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Sommer der Herzen: Glaub an das Glück, Madeline

Jessica Bird

Sommer der Herzen: Glaub an das Glück, Madeline

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Rudolph

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. KAPITEL

Verdammt, er kam zu spät.

Spike Moriarty rannte ohne rechts und links zu schauen die Park Avenue entlang, und angesichts seiner Größe und seines kräftigen Körperbaus sprangen Passanten eilig aus dem Weg.

Zwar war ihm klar, dass er die zwei Stunden Verspätung sowieso nicht wieder aufholen konnte, aber er wollte wenigstens nicht erst ankommen, wenn die Party vorbei war. Schließlich ging es hier um die Verlobung von zwei guten Freunden, und eigentlich hätte er sogar eine kleine Rede halten sollen.

Der Gastgeber, sein guter Kumpel Sean O’Banyon, würde ihn umbringen. Dass die Fahrt von Saranac Lake nach Manhattan doppelt so lange gedauert hatte als sonst, war allerdings nicht seine Schuld. Nachdem der Highway wegen eines Lkw-Unfalls gesperrt worden war, hatte Spike sich im Stau auf den Landstraßen vorangequält – bis ihm ein 85-Jähriger mit seinem Oldsmobile hinten aufgefahren war.

Der Opa hatte darauf bestanden, die Polizei zu holen, und die örtlichen Cops ließen, nachdem sie einen Blick auf seine zu allen Seiten hin abstehenden Haare und seine Tattoos geworfen hatten, seinen Ausweis durch sämtliche Verbrecherdatenbanken laufen. Als der Computer nicht mal ein unbezahltes Strafmandat ausspuckte, schienen sie richtig enttäuscht zu sein und hielten ihn noch zwei Stunden am Straßenrand fest.

Endlich in Manhattan, hatte er den Wagen auf dem ersten freien Parkplatz in der Nähe der Park Avenue abgestellt und war losgesprintet. Zum Glück war es für Mitte Mai recht kühl, sodass er nicht völlig verschwitzt ankommen würde.

Als er eine Seitenstraße überquerte, schaute er zum Straßenschild hoch. Noch ein paar Blocks.

Das Taxi schien aus dem Nichts zu kommen. Aber Spike reagierte schnell, und so gelang es ihm, gerade noch rechtzeitig dem Zusammenstoß auszuweichen. Allerdings musste er sich über die Motorhaube abrollen und landete unsanft auf dem Asphalt.

Der Taxifahrer bremste scharf, zeigte Spike einen Vogel und gab wieder Gas. Spike hätte ihm gern hinterhergeflucht, aber dafür blieb keine Zeit: Erstens war er sowieso in Eile und zweitens hob er sich in seinen schwarzen Sachen kaum vom Asphalt ab, sodass der nächste Wagen ihn wahrscheinlich auch nicht sehen würde.

Er sprang auf und rannte weiter. Als sein Körper nirgends mit Schmerzen protestierte, gab er noch mehr Gas und erreichte endlich das Gebäude, in dem Seans Penthousewohnung lag.

Ohne innezuhalten, drückte er die Glastür auf und eilte durch die Marmorlobby direkt zu den Fahrstühlen. Eine affektierte Stimme hielt ihn zurück.

„Also, entschuldigen Sie mal!“

Spike drehte sich um und sah, dass der Portier, der ihn kannte, heute offenbar freihatte. Dieser hier sah aus, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen.

Nach Atem ringend stieß er hervor: „Ich will zu O’Banyons Party. Mein Name steht auf der Gästeliste.“

Der Portier hob hochmütig die Augenbrauen. „Fahrradkuriere dürfen nicht ins Gebäude. Sie werden Ihre Lieferung schon bei mir abgeben müssen.“

Entnervt sah Spike an die Decke. Irgendwann geht auch dieser Tag zu Ende, dachte er zähneknirschend. So oder so.

Madeline Maguire hielt sich auf der Verlobungsparty im Hintergrund. Als professionelle Seglerin verbrachte sie die meiste Zeit auf dem Meer, und bei ihrem seltenen Landaufenthalten fiel es ihr nicht immer leicht, sich an das normale Leben zu gewöhnen.

Auf der Party fehlte ihr vor allem das Gefühl, dass etwas Wichtiges passierte. Beim Regattasegeln war jedes Wort von Bedeutung, jedes Geräusch ein Hinweis, jede Kursänderung eine weitreichende Entscheidung. Mit ihren geschärften Sinnen und untrüglichen Instinkten war sie als Navigatorin dort ganz in ihrem Element.

Hier jedoch gab es rein gar nichts zu tun, und sie kam sich völlig überflüssig vor.

Der Höhepunkt des Abends war bisher das Wiedersehen mit Alex Moorehouse gewesen, ihrem ehemaligen Captain und guten Freund.

Für ihn und seine Verlobte Cassandra nahm Madeline gerne einen Aufenthalt in Manhattan in Kauf. Eigentlich hatte die ganze Crew dabei sein wollen, doch die anderen mussten auf den Bahamas ein Boot reparieren, das in einem schweren Sturm beschädigt worden war. Madeline hatten sie offiziell als Abgesandte gewählt, weil sie sich von allen noch am besten auf dem sozialen Parkett auskannte.

Haha, dachte sie. Bis jetzt hatte sie außer mit Sean, Alex und Cassandra noch mit niemandem gesprochen, aber wenn sie ehrlich war, bedauerte sie das auch nicht.

Die anderen Gäste stammten fast alle aus der Welt ihres Halbbruders – mächtige, ehrgeizige Männer und perfekt gestylte Frauen mit harten Augen und unechtem Lächeln. Zum Glück waren auch noch Alex’ Schwestern mit ihren Männern da, doch bis jetzt hatte sich noch kein Gespräch ergeben.

Der Einzige, mit dem Madeline wirklich gern geredet hätte, fehlte. Immer wieder suchte sie die Grüppchen nach einem großen, breitschultrigen Mann ab, dessen schwarzes Haar nach allen Seiten abstand.

Wieso war Spike nicht hier? Als einer von Alex’ und Seans besten Freunden würde er doch diese Party bestimmt nicht verpassen.

„Suchst du jemanden?“, fragte eine tiefe Stimme hinter ihr.

Sean, der erfolgreichste Investmentbanker der Wall Street und auch einer ihrer besten Freunde, wirkte selbstzufrieden, weil er sie ertappt hatte.

Sie lächelte ihn an und schwindelte: „Ich suche niemanden, wie kommst du darauf?“

„Weil man’s dir ansieht. Du schaust jeden Mann, der reinkommt, hoffnungsvoll an, aber bis jetzt ist der, den du dir herbeiwünschst, noch nicht aufgetaucht, oder?“

Obwohl Madeline in Sean den Bruder sah, den sie gern gehabt hätte, hatte sie Hemmungen, ihm von ihrem Interesse an Spike zu erzählen. Außerdem würde sowieso nichts aus der Sache werden – wie immer.

Trotzdem war sie von Spike völlig fasziniert. Sie hatte ihn bei Alex in Saranac Lake kennengelernt und sich sofort zu ihm hingezogen gefühlt. Wie die meisten Männer war Spike in ihrer Gegenwart allerdings nicht sehr gesprächig und mied ihren Blick. Außerdem gab er sich Mühe, ihr nicht zu nahe zu kommen … das Übliche eben.

Als eine Frau, die meist auf einem Boot lebte, noch dazu knapp über eins achtzig groß und athletisch gebaut, war sie für die meisten Männer uninteressant. Die, die sie mochten und respektierten, behandelten sie wie einen Kumpel, die anderen starrten sie an wie eine Außerirdische oder hielten sie für lesbisch.

Die meiste Zeit machte ihr das auch nicht viel aus, schließlich hatte sie sowieso kein Glück in der Liebe. Aber bei Spike wünschte sie sich schon, dass er sie als Frau wahrnahm. Vielleicht mal den Arm um sie legte. Oder sie sogar küsste. Wenigstens ein einziges Mal.

Als sie daran dachte, wie lange ihr letzter Kuss zurücklag, verzog sie das Gesicht. Für eine Frau in ihrem Alter war es viel zu lange her – mittlerweile waren es Jahre, nicht Monate.

„Erde an Mad, Erde an Mad, erbitte Kontaktaufnahme“, witzelte Sean.

Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Du hast die Wohnung wirklich zu einem Schmuckstück gemacht.“

Das Penthouse, das Sean erst im vergangenen Jahr gekauft hatte, war in einem männlichen, puristischen Stil eingerichtet – klare Linien, viel Leder und Metall. Die Panoramafenster gingen auf den Central Park hinaus, und der Blick war unverstellt.

„Danke.“

„Die Einrichtung passt zu dir – viele Ecken und Kanten.“

Sean lachte. „Tja, in meinem Geschäft landen die Weichen ganz schnell im Abseits.“

Als Investmentbanker hatte Sean mitgeholfen, die Supermarktkette Value Shop ihrer Familie zu einem der landesweiten Marktführer zu machen, doch für Madeline war er ein enger Freund geworden, dem sie mehr vertraute als ihren engsten Verwandten.

Normalerweise ging sie Menschen wie ihm aus dem Weg, weil sie sie zu sehr an ihren verstorbenen Vater und den ungeliebten Halbbruder erinnerten. In seinem Maßanzug sah Sean aus wie ein typischer Geschäftsmann, doch er war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und hatte nie vergessen, was er auf der Straße gelernt hatte.

„Wir müssen übrigens mal miteinander reden“, sagte er.

„Das klingt nicht besonders gut.“

„Es geht um deinen Halbbruder.“

Sie schaute zu Boden. „Ich will ihn nicht sehen.“

„Mad, es ist aber wichtig …“

In diesem Moment öffnete sich die Eingangstür, und Madeline wurde plötzlich von Kopf bis Fuß heiß.

Spike trug eine schwarze Lederjacke, ein schwarzes Hemd und schwarze Hosen. Sein ebenfalls schwarzes Haar stand wie immer in alle Richtungen vom Kopf ab, doch bei ihm wirkte das nicht ungekämmt, sondern betonte nur noch die markanten Gesichtszüge. Mit seiner beachtlichen Erscheinung schien er den ganzen Raum auszufüllen.

Das Faszinierendste waren seine Augen. Sie wirkten gelb, je nach Lichteinfall schimmerten sie manchmal sogar golden, und waren umrahmt von dunklen Wimpern. Am Hals trug Spike auf beiden Seiten elegant geschwungene Tribal Tattoos und im linken Ohr ein silbernes Piercing.

Madeline schluckte schwer. Konnte ein Mann noch sexier aussehen? Wohl kaum.

„Da brat mir doch einer ’nen Storch“, bemerkte Sean leise. „Du hast nach Spike Ausschau gehalten? Wie lange geht das schon? Wann hast du ihn kennengelernt? Und warum zum Teufel weiß ich davon noch nichts?“

Abwesend nahm Madeline einen Schluck von ihrem Chardonnay. „Halt den Mund, Sean.“

Spike kochte innerlich vor Wut, als er endlich das Penthouse betrat. Der diktatorische Portier hatte ihm den Rest gegeben. Jetzt war er nicht nur wirklich schlecht gelaunt, sondern auch noch später dran – und völlig ausgehungert.

Der Nächste, der ihm dumm kam, würde sein blaues Wunder erleben.

Er zog die Jacke aus und hängte sie an die Garderobe, dann suchte er in der Gästeschar nach Sean. Als er ihn sah, begann sein Herz schneller zu schlagen. Nicht wegen seines guten Kumpels, sondern wegen der Frau, die neben ihm stand.

Lieber Himmel, Madeline Maguire war hier. Auf dieser Party. Stand nur ein paar Meter weit weg und atmete dieselbe Luft wie er.

Das hätte er sich eigentlich denken können, denn schließlich war sie eine Freundin von Alex. Trotzdem traf es ihn völlig unvorbereitet.

Madeline Maguire war für ihn die faszinierendste Frau, die er je getroffen hatte. Selbstbewusst und intelligent, dazu groß genug, um ihm in die Augen zu sehen. Ihre unkomplizierte Freundlichkeit wirkte völlig natürlich, und auch sonst war sie einfach perfekt: glänzendes, schwarzes Haar, das ihr weit über die Schultern reichte, tiefblaue Augen, in denen immer ein unternehmungslustiges Funkeln lag. Und ihr strahlendes Lächeln hätte sogar einen Blinden aus dem Koma geholt …

Heute trug sie ein schwarzes Strickkleid mit weich fallendem Rollkragen, das ihre Kurven äußerst sexy betonte.

Dabei hatte er schon viel mehr von ihr gesehen. Bei ihrem ersten Treffen bei Alex war sie nur mit einem schwarzen Sport-BH und Jazzpants bekleidet aus dem Bad gekommen – und mit ausgestreckter Hand auf ihn zugegangen, als wäre es völlig selbstverständlich, dass Amazonen-Königinnen einem Normalsterblichen wie ihm die Hand schüttelten.

Und dann hatte sie seine Tattoos sehen wollen. Wenn Alex ihn nicht gerettet hätte, wäre er glatt in Ohnmacht gefallen.

Jetzt war ihm schon wieder schwindelig. Was allerdings auch daran liegen konnte, dass er den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte.

Er bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck und ging auf Sean zu. Nicht, dass er noch dümmlich grinsend bei den beiden auftauchte. Wieso verließ ihn seine Coolness immer dann, wenn’s wirklich drauf ankam?

„Hallo, Großer“, begrüßte er Sean. „Tut mir echt leid wegen der Verspätung. Hast du meine Nachricht erhalten?“

Als er und Sean sich schulterklopfend begrüßten, wusste er sofort, dass etwas im Busch war. Seans Augen funkelten vergnügt, und das kam nun wirklich selten vor.

„Kein Problem“, antwortete Sean und machte eine Kopfbewegung nach links. „Madeline Maguire kennst du schon, richtig?“

Und ob, dachte Spike. Sie kommt jede Nacht in meinen Träumen vor.

Er nickte und erlaubte sich einen kurzen Blick in ihre Richtung. Wow. Sie hatte wirklich einladend rote Lippen, und dabei war sie gar nicht geschminkt.

„Hi, Spike“, sagte sie.

Und diese Stimme. Tief, ein wenig rau. Genauso sexy, wie er sie in Erinnerung hatte. Seine Haut begann zu kribbeln.

„Freut mich, dich wiederzusehen, Madeline.“

Zum Glück streckte sie ihm diesmal nicht die Hand hin, sonst wäre er womöglich zu Boden gegangen. Schon ihr Anblick bescherte ihm weiche Knie.

„Wie steht’s mit den Reden?“, fragte er Sean. „Die hab ich wohl verpasst?“

„Von Anfang bis Ende.“

„Dann geh ich mich besser entschuldigen. Wo ist denn das glückliche Paar?“

„In meinem Büro, glaube ich. Alex hat darauf bestanden, dass Cass sich ausruht, und sie wahrscheinlich auf die Couch verfrachtet. Der Arzt droht ständig damit, ihr bis zur Entbindung komplette Bettruhe zu verordnen. Hast du schon was gegessen?“

„Nein, ich bin am Verhungern.“

„Mad, warum zeigst du unserem Zuspätkommer nicht das Büfett?“

„Ach, nicht nötig“, warf Spike hastig ein. „Ich werd’s schon finden. Hast du was dagegen, wenn ich heute Nacht hier schlafe?“

Sean grinste breit. Verflixt, irgendwas führt er doch im Schilde, dachte Spike. Was hat er bloß vor?

„Das ist eine prima Idee“, erwiderte Sean und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ganz ausgezeichnet. Findest du nicht auch, Mad?“

Madeline jedoch warf Sean einen Blick zu, als hätte sie ihm am liebsten vors Schienbein getreten.

Waren die beiden etwa ein Paar? Spike runzelte die Stirn. Sehr viel wusste er wirklich nicht über Madeline. Nur, dass sie aus einer reichen Familie stammte. Vielleicht war Sean ja auch nur ihr Berater.

Doch dann zwinkerte Sean Madeline zu, und Spike kamen wieder Zweifel. Hatten sie doch eine persönlichere Beziehung?

Aus heiterem Himmel traf Spike eine Welle der Eifersucht, und er hätte sich am liebsten zwischen die beiden geworfen. Einen Moment lang stellte er sich vor, wie er Sean zur Garderobe schleppte und ihn neben seiner Lederjacke am Kragen aufhängte. Da konnte er sich dann selbst zuzwinkern, der Mistkerl.

Verdammt, Sean ist ein Freund. Freund, mahnte Spike seinen inneren Macho.

Doch dann warf Madeline Sean einen verschwörerischen Blick zu, als ob die beiden ein Geheimnis teilten. Gegner, widersprach sein innerer Macho prompt.

Besser, er zog sich zurück. Wenn er noch viel länger blieb, bekam er noch Persönlichkeitsstörungen.

„Entschuldigt uns“, murmelte er und wandte sich ab. „Ich meine, mich.“

Madeline schaute Spike hinterher, als er sich einen Weg durch die Menge bahnte. Die Männer machten ihm ohne Zögern Platz und betrachteten ihn halb neugierig, halb wachsam. Die meisten Frauen versuchten, mit ihm zu flirten.

Er war eben einfach ein Mann, der einen sofort an Sex denken ließ. Schon allein seine kraftvollen, geschmeidigen Bewegungen, die …

„Also jetzt rück raus mit der Sprache, was hat es mit Spike und dir auf sich?“, unterbrach Sean ihre Gedanken. „Du bist ja ganz hin und weg.“

„Ich dachte, ich soll heute bei dir übernachten?“, wich Madeline der Frage aus.

„Tust du ja auch.“

„Aber du hast nur ein Gästezimmer.“

„Mit zwei Betten. Und ihr beide seid schließlich erwachsen, also sollte das kein Problem sein, oder?“ Seans Grinsen wurde noch breiter. „Es sei denn, dir wird mitten in der Nacht plötzlich kalt, dann hätte Spike bestimmt nichts dagegen, dich … autsch!“

Vorsichtshalber gab Madeline ihm noch einen zweiten Knuff in den Oberarm. „Wag es nicht, mich mit ihm zu verkuppeln“, warnte sie.

Lächelnd rieb sich Sean die Stelle, wo ihre Faust gelandet war. „Verkuppeln? Wie kommst du denn darauf? Er braucht ein Bett, du brauchst ein Bett. Dafür kann ich doch nichts.“

Gequält schloss Madeline die Augen. „Sean, ich meine das ernst. Ich kann nicht … bitte, bring mich nicht in Verlegenheit.“

Sean wurde ernst und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Herrje, Liebes, tut mir leid. Das werde ich nicht, versprochen. Komm her.“

Sie ließ sich an seine breite Brust ziehen und atmete tief durch.

„Es ist doch nur … ich würde mich wirklich für dich freuen, wenn du mit jemandem wie ihm zusammen wärst. Er ist ein guter Kerl, und ich kenne ihn jetzt schon eine ganze Weile. Er kommt oft übers Wochenende her“, sagte Sean.

„Schön für dich. Aber hast du auch gemerkt, dass er mich kaum eines Blickes würdigt? Er interessiert sich überhaupt nicht für mich.“

„Das kann sich ändern.“

„Nein, bei mir nicht.“

„Nur wegen dieser Geschichte mit Amelia und deinem Exfreund musst du doch nicht …“

„Ich will jetzt nicht über sie reden. Außerdem muss es Exfreunde heißen, Plural. Sie hat mit beiden geschlafen.“

Sean fluchte leise. „Soll ich Spike bitten, woanders zu übernachten?“

„Nein, ich habe kein Problem damit, eine Nacht mit ihm ein Zimmer zu teilen. Aber ich wäre nicht überrascht, wenn er dann lieber woanders schlafen würde. Und jetzt musst du dich bestimmt mal wieder um deine Gäste kümmern, oder?“

„Warum kommst du nicht mit ans Büfett und isst was?“

„Ich habe keinen Hunger“, sagte sie wie immer automatisch, wenn ihr jemand etwas zu essen anbot. „Aber trotzdem danke. Geh nur, das ist okay.“

Für den Rest der Party hielt sich Madeline im Hintergrund. Und beobachtete Spike.

In Saranac Lake hatte sie ihn eher für introvertiert gehalten, doch heute Nacht ging er wirklich aus sich heraus. Als Sean und er im Wohnzimmer abwechselnd Geschichten aus ihrem Leben zum Besten gaben, scharte sich ein Großteil der Gäste um sie, die meisten davon weiblich.

Kein Wunder. Sean war als Herzensbrecher stadtbekannt, und Spike schien ihm in nichts nachzustehen. Bei jeder guten Pointe zeigte er ein verwegenes Grinsen, und Mads Herz setzte jedes Mal einen Schlag aus.

Nein, da hatte sie ihn wohl völlig falsch eingeschätzt. Schüchtern war er definitiv nicht. Im Gegenteil, er schien ziemlich selbstsicher. Von reichen und berühmten Leuten umringt zu sein, beeindruckte ihn offensichtlich nicht besonders. Dabei war er nicht unfreundlich oder arrogant, aber er biederte sich auch nicht an. Ganz gleich, wer vor ihm stand, er verlor nie diese coole, leicht spöttische Haltung, die die Leute geradezu magisch anzuziehen schien.

Besonders zwei Frauen hatten es auf ihn abgesehen. Beide waren blond und zweifellos aus bestem Hause, aber schon bald hatte die eine ihren Arm um ihn gelegt und die andere versuchte, auf seinem Schoß zu sitzen.

Kopfschüttelnd sagte sich Madeline, dass sie kein Recht und vor allem keinen Grund zur Eifersucht hatte.

Spike brach in lautes Lachen aus, ein tiefer und sehr männlicher Klang. Als er den Blick danach durch den Raum schweifen ließ, ertappte er Madeline dabei, wie sie ihn anstarrte, und sein Lächeln erlosch sofort.

Doch als die Blondine auf seinem Schoß ihn spielerisch auf die Brust schlug, erholte er sich schnell und lächelte sie gewinnend an.

Madeline seufzte. Tja, das war typisch: Meistens schauten Männer einfach durch sie hindurch. Und wenn sie sie doch mal bemerkten, dann nur, weil sie sich von ihr belästigt fühlten.

Es brachte Spike völlig aus dem Konzept, als er Mads Blick auffing. Zum Glück hatte er die Geschichte, wie er als Koch seinen ersten Fisch ausgenommen hatte, schon so oft zum Besten gegeben, dass er sie trotz seiner Verwirrung fast mechanisch zu Ende brachte.

Aber Madeline hielt ihn bestimmt für einen vorlauten Angeber. Wahrscheinlich hat sie recht, dachte er, als die Leute um ihn herum laut lachten.

Anders als er hielt Madeline sich die ganze Zeit von den anderen Gästen fern. Sie stand vor der großen Fensterfront, schön und reglos wie eine Skulptur. Angesichts ihrer königlichen Anmut kamen ihm seine Geschichten albern und oberflächlich vor.

Einer Menge Männer auf der Party schien es ebenso zu gehen. Spike hatte durchaus bemerkt, wie viele sie aus der Ferne bewunderten, sich aber nicht trauten, sie anzusprechen. Stattdessen warfen sie ihr verstohlene Blicke zu und versuchten, sie einzuschätzen.

Spike wusste genau, was sie dabei dachten. Wie sie sich wünschten, ihr näherzukommen, aber Angst vor einer Abfuhr hatten. Ihm selbst ging es ja genauso.

Mad strahlte eine Unnahbarkeit aus, die nicht leicht zu überwinden war. Als ob sie auf See Dinge gesehen und getan hätte, die mit nichts an Land zu vergleichen waren. Als ob sie nie einen Mann brauchte oder überhaupt wollte.

Dabei war ihre Schönheit so überwältigend, dass die anderen Frauen dagegen völlig verblassten. Mit ihrem durchtrainierten Körper und ihrem wachen Blick war sie für Spike einfach unwiderstehlich.

Er spürte einen leichten Schlag auf die Brust. Paige Livingston oder Livingworth – er hatte sich den Geldadel-Namen nicht gemerkt – verlangte seine Aufmerksamkeit. Er schenkte ihr und ihrer Schwester ein leeres Lächeln. Eine Stunde später, als die Party zu Ende ging, brachte er die beiden zur Tür und verabschiedete sich, obwohl sie ihm ihre Telefonnummer gegeben und zahlreiche eindeutige Einladungen ausgesprochen hatten.

Er war einfach nicht in der richtigen Stimmung, um in ihrer Fantasie „heute Nacht bin ich ein böses Mädchen“ die Hauptrolle zu spielen. Das hatte er früher manchmal getan, und es hatte ihm nie viel gegeben, wenn auch die Frauen es immer zu genießen schienen.

Seltsamerweise kam er gerade bei den höheren Töchtern mit ihren Perlenketten und Twinsets besonders gut an. Die schienen auf wild aussehende Typen wie ihn zu stehen. Jedenfalls für eine Nacht. Oder zwei.

Was ihm gut passte, denn auf eine Beziehung war er sowieso nicht aus.

Ein Mann mit seiner Vergangenheit war eben kein Heiratskandidat. Sobald er einer Frau davon erzählte, ließ sie ihn sitzen – das wusste er sicher, denn es war ihm schon passiert. Lügen wollte er aber auch nicht, und deshalb hatte er sich darauf eingerichtet, immer nur kurze Affären zu haben.

Aber nicht heute Nacht. Als er die Tür hinter den beiden Blondinen schloss, atmete er auf und genoss die plötzliche Stille in der großen Wohnung. Leider bedeutete das, dass auch Madeline gegangen war und er sich nicht mal von ihr verabschiedet hatte.

Aber vielleicht war das auch besser so. Denn was nützte es schon, wenn er sich ernsthaft in sie verliebte? Er konnte sie ja doch nicht haben.

Sean kam aus der Küche und reichte ihm auf dem Weg ins Wohnzimmer einen Becher Kaffee.

„Dir hat die Party offensichtlich gefallen“, bemerkte er. „Die Livingston-Schwestern waren ja ganz hin und weg von dir.“

„Tja …“

„Schade, dass du ihnen so viel Zeit gewidmet hast“, murmelte Sean.

„Was?“

„Schließlich waren noch andere Frauen auf der Party.“

Spike fragte sich, worauf sein Freund hinauswollte, doch dann hörte er hinter sich Schritte. Als er sich umdrehte, sah er Madeline hereinkommen. Einen Moment lang glaubte er zu träumen.

Statt des schwarzen Strickkleids trug sie nun Boxershorts und ein bauchfreies Top.

„Hi, Mad“, sagte Sean lächelnd. „In der Küche steht frischer Kaffee.“

„Danke.“

Verträumt sah Spike ihr nach. Wie braun gebrannt ihre muskulösen Beine waren … Dann fiel der Groschen.

„Übernachtet sie etwa hier?“

„Allerdings.“

Spike stellte seine Tasse ab und stand auf. Auf einmal schien die Luft im Zimmer knapp zu sein.

„Wo willst du denn hin, Kumpel?“, fragte Sean.

„Ich sollte besser gehen.“ Auf keinen Fall wollte er in derselben Wohnung sein, wenn Sean und Mad ins Bett gingen. Miteinander.

Schon der Gedanke machte ihn ganz fertig.

„Setz dich wieder hin.“

„Nein, ihr wollt doch sicher unter euch sein. Ich seh dich später.“

„Spike, setz dich, verdammt noch mal. Wir haben nichts miteinander, kapiert? Du kannst dich wieder entspannen.“

Stirnrunzelnd fragte sich Spike, womit er sich verraten hatte. Sean O’Banyon war einfach ein zu guter Menschenkenner und durchschaute einen auch dann, wenn man etwas zu verbergen versuchte. Normalerweise fand Spike das beeindruckend. Nur im Augenblick gerade nicht.

„Hinsetzen“, wiederholte Sean.

Widerstrebend ließ Spike sich wieder aufs Sofa sinken. Dann fiel ihm ein, dass die Wohnung nur ein Gästezimmer hatte. Vorsichtig drückte er das Polster, auf dem er saß, hinunter. Weich genug. Hier würde er es wohl eine Nacht aushalten.

„Denk gar nicht erst dran“, sagte Sean.

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