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Sommer der Gefühle

Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Folge
  3. Über die Autorinnen
  4. Titel
  5. Impressum
  6. In einer Nacht in der Toskana …
  7. Mallorca, Insel meiner Liebe
  8. Die Nacht am Schlangenfluss
  9. Im Land, wo Träume sich erfüllen
  10. Zu brav, um nach Paris zu fahren?
  11. In der nächsten Folge

Fünf Geschichten rund um Sommer, Sonne, Leidenschaft!
Folgen Sie uns in den „Sommer der Gefühle“ und lassen Sie sich von weißen Stränden und fernen Ländern verzaubern …

 

Über diese Folgen

„In einer Nacht in der Toskana …“ von Valentine Michaels

Zehn Jahre USA – danach ist es für Charlotte ziemlich schwer, in Deutschland wieder Fuß zu fassen. Und so nimmt sie dankbar das Angebot ihrer Freundin Jessica an, in deren Landhaus in Italien nach dem Rechten zu sehen. Doch die Sache hat gleich drei Haken: Das Landhaus ist eine Bruchbude. Sie muss Friedrich-Wilhelm mitnehmen – ein Ungetüm von einem Kater. Und dann ist da noch Alexander …

 

„Mallorca, Insel meiner Liebe“ von Laura Hanson

Ein alter VW bringt Katrin ganz schön in Schwierigkeiten. Ewig lange hat sie sich auf ihren Mallorca-Urlaub gefreut, und dann streikt der Wagen schon auf der Hinfahrt! Ein schnittiger Porsche bringt Katrin zwar nach Mallorca, aber auch in noch mehr Schwierigkeiten. Denn es gibt Krach mit dem Herrn, der den Wagen fährt, und Katrin muss Hals über Kopf die Flucht ergreifen …

 

„Die Nacht am Schlangenfluss“ von Nancy Bennett

Das hat Kerstin nun davon, dass sie dem Mann im Reisebüro nicht richtig zugehört hat! Aber sie hatte ja ihre eigenen Vorstellungen von Costa Rica! Aus ihrem Strandurlaub wird jedenfalls nicht – weil es erstens keine Sandstrände gibt, dafür aber viele wilde Tiere, und weil sie zweitens einen Abenteuerurlaub gebucht hat – mitten im Dschungel. Und das in einer Gruppe zusammen mit dem grässlichsten Mann, den sie je kennengelernt hat!

 

„Im Land, wo Träume sich erfüllen“ von Vicki Parker

„Mörderin!!!“ Immer wieder hört Olivia die hässlichen Anklagen ihrer Kollegen in der Klinik. All die Menschen, denen sie blind vertraut hat, stellen sich plötzlich gegen sie, ohne die Anschuldigung auf die Wahrheit zu überprüfen. Olivia gerät in Panik, als sie erkennen muss, dass sie wohl nie ihre Unschuld beweisen kann. In ihrer Verzweiflung tut sie das Verkehrteste überhaupt: Sie flieht bis ans Ende der Welt – nach Goa …

 

„Zu brav, um nach Paris zu fahren?“ von Charlotte Vary

Paris und die Liebe – zwei Begriffe, die untrennbar zusammengehören. Auch Monika ist verliebt – in Paris, in die Liebe und in Gaston. Nichts scheint ihr Glück zu trüben. Auch nicht, dass Gaston ständig sein Portemonnaie „vergessen“ hat, sein Sportwagen zufällig in der Werkstatt ist und seine Luxuswohnung gerade renoviert wird …

Über die Autorinnen

Valentine Michaels

Die Romane dieser Autorin sind von ganz eigenem Reiz. Mal spielen sie an bekannten, lebhaften Urlaubmetropolen, dann wieder entführen sie uns an Orte, deren Stille und Frieden und unberührte Natur geeignet sind, die Menschen zurück zu sich selbst finden zu lassen. Valentine Michaels ist eine begeisterte Hobbyköchin, die auf ihren vielen Reisen durch die ganze Welt exotische Gewürze und die passenden Rezepte sammelt.

Laura Hanson

Sie ist der Shootingstar in Autorenkreisen. Obwohl sie erst Anfang dreißig ist, bestechen ihre Romane durch besonderen Tiefgang. Für Laura Hanson ist es wichtig, dass sie mit ihren Geschichten die Leser glücklich macht. Im nächsten Jahr will sie heiraten. Geplant sind mindestens drei Kinder.

Nancy Bennett

Die Autorin hat sich lange in der Welt umgesehen, bevor sie mit Ende dreißig begann, Romane zu schreiben, die nicht nur bei uns in Deutschland große Erfolge feiern. Neben dem Schreiben engagiert sich Nancy Bennett für den Umweltschutz und für die Rettung des Regenwaldes.

Vicki Parker

Die Autorin schreibt am liebsten ganz früh morgens. Dann, wenn der Tag noch wie ein unbeschriebenes Blatt vor einem liegt. Vicki Parker liebt die verschiedenen Jahreszeiten und dekoriert ihr Haus gerne um. Dabei wird sie von ihren Zwillingstöchtern begeistert unterstützt.

Charlotte Vary

Seit vielen Jahren ist die beliebte Autorin dem Bastei Verlag ganz eng verbunden. Sie hat schon mehr als hundert Romane geschrieben, und jeder einzelne bürgt für spannende Unterhaltung und ein zu Herzen gehendes Schicksal. Charlotte Vary wohnt im oberbayerischen Rosenheim zwischen Chiemsee und Wendelstein. Wenn die Sonne die Gipfel der Alpen kurz vorm Untergehen noch einmal zum Glühen bringt, spürt sie ein tiefes Glücksgefühl.

Valentine Michaels – Laura Hanson – Nancy Bennett – Vicki Parker – Charlotte Vary

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In einer Nacht in der Toskana …

Valentine Michaels

Zehn Jahre USA – danach ist es für Charlotte ziemlich schwer, in Deutschland wieder Fuß zu fassen. Und so nimmt sie dankbar das Angebot ihrer Freundin Jessica an, doch mal in deren Landhaus in Italien nach dem Rechten zu sehen.

Doch die Sache hat gleich drei Haken: Das Landhaus ist kein Landhaus, sondern eine alte Bruchbude. Sie muss Friedrich-Wilhelm mitnehmen – ein Ungetüm von einem Kater, und sie kann Katzen doch nicht leiden. Und dann ist da noch Alexander …

Charlotte stand am Atelierfenster des Lofts, der obersten Etage eines umgebauten Fabrikgebäudes, und sah auf die schmale Straße hinunter. Sie lag zwischen Lexington und der Third Avenue, mitten in Manhattan, nahe des East River in New York.

Wie üblich nieselte es. Schwere, graue Wolken hingen über den Hochhäusern, der Hudson war schmutzig und floss träge dahin. Samstagnachmittag im Juni. Smogluft und Depressionen. Kein Baum, kein Strauch, keine Blume irgendwo.

Die Vierunddreißigjährige seufzte, als sie sich umblickte. Sicher, Jo und sie hatten großes Glück gehabt, dass der schlitzohrige Makler unter Tausenden von Wohnungssuchenden gerade sie als Mieter für dieses Loft ausgewählt hatte.

„Pah! Was sind schon ein paar tausend Dollar im Monat!“, hatte Jo lässig gesagt. „Ich hab’s doch, Darling!“

Rückständig war sie, spießig wohl auch, dass sie Mieten und Lebensunterhalt immer noch nach deutschen Maßstäben maß. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten engte sie sich mit dieser Gewohnheit nur unnötig ein.

Riesig war das Loft. Die großzügigen Atelierfenster gaben den Blick auf schwarze und dunkelrote Dächer, auf überdimensionale Schornsteine frei. Immer waren sie schmutzig, auch wenn Charlotte zweimal in der Woche hinaufkletterte und sie putzte.

„Was hast du gegen dreckige Scheiben?“, sagte Jo immer. „Die gehören zu New York … wie die Ratten auf den Docks, wie der Central Park, in dem überfallen und gemordet wird, wie …“

Sie hielt sich immer die Ohren zu, wenn er in dieser Stimmung war. Ja, wäre er ein echter New Yorker – das war übrigens kaum einer hier! – sie hätte es verstanden. Aber Jo hieß eigentlich Johannes, wurde auf der Nordseeinsel Borkum noch Hannes gerufen, bevor es ihn über den großen Teich zog, weil er sein Leben nicht „mit den verblödeten Schafen und noch blöderen Insulanern“, wie er es nannte, zubringen wollte.

Sie seufzte noch einmal. Dann brühte sie sich in der offenen Küche einen Kaffee auf, weil sie das Instantzeug, das hier jeder benutzte, nun einmal nicht ausstehen konnte. Auch nicht die Hot Dogs, die Hamburger, überhaupt all den knallbunten Kram. Die Amerikaner liebten ihr Farbstoff-Essen ebenso wie ihre bonbonfarbigen Shows im Fernsehen. 24-Stunden-Programm, Tag und Nacht das Gesäusel aus dem Radio, die heißesten Scheiben in den Clubs. Brauchte in New York eigentlich niemand Schlaf?

Ich bin wahrscheinlich die einzige Hausfrau hier, die frisches Gemüse kauft, dachte sie weiter.

Ihre Nachbarn, lauter gut verdienende, schicke Loft-Leute, ließen sich natürlich die gefrorenen Menüs für Wochen ins Haus schicken, egal, ob sie Diabetiker oder Allergiker waren … oder einfach nur zu dick. Es gab Hunderte von unterschiedlichen Speisen, für Gefräßige und Appetitarme, für Hungrige gelber, brauner, weißer und rothäutiger Abstammung.

Ja, alles war möglich in New York, und nur ganz dumme, spießige, völlig unschicke Frauen wie Charlotte konnten sich darüber nicht freuen.

Die rote Lampe am Bildtelefon leuchtete auf. Charlotte tippte auf Empfang und setzte ein freundliches, wenn auch ein wenig erzwungen wirkendes Lächeln auf.

„Hi, Charlotte!“

Jos semmelblonder Schopf erschien auf der Mattscheibe. „Es wird später, Darling. Clark gibt noch einen für uns aus. Stell dir vor, er hat echten Beaujolais, aus Frankreich!“

Wenigstens dieses eine Europäische galt etwas hier. Wie sehr die Amerikaner auch Chablis und Konsorten zu kopieren versuchten, sie schafften es nie.

„Ist gut“, antwortete sie mürrisch.

Seine Augen sahen umhangen aus, wie fast jeden Samstag um diese Zeit. Jo war zwei Jahre älter als sie; er trank zu viel, er aß ungesund. Bald würde er sich zum ersten, ganz kleinen Lifting anmelden …

„Bist du okay?“, fragte er recht uninteressiert nach.

Charlotte nickte und tippte auf die Taste END.

Es war wirklich ein Samstag wie alle anderen. Gleich würde sie eine saure Suppe kochen, wie ihre Großmutter sie schon geliebt hatte: mit viel Gemüse und fettem Aal und Grießklößchen, ein Kunstwerk an Schnippelei und Geschmack. Sie würde vor dem größeren der Atelierfenster ganz allein speisen, an diesem Stahlrohrtisch, auf den Jo so verrückt gewesen war, sich dann später in den Whirlpool legen.

„Der letzte Schrei“, so stellte Jo ihn seinen neidischen Freunden immer vor. „Alles Acryl … und das im Meerwasserdesign!“

Eklig fand Charlotte die riesige Zweierwanne – und unpraktisch dazu. Wusch sie sich darin die langen dunklen Haare, whirlte es bald nicht mehr, denn der Mechanismus vertrug nun einmal kein Härchen, das ihr ausging.

Ich liebe ihn nicht mehr, sagte sie plötzlich laut vor sich hin.

Ihr Hals fühlte sich wie zugeschnürt an. Sie rieb ihre Hände, doch sie blieben kühl bis in die Fingerspitzen. Immer fror sie, fror sogar, wenn New York unter einer Hitzeglocke brütete.

„Es ist nur, weil du immer Heimweh hast, du dumme Gans“, führte sie ihr Selbstgespräch fort, wie sie es so oft tat. „Du träumst von Deutschland, von grünen Hügeln und schmalen Flüssen, von Fachwerkhäusern und alten Kirchen. Du bist altmodisch, sentimental und … na ja, eben richtig deutsch!“

Sie tippte an den Schalter für die Allgemein-Beleuchtung des Lofts. Halogenstrahler blitzten auf.

„Diese verdammte, hochtechnisierte Welt!“, meinte sie leise. „Wie ich dich hasse! Ich will am bullernden Ofen sitzen, wenn es kalt ist, und nicht am künstlichen Kamin!“

Nein, sie würde nicht kochen! Für wen denn? Wofür denn? Jo wollte ja doch nur einen Snack, wenn er angesäuselt heimkam, und Snacks bestanden aus pappigen, aufgetauten Brötchen, einem Salatblatt, viel Mayonnaise, ein paar Gürkchen und Tomaten und viel fettem Schinken und Käse.

Ach Jo! Warum war er nie da? Warum verletzte es sie allein schon, wenn er sie ansah? Es war so demütigend, ihm in die Augen zu schauen.

„Im Grunde mag er keine Frauen“, überlegte sie. „Er fühlt sich unter Männern viel wohler. Mit denen kann er reden, über Basketball und das Catchen, über vulgären Sex und die Nacktshows dieser … Miezen, die für eine Handvoll Dollar alles, wirklich alles tun.“

Warum hatte er sie hierher geholt? Nicht, weil er sich nach ihr sehnte – soviel war klar. Eher weil es eine deutsche Seite an ihr gab, die er doch schätzte, weil sie ihm das Leben angenehm machte: Keine New Yorkerin hütete ihr Heim wie Charlotte, putzte allein, kochte.

„Sag es mir!“ Unzählige Male hatte sie es verlangt. „Sag mir, warum wir zusammen leben!“

Und er hatte immer gelacht, sie irgendwie demütigend angesehen, so von oben nach unten. „Ich find’s halt angenehm mit dir, Darling. Außerdem liebe ich Frauen mit kleinen, festen Brüsten, einem Mädchenkörper und langen Beinen …“

Wie ein Callgirl war sie sich dann vorgekommen. Ja, dafür brauchte er sie auch, für die wenigen Sekunden, in denen ihn überkam, was er Lust nannte. Er warf sich auf sie, erdrückte sie fast.

„Bin ich gut?“, fragte er ein-, zweimal zwischendurch.

Und sie log, weil er es erwartete und sie sonst hinausgeworfen hätte.

„Ja, Jo, ja, du bist gut.“

In zehn Sekunden war es ja ohnehin vorbei, und zehn Sekunden waren nicht die Welt. Dann konnte sie sein Verlangen wieder vergessen, konnte darüber nachdenken, was sie morgen kochen würde oder ob der Müllschlucker wohl endlich repariert war.

Nein, zehn Sekunden waren nicht die Welt …

„Ich gehe spazieren“, murmelte Charlotte. „Einfach drauflos laufe ich, vielleicht rüber nach Greenwich Village oder in den Central Park.“

Noch war es ja hell; noch drohte die tödliche Gefahr nicht, die sich in der Dämmerung schon einstellte. Nur Verrückte oder Lebensmüde gingen dann allein durch die Grünanlagen. Irgendwo gab es immer einen Süchtigen oder Obdachlosen, der Geld brauchte oder sich an jedem rächen wollte.

Ein Leben zählte nicht in New York, und älter werden durfte auch niemand. Altwerden war schlimmer als krank oder arm zu sein. Deshalb hatten die Schönheitschirurgen Hochkonjunktur … und die Psychiater auch.

Charlotte schlüpfte in einen Sommermantel, der ihre zierliche Figur verbarg. Man konnte nie wissen, ob nicht auch am helllichten Tag irgendein Verrückter, der ungeheilt entlassen worden war, draußen herumschlich und es ausgerechnet auf dunkelhaarige Frauen mit blauen Augen abgesehen hatte.

Es war lästig, die Lofttür abzuschließen. Sieben unterschiedliche Sicherheitsschlösser verunzierten sie. Trotzdem war vor einigen Monaten eingebrochen worden, während sie beide im Haus waren.

Der Asphalt war feucht. Noch rußiger schienen ihr die Häusermauern. Ein Yellow Cab, eines der gelben Taxis, fuhr an ihr vorbei mitten durch eine Pfütze.

Ich will nach Hause, dachte Charlotte.

***

Sie wanderte zur Fifth Avenue hinüber. Eine Mülltonne brannte. Niemand sah hin. Dort drüben stachen ein paar Jugendliche mit Aufklappmessern Stiche in die Reifen eines alten Fords – niemanden interessierte das. Der alte Mann, der stöhnend an einer Treppe lehnte, sah todkrank aus.

„Pardon, can I help you? – Kann ich Ihnen helfen?“

Aus starren, blutunterlaufenen Augen starrte er sie an. Er kam nicht auf die Idee, dass Charlotte ihm helfen wollte. Wieso auch? Hier galt das Gesetz der Straße. Der Starke überlebte, der Schwache wurde geopfert. Dieser alte Mann war doppelt schwach. Er war über 70 und krank dazu. Oder „nur“ Alkoholiker. Oder „nur“ süchtig.

Sie streichelte die runzlige Hand. Der Fremde zog sie hastig zurück, brabbelte etwas.

Zehn Jahre mit Jo, dachte sie. Zehn Jahre fort von daheim. Ich kann nicht mehr!

Die Jugendlichen an der Ecke pöbelten sie an. Wäre es etwas dunkler gewesen, sie hätte Angst haben müssen, in einen der Hinterhöfe gezerrt, vergewaltigt und erschlagen zu werden.

Weiter ging sie, immer weiter. Ihre Beine fühlten sich schwer an, ganz so, als zöge sie Zementblöcke mit sich. Und vielleicht war es ja auch so. Sie schleppte schwer an Erinnerungen und ließ sich niederdrücken von der Gegenwart.

„Ich gehöre nicht hierher“, murmelte Charlotte vor sich hin.

Zum Broadway wechselte sie jetzt hinüber, guckte in Schaufenster, ohne etwas zu sehen. Es nieselte inzwischen stärker. Gleich würden sich ihre Haare kräuseln. „Engelshaar“, hatte Jo es genannt, früher, als er noch anders war. Sie brauchte die Lockenwickler nicht, in denen New Yorker Hausfrauen morgens einkauften, Gott sei Dank.

Und da sah sie sie, sah die rundliche Gestalt auf dem Pflaster sitzen, umgeben von künstlichen, knallbunten Blumen. Die Sträuße waren geschmacklos, jedenfalls aus deutscher Sicht.

Flowers“, rief die alte Frau mit monotoner Stimme, „very beautiful flowers! Look and see! – Wunderschöne Blumen!“

Über 80 war sie gewiss, und sie stand zu ihrem Alter. Übertünchte es nicht mit rosa Schminke und violetten Haaren, o nein. Das war seltsam. Solche Frauen gab es in New York kaum.

Wasserhelle Augen starrten Charlotte an. „From which country you come? – Aus welchem Land Sie kommen?“

Etwas im Klang ihrer Stimme ließ es Charlotte ahnen, mehr als die falsche Ausdrucksweise. Woher sie kam? Die junge Frau lächelte.

„Aus Deutschland“, antwortete sie auf Deutsch.

Die Alte schluckte. Zwei Tränen liefen ihr über das runde, faltige Gesicht. „Ich bin aus Gießen“, sagte sie. „Und du?“

„Ich aus Bad Bramstedt. Das ist ganz oben …“

Die Alte kicherte. „Ich weiß, wo Bad Bramstedt ist. Zwischen Hamburg und Kiel etwa, nicht wahr?“

Charlotte nickte.

Eine junge Mutter kaufte einen Strauß Plastikblumen und betrachtete sie begeistert.

„Geh zurück in dein Bad Bramstedt“, sagte die Alte. „Geh, wenn du noch kannst. Noch bist du jung. Alles liegt vor dir.“

Sie bemerkte den bitteren Zug um Charlottes Mund wohl, denn sie nickte bekräftigend. „Doch, du bist jung! Du hast noch Kraft. Geh weg von hier, bevor es zu spät ist.“ Sie griff einfach nach vorn, drehte Charlottes Hand um und lächelte. „Eine starke Lebenslinie hast du, Kind! Das ist gut. Und sieh nur, was deine Hand über die Liebe verrät! Wie alt bist du? Dreißig?“

Charlotte sagte es ihr. Die Alte griente mit zahnlosem Mund. „Dann kommt der Mann! Eigentlich müsste er schon da sein. Er tritt sehr bald in dein Leben. Ach, was für ein Mann!“ Sie rollte mit den Augen. „Mit Sex hast du nicht viel im Sinn, wie? Wart’s ab! Das ändert sich. Du wirst zerfließen vor lauter Sehnsucht …“

Hastig zog Charlotte ihre Hand zurück. So ein Unsinn! Sie hatte noch nie Gefallen an der Liebe gefunden.

An der Liebe mit Jo, sagte eine Stimme in ihr. Vergiss das nicht! Andere Männer sind vielleicht nicht wie er!

Sie seufzte. „Alle Männer sind doch gleich, in dieser Beziehung“, meinte sie.

Die Alte gluckste jetzt vor Lachen. „Denk an mich, wenn du drüben bist! Und nimm einen Strauß mit. Diese Plastikblumen sind auch New York.“

Warum Charlotte ihr wirklich einen abkaufte? Sie wusste es nicht. Hässlich war das Gebinde, aus ganz billigem, übel riechendem Kunststoff. Sie würde es gleich in die nächste Mülltonne werfen …

***

Wie immer an düsteren Tagen dunkelte es früh. Charlotte kehrte ins Loft zurück. Ja, es war ein Samstag im Juni. Smog über New York, Depressionen in ihr.

Sie fand eine kleine Vase, steckte die Blumen hinein. Scheußlich sah das auch, und doch: Immer würde der Strauß sie an den Tag erinnern, an dem sie zum ersten Mal fühlte, dass sie nicht hierher, nicht zu Jo gehörte, vielleicht noch in dreißig Jahren, wenn er sie längst verlassen hatte und sie auch Plastikblumen verkaufte, mitten in Manhattan.

Jo schwankte leicht, als er heimkehrte. Es war fast vier. Längst war die Sonne milchig-rosa über der Hudson Bay aufgegangen.

„Du weißt, was ich will“, murmelte er, umfing ihre Brüste, bearbeitete sie. „Mach schon, Darling, komm schon, Charlotte!“

Sie wehrte sich zum ersten Mal gegen seine fordernden Hände, stieß ihn zurück.

„Ich bin eine Frau und keine Marmorstatue“, sagte sie. „Behandle mich bitte entsprechend.“

Er roch nach etlichen Manhattans mit Olive, nach Wein wohl auch und einem Whisky danach.

„Halt die Klappe, okay? Ich bin ein Mann! Vergiss nicht: Wir sind nicht verheiratet, Darling. Ich kann dich jederzeit auf die Straße setzen. Was dir gehört, passt locker in einen Koffer. Nicht einmal das Taxi zum Flughafen leisten könntest du dir …“

Ihr Aufbegehren stachelte ihn nur noch mehr an, aber wenigstens fragte er diesmal nicht, ob er gut war.

Danach sprang er hoch, lief ins Bad. Fühlte er sich beschmutzt? Sie hätte sich abduschen müssen, doch nicht einmal kochend heißes Wasser hätte diesen Schmutz von ihr nehmen können. Sie war von innen schmutzig … durch ihn!

Fünf Minuten später schlief er schnarchend ein. Mindestens bis mittags würde er wie ein Stein daliegen und dann verschwinden, um mit den „boys“ – alles ausgewachsene Männer! – einen drauf zu machen. Wieso er mit seinem Werbebüro trotz aller Alkohol-Orgien trotzdem so erfolgreich war, blieb ihr ein Rätsel.

Ich werde ihn verlassen!

Endlich war der Gedanke da, endlich auch das kleine bisschen Mut, das sie so lange unterdrückt hatte.

Ich fliege nach Hause! Sofort! Schon morgen!

Charlottes Herz machte ein paar verrückte Sprünge. Sie atmete heftiger, fast schon befreit.

Nach Hause – wie schön das klang! Das Dumme war nur: Sie hatte kein Zuhause. Das Loft war ihr Heim. Großmutter Marianne lebte schon lange nicht mehr, ihre Nachkommen, auch Charlottes Eltern, waren tot, das Haus in Bad Bramstedt verkauft.

Nach Hause – das konnte auch Deutschland heißen, der Norden natürlich, vielleicht Hamburg, wo sie einmal zur Schule gegangen war.

Jessica fiel ihr ein, ihre verrückt-hinreißende Freundin aus der Schulzeit. Ein wenig waren sie immer in Kontakt geblieben, auch in diesen letzten zehn Jahren. Begeistert hatte Jessie ihre kitschig-bunten Karten zu Weihnachten und zum neuen Jahr entgegengenommen.

Ja, sie konnte Jessie anrufen, vielleicht sogar ein paar Tage bei ihr unterkriechen, bis sie ein billiges Hotel gefunden hatte und einen Job auch.

Hamburg war nicht New York. Sie würde schon Arbeit finden. Das Abitur zählte dort sicher, die Büroausbildung auch. Sie konnte Tippen und natürlich perfekt Englisch, war sich für keine Arbeit zu schade, nein, das gewiss nicht.

Arbeiten würde sie, lernen … und am Wochenende ins Grüne radeln, ohne Angst, vielleicht überfallen zu werden. Sie würde frisches Obst essen und viel Gemüse und einen Ofen haben und Unmengen von Friesentee. Und allein sein und sich dabei gut fühlen, weil das, was Partnerschaft bedeutete, ja nichts für sie war. Kein Mann mehr, nie, nie wieder!

Sie tippte den Code ihres Kontos in den Computer. 473 Dollar waren nicht gerade viel für einen neuen Anfang. Aber wenn sie den Flug mit ihrer Plastikkarte bezahlte, die ihr Verfügung über Jos Haushaltsbudget gab, bekam er erst in sechs Wochen die Rechnung präsentiert. Schäumen würde er dann. Egal! Sollte er doch schäumen, wenn sie es nicht mehr sehen musste!

Jo schnarchte inzwischen viel lauter. Jetzt sprach er sogar im Schlaf.

„Stell dich nicht so an, Darling“, sagte er. Er nannte alle Frauen so, sie und die, die er nebenher so hatte. Wie viele es waren? Charlotte wusste es nicht.

Sie inspizierte das Loft. Nichts gehörte ihr hier, nur ein paar deutsche Bücher. Die würde sie mitnehmen, ein paar Kleider, Blusen, Röcke, Schuhe. Und einen scheußlichen Strauß Plastikblumen …

Sie packte die Reisetasche, verstaute sie im Schrank, ließ den Computer nach der günstigsten Flugverbindung suchen. United Airlines hatte noch Plätze frei. New York-Frankfurt, dann Weiterflug nach Hamburg. Sie bestätigte die Buchung. Kam sie zum John-F.-Kennedy-Airport, musste sie nun nur noch ihre Kreditkarte vorzeigen und das Formular unterschreiben. Sie hatte nie das Gefühl, zu bezahlen.

Adieu, Plastikwelt!, dachte sie und lächelte dabei.

Die Halogen-Lämpchen im Bad zeigten eine neue Charlotte. Nicht mehr ganz so durchscheinend blass war sie, nicht mehr verdunkelt der Blick. Vergissmeinnichtblau leuchteten ihre Augen. Die schmale, hübsche Nase, der herzförmige Mund, die ausgeprägten Wangenknochen … doch, in diesem Augenblick gefiel sie sich.

Sie duschte und sang dabei einen Schlager, natürlich auf Deutsch. Jo schnarchte nicht mehr. Er hielt die Hände zu Fäusten geballt. Gegen wen kämpfte er wieder einmal im Traum? Gegen die Frauen schlechthin oder nur gegen sie?

Sie kochte Kaffee, ein letztes Mal, brühte ihn auf, wie sie es nun einmal mochte.

„Was ist los, Darling?“ Seine flachsblonde Mähne war verstrubbelt. Sein Gesicht zeigte die Spuren einer wüsten Nacht.

„Ich verlasse dich“, sagte Charlotte heiter. „Meine Maschine geht um 10.15 Uhr.“

Er lachte, bis ihm die Tränen kamen. „So long, darling! Mach’s gut!“

Er glaubte ihr kein Wort.

Der letzte, pappige Toast, mit konserviertem Orangensaft hinuntergespült. Sollte sie jetzt schon das Taxi rufen? Und wenn es nicht kam?

Sie tippte den Taxi-Code in den Computer. Manchmal war es doch gut, dass es Technik gab.

„Brat mir Eier!“, verlangte Jo. „Sechs Stück, mit Bacon, wie üblich. Und klatsch Mayo drauf und Ketchup! Und lass das Wasser in den Whirl laufen. Und …“

Er musste sich unter seinen „One-night-Mädchen“ gut umsehen, bis er eine fand, die gewillt war, auch nebenher Haushälterin zu spielen. Und Dienerin …

„Ich verlasse dich, Hannes“, sagte sie noch einmal. „Interessiert dich eigentlich, warum? Weil ich dich nicht mehr liebe! Weil du ein schrecklicher, aufgeblasener Amityp geworden bist.“

Er gähnte herzzerreißend. „Hol mir drei Aspirin!“, forderte er. „Und einen Whisky zum Runterspülen. Dann bin ich auch gleich wieder gut drauf, Darling …“

Fast hätte sie gekichert.

„Und im Bett“, fuhr sie laut fort, „da bist du … eine Sexmaschine, ja! Weißt du, dass ich nie einen Höhepunkt bei dir erlebt habe? Du bist so ungefähr das Selbstsüchtigste, was man sich überhaupt vorstellen kann.“

Er rieb an seinen Jacketkronen herum. Nein, nichts war echt an ihm.

„Drei Muffins kannst du mir auch noch rösten“, verlangte er weiter.

Natürlich, das Taxi kam nicht. Jetzt musste sie zur Lexington Avenue laufen, mit der Reisetasche und ihrem Lieblingsbuch unter dem Arm.

Charlotte setzte sich auf den Rand des Wasserbetts. Es wackelte vor sich hin. Wenn sie jetzt ein Streichholz nähme, würde Jo vielleicht ertrinken. So sportgestählt er wirkte und wenn er hundert Mal auf der Nordseeinsel geboren war: Er konnte nicht einmal schwimmen.

„Ich geh dann“, sagte sie. „Die zehn Jahre sind vorbei. Mach’s gut!“

Er starrte ihr nach. „Scheißweiber!“, fluchte er lahm, gar nichts begreifend.

Die Tür fiel ins Schloss. Der altmodische Fabrik-Paternoster war besetzt von einem Junkie. Glasige Augen guckten Charlotte an.

„Schöne Träume“, sagte sie.

Der Süchtige reagierte nicht.

Sie lief die schmale Seitenstraße hinunter. Es war Sonntagmorgen. New York war still. Am Taxistand wartete ein Yellow Cab. Der Fahrer grüßte nicht einmal.

„Zum Flughafen, bitte!“ Sie presste ihre Nase gegen die Fondscheibe. „Adieu, New York! Adieu, Jo!“

In diesem Augenblick war sie glücklich, so glücklich, wie seit zehn Jahren nicht mehr.

***

Auf dem John-F.-Kennedy-Airport kaufte sie die „Sunday Times“, ein allerletztes Mal für ihr Leben. Deutsche Zeitungen gab es hier nicht. Keine Probleme mit der Kreditkarte, natürlich nicht. Der kleine Apparat wusste ja nicht, dass sie floh und nicht mehr ganz rechtmäßig Geld von Jos Konto abhob.

Trotzdem hatte Charlotte kein schlechtes Gewissen. Sie war ihm zu Diensten gewesen, in jeder Beziehung – und das zehn Jahre lang und unbezahlt.

Die Maschine wartete bereits. Als Erste stieg sie ein. Ein bisschen müde war sie schon, jetzt, in diesem Augenblick. Aber sie hatte acht Flugstunden vor sich, genug Zeit, um versäumten Schlaf nachzuholen, um nachzudenken und ihre Zukunft zu planen. Als sie sich anschnallte, schlief sie schon fast und merkte kaum, dass sie die Plastikblumen in ihrer Hand hielt. Wie eine Trophäe …

„Ladies and Gentlemen, hier spricht der Kapitän …“

Charlotte blinzelte. Großer Gott, wo war sie denn nur? Eben noch, im Traum, war sie die vertrauten Straßen in Bad Bramstedt entlanggegangen, hatte Oma Marianne zugesehen, wie sie frische Aalsuppe kochte. Und jetzt?

„Hi!“ Der Mann neben ihr lehnte sich ein wenig zu vertraulich zu ihr hinüber. „Ausgeschlafen? Sie müssen ja halb verhungert sein. Aber versäumt haben Sie nichts. Das Huhn, das uns serviert wurde, musste noch aus dem letzten Jahrhundert stammen.“

Sehr witzig. Typisch Amerikaner! Wenn sie nicht ständig über irgendetwas lachen konnten, fehlte ihnen etwas. Stille war für sie unerträglich.

„Einen Martini für uns beide? Was meinen Sie? Übrigens sind wir schon über Europa, oh, lovely!“

Charlotte schaute hinaus, entdeckte nur blitzweiße Wolken unter sich. Aber es waren europäische Wolken, und deshalb lächelte sie.

„Was machen Sie? Wohin wollen Sie?“

Sie seufzte, weil sie das gut kannte. Jeder wollte ständig wissen, was der andere beruflich tat. Wehe, jemand hatte wie sie keine beruflichen Erfolge vorzuweisen!

„Gar nichts“, erwiderte sie unfreundlich. „I’m a housewife! – Ich bin eine Hausfrau.“

Hausfrau war ja fast schon ein Schimpfwort. Es hieß, man konnte sich keine Zugehfrau leisten, keine Köchin, womöglich nicht einmal einen chromblitzenden Zweitwagen und das College für die Kinder …

Das wirkte! Ihr Nebenmann war geschockt, suchte nach einem Ehering an ihrer Hand.

Er witzelte trotzdem weiter, sprach von seiner Geschäftsreise ins „lovely Frankfurt“. Charlotte grinste. Er würde enttäuscht sein, wenn er die Wolkenkratzer dort sah.

„Ladies and Gentlemen …“ Die Stimme aus dem Bordlautsprecher rauschte nur an ihr vorbei.

In Frankfurt würde sie Geld umtauschen und Jessie anrufen. Arme voller deutscher Zeitungen würde sie sich besorgen und die Menschen auf dem Flughafen studieren. Zeit genug bis zum Weiterflug hatte sie ja.

Und dann? Und wenn Jessica zufällig nicht zu Hause war?

Dann fliege ich trotzdem nach Hamburg, dachte sie. Ich nehme mir ein ganz billiges Zimmer, irgendwo am Hauptbahnhof. Ein wenig bummle ich durch die Stadt und schlafe mich dann erst einmal richtig aus.

Sie hörte kaum, was ihr Nebenmann sagte.

„Hi, girl, you are so beautiful! – Mädchen, Sie sind so hübsch!“

Ja, ja, sicher! Bei diesen Männern war alles schön und süß und wunderbar.

„Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe“, knurrte sie.

„Ladies and Gentlemen, in einigen Minuten werden wir in Frankfurt landen …“

Klang nicht selbst die Stimme der Stewardess plötzlich freudiger?

Charlotte blickte hinunter auf den Main. Blaugrün erschien er ihr, so schön und sauber wie kein Fluss je zuvor. Niedlich waren die Wolkenkratzer gegen die in New York, und das bisschen Sonntagsverkehr erinnerte an Spielzeugstraßen für Kinder.

„Hallo, Deutschland“, sagte sie leise. „Ich bin wieder da! Endlich bin ich wieder da!“

Viel zu lange brauchte die Maschine, um endlich zu landen, dafür waren die eigentlich lästigen Formalitäten – der Zoll, die Passkontrolle – richtig spannend: Welcher New Yorker Beamte lächelte denn schon dabei?

Mit ihrem Buch unter dem Arm wanderte sie durch die Ankunftsstelle, lächelnd und bereit, alles wunderschön zu finden, die Menschen, die Flugzeuge, das Wetter. Sie wechselte ihre Dollars. Viel Geld besaß sie wahrlich nicht. Doch wozu sich Sorgen machen? Sie war daheim!

Sie kramte ihr Mobiltelefon aus der Tasche und tippte den Code ein. War es nicht doch ein wenig blauäugig zu hoffen, Jessica wäre zu Hause und würde sich freuen, sie nach all den Jahren zu sehen?

Sie wählte die Nummer aus der Erinnerung. Das Telefon schrillte neun Mal. Niemand nahm ab.

Konnte es die falsche Nummer sein? Nein, Charlottes Gedächtnis war gut.

Also noch ein Versuch. Beim dreizehnten Mal klang die gehetzte, hohe und trotzdem freundliche Stimme Jessies durch den Hörer.

„Ja, Lange, wer ist denn da?“

Ganz warm fühlte es sich plötzlich in Charlotte an. „Ich bin’s“, sagte sie.

Ein paar Sekunden lang war es still in der Leitung.

„Bist du’s, Charlotte? Du klingst so nah!“

Charlotte lachte, bis ihr die Tränen kamen. „Ich bin in Frankfurt“, erklärte sie. „In einer Stunde fliege ich weiter nach Hamburg. Deshalb rufe ich auch an. Könnte ich wohl eine Nacht bei dir bleiben, irgendwo in einer Ecke? Ich weiß ja, viel Platz hast du nicht.“

Jessica zögerte nicht einen Hauch einer Sekunde. „Klar, komm auf der Stelle. Nicht böse sein, du, aber abholen kann ich dich nicht. Hier ist wieder mal ein totales Chaos, na, das kennst du ja von mir.“

Und wie Charlotte das kannte. Es gab nur einen einzigen Menschen, der innerhalb von Minuten eine geordnete, saubere Wohnung in einen Schlampenstall verwandeln konnte – Jessie!

„Und es ist dir auch recht? Ich meine, dies ist ja fast ein Überfall und …“

Fast war gut! Es war ein Überfall!

„Red keinen Quatsch! Komm endlich! Kannst du noch immer so gut kochen?“

Sie kicherten und lachten, gaben kleine, noch kaum verständliche Informationen preis. Dann blinkte die Tafel zum Check-in. „Bis gleich dann!“

Charlotte stieg in die Boeing der Lufthansa. Ihr Herz vollführte tollkühne Sprünge, weil die Sonne schien und der Himmel blau war.

„Sie waren wohl lange fort?“, wollte die Stewardess – endlich auf Deutsch! – wissen.

Charlotte lächelte. „Ja, lange, schrecklich lange“, antwortete sie. „Eine Ewigkeit!“

Der kleine Hamburger Flughafen. Eine fast dörfliche Atmosphäre. Ihre Reisetasche kam vom Band. Charlotte schleuderte sie kraftvoll über ihre Schulter.

„Darf ich Ihnen helfen?“, fragte ein junger Mann höflich.

Großer Gott, gab es das noch? Gab es hier, im „lovely Germany“ noch Männer, die ihre Hilfe anboten, ohne …?

Sie strahlte den Fremden an. „Danke“, sagte sie. „Ich schaff’s schon. Aber Sie haben mir wirklich eine Freude gemacht.“

***

Auch der Taxifahrer war nett.

„In die Heinstraße möchten Sie? Welche Nummer denn?“

Als er erfuhr, wie lange sie fort gewesen war, bemühte er sich, innerhalb von weniger als fünfzehn Minuten Fahrtzeit zehn Jahre Stadtgeschichte aufzuholen.

„Und einen neuen Bürgermeister haben wir auch!“ Er verschwieg nicht, was er von ihm hielt.

„Und hier wird alles zu Eigentumswohnungen umgewandelt“, erzählte er weiter. „Unsereiner, der sich das nicht leisten kann, muss sehen, wo er bleibt. Na, danke schön, Frolleinchen, für das Trinkgeld. Aber wer nur mit einer Reisetasche ankommt und für immer bleiben will – nee, Frolleinchen, dem nimmt der Karl doch keinen Euro zusätzlich ab!“

Da war sie also, die geliebte Straße! Schon bevor Charlotte damals Hannes nach New York gefolgt war, hatte Jessica hier gewohnt. Ein schönes, altes Jugendstilhaus, grau-weiß gestrichen. Es atmete die gute, alte Zeit, in der hier noch die Droschken fuhren.

Ach, Deutschland, geliebtes Deutschland!

Die Sprechanlage war neu. Schade, das zerstörte das Entree irgendwie.

„Ja, komm doch, du Weltreisende!“, rief Jessie.

Vier Stockwerke hoch. Die Namen an den Türen klangen fremd. Zehn Jahre war wirklich eine Ewigkeit.

Und dort stand sie, Charlottes wunderbare Freundin, kugelrund, wie immer verrückt und knallbunt angezogen. Ein Papagei mit der Seele eines Schmetterlings …

„Charlotte, Charlotte!“

Jessie heulte natürlich. Ihre Tränen rannen violettfarben ihre Wange hinunter. Sie tuschte sich noch immer gewaltig. Aber ihr standen die schwarzen Balken, gaben dem lieben, runden Gesicht etwas nur ganz leicht Verruchtes. Und dieses Zigeuner-Kleid … sicher stammte es vom Flohmarkt und hatte keine zehn Euro gekostet …

„Komm rein! Die Unordnung stört dich doch nicht? Ich packe nämlich. Ja, da staunst du, was?“

In den drei ineinander übergehenden Zimmern war das Unterste nach oben gekehrt worden. Berge von Kleidern, Schuhen, Küchengeräten und Geschirr, Schminksachen und alten Zeitschriften lagen herum.

Lässig fegte Jessie ein paar Sachen vom Sofa. Es reichte gerade, damit Charlotte sich setzen konnte.

„Am Telefon wollte ich dir das nicht sagen, Charlotte. Weil … na, du hättest es vielleicht falsch verstanden. Ich hab nämlich den Kampf um diese Wohnung verloren und muss raus.“

Den Kampf um die Wohnung? Aber sie besaß doch einen Mietvertrag, einen guten sogar. Teuer war die Wohnung nicht.

„Ha, das war einmal“, erklärte sie ihr. „Das Haus wurde verkauft und zu Eigentumswohnungen umgewandelt. Dass ich mir so etwas nicht leisten kann, kannst du dir wohl vorstellen …“

Arme Jessie. Als freiberufliche Grafikerin, die gern lange ausschlief, konnte sie nicht allzu große Sprünge machen.

„Der neue Besitzer hat uns alte Mieter tyrannisiert. Natürlich haben wir gekämpft, aber es hat nichts gebracht.“

Das … gab es also auch hier? Charlotte wurde ganz bang ums Herz.

„Ich würde ja gern den ganzen Krempel verkaufen und mal eine Weile durch die Welt ziehen. Aber ausgerechnet jetzt habe ich einen prima Auftrag. Ich muss also bleiben. Mich nimmt auch jemand auf …“

Ihre dunklen, glänzenden Augen sprachen Bände. Der Jemand konnte nur ein Mann sein, denn Jessie verliebte sich ständig, brannte kurze Zeit lichterloh, und wenn sie das nächste Mal telefonierten, war sie sehr erstaunt, dass Charlotte nach dem Jemand fragte.

„Wie? Wer? Ach, der! Großer Gott, du bist nicht mehr auf dem Laufenden. Mit dem ist es doch schon so lange aus!“

Sie sahen sich an und lächelten sich zu.

„Komm in die Küche, wenn du das aushältst. Magst du was für uns brutzeln? Es sind noch Würstchen im Eisschrank. Wir könnten Hot Dogs essen.“

Nein, das nun wirklich nicht!

Das Chaos in der Küche war weitaus schlimmer. Einiges war schon in Kartons verpackt, aber das Meiste stand einfach herum.

„Lass dir was einfallen, ja? Ich räume weiter auf!“

Irgendwie schaffte Charlotte es, einen Brokkoli-Auflauf zu zaubern, sogar zwei Teller zu finden und Gabeln auch. Und eine Flasche, auf der nicht nur Riesling stand, sondern in der auch welcher war. Richtiger deutscher Riesling. Fast hätte sie geweint.

„Essen!“, rief sie.

Die Küchentür war nur einen Spalt offen. Jetzt knarrte sie ein ganz klein wenig und bewegte sich um einige Millimeter. Charlotte wusste selbst nicht, warum sie so gespannt hinguckte.

Nicht Jessica kam herein – o nein, sondern ein kleines, rabenschwarzes Raubtier mit glitzernden grünen Augen und lauter Verachtung im Blick.

„Nicht!“

Charlotte schrie auf. Wäre genug Platz gewesen, sie wäre auf den Esstisch gesprungen. Eine Katze! Eine dicke, fette, schwarze Katze! Wie schrecklich!

„Jessie!“, rief sie. „Rette mich vor diesem Ungeheuer!“

Jessie schaute durch den Spalt der Küchentür. „Ach, das ist doch bloß Friedrich-Wilhelm. Der hat mich neulich adoptiert.“

Wie bitte? Wie konnte ein so gefährliches Untier einen so altmodisch-väterlichen Namen haben? Und wenn Charlotte nicht völlig verrückt war, geschah das doch umgekehrt. Die Zweibeiner nahmen Tiere auf oder adoptierten sie, wie Jessica es nannte.

Friedrich-Wilhelm fauchte leise, um dem Neuankömmling deutlich seine Missachtung auszudrücken. Er glitt – gehen konnte das wirklich niemand nennen – zwischen einem Tontopf, vergilbten Tageszeitungen und Küchenkräutern elegant umher.

„Die alte Frau Krause, du weißt schon, die aus dem Parterre, ist gestorben, und da stand ihr Kater plötzlich vor meiner Tür. Ich wurde ihn nicht los. Hättest du ihn etwa ins Tierheim gebracht?“

Ja, das hätte Charlotte wohl. Oder nein, denn vor ihrer Tür hätte Friedrich-Wilhelm wohl niemals maunzend um Einlass gebeten!

„Und nun sind wir Freunde. Bloß: Da, wo ich jetzt hingehe, sind Haustiere nicht erlaubt. Na, Alexander wird sich schon um ihn kümmern.“

Es war unnötig, nachzufragen, wer Alexander war. Sicher ein abgelegter Liebhaber.

Sie fielen über die Brokkoli her und leerten die Weinflasche. Leicht beduselt fühlte Charlotte sich, aber vielleicht war das ganz gut.

„Dann kann ich also gar nicht bleiben?“, fragte sie zaghaft.

„Doch, genau drei Tage! Dann müssen wir hier raus.“ Jessie knabberte an ihren Nägeln. Das tat sie immer, wenn sie scharf überlegte. „Aber wenn du willst, habe ich was viel Besseres. Du magst doch Italien?“

Charlotte seufzte. Was sollte die Frage? Wer konnte wirklich von sich behaupten, bella Italia nicht zu mögen?

Jessie schmunzelte. „Hast du meinen Besitz in der Toskana vergessen? Klingt doch gut, nicht? Aber im Ernst: Dieses baufällige, alte Gemäuer steht noch immer. Fresken an den Wänden, handgeformte italienische Kacheln … ein Traum, wäre alles restauriert. Leider fehlt mir das Geld dazu, wie du dir denken kannst.“

Jetzt erinnerte sich Charlotte wieder. Ihre Freundin hatte vor zehn Jahren – nach einem Lottogewinn, der ungefähr fünftausend Euro ausmachte, also keinesfalls ein Sechser war –, ein „Landhaus“ gekauft, das nicht einmal ein Spülklo hatte, kaum zu reden von einem Badezimmer.

„Aber dafür ist es nicht weit von Florenz!“, hatte Jessica ihr erklärt. „Und denk doch nur an die herrlich schönen, rotbraunen Dächer von Siena!“

Dabei war es geblieben. Sicher, Jessie fuhr in jedem Jahr auf ihren „Landsitz“, machte Pläne zum Umbau und entschied, kaum zurück in Hamburg, dass das ohne wenigstens einen Fünfer im Lotto unmöglich war. Und wo sie doch oft nicht einmal das Geld für den Einsatz hatte …

„Jemand muss da ohnehin in diesem Sommer nach dem Rechten sehen“, fuhr sie fort. „Alexander wollte das zwar, aber nun hab ich schon seit Wochen nichts mehr von ihm gehört. Also, Charlotte, wenn du willst: Das Haus steht dir zur Verfügung. Du lebst dort ganz billig, und wenn du Friedrich-Wilhelm mitnimmst, gebe ich dir noch Geld dazu.“

Unmöglich, sie konnte mit dem schwarzen Biest doch nicht auf Reisen gehen!

„Reden wir morgen darüber“, bat Charlotte. „In mir ist ein totales Durcheinander. Vielleicht geht’s mir besser, wenn ich ausgeschlafen bin.“

Sie duschte zwischen Aktenordnern und Bildbänden über Afrika. Dahin hatte Jessie mal auswandern wollen, als noch die Sache mit dem – wie hieß er doch gleich? – lief. War vielleicht dieser Alexander. Na gut. Jetzt waren die afrikanischen Träume nass geworden.

Friedrich-Wilhelm machte einen großen Bogen um sie. Charlotte legte sich auf eine Matratze und deckte sich mit Handtüchern zu. Hoffentlich überfiel die Bestie sie nicht im Schlaf und zerkratzte ihr das Gesicht. Zuzutrauen war diesem Vieh alles.

„Gute Nacht, Jessie“, murmelte sie noch und fügte dann ein „Danke!“ hinzu.

Sie träumte von einem Stamm in Afrika, der aus lauter rabenschwarzen Katern mit Doppelnamen in Suaheli bestand. Sie banden Charlotte, das einzige menschliche Wesen weit und breit, geschickt mit Stricken an einen Marterpfahl, um sie dann bis aufs Blut zu peinigen.

„Hilfe!“, schrie sie.

Etwas miaute ganz nah bei ihrem Kopf. Das musste der Oberpeiniger sein.

„Das macht er immer“, nuschelte eine schläfrige Stimme neben ihr. „Nachts schleicht er sich ran, und wenn du Pech hast, kannst du dann in den nächsten Tagen mit Verbänden rumlaufen. Aber sonst ist er süß, nicht?“

Friedrich-Wilhelm maunzte verächtlich.

Sie wurden am späten Vormittag erst wach, weil das Biest mit seinen Fressnäpfen hantierte.

„Er hat Hunger“, erklärte Jessica. „So gesehen, kann er sprechen.“

Er bekam frischen Fisch. Es war ihm wohl zu wenig, denn die Pfoten bearbeiteten den Napf weiterhin.

„Ist ja auch Montag“, meinte Jessie verständnisvoll. „Da haben es auch Kater schwer.“ Vielleicht war sie innerlich vereinsamt. Solche Menschen entdeckten ja oft ganz plötzlich ihre Zuneigung für die vierbeinige Kreatur. Aber konnte eine Frau, die ständig von Männern umgeben war, denn einsam sein? Charlotte wusste es nicht.

„Hast du dich entschieden?“

Sie schüttelte den Kopf. „Erst einmal wandere ich durch Hamburg“, sagte sie. „Ich guck mal bei der Arbeitsagentur vorbei und …“

„Pah!“, machte Jessica verächtlich. Sie sah dabei fast wie ihr Kater aus. „Lies dir lieber die Anzeigen in der Zeitung durch, am besten samstags. Da findest du schon was. Und wenn nicht: Meine Stammkneipe sucht jemanden für die Küche.“

Im Bierdunst Matjes zubereiten und sich anmachen lassen von Angetrunkenen? Nein, das war nichts für Charlotte.

„Du könntest auch frühmorgens Zeitungen austragen. Das reicht zwar nicht mal fürs Allergröbste, gibt aber das gute Gefühl, für wenig Geld hart zu arbeiten. Oder Babysitten oder …“

Allzu glorreich waren die beruflichen Aussichten offenbar nicht.

Sie aßen „Reste-Brot“, wie Jessie die knochenharten Rinden hochtrabend nannte. Friedrich-Wilhelm hätte das angewidert abgelehnt – da war Charlotte sehr sicher.

„Also, tschüss dann, Charlotte! Bleib nicht so lange weg!“

Ach, war das schön! Charlotte wanderte durch die Stadt, bewunderte die Rosen im Alsterpark, sah den Enten und Schwänen zu. Lovely Germany … so Unrecht hatten die Amis ja doch nicht. Alles war klein hier und niedlich, und es brachte sie zum Lachen, dass die Hanseaten es großzügig, englisch vornehm und schick fanden.

Die Arbeitsagentur stand noch, wie eh und je. Noch dasselbe Linoleum, derselbe Duft. Aber viel mehr Menschen hockten auf den Bänken. Ihre Gesichter sahen grau aus.

Vielleicht wirkte sie zu … unabhängig, zu wenig von hier und damit fremd. Die zuständige Sachbearbeiterin jedenfalls war unfreundlich.

„Wie bitte? Sie waren zehn Jahre lang in New York? Soll das etwa eine Referenz sein?“

Charlottes Zeugnisse hielt sie für antiquiert.

„Gottchen, eine Büroausbildung vor etlichen Jahren, wer hat die nicht? Also, da sehe ich keine Möglichkeit. Die Firmen, die ich in der Kartei habe …“ sie blätterte gelangweilt durch ihre Unterlagen, „die suchen eher etwas Bodenständiges. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber jemand, der sein Heimatland im Stich lässt und einem Mann nach New York folgt, der kann eben nicht in einer Wäscherei die Heißmanglerin spielen.“

Und warum nicht? Und abgesehen davon hatte Charlotte auch nicht unbedingt daran gedacht, acht Stunden am Tag in feuchten Dämpfen zu stehen.

„Halt, dies könnte aber doch was für Sie sein. Ist nur weit draußen. Sagt Ihnen der Ort Pinneberg etwas? Da sucht eine Baumschule jemanden fürs Büro …“ Sie bekam die Adresse. „Und wenn’s nichts wird, melden Sie sich trotzdem! Haben Sie mich verstanden?“

Charlotte nickte und verabschiedete sich. Schon auf dem Flur nahm sie ihr Handy und wählte die Nummer der Baumschule.

„Kommen Sie um sieben“, nuschelte der Mann am anderen Ende der Leitung. „Vorher sehen wir ohnehin kein Land.“

Drei Bewerberinnen saßen schon vor ihr da. Sie beäugten Charlotte abfällig.

Als sie endlich ins „Allerheiligste“ des Baumschulbesitzers vordringen durfte, war es schon nach acht Uhr.

„Erst mal das Probediktat“, verlangte er. „So, so, Sie können Englisch. Das ist ja fein. Hoffentlich haben Sie das Deutsche nicht verlernt …“

Innerhalb von dreißig Sekunden war sicher: Sie war so gut wie eh und je. Wer schlecht Deutsch sprach, war der Chef.

„Sie hören von uns“, sagte er.

Er wog mehr als zwei Zentner, was ihn nicht daran hinderte, sie nicht nur als infrage kommende Kontoristin, sondern auch als Frau eingehend zu mustern.

„Irgendwie passen Sie doch nicht hierher“, meinte er schließlich.

Da war es schon neun, und sicher rieb er sich in Gedanken die Hände, weil die Bewerberinnen um den schlecht bezahlten Job ihm die Tagespost kostenlos getippt hatten.

In der S-Bahn pfiff Charlotte leise vor sich hin. Fast kam sie sich vor wie ein Kind, das im dunklen Wald sang, um ja keine Angst zu haben.

„Ich bekomme schon noch eine vernünftige Arbeit“, redete sie sich ein. „Was Gutes sogar, etwas, das mir richtig Spaß macht und dazu noch prima bezahlt ist.“

***

Eigentlich musste Jessica dem lieben Gott dankbar sein, dass er ihr Charlotte als Gast geschickt hatte. Niemals hätte sie es geschafft, ihren Haushalt ordentlich zu verpacken und termingerecht damit fertig zu werden.

Sicher, zweimal erschienen Männer, die so taten, als krempelten sie die Ärmel hoch. Aber in Wirklichkeit wollten sie nur ein wenig reden, und dazu eignete sich Jessie wunderbar.

Am Mittwoch hatte Charlotte drei Stellenangebote rot angekreuzt, sich auch telefonisch bei den Firmen beworben – als Vorzimmerdame mit guten Manieren, Platzanweiserin in einem Filmtheater ohne Anzeichen von Nachtblindheit und als Perle für einen vornehmen Haushalt, Fremdsprachen erwünscht.

„Wir rufen Sie zurück“, hieß es überall. „Aber nicht vor drei Tagen. Bei uns laufen die Telefondrähte schon heiß.“

In drei Tagen musste sie sich längst entschieden haben. Für Friedrich-Wilhelm und die Toskana oder für eine Pension, mehr noch: Es waren nur noch Stunden, bis Jessies Neuer sie und ihren Krempel abholte.

„Begreif doch, Charlotte: Kein Mensch kann mir nichts, dir nichts nach zehn Jahren USA nach Hause kommen und sofort in einen Job einsteigen, der interessant und aussichtsreich ist! Ruh dich ein paar Tage oder Wochen aus, plane deine Zukunft. Und dann leg los!“

Sicher, das klang gut und richtig. Es mochte ja auch stimmen, dass man in der Toskana monatelang für einen Apfel und ein Ei leben konnte, dass es sogar Telefone gab, die Geld ausspuckten, anstatt welches zu fressen.

Aber sie wollte doch so gern in Deutschland sein und Heimatluft schnuppern!

„Blödsinn“, meinte Jessica. „Das kannst du noch jahrzehntelang. Hau erst mal ab! Übrigens lebt da ein Mann, Giulio heißt er, hm …“ Sie schloss genießerisch die Augen. „Er hat auch so ein Rustico aus groben Felssteinen, und abends spielt er Violine oder kocht fantastische Sachen. Ah, Giulio! Mann meiner Träume!“

Sie lachten, weil Jessie eigentlich alle Männer mochte. Das machte ihr Leben leicht.

Friedrich-Wilhelm hatte es sich zwischen zwei vertrockneten Blumentöpfen gemütlich gemacht. Offenbar ahnte er nicht, dass er bald auf Weltreise ging.

Charlotte seufzte. „Und wie soll ich da hinkommen, in die Toskana, meine ich … mit dem Biest?“

Jessie tat, als wäre das die dümmste Frage überhaupt.

„Na, mit meinem Auto natürlich. Du kennst die alte Klapperkiste doch noch?“

Lebte die uralte „Ente“ denn immer noch? Unmöglich, schon vor zehn Jahren hatten ganz ausgewachsene, gut angezogene Männer das bunt bemalte Vehikel betätschelt, weil es sie an dürre Studentenjahre erinnerte.

„Dein Auto käme nie bis Bad Bramstedt“, sagte Charlotte aufs Geratewohl.

Jessica lachte. „Das Auto hat noch keine 170.000 Kilometer auf dem Buckel“, entgegnete sie. „Es braucht nie Öl, allerdings sehr viel Wasser. Besser, du nimmst zwei Kanister mit und füllst alle hundert Kilometer nach …“

Der Kater rekelte sich. Vielleicht freute er sich doch auf Italien.

„Also, nun schlaf! Weckst du mich? Der Mensch, der die Wohnung abnimmt, kommt um neun, und mein Neuer hoffentlich auch.“

Wie ein Stein schlief Charlotte, aber das hinderte sie nicht daran, wilde Träume zu haben, in denen sich Friedrich-Wilhelm in einen Zweibeiner verwandelte, der genauso gefährlich und raubtierhaft war. Auch er rekelte sich auf dem Sofa oder fiel über Vorräte her. Von ganzem Herzen war er Charlotte unsympathisch.

***

Der nächste Morgen war das unglaublichste Chaos, das sie je erlebt hatte. Allein Jessies Abschied von Friedrich-Wilhelm war filmreif.

„Ach, du süßer, kleiner Kerl“, seufzte sie. Es klang, als spräche sie von einem neugeborenen, zierlichen Kätzchen und nicht von einem alten Fettwanst. „Bei Charlotte wirst du es so gut haben. Glaub mir, in Wirklichkeit ist sie tierlieb …“

Friedrich-Wilhelm glaubte es nicht. Er sprang sein Frauchen an und zerkratzte ihr Strümpfe und Beine.

Dann war Jessica fort, winkend, ihr Befehle zurufend.

„Verlier die Adresse nicht! Ich rufe dich über Giulio an, denn ich weiß nicht, ob dein Handy Empfang hat! Wer weiß, vielleicht tauche ich auch plötzlich auf, wenn die große Liebe vorüber ist.“

Der Wagen bog um die Ecke. Jessie war fort.

„Wann gehen Sie denn endlich?“, fragte der Mann, dem das Haus gehörte. „Die Handwerker warten längst. Schließlich soll aus dieser Rumpelkammer ja etwas Ordentliches werden.“

Erst einmal musste das fauchende Ungetüm in den Katzenkäfig gehievt werden. Erst einmal?

„Komm!“, lockte Charlotte, aber Friedrich-Wilhelm dachte nicht im Traum daran. Gelangweilt sah er aus dem Fenster.

Sie sprang auf ihn zu. Direkt dumm war er nicht, denn er begriff das neue Spiel. Flink wie ein Wiesel flitzte er davon. Viel fehlte nicht, und er hätte von der Stuckleiste hohnlachend auf sie hinuntergeblickt.

„Das haben wir gleich“, meinte der Hausbesitzer. „Das wäre ja gelacht!“

Nach einer Stunde lachte er nicht mehr. Da war er puterrot im Gesicht, während Friedrich-Wilhelm noch längst keine Ermüdungserscheinungen zeigte. Im Gegenteil!

Charlotte schaffte es dann mit einem hinterlistigen Trick. Sehr scharf sah sie den schwarzen Kater an und sagte laut und deutlich: „Dann eben nicht! Bleib hier und lass dich einmauern, wenn die Handwerker kommen. Ich fahre jetzt in die Toskana!“

War da nicht eine Spur von Angst in den Raubtieraugen? Fragten Sie nicht: Und was wird aus mir?

Charlotte stellte ihre Reisetasche vor die Tür und ging hinaus. Der Katzenkäfig stand noch immer sperrangelweit offen.

„Also, mach’s gut, Friedrich-Wilhelm. Ohne dich ist die Toskana bestimmt viel schöner!“

Er sprang mit einem Satz hinein und verkroch sich in die Ecke. Charlotte ließ das Gitter zuschnappen. Das wäre geschafft. Hoffentlich pinkelte er während der Fahrt nicht andauernd vor sich hin.

Sie fand die „Ente“, obwohl Jessie behauptet hatte, das Auto stände ganz woanders. Das Zitronengelb war angerostet, die Tür ließ sich nicht öffnen.

Und wie war es mit der auf der anderen Seite? Aha, so war Jessica also in den letzten zehn Jahren eingestiegen …

Die Pistolenschaltung muckte, doch irgendwann fuhr das Auto los. Ein rotes Lämpchen leuchtete auf.

Kein Benzin mehr? Das wäre typisch für die liebenswerte Chaotin. Oder kein Öl? Wie war es mit Wasser?

Sie schaffte es auf die nächste Tankstelle.

„Großer Gott“, stöhnte der Tankwart, „damit trauen Sie sich noch um die Ecke?“

Charlotte kaufte zwei Kanister und füllte sie mit Wasser. Dass einer davon auf dem Beifahrersitz stehen musste, war nicht sonderlich praktisch.

„Wie komme ich schnellstens nach Italien?“, wollte sie wissen.

Der Tankwart schüttelte sich aus vor Lachen. „Mit dem Flugzeug natürlich“, antwortete er.

Sie zuckelte los, Tempo achtzig gerade, auf der rechten Spur der Autobahn. Schön war das hier, grün und romantisch, obwohl alle Autos hinter ihr hupten.

Sie sang „Oh, du mein Napoli, dich muss man lieben“. Friedrich-Wilhelm fauchte dazu. Das Leben war schön, wenn man noch fast siebenhundert Euro besaß und zu einem Landsitz in der Toskana fuhr.

***

Kurz vor München war die Wasserpumpe kaputt … und Charlottes Kreuz auch. Der Kater hatte ständig vor sich hingepinkelt. Jetzt wirbelte sie einen Strick um seinen Hals, führte ihn auf dem Hof der Werkstatt Gassi. Natürlich pinkelte Friedrich-Wilhelm nicht.

Er begehrte etwas zu essen und bekam trockenes Brot zugewiesen. Darin pickten die Raubtierzähne nicht einmal herum.

„Verdammt“, fluchte Charlotte, „ich habe doch auch Hunger! Warte gefälligst, bis der nette Mann unser Auto repariert hat!“

Nett war er wirklich, der Mechaniker. Er riet dazu, einen Mietwagen zu nehmen. Die Schrottkiste würde er, freundlicherweise, auf dem Hof stehen lassen, ohne einen Cent zu verlangen.

„Der Wagen gehört mir nicht“, sagte Charlotte. „Reparieren Sie ihn bitte, und wenn’s geht, ganz billig.“

Er verlangte zweihundert bar auf die Hand. „Gute Reise!“, wünschte er dann.

Sie schliefen an einem Feld. Es duftete nach Mohn … und nach Heimat. Der Weiher, den Charlotte entdeckte, bot sich zum Zähneputzen und Waschen geradezu an.

Friedrich-Wilhelm bekam ein Würstchen am Stand. Das aß er sogar. Vielleicht begriff er, dass das seine einzige Chance war, die Toskana überhaupt zu sehen.

Solange sie im Auto waren, ließ Charlotte ihn frei. Er döste am Fenster. Deutsche Landschaften langweilten ihn offenbar. Die österreichischen auch, wie sie feststellte.

Sie sprach trotzdem mit ihm, nur um wach zu bleiben.

„Was meinst du, sollte ich noch Kurse belegen? In Rhetorik vielleicht, damit ich meinen zukünftigen Chef beeindrucken kann.“

Friedrich-Wilhelm gähnte. Rhetorik war also blöd.

„Ich könnte auch mein Französisch aufpolieren. Da gibt es doch jetzt ganz tolle Sprachkurse …“

Friedrich-Wilhelm guckte ungnädig und maunzte. Französisch war auch nichts, offenbar.

„Wie wäre es, wenn ich ins Computerfach einsteige? Immerhin gehöre ich zu den wenigen Frauen, die wissen, wie das geht. In New York habe ich so ein Superding besessen …“

Friedrich-Wilhelm fauchte. Er glaubte ihr wohl nicht.

Na, genau genommen hat der Computer ja auch Hannes gehört. Pardon: Jo!

Großer Gott, sie hatte ja tagelang gar nicht an ihn gedacht! Ob er wohl Pattie, die Rote, dazu gebracht hatte, ihm die Eier zu braten? Oder Maudie, ihm das Wasser in den Whirl zu lassen?

Charlotte war müde, aber sie lächelte vor sich hin. Bis der Graben kam. Da lachte sie nicht mehr. Und sie wusste, dass sie sich verfahren hatte. Aber dafür lernte sie ein österreichisches Nest kennen, in dem es Apfelstrudel vom Feinsten gab. Und kernige Männer, die die „Ente“ aus dem Morast zogen, kostenlos. Und sie bekam ein Bett, blaukariert bezogen. Ärgerlich war nur, dass der rotgesichtige Helfer in der Not doch nicht ganz ohne Hintergedanken war.

„Aber mein Herr!“

Recht elegant rettete sich Charlotte aus der verfänglichen Situation. Böse war er nicht, im Gegenteil. Er servierte ihr frühmorgens sogar ein Frühstück, und der Kater bekam Forelle, frisch filetiert. Er schnurrte und fraß sehr manierlich, ganz so, als hätte er gar keinen Hunger.

***

Kaum hatte sie die italienische Grenze erreicht, begann die Hitze schon. Das Verdeck der „Ente“ ließ sich nicht öffnen, ein Seitenfenster zerbrach bei dem Versuch, ein wenig Wind ins Wageninnere hereinzulassen.

Friedrich-Wilhelm mochte das Geklirr nicht, auch nicht die Scherben. Er sprang aufs Armaturenbrett, glitt dabei ab und purzelte ihr zu Füßen.

„Armer Kerl“, sagte Charlotte ganz mitleidig.

Mitleid mochte er auch nicht. Keines Blickes würdigte er sie.

„Wir beide und das alte Rustico, Kamerad, versteh doch: Wenn wir uns nicht anfreunden, wird das die Hölle! Ich könnte dich aushungern, du!“

Drohungen liebte er auch nicht. Er pinkelte auf den Rücksitz.

Das Steuerrad kochte, der Motor auch, und das Geräusch von hinten konnte eigentlich nur bedeuten, dass der Auspuff nicht mehr lange durchhielt. Er röhrte. Er schepperte. Wenn noch eine Reparatur dazukam, musste Charlotte in der Toskana betteln.

Nur: Bei wem? Soweit sie sich an Jessicas Schilderungen der stillen, romantischen Landschaft erinnerte, gab es außer Giulio keine direkten Nachbarn, und so nah war Florenz nun auch wieder nicht. Oder Siena. Oder irgendein anderes Kaff mit rotbraunen Dächern.

Ihre Kreditkarte fiel ihr ein. Nein, das ging nicht. Das war denn doch Betrug. Oder?

Charlotte fand eine Kaschemme, ein Bett für eine Nacht. Friedrich-Wilhelm lag an ihrem Fußende, verlegte sein Lager im Laufe der nächsten Stunden allerdings mehr in Richtung ihrer Körpermitte. Solange seine Augen nicht so gräulich funkelten, war alles gut.

Gott, war sie müde! Sie schlief, obwohl das Biest sie kratzte. Gar so fett war es inzwischen nicht mehr.

Wanderjahre sind eben keine Herrenjahre, dachte Charlotte. Und sie träumte wieder, von Katern und Menschen. Und war von der Hitze und der langen, beschwerlichen Reise todmüde, als sie erwachte.

Die grün glitzernden Augen funkelten sie höhnisch an. Wetten, dass du nicht in der Lage bist, mir Scampi zum Frühstück zu besorgen?, hieß das wohl.

Charlotte setzte sich in das alte Auto, fuhr und fuhr. Wahrscheinlich gab es gar keine Toskana. Das war nur ein Hirngespinst in Jessies Fantasie.

„Wenn du den Apennin siehst, ist es ganz nah“, hatte sie behauptet.

Berge waren ja da, aber nirgendwo stand geschrieben, ob das nun der kleine oder der große Apennin war.

„Nun unterhalte dich doch mit mir, du Biest“, murrte sie. Das Auto rumpelte voran. Ein Tal öffnete sich vor Charlottes Augen. Noch nie, so schien es ihr, hatte sie etwas so Friedliches gesehen.

Ob das der Arno war, dieser Fluss? Er sah wie unberührt und sauber aus, wie zu der Zeit, als die Staufer hier noch herrschten.

„Ich glaube, wir sind bald da, Kater!“

Friedrich-Wilhelm guckte aus dem Fenster und schleckte sich übers Maul. Vielleicht roch er den Fluss und spekulierte auf Forellen.

***

Vielleicht war dies der Augenblick, in dem Charlotte es wirklich begriff: Nach zehn Jahren seelischer Pein kam nun ihr erster Urlaub. Keine Ferien vom Ich, wie es sich manche Menschen wünschten, o nein. Vielleicht musste sich ihre Persönlichkeit erst noch prägen, denn die Charlotte, die sie bisher der Welt gezeigt hatte, das unterdrückte, gedemütigte Wesen, war sie ganz sicher nicht.

Aber wer war sie dann? Vielleicht schlummerte in ihr eine ganz tolle Karrierefrau, die mit spitzer Zunge männliche Schwächen anprangerte?

Was hatte Jil Sander, die Modeschöpferin, einmal gesagt? „Jede kluge Frau hat Millionen Feinde: alle dummen Männer!“

Charlotte kicherte. So gesehen, war Hannes dumm, richtig blöd sogar – trotz seines beruflichen Erfolges.

„Jetzt gehen wir spazieren, Friedrich-Wilhelm. Musst du denn nicht?“

Der Kater miaute, was wohl nein bedeutete. Kein Wunder, der Rücksitz der „Ente“ war ja auch klitschnass und duftete dementsprechend.

Sie legte ihm dennoch das Band um, das sie etwas hochtrabend Leine nannte.

Es war früher Abend. Tiefblau spannte sich der Himmel über die hügelige Landschaft. Ihr war, als duftete es nach Vanille und Zimt, aber da täuschte sie sich wohl. Vielleicht war der Geruch eine Mischung aus Wein- und Olivenfeldern, aus Pinienhainen und krautigen Büschen. Die rotbraune Erde, die hoppeligen Wege, die ins Nirgendwo zu führen schienen – herrlich war die Landschaft hier.

„Nun pinkle doch endlich“, forderte sie den Kater auf.

Das kleine Herz des Katers klopfte heftig. Die Freiheit winkte. Er musste nur noch seine lästigen Fesseln loswerden. Lauter Klagen in den grün blitzenden Raubtieraugen, blieb er stehen und maunzte zum Steinerweichen.

Charlotte kniete sich nieder und tätschelte ihn unbeholfen.

Hatte sich die Leine von selbst gelöst? Oder hatte sie sie losgelassen? Später wusste sie es nicht mehr. Zisch machte es, und Friedrich-Wilhelm war in einem dichten Blumenteppich aus malvenähnlichen Blüten verschwunden.

„Du gemeiner Kerl!“, erboste sie sich. „Komm sofort her!“

Ein wenig sinnlos lief sie im Kreis herum. Rötlicher Staub wirbelte dabei auf. Wahrscheinlich sah sie inzwischen wie eine Lehmstatue aus. Seufzend setzte sie sich nieder, befühlte die Erde, entdeckte schöne Steine, die vielleicht noch aus der Zeit der Etrusker stammten.

Ich habe Ferien, dachte Charlotte, Ferien in Italien.

Ach, Italien! Was fiel ihr da nicht alles ein! Sie würde am schiefen Turm von Pisa rütteln, im Dom von Florenz den lieben Gott um einen Job mit ganz viel Gehalt bitten, in Livorno den Kopfsprung ins Meer üben, Bilder in Siena kaufen …

Na ja, vielleicht sollte sie das mit dem Bilder kaufen vergessen, denn sie erinnerte sich gerade noch rechtzeitig an die beginnende Ebbe in ihrem Portemonnaie. Bilder hier anschauen war fast genauso schön.

Friedliche Toskana. Frühmorgens würde sie durch Olivenhaine joggen, danach Landbrot und Schafskäse essen, per Reiseführer Nachhilfe in toskanischer Geschichte nehmen, wandern, entdecken und abends auf die Dunkelheit warten, kluge Sätze in ihr Tagebuch schreiben.

Wenn Goethe von Italien so sehr inspiriert worden war, nun denn: Vielleicht steckte in ihr ja auch ein Dichter, ein kleiner wenigstens?

Die Dunkelheit kam überraschend. Fast war es, als legte der liebe Gott plötzlich ein dunkelblaues Nachthemd über diesen Landstrich.

O je, und das Biest war immer noch verschwunden!

Charlotte musste kräftig gegen die Beifahrertür treten, damit sie sich öffnen ließ. Das störend-laute Geräusch alarmierte Friedrich-Wilhelm wohl, denn er sprang aus dem Blumenteppich. Fast sah es aus, als grinste er.

„Dein Glück!“, sagte Charlotte roher, als sie es eigentlich meinte. „Ich wäre sonst allein weitergefahren.“

Ins Blaue hinein hatte sie das Auto lenken wollen. An diesem Tag würde sie das toskanische Nest ja ohnehin nicht mehr erreichen. Nun wurde es eine Fahrt durch tiefschwarze Nacht.

Was war denn das? Plötzlich ließ sich das Verdeck wieder öffnen. Einer aufgerissenen Konservenbüchse gleich tuckerte Charlotte in ihrem komischen Gefährt dahin.

Ganz allein in dieser Welt zu sein – das konnte auch schön sein. Keine Verpflichtungen, keine Fragen. Nur das Jetzt, das Heute, zählte.

„Dort ist ein Haus. Wollen wir mal versuchen, ein Bett zu ergattern?“

Der Kater hob die Schwanzspitze.

Deinen Geschmack möchte ich nicht haben, hieß das wohl. Charlotte klopfte an einer Tür, die sicher viele hundert Jahre alt war.

„Scusi, un camera per la notte?“, radebrechte sie kühn.

Die Frau, die ihr gegenüberstand, lächelte herzlich.

Zum ersten Mal in ihrem Leben schlief Charlotte in einem Turm aus dem Mittelalter.

„Hier wurden einmal die Malariakranken des nächsten Dorfes eingesperrt“, erklärte ihr die Hausherrin mit der Hilfe eines Wörterbuchs.

Charlotte schüttelte sich. Es war schon eine seltsame Vorstellung.

Und wieder träumte sie wilde Sachen … von barbarischen Etruskern und schnauzbärtigen Griechen aus Syrakus, die ihr, der Malariakranken, Nahrung und ärztliche Hilfe verweigerten. Schlimmer noch: Sie mauerten sie ein.

„Hannes!“, schrie sie.

Typisch! Er half ihr nicht.

Als die ersten Strahlen der Morgensonne in den Turm fielen, brannte ihre Gesichtshaut wie Feuer. Des Rätsels Lösung fiel ihr ein, als sie sich im Spiegel betrachtete: Friedrich-Wilhelm mochte wohl die Etrusker nicht. Seine Tatzen waren auch keine Samtpfötchen, denn die konnten unmöglich in einem hübschen Frauengesicht derartige Zerstörung anrichten. Rote Striemen waren überall. Sie musste nach einer Apotheke fahnden, zumindest aber nach Jod.

„Zur Strafe kriegst du kein Frühstück“, schimpfte sie.

Der Kater gähnte gelangweilt, entwischte beim Öffnen der Turmtür, spazierte in die Küche des alten Gemäuers, landete im eleganten, freien Fall auf dem rohen, blank gescheuerten Holztisch und fiel entzückt über die Platte mit Parmaschinken her.

***

Irgendwo bei San Giovanni Valdarno, so hatte es Jessica hingekritzelt, musste sie sich weiter rechts halten. Eine hübsche Regieanweisung, aber leider gab es keinen Weg. Was tun? Charlotte fuhr weiter geradeaus, durch unberührte Natur.

Das Zitronengelb der Ente war inzwischen rotbraun übertüncht. Die Wischanlage funktionierte nicht mehr. Friedrich-Wilhelm putzte sich ständig, weil seine Eitelkeit es nicht zuließ, die Farbe einer Tonkatze anzunehmen.

Endlich, ein Ortsschild! Castiglion Fiorentino. Hm, das zerschmolz ja wie Butter auf fieberheißer Zunge!

Weit konnte es jetzt eigentlich nicht mehr sein bis Cortona und zu dem Trasimenischen See und jenem Landsitz in einem namenlosen Dorf.

„Wenn du einen Hügel siehst, etwa fünfhundert Meter hoch“, hatte Jessie ihr erklärt, „dann bist du da. Der ist nämlich ein Ausläufer des Alta S. Egidio, nahe der Grenze zu Umbrien. Fahr an der Zisterne vorbei und schau nach links. Irgendwann kommt ein stillgelegter Brunnen, umsäumt von zwei alten Pinien. Das Haus dahinter ist es. Den Schlüssel findest du im Taubenpalast.“

Taubenpalast?

„Kater, guck doch mal!“ Begeistert trommelten Charlottes Hände auf dem Steuerrad herum. „Dort ist die Zisterne! Wir sind angekommen!“

Die „Ente“ betrachtete diesen Ausruf wohl als Aufforderung, stehen zu bleiben. Nicht einen Zentimeter weit rührte sie sich noch. Doch was bedeutete das schon? Charlotte musste nur ihre Reisetasche runde zwei Kilometer tragen, dazu Friedrich-Wilhelm am Band hinter sich herzerren und derweil noch Ausschau nach einem Palast halten, der das Zuhause wilder Tauben war.

Die Sonne brannte höllisch-heiß vom Himmel herunter. Charlottes Füße hatten sich in heiße Lavaklumpen verwandelt. Die Riemchen der Sandalen platzten.

Sie ärgerte sich trotzdem keinen Augenblick lang. Denn vor ihr lag ihr Ferienparadies, ein Ort der absoluten Stille, und er wartete nur darauf, dass sie ihn – und sich – entdeckte.

Eigentlich bestand der Landsitz aus drei ineinander verschachtelten Häuschen, mit schiefen Türmchen aus grob behauenen Felssteinen, Schießscharten ähnlichen Fenstern und kleinen Patios. Grüne, schmale Fensterläden hielten die ärgsten Sonnenstrahlen ab, und die ebenso gestrichene, aber inzwischen verblasste Holztür schien nur darauf zu warten, dass Charlotte sie öffnete.

Lachend ging sie hinein, auf bloßen Füßen. Wie schön es hier doch war! Die Bodenfliesen, weißblau bemalt, mochten noch aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammen. Die Fresken an den Wänden, rotbraun wie die Natur ringsherum, waren auf edle Weise ausgeblichen.

Sicher, die Räume waren winzig, und von außen wirkte der „Palazzo“ weit geräumiger, als er wirklich war. Doch für eine Frau so ganz allein war reichlich Platz.

„Schau nur, die Küche!“

Friedrich-Wilhelm war ihr gefolgt und bemühte sich sehr, seine Neugierde vor ihr geheim zu halten.

Eine wuchtige Feuerstelle füllte fast den ganzen Kochbereich aus. Fehlte nur noch ein Rost, und Charlotte konnte hier Fische grillen und Lammkoteletts auch.

Der zentimeterhohe, rötliche Staub störte sie nicht. „Erst einmal werde ich mir die Hände waschen“, überlegte sie laut.

Ein Waschbecken gab es nicht – wozu auch? Der „Palazzo“ besaß derart nichtige Zivilisationsdinge wie Leitungen nicht, auch nicht für Elektrizität.

Weit beugte sie sich über den Brunnen und entdeckte tief unten ihr Spiegelbild im Wasser.

„Hallo, Charlotte!“, sagte sie.

***

Das war einmal etwas anderes: mit dem verbeulten, verrosteten Eimer aus unendlicher Tiefe Wasser zutage zu befördern und es sich genau einzuteilen. Ein Viertelliter fürs Zähneputzen und Gesicht waschen, ein halber für den Rest des Körpers.

„Wasser ist hier kostbar, Friedrich-Wilhelm“, klärte sie das ungebildete Tier auf.

Der Kater ließ seine Barthaare vibrieren. Hätte ich doch selbst gewusst, bedeutete das wohl.

Und nun? Sie war hungrig und durstig. Leider hatte Jessica ganz vergessen, ihr zu erklären, wie sie zu Fuß und sicher kilometerweit laufen musste, um irgendwo ein Lädchen für den täglichen Bedarf zu entdecken oder eine Trattoria oder ein Privathaus, in dem sie …

Giulio fiel ihr ein, Jessicas Schwarm. Sicher wohnte er in dem beeindruckenden Anwesen dort drüben, von dem sie gerade eine Art Befestigungsmauer entdecken konnte.

Ein Fußmarsch von etwa vier Kilometern in brütender Nachmittagshitze war bestimmt gut für die Kondition.

Friedrich-Wilhelm blieb weit zurück. Wahrscheinlich würde er unterwegs sterben …

Das macht mir nichts aus, dachte Charlotte forsch, aber ein wenig unheimlich war ihr der Gedanke doch. Konnte jemand, der keine Katzen mochte, sie doch irgendwie lieb gewinnen, weil es eben keinen anderen Ansprechpartner gab?

Sie klopfte an eine Tür, die an schmale Einlasse alter Trappistenkloster erinnerte, aber anscheinend hörte es niemand. Mit wild pochendem Herzen trat sie in einen Patio, in dem Orangenbäume und Rosen blühten.

„Hallo, ist da wer? Parla tedesco?“

Die dicke Mamma sah aus, wie Oberhäupter italienischer Großfamilien im Fernsehen nun einmal aussehen mussten. Sie kostete gerade endlos lange Spagetti, überfiel Charlotte mit einem Schwall wohlklingender, doch unverständlicher Worte, brüllte nach jemandem und …

Der Mann, der erschien, musste ein Spross uralten Adels sein. Anders war die unnachahmliche Symmetrie seines Gesichtes – Antlitz, so nannte Charlotte es sogar –, gar nicht möglich.

Ein samtbrauner Teint, glutvolle, ein wenig traurige Augen, ein Mund, der davon erzählte, dass es in der toskanischen Walachei einsame Nächte und zu viel Vino gab, eine Figur, die an römische Gladiatoren erinnerte. Ach, warum trug er denn keine Tunika, sondern nur eine weiße Leinenhose und ein lässiges Hemd, das die durchtrainierte Männertaille betonte?

„Sie müssen Jessicas Freundin sein“, sagte Giulio mit samtseidigem Bass. „Sie hat vor zwei Tagen angerufen. Da hätten Sie eigentlich längst hier sein müssen.“

Sein Deutsch war vorbildlich, und natürlich hatte es den Klang der Südländer, eben jenes Samtige, Streichelnde, Wunderbare …

„Giovanna kocht gerade“, erklärte Giulio. „Natürlich leisten Sie mir beim Speisen Gesellschaft …“

Er sagte wirklich „speisen“!

„Es gibt Lattughe farcite, das kennen Sie vielleicht. Es sind gefüllte Salatherzen in Marsala. Danach …“ Er schwelgte offenbar in kommenden kulinarischen Genüssen. „Danach Spaghetti alla Quaresima. Das sind Spagetti für die Fastenzeit, wenn Sie das bitte nicht allzu wörtlich nehmen …“

Ach, herrliche Fastenzeit! Es musste wunderbar sein, mit Giulio auf einer knarrenden, hölzernen Klosterbank um Vergebung für alle Sünden zu bitten und danach …

Er beschrieb den weiteren Verlauf des Menüs. Charlottes Magen knurrte nicht, er heulte auf.

„Wussten Sie, dass wir hier in der Toskana noch nach Rezepten kochen, die Hunderte von Jahren alt sind?“

Charlotte wusste es nicht.

„Und unser Wein …“ Giulio schnalzte mit der Zunge. „Ah, Madonna, unser Wein!“

Er bekreuzigte sich auf so elegante Weise, dass Charlotte nicht umhin konnte: Jetzt bewunderte sie auch sein Kruzifix um den sehnigen, göttlich geformten Männerhals. Normalerweise hasste sie schmucktragende Adams.

Er führte sie in einen Patio. Die Blätter eines Maulbeerbaums spendeten Schatten für den großen Esstisch, der inzwischen schon für zwei gedeckt war. Giovanna war offenbar eine italienische Abwandlung der deutschen Perle, immerzu bereit, sich Mehrarbeit aufzuhalsen. Charlotte liebte sie sofort.

„Einen Aperitif? Darf ich ihn für Sie auswählen, Charlotte?“

Grüngelb sah das Zeugs aus, fast wie Friedrich-Wilhelms … nein, das gehörte sich nicht einmal, gedacht zu werden.

„Nun? Schmeckt er Ihnen?“

Das war kein Mann – ein Zauberer war das! Einer, der kommende Karrierefrauen in Sekundenschnelle von ihrem männerfeindlichen Vorhaben abbrachte und zurückführte in Zeiten, als das Weib noch artig vor seinem Pascha kniete!

„Bellissimo“, stammelte Charlotte.

Konnte ein Getränk süß und herb zugleich, alkoholintensiv und doch so harmlos-fruchtig schmecken?

Als die Salatherzen serviert wurden, erinnerte sie sich an den Kater.

„Der liegt längst in der Sonne“, erklärte Giulio. „Giovanna hat ihm Sardinen gegeben und …“ Der Mann lächelte und zeigte dabei zwei Reihen bildschöner Zähne. „… und er hat das halbfertige Risotto al Gamberi selbst entdeckt. Die Garnelen hat er herausgepickt.“

Ein wenig wurde Charlotte rot. Dieser Dieb! Schämte er sich nicht?

Wieder kam die Dunkelheit überraschend – für sie. Giulio rückte ein wenig näher, um im Licht der Petroleumlampe besser ihr verklärtes Gesicht sehen zu können.

Wenn er sie jetzt fragte, ob sie ihre Geburtsurkunde dabei hätte, würde sie ihm zu Fuß bis nach Rom folgen, um die Seine zu werden.

Er fragte allerdings nicht.

„Natürlich fahre ich Sie nachher zu Jessicas Haus“, sagte er. „Sie könnten aber auch hierbleiben. Giovannas Frühstück ist ein Gedicht …“

Was trieb sie dazu, bedauernd den Kopf zu schütteln? War sie denn wahnsinnig? So einen Mann gab es nur einmal. Millionen Frauen würden Herkunft und Erziehung schleunigst vergessen, für ein einziges Stündchen mit ihm unter einem Olivenbaum.

Sein Wagen war ein zauberhafter Oldie, ein schnittiges, rotes Cabrio der großen italienischen Blechschneider der Vierziger Jahre.

„Einer von Vieren hier auf dem Land. In Florenz habe ich natürlich noch ein paar mehr“, erzählte er so nebenher.

Reich war er auch noch! Wahrscheinlich malte er auch wie Botticelli oder Michelangelo, ach, Unsinn. Er beherrschte alle Künste. Die Wogen der Lust würden sie miteinander erklimmen. Nur jetzt nicht, nicht heute Nacht.

„Gott, bin ich müde, Giulio“, murmelte Charlotte, anstatt sich über die Hand zu freuen, die wie zufällig und langsam über ihren Oberschenkel glitt.

Sie glitt weiter, obwohl sie längst am Ziel waren.

„Madonna“, flüsterte Giulio.

Charlotte lächelte. Sie glaubte, dass es die Leidenschaft war, die ihn übermannt hatte, doch leider war es ganz anders. Friedrich-Wilhelm hatte ihn in die Hand gebissen.

„Wann kommen Sie wieder, Signorina?“

Sein Gesicht war leicht schmerzverzerrt wie das eines Engels, der gerade Haue vom lieben Gott bekommen hatte. Oder bloß Schelte vom Erzengel Gabriel.

„Bald!“, hauchte Charlotte.

Ihre Lagerstatt samt knochenharter Matratze stammte wohl noch aus der Vor-Etruskerzeit, und Bettzeug hatte sie nirgendwo gefunden. Modrig rochen die alten Wände, und im Gebälk knisterte es, als würde der „Palazzo“ gleich einstürzen.

Charlotte konnte nicht einschlafen. Vielleicht war sie doch malaria-infiziert, oder die Hitze hatte sie komplett verrückt gemacht, denn sie lächelte und tanzte am offenen Fenster Wiener Walzer, linksherum.

Von wegen Job! Nichts da! Sie würde einen Florentiner Palast den Winter über hüten, illustre Partys geben, zwischendurch für edle Nachkommen sorgen … und den Sommer verbrachten sie natürlich hier. Sie und Giulio und all die Francos und Marias, die Jahr für Jahr in ihrem Bauch wuchsen.

Ah, sie brauchte ein Buch über Hochzeitsbräuche in Florenz. Natürlich würde sie Sprachunterricht nehmen und an heißen Sommertagen behaupten, sie vermisse den regnerischen Norden.

Dachte sie da nicht schon ein bisschen zu weit? Vermutlich hatte Jessie diesen Mann nicht ausgelassen, und er kannte die Träume blonder Deutschen und erfüllte sie … einen Sommer lang. Also durfte sie noch nicht so rasch in seine Arme sinken, musste Skrupel vortäuschen, eine unzeitgemäße Keuschheit auch.

Lebwohl, Kloster! Niemand durfte ihr übel nehmen, dass sie die angenehmere Form des Leidens wählte.

„Kann denn Liebe Sünde sein?“, sang sie von Herzen.

***

Mit dem Morgen kam eine leichte Ernüchterung. Was unter Millionen und Abermillionen silbrig leuchtender Sterne sonnenklar war, hieß nun harte Arbeit … und das in ihren Ferien.

Charlotte seufzte, weil sie hungrig war und ganz vergessen hatte, ihren zauberhaften Nachbarn um einen Wegweiser zum toskanischen Supermarkt zu fragen. Aber das war auch gar nicht nötig.

Die Tür quietschte, als sie sie aufstieß und verdutzt auf ein kulinarisches Angebot zu ihren Füßen starrte, bei dem eine ländliche Hochzeitsgesellschaft in Entzücken ausgebrochen wäre.

Cremige, weiße Milch stand dort in einem urigen, bauchigen Gefäß, vielerlei Käsesorten und Oliven, knackiges Landbrot, frische Früchte und genug Gemüse, um durch den Sommer zu kommen: Pastinaken, Karotten, Schmorgurken und Auberginen, außerdem Schinken, eine Dose mit Kaffee und eine Flasche Wein, an der ein Zettel hing: „Denken Sie an mich, wenn Sie ihn trinken?“

Sie fand ein grässlich stinkendes Scheuerpulver, reinigte den Küchenschrank und machte sich dann daran, ihre neuen Schätze liebevoll auszubreiten.

„Nur noch eine Hängematte fehlt, Friedrich-Wilhelm“, sagte sie fröhlich.

Beide Pfoten auf dem Schinken, zernagte das Biest ihn. So ein verfressenes Luder!

Charlotte aß nicht, nein, sie speiste! Sie sang Schlager aus den Fünfziger Jahren, die vom blauen Meer und den Fischern von Capri erzählten.

Wie still es doch hier war!

Still? Irgendwo röhrte etwas. Ein Rasenmäher, hier? Unmöglich!

Durch die grünen Fensterläden schaute sie hinaus und entdeckte etwas, das ihr Herz empört schlagen ließ: Ein Auto näherte sich. Es sah nicht viel besser als Jessicas „Ente“ aus, war vielleicht noch schmutziger, älter und kaputter, falls das möglich war.

Sie lief hinaus in den Hof. Sicher nur ein Fremder, der nach dem Weg fragen wollte. Hoffentlich sah er ihre Vorräte nicht. Sie dachte nicht im Traum daran, sie mit jemandem zu teilen.

Rötlich-brauner Staub wirbelte auf, als das Vehikel anhielt. Der Mann, der am Steuer saß, hatte wohl gerade eine Rallye vom Nordkap nach Gibraltar hinter sich. Eine Gelegenheit, sich zu waschen, hatte es dabei sicher nicht gegeben.

„Hallo!“, sagte er. „Da bin ich!“

Er war Deutscher, soviel war klar. Ein Einbrecher möglicherweise, einer, der sich darauf spezialisiert hatte, einsame Palazzi auszukundschaften. Vielleicht hatte er von irgendjemandem erfahren, dass sie allein lebte.

Der Mensch ging ins Haus und entdeckte den reich gedeckten Tisch.

„Hm, sieht das gut aus!“

Er verschwand im Anbau und tat, als kannte er sich dort aus … und kehrte mit einer bauchigen Weinflasche unterm Arm zurück. Und mit Dosenbier.

„Muss man hier ja immer verstecken“, murmelte er. „Schmeckt auch warm noch ganz gut.“

Er trug Hosen, die gerade eben über gorilla-ähnliche Männerknie reichten, ein Jeanshemd, total verblichen. Und er war barfuß. Und er schmatzte.

Verdrossen, aber nicht die Spur ängstlich, beobachtete Charlotte, wie ihr halber Vorrat in seinem Mund verschwand.

Jemand miaute kläglich vor der Tür. Als sie sie öffnete, geschah etwas Seltsames: Friedrich-Wilhelm gab eine Art Entzückensschrei von sich und sprang auf die Schultern des Fremden, leckte ihm die dunklen, unmöglich geschnittenen Haare, schmiegte sich an seinen Hals und schnurrte wie eine Nähmaschine aus vorelektronischen Tagen.

„Tag, Friedrich-Wilhelm“, sagte der Kerl und kaute dabei weiter. „Bist ein gutes Kerlchen, ja, mein Alter! Und wie dünn du geworden bist! Hat diese Frau …“ er sah angelegentlich an Charlotte vorbei, „… dich ausgehungert, du armes, beklagenswertes Tierchen?“

Das war zu viel an einbrecherischer Unverfrorenheit. Charlotte stützte ihre Arme in die Hüften.

„Falls Sie jemals satt werden sollten, mein Herr – dann verschwinden Sie bitte. Ich bin kein Hotel!“

Er lachte, bis ihm die Tränen kamen.

„Das kann ich leider nicht“, antwortete er bedauernd. „Ich habe doch Jessica versprochen, ihr Anwesen diesen Sommer lang zu hüten. Übrigens, ich bin Alexander.“

Alexander … wer? Alexander der Große etwa? So tat er jedenfalls.

Alexander? Sie überlegte verbissen. Hatte Jessie nicht ganz nebenher einen Mann dieses Namens erwähnt? Wohl ihr abgelegter Liebhaber oder auch der derzeitige. Vielleicht fuhr sie zweigleisig? Zuzutrauen war es ihr.

Na, Jessies Geschmack hatte auch ganz schön gelitten. Da war der junge Schönling, bei dem sie gerade „unterkroch“, ein Gott gegen diesen schlecht erzogenen, schmatzenden, schmutzigen Kerl. Und erst Giulio …

Hatte sie etwa träumerisch die Augen geschlossen? Alexander grinste jedenfalls.

„Ich sehe, Sie haben das Superexemplar dieser Region schon getroffen“, stellte er fest. „Diesen Vorstadt-Paparazzi, diesen Land-Papagallo, der jedem Rock und jeder Schürze und erst recht jedem Bikini – wer auch immer drinsteckt – hinterher giert?“

Also, das war doch …!

„Schmatzen Sie gefälligst nicht so!“, schnauzte Charlotte.

Scheinbar reumütig guckte er sie an. „Tu ich das denn? Verzeihen Sie, aber da, wo ich herkomme, achtet man nicht so sehr auf Konvention. Und hier hört es ja auch keiner.“

Sie hörte es. Und woher er kam, konnte sie sich denken. Von hoch oben konnte es kaum sein.

„Möchten Sie auch ein Glas Wein?“, fragte Alexander.

Wein am Vormittag? Sie schnappte nach Luft.

„Sehr freundlich, dass Sie mir etwas von meinem Wein anbieten“, gab sie zurück. „Ich trinke nie … morgens.“ Dieser Zusatz war ihr gerade noch eingefallen.

Er griente, was ihn noch schrecklicher aussehen ließ. „Es ist fast halb zwölf“, stellte er richtig. „Das könnte man schon Mittagszeit nennen. Da ist der Wein doch erlaubt.“

Er goss ihr ein Glas ein. Sie trank es in einem Zug leer.

„Wo schlafen Sie? In der Gruft?“, wollte er wissen.

Fast hätte Charlotte gelächelt, weil die Bezeichnung „Gruft“ wirklich zu dem Gemach passte, in dem es nach jahrhundertealtem Moder roch.

Sie nickte.

„Gut, dann mache ich es mir nebenan gemütlich. Macht doch nichts, dass es keine Türen im Haus gibt, wie? Wir können ja Säcke dazwischen hängen. Ich schnarche übrigens, aber nur, wenn ich nach elf Uhr abends esse. Und Sie?“

Ja, glaubte er denn tatsächlich, sie würde ganze Schwarzwälder durchsägen?

„Ich schnarche natürlich nicht!“, erwiderte sie.

Er glaubte ihr nicht. „Jeder schnarcht nach Wein oder einer ordentlichen Völlerei. Sie werden’s schon merken.“

Wahrscheinlich prasste dieser Mensch immer von fremden Vorräten, und danach machte er wohl das, was man bei niedlichen Babys Bäuerchen nannte. Der hier war nie als rosiges Etwas auf die Welt gekommen – so viel war klar.

„Sie decken doch ab?“, erkundigte er sich. „Ich muss mich erst mal aufs Ohr hauen. Bin durchgefahren. Sieht man das?“ Er schleuderte das Jeanshemd von sich und warf es über eine Stuhllehne. „Das mit der Hausarbeit regeln wir natürlich fair“, fuhr er fort. „Sie kochen und putzen und kaufen ein. Ich mache mich anderweitig nützlich. Ach, übrigens, haben Sie die Hängematte schon gefunden? Ich glaube, Jessie hat sie im Taubenpalast verstaut. Sie ist ja etwas unordentlich, die Gute.“

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