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Some like it heiß

Inhaltsübersicht

1. ASHES TO ASHES

2. THE SWEETEST TABOO

3. LET ME ENTERTAIN YOU

4. THESE BOOTS ARE MADE FOR WALKING

5. RAGE AGAINST THE MACHINE

6. STRAIGHT UP!

7. BABUSCHKA

8. MATERIAL GIRL

9. MELTDOWN

10. NINE-INCH NAILS

11. HOTEL CALIFORNIA

12. HOT STUFF

13. I WILL SURVIVE

14. EVERYBODY’S SHOWGIRL

15. THE WINNER TAKES IT ALL

16. ROCK YOUR BODY

17. WHEN IRISH EYES ARE SMILING

18. DEAR MR. PRESIDENT

1. ASHES TO ASHES

»Ist das überhaupt erlaubt?«

Ich stand auf einem Hafendamm in West Harwich, Massachusetts, mit meinem Bruder und meiner Schwester.

»Fuck it«, sagte Ralph und warf eine Handvoll meiner Mutter Richtung Atlantik.

Wir waren nach Pleasant Beach gekommen, dem Lieblingsstrand unserer Kindheit, um die Asche meiner Mutter zu verstreuen. Die Legalität dieser Aktion war eigentlich egal, weil es April und stürmisch und die ganze Halbinsel Cape Cod von einem bitterkalten Wind völlig zerzaust war. Wir konnten kaum aufrecht stehen, und die Wellen prallten krachend gegen unseren immer rutschigeren Standort. Was rau und romantisch klingt, war extrem unpraktisch für unsere halblegale Operation.

Vielleicht gibt es ja eine bestimmte Technik für Mutteraschezerstreuung, aber wir kannten sie nicht. Ich hatte noch nie so was gemacht. Mein Vater wurde klassisch im Sarg beerdigt, neben meinen Großeltern, Menschen, die ich niemals kennengelernt hatte. Sein Tod kam unerwartet, ich war siebzehn und in einem Schockzustand, als wir einen Familienausflug machten, um den Sarg auszusuchen.

The Conley Funeral Home war wie ein riesiges Autohaus mit einem überwältigenden Angebot von Totenkistenmöglichkeiten: Eiche oder Mahagoni, Satin oder Samt, Opel Astra oder Mercedes E-Klasse. Niemand wollte geizig sein bei der Bestattung eines geliebten Familienmitglieds, aber in der Mall für Todesaccessoires war alles sauteuer, sie war viel zu hell beleuchtet, und meine Mutter konnte nur weinen und brauchte dringend einen Wodka Tonic. Eine Stunde vorher hatte ich mit meinem Bruder einen dicken Joint geraucht. Wir standen da, mitten im Parkhaus des Todes, ahnungslos und verloren, während das Radio im Empfangsbereich »Dust in the Wind« von Kansas spielte. Wir wollten lachen, wir wollten heulen und brauchten dringend etwas Süßes. Wir waren überrumpelt von der Realität.

Zweiunddreißig Jahre später waren wir in einem ähnlichen Zustand, diesmal ohne Drogen und open air. Wir drei waren selten unter uns gewesen in den letzten zweiunddreißig Jahren – etwas war immer dazwischengekommen: Jobs, Lebenskrisen, Ehegatten, Streitereien, Kinder, Kontinente. Jetzt standen wir zusammen und versuchten, unsere Mutter gegen den Wind zu werfen – was wirklich nicht einfach war.

Am Tag vorher, nach dem Trauergottesdienst, hatte der Bestatter uns neben der Urne vier kleine rote Samtbeutelchen gegeben – eins für jedes Kind und eins extra für das Meer. Jedes Beutelchen war mit einer silbernen Kordel zusammengebunden, darin befand sich ein kleines Ziploc-Tütchen voller Asche, ein wasserfestes Plastiktäschchen, zusammengehalten von einem weißen Geschenkband. Es sah aus wie ein Mitbringsel von Marilyn Mansons Hochzeit oder ein Teil eines Adventskalenders von einem kreativen kolumbianischen Drogenschmuggler.

Ich wurde sofort panisch – wie würde ich meinen Anteil mütterlicher Überreste zurück nach Deutschland transportieren? Ich bin sicher, dass es irgendein deutsches Amt gibt, das zuständig ist für das Importieren ausländischer Elternreste, mit Erläuterungen und Einreiseerlaubnis und ausführlichen Formularen. Ich hatte keine Zeit und keine Nerven dafür. Vielleicht sollte ich den Beutel in mein Beautycase packen und, falls jemand fragte, erzählen, das sei ein Körperpeeling, Rügener Kreideschlammpackung oder so was. Maybe I could stick her in a Schüßlersalzdöschen oder eine Pfeffermühle – my mother the Spice Girl.

Meine Mutter hatte uns mit ihrem Feuerbestattungswunsch überrascht. Kurz nach ihrem achtzigsten Geburtstag sagte sie: »Ich will keinen Sarg. Cremate me and bring me to the beach.«

Es war ein Jahr voller Überraschungen. Mit achtzig hatte sie angefangen, plötzlich Entscheidungen zu treffen, als ob sie neunundsiebzig Jahre darauf gewartet hätte. Wir waren baff. Catherine Evelyn Cassidy Tufts, geboren 1923, war eine Supermarktkassiererin, eine Ehefrau, eine Mutter und Stiefmutter. Sie hatte immer etwas für andere Leute getan und erwartete nicht viel – außer, dass sie vielleicht irgendwann sechs Richtige im Lotto hätte und alles endlich perfekt würde. Sie war nie demenzkrank, aber ihr ganzes Leben immer ein bisschen durcheinander. Mit achtzig fing sie an, Klartext zu sprechen: »Ich will nur Hummer essen.« – »Ich liebe Tom Cruise.« – »Ich will keinen Sarg. Cremate me and bring me to the beach.«

Sie wollte verbrannt und am Strand verstreut werden? Seit wann? Sie war im Wandel. Sie hatte aufgehört zu rauchen – mit achtzig, was ich tapfer, aber sinnlos fand. Nach über sechzig Jahren als Raucherin hatte sie ein Lungenemphysem und bekam dadurch eine Klarheit und Entschlossenheit, die wir vorher nie erlebt hatten. Sie wechselte ihren Vornamen zu Cate – wie Cate Blanchett, die Schauspielerin. Wir hatten Ma bisher immer Kay genannt. Meine Cousinen sagten Auntie Kay, mein Vater Kaysie, Cutie oder Cutes. Sie war Cathy als junges Mädchen. Aber jetzt wollte sie Cate sein – kurz, knapp, klar.

Und Cate wollte ins Meer. Deswegen standen wir drei klitschnass und weinend auf glitschigen Felsbrocken und ließen los, Handvoll um Handvoll.

Aus purer Angst, ein weiteres Familienmitglied an die stürmische Brandung zu verlieren, stützten wir einander ab – mein Bruder hinter meinem Rücken, unsere Arme um unsere Schwester gelegt. Wir waren wacklig – körperlich und seelisch – und brauchten einander, um den Halt nicht zu verlieren. Wie seltsam, diese erzwungene Intimität, diese Wiedervereinigung der Geschwisterkörper – wie damals im Autokino mit Flanellpyjama und Popcorn bei »Viva Las Vegas« 1964.

Unsere Eltern hatten uns auf einen Haufen Decken, Kopfkissen und Kuscheltiere hinten in den Geländewagen geworfen, um Elvis’ Sommerkinohit anzuschauen, auf einer Riesenleinwand auf einem Parkplatz in der Nähe von Pleasant Beach. Mein Vater freute sich über die Musik und ein kaltes Bier, meine Mutter über einen Abend ohne Kochen. Mary Ann war elf und wollte mit den Jungs im Auto nebenan flirten, Ralph war sieben und wollte draußen spielen, und ich war vier, erschöpft von einem langen Strandtag, total überdreht vom Konzept Autokino, eingeklemmt zwischen meinen Geschwistern und tief schlafend, lange bevor der Film anfing, eingekuschelt in Geborgenheit und Popcornreste.

Jetzt waren wir noch einmal zusammengequetscht – und ich fand Trost bei diesen vertrauten, fremden, fast vergessenen Körpern. Wir waren zusammen, aber trotzdem irgendwie allein. Wir mussten Abschied nehmen, und unsere Abschiede waren so unterschiedlich wie unsere Beziehungen zu Ma.

»Fuck!«, schrie Ralph, als er eine Aschewolke von seinem Mund wegpustete. Der Wind blies immer stärker Richtung Strand, und egal wie kräftig mein Bruder warf, Ma kehrte wieder zurück. Er sah aus wie ein erschöpfter Schornsteinfeger beim Baseballspiel. Er konnte sie einfach nicht loslassen, oder sie wollte ihn nicht verlassen. Mutter-Sohn-Beziehungen sind immer etwas Besonderes, aber die beiden waren unzertrennlich.

Mein Bruder wohnte bei meiner Mutter, bis er fünfunddreißig war. 1978, als mein Vater starb, waren wir drei eigentlich ausgezogen. Meine Schwester wohnte längst in einer Post-Hippie-Wohngemeinschaft nicht weit von Pleasant Beach, ich war unterwegs nach New York City, um zu studieren, und Ralph wollte nach Oregon, in den Wilden Westen, ein großer Umzug nach einer unerwartet abgebrochenen Verlobung und einem gebrochenen Herzen. Aber aufgrund von Treue, Pflichtgefühl und einer immer stärkeren Kokainabhängigkeit blieb mein Bruder zu Hause. He helped her with her widowhood, she helped him bei seiner durch Kokain verursachten Gehirnblutung. Zehn Jahre lang wohnten die beiden in einer Art WG, ein seltsames Paar mit zueinander passenden Fernsehsesseln.

Jetzt stand ein zweiundfünfzigjähriger Mann, Gatte und Familienvater neben mir und kämpfte gegen Wind, Tränen und mit einem verdammt kleinen Samtbeutelchen. Er wurde langsam wütend, und plötzlich sah ich Ralph mit zwölf. Er stand knöcheltief im Wasser mit einem Kabeljau in der Hose! Der Fisch hatte sich während seiner mittäglichen Schwimmrunde zufällig in seine Badeshorts gedrängelt. Es war Ralph megapeinlich, aber er wollte nicht vor allen seine Shorts ausziehen – das wäre für einen pubertierenden American Boy fast schlimmer gewesen als die Todesstrafe – aber er wollte auch nicht seinen gerade erst entdeckten Penis als Fischfutter verlieren. Blitzschnell rannte Ma in die Wellen, und mit dem gleichen flinken Griff, mit dem sie Tausende von Windeln gewechselt hatte, riss sie mit einer Hand die Hose unter, schnappte mit der anderen den zappelnden Fisch und warf ihn zurück ins Wasser. Ich schrie lauthals auf, und mein Bruder schmiss sich auf den Boden, als mehrere Strandnachbarn applaudierten. Meine Mutter schwang ein großes Badetuch über Ralphs nackten Po und sagte einfach: »What was I gonna do? Grill it?«

Die wiederkehrende Asche sprenkelte Ralphs Gesicht wie die Sommersprossen in jenem Sommer, mein Herz fühlte seinen Schmerz, aber ich musste mich zusammenreißen, um nicht vor Lachen umzukippen. Unsere Lage war absurd, das Wetter wurde immer schlechter, und ich fühlte mich wie eine unbezahlte Statistin in einer Emily-Brontë-Verfilmung der BBC. Mein Bruder gab seinen besten Heathcliff – er wollte stoisch und männlich sein, stark trotz aller Widrigkeiten. Aber er musste scheitern. Im Herzen ist er ein gutmütiger Trottel, ein sentimentaler Typ, der durch seine Drogenvergangenheit immer ein bisschen neben sich steht. Er war zwar der älteste Sohn, aber nie unser Alphatier.

Das war meine Schwester. Mary Ann ist der Paradefall der Big Sister. Sie besitzt alle typischen Charaktereigenschaften, wie sie schon der österreichische Psychologe Walter Toman in seinem Buch »Familienkonstellationen« beschreibt: Immer bemutternd und in der Aufpasser- und Beschützerinnenrolle, Zurückstellung der eigenen Interessen, Identifikation mit den Eltern, tüchtig, streng, korrekt und manchmal überfürsorglich. That’s my sister. Sie hat Mutter in den letzten Jahren betreut und gepflegt, hat jeden Monat Mas Papiere geordnet und die Trauerfeier und das anschließende Aschewolkenerlebnis organisiert. Sie ist Sozialarbeiterin und Mutter von drei Adoptivkindern. Sie wiegt 160 Kilo.

Mary Ann hat ein kompliziertes Leben mit einem übervollen Kalender und ist oftmals völlig überfordert. Deshalb hat sie schon vor Jahren herausgefunden, welche Techniken ihr bei der Bewältigung ihres Lebens helfen. Dazu gehört ihr manchmal exzellentes Timing in extremen Situationen. Ich schaute sie flehend an. Genau in dem Moment, als ich durch den unterdrückten Lachanfall, die extreme Unterkühlung und meine generelle Seelennot in die Hose pinkeln wollte, stellte sie die einzig richtige Frage: »Cocktails?«

 

Zwei Jahre später sitze ich sehr früh an meinem Schreibtisch in Berlin und könnte gut einen brauchen. Ich schaue durch den frühmorgendlichen Nebel Richtung Rathaus Schöneberg und kann es immer noch nicht fassen. Meine Mutter war krank, sie war siebenundachtzig, es war Zeit – aber der Tod kam plötzlich und unerwartet, obwohl ich jahrelang mit der Erwartung gelebt hatte.

Die riesige Uhr am Glockenturm des Rathauses zeigt Viertel vor sechs. Die Zeit rennt. Ich bin eine zweiundfünfzigjährige Frau – ich bin ein Jahr älter als der Präsident of the United States. Ich sollte eigentlich erwachsen sein, aber ich fühle mich wie ein weinendes dreijähriges Kind, das plötzlich allein im Supermarkt steht, inmitten Regalen voller bunter Frühstückscerealien, weit weg vom mütterlichen Einkaufswagen.

Die Glocken läuten. Wo bin ich? And what on earth am I doing here?

2. THE SWEETEST TABOO

Ich bin in den Wechseljahren.

Das ist der un-sexiest Satz aller Zeiten. Der Klang allein: WECHSELJAHRE. Was für ein Begriff! Es hört sich an, als ob etwas ersetzt wird. Die Reifen bei Sebastian Vettel oder ein erfolgloser Stürmer nach 70 Minuten. Ich bin ausgewechselt – und das sogar jahrelang.

Es ist das letzte Tabu. Heute kann man über alles öffentlich plaudern: »Hallo! Ich bin eine transsexuelle Gummifetischistin und treibe gerne Rollenspiele als Dschihadistin bei World of Warcraft!« – »Oh, sehr interessant, da lernst du doch bestimmt interessante Menschen kennen, oder?!«

Wenn ich erzähle, dass ich in den Wechseljahren bin, ist das Gespräch zu Ende. Punkt. Ein garantierter Konversationskiller. Ideal, um jeden Abend zu ruinieren: »Was machen Sie zurzeit?« – »Ich bin in den Wechseljahren.«

Stille. Schlucken. Suchende Blicke. Ich sehe es in den Augen der Männer: Visionen von wütenden, schwitzenden Mamas, heulend vor dem Kleiderschrank, lauter ungebändigte, sektschlürfende Weiber außer Kontrolle, frauenärztliche Dinge. Eklig. Zu intim! Das sind dieselben Männer, die spätabends zufällig und sehr gerne beim Zappen den DSF-Kanal nicht mehr verlassen können. All ihre Konzentration gilt der Endlosschleife von bemerkenswerten Werbespots voller halbnackter, vibrierender Seniorinnen, die ekstatisch stöhnen: »Reife Frauen warten auf deinen Anruf!« Ich glaube, die Damen warten nicht.

Schlimmer ist nur noch der englische Fach- begriff MENOPAUSE.

Erstens, es ist keine Pause. Dank meiner verrückt spielenden Hormone nehme ich mir mal drei bis fünf Sabbatjahre, um das so richtig zu genießen? Nein! Es ist keine Pause. Und mit MEN (das englische Wort für Männer) hat es wirklich nichts zu tun.

Klimakterium ist auch nicht viel besser. Das Wort klingt nach einer Krankenhausstation für sterbende Regenwaldflora – »Herr Doktor, wie geht es der Mimosa Sensitiva auf Zimmer sieben?« –, und obwohl ich mich, zugegebenermaßen, manchmal wie eine schlappe, vom Aussterben bedrohte bolivianische Orchidee fühle, ist Klimakterium keine treffende Beschreibung meines aktuellen Lebensabschnittes.

Auf Alltagsenglisch klingt es ein bisschen freundlicher: The Change of Life, oder wie meine Mutter es nannte: The Change. Die Veränderung. Das klingt vielversprechend – spannend und voller Hoffnung. »I’m going through The Change.« Man geht durch diese Erfahrung wie durch eine Blumenwiese, einen Freizeitpark oder die Auftrittswand bei »Herzblatt«. Ma benutzte The Change jahrelang als Allzweckausrede: »You kids be quiet, I’m going through The Change.« – »Tell your father to get me another Vodka-Tonic, I’m going through The Change.« – »We’re selling the house – I’m going through The Change.«

Alle Familienmitglieder nahmen aktiv teil an dieser Veränderung. Meine Mutter war in Bewegung, und wir mussten alle sehr schnell sein, um mit ihr mitzuhalten. Es war fast wie die Gründung einer Bürgerinitiative, eine Übung in Basisdemokratie. Wir gehen da durch – gemeinsam!

Ich habe sehr gelacht, als ich 2007 zum ersten Mal Barack Obamas Wahlspruch gelesen habe: CHANGE WE CAN BELIEVE IN. Veränderungen, an die man wirklich glauben kann. Ich wusste, was er meinte, und konnte sofort zustimmen. The times they are a-changin’.

Was passiert in dieser mysteriösen Zeit, dieser »Pubertät mit Vernunft«? Die Wechseljahre sind tatsächlich das körperliche Gegenstück zur Pubertät. Bei jungen Mädchen macht sich der Körper bereit, fruchtbare Eier herzustellen – mit der Effizienz eines Fließbands in Wolfsburg. Jeden Monat, jedes Jahr produzieren die Eierstockarbeiterinnen ohne Pause, ohne Streik und ohne Urlaub, bis sie eines Tages müde werden und langsam die Produktion von Östrogen und Gestagen, den wichtigen Sexualhormonen, einstellen. Dann kommt die letzte Regelblutung. Die Frau wird unfruchtbar.

Ich persönlich finde das Wort »unfruchtbar« furchtbar. Ich fühle mich schwer beleidigt von dem Wort »unfruchtbar«. Vielleicht produziere ich keine Eier mehr, but I am very fruchtbar. »Die letzte Regelblutung« wäre aber ein toller Titel für einen nur mit Frauen besetzten Western von Quentin Tarantino. Inglorious Bleeders.

Ich glaube, es ist alles, wie so viele Dinge in unserer modernen Welt, eine Frage des Marketings. Ich möchte nicht die nächsten fünf bis zehn Jahre unter einem sozial nicht anerkannten Zustand leiden, den niemand auch nur aussprechen will. Als ob ich ein mit Tollwut infiziertes Ungeheuer wäre, das ununterbrochen »Fever« singt, wenn es den Mund aufmacht, ein feuerspuckender Godzilla, der Medikamente wie Smarties schluckt, pausenlos Brennnesseltee schlürft und immer viel zu viel schwitzt. Alles in würdiger Einsamkeit, während ich meine innere Weisheit entdecke. No, nein, njet, niemals!

Glücklicherweise kann man alles ins Positive wenden, mit der Hilfe und den Tricks von Marketingmeistern, wie dem deutschen Werbepsychologen Hans Domizlaff, Autor der Marketingbibel »Die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens – Ein Lehrbuch der Markentechnik«. Er sah schon 1939 die Marke als Persönlichkeit, als »Energiesystem«. Und was hat mehr Energie und Persönlichkeit als die Menopause?

Wir brauchen die Hilfe von schmissigen Werbemenschen, die schon Arbeitslosigkeit als »berufliche Neuorientierung« und Atomkraft als »saubere Energie« neu erfunden haben. Experten, die eine Einraumwohnung ohne Aufzug in der sechzehnten Etage eines Marzahner Plattenbaus als »unentdecktes Juwel für sportive Singles mit Ausblick auf den legendären Alexanderplatz« verkaufen.

Pimp my Menopause! Weg mit dem schlechten Image! Weg mit den Online-Filmchen, die in Weichspüler getunkte Frauenärzte zeigen, die verzweifelte Mutter-Beimer-Doppelgängerinnen beraten, bevor sie durch ein Feld voller Erika in Südtirol radeln, ständig untermalt durch New-Age-Gedudel von Enya! Ich kann the upgraded Rekrutierungswebsite vor mir sehen: Hochglanzfotos von Madonna, Nena, Sade und Susan Sarandon. Nächtliche Skylines von New York bis Hongkong! Ein treibender David-Guetta-Soundtrack – pulsierende Beats und dynamische Bildschnitte und die Stimme von Iris Berben, die uns fragt: Sind Sie temperaturvariabel, intuitiv und voller Leidenschaft? Eine Metamorphosenexpertin – bereit für etwas Neues? Dann gehören Sie zu unserem Transition Team!

Wir brauchen unbedingt einen neuen Namen: »Optimierungsetappe«, »Hormonelles Flexibilitäts-Abenteuer«, »Great Fucking Time«.

Oder einfach: »Heißzeit«.

3. LET ME ENTERTAIN YOU

»Warum bist du nicht berühmt?«

Ich saß mit dem Autor Bastian Sick und seinen netten norddeutschen Eltern im Green Room bei Johannes B. Kerner. Wir hatten gerade einen lustigen Auftritt zum Thema deutsche Sprache hinter uns und sprachen über seine ausverkaufte Tournee durch die großen Hallen Deutschlands.

»Wenn ich das machen kann, then you can too«, sagte Bastian.

In meinen zwanzig Jahren in Berlin habe ich mir eine solide Karriere aufgebaut. Was 1991 als ein Gastvertrag für zwei Jahre mit einer Kreuzberger Tanztheaterkompanie anfing, hat sich prächtig entwickelt: ein aufregendes bilinguales Künstlerleben mit Auftritten in Theatern und Funk und Fernsehen, mit Tourneen, tollen Kollegen und ganz viel Kreativität und Freude. Bekannt war ich, berühmt längst nicht.

Ich glaube, das hat auch etwas mit meinem Namen zu tun.

Ich bin mehrmals in meinem Leben mit »Geile Toofs« angesprochen worden. Mein Name ist für die Deutschen etwas zu kompliziert. Alle denken, es sei ein Künstlername und dass ich in Wirklichkeit eine deutsche Kabarettistin bin, namens Gabrielle Tuffmann aus Hannover-Herrenhausen, die sich diese amerikanische Bühnenfigur nur ausgedacht hat. Wenn ich so konzeptuell denken würde, wäre ich vielleicht in der Tat deutsch.

Das Leben mit meinem Namen ist mühsam – ich muss am Telefon oft buchstabieren: T-U-F-T-S. Dann sagt der Mensch am anderen Ende: »Jawohl, Frau Tooftz.« Ich sage dann freundlich: »Es wird TAFTS ausgesprochen – wie Drei-Wetter-TAFT mit S am Ende.« Er sagt dann: »Okay, Frau Tooftz, dann ist das hier aber falsch geschrieben, oder?«

Wahrscheinlich hat mein heutiger Bekanntheitsgrad auch etwas mit meinen begrenzten Deutschkenntnissen zu tun oder, genauer gesagt, mit der Tatsache, dass ich kein Wort Deutsch sprach, als ich erstmals hierherkam – nur die paar deutschen Wörter, die jeder Amerikaner kennt: Gesundheit, Kindergarten, Schadenfreude, Blitzkrieg.

Meine ersten zwei Jahre in Berlin waren ein richtiges Abenteuer. Ich habe mich immer gefragt, warum die Frauenstimme in der U-Bahn nach dem berühmten Wissenschaftler rief: »EIN

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