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Solheim Noir

01 | BENEDIKT

 

Mejsners Café in der Innenstadt von Amsterdam war so kurz nach der Mittagszeit noch fast leer. Der Besitzer, Benedikt Mejsners, war jedoch bereits geschäftig. Er saß an einem der größeren, runden Tische auf einer kleinen Empore vor dem Fenster zur Fußgängerzone und blätterte durch einige Geschäftsunterlagen, die er – wie es seine Art war – ganz altmodisch auf Papier ausgedruckt hatte. Ihm gegenüber saß der wohl wichtigste Geschäftsmann Amsterdams – und sein neuer Handelspartner, sobald sie sich durch die letzten Formalitäten gekämpft haben würden.

„Irgendwo hier muss das doch ...“, murmelte Benedikt und blätterte hastig ein Stück weiter.

„Immer mit der Ruhe“, entgegnete Clef van Ijssel, der ihm gegenüber saß, „ich habe genug Zeit mitgebracht. Ich kenne dich und deinen Analogfimmel mittlerweile ganz gut.“

Er lachte freundlich und griff nach der Tasse Tee, die er über das Gespräch bisher vernachlässigt hatte. Eine Tür mit einem Messingschild, das PRIVAT verkündete, öffnete sich neben der langen Holztheke mit den großen Kaffeemaschinen, und Benedikts Tochter trat in den Raum. Fenja Mejsners war Clef bereits bei seinem ersten Besuch in Mejsners Café aufgefallen. Sie war jung, doch ihre Kleidung und ihr Make-up hoben sich von dem ab, was andere Mädchen in ihrem Alter trugen. Clef war sich sicher, dass er seine Tochter nicht so herumlaufen lassen würde – sofern das ungeborene Leben, das seine Frau Claudette in sich trug, überhaupt eine Tochter werden würde.

„Papa“, Fenja kam zu ihrem Tisch herüber und zog sich achtlos das viel zu kurze anthrazitfarbene Kleid zurecht, über dem sie eine billig aussehende, dunkelrote Federboa trug, dazu schwarze Netzstrümpfe, Smokey Eyes, tiefroten Lippenstift und schwarzlackierte Fingernägel. Wie alt war sie?, fragte sich Clef, sechzehn?

„Ich treffe mich mit Freunden“, sagte sie.

„Wo gehst du hin?“, erkundigte sich Benedikt ohne den Blick von den Papieren abzuwenden.

„Ach, nur so ein bisschen durch die Stadt.“

„Gut, aber denk daran, dass wir heute Abend verabredet sind.“

„Ja, Papa. Ist notiert“, entgegnete sie leichthin und stolzierte aus dem Café. Clef sah ihr nach. Seine Tochter würde so das Haus ganz bestimmt nicht verlassen, das war ihm eindeutig klar.

„Deine Tochter ist schon etwas besonderes“, kommentierte er diplomatisch.

„Du hast ja keine Vorstellung!“, Benedikt seufzte theatralisch.

„Ich werde auch bald Vater, Benedikt.“

„Ich weiß. Aber Fenja ist anders. Diese Träume, die sie hat ... oder Wahnvorstellungen, abhängig davon, welchen Arzt man konsultiert.“

„Die Pubertät vielleicht?“

Benedikt sah auf und verzog einen Mundwinkel. Clef fühlte, wie er sich auf dünnem Eis bewegte. Claudette hatte ihn gezwungen, eine Menge über Kindererziehung zu lesen. Er war bestens informiert über die Probleme vom Säugling bis hin zum erwachsenen Kind, aber auf der anwendungstechnischen Seite reichte seine Erfahrung nicht weit.

„Fenja ist mit neun Jahren nach einem normalen Streit zwischen Kind und Eltern weggelaufen. Sie wollte zu einer Freundin. Doch dort kam sie nie an. Wir haben sie mehrere Tage gesucht, bis sie plötzlich von selbst wieder auftauchte. Aus ihr war kein vernünftiges Wort herauszubekommen, und seit einigen Jahren schweigt sie nur noch, wenn man sie darauf anspricht. Aber seitdem hat sie einige ... Persönlichkeitsstörungen. Ja ich denke, so muss man das nennen.“

„Und du hast keine Ahnung, was mit ihr geschehen ist?“

„Nein, absolut keine Ahnung. Körperlich war nichts mit ihr ... man macht sich ja sofort solche Gedanken als Vater ... du weißt schon, es gibt genug Perverse da draußen“, Benedikt deutete flüchtig aus dem Fenster, als würde direkt vor seinem Café die Welt des Bösen beginnen. „Aber da war nichts. Stattdessen ist sie immer verschlossener geworden und benimmt sich in einigen Dingen wie ein Kind, in vielen anderen aber, als wäre sie zehn Jahre älter.“

„Ja, mir ist schon aufgefallen, dass sie sich gerne erwachsen gibt“, bemerkte Clef unbedacht. Benedikt sah ihn an, sagte aber nichts und widmete sich daraufhin wieder seinen Papieren.

„Ich habe einen Bekannten, einen renommierten Arzt, der sich auf psychische Probleme von Kindern und Jugendlichen spezialisiert hat. Es würde mich nicht überraschen, wenn er heute Abend auch anwesend wäre. Ich kann euch gerne bekannt machen. Deine Kleine bringst du doch mit, oder?“

„Renate?“, fragte Benedikt verwirrt. Clef musste lachen.

„Nicht deine Geliebte. Deine Tochter.“

„Achso. Ja, die ist auch mit dabei. Aber mit Ärzten brauchen wir ihr nicht mehr zu kommen.“

„Sie muss nicht wissen, dass er ein Arzt ist“, entgegnete Clef. „Ich arrangiere ein spontanes Gespräch bei Tisch. Er wird sich das Mädchen nur mal näher ansehen.“

„Ich habe nichts dagegen, aber unterschätze Fenja nicht. Sie wird es merken, wenn sich dein Kopfdoktor nicht geschickt anstellt.“

„Wie gesagt, er ist wirklich gut.“

Benedikt nickte und zog triumphierend ein Blatt Papier hervor. „Hier ist es doch!“, er stockte und warf einen näheren Blick auf die Zahlenreihen. „Ach nein, das ist das vom letzten Jahr ...“ Unwirsch brummte er vor sich hin. Clef unterdrückte ein Lachen.

„Eigentlich ist es mir ganz recht, wenn Fenja deinen Doktor sieht, vielleicht kommt sie dann mal auf andere Gedanken“, nahm Benedikt den Gesprächsfaden wieder auf, um Zeit zum Durchsuchen der Dokumentenstapel zu gewinnen.

„Andere Gedanken?“, erkundigte sich Clef neugierig.

„Ja, sie hat nur noch diesen Typen im Kopf ... Victor heißt er.“

„Ist dieser Victor nicht so der Schwiegervater-Typ?“, stichelte Clef.

„Er ist ein Mann, der meiner Tochter an die Wäsche will“, knurrte Benedikt, „das ist ausreichend. Außerdem ist er ein sonderbarer Mensch. Immer schwarz gekleidet, und immer so vornehm ...“

„Schwarz und vornehm“, Clef fand immer mehr Gefallen an der Konversation. „Das würde ich auch nicht mögen.“

„Er trägt komische Anzüge und Rüschenhemden. Und einmal war er mit einem Zylinder unterwegs! In welchem Jahrhundert leben wir denn?“

„Blutsauger. Victor klingt auch ähnlich wie Vlad.“

„Hä?“, Benedikt sah von dem Wust an Papieren auf, der langsam drohte völlig durcheinander zu rutschen.

„Vlad der Pfähler? Dracula? Vampire? Tragen altmodische Kleider, immer schwarz. Nicht geläufig?“

Benedikt sah Clef begriffsstutzig an, dann zuckte er mit den Schultern und begann, die Ordnung seiner Papiere zu retten. In Ordnung, dachte Clef, hier endet dann wohl die kleine Show des Sarkasmus‘.

02 | VICTOR

 

Fenja zog sich mit einer Hand den Rock zurecht, der beim Gehen immer ein Stück weiter hochrutschte. Zugegeben er war unpraktisch, aber sie wusste, wie ihre Beine und ihr Hintern darin aussahen, und hätte sie es praktisch gewollt, hätte sie sich ihren Jumpsuit angezogen. Ein schneller Griff um den Ausschnitt zu richten, dann war sie bereit um das Restaurant zu betreten, in dem sie sich mit Victor verabredet hatte.

Sie sah ihn sofort, als sie hereinkam. Er saß in gerader Haltung an einem der Tische. Aufgrund seiner Körpergröße wäre er in jedem Fall aufgefallen, doch seine Körperhaltung, auf die er penibel achtete, machte ihn endgültig unübersehbar. Fenja betrachtete von der Tür aus die hohen Wangenknochen und die schmale Nase, die seinen Gesichtszügen eine aufregende Schärfe verliehen.

„Guten Abend, Fenja“, begrüßte er sie höflich, als sie an seinem Tisch ankam. Er deutete an sich zu erheben, als sie einen freien Stuhl zurückzog und sich setzte. Victor war älter als sie, aber wie alt genau, das hatte sie ihn nie gefragt. Als sie ihn kennengelernt hatte, musste er schon fast zwanzig gewesen sein.

Damals war es ihr noch falsch vorgekommen, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Es war ihr falsch vorgekommen, dass sie sich überhaupt zu einem Mann hingezogen fühlte. Doch ihre erste Begegnung hatte Fenja bereits verändert.

Sie war neun Jahre alt gewesen, als sie Victor zum ersten Mal getroffen hatte. Es war der Abend, an dem sie im Streit mit ihrem Vater weggelaufen war. Sie wollte zu ihrer Freundin gehen und die Nacht dort verbringen, doch auf dem Weg war dieses alte, verlassene Haus. Unzählige Male war sie bereits daran vorbeigegangen, und ebenso oft hatte sie den Drang verspürt, das Haus zu betreten.

Doch an diesem Abend war es stärker als sonst. Es fühlte sich an wie die weichen Töne einer modernen Klaviersonate, deren melodiöser Kern schwach und fragil in einem Bett aus Klang schwimmt. Und so war es auch mit Fenja. Sie verlor jede Kraft, ihren Weg fortzusetzen und wurde vom lautlosen Klang des Hauses gefangen. Sie trieb durch die unverschlossene Haustür in dunkle Räume und hinaus in einen wilden, weiten Garten, von weichem, hellem Licht durchflutet, wie aus einer viktorianischen Erinnerung.

Fenja hatte neun Jahre eine behütete Kindheit gehabt, und vom frühen Tod ihrer Mutter abgesehen gab es wenig, was sie in ihren jungen Jahren erschüttert hätte. Doch dieser Abend war anders. Sie hatte die Grenze im Streit mit ihrem Vater überschritten, das wusste sie. Und die Dunkelheit, die sie dadurch betreten hatte, trieb sie in Victors Garten.

Er kam auf sie zu und nahm, ihre Hand. Er trug einen weißen Sommeranzug, den er später nie wieder anhatte. Der schmale Oberlippenbart verlieh ihm etwas jungenhaftes, doch gleichzeitig dachte Fenja, dass sie einem Mann folgte. Einem fremden Mann. Sie spürte ein Kribbeln in ihrem Inneren.

„Du wirkst zerstreut. Ist alles in Ordnung mit dir?“ Victors tiefe Stimme holte sie aus ihren Gedanken.

„Alles in Ordnung“, sie lächelte. „Ich habe nur gerade daran gedacht, dass dir Weiß sehr gut steht.“

„Im Sommer, Fenja, im Sommer.“

„Ich weiß, aber wann wird ein Sommer für uns kommen? Du hast versprochen, dass wir mit den Booten rausfahren. Über den See.“

„Geduld, Süße“, Victor winkte dem Kellner.

„Nenn mich nicht so, Victor“, sagte Fenja und meinte das Gegenteil.

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