielt hatte: Rico mit traurigem Gesicht auf dem Sofa, seine aufgeregten, besorgten Eltern und im Hintergrund eine junge Frau mit langem Blondhaar.

„Ein wunderschönes Bild“, murmelte Nadja. „Nur ich – ich erkenne mich kaum wieder.“

Simon lächelte schwach. „Weil Sie Ihre Schönheit nicht sehen, gefallen Sie mir“, sagte er.

Bevor sie etwas erwidern konnte, war er wieder verschwunden. Fast schien es ihr später, als wäre er gar nicht bei ihr gewesen …

Beim „Chuleta a la asturiana“, dem Champignon-Schnitzel, sagte Ramon Gonzalez es ihr: „Es wird Ärger geben, Nadja. Der … Mörder … äh, Señor Lenius – die Insulaner wollen ihn hier nicht länger dulden. Sie befürchten, dass bald Reporter und Fotografen aus aller Welt hier erscheinen, weil bekannt wurde, dass er sich in den Leuchtturm zurückgezogen hat.“

Besorgt schilderte er ihr, was die Landbevölkerung fürchtete: Die vielen Fremden könnten ihre Idylle durcheinanderbringen, ihre Ruhe stören.

„Sie sagen, ein Mörder hat keine Schonung verdient, schon gar nicht einer, der aus einem fremden Land kommt. Sie wollen ihn vertreiben. Es gibt Leute genug, die ihm den Leuchtturm abkaufen würden – für einen fairen Preis.“

„Sie müssen die Menschen hier verstehen, Nadja“, schaltete sich Maria Gonzalez ein. „Ihre Heimat, dieses Stück Land hier, bedeutet alles für sie. Mehr haben sie nicht.“

Die Vorstellung, dass sie diesen einsamen Mann aus seinem Zufluchtsort vertreiben wollten, rief Mitleid in Nadja hervor. Oder waren sogar vielleicht andere Gefühle im Spiel? Sie wagte sich diese Frage nicht zu beantworten.

Plötzlich hatte sie das Bedürfnis, der Landidylle den Rücken zu kehren, mal wieder etwas zu erleben, anderen Menschen zu begegnen.

Kurz entschlossen nahm sie den nächsten Bus nach Palma und fuhr mitten ins Touristenzentrum, das voller Leben und Geschäftigkeit war.

Bei ihrem Bummel durch die Straßen stieß sie zufällig auf eine etwas abseits gelegene Fischerkneipe mit Namen „Carlos“. Doch in dem romantischen Hinterhof war leider kein Tisch mehr frei, und Nadja wollte gerade wieder gehen, als jemand ihren Namen rief: „Nadja!“

Es war eine Stimme, die sie unter Millionen erkannt hätte.

Simon Lenius stand auf und winkte sie heran. Er hatte einen hellgrauen Leinenanzug an und wirkte ein wenig fremd.

„Sie?“, fragte Nadja überrascht und versuchte verzweifelt, das heftige Klopfen ihres Herzens zu ignorieren.

Er lächelte ein wenig schief. „Ja, ich. Aber nehmen Sie doch Platz, Nadja. Ich mag meine eigene Küche nicht mehr. Nur Eiergerichte gelingen mir einigermaßen, aber könnten Sie jeden Tag von Omeletts und Tortillas leben?“

Nadja lächelte ein wenig und setzte sich zu ihm an den Tisch. „Aber mir hat doch jemand erzählt, Sie hätten eine Frau, die für Sie kocht und sauber macht.“

Seine Miene verfinsterte sich wieder. „Die hatte ich auch – bis vor einigen Tagen. Da erschien sie nicht mehr. Merken Sie denn nicht, was sich da zusammenbraut? Die Insulaner wollen mich loswerden, weil mein Unterschlupf bekannt wurde. Mörder muss man einfangen, das wissen Sie doch sicher auch, oder?“ Simon sah sie eindringlich an und schien auf eine Antwort zu warten.

„Ich dachte, Sie wären mangels Beweisen freigesprochen worden?“, sagte Nadja leise.

Er lächelte bitter. „Was bedeutet das schon?“, fragte er mit einem Schulterzucken.

War das so etwas wie – ein Geständnis? Nadja hatte gehofft, er würde seine Unschuld beteuern, damit sie an ihn glauben konnte.

„Essen Sie mit mir?“, fragte Simon mit verändert klingender Stimme. „Es gibt hier ein köstliches Gericht: Schweinsohren, die in Knoblauch geschmurgelt sind.“

Schweinsohren? Nadja ekelte sich. Aber als er sie überredete, einen winzigen Happen von seinem Teller zu probieren, wurde sie eines Besseren belehrt.

„Gut, ich bestelle das auch“, sagte sie. „Und ich werde mir die ganze Zeit einreden, es sei Filet und kein … Ohr!“

Tatsächlich, Simon Lenius lachte. Wie sehr ihn das veränderte! Jünger als seine vielleicht siebenunddreißig oder achtunddreißig Jahre wirkte er jetzt. Das Düstere wich aus den Zügen, und er sah sie freundlich aus seinen dunklen Augen an. Doch gleich darauf wurde er wieder ernst.

„Aber ich werde nicht gehen“, beteuerte er, nachdem er für Nadja bestellt hatte. „Ich war lange genug auf der Flucht vor mir und meiner Vergangenheit. Nein, diesmal stehe ich es durch.“ Er prostete Nadja mit einem Glas Wein zu.

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