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Solheim 02 | AMERIKA

SOLHEIM

02 | AMERIKA

von Jón Faras

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Dystopie


© 2014 Jón Faras

Alle Rechte vorbehalten.

www.facebook.com/jonfaras

Coverdesign: Vivian Tan Ai Hua

www.facebook.com/aihua.art


 

gewidmet

 

Craig B

(mit dem ich drei Mails wechseln durfte)

+

Audrey Tautou

(die vielleicht mit mir auf MySpace befreundet war)


INHALTSVERZEICHNIS

 

01 | SOLARIS

02 | DREI JAHRE SPÄTER

03 | INAKTU

04 | PHOENIX

05 | SOUTHWARK

06 | INTEL

07 | ZITADELLE

08 | EINBERUFUNG

09 | SAYURI

10 | WOLFEN

11 | INCA PLACE

12 | LAUSCHANGRIFF

13 | MISSION

14 | DER ALTE FRANZOSE

15 | FREQUENZORTUNG

16 | SÄGEWERK

17 | DIE LOGE

18 | FEYO

19 | SHIKAZA

20 | TREIBJAGD

21 | TREIBENDE ENERGIE

22 | GUARDIAN

23 | WITWE

24 | TALWÄRTS

25 | FUNKVERKEHR

26 | DOCKLANDS

27 | FLIRT

28 | CYPRIEN

29 | ONE NIGHT STAND

30 | GOMORRAH

31 | BOUR

32 | AMITAIN

33 | PING

34 | BRIEFING

35 | ANGEZAPFT

36 | ABSCHIED

37 | BOOTE

38 | ÜBERRASCHT

39 | SCHLAF

40 | ARCHIPEL

41 | DOOR PARK

42 | ANNÄHERUNG

43 | LIEBE

44 | KONZENTRATOR

45 | HÉRNAN

46 | ZUWACHS

47 | GEISTERSTADT

48 | MADRIBELLE

49 | DIEBE

50 | NATIONALMUSEUM

51 | DIE GESANDTEN

52 | SIAM

53 | WEGE

54 | KOORDINATEN

55 | REGENCY POINT

56 | LIBERTINE YARD

57 | ANKOMMEN

58 | QUETZAL

59 | FOX/LYNX

60 | CONTAINER

61 | MONTERREY

62 | AIMLESSLY

63 | NEOKARIBIK

64 | TEA TIME

65 | TYMAN

66 | FENJA

67 | RAUSCH

68 | HAVANNA

69 | CONCLUSIO

70 | DAS LETZTE ABENDMAHL

71 | ALLIANZ

72 | OPER

73 | DER VORHANG FÄLLT

74 | SCHERBEN

75 | LICHT

Solheim 03 | ATLANTIS


01 | SOLARIS

 

Gleißende Helligkeit badete Ninive. Tausende Eiskristalle warfen das Licht der Wintersonne zurück und hüllten sie ein in die schattenlose Umgebung. Ihr Weg war nicht lang hinauf zu dem großen Segel, das sich silbern im arktischen Wind blähte, doch Entfernung spielte hier im Norden, wo der Schnee hüfthoch lag und ganze Platten aus Eis die Felsvorsprünge bedeckten, nur eine untergeordnete Rolle. Ein Blick zurück zeigte die kleine Kolonie der Solaris-Nomaden unter ihr. Sie wirkte zum Greifen nah, und dennoch war Ninive bereits seit einer Stunde unterwegs, immer den Abhang hinauf.

Betrachtete man das Große und Ganze, dann war sie bereits seit einigen Wochen unterwegs. Und ein Blick zurück, hätte ihr auch viel mehr gezeigt als nur eine arktische Postkartenansicht einer kleinen Siedlung aus idyllischer Ferne. Ninive hätte ihren Aufbruch aus Paris gesehen, den Abschied von guten Freunden, das Wiedersehen mit Vertrauten aus ihrer Vergangenheit und am Ende die Trennung von Isaak. Mit ihm und seinem Team war sie aufgebrochen, um die undurchsichtigen Pläne einer Gruppierung namens Children of Chou, die unter dem zwielichtigen General Aarick Zervett Regierung und Militär der wichtigsten europäischen Stadtstaaten unterwandert hatten, zu untersuchen.

Und ganz nebenbei hatte sie einiges über sich und ihre Vergangenheit erfahren. Entstanden und aufgewachsen im Rahmen eines Pariser Forschungsprojekts, bei dem geklonte Menschen mit besonderer Begabung – der sogenannten Sangre-Energie – gezüchtet wurden, war sie einer von wenigen Klonen, die ein selbstständiges Leben führen konnten. Durch diese genetische Veranlagung hatte sie eine besonders enge Bindung zum Sangre, das in den letzten einhundert Jahren seit dem ersten Auftreten dieser zuvor unbekannten Energie im Jahr 2013 die Welt entscheidend verändert hatte. Das globale Handels- und Kommunikationsnetz war zusammengebrochen. Die Menschen hatten sich zum größten Teil in wenige große Städte zurückgezogen, Geisterstädte und verwilderte Landstriche waren zurückgeblieben, und die wenigen Kolonisationsprojekte, verbliebenen kleinen Städte und Stationen von Militär und Forschung lebten in ständiger Gefahr durch schwere Naturkatastrophen.

Ninive rutschte mit dem linken Fuß auf einem vereisten Stein aus und griff hastig in den Tiefschnee, um sich abzufangen. Sie hatte das Segel fast erreicht. Es war an einer langen, biegsamen Stange befestigt, die sich etwa zehn Meter empor in den Himmel reckte und vom Wind wie ein Grashalm gebogen wurde. Das Segel bestand aus einer Vielzahl flacher Solarzellen, die die Sonnenenergie in Strom für die Kolonie unten am Fuße des kleinen Bergs umwandelten.

Es hatte bereits seit 2085 keinen transatlantischen Kontakt mehr gegeben, und auch die Verbindungen zwischen den einzelnen europäischen Städten wie Paris oder Hamburg waren immer schwächer geworden. Das Sangre hatte zudem Löcher in das Land gerissen, Zugänge zu Orten, deren Existenz Ninive noch immer nicht ganz verstand. Sie wurden Korridore genannt, da sie einen Durchgang von einem Ort zu einem anderen darstellten.

Als Ninive mit Isaak und ihren Begleitern – den Klonen Sequana, Sasha und Solvejg, dem Sangreforscher Bertrand Gallea und der Psychologin Eva Aden – am Ende der Suche in den Jylland-Kolonien ankam, entdeckten sie einen künstlich geschaffenen Durchgang zu den Korridoren. Und nach einigen ruhigen Tagen in den Dünen der jütländischen Nordseeküste, in denen sie nach der Reise wieder zu Kräften gekommen waren, machten sie sich auf den Weg in die Korridore, um Aarick Zervett und seine Children of Chou zu finden.

Doch bald gerieten sie in einen Kampf mit den Bewohnern der Korridore, den Visaren, und wurden von Isaak und Eva getrennt. Als sie schließlich einen Ausweg fanden, standen sie im beginnenden Winter nahe der Hudson Bay und wurden schließlich von einem Stamm der Solaris-Nomaden gefunden, einer Gruppe, die sich dem Leben in den Städten verweigerte und einen neuen Weg suchte, das Land für sich als Lebensraum zu nutzen.

Ninive zog zwei lange Eisenhaken aus ihrem Gürtel und legte sie um den Mast des Segels. Sie klopfte große Klumpen Schnee von ihren Stiefeln und setzte die schmalen, stählernen Fußspitzen in eine Schiene entlang des Masts. Sie atmete tief durch, dann spannte sie die Muskeln und zog sich am Mast hoch, Stück für Stück bis sie die Hälfte der Masthöhe hinter sich gelassen hatte.

Isaak fehlte ihr, und mittlerweile hatte Ninive keine Probleme mehr, sich das einzugestehen. Als Klon waren fast dreißig Jahre ihres Lebens von rationaler Erziehung, Ausbildung und dem Glauben an die Neurohemmer – ein Standardmedikament für Klone, das die emotionalen Prozesse unterband – bestimmt, bis sie Isaak traf und er ihr die Wahrheit erzählte. Eine Wahrheit, mit er sie zuerst nicht zurechtkam. Die Neurohemmer waren in ihrem Fall nur ein Placebo. In Wirklichkeit war sie selbst Herrin ihrer Gefühlswelt und das machte ihr schwer zu schaffen. Isaak war in ihr Leben gekommen, hatte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen und ihr am Abgrund der Wahrheit einen harten Stoß verpasst. Doch er war auch ab diesem Moment ihre Konstante und ihr Halt im Leben gewesen. Und während ihrer Reise nordwärts hatte sie sich in ihn verliebt.

Ninive dachte an ihre erste und letzte gemeinsame Nacht in den Dünen der Jylland-Kolonien zurück. Sie hatten gemeinsam beschlossen, dass eine Beziehung zwischen ihnen beiden nicht infrage kam, solange sie zusammen auf der Jagd nach den Children of Chou waren. Denn es stand zu viel auf dem Spiel. Zervett und seine Leute hatten ein Gerät in die Finger bekommen, dass sich Konzentrator nannte, und mit dem man neue Risse zu den Korridoren öffnen konnte. Und durch diese Risse drangen die Wesen der Korridore nach Europa und würden den Kontinent früher oder später überrennen. Doch auch wenn sie keinen Gedanken daran verschwenden durften, ob es eine gemeinsame Zukunft für sie geben konnte und wie diese aussehen würde, nichts hatte sie davon abgehalten, im dürftigen Schutz von Dünengras und Sand miteinander zu schlafen.

Ninive klammerte sich an den Mast, als sie eine Metallschlaufe um ihren Gürtel legte und mit einem Karabinerhaken am Mast befestigte. Sie dachte an diese Nacht zurück und spürte die Einsamkeit noch mehr. Dabei dachte sie auch an Solvejg, die ebenfalls wieder alleine war. Mit Eva war sie nicht nur von ihrer Freundin getrennt, sondern auch von ihrer behandelnden Psychologin. Im Gegensatz dazu kam ihr das Verlangen Isaaks Nähe zu spüren fast nichtig vor.

Mit einer Hand zog sie sich ein Stück um den Mast herum und sah nun in Richtung Norden. Dort war am Ende eines langen Tals eine kleine Geisterstadt. In einem der verlassenen Häuser hatten sie die Korridore wenige Wochen zuvor verlassen. Natürlich war die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass Isaak ebenfalls dort aus den Korridoren auftauchen würde. Sofern er es überhaupt geschafft hatte, den Visaren zu entkommen, war er vermutlich in einem ganz anderen Teil der Welt gelandet. Vielleicht nicht einmal wie sie in Nordamerika. Und dennoch stieg sie jeden Tag hier hinauf und hielt nach ihm Ausschau. Sie atmete schnell ein und aus, dann konzentrierte sie die Sangreenergie in ihrem Inneren auf ihre Augen. Sie blinzelte und spürte das Rauschen des Bluts, dann riss sie die Augen auf und ihr Blick schnellte vorwärts, ungeachtet des beißenden Winds. Für einen Moment bestand sie nur aus Augen, alles andere nahm sie nicht mehr wahr. Sie suchte das weite, trostlose Weiß ab, konzentrierte sich auf den Rand der Geisterstadt, suchte den Weg entlang des Tals ab – und doch war wieder nichts von Isaak, Eva oder irgendjemand anderem zu sehen. Das Rauschen des Bluts nahm zu und hüllte ihre Sinne in einem ohrenbetäubenden Wirbel ein. Ninive blinzelte hastig und spürte, wie ihre Augen brannten und Tränen auf ihren Wangen fast augenblicklich zu Eis erstarrten.

Unten in der Kolonie erhob sich Sequana, nachdem sie sekundenlang beobachtet hatte, wie aus der Glut Flammen hervorsprangen und am Holzscheit, das sie nachgelegt hatte, empor leckten. Sie klopfte sich den Staub von den Knien und hielt sich kurz die Seite, dort wo seit einigen Wochen eine Kugel steckte, die sie nicht umgebracht hatte, die ihr aber seitdem Schmerzen bereitete, wenn sie sich unbedacht bewegte.

Dabei ging es ihr noch verhältnismäßig gut. Gallea, mit dem sie den größten Teil ihrer Reise verbracht hatte, saß in einem alten Sessel und hatte die Füße hochgelegt. Seit zwei Tagen hatte er sich nicht viel bewegt. Er war bei ihrer Flucht aus Amsterdam – kurz bevor Sequana die Kugel in ihre Seite traf – in einer alten Industrieruine abgestürzt und auf dem Steißbein gelandet. Je kälter die Tage waren, desto schwerer fiel ihm das Gehen.

„Du solltest Solvejg von der Kugel erzählen“, sagte Gallea, der sie offenbar sehr genau beobachtete. „An meinem Rücken ist nicht mehr viel zu machen, aber dich könnte sie wieder zusammenflicken.“

„Bertrand, sieh dir unsere Gruppe doch an! Ich kann mich jetzt nicht um meine Schmerzen kümmern“, erklärte ihm Sequana nicht zum ersten Mal. „Ninive ist mit ihren Gedanken nur bei Isaak, Solvejg hält sich tapfer, doch sie hat ihre Geliebte verloren. Sasha ist eine Psychopathin, die glücklicherweise auf unserer Seite ist, und du … ich will dir nicht zu nahe treten, aber du strahlst nicht gerade Führungsstärke aus.“

„Du bist unsere Anführerin, Sequana“, entgegnete Gallea, „daran hat niemand Zweifel, selbst wenn du dich in Solvejgs Fürsorge begibst. Sie hat nur durch Beobachten Erstaunliches über die Medizin gelernt. Sie kann dich in wenigen Tagen so behandeln, dass du auch wieder eine schmerzfreie Anführerin bist.“

Sequana schüttelte den Kopf. „Nein, ich brauche Ninive bei klarem Verstand, bevor ich mir das erlauben kann. Und deshalb rede ich jetzt mit ihr. Wir alle wissen, dass Eva und Isaak keine großen Chancen gegen die Visaren hatten. Ich für meinen Teil halte es für besser, wenn wir uns auf die Version einigen, dass sie tot sind. Bis sie selbst das Gegenteil beweisen.“

„Du selbst hast Cédric und auch Sasha nicht aufgegeben, bis wir sie gefunden hatten“, gab Gallea zu bedenken.

„Ich habe an die Fährte geglaubt, nicht daran, jemanden lebend zu finden. Tut mir leid, Bertrand, wenn das kalt klingt, aber wer sich selbst an persönliche Schicksale knüpft, der … Ninive und Isaak haben die richtige Entscheidung getroffen, als sie die Mission über ihre eigenen Gefühle stellten. Jetzt ist es an der Zeit, dass sie dazu steht!“

Ein Räuspern erklang im Dunkeln des Zimmers hinter Galleas Sessel und Solvejg erschien im schwachen Licht des Feuers. Sie hatten sie nicht hereinkommen hören, und Sequana wäre es lieber gewesen, ein direktes Gespräch mit ihr zu führen, doch auch Solvejg musste der Realität ins Auge blicken. Und Sequana schätzte die jungenhafte, schmale Frau so ein, als würde es ihr leichter fallen als jedem anderen von ihnen.

„Ist Eva tot?“, fragte sie schlicht.

„Nein“, flüsterte Gallea matt.

„Ja“, sagte Sequana fest, fügte dann aber hinzu: „Solange wir nicht sicher wissen, dass sie lebt, sollten wir nichts anderes als ihren Tod annehmen. Sonst bringen wir uns alle unnötig in Gefahr und finden die Children of Chou niemals.“

„Das ergibt Sinn“, sagte Solvejg und krempelte die Ärmel ihres Jumpsuits hoch. „Hose runter Bertrand! Ich habe eine Salbe der Nomaden gemacht, die für deine Wirbel hilfreich sein wird.“

Sequana grinste schief und schnappte sich ihre Felljacke, die sie über ihren Kevlar-verstärkten Jumpsuit zog. „Ich lasse euch dann mal lieber alleine …“


02 | DREI JAHRE SPÄTER

 

„Ich habe sie! Endlich habe ich sie!“

Sie lagen sich minutenlang in den Armen. Eva hätten fast die Freudentränen übermannt, aber sie brachte sich noch schnell genug wieder unter Kontrolle. Stattdessen lachte sie ausgelassen und drückte Isaak einen überschwänglichen Kuss auf die Wange, bevor sie ihn losließ. Sie hatten fast zwei Jahre Wartezeit hinter sich, die ihr schlimmer vorgekommen war als die vierzehn Monate in der Wildnis zuvor.

Drei Jahre waren mittlerweile vergangen, seitdem sie von Europa aus in die Korridore aufgebrochen und wenig später ihre Gefährten verloren hatten. Eva dachte zurück an den Tag, an dem sie Isaak halbtot durch eine Art großen Fuchsbau aus dem Horrorland der Visaren zurück in die wirkliche Welt gezogen hatte. Sie waren irgendwo in den weiten Wäldern Nordamerikas gelandet. Wo genau, das wusste sie bis heute nicht. Eva hatte einen kleinen Unterstand gebaut und mit den Kenntnissen der Humanmedizin, die sie auch als Psychologin in Hamburg hatte lernen müssen, ihren Bruder zurück ins Leben geholt.

Isaak war nicht wirklich ihr Bruder. Er war genau genommen etwa einhundert Jahre älter als sie, hatte jedoch fast genau diese Zeitspanne unfreiwillig im Kälteschlaf verbracht, sodass er so alt aussah, wie sie mit Mitte dreißig war. Allerdings hörten beim Alter die äußerlichen Ähnlichkeiten auch bereits auf. Während Eva mit ihrer dunkelbraunen Haut, den ebenmäßigen Gesichtszügen und der weiblichen Figur einer klassischen Schönheit entsprach, war der blonde, eher blasse Isaak weder besonders groß noch besonders klein, hatte ein eher durchschnittliches Gesicht und nur seine muskulöse Figur war auf den ersten Blick bemerkenswert, sofern er sie nicht unter weiter Kleidung verhüllte. Allerdings war Isaak der geborene Anführer, ohne dass er es besonders betonen musste. Seine Ausstrahlung und Wirkung auf Menschen war so einnehmend, dass sich eigentlich kaum jemand die Frage nach seinem Aussehen stellte. Isaak gab den Menschen Halt und ließ sie in die unwahrscheinlichsten Dinge vertrauen, offenbar ohne es selbst zu bemerken.

Wäre ihm diese Fähigkeit in vollem Umfang bewusst gewesen, er hätte wohl jeden Menschen verführen können, dessen war sich Eva sicher. Und genau aus diesem Grund – und weil seine meerblauen Augen ein weiteres Detail waren, dass man erst sah, wenn man ihn näher betrachtete – hatte Eva entschieden, ihn als ihren Bruder zu betrachten. Vor zwei Jahren in den einsamen Nächten im Wald, als Eva im Schein eines kleinen Feuers viel Zeit hatte um den schwach atmenden Isaak zu betrachten, als sie seine Wunden verarztete und zusah, wie er wieder zu Kräften kam und wie selbstverständlich ihren Weg in die richtige Richtung lenkte.

Und dieser Weg führte sie schließlich in die Kolonien vor Fleet City. Nach den Aussagen der Bewohner dort war Fleet City die einzige verbliebene Stadt relevanter Größe auf dem Gebiet der ehemaligen Vereinigten Staaten und Kanadas. Einst unter dem Namen Skull City während der Zeit des Eisenbahnbaus zwischen Ost- und Westküste gegründet, war die Stadt im Laufe der Jahrhunderte immer schneller gewachsen, und als die Menschen im durch die Naturgewalten besonders gebeutelten Nordamerika vor Stürmen, Fluten, Tsunamis, Erdbeben und sintflutartigem Dauerregen flohen, trafen sie sich hier im Zentrum des Kontinents, der als einziger ihnen bekannter Ort von allen Naturkatastrophen verschont geblieben war.

Die Stadt wuchs dadurch noch weiter, und bald gab es ein massives Flüchtlingsproblem, das schließlich so gelöst wurde, wie es Menschen an unterschiedlichsten Orten der Welt in ihrer Geschichte schon so oft getan hatten: die Flüchtlinge bekamen eigene Ghettos vor der Stadt.

Doch damit nicht genug, ein Konsortium aus den wichtigsten Konzernen der Stadt – darunter Kema Industries und Al Jarni & Foster – beschlossen, die gesamte Stadt in den Grenzen vor der Ankunft der Flüchtlinge auf ein gigantisches Podest – Floß genannt – zu stellen, das wiederum durch unzählige gigantische Hovermodule mehrere hundert Meter in die Luft gehoben werden konnte. Dieses Floß wurde dann auf ein System an Pfeilern und Dämpfern gesetzt, sodass die Hovermodule im Normalfall nur die Stabilität unterstützen und nicht die ganze Stadt tragen mussten.

Zurück am Boden blieb ein gigantischer Krater, dort wo das alte Skull City einst stand, um den sich die unzähligen Kolonien und Lager der Flüchtlinge scharten. Skull City war noch immer der offizielle Name des gesamten Stadtgebiets, inklusive der Vororte am Boden, doch niemand gebrauchte ihn mehr – zumindest nicht in der Kolonie, in der Eva und Isaak die letzten zwei Jahre verbracht und auf ihre Genehmigung für ein Ticket hoch nach Fleet City gewartet hatten.

Dabei war es ihnen beiden nicht so schlecht ergangen. Evas medizinische Ausbildung hatte sie in ihrer Kolonie schnell zu einer gefragten Person gemacht, auch wenn es fast ein Jahr gedauert hatte, bis sie so gut Englisch sprechen konnte, dass sie Isaak nicht mehr als Übersetzer brauchte. Während in den europäischen Städten Deutsch und Französisch die vorherrschenden Sprachen geworden waren, kam Isaak noch aus einer Zeit, als es fast selbstverständlich war, Englisch zu sprechen.

Er selbst hatte einen Platz als Späher in der Miliz gefunden und sich alle Mühe gegeben, auch nur ein einfacher Späher zu bleiben. Während Eva ihre Rolle als Ärztin der kleinen Siedlung angenommen und sich eingelebt hatte, war Isaak stets darauf bedacht gewesen, sich nicht zu heimisch zu fühlen. Sie hatten von Anfang an auf ihre Fahrkarte hinauf nach Fleet City gewartet, und auch wenn es nun zwei Jahre gedauert hatte, sie waren nur zu Besuch in der Kolonie.

„Glaubst du, wir werden dort oben jemanden wiedertreffen?“, fragte Eva vorsichtig.

„Ich hoffe, wir finden Zervett“, entgegnete Isaak.

„Schon, aber ich meinte …“

„Ich weiß“, Isaak lächelte vage, was bei ihm nicht oft vorkam. „Solvejg war mit Sequana und den anderen unterwegs, ihre Überlebenschancen sind besser als unsere waren.“

„Ich habe keine Zweifel, dass sie lebt“, entgegnete Eva und registrierte nicht zum ersten Mal, dass er es vermied, Ninives Namen zu nennen. „Aber diese Welt ist groß, wie soll ich sie jemals wiederfinden?“

„Sobald wir in Fleet City sind, hören wir uns nach verdächtigen Dingen um und gehen denen nach.“

„Zum Beispiel ob irgendwo seltsame Typen mit Blitzen anstatt Augen aufgetaucht sind?“

„Ich entnehme deinem Sarkasmus, dass du keine bessere Idee hast, oder?“

Eva sparte sich die Antwort und umarmte ihn stattdessen ein weiteres Mal. „Wir fliegen nach Fleet City!“

„Richtig“, er fuhr ihr fest mit der Hand über den Rücken. „Das bedeutet, wir sollten unsere Sachen packen.“

„Was in deinem Fall nicht lange dauern dürfte“, bemerkte Eva mit einem Blick in Isaaks Ecke der kleinen Behausung, die nur aus einem einzigen Raum bestand. Das einzige, was hinter zwei Wänden und einer Tür abgetrennt lag, war eine Toilette. Alles andere inklusive der wenig luxuriösen Dusche, der schäbigen Küchenzeile und den beiden Betten war im selben Raum. Isaak hatte seinen großen Rucksack nie ganz ausgeräumt, während der Rest ihres kleinen Heims eindeutig Evas Handschrift trug.

„Trenn dich von unserem Zuhause“, entgegnete Isaak grinsend und begann sich die Kleidung auszuziehen. „Ich geh duschen, um bei unserer Ankunft nicht sofort nach Flüchtling auszusehen.“

„Warte, ich komme mit“, sagte Eva, „sonst reicht das warme Wasser wieder nicht. Packen kann ich danach, wir haben noch etwas Zeit, bis wir uns melden müssen.“

Obwohl die Zeit nicht drängte, verließen sie keine zwei Stunden später die Wohnung und machten sich auf den Weg zur Abflugstation der Fleet City Shuttles. Eva verschloss mit etwas Wehmut aber ohne echtes Bedauern die Tür zu ihrer Wohnung und schulterte ihre Tasche. Sie sah zu Isaak in seiner olivfarbenen Cargohose und dem dunklen Strickpullover, dessen Löcher nicht auf den ersten Blick zu erkennen waren, da er ein schwarzes Longsleeve darunter angezogen hatte. Und trotzdem sahen er und sie selbst in ihrer braunen Arbeiterhose und dem ramponierten, dunkelroten Mantel sofort nach Flüchtlingen oder Arbeitern aus der Kolonie aus, die sich besonders gründlich gewaschen hatten.

„Fein herausgeputzt für den großen Tag, was?“, war trotzdem die erste Reaktion, die ihnen der Vorsteher der Kolonie, Dominik van Hugsbrúck entgegenbrachte. Eigentlich war er nur der Besitzer eines Saloons in der Mitte der Ansiedlung, doch dank seines weitgefassten Kundenkreises, seiner Hinterzimmer, in denen nur wenige der hier unten geltenden Gesetze unverletzt blieben, und seines umtriebigen Geschäftssinn, der nur von seinem Gemeinschaftsgefühl übertroffen wurde, sah ihn jeder als den Chef dieser Kolonie.

„Man tut was man kann“, erwiderte Isaak. Er wusste, dass Dominik seine Floskeln liebte.

„Na dann wollen wir mal unsere Glückskinder zu denen da oben schicken, was?“ Er grinste breit und nahm den Schlüssel von Eva entgegen.

„Danke für alles Dominik“, sagte Eva und gab ihm die Hand.

„Die Kolonie sollte euch danken“, entgegnete van Hugsbrúck. „Wie viele Leben mehr hätten wir sonst gelassen ohne deine heilenden Hände. Oder Isaaks tödliche Hände“, er lachte. „Nein wirklich, der Junge hat mehr Ossfhang und Wolfen mit bloßen Händen getötet als der Rest der Miliz zusammen.“

„Blödsinn“, entgegnete Isaak knapp. „Trotzdem nett von dir, dass du persönlich zum Abschied gekommen bist.“

„Du unterschätzt mich, Isaak“, van Hugsbrúck deutete den Flur hinab und sie gingen zur Eingangstür der Wohnbaracke, in der ein junger Mann lehnte, der aussah, als wäre er gerade aus einem Western entsprungen. Cowboyhut, kariertes Bauwollhemd, Jeans mit Lederverstärkung zum Reiten, entsprechende Stiefel und unfassbar aggressiver Rasierwassergeruch.

„Das ist Jeremy Cassidy“, stellte van Hugsbrúck vor. „Er ist ein guter Freund von mir, der heute erst von einer längeren Reise durch die umliegenden Kolonien zurückgekommen ist. Er hat ebenfalls ein Ticket hoch zum Floß bekommen.“

„Howdy!“, grüßte Jeremy und rieb sich flüchtig durchs Gesicht, als würde der Staub der Prärie noch an ihm kleben.

„Willkommen an Bord“, entgegnete Eva und warf Isaak einen Seitenblick zu.

„Gibt es einen besonderen Grund, warum du uns bekannt machst, Dominik?“, fragte Isaak, bevor er Jeremy ebenfalls knapp grüßte.

„Grund? Wo denkst du hin?“, Dominik grinste. „Fleet City ist kein gemütlicher Ort, nicht so überschaubar und freundlich wie unsere Kolonie. Ein Freund mehr kann dort oben eine Hilfe sein.“

„Na dann“, Isaak öffnete die Tür und sie traten auf die Straße. „Gegen Hilfe habe ich nichts einzuwenden.“


03 | INAKTU

 

Das Wasser war kalt auf ihrer Haut. Etwas zu kalt vielleicht, doch nach tagelanger Reise ohne ausreichend fließendes Wasser kam der große, flache Waldsee mit dem schmalen Wasserfall, der ihn speiste, gerade Recht. Sie hatten es geschafft, vor dem ersten Wintereinbruch soweit nach Süden vorzudringen, dass sie auch jetzt noch Wasserläufe und Seen fanden, die nicht bereits zugefroren waren.

„Ich geh raus, bevor ich erfriere“, sagte Sasha und watete durch das Wasser in Richtung des Ufers.

„Frostbeule!“, rief ihr Sequana hinterher und ließ sich rückwärts fallen. Ninive sah sie im klaren Wasser untertauchen. Es waren einige fast ausgelassene Momente gewesen. Die Drei waren vom Lager der Solaris-Nomaden aus aufgebrochen um Feuerholz und Wasser zu suchen, und als sie den kleinen See schließlich gefunden hatten, der ruhig und unberührt im kalten Waldidyll lag, war eine von ihnen auf die Idee gekommen, ins Wasser zu springen und sich die Reise der letzten Tage vom Leib zu spülen.

Ninive fragte sich, ob es so auch gewesen war, als sie jung waren. Alle drei Klone waren im selben Forschungsprojekt entstanden und die ersten acht Jahre ihres Lebens aufgewachsen. Ihre Heimat war eine Parkvilla in Paris, an die sie und Sasha keine Erinnerungen hatten. Nur Sequana, die selbst dort gewesen war, hatte von einigen Erinnerungsfetzen erzählt, nach denen sie als Kinder zusammen einige unbeschwerte Jahre verbracht hatten, bevor das Forschungsprojekt ein jähes Ende fand.

Ninive wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sich Sequanas Arme unter Wasser um ihre Beine schlangen und diese unter ihr wegzogen. Sie ruderte mit den Armen in der Luft, doch sie hatte bereits das Gleichgewicht verloren. Mit einem lauten Platschen tauchte Ninive der Länge nach ins kalte Nass und strampelte sich prustend von Sequanas Griff frei.

„Ich kriege dich!“, rief Ninive Sequana zu, die nur wenige Meter vom Wasserfall entfernt wieder aufgetaucht war. Dann machte sie einen Satz vorwärts und sprang Sequana mit voller Wucht um, sodass beide erneut der Länge nach ins Wasser fielen. Sie rangen spielerisch miteinander, bis sie schließlich erschöpft und lachend voneinander abließen. Ein schriller Pfiff erklang und sie sahen hinüber zum Ufer. Sasha stand dort, bereits wieder angekleidet, wenn auch noch mit nassen Haaren, und neben ihr war Solvejg, die wild mit den Armen in ihre Richtung winkte.

„Was läuft denn bei denen?“, fragte Sequana.

„Vielleicht wollen sie mitmachen, aber das Wasser ist ihnen zu kalt?“ Ninive lachte noch immer ausgelassen, doch Sequanas Gesichtsausdruck verriet Anspannung.

„Ich glaube, die wollen, dass wir zu ihnen kommen. Vielleicht ist etwas passiert?“

Mit einem schnellen Blick zu den anderen Ufern des Sees, um sicherzugehen, dass dort nicht etwas lauerte, folgte Ninive Sequana mit schnellen Schritten zum Ufer. Ihre Haut fühlte sich durch die Kälte taub an und je näher sie dem Ufer kamen desto seichter wurde das Wasser und ließ sie den kalten Wind auf ihrer Haut spüren.

„Beeilt euch!“, rief Sasha ihnen zu, als sie in Hörweite waren. Es war unüberhörbar Besorgnis in ihrer Stimme.

„Das Lager wurde angegriffen!“, rief Solvejg dazwischen. „Es waren die Wolfen! Unzählige! Sie haben uns völlig überrannt!“

Sequana und Ninive wurden augenblicklich schneller und sprangen förmlich ans Ufer. Sasha warf ihnen ihre Tücher zu, mit denen sie sich hastig soweit abtrockneten, dass der schneidende Wind keine Eisschicht auf ihnen zurücklassen würde, dann schlüpften sie eilig in ihre Kleider und folgten Solvejg und Sasha zurück zum Lager.

Ninives Gedanken rasten, während sie durch den lichten Wald zurückliefen. Sie wusste, dass Solvejg nicht übertreiben würde. Das war ihr fast nicht möglich. Wenn sie so aufgeregt Hilfe suchte, dann musste es wirklich schlimm um den Stamm stehen. Und das würde ihre Reise weiter nach Süden aufhalten.

Natürlich dachte Ninive auch an die Menschen des Stamms, die in Gefahr waren oder von den Wolfen getötet wurden, doch Sequana hatte ihr in den letzten Jahren immer wieder den Sinn dafür geschärft, dass die Mission vor allem anderen zählte. Und so ertappte sich Ninive bei dem Gedanken, dass tote Mitglieder der Nomaden sie deutlich weniger aufhalten würden als Verletzte, die gepflegt werden mussten, denn auch Sequana würde diese nicht einfach sich selbst überlassen. Das hoffte Ninive zumindest.

Sie wurden langsamer, als sie sich dem Rand des Waldes näherten. Sie wussten nicht viel über die Wolfen. Sie kamen zweifellos aus den Korridoren, doch davon abgesehen wussten sie nur, dass sie etwa zwei Meter große menschenähnliche Wesen waren, deren Körper mit Ausnahme des Gesichts mit einem dichten, schwarzgrauen Fell bedeckt war. Ninive hatte erst einmal einige dieser Kreaturen gesehen, als sie nachts mit Sasha die Lagerwache übernommen hatte. Für sie sahen die Wolfen aus wie große, schlanke Bären mit Menschengesicht und angespitzten Zähnen.

Ninive bemerkte, dass die anderen drei, die nun neben ihr im Buschwerk kauerten, sie erwartungsvoll ansahen. Erst wollte sie zu einer Frage ansetzen, doch dann wurde ihr klar, was von ihr erwartet wurde. Sie konzentrierte das Sangre in ihrem Inneren und fokussierte es auf ihre Augen. Das gewohnte Rauschen des Bluts schwoll an und ihr Blick schoss vorwärts und streifte durch das Lager. Sie hatte gelernt, ihre Kraft besser zu dosieren, seitdem sie diese fast täglich einsetzte. Sie brauchte nicht viel Energie, um die Situation im kleinen Lager zu erfassen, und ließ das Sangre wieder ruhig in ihrem Inneren fließen, bevor ihr schwarz vor Augen wurde.

„Wie schlimm ist es?“, fragte Sequana.

„Schlimm“, entgegnete Ninive ruhig. „Die Zelte sind fast alle zerstört, viele Tote – tatsächlich habe ich keinen einzigen Überlebenden sehen können – aber die Boards scheinen unversehrt.“

„Keinen Überlebenden?“, Sequana sah zum Lager hinüber. „Bertrand…!“

Es war nur ein kurzer Augenblick, in dem Ninive erkannte, dass Sequana den kühlen Kopf verlor, doch er reichte, um sie am Handgelenk zu packen und festzuhalten, bevor sie losstürmen konnte.

„Mach keinen Scheiß!“, fuhr Ninive sie an. „Was ist, wenn die Wolfen noch in der Nähe sind?“

„Bertrand ist dort im Lager, und er kann sich mit seinem verletzten Rücken kaum wehren“, Sequana wollte ihren Arm zurückziehen, doch Ninive hielt ihn hart fest. „Jetzt lass mich los!“

„Du hast mir doch gesagt, es zählt nur die Mission, Sequana! Die Chance, dass du noch etwas für Bertrand tun kannst, ist winzig. Und selbst wenn, wird sie nicht bedeutend kleiner werden, wenn wir mit Bedacht vorgehen!“

„Bertrand ist ein Teil meiner Mission!“, fauchte Sequana zurück und stieß mit der freien Hand hart gegen Ninives Schulter, die jedoch eisern festhielt.

„Sei vernünft…“, begann Ninive, doch dann erkannte sie das schwache blaue Licht, das plötzlich Sequanas Haut überzog.

„Was hast du gemacht, Sasha!“, Ninive ließ Sequanas Handgelenk los, bevor das Licht auch sie erreichte.

„Sie hat nicht effizient gedacht. Du schon. Sie musste ruhig gestellt werden.“

„Bist du wahnsinnig? Wir stehen immer noch auf derselben Seite, du kannst doch nicht einfach …“, erneut wurde Ninive unterbrochen. Solvejg schnipste aufgeregt mit den Fingern.

„Da unten läuft jemand, der kein Wolfen ist“, teilte sie den anderen ruhig mit. „Euer Streit ist unlogisch, ich gehe zu ihm.“

Ninive sah Sasha an, dann folgte sie Solvejg wortlos. Hinter ihr hörte sie, wie Sasha Sequana offenbar freigelassen hatte und sie sich giftige Wortgefechte lieferten. Sie achtete nicht darauf, stattdessen schloss sie zu Solvejg auf und warf ihr ein dankbares Lächeln zu.

Die Gestalt, die Solvejg gesehen hatte, war einer der Nomaden aus ihrem Stamm. Ninive hatte mit ihm hin und wieder ein paar flüchtige Worte gewechselt, als nach einigen Monaten bei den Nomaden ihre Englischkenntnisse gut genug waren. Sein Name war Inaktu, ein eher schweigsamer Mann, den sie als Krieger schätzte, und mit dem sie sich vor einigen Wochen einige Nachtwachen geteilt hatte.

„Was ist geschehen, Inaktu?“, fragte sie schnell, als Solvejg keine Anstalten machte, das Gespräch zu eröffnen.

„Die Wolfen waren da, es müssen hunderte gewesen sein“, Inaktu war anzusehen, dass es ihm Mühe bereitete ruhig zu bleiben. „Ich war mit Amitain auf der Suche nach Beeren, als sie aus den Bergen kamen. Wir haben uns im Wald versteckt, gegen diese Horden hätten wir keine Chance gehabt, aber sie haben das ganze Lager zerstört … und wir konnten nur zusehen.“

„Du hast so deinen Sohn gerettet“, entgegnete Ninive und sah sich um. „Wo ist Amitain jetzt?“

„Er umrundet das Lager auf der anderen Seite um sicherzugehen, dass wir auf keine Wolfen mehr stoßen. Die sind plötzlich wie auf Kommando abgezogen, das war ungewöhnlich. Wir wollten nicht direkt ins Lager sondern aus sicherer Entfernung beobachten, ob sie wieder zurückkommen.“

„Dann geh und such ihn. Und dann kommt ihr zu uns ins Lager“, Ninive warf einen Blick über ihre Schulter zurück. Sequana war verschwunden, vermutlich war sie bereits dabei, Gallea zu suchen. Auch Sasha war nicht mehr zu sehen. „Solvejg, wir gehen jetzt ins Lager und verschaffen uns einen Überblick.“

Das Lager war in einem schlimmen Zustand. Die Zelte waren eingestürzt, die Planen zerrissen und unbrauchbar. Gerätschaften aus dem Hab und Gut der Nomaden lagen überall verstreut. Und dazwischen die Leichen der Stammesmitglieder. Ninive war darauf eingestellt gewesen, ein Blutbad vorzufinden, doch der Zustand der toten Körper, von den Bissen und Schlagwaffen der Wolfen zerfetzt, war deutlich schlimmer, als sie sich vorgestellt hatte.

Sie fanden Sequana und Sasha vor den Resten von Bertrands Zelt. Sasha gab ihnen ein Zeichen und sie hielten Abstand von Sequana, die vor den Überresten Bertrand Galleas kniete.

„Er sieht ziemlich übel aus“, Sasha deutete in die Richtung des toten Professors. „Seht ihn euch nicht an.“

„Wir haben zwei Überlebende gefunden, Inaktu und seinen Sohn“, berichtete Ninive, um sich von Sequana abzulenken. Der Tod Galleas bedrückte auch sie, und sie konnte Sequanas Trauer verstehen, doch gleichzeitig fühlte sie sich betrogen. Sequana hatte ihr in den letzten drei Jahren ihre eigene Trauer über den Verlust Isaaks ausgetrieben und sie so davor gerettet, darin zu versinken.

„Du hast gesagt, die Boards wären okay?“, fragte Sasha.

„Ich habe nur einen flüchtigen Blick drauf geworfen, aber sie sahen in Ordnung aus“, entgenete Ninive.

„Wir sollten sichergehen und nachsehen!“


04 | PHOENIX

 

Die Tür fiel hinter ihr zu und die Musik klang augenblicklich dumpf und distanziert. Lilian liebte Prokofieff, doch heute hielt sie es nicht länger im Konzertsaal aus. Es war nicht das Orchester, das ihr nicht ganz so lebhaft vorkam wie an anderen Tagen, es war auch nicht die Luft, die stickig wirkte und ihr das Atmen zu erschweren schien. Lilian trug den ganzen Tag nun schon Gedanken mit sich herum, von denen sie nicht wahrhaben wollte, dass diese existierten. Es war mittlerweile mehr als zehn Jahre her, dass sie und Seamus ein Paar gewesen waren, und sie hatten die Art von Freundschaft entwickelt, die jede Art ernsthafter Liebesbeziehung für immer ausschloss. Und trotzdem hatte es ihr Probleme bereitet, als sie an diesem Morgen Seamus mit einer anderen Frau beim Sex überrascht hatte.

Vielleicht kam erschwerend hinzu, dass Lilian mittlerweile seine Vorgesetzte war, und er mit dieser Frau den Bereitschaftsraum entweiht hatte, was streng genommen in ihren Verantwortungsbereich fiel. Doch Lilian wusste, dass es damit eigentlich nichts zu tun hatte. Sie war im Rang eines Captains bei der Black Phoenix Sondereinheit, eine Art Geheimdienst, der die Vorkommnisse im Zusammenhang mit den Korridoren in Fleet City untersuchte. Lilian hatte ihr eigenes Team, und jedes Team war eine weitgehend selbstständige Einheit mit eigenem Quartier, das der vollen Gewalt des jeweiligen Captains unterstand.

Am anderen Ende des großen Foyers lag das Prelude, eine Cocktailbar, die von den Gästen der Philharmonie und des angrenzenden Theaters nach den Konzerten und Aufführungen gerne besucht wurde. Doch jetzt war sie noch fast leer. Gedämpftes Licht und leise Elektromusik füllten den hohen Raum und gaben Lilian das Gefühl, wieder frei atmen zu können.

"Miss Réval, Sie haben freie Platzwahl", begrüßte sie Rob. Er war der Barkeeper und Leiter der Bar, und kannte den größten Teil seiner Stammkundschaft. Dennoch bildete sich Lilian gerne ein, dass er sie besonders mochte, da sie sich von dem sonstigen Publikum auf Ebene 2 der Pyramide abhob, auch wenn sie mittlerweile öfter Abendgarderobe trug als früher.

Lilian entschied sich für einen Tisch im äußeren Teil der Cocktailbar. Die große gläserne Außenhaut der Pyramide war geöffnet und die kühle Nachtluft kämpfte gegen die Warmfront der Heizpilze zwischen den Tischen. Die Pyramide erhob sich unweit des Zentrums von Fleet City. Auf dem Gelände eines ehemaligen Industriegebiets, war um 2020 ein gigantisches Konstrukt entstanden, das neuen Wohn- und Arbeitsraum auf mehreren Ebenen schaffte. Das Pyramidenartige Bauwerk, das fast zwei Jahrzehnte zur endgültigen Fertigstellung gebraucht hatte, war ein eigenes Ökosystem, das unabhängig vom sonstigen Fleet City um sich herum auskommen konnte. Und abgesehen davon, dass auf einigen Ebenen der Pyramide die Verwaltungs- und Sicherheitsorgane der Stadt saßen, existierten Pyramide und Stadt wie zwei parallele Welten.

Lilian hatte als Führungsperson des Black Phoenix eine Wohnung auf Ebene 2 der Pyramide, doch zusätzlich hatte sie sich eine Loftwohnung in einem ehemaligen Industriegebäude unten in der Stadt gekauft, in die sie immer dann umzog, wenn sie für einige Tage nicht im Dienst war. Die ihr völlig weltfremd erscheinende High Society von Ebene 2 war nicht die Art von Gesellschaft, mit der sie sich gerne umgab. Dazu kam, dass außer ihr nur noch Seamus bei Black Phoenix arbeitete. Ihre anderen Gefährten, mit denen sie vor drei Jahren Fleet City durch die Korridore erreicht hatte, lebten nicht in der Pyramide. In dem alten Industriegebäude in dessen zweitem Stockwerk sich Lilians Loft befand, belegte die restlichen Etagen ihr gemeinsames Hauptquartier. Denn auch wenn sie unterschiedliche Wege gingen, ihr gemeinsames Ziel war noch immer das Finden von Aarick Zervett und des Ursprungs des Sangres.

Einige Minuten später brachte ihr Rob eine Flasche Bier an ihren Tisch. Es galt als nicht besonders stilvoll Bier zu trinken, schon gar nicht in einer Cocktailbar. Das Bier, das in Fleet City serviert wurde, war nicht besonders gut. Lilian dachte an das Bier in Paris und seufzte. Und dennoch bestellte sie es immer wieder. Es war ihr Anker zu ihrem Selbst, das sich ansonsten auf Ebene 2 sehr leicht vergessen ließ.

Lilian stand auf, ließ das Bierglas und ihre Handtasche auf dem Tisch zurück und stellte sich mit der Flasche an den Rand der breiten Brüstung, von der aus sie das tief unter ihr liegende Fleet City beobachten konnte. Der große Universitätskomplex am Fuße der Pyramide zwischen Henry-Ford- und Lincoln-Street war von ihrem Blickwinkel aus nicht zu erkennen, doch etwas weiter südlich zog sich die Ivory Lane lichterreich von West nach Ost, verband die weitläufigen Parks um das Nationalmuseum und den Dainbrick District mit seinen Wolkenkratzern über die Ivory Cross, das historische Zentrum der Stadt, bis zum Regierungsbezirk am Rande des Door Parks, der Downtown Fleet City im Westen begrenzte. Südlich der Ivory Lane schloss sich dann das geschäftige Herz der Stadt an, die großen Konzernanlagen, der ehemalige Hafen und die alten Docklands zu beiden Seiten des 250 Jahre alten Kanals, der einst, als die Stadt noch als Skull City komplett auf Höhe des Erdbodens lag, die wichtigste Handelsverbindung nach Osten gewesen war.

Lilian kam die Stadt außerhalb der Pyramide von ihrem Beobachtungsposten bereits meilenweit entfernt und unwirklich vor, wie musste es dann erst sein, zum Erdboden zurückzukehren? Sie hatte Fleet City seit ihrer Ankunft nicht einmal verlassen. Es war nicht notwendig gewesen, denn es schien keine Welt außerhalb des Floßes zu geben, auf dem die Stadt lag. Außerdem hatte sie Angst, was passieren könnte, wenn sie die Stadt verließ.

Als Lilian, Rasmus, Seamus, Ilyena und Lumière vor drei Jahren Zervett und seinen Children of Chou durch die Korridore gefolgt waren, landeten sie im Keller des Gebäudes, das heute als ihr Quartier diente. Überrascht stellten sie fest, dass sie jedoch nicht als Gäste nach Fleet City gekommen waren, sondern als existierende Einwohner der Stadt. Das Gebäude war bereits auf Lilian als Besitzerin eingetragen, und sie arbeitete auch bereits als Agentin bei Black Phoenix. Keiner von ihnen wusste damals, wie das sein konnte. Rasmus stellte die Theorie auf, dass sie durch die Korridore nicht nur einen anderen Teil der Erde erreicht hatten, sondern auch eine Art paralleles Universum, in dem sie nun eine andere Version von sich einnahmen. Lilian hielt wenig von dieser Theorie, doch solange sie keine bessere hatte, überließ sie Rasmus die Interpretation ihrer Lage. Es war immer noch besser eine unwahrscheinliche Erklärung zu haben als gar keine.

Lilian nahm einen großen Schluck aus der Flasche, erst dann hörte sie das Vibrieren in ihrer Handtasche. Hastig wandte sie sich von der Stadt ab und kramte nach ihrem Comdevice. Ein Alarmcode leuchtete auf dem Display auf, versehen mit einer schwarzen Kennzeichnung. Es war ein interner Alarm der Black Phoenix. Und es war dringend.

Seufzend stellte sie das Bier nach einem letzten Schluck auf den Tisch, schlüpfte aus ihren unbequemen Pumps und steckte sie in ihre Handtasche, bevor sie barfuß die Bar und das Foyer der Philharmonie durchquerte und über den großen Fidelity Plaza in Richtung ihres Appartements eilte.

Als sie keine Viertelstunde später in schwarzer Einsatzkleidung die Zentrale von Black Phoenix auf Ebene 3 betrat, wurde sie bereits von der wachhabenden Agentin in Empfang genommen.

„Was liegt an?“, fragte Lilian knapp.

„Einbruch in die Asservatenkammer, Captain“, berichtete die Agentin.

„Was denn, in unsere Asservatenkammer?“

„Korrekt, Ma’am. Wir konnten die Einbrecherin festnehmen. Es lief ohne Komplikationen ab.“

„Da passt doch was nicht zusammen“, murmelte Lilian zu sich selbst. Niemand konnte so dumm sein, in die Zentrale des Black Phoenix einzubrechen. Und wenn es doch jemand versucht hatte, war es wenig wahrscheinlich, dass sich diese Person einfach so festnehmen ließ.

„Die Einbrecherin sitzt in Verhörraum 3“, ergänzte die Agentin.

„Okay. Danke. Ich werde mich mit ihr unterhalten, gehen Sie zurück auf den Bereitschaftsposten.“

Lilian eilte den Gang zu den Verhörräumen hinab. Ihre Neugier trieb sie an. Sie öffnete die Tür und trat in den Raum, in dem ein Verhörsessel stand, an den die Delinquentin gefesselt war. Lilian sah sie entgeistert an, dann schloss sie die Tür des Raums von innen ab und gab über ihr Comdevice den Befehl, die Überwachungsgeräte für den Raum abzuschalten.

„Hi Lil! Hübsch habt ihr es hier oben!“ Die Gefangene lachte.

„Ilyena, was machst du hier? Bist du wahnsinnig?“ Lilian schüttelt den Kopf und öffnete über eine kleine Konsole an der Seite des Verhörsessels Ilyenas Fesseln. „Gibt es keinen besseren Weg mit mir Kontakt aufzunehmen?“

„Du glaubst, ich war in eurer kleinen Schatzkammer, um deine Aufmerksamkeit zu haben? Hältst du mich für so einfallslos, mein Schatz?“

„Was soll der Auftritt?“, fragte Lilian knapp.

„Es befand sich etwas in der Asservatenkammer, das für uns von großem Interesse sein dürfte. Ich habe mich heute Nachmittag mit meinem Informanten aus dem Watchtower unterhalten. Er hat mir verraten, wo der Chip geblieben ist, auf den Zervett seine Daten gespeichert hatte.“

„In unserer Asservatenkammer? Aber wieso?“

„Er hat ihn einem seiner Agenten anvertraut, einem gewissen Seth Warren. Der ist aber dummerweise beim volltrunkenen Randalieren nach einer High-Society-Party von der District Police aufgegriffen worden und alle verdächtigen Gegenstände wurden beschlagnahmt.“

„Schön und gut, die District Police konfisziert in solchen Fällen alle Gegenstände, aber spätestens am nächsten Tag hätte er diese zurückbekommen müssen.“

„Das ist korrekt, aber der Chip war nicht mehr bei der District Police. Jemand beim Black Phoenix hat diesen beschlagnahmt.“

„Aus welchem Grund?“

„Das herauszufinden überlasse ich dir, Lil“, Ilyena rieb sich die Handgelenke, „aber ich würde mal bei deinem Freund Joseph anklopfen, wenn ich du wäre.“

„Bei Jo?“ Lilian biss sich auf die Unterlippe. Captain Joseph Martin war in den ersten zwei Jahren beim Black Phoenix ihr Mentor gewesen. Er führte ein Black Phoenix Team, das sich Guardians nannte. „Um den kümmere ich mich später.“

Die Guardians waren auf die Beobachtung aller Vorgänge mit Bezug auf die Korridore spezialisiert, daher hatte Jo ein reges Interesse daran, Lilian in sein Team aufzunehmen. Aarick Zervett hatte nach seiner Ankunft seinen Platz in den Reihen einer Vereinigung von Größen der Wirtschaft gefunden, die sich in Anlehnung an alte Freimaurer-Traditionen nur Die Loge nannte. Und genau diese war der erklärte Feind der Guardians.

„Das bedeutet, wir haben jetzt Zervetts Daten?“ Lilians Puls ging schneller. Es war das erste Mal seit Monaten, dass ein Erfolg bei der Suche nach den Children of Chou in Aussicht stand.

„Wir hätten sie, wenn der Chip noch dort gewesen wäre. Dummerweise war er nicht auffindbar, aber in eurem Register ist er noch verzeichnet.“

„Du meinst, irgendjemand hat ihn vor dir gestohlen? Das kann dann nur ein Insider gewesen sein.“

„Ich weiß nur, dass er nicht mehr da ist. Ich schlage vor, wir rufen bei nächster Gelegenheit das Team zusammen.“

„Sag den anderen Bescheid, übermorgen kann ich runter kommen.“

„Gut, ich muss nur noch hier raus, aber da kannst du sicher etwas drehen, oder?“

„Ich riskiere damit meinen Job, Ilyena“, knurrte Lilian.

„Ja, aber du riskierst ihn für mich“, Ilyena zwinkerte ihr verführerisch zu. Lilian schnaubte verächtlich.

„Bilde dir bloß nichts Falsches ein!“, sagte sie. „Ich lasse die Überwachung deaktiviert und lösche die Einträge deiner Festnahme. Aber du musst schnell abhauen, bevor die Wachablösung kommt.“

„Wird gemacht“, Ilyena sah, dass Lilian aufstand und zur Tür ging. „Ach Lil ... warte, ich habe noch etwas für dich.“ Lilian kramte einen kleinen Protokollchip aus ihrer Tasche und reichte ihn Lilian.

„Was ist das?“

„Die Logs der Dockstationen für die Shuttles aus den Kolonien hoch zum Floß.“

„Äh ... ja und?“

„Mir sind zwei Namen aufgefallen, die gestern ihre Bewilligung erhalten haben. Eva Aden und Isaak Aaronsson, falls dir das noch etwas sagt?“


05 | SOUTHWARK

 

„Unsere Wohnung unten in den Kolonien war ein Traum gegen das hier!“, murrte Eva und warf ihr spärliches Hab und Gut auf die harte Pritsche in der Ecke des kahlen Raums.

„Wir sind ja nur für ein paar Tage hier, bis wir die Freigabe für eine Anstellung und eine richtige Wohnung haben, Eva“, sagte Isaak beschwichtigend und trat testweise gegen die zweite Pritsche im Raum, die gefährlich ächzte.

Isaak hatte sich im Gegensatz zu seiner Begleiterin die anfängliche Euphorie noch erhalten, die sie bereits ergriffen hatte, als die Shuttlecars vom Militärflugfeld der Western Colonies abhoben und in einem weiten Bogen südwärts zum Floß aufstiegen. Und als sie über den südlichen Rand des gigantischen Konstrukts, auf dem die Metropole thronte, aufstiegen, war die Skyline Fleet Cities ein überwältigender Anblick und mit nichts zu vergleichen, dass sie beide je zuvor gesehen hatten. Nur Jeremy schien nicht besonders beeindruckt.

„Du warst zuvor schon auf dem Floß?“, hatte Isaak ihn gefragt.

„Fast mein ganzes Leben“, hatte dieser entgegnet, „bis auf die letzten Jahre.“

Nach der Landung war es dann jedoch vorerst vorbei mit den überwältigenden Eindrücken der Stadt. Sie landeten auf einem abgelegenen Nebenflugfeld des großen Airports und wurden über lange Rollbänder und Brücken in das angrenzende Stadtviertel Southwark gebracht, in dem sich die Unterkünfte der Neuankömmlinge in guter Nachbarschaft zu Quarantänestationen und Gefangenenlagern befanden. Die alten Häuser des Viertels, die in den siebziger oder achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts erbaut worden sein mussten, waren heruntergekommen und ohne architektonische Sorgfalt geflickt worden, wo immer der Verfall die Sicherheit der Bewohner zu stark bedrohte.

„Wie viele Nächte wir hier wohl bleiben müssen?“ Eva sah aus dem kleinen Fenster des Raums, das zu einem belebten Hinterhof führte.

„Eine Woche oder zwei. Das soll der Regelfall sein“, entgegnete Isaak, „aber ich habe Hoffnung, dass wir nicht so lange warten müssen. Du bist Ärztin und ich habe Sangre-Fähigkeiten. Das sollte uns helfen.“

„Hältst du es für eine gute Idee, mit dem Sangre hausieren zu gehen?“, fragte Eva vorsichtig.

„So lange es dem Zweck dienlich ist. Nach allem was ich gehört und gesehen habe geht man hier sehr viel offener mit der Sangre-Energie um als in Paris und selbst in Hamburg.“

„Das ist mir auch aufgefallen. Hast du die vielen Wagen gesehen, die in den Straßen unterwegs waren?“

„Ja, es scheint so, als haben sie hier das Sangre als willkommene Entschädigung dafür gesehen, dass herkömmliche Energieflüsse wie elektrischer Strom oder ähnliches nicht mehr so funktioniert wie vor hundert Jahren.“

„Also ist diese Stadt so, wie es die Welt war, aus der du kommst?“

„Nicht ganz“, Isaak lachte, als er an die Metropolen zur Zeit des letzten Millenniums dachte. „Unsere damaligen Städte schwebten nicht auf gigantischen Flößen in der Luft, um nur damit anzufangen.“ Er trat neben sie ans Fenster und betrachtete ebenfalls das Treiben im Hof. Menschen aller Art hatten sich dort versammelt, Kinder spielten, ganze Familien saßen zusammen, tauschten ihre Geschichten aus, befeuerten große Grillschalen in der Mitte des Hofs, auf denen große Lagen an Gemüse, Pilzen und vereinzelt sogar Fleischstücke schmorten. Es war ein buntes Durcheinander im pflanzenlosen Betongrau.

Isaak dachte an eine Zeit zurück, die über einhundert Jahre in der Vergangenheit lag, die aufgrund der vielen Jahre im Kälteschlaf für ihn aber noch greifbar schien. Er dachte an die Tage in den Parks seiner Münchner Heimat, die Kreuzberger Sommer während seiner Studienjahre in Berlin – damals, als die Stadt noch existierte – und schließlich die Nächte in Williamsburg, als er vergeblich versucht hatte, als Musiker auf der anderen Seite des Atlantiks Fuß zu fassen.

„Vielleicht ist dieser Ort aber näher an dem Leben, das ich einst hatte, als es jeder andere Ort ist, der auf dieser Erde noch existiert“, fügte Isaak nach langer Pause hinzu.

„Du vermisst dein früheres Leben, oder?“, fragte Eva behutsam.

„Nein. Eigentlich nicht. Ich vermisse das, was ich aus meinem damaligen Leben hätte machen wollen“, Isaak seufzte leise, „aber ich habe es nicht gemacht. Wenn du denkst, dir steht die ganze Welt offen, und alle Möglichkeiten dieser Erde liegen vor dir, dann neigt man dazu, die Chancen, die sich bieten, nicht beim Schopf zu packen und sich stattdessen damit zu begnügen, dass morgen auch noch ein Tag ist, an dem man sich um Zukunftspläne Gedanken machen kann. So lebt man in den Tag hinein und stellt irgendwann fest, dass einem die Zeit wegläuft.“

„Was bedeutet das?“ Eva sah ihn vorsichtig an. Sie hatten trotz drei Jahre gemeinsamer Flucht selten über seine Vergangenheit gesprochen. „Denkst du, du hast durch alles was passiert ist eine zweite Chance bekommen?“

„So kann man das sicher sehen. Es war in jedem Fall ein Weckruf. Hier in dieser Welt muss ich mir all die Dinge erkämpfen, die damals selbstverständlich gewesen sind. Damals habe ich so sehr den Gedanken gehabt etwas Bedeutendes zu leisten, dass ich gezögert und auf die eine richtige Gelegenheit gewartet habe. Jetzt versuche ich jeden Tag so zu handeln, dass ich ein Stück weiterkomme, ohne darüber nachzudenken, was andere darüber denken oder ob ich wahrgenommen werden.“

„Du hast einen immensen Einfluss darauf gehabt, dass Ninive die Wahrheit über ihre Vergangenheit und über sich selbst erfahren hat, Isaak.“

„Ich hoffe nur, dass sie das auch als Gewinn für ihr Leben sieht.“

„Das tut sie“, sagte Eva bestimmt. „Und nicht nur sie. Denk an deine Begleiter … Lilian und die anderen. Ich habe sie nur einmal getroffen, doch in jedem Gespräch über die Mission und die bevorstehenden Aufgaben schwang dein Name mit.“

„Und dennoch … wenn man mich fragt, welche Momente in meinem Leben diejenigen waren, in denen ich das Gefühl hatte, andere Menschen zu inspirieren, dann denke ich an die Abende auf den Wiesen am East River oder in Brooklyns Kneipen. Ich, ein paar Leute, ein paar Zuhörer und unsere Musik. Das war für mich der Höhepunkt meines Lebens.“

„Und jetzt sollst du die Welt vor dem Sangre retten?“, Eva lächelte und legte ihren Kopf an seine Schulter. „Die Welt ist unfair, hm?“

„Jaja, ist ja gut, ich hör schon auf mich in eine Sinnkrise reinzusteigern. Aber Erinnerungen sind eine gemeine Sache!“

„Weißt du“, Eva gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Hintern, „auf dem Weg hierher sind wir an einer Art Markt vorbeigekommen. Ziemlich chaotische Angelegenheit. Aber da waren Straßenmusiker. Vielleicht solltest du mit denen sprechen? Oder ihnen zuhören? Wir können jetzt nicht viel mehr tun als warten.“

„Das, meine Liebe“, entgegnete Isaak plötzlich wieder unternehmungslustig, „ist eine ausgezeichnete Idee! Kommst du mit?“

„Frag Jeremy“, sagte Eva und begann in ihrem Gepäck zu kramen, „ich werde nach den Duschen suchen und mich ausruhen. Diese Fliegerei hat mir Kopfschmerzen gemacht.“

Isaak fand Jeremy in seinem Zimmer ein Stockwerk tiefer. Er teilte sich die Unterkunft mit einer älteren Frau, die von der Anreise jedoch so erschöpft war, dass sie seit Jeremys Ankunft dort geschlafen hatte, ohne dass er bislang ein Wort mit ihr hätte wechseln können.

„Bist du sicher, dass sie noch lebt?“, fragte Isaak scherzhaft, als sie das Haus verließen und die Straße hinunter zum Markt gingen.

„Alle paar Minuten jault sie im Schlaf auf“, sagte Jeremy und verdrehte die Augen, „das werte ich als eindeutiges Zeichen.“

„Ich wunder mich, dass so viele Menschen hier in den Unterkünften sind. Das Floß mag zwar gigantisch groß sein, aber irgendwann ist kein Platz mehr für all diese Flüchtlinge.“

„Ja, das behaupten die Führer dieser Stadt auch. Die Wahrheit ist, dass immer noch große Gebiete auf dem Floß ungenutzt und nicht bewohnt sind. Weite Teile der ehemaligen Industriegebiete zum Beispiel. Es wäre also genug Platz für viele, viele Bewohner der Colonies. Dennoch werden die meisten der Ankömmlinge nach einigen Wochen wieder zurück in die Bodenkolonien geschickt, wenn sie sich hier oben nicht als wertvolle Stütze der Gesellschaft erweisen.“

„Das klingt nach einem sehr utopischen Gesellschaftsansatz“, bemerkte Isaak.

„Eben deshalb ist das auch nur die Theorie. Abgesehen davon, dass ich diesem doch eher darwinistischen Ansatz nicht viel abgewinnen kann, ist die Wahrheit, dass es vor allem denjenigen gelingt, hier oben Fuß zu fassen, die Kontakte haben. Oder aber die richtigen Leute bestechen können. Für alle anderen heißt es: hoffen, dass sie Glück haben.“

„Ich dachte, die Fahrkarte hoch auf das Floß wäre bereits das Auswahlverfahren.“

„Nun, es eröffnet zumindest Möglichkeiten“, sagte Jeremy mit einem Grinsen.

Isaak zog die Brauen hoch und ließ sich dann von dem Markt ablenken, der nun direkt vor ihnen lag. Es war ein großer, dreckiger aber vor allem lebhafter Platz mit unzähligen Marktständen, Straßenhändlern, die ihre Ware auf einfachen Decken ausbreiteten und dazwischen immer wieder Straßenkünstler, Musiker und Gassenprediger.

„Du scheinst dich sehr mit dem Schicksal der Koloniebewohner und Flüchtlinge zu beschäftigen“, nahm Isaak dann das Gespräch wieder auf.

„Du fragst dich, ob ich so was wie ein politischer Aktivist bin?“, vermutete Jeremy treffsicher. „Ja, ich bin der Kopf einer Organisation hier in Fleet City, die versucht, den Menschen zu helfen. Und als solcher bin ich auch für vier Jahre vom Floß verbannt worden. Deshalb war ich unten in den Kolonien. Aber schließlich habe ich doch die Bewilligung erhalten, wieder zurückzukehren.“

„Dann war es diese Art von Hilfe, die Dominik meinte, als er uns zusammen auf den Weg schickte?“

„Sowas in der Art“, entgegnete Jeremy. „Auf jeden Fall werde ich schon dafür sorgen, dass ihr beide nicht wieder zurück müsst, wenn ihr hier nicht alleine Fuß fasst.“

„Das weiß ich zu schätzen“, sagte Isaak, als sie sich durch die belebte Hauptgasse der Marktstände schlängelten, „ich habe aber Hoffnung, dass wir es auch so schaffen und du deine Hilfe anderen anbieten kannst.“

Isaak sah zu einem der Stände ein Stück rechts von ihnen, der alte gebrauchte Musikinstrumente verkaufte.

„Ich werde mich mal etwas dort drüben umsehen. Wir treffen uns später in der Unterkunft wieder, Jeremy?“

„Klar, ich habe auch noch ein paar Erledigungen zu machen.“

„Ach, Jeremy“, Isaak drehte sich nochmal zu dem anderen Mann um, „wie heißt die Organisation, für die du arbeitest?“

„Offiziell gibt es diese Organisation nicht mehr. Man hat uns als terroristische Vereinigung verboten … aber inoffiziell nennen wir uns noch immer Der Schwarze Turm.“


06 | INTEL

 

Treffen wie diese waren selten geworden in den letzten Monaten. Seamus bedauerte das. Er dachte gerne an die Zeit zurück, als er mit Isaak, Lilian, Ilyena und ihrem damaligen Gefährten Martin wochenlang auf gemeinsamen Missionen war. Sicher, diese Nähe konnte ihre Beziehungen auch hin und wieder sehr strapazieren, aber er zog eine eingeschworene Gemeinschaft mit ihren Problemen und Tücken jederzeit einem Leben vor, das mittlerweile fast etwas zu bürgerlich anmutete. Als Mitglied des Black Phoenix hatte er ein neues Team und neue Kammeraden gefunden, mit denen er auch nach Dienstschluss viel Zeit verbrachte. Doch seine alten Mitstreiter wieder zusammen in einem Raum zu sehen, ließ ihn wehmütig werden.

Natürlich waren nicht alle versammelt. Er dachte an Isaak, den sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatten. Und auch Ninive, die einige Zeit in der Geisterstadt von Camaret und später auf der Reise nordwärts nach Hamburg ihre Begleiterin gewesen war, hatte er soweit als Teil ihres Teams gesehen, dass ihm ihre Abwesenheit nun einmal mehr schmerzhaft bewusst wurde.

Er angelte einige Flaschen Billigbier aus dem kleinen Kühlschrank unter dem Tresen in einer Ecke der umgebauten Lagerhalle, die jetzt ihr Hautquartier war, und ging zu dem großen, geschwungenen Versammlungstisch hinüber, den Rasmus in irgendeinem Hinterhofladen von einem Antiquitätenhändler in Chapel Shire gekauft hatte. Er stellte die Flaschen auf den Tisch und schob sie dann mit Schwung zu den drei Personen hinüber, die bereits am Tisch saßen.

„Das zerkratzt die Holzoberfläche“, bemerkte Rasmus protestierend und wischte mit dem Ärmel über die kaum sichtbare Spur, die die Flasche gezogen hatte.

„Es ist nur ein Tisch, Rasmus“, sagte Ilyena, lehnte sich im Stuhl zurück und schwang ihre nackten Füße auf die Tischplatte.

„Das ist ein Designerstück!“, empörte sich Rasmus, „das Glas zerkratzt das Holz.“

„Er hat aber nichts gegen deine hübschen Füße gesagt“, Seamus grinste, als er sich auf die andere Tischseite neben Lumière setzte. Ilyena winkte ihm mit ihren Zehen zu und streckte ihm die Zunge raus. Sie war ihm mit jedem Tag, den sie in Fleet City verbrachten, sympathischer geworden. Seamus hatte der anfangs sehr verschlossenen und undurchschaubaren Ilyena nur sehr schwer vertrauen können, als sie ihre ersten Begegnungen hatten. Sie war eine Hexe, eine unkontrollierte Somatonikerin mit Sangre-Fähigkeiten, über die sie nicht gerne und nur sehr wenig sprach. Und sie stammte aus den Reihen des Schwarzen Turms, einer Organisation, die in Europa als gefährliche Terroristen bekannt waren. Doch mittlerweile liebte er Ilyena. Als Freundin.

„Wo bleibt Lil?“, fragte Ilyena in den Raum hinein.

„War sie schon einmal pünktlich zu unseren Treffen?“, brummte Lumière.

„Sie hat einen wichtigen, beanspruchenden Job“, warf Rasmus ein, woraufhin Lumière abfällig schnaubte, was ihm wiederum einen bösen Blick von Ilyena einbrachte. Die Dynamik ihrer kleinen Gruppe hatte sich seit einiger Zeit nicht sehr verändert, dachte Seamus bei sich. Dass Rasmus Lilian bei jeder Gelegenheit verteidigte, weil er ganz offensichtlich in Lilian nicht nur eine Anführerin sah, war Seamus schon früh aufgefallen. Nur beschränkte sich Rasmus darauf, das Wort für Lilian nur dann zu ergreifen, wenn sie nicht da war. So wie Seamus ihn einschätzte, spielten dabei drei Dinge eine Rolle: Erstens war Rasmus sehr darauf bedacht, nicht den Anschein zu erwecken er wolle sie bevormunden. Und in der Tat konnte sich Lilian selbst sehr gut verteidigen, so dass zweitens ein Parteiergreifen für sie in ihrer Gegenwart nicht notwendig war. Und drittens war Rasmus ein Feigling. Das beschränkte sich natürlich nur auf seine Gefühle für Lilian. Ansonsten hatte Seamus Hochachtung davor, dass Rasmus auch die heikleren Tage ihrer gemeinsamen Mission, die sie schließlich nach Fleet City geführt hatte, ohne Schwäche zu zeigen überstanden hatte – und das ohne jede Ausbildung, die ihn dazu befähigte. Rasmus war davor Dozent an einem Pariser Wissenschaftsinstitut gewesen, und auch jetzt in Fleet City hatte er wieder eine akademische Stelle angenommen.

„Hi alle“, Lilian erschien in der Tür am oberen Ende der Treppe, die von dem Hauptquartier in das darüber liegende Loft führte, in dem sie wohnte, wenn sie nicht im Dauereinsatz in der Pyramide war. „Sorry für die Verspätung.“

„Wir haben das Bier schon mal geöffnet“, sagte Seamus zur Begrüßung. Er betrachtete Lilian, als sie die Treppe herunterkam. Sie hatte offensichtlich kurz zuvor geduscht. Ihre vollen, dunklen Haare waren noch nicht richtig trocken unter dem Tuch, mit dem sie diese wie üblich zurückgebunden hatte, und sie trug eine zu weite, löchrige Cargohose und einen ebenso weiten und löchrigen Strickpullover, unter dem ihr schwarzer BH hindurchschimmerte. Ein eindeutiges Zeichen, dass sie ihren Dienst beendet und den Titel Captain für den Rest des Tages abgelegt hatte.

„Danke“, sagte sie schlicht, als ihr Seamus eine Flasche reichte. Sie nahm einen großen Schluck, ließ sich aber nicht die Zeit sich zu setzen. „Wir haben Neuigkeiten, Leute. Dank Ilyena, muss ich hinzufügen.“

Ilyena wedelte begeistert mit ihren Füßen.

„Ich fange mit dem Wichtigsten an: Isaak ist in Fleet City.“

Seamus verschluckte sich fast an seinem Bier, und auch die anderen – Ilyena ausgenommen – sahen überrascht auf.

„Hast du ihn getroffen?“, fragte Seamus.

„Nein. Aber Ilyena hat die Logs der Kolonieshuttles abgefangen und seinen und Evas Namen entdeckt. Und ich habe mir das heute offiziell bestätigen lassen.“

„Seinen und Evas Namen?“, fragte Lumière, „das bedeutet, sie sind alleine?“

„So sieht es aus“, Lilian nickte, „und das ist auch der einzige Punkt, der mir dabei Sorgen macht. Die Namen von den Klonen sind nicht mit auf der Liste. Und wenn Ninive nicht bei Isaak ist, dann muss etwas passiert sein.“

„Eva wäre noch weniger freiwillig ohne Solvejg gereist“, warf Rasmus ein, „bei Isaak und Ninive könnte auch ein Plan dahinterstecken.“

„Wie dem auch sei, sie sind in Southwark. Und mir sind zwei bekannte Gesichter lieber als gar keins“, fuhr Lilian fort. „Ich werde dafür sorgen, dass wir die beiden bald wieder bei uns haben.“

„Darauf trinke ich“, murmelte Seamus und nahm sein Bier zur Hand.

„Außerdem hat Ilyena die Spur zu dem Intelchip weiterverfolgen können, den Zervett mit den Daten zum Sangre bespielt hat“, wechselte Lilian direkt zum nächsten Thema.

„Leider war die Spur schon kalt“, sagte Ilyena und nahm die Füße vom Tisch, „jemand beim Phoenix hat den Chip sichergestellt, als ihn Zervetts Agent Seth Warren an die District Police verloren hatte.“

„Er hat Zervetts Chip an die Polizei verloren?“, fragte Lumière verwundert.

„Ja, der Depp!“, Ilyena deutete eine Trinkbewegung an. „Wenn ich mich volllaufen lasse und das Mobiliar zerlege, sollte ich darauf achten, keine wertvollen Gegenstände dabei zu haben.“

Alle lachten.

„Dennoch … der Chip ist in die Asservatenkammer vom Phoenix eingetragen worden, allerdings war er dort nicht mehr“, schloss Ilyena schmollend.

„Aber ich weiß mittlerweile noch etwas mehr darüber“, nahm Lilian den Faden wieder auf. „Ich habe mich heute mit Jo getroffen.“

„Das erklärt, warum du vor unserem Treffen noch unbedingt duschen musstest, Lil“, warf Ilyena dazwischen.

„Er hat bestätigt, dass sie an Seth Warren dran sind“, Lilian überging die Zwischenbemerkung. „Ich habe ihn direkt nach dem Chip gefragt und er hat ebenso bestätigt, dass er eine Agentin seiner Guardians hat eingreifen lassen. Allerdings zeigte er sich selbst erschüttert darüber, dass der Chip nicht mehr in der Asservatenkammer ist.“

„Dann sollten wir mit seiner Agentin sprechen“, sagte Seamus.

„Nur leider rückt er nicht mit ihrem Namen raus“, knurrte Lilian. „Und er sieht es auch nicht ein, mich in seine Ergebnisse einzuweihen.“

„Seid ihr nicht auf derselben Seite?“, fragte Rasmus verwundert.

„Das sollte man annehmen“, Lilian warf Rasmus ein Lächeln zu, „aber die Konkurrenz zwischen den Black Phoenix Teams wird von der Leitung hochgehalten. Ich kann ihn sogar verstehen.“

„Er ist dein Mentor“, sagte Lumière und stellte seine leere Bierflasche zurück auf den Tisch, „zählt das denn nichts?“

„Er war mein Mentor. Unsere Ansichten sind verschieden. Er ist wie ein enttäuschter Vater“, Lilian seufzte, „und eigentlich bin ich froh, wenn er mich meidet.“

„Das heißt, wir kommen damit nicht wirklich weiter, oder?“, erkundigte sich Seamus.

„Nein. Es sei denn, du willst dir mal alle Agentinnen der Guardians vornehmen, Seamus, anstatt Externe in unsere Quartiere einzuladen.“

Seamus runzelte die Stirn und sah Lilian an, während Ilyena kicherte und Lumière amüsiert die Brauen hochzog. Er hatte bereits am Tag zuvor gemerkt, dass Lilian ihm gegenüber reserviert war, doch er wusste nicht genau warum.

„Haben wir ein Problem?“, fragte er Lilian, doch diese schüttelte den Kopf, offensichtlich erschrocken und verärgert, dass sie sich zu dieser Aussage hatte hinreißen lassen.

„Nein, Seamus, ich wollte nur einen Witz machen.“

„Misslungen“, knurrte er, auch wenn er wusste, dass die übrigen das anders sahen.

„Entschuldige, der Tag war lang“, Lilian griff nach ihrer Flasche.

„Schon gut“, Seamus sah Ilyena streng an, die noch immer kicherte. „Nicht witzig.“

Ilyena warf ihm eine Kusshand zu.

„Wir haben noch ein letztes Thema“, versuchte Lilian das Gespräch wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Das Museum. Rasmus?“

„Richtig“, meldete sich Rasmus zu Wort, der zuvor auffällig geschwiegen hatte. „Ich habe über einige Kontakte am Campus herausfinden können, dass Kema Industries – ihr Boss ist ein hohes Mitglied der Loge – eine große Statue, die einem versteinerten prähistorischen Skelett ähnelt, im Keller des Nationalmuseums eingelagert hat.“

„Was wollen wir nochmal von diesem Skelett?“, fragte Lumière.

„Das wissen wir selbst nicht genau“, gestand Rasmus ein, „aber Zervett und seine Children of Chou haben einen großen Aufwand betrieben, um es nach Fleet City zu bringen, daran muss etwas interessantes sein.“

„Gut, und wie gehen wir die Sache an?“

„Ich denke, wir sollten eine Probe der Statue nehmen“, sagte Rasmus, „wenn wir die Zusammensetzung dieses … ich nenne es mal Artefakt … wenn wir dessen Zusammensetzung kennen, wissen wir vielleicht mehr über dessen Herkunft.“

„Verstehe“, stimmte Lumière zu. „Also brechen wir ins Nationalmuseum ein?“

„So sieht’s aus“, Lilian nickte. „Aber nicht einfach so. Ich will vorher noch mehr Informationen haben. Wir sollte sicher gehen.“

„Ich bin auch bei euch eingebrochen“, meinte Ilyena schulterzuckend.

„Ja, und du wurdest erwischt, Sonnenschein“, erinnerte sie Lilian. Die übrigen sahen Ilyena an, die rot wurde.

„Isaak könnte uns ebenfalls helfen“, sagte Seamus vorsichtig. Zu seiner Erleichterung nickte Lilian sofort.

„Richtig. Und ich will seine Meinung. Wir haben uns gut bis hierher durchgeschlagen“, Lilian stützte sich auf dem Tisch ab und sah die kleine Runde an, „aber wir können nicht ganz verleugnen, dass wir in letzter Zeit mehr im Dunkeln stochern als einen wirklichen Plan zu verfolgen. Ich weiß nicht, was Isaak und Eva in den letzten drei Jahren gemacht haben, aber wir sollten jede Information und jede Idee anhören, bevor wir aus Verzweiflung die nächsten Schritte unternehmen. Ist mir egal, ob das jemand als Schwäche sieht.“

„Das würde niemand von uns, Lilian“, sagte Seamus ernst, „und das weißt du.“

„Ich weiß“, Lilian seufzte, „aber ich muss Dampf ablassen. Will nicht irgendjemand von euch widersprechen?“ Sie grinste schief.

„Da habe ich eine bessere Idee“, sagte Seamus und deutete mit dem Kopf zu einem alten Boxring, der neben einigen ausgedienten Spielautomaten und einem ramponierten Billardtisch auf der anderen Seite des Hauptquartiers stand.


07 | ZITADELLE

 

Die silbernen Segel standen fest im Wind über der weiten Steppe. In der letzten Nacht hatte es den ersten Neuschnee seit Tagen gegeben, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie nicht langsamer reisen durften, wollten sie vor dem Wintereinbruch südlichere Gefilde erreichen. Dabei war der Schnee noch ihr geringstes Problem, denn die großen Boards, die sie von den Solaris-Nomaden übernommen hatten, schwebten etwa einen Meter über dem weißen Erdboden. Doch sobald der erste Kälteeinbruch kam, mussten sie die Steppe verlassen haben, wenn sie nicht über Nacht erfrieren wollten.

Der Wind war dabei Freund und Feind gleichermaßen. Während sie die solargetriebenen Boards vor dem Nordwind ritten und so mit doppeltem Antrieb und über einhundert Meilen pro Stunde südwärts rasten, brachte dieser nachts die Kälte empfindlich über ihr Lager herein. Sie hatten nur ein einziges Zelt gefunden löchrig und gerade genug Platz für zwei Personen bietend. Und in den letzten Tagen seit ihrem Aufbruch aus dem von Wolfen zerstörten Lager der Nomaden, war es immer schwieriger geworden, jede Nacht ein Waldstück zu finden, das ihnen Feuerholz und Schutz vor dem beißenden Wind bot.

Ninive sah hinüber zum Board von Inaktu, das etwa fünfzig Meter weiter zu ihrer Rechten den pulvrigen Neuschnee vom hartgefrorenen Boden aufwirbelte. Amitain saß am Heck des Boards seines Vaters und sah zur Bergkette im Westen, hinter der die Sonne unterging. Sie konnte der Natur die wilde Schönheit nicht absprechen, so gnadenlos sie auch sein mochte, doch nach Jahren in der Wildnis sehnte sich Ninive nach der vermeintlichen Geborgenheit einer Stadt.

Immerhin erreichten sie etwa zwei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit eine größere Ansiedlung – die erste seit ihrem Aufbruch aus dem Sommerlager. An den Fuß einer kleinen Hügelkette geduckt lagen einige Dutzend Häuser, von denen das westliche Drittel bewohnt war. Ein paar Geisterstädte hatten sie in den letzten Tagen bereits gesehen und zweimal sogar in den alten Hausruinen die Nacht verbracht, doch die Lichter hinter den Fenstern und eine einzelne, flackernde Laterne auf einem kleinen Platz zwischen einigen Häusern waren ein mehr als willkommener Anblick.

Sequana gab mit weit ausgestrecktem Arm das Signal zum Abbremsen. Dieser Vorgang dauerte eine Weile, wenn sie mit voller Geschwindigkeit fuhren. Das Problem an schwebenden Boards war, dass man sich beim Abbremsen kaum auf Reibung und Bodenhaftung verlassen konnte. Das Solarsystem der großen Segel musste mit Gegenschub dafür sorgen, dass die Geschwindigkeit langsam gedrosselt wurde, ohne dass das Board zu schnell an Stabilität verlor. Sie trugen zwar alle Helme und voll gepanzerte Kampfanzüge, doch einen Unfall mit einem fast zehn Meter langen Board bei hoher Geschwindigkeit und ohne jeden Überrollschutz wollte niemand erleben.

„Halt!“, rief ihnen jemand entgegen, als sie die Boards ein Stück vor den ersten Häusern soweit abgebremst hatten, dass sie nur noch langsam knapp über dem Boden glitten.

Ninive brachte ihr Board zum Stehen und die Übrigen taten es ihr gleich. Eine Gruppe von vier Menschen kam ihnen aus der Siedlung entgegen, alle mit Jagdgewehren bewaffnet.

„Wer seid ihr?“, rief eine grobschlächtig aussehende Frau, die offenbar die Führung der kleinen Gruppe innehatte.

„Flüchtlinge“, entgegnete Sequana, nahm den Helm ab und sprang von ihrem Board, wobei sie die Hände hob um zu zeigen, dass sie harmlos waren.

„Flüchtlinge wovor?“, fragte die Frau misstrauisch, ließ ihre Waffe dabei jedoch sinken.

„Wir kommen von einem Stamm der Nomaden weit im Norden. Unser Lager wurde überfallen und unsere Gefährten getötet.“ Sequana blickte zurück und winkte Inaktu heran, der ebenfalls von seinem Board gestiegen war.

„Wolfen“, ergänzte Inaktu, „ein Rudel in einer Größe wie ich es nie zuvor gesehen habe.“

„Woher kommen deine Begleiter, Nomade?“, fragte die Frau und ging auf Inaktu zu. „Wir sind Freunde der Nomaden, wir haben früh auf eure Warnungen vor diesen Ausgeburten der Hölle gehört, und nur deshalb haben wir bislang überlebt. Du bist uns willkommen, aber wer sind deine Begleiter?“

„Sie stammen aus einer Kolonie an der Hudson Bay“, behauptete Inaktu ohne zu zögern, „dort sind die Ansiedlungen zuerst gefallen. Sie sind ebenso Freunde von uns Nomaden wie ihr es seid. Und wir konnten jeden Verbündeten gebrauchen. Sie haben sich uns bereits vor einigen Jahren angeschlossen und sind meine Stammesschwestern.“

Ninive war beeindruckt, wie überzeugend und sicher Inaktu sich diese Erklärung ausgedacht hatte. Sie hatte ihn bislang nur als schweigsamen Gesellen erlebt, der Worte nur dann benutzte, wenn sie zweckdienlich waren. Sie stieg nun ebenfalls vom Board und zog sich den Helm vom Kopf. Neben ihr kam auch Sasha näher, während Solvejg Amitain half. Der Zwölfjährige hatte sich bislang gut gehalten, dachte Ninive, und für den Zusammenhalt ihrer Gruppe in dieser schwierigen Zeit war es manchmal ein Segen gewesen, ein Kind dabei zu haben, auf das alle – auch Sasha – Rücksicht nahmen.

Die Menschen der Siedlung hießen sie schließlich willkommen und halfen ihnen, die großen Boards zwischen einigen der Häuser abzustellen. Etwas später saßen sie zusammen in einem alten Diner, das sich schnell füllte, als sich herumgesprochen hatte, dass Reisende über Nacht bleiben würden. Sie waren vermutlich die einzige Attraktion seit Langem, vermutete Ninive. Oder zumindest doch die einzige, die sie nicht in Stücke reißen wollte.

„Vielen Dank dass ihr uns für die Nacht aufnehmt“, sagte Solvejg. Ninive sah zu dem provisorischen Lager aus alten Matratzen, das die Bewohner der Siedlung für sie in einem Teil des Diners hergerichtet hatte, der nicht weit von einem großen, beheizten Kamin lag und einst wohl eine kleine Bühne für Redner, Musiker oder Kleinkünstler gewesen war. Es war mit Abstand das komfortabelste Nachtlager seit einer gefühlten Ewigkeit, und doch musste sie erneut wehmütig an Paris und Hamburg denken. Sie schüttelte sich innerlich. Nur nicht undankbar werden.

„… und als die alte Frau schließlich den Stall erreichte, sah sie das neugeborene Kind in einer Krippe und wusste, es würde ein König werden. Ein König über die Wildnis und die Stämme des Nordens“, schloss Solvejg gerade eine Geschichte aus den Legenden der Solaris-Nomaden. Die Einwohner der Siedlung hatten ihr nicht zum ersten Mal an diesem Abend gebannt zugehört. Seitdem Amitain etwa eine Stunde nach ihrer Ankunft erschöpft an der Seite seines Vaters eingeschlafen war, hatte Solvejg die Rolle als Unterhalterin übernommen und ging voll darin auf. Ihre Gefährten waren ihr dafür sehr dankbar, denn sie hatten ihre eigenen Gedanken, denen sie nachhängen wollten, jetzt da sie Ruhe und Gelegenheit dazu hatten.

Ninive fragte sich beiläufig, ob Solvejg wusste, dass die meisten Erzählungen der Solaris-Nomaden, die sie jetzt ihrem Publikum vortrug, in groben Zügen an der christlichen Mythologie angelehnt war, die noch bis Anfang des 21. Jahrhunderts zumindest in Europa eine vorherrschende Rolle in der Kulturprägung eingenommen hatte. Andererseits kam der Fall der einstmals großen Weltreligionen in die Bedeutungslosigkeit so schnell, dass auch Ninive – die sich selbst nicht für ungebildet hielt – nicht viel darüber gewusst hätte, wenn ihr Rasmus damals nicht jedes Jahr wieder erzählt hätte, was der eigentliche Ursprung hinter dem Winterfest war, das viele auch noch als Weihnachten kannten. Eigentlich war es komisch, dachte Ninive, dass Solvejg gerade jetzt diese Geschichte erzählte, wo der Winteranfang bevorstand. Es war genau die richtige Zeit des Jahres.

„Wollt ihr nicht bei uns bleiben?“, fragte ein blasser, junger Mann, der Ninive bereits früh aufgefallen war, da er besonders enthusiastisch an Solvejgs Lippen hing seitdem sie mit ihren Geschichten begonnen hatte. „Wir können Verbündete immer gut gebrauchen!“

„Das ist ein sehr freundliches Angebot“, entgegnete Solvejg und Ninive fand, dass ihre Worte wie aus einem Drehbuch erlernt klangen, „aber meine Freundin hier“, sie deutete auf Ninive, „hat einen Mann, den wir suchen.“

Ninive sah überrascht zu Solvejg. Ihr Mund lächelte, aber ihre Augen grinsten frech.

„Also“, begann Ninive stotternd und wurde rot. Ihr fielen sofort zwei Männer und mindestens drei Frauen auf, die von der Nachricht enttäuscht schienen, was sie weiter verunsicherte.

„Sein Name ist Isaak und er ist mit einem kleinen Spähtrupp aufgebrochen um einen sicheren Weg nach Süden zu finden“, rettete Solvejg die Situation und lenkte die Augen wieder von Ninive ab. „Er ist nicht zufällig hier vorbei gekommen?“

„Er … hmm“, Loretta, die Frau, die sie bei Erreichen der Siedlung begrüßt hatte, räusperte sich und warf Ninive einen unsicheren Seitenblick zu, bevor sie sich wieder an Solvejg wandte. „Sei mir nicht böse, Süße, aber ein kleiner Spähtrupp der nach Süden zieht … die Überlebenschancen sind nicht besonders groß alleine hier draußen.“

„Ihr kennt Isaak nicht, er ist schlau und zäh. Schade dass er nicht hier war“, Solvejg seufzte theatralisch und Ninive fragte sich, was sie vor hatte.

„Na wenn euer Held es tatsächlich schaffen sollte, dann kann es nur einen Ort geben, an den er geht“, Loretta sah in die Runde und einige der Einwohner pflichteten ihr murmelnd bei. „Es ist hier oben weitgehend unbekannt, da niemand, der es bis dorthin geschafft hat, freiwillig zurück kehrt, aber unser Bosse“, sie deutete auf einen alten Mann an einem der hinteren Tische des Diners, der daraufhin mit einer knöchrigen Hand, an der der kleine Finger fehlte, winkte, „der war mal da. Die letzte verbliebene große Stadt.“

„Ach was, Stadt …“, krächzte Bosse dazwischen und Ninive hoffte inständig, dass er sich ebenfalls räuspern würde, „eine gigantische Metropole! Die Zitadelle der Menschheit! Ein Hafen fü…“

„Jaja“, Loretta lachte, „sie haben es kapiert, alter Mann.“ Bosse kicherte.

„Eine Stadt?“, fragte Sequana, die sich plötzlich in das Gespräch einschaltete. „Wo genau liegt die?“

„Das wissen wir nicht. Aber irgendwo im Süden in den Plains. Es ist noch weit von hier, aber wenn ihr schon von der Hudson Bay hier runtergekommen seid, warum solltet ihr nicht auch das schaffen?“ Loretta zeichnete mit ihrem Finger eine Linie auf die Tischplatte, als könne sie so den Weg genauer beschreiben. „Fleet City heißt die Stadt. Sie ist gigantisch und umgeben von weitläufigen Kolonien. Die Stadt selbst soll auf einem großen Konstrukt liegen, das wie ein Floß über der Erde schwebt. Daher der Name, allerdings“, Loretta senkte die Stimme und etwa fünfzig Köpfe im Raum schienen sich zu ihr zu neigen, „ich bin mir nicht so sicher, ob der Teil wirklich wahr ist.“ Sie lachte laut auf, als Bosse mit brechender Stimme protestierte und sich endlich räusperte.

Später in der Nacht waren alle nach Hause gegangen. Das Feuer im Kamin des Diners glomm nur noch, doch in dem Raum war es noch immer warm. Fast etwas zu warm zum Schlafen, dachte Ninive, die sich bereits ihren Jumpsuit ausgezogen hatte, ohne den sie draußen in der Wildnis keine Stunde überlebt hätte. Es war vielleicht nur die ungewohnte Situation, die sie störte, aber anstatt die Müdigkeit gewinnen zu lassen, beschäftigte sie sich mit düsteren Gedanken, die sie schwer fassen konnte. Schließlich stand sie auf und sah, dass sie nicht die einzige war, die ihre Schlafstatt verlassen hatte.

„Solvejg?“, flüsterte Ninive und betrachtete die schmale Silhouette vor dem schwachen Mondlicht, das durch das Fenster hereinkam. Solvejg trug die weiten Boxershorts und einen alten, dünnen Stofffetzen, den ihr Eva als notdürftige Nachtwäsche gegeben hatte, als sie damals bei ihr eingezogen war. Es war eine sentimentale Geste das nun zu tragen, das erkannte Ninive sofort und fragte sich gleichzeitig, wie sehr sie sich alle wohl verändert hatten, seitdem sie in der Wildnis unterwegs waren.

„Ich kann nicht schlafen“, flüsterte Solvejg zurück.

Ninive ging zu ihr und zog sich ihr enges Top zurecht, das durch das Hin- und Herwälzen zuvor hochgerutscht war. Bedauernd bemerkte sie ihre ausgeprägten Bauchmuskeln und die trainierten Arme und Schultern. Ihr Körper war durch das tägliche Überleben in der Wildnis in den letzten drei Jahren noch mehr zu dem eines Kriegers geworden als zuvor, dabei wünschte sie sich nichts sehnlicher als eine schmale, elegante Figur, die – so fand sie – ihrem Inneren viel eher entsprochen hätte.

„Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen“, flüsterte Solvejg und Ninive sah, dass sie offensichtlich geweint hatte. „Aber ich hoffe so sehr, dass dein Isaak überlebt hat und Eva bei ihm in Sicherheit ist.“

„Er ist nicht mein Isaak, Solvejg“, seufzte Ninive und nahm sie in den Arm. „Er wird alles in seiner Macht stehende getan haben, um sich und Eva in Sicherheit zu bringen. Und Eva ist selbst alles andere als wehrlos. Hab Vertrauen in die beiden.“

„Glaubst du die beiden leben?“, Solvejg hatte ihr Gesicht an Ninives Brust vergraben und umklammerte ihre Taille.

„Ja, das glaube ich“, entgegnete Ninive und versuchte erfolglos das Gefühl zu ignorieren, dass ihr die körperliche Nähe zu einem anderen Menschen schmerzhaft fehlte. Das kannte sie von sich nicht, und gerade in diesem Moment empfand sie es als sehr unpassend.

„Warum lässt du dann deine Gefühle für ihn nicht zu?“

„Es ist kompliziert, Solvejg.“ Ninive seufzte erneut. „Es macht mich schwach.“

„Wenn ich an Eva denke, und dass sie lebt, dann habe ich das Gefühl, dass es mich stärker macht.“

„Ich weiß. Und dieses Gefühl solltest du so fest halten, wie du kannst“, Ninive spürte die Hände der schmalen Frau an ihren Rücken gepresst und entschied, dass sie dringend Abstand brauchte. „Nicht mich, Solvejg, das Gefühl sollst du festhalten.“

Ninive sagte es mit einem leisen Lachen, das seine Wirkung nicht verfehlte. Solvejg ließ sie los und bedankte sich mit einem Lächeln, bevor sie zurück zu ihrer Matratze ging. Ninive wischte sich mit der linken Hand energisch die Tränen der anderen Frau aus ihrem Ausschnitt und trat noch ein Stück näher ans Fenster. Sie starrte hinaus in die Nacht. Schneetreiben hatte wieder eingesetzt. Vielleicht gibt es dieses Fleet City wirklich, dachte sie verbittert, und vielleicht hat es Isaak geschafft dort anzukommen. Es wäre nicht einmal ein großes Wunder, denn er schien doch immer sein Ziel zu erreichen, oder? Doch für sie waren er und die fremde Stadt so fern, so unerreichbar, dass es ihr egal war, was hinter dem Horizont lag. Sie war im Hier und Jetzt angekommen, und an diesem Ort war weder Platz für falsche Hoffnungen noch für Gedanken an die Zukunft. Vielleicht wäre es wirklich besser, sie würden in der Siedlung bleiben und mit den Menschen hier gegen die drohende Gefahr der Wolfen kämpfen. Zumindest bis zum nächsten Frühjahr, wenn Ninives Gedanken vielleicht weniger düster und ihre Tränen getaut waren.


08 | EINBERUFUNG

 

Unzählige Meilen weiter südlich war der nächste Morgen sonnig und warm, auch wenn Isaak bereits spürte, dass die Morgensonne mittlerweile länger brauchte, bis sie in alle Winkel von Southwark vordrang. Eva war nicht in ihrem Zimmer, als er von draußen hereinkam und sein vom Laufen verschwitztes Shirt auszog und achtlos in eine Ecke des Raums warf. Sie hatte noch geschlafen, als er sich auf den Weg machte, sich eine Jogging-Strecke für die nächsten Tage zu suchen.

Als Eva schließlich in ein großes, schwarzes Badetuch gewickelt hereinkam, hatte er den kleinen, klapprigen Tisch mit dem gedeckt, was er am Tag zuvor auf dem Markt für ein kleines Frühstück auftreiben konnte. Dann hatte er sich die alte Westerngitarre gegriffen, die er mit viel Verhandlungsgeschick für einen immer noch zu hohen Preis bei einem der Händler erstanden hatte.

„Sobald wir eine Anstellung haben kaufe ich neue Saiten“, sagte Isaak in den Raum hinein und legte das Instrument zur Seite.

„Ja, dir auch einen guten Morgen, liebster Bruder“, entgegnete Eva grinsend und warf einen erfreuten Blick zum gedeckten Tisch.

„Äh, ja … tut mir leid, ich hoffe du hast gut geschlafen?“

„Erstaunlicherweise ja“, sagte Eva und wickelte sich aus dem Badetuch um ihre Haare zu trockenen.

„Die Betten sind besser als sie aussehen“, entgegnete Isaak und wandte sich ab, was nach Monaten gemeinsamen Überlebenskampf in der Wildnis nicht viel mehr als eine höfliche Geste war. „Vielleicht etwas klein, aber mit etwas Training am Morgen kann man den Körper wieder entknittern.“

„Eine Dusche und einmal strecken reicht mir völlig“, entgegnete Eva und schlüpfte in ein grobes Leinenkleid, das sie sich in den Kolonien unten am Boden gekauft hatte.

„Und ein gutes Frühstück?“, fragte Isaak und deutete auf einen der beiden Hocker am Tisch.

„Du bist ein Schatz, Isaak!“ Eva grinste.

„Sag mal“, begann Isaak und setzte sich, „diese Bruder-Schwester-Nummer … jetzt wo wir in den Schoß der Zivilisation zurückgekehrt sind, bleiben wir dabei?“

„Ich sehe das ganz praktisch“, Eva griff nach einer Scheibe Brot, „die Duschen hier sind okay zum Duschen. Aber man kann sich dort nicht umziehen ohne dass alles nass wird. Und da ich keine Lust habe, dich jedes Mal zu bitten das Zimmer zu verlassen, wenn ich mich morgens und abends aus- oder umziehe, halte ich unseren selbstauferlegten Geschwisterstatus für weiterhin zweckdienlich.“

„Schön gesagt“, murmelte Isaak und angelte sich ein Stück Schinken, der fast so teuer gewesen war wie die ramponierte Gitarre.

„Oder“, ergänzte Eva bereits kauend, „wolltest du etwa mehr aus uns machen? Dann solltest du aber aufhören nach dem Sport ungeduscht mit freiem Oberkörper zum Essen zu erscheinen. Ich bin da altmodisch.“

„Und du solltest nicht mit vollem Mund reden“, entgegnete er grinsend. Eva lachte und konnte sich nur mühsam beherrschen, das Brot über den Tisch zu spucken. Sie waren wie Geschwister, daran gab es gar keine Zweifel.

„Jeremy hat gestern erzählt, dass er der Chef vom Schwarzen Turm hier in Fleet City ist“, wechselte Isaak das Thema.

„Was?!“ Eva verschluckte sich fast.

„Er hat es als eine Art Flüchtlingsorganisation beschrieben, die den Neuankömmlingen hier oben hilft. Er ist vor ein paar Jahren ins Exil in die Kolonien geschickt worden und durfte jetzt erst zurückkehren.“

„Vielleicht hat der Schwarze Turm hier gar nichts mit den Terroristen in Europa gemein?“, mutmaßte Eva.

„Unwahrscheinlich, oder?“

„Schon, aber wie wahrscheinlich ist das Gegenteil?“

„Auch wieder wahr …“, stimmte Isaak zu. „Die Regierung hier hat den Schwarzen Turm als terroristische Vereinigung verboten, aber sie machen im Untergrund weiter.“

„Das passt wiederum zusammen. War nicht einer aus deinem alten Team beim Schwarzen Turm?“

„Ilyena“, Isaak nickte, „sie stammte jedenfalls daher. Inwiefern sie sich der Organisation noch nahe fühlt oder sie vielleicht viel eher vor ihr geflohen ist, hat sie niemandem erzählt.“

Es klopfte an der Zimmertür und Jeremy kam herein ohne eine Antwort abzuwarten.

„Jeremy“, grüßte Eva, „komm doch rein, wir haben hier nichts zu verberg… Was ist das!?“

Jeremy blieb kurz vor ihrem Tisch stehen und folgte Evas Finger, der auf seine linke Schulter zeigte.

„Das?“, entgegnete er, als wäre ihm das kleine Totenkopfäffchen, das dort saß und an seinem Hemdkragen knabberte, eben erst aufgefallen. „Das ist Mr. Crowley. Den habe ich mir gestern billig auf dem Markt gekauft.“

„Deine erste Amtshandlung hier oben ist dir einen Affen zu kaufen?“, Eva schüttelte den Kopf. „Lass ihn bloß nicht an unser Essen!“

„Ich versuch’s“, versprach Jeremy, „aber er ist noch nicht besonders gut erzogen. Mr. Crowley tut was er will.“

Isaak lachte. Eva sah ihn fragend an.

„Mr. Crowley tut was er will?“, wiederholte Isaak. „Das ist vermutlich sein Lebensmotto.“

„Mehr als das“, Jeremy sah Isaak erfreut an, „darauf begründet er seine ganze Lebensphilosophie.“

„Ich muss und will euch nicht verstehen“, Eva schüttelte den Kopf und widmete sich wieder dem Essen. Das Totenkopfäffchen turnte geschickt an Jeremys Arm hinab und setzte sich auf die Tischkante neben Eva.

„Dein Mr. Crowley starrt mich an“, sagte sie anklagend.

„Ich glaube, er mag es, wenn man ihn krault“, riet ihr Jeremy.

„Wie kommt es, dass du dich für so alte Dinge wie Mr. Crowley interessierst?“, fragte Isaak neugierig.

„Ein Hobby“, entgegnete Jeremy. „Aleister Crowley beschäftigte sich unter anderem mit Sexualmagie. Du wirst feststellen, dass er hier in Fleet City damit genau am richtigen Ort gewesen wäre. Er war ein Visionär!“

„Das muss dich als Äffchen aber nicht weiter interessieren“, wandte sich Isaak an den auf der Tischkante sitzenden Mr. Crowley, der hingebungsvoll sein Köpfchen an Evas ausgestreckter Hand rieb.

„Warum ich eigentlich hier bin“, sagte Jeremy und warf Isaak einen Umschlag zu, „für dich wurde ein Brief abgegeben.“

„Aus Papier?“, Isaak begutachtete das absenderlose Kuvert.

„Das ist nicht ungewöhnlich. Gemeinhin geht man nicht davon aus, dass jeder Neuankömmling hier oben über ein eigenes Comdevice verfügt“, Jeremy streckte die Hand aus und Mr. Crowley kletterte zurück auf seine Schulter.

„Da denkt also jemand mit? Gut“, er öffnete den Umschlag und zog den Ausdruck eines Intels hervor, den er schnell überflog. „Ich habe ein Angebot auf Einstellung!“

„Jetzt schon? Das ist fantastisch!“, sagte Eva begeistert.

„Glückwunsch!“, Jeremy klopfte auf den Tisch. „Ich war mir sicher, ihr würdet nicht lange brauchen. Wo hast du dich beworben?“

„Bei der District Police“, sagte Isaak und fügte schnell hinzu: „Keine Sorge, Jeremy, deine Vorgeschichte ist bei mir sicher.“

„Das ist die geringste meiner Sorgen“, entgegnete Jeremy leichthin.

„Hmmm, aber das ist komisch“, Isaak las das Schreiben noch einmal genauer. „Ich bin zu einem Rekrutierungsgespräch eingeladen bei einer Organisation, die sich Black Phoenix nennt.“

„Überflieger!“, Jeremy pfiff anerkennend, „das ist die höchste nichtmilitärische Sondereinheit der ganzen Stadt. So etwas wie ein Geheimdienst. Normalerweise geht das nicht so einfach. Wen hast du geschmiert?“

„Niemanden!“

„Dann eilt dir dein Ruf voraus, mein Freund“, sagte Jeremy.

Sie beendeten das Frühstück und Isaak sprang unter die Dusche. Das Schreiben besagte, dass er noch am selben Vormittag von einem Agenten des Phoenix‘ abgeholt werden würde, und er wollte nicht zu spät sein.

Der Agent war ein Mann, wie er ihn erwartet hatte. Anzug, Sonnenbrille, unauffälliges Gesicht, trainierter Körper und wortkarg. Isaak versuchte gar nicht erst an Informationen zu kommen, man würde ihn früh genug in Kenntnis setzen. Er wurde zu einer kleinen Station auf dem Dach eines größeren Gebäudekomplexes gebracht, auf dem Shuttlecars in die verschiedenen Teile der Stadt flogen.

Minuten später schoss das kleine, fliegende Gefährt, das er sich nur mit dem Agenten teilte, zwischen den Wolkenkratzern der Stadt hindurch zu einem großen, pyramidenförmigen Bauwerk. Obwohl er bislang versucht hatte möglichst unaufgeregt und gelassen zu wirken, fesselte ihn dieser Anblick. Das Konstrukt war wie eine eigene Stadt in sich, eine gigantische, durchgeplante Anlage auf mehreren, großen Ebenen, mit ausgeklügelter Begrünung, großen Parkanlagen hunderte Meter über der Stadt. Besonders beeindruckend war der Moment, als das Shuttle eine kleine Kehre flog um in die Andockbucht einzulenken, und er über einige Terrassen der Pyramide und die gewaltige Stadt darunter den Rand des Floßes und die weit dahinterliegende Prärie blicken konnte. Was die Menschen hier – mithilfe des Sangres oder nicht – erschaffen hatten, war atemberaubend.

„Das Herz unserer Metropole“, erklärte ihm der Agent in freundlichem Tonfall und mit deutlichem Stolz in der Stimme. „Die Pyramide.“

Sie stiegen aus und verließen die Andockbucht auf einen großen Platz, der stufenförmig zum Rand der Pyramide abfiel und in den weitläufigen Terrassen mündete, die von Cafés, Restaurants, kleinen Geschäften und abstrakten Skulpturen umgeben waren.

„Dies ist Ebene 2 der Pyramide“, teilte ihm der Agent höflich mit, „machen Sie sich mit der Umgebung vertraut, unser Hauptquartier ist hier ganz in der Nähe.“

Die Adresse, zu der Isaak gehen musste, war nicht das Hauptquartier sondern eine Privatwohnung. Der Agent blieb in einem Straßencafé auf dem Platz zurück und sagte, er würde dort auf seine Rückkehr warten, um ihn zurück nach Southwark zu bringen, sobald er bereit sein würde. Isaak betrat das hohe, gläserne Foyer, dessen hintere Wand in einer großen, vertikalen Grünanlage endete, an der Wasser über einige Kaskaden in die Tiefe stürzte und ein angenehmes Rauschen verursachte.

Die Frau am Empfang hieß ihn bereits willkommen und wusste offensichtlich sofort, wer er war und wohin er musste. Er stieg mit einem Zugangschip, den sie ihm gegeben hatte, in den Fahrstuhl und erreichte so die siebzehnte Etage. Die Fahrstuhltür ging auf und jemand flog ihm förmlich entgegen.

Zuerst wollte Isaak einem Instinkt folgend in Verteidigungsstellung gehen, doch als die Person, die sich ihm entgegenwarf, seinen Namen rief, nahm er sie in den Arm und hielt sie minutenlang fest. Ihm wurde nun klar, warum er nur einen Tag nach seiner Anreise gleich bis fast an die Spitze der Pyramide stürmte. Allerdings war das auch so ziemlich das einzige, was ihm klar war.

„Lilian, ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass …“

Sie löste sich schließlich von ihm und trat einen Schritt zurück.

„Ich auch nicht, Isaak. Meine größte Hoffnung war, dass du dir dein Mädchen schnappst und ein schönes Leben drüben in Europa führst.“

Er lachte und sah sie an. Sie hatte sich kaum verändert in den drei Jahren, die er sie nicht mehr gesehen hatte. Nur ihre Kleidung war etwas ordentlicher geworden und vor allem frei von Löchern.

„Glaub nicht, ich würde jetzt immer so rumlaufen“, sagte Lilian seinen Blick spürend, „hier oben muss ich auf trés chic machen. Ich habe unten in der Stadt eine zweite Wohnung, in der ist auch mein Lieblingspullover. Aber für unser Anliegen musste ich mein Appartement hier oben nutzen. Ganz offiziell.“

„Ich sehe, du hast es weit gebracht, Lilian“, Isaak sah sich in dem großen Raum um, der durch Designermöbel, hohe Zierbeete und andere kunstvolle und bestimmt sündhaft teure Raumteiler strukturiert war. Und dennoch konnte er hier und da eine persönliche Note finden, Indizien für Lilians ganz eigenen Charme, den sie gerne auf ihr Umfeld übertrug.

„Ich weiß selbst nicht, wie das passiert ist“, entgegnete sie und setzte sich an einen langen, schlichten Tisch aus naturbelassenem Eschenholz, der vor einem hohen, mit schwarzem Schiefer verkleideten Raumteiler stand, über den beständig Wasser lief. „Wir sind Zervett bis nach Island gefolgt und dort durch ein großes Tor zu den Korridoren, das er mithilfe dieser Konzentratoren geöffnet hatte, die Bruchot und van Ijssel entwickelt haben. Und dann sind wir hier gelandet, als wären wir schon immer hier gewesen.“

„Wie meinst du das?“

„Wir hatten hier schon ein Leben, Wohnungen, Jobs … als wären wir nie woanders gewesen. Wie war es denn bei euch?“

„Wir haben Sasha gefunden nach einem harten Kampf gegen die Visaren … diese Wesen aus den Korridoren, mit denen Ninive und ich bereits in der Nacht in Hamburg das Vergnügen hatten.“

„Ich erinnere mich.“

„Die Children of Chou haben das Lager in Jütland übereilt verlassen, nachdem die Visaren durch ein Tor zu den Korridoren in unsere Welt strömten, das wohl als erster Testlauf für das diente, was ihr auf Island gefunden habt. Sasha konnte sich in dem Tumult befreien. Und nachdem alle wieder bei Kräften waren sind wir ebenfalls durch die Korridore, doch wir mussten dort erneut an den Visaren vorbei und sind getrennt worden, als wir in harte Kämpfe verwickelt wurden. Eva und ich haben es nur mit viel Glück und Mühe aus den Korridoren herausgeschafft und sind dann ein gutes Jahr durch die Wildnis gezogen, bis wir in die Kolonien am Boden gelangt sind, in denen wir zwei Jahre auf unsere Fahrkarte zum Floß gewartet haben.“

„Und die anderen … haben sie es auch aus den Korridoren herausgeschafft?“, fragte Lilian vorsichtig.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Isaak bedauernd, „ich wünschte, ich wüsste es.“


09 | SAYURI

 

Das Balloon & Dart im Port District war eine unscheinbare und nicht besonders niveauvolle Bar in einer kleinen Seitenstraße. Sie lebte von ihrem Stammpersonal und nur selten verirrte sich Laufkundschaft in den Laden, der zudem im Erdgeschoss auch nicht besonders einladend aussah. Im oberen Stockwerk der zweistöckigen Kneipe lag Sayuri Kitawe bäuchlings in einem Meer aus großen Kissen, mit denen Henry, dem das Balloon & Dart gehörte, versucht hatte, eine mit rotem Spannlaken bezogene alte Matratze zu so etwas wie einem Sofa umzugestalten. Das war ihm gründlich misslungen, doch Sayuri störte das nicht.

Hier oben in den Kissen direkt vor dem breiten Fenster zur Gasse hin war ihr Lieblingsplatz. Die Stammkunden saßen unten an dem abgewetzten Tresen und unterhielten sich mit Henry über Dinge, die sie nie interessiert hatten. Meistens hatte sie den Platz im oberen Stockwerk für sich alleine und nachdem Henry sie zweimal vergessen hatte, als er die Bar gegen frühen Morgen zu machte, hatte er ihr auch einen Schlüssel für den Hinterausgang gegeben.

Die Tage im Dienst waren lang gewesen. Und nach Wochen ständiger Bereitschaft wollte Sayuri nichts anderes, als sich stündlich einen neuen Mai Tai bringen lassen und sich mittelmäßige Horrorserien auf ihrem Compad ansehen. Das machte sie immer dann, wenn sie ein paar freie Tage hatte, und meistens war sie nach einer Nacht und einer Staffel voller Blut, unheilvoller Orgelmusik, schlecht geschminkter Zombies und unästhetischer Sexszenen so entspannt, dass sie bereits am zweiten Tag irgendetwas ...

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