Logo weiterlesen.de
Solange wir lieben

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. Epilog
  30. Leseprobe – Ein Augenblick für immer

Weitere Titel der Autorin

Für immer heißt ein Leben lang

Das Geschenk eines Sommers

Ein Augenblick für immer

Alles, was wir nie gesagt haben

Über dieses Buch

Julia ist seit drei Jahren mit Konstantin zusammen. Doch die beiden haben kaum noch Zeit füreinander – beide sind beruflich sehr eingespannt und drohen sich darüber zu verlieren. Dabei lieben sie sich doch.

Als Julia eines Tages einen Brief von Tom erhält, ihrer ersten großen Liebe, ist sie zutiefst erschüttert: Er ist todkrank, leidet an ALS. Nun möchte er die Menschen noch einmal sehen, die ihm in seinem Leben wichtig waren. Das Wiedersehen mit ihm berührt sie sehr und macht sie tieftraurig – es könnte ein Abschied für immer sein. Julia beschließt, Tom zu überraschen und ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen: In einem alten VW-Bus noch einmal nach Florenz reisen.

Gemeinsam mit Toms Schwester Helke und seiner Exfreundin Elsa begeben sie sich auf eine melancholische, aber auch heitere letzte Reise, bei der Julia bewusst wird, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Über die Autorin

Liv Thomas ist das Pseudonym der Autorin Gabriele von Braun. Sie lebt in Berlin und zählt trotz ihres eher sonnigen Gemüts zu der raren und durchaus kritisch beäugten Spezies, die die feuchtkalten und vermeintlich tristen Tage in der Hauptstadt ganz besonders schätzt. Je grauer es ist, desto lieber schreibt sie. Schon früh interessierte sie sich für die unterschiedlichen Facetten der Menschen. Mit ihrem »sensiblen, investigativen Einfühlungsgedöns«, wie es ihr einst ein im Gefühlschaos steckender, leicht alkoholisierter Kommilitone fundiert ins Ohr lallte, blickt sie gern hinter die Fassaden. Was sie fasziniert: So gnadenlos das Schicksal auch manchmal zuschlagen mag, es kann einen Weg geben, daran zu wachsen.

 

Wenn du am Morgen erwachst, denke daran, was für ein köstlicher Schatz es ist, zu leben, zu atmen und sich freuen zu können.

Marc Aurel

1

Loslassen zu können gehört nicht unbedingt zu meinen Stärken. Besonders dann nicht, wenn es an einem nassen, nieseligen Sonntagabend um Konstantins Hand geht. Ich drücke sie ganz fest und signalisiere ihm mit meinem Blick, dass ich lieber von Vogelspinnen umzingelt wäre, als ihn jetzt gehen zu lassen.

Konstantin seufzt und gibt mir einen langen Kuss. »Ach Julia, mach es mir nicht noch schwerer! Glaub mir, ich würde auch viel lieber bleiben, aber ich muss morgen früh kurz nach vier los und noch packen.«

Ich nicke, immerhin weiß ich, worauf ich mich vor drei Jahren eingelassen habe: auf einen Mann, mit dem ich keinen Alltag leben kann, weil er beruflich ständig in der Welt unterwegs ist. Noch dazu haben wir getrennte Wohnungen, und bisher haben wir diese Konstellation nicht infrage gestellt. Ich hänge an meiner, aber für uns beide wäre sie auf Dauer zu klein.

»London oder New York? Ich komme da schon wieder durcheinander.«

Konstantin streicht mir zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Bis Mittwoch bin ich in London. Dann muss ich nach Frankfurt, und am Freitag bin ich zurück in Berlin.«

»Du fehlst mir schon jetzt.« Voller Pathos fasse ich mir an die Brust und blicke Konstantin hingebungsvoll an.

Er breitet mit großer Geste seine Arme aus. »Mein Herz, ich gebe alles. Auch ich verzehre mich schon jetzt nach dir.«

Im Laufe der Zeit haben wir ein kitschiges Ritual aus unserem Abschied gemacht. Jeder sagt mindestens einen triefenden Satz. Wobei ich das, was ich da von mir gebe, durchaus ernst meine. Es ist schon eine Kunst, die Gefühle in solche Sätze zu packen. Manchmal wollen wir einander toppen, nicht selten lachen wir uns dann dabei kaputt.

Konstantin schlüpft in seinen dunkelgrauen Wollmantel. Ohne den Blick von mir zu nehmen, öffnet er die Wohnungstür.

»Julia, deine Liebe ist wie das Salz in der Suppe, die Würze meines Lebens, der Käse, mit dem ich meinen Toast überbacke …«

»Psst, das reicht, du hast gewonnen.«

Wir küssen uns noch einmal innig. Tief inhaliere ich den leicht holzigen Duft seines Eau de Toilette, das ich so gern mag. Dann muss ich ihn für die nächsten Tage endgültig loslassen. Konstantin verschwindet im Treppenhaus, und ich winke ihm hinterher, bis er im düsteren Märzabend verschwunden ist.

Ich mache mir einen Tee und setze mich auf die gemütliche Chaiselongue vor dem Wohnzimmerfenster. Mein Blick bleibt an dem gerahmten Foto auf dem kleinen Messingtisch neben mir hängen. Es zeigt Konstantin und mich strahlend während unseres ersten Kurzurlaubs in Barcelona. Wie sehr ich ihn schon jetzt wieder vermisse! Ich lehne mich in die altrosa Polster zurück und lasse mich von meinen Gedanken zum Tanz auffordern. Nach einer viel zu kurzen Nacht wird sich Konstantin gleich wieder auf den Weg zur nächsten Transaktion machen. Er ist als Jurist für einen internationalen Finanzinvestor tätig. Da er es überhaupt nicht schätzt, wenn ich seinen Job auf Nachfrage anderer schlicht mit »Heuschrecke« umschreibe, versuche ich es etwas differenzierter zu erklären. Konstantins Firma ist auf die Übernahme von Unternehmen spezialisiert, die ein günstiges Rendite/Risiko-Verhältnis versprechen. Bevor wir uns kennengelernt haben, hätte ich mir nicht vorstellen können, jemals mit so einem Mann zusammen zu sein. Zu tief war das Klischee in mir verankert, dass es sich bei dieser Spezies um nichts anderes als gewissenlose Firmenplünderer und Plattmacher handelt. Doch inzwischen hat Konstantin mich gelehrt, dass private Investment-Gesellschaften schon so manches Traditionsunternehmen vor dem Aus bewahrt und damit auch Arbeitsplätze gerettet haben. Es kommt also durchaus vor, dass sie ein Interesse daran haben, den Firmen eine langfristige Existenz zu sichern.

Unsere beruflichen Welten liegen weiter auseinander als Swasiland und Norwegen. Gegen den Job von Konstantin ist meiner als konservativ zu bezeichnen. Ich bin Apothekerin und seit fünf Jahren selbstständig. Wären wir nicht einander vorgestellt worden, hätten wir uns sicher nie füreinander interessiert. Der Initiator dieser als Abendessen deklarierten Verkupplungsaktion war Sebastian, mit dem mich seit dem ersten Semester in Pharmazie eine tiefe Freundschaft verbindet. Sebastian ist Konstantins Cousin, und er war fest davon überzeugt, dass wir ausnehmend gut zueinander passen würden. Angeblich hatte sein Vetter bisher nur Affären mit attraktiven, aber oberflächlichen Blondinen, IQ unter Tiefkühltemperatur, analysierte Sebastian damals etwas gewagt.

»Ach so, na klar, da komme ich als ungestylte Brünette, die sich dazu noch nicht einmal die Nägel lackiert, gerade recht, ja? Das geht nicht zusammen. Das ist albern!«

»Ist es nicht! Du bist sowohl geistig als auch körperlich groß, und du bist schön, begreif das endlich!«

Ich werde nie vergessen, wie Sebastian mich musterte und immer wieder den Kopf schüttelte, bevor er fortfuhr: »Du bist schon ein Phänomen, Julia Weisse. Egal wie hell oder dunkel es ist, deine wunderschönen, wasserblauen Augen leuchten, dein Teint ist so frisch wie Quellwasser, und deine Lippen sind auch ohne Injektion sinnlich voll. Noch dazu strahlst du eine unglaublich positive Energie aus. Glaub mir, du siehst tausendmal hübscher aus als all diese anderen Frauen zusammen.«

Ich kicherte. »Wow! Wie kann es dann sein, dass du nie etwas von mir wolltest?«

»Mir war von Anfang an klar, dass du für etwas Höheres bestimmt bist.«

Ich warf meinem lieben Freund eine Kusshand zu. »Okay, rede einfach immer weiter, und du kriegst von mir alles, was du haben möchtest.«

»Geht doch! Fürs Erste ist es nur ein Date mit meinem Cousin. Der hat einfach zu wenig Zeit und Muße, die passende Frau kennenzulernen.«

So ließ ich mich auf das Abendessen ein, das Sebastian und seine Freundin Lea arrangiert hatten. Tatsächlich habe ich mich sofort in den Klang von Konstantins hypnotischer, tiefer Stimme verliebt. Als ich zu ihm sagte, dass er James Bond synchronisieren könne, war das Eis gebrochen. Dass er den Agenten aufgrund seines Aussehens auch spielen könnte, behielt ich jedoch am ersten Abend für mich. Die Liste mit den Dingen, die ich auf Anhieb an Konstantin mochte, war länger als die Deklaration der Inhaltsstoffe bei einem Multi-Vitamin-Präparat. Seine sportliche Figur begeisterte mich ebenso wie seine Körpergröße von einem Meter neunzig und die gepflegten, großen Hände. Seine klaren hellgrauen Augen, das leicht gewellte, volle dunkle Haar, die kleine Narbe an der linken Schläfe, seine wohlgeformten Lippen und dieses hinreißende, offene Lachen, das nicht nur ein makelloses Gebiss freigibt, sondern überdies sein ganzes Gesicht zum Strahlen bringt, gaben ihr Übriges. Aber dabei blieb es nicht, denn auch mit seinen inneren Werten traf er bei mir voll ins Schwarze. Wir führten bereits am ersten Abend tiefe Gespräche über das Leben, und wir lachten über dieselben Dinge. Kurzum, was ich nicht für möglich gehalten hatte, passierte: Sebastian hatte die richtige Eingebung gehabt. Es dauerte nicht lange, bis Konstantin und ich ein Paar wurden, so verschieden unsere Lebenswelten auch waren. Sebastian scherzte, dass er sich noch überlegen werde, wie hoch seine Provision ausfallen werde. Aber letztlich gab er sich mit der Huldigung seiner meisterhaften Menschenkenntnis zufrieden. Ich bin mir sicher, dass er selber überrascht davon war, wie gut das mit Konstantin und mir passte.

Draußen stürmt es. Eine Windböe lässt die Fensterscheiben erzittern. Ich löse mich aus meinen Gedanken und trinke den nur noch lauwarmen Tee aus, bevor ich die Nachtruhe einläute.

Wie immer betrete ich am Montagmorgen kurz vor acht die Apotheke. In einer guten halben Stunde werde ich sie öffnen. Ich genieße es, noch ein paar Minuten in der morgendlichen Ruhe zu haben, bevor das Tagesgeschäft startet. Mit einem Becher Kaffee in der Hand fahre ich den Computer hoch und das Kassensystem. Dann nehme ich das Geld aus dem Tresor und sortiere es ein. In der Nachtschleuse liegt frische Ware, ich verbuche sie und ordne sie den Rezepten zu.

Es macht mich auch heute noch stolz, dass ich diese über fünfzig Jahre alte Kiez-Apotheke mit ihrem Retro-Charme übernehmen konnte. Das Interieur ist weitestgehend original und stammt aus den Sechzigerjahren. In die Einrichtung aus dunklem Palisander habe ich mich sofort verliebt.

Viele meiner Kunden kommen schon seit Jahrzehnten in diese Apotheke. Sie sind mit ihr gealtert. Als ich das Geschäft übernommen habe, gab es zunächst Berührungsängste. Die Kunden waren einen wesentlich älteren und mit dem Kiez verwachsenen Apotheker gewöhnt, der all ihre Sorgen und Nöte kannte. Doch der hatte sich nun zur Ruhe gesetzt. Es spielte mir in die Hände, dass mein Vorgänger mich mochte und anpries. So bekam ich die Chance, mich zu bewähren – und ich nutzte sie. Inzwischen fühle ich mich selbst als Teil des Kiezes. Vor meiner Selbstständigkeit habe ich in einer großen, anonymen Center-Apotheke gearbeitet. Niemals wieder möchte ich tauschen.

Es ist halb neun, pünktlich schließe ich auf. Es dauert keine fünf Sekunden, bis die erste Kundin in den Laden drängt. Begleitet wird sie von ihrem ungefähr drei Jahre alten Sohn.

Die Wollmütze tragende Mutter mit den glänzenden, aufgespritzten Lippen und der Mimik einer Küchenfliese steckt in einem dunkelbraunen Fellmantel, bei dem ich nicht davon ausgehen kann, dass er unecht ist. Dazu trägt sie einen mit Logos übersäten Designer-Schal. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, frage ich mich, wie man sich freiwillig so anziehen kann, wenn man nicht wenigstens Oligarchen-Gattin ist. Doch diese Frau ist Schwäbin.

»Du muschd die Dante scho selber fraga, ob sie a Draubenzuggerbonbo für di hedd oder was zom schbiela.«

Es hat sich herumgesprochen, dass ich eine kleine Schublade für Kinder habe, aus der sie sich eine Kleinigkeit aussuchen dürfen. Vielleicht sollte ich ein Betteln verboten-Schild aufstellen, damit eindeutig klar ist, dass wir es den Kindern anbieten und nicht umgekehrt.

»Nun frag du die Dante!«

Die Dante. Du meine Güte. Der Junge mit den braunen Locken blickt so liebenswert drein wie Chucky, die Mörderpuppe.

Ich lächele professionell, zeige auf die Auslage neben der Kasse und sage: »Hier, schauen Sie, wir haben eine große Auswahl an Traubenzucker-Bonbons und zahnfreundlichen Lutschern.«

»Aber sonscht kriega mir hier do immer was gschengt!«, kräht die Mutter.

In Gedanken schreibe ich ein Memo an meine Angestellten: Die Frau kriegt nie wieder etwas gratis.

»Ich will einen Lolli«, schreit der Junge nun und fegt ein paar Tuben Handcreme aus dem Regal.

»Florendino Maximilian Luis, so ebbes dud man ned«, mahnt die Erziehungsberechtigte in einem Ton, der so scharf ist wie mein Kopfkissen. Natürlich interessiert das den Jungen nicht. Er stapft herum und krakeelt. Mein Puls rast.

»Haben Sie sonst noch einen Wunsch?«

Die hart antiautoritär durchgreifende Mutter schiebt mir ein Privatrezept über den Ladentisch. Bisher kam sie meist, um Schmerztabletten zu kaufen, oder wenn sie ein Schnupfen halb umbrachte. Bei jedem ihrer Besuche machte sie einen dermaßen gequälten Eindruck, dass danach auf der Leidensskala erst mal lange nichts kam. So zumindest hat es Ursula einmal nach einem ihrer Auftritte formuliert. Diesmal werde ich mir ihren Namen merken. Mareike Weber, lese ich. Wie unspektakulär. Das musste sie beim Namen ihres Sohnes unbedingt wettmachen, denke ich. Zumindest scheint sie diesmal unter einer Hauterkrankung im Intimbereich zu leiden. Meine Zunft bringt es mit sich, nach nur einem Blick aufs Rezept mehr zu wissen als Freunde und Familie zusammen.

Ich reiche ihr die verordnete Salbe. »Die müssen Sie drei Mal täglich anwenden, aber bitte nur ganz dünn auftragen.«

»Jo, des woiß i älles scho.«

»Umso besser. Dann bekomme ich einunddreißig Euro und achtzig Cent von Ihnen.«

»Wird au immer deirr.«

»Ja, leider, wie alles.« Ich beiße mir auf die Zunge, damit mir kein schlechter Schwabenwitz über die Lippen kommt.

Frau Weber entnimmt ihrer schwarzen Designerhandtasche ein riesiges Portemonnaie und zückt eine goldene Kreditkarte.

»Tut mir leid, hier können Sie nur mit EC-Karte zahlen.«

Sie stöhnt genervt auf und zahlt bar.

Dann steckt sie die Tube in ihre Tasche und denkt nicht daran, sich für den Schaden, den ihr reizender Sohn angerichtet hat, zu entschuldigen. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, schnappt Mareike Weber sich ihren Jungen und rauscht nach draußen.

»Auf Wiedersehen«, rufe ich ihr noch hinterher, doch da ist sie schon auf der Straße. »Genau für Menschen wie dich bin ich Apothekerin geworden.«

»Na, na, na, wer wird denn zu dieser frühen Stunde schon sarkastisch?«

Ich fahre herum. »Mensch, Karin, hast du mich erschreckt. Guten Morgen!«

»Zumindest trägt sie ein sehr intensives Parfüm. Das reicht noch für die nächsten zwei Stunden. Guten Morgen, Julia!«

Sie ist durch den Hintereingang hereingekommen und macht sich prompt daran, die Spuren des Handcreme-Massakers zu beseitigen. Karin ist eine von drei Apothekenhelferinnen, die ich von meinem Vorgänger übernommen habe.

»Danke! Besser könnte die Woche nicht starten, oder? Meine Güte, der Duft ist schwerer als eine Raumfähre. Schütte einen Eimer Wasser über mich, wenn ich jemals so etwas tragen sollte.«

»Mach ich. Hast du ein schönes Wochenende gehabt?«

»Ja, es war nur leider wieder viel zu kurz.«

Karin schüttelt ihren einundsechzig Jahre alten Kopf, den ein grauer Pixie Cut schmückt, der sie jünger wirken lässt.

»Das kann doch so nicht weitergehen. Du arbeitest zu viel, Julia.«

»Hui, das ist ja eine ganz neue Erkenntnis.«

Ein Kunde betritt den Laden. Während Karin ihn bedient, gehe ich nach hinten ins Büro.

Zwar bin ich die Chefin, aber meine Angestellten sind wesentlich älter als ich. Sie tendieren dazu, in mir keine Autoritätsperson zu sehen, sondern das Mädchen, das unbedingt bemuttert werden muss. Das kann natürlich auch daran liegen, dass ich schlicht keine Autoritätsperson bin, denn wie könnte ich das sonst hinnehmen? Mein Team hat es leicht mit mir. Ich finde es wichtig, dass Harmonie herrscht, und kümmere mich um so gut wie alles selber, was dazu führt, dass ich unfähig bin, Verantwortung abzugeben. So fasst es zumindest mein lieber Freund Sebastian zusammen, und – ehrlich – ich kann dem nichts entgegensetzen.

Inzwischen ist auch Edith gekommen. Mit ihren vierundfünfzig Jahren ist sie meine jüngste Mitarbeiterin.

»Hallo, Julia. Heute gibt es Kohlroulade.«

Sie stellt einen großen Topf auf den kleinen Herd mit zwei Platten in unserem Aufenthaltsraum, der zugleich das Büro ist.

»Köstlich, das ist das Highlight des Tages.«

»So schlimm?«

»Nein, nein, nur Montag. Schau mal, hier, es gibt einiges im Labor zu tun.« Ich reiche Edith einen kleinen Stapel mit sogenannten Individualrezepturen, die wir heute noch herstellen müssen. Meist kommen solche genau auf den Patienten abgestimmten Rezepte von Hautärzten. Wir mischen die verordnete Creme selbst an.

»Gut, dann gehe ich gleich runter in die Katakombe und mache mich an die Arbeit.« Edith streift sich ihren weißen Kittel über. Ich nicke ihr zu. »Bis nachher.«

Das Labor liegt im Keller. Als ich es zum ersten Mal betrat, fand ich es unheimlich. Es roch muffig, die Wände waren schmutzig grau, und die Einrichtung wirkte wie aus der Zeit gefallen, hatte dabei aber keinerlei Charme, im Gegenteil. Es wäre der perfekte Ort für zwielichtige Partys gewesen, oder um eine Geisel zu halten. Ich ließ den Raum renovieren und erneuerte die gesamte Einrichtung. Dadurch verbesserte sich die Arbeitsatmosphäre beträchtlich.

Während ich mit dem Vertreter einer Pharma-Firma telefoniere, wandert mein Blick zu der vergilbten Autogrammkarte von Thomas Gottschalk. Ich weiß nicht, wie viele Jahre sie schon ihren Platz an der Pinnwand hat. Ursula, die dritte Helferin im Bunde, ist nach eigener Aussage der größte Fan der Welt, und so habe ich diese Karte genau wie sie, Karin und Edith von meinem Vorgänger übernommen. Die drei arbeiten schon länger in einer Apotheke, als ich mit meinen siebenunddreißig Jahren auf der Welt bin.

Jeden Mittag essen wir zusammen. Entweder, eine von uns – meist von den anderen – hat vorgekocht, oder ich gebe etwas vom Feinkostladen nebenan aus.

Außer den Helferinnen habe ich noch eine Apothekerin angestellt, allerdings nur für zwanzig Stunden. Frau Wenzel ist eine feine, zierliche Frau und die Einzige hier, mit der ich mich sieze. Wenn ich die Endfünfzigerin nicht hätte, dürfte ich übrigens niemals auch nur für eine Stunde am Tag die Apotheke verlassen. Die Apothekenbetriebsordnung schreibt vor, dass immer ein Apotheker anwesend zu sein hat, wenn pharmazeutisch gearbeitet wird. Aber das nur am Rande.

Ich arbeite das Wichtigste ab, bevor ich wieder nach vorne in den Verkaufsraum gehe.

Herr Schröder kommt in den Laden. Der Neunundsiebzigjährige lebt seit Jahren mit seiner Prostatakrebs-Erkrankung. Wie immer halten wir einen kleinen Plausch, bevor ich ihm seine Medikamente aushändige.

Bevor ich mich selbstständig gemacht habe, hätte ich nicht gedacht, dass ich jemals so eine enge Bindung zu meinen Kunden aufbauen würde. Inzwischen kenne ich viele Geschichten, leider haben die meisten davon kein Happy End. Sie handeln von Krankheit und Einsamkeit im Alter. Die Senioren hier im Kiez sind mir besonders ans Herz gewachsen. Oft liefere ich persönlich nach Feierabend noch Medikamente aus, weil ich weiß, wie mühsam es für einige ist, persönlich vorbeizukommen.

Gefühlt leidet heute jeder Zweite an einer schlimmen Erkältung. Der nasskalte Winter gibt auf seine letzten Tage noch einmal alles. Nasensprays und Halsschmerztabletten gehen im Akkord über den Tresen.

Bei einem schnellen Schluck Kaffee zwischendurch schaue ich auf mein Telefon. Keine Nachricht von Konstantin. Aber das ist nicht verwunderlich. Unter der Woche hat jeder von uns sein eigenes Leben. Ich weiß ja, wie er in seinem Job jonglieren muss. Da bleibt bei all dem Stress tagsüber keine Zeit und Muße für ein Zeichen. Meist telefonieren wir kurz am Abend, und dann schicken wir uns vor dem Zubettgehen noch eine Liebesbotschaft.

Das Geschäftstelefon klingelt. Ein Patient möchte wissen, ob ich einen bestimmten Betablocker vorrätig habe. Leider muss ich ihn enttäuschen.

Beinah ununterbrochen ertönt der Gong der Eingangstür, wird geniest und geschnaubt. Nur noch zehn Minuten bis Ladenschluss, im Endspurt haben wir noch alle Hände voll zu tun.

Da betritt Sebastian die Apotheke. Weil ich gerade mitten im Gespräch mit einer Kundin bin, teile ich ihm nur mimisch meine Freude über seinen spontanen Besuch mit. Er lacht, wahrscheinlich über meine Grimasse, und nimmt den Weg hinter der Ladentheke an mir vorbei ins Büro. Sebastian kennt sich hier aus.

»Bitte achten Sie darauf, dass Sie das nicht gleichzeitig damit einnehmen, denn es hemmt die Wirkung. Warten Sie damit mindestens zwei Stunden«, sage ich.

Die Kundin nickt, und ich händige ihr die Tabletten gegen Herzrhythmusstörungen aus.

»Danke, Frau Weisse. Haben Sie einen schönen Feierabend.«

»Sie auch, auf Wiedersehen, Frau Möller.«

Als sie sich umdreht und geht, denke ich, dass es sicher besser wäre, einer Rentnerin statt eines schönen Feierabends einfach nur einen schönen Abend zu wünschen, aber dafür ist es nun zu spät.

Feierabend! Bis auf ein junges Paar, das von Edith bedient wird, hat sich die Apotheke geleert. Gleich können wir zuschließen. Da kommt auf den letzten Drücker die alte Frau Schulz herein. Ich gebe ihr die verschriebene Kortisonsalbe, höre ihr zu und schenke ihr aufbauende Worte. Vor Kurzem ist ihr Mann gestorben, Kinder hat sie keine, nur einen zotteligen, blinden Hund. Jedes Mal, wenn ich die beiden zusammen sehe, berührt mich das. Niemals könnte ich die Frau abwimmeln, da kann es noch so spät sein. Das junge Paar verlässt die Apotheke, und Edith schließt schon einmal ab.

»Schönen Feierabend«, rufe ich ihr zu. Auch Karin und Ursula verabschieden sich.

Nachdem ich zehn Minuten mit Frau Schulz geplaudert habe, entlasse ich sie in den Abend. Nun bin ich allein mit Sebastian.

2

»Geschafft!« Ich sinke neben Sebastian auf das Sofa gegenüber dem Schreibtisch und lege die Beine hoch. Sie schwellen manchmal an, wenn ich zu viel stehe.

Sebastian legt die Apotheken Umschau zur Seite und rückt seine neue Brille mit dem feinen Metallrahmen zurecht. Sie hat die Nerdbrille abgelöst, die jahrelang sein Markenzeichen war.

»Das hat aber auch gedauert. Ich habe schon mal den kalten Kaffee ausgetrunken.«

»Nur zu. Ich kann dir auch frischen anbieten, Tee, Orangensaft oder Leitungswasser. Kekse, Salzstangen und Schokolade sind auch vorrätig, nur Alkohol ist aus.«

Wenn Sebastian spontan vorbeikommt, dann hat er meist Appetit oder braucht ein rezeptpflichtiges Medikament.

»Nein, danke, ich bin ausnahmsweise mal nicht hier, um zu konsumieren, und Drogen brauche ich auch keine.«

»Oh, ich freue mich trotzdem, dich zu sehen. Aber was verschafft mir dann so spontan die Ehre? Ärger mit Lea?«

»Nein. Am Samstag ist doch Leas Geburtstag, und ich habe mir überlegt, eine Überraschungsparty für sie zu organisieren. Das möchte ich gern mit dir besprechen.«

»Ernsthaft? Sie hat sich doch unter Androhung der Todesstrafe verbeten, diesen Geburtstag in irgendeiner Weise in den Mittelpunkt zu stellen. Ich dachte, ihr wolltet wegfahren.«

»Stimmt, aber daraus wird leider nichts. Ich muss wegen der neuen Forschungsreihe am Sonntag früh im Labor sein.«

»Das ist nicht dein Ernst! Das kann niemand anderes übernehmen?«

Sebastian schüttelt den Kopf. »Das ist mein Projekt, für Lea ist das okay. Aber sie freut sich sicher, wenn ich mir trotzdem etwas einfallen lasse, auch wenn sie sich das nicht eingestehen würde. Hast du doch ein paar Salzstangen für mich?«

»Sie sind da drüben im Schrank, bitte bediene dich. Du bist wirklich mutig, mein Lieber.«

»Nein, ich möchte nur, dass der Tag etwas Besonderes für sie wird.«

Sebastian holt die Salzstangen und fängt an zu knabbern.

Lea wird fünfzig. Damit ist sie zwölf Jahre älter als Sebastian. Aber der Altersunterschied hat bei den beiden nie eine Rolle gespielt. Es waren immer die anderen, die sie darauf ansprachen. Sehr eindrucksvoll fand ich die Frage eines Kollegen von Sebastian: »Stört es dich nicht, dass sie mehr als ein Jahrzehnt älter ist als du?« Sebastian lachte nur kurz auf und verwies ihn auf seine einundzwanzig Jahre jüngere Freundin. Dazu fällt einem wirklich nichts mehr ein.

Lea hat eine dreiundzwanzigjährige Tochter, die in Marburg studiert und ungefähr einmal im Quartal zu Besuch kommt. Als Lea und Sebastian zusammenkamen, war sie achtzehn und konnte bereits souverän mit der Konstellation umgehen. Anfangs wollte Sebastian Lea dazu überreden, ein Kind mit ihm zu bekommen.

»Ich bin durch mit dem Thema und außerdem Zahnärztin, kein Celebrity«, hat sie nur gesagt und Sebastian hat es irgendwann akzeptiert. Ich hatte nie einen Zweifel an ihrer Liebe.

»Und was ist, wenn sie dich doch umbringt?«

»Leben heißt Risiko. Es soll keine große Sache werden. Nur du und Konstantin und noch zwanzig enge Freunde.«

»Doch so intim?«, scherze ich und knabbere nun ebenfalls an einer Salzstange, macht leider süchtig. »Wie stellst du dir das vor?«

»Lea und ich machen einen Ausflug, und dann lotse ich sie am frühen Abend nach Hause. Den Schlüssel zur Wohnung gebe ich dir. Ihr versteckt euch dann hinter dem Vorsprung im Wohnzimmer und springt jubelnd hervor, wenn sie das Zimmer betritt. Vielleicht gestaltet ihr ein lustiges Transparent? Und wie wäre es mit Luftballons und Konfetti? Beim Lieferservice bestelle ich Pizza. Einen Alkoholvorrat habe ich bereits angelegt.«

Ich schiebe Salzstangen nach. »Den wirst du auch brauchen. Puh! Also ehrlich, schlimmer geht’s nicht. Wenn das dein Ernst ist, dann zweifle ich erstmals an unserer Freundschaft.«

Sebastian lacht. »Wofür hältst du mich? Dafür würde ich mich auch erschießen.«

»Was bin ich froh, dass wir uns da einig sind.« Wir lachen. Doch Sebastian wird schnell wieder ernst. »Julia, es geht nicht nur um Leas Geburtstag …« Er macht eine bedeutungsschwere Pause und reibt sich das Kinn.

»Sondern?«

»Also … Ich möchte ihr einen Antrag machen.«

Ruckartig nehme ich meine Beine vom Tisch. »Du möchtest was

»Findest du das so erschreckend?«

»Nein, entschuldige bitte. Ich bin nur verwundert, weil das nie ein Thema zwischen euch war.« Ich nehme eine Handvoll Salzstangen und nage daran wie ein Biber an einem Baumstamm.

»Worauf sollen wir denn warten? Wir sind seit über fünf Jahren zusammen. Ich liebe Lea und denke nicht daran, mich von ihr zu trennen. Das sind doch die besten Voraussetzungen für eine Ehe, oder?« Sebastian kräuselt die Stirn und sieht mich unsicher an.

»Absolut, aber damit hätte ich trotzdem nicht gerechnet.«

»Hey, Jule, ich werde Lea fragen, nicht dich.«

Nun muss ich lachen. »Da bin ich aber froh.«

»Wenn ich es nicht mache, werde ich nie erfahren, ob sie meine Frau werden möchte.«

»Da ist was dran.«

»Es stimmt schon, Lea hat es nie thematisiert. Aber ich bin mir einfach sicher. Und vielleicht stehen die Chancen gut, immerhin war sie noch nicht verheiratet. Wenn sie Ja sagt, dann möchte ich sie am 12. Oktober heiraten, das ist der Tag, an dem wir uns zum ersten Mal geküsst haben. Genau sechs Jahre ist es dann her.«

»Das weißt du noch so genau?«

»Ja, diesen Tag werde ich nie vergessen. Wir feiern ihn jedes Jahr. Es soll nur eine ganz kleine Hochzeit werden und dann ab in die Flitterwochen auf die Seychellen, da wollen wir schon lange mal hin.«

Sebastians Augen glänzen, all seine Liebe zu Lea liegt in seinem Blick. Ich nehme ihn in die Arme.

»Mach langsam, mein Lieber! Aber sie kann sich wirklich glücklich schätzen, dass sie einen Mann wie dich hat. Ihr beiden seid für mich der Inbegriff einer erfüllten Liebe. Ach du meine Güte, jetzt werde ich noch ganz sentimental.« Ich merke, wie sich meine Augen mit Tränen füllen, löse mich aus der Umarmung und klatsche mir mit der flachen Hand ins Gesicht.

»Du bist wirklich süß, Julchen. Aber Lea muss erst mal Ja sagen. Wobei, wenn sie ablehnt, wäre das auch ein Grund zum Weinen.« Sebastian tätschelt etwas unbeholfen meinen Arm.

»Es geht schon wieder. Jetzt brauche ich aber was zum Trinken. Du auch?«

»Ja, einen Doppelten bitte.«

Ich mixe uns eine Orangensaftschorle.

»Auf die Liebe«, sage ich.

Sebastian strahlt. »Da kann man nicht oft genug drauf trinken.«

»Um noch mal auf deine Idee mit der Überraschungsparty zurückzukommen, das war wirklich nur ein Scherz, ja?«

»Nicht ganz. Ich möchte euch gern an diesem großen Tag, bei dieser großen Frage dabeihaben.«

»Aber der Antrag ist doch ein intimer Moment. Dabei haben Konstantin und ich nichts zu suchen.«

»Stimmt nicht. Das ist eine Lebensentscheidung, und ihr beiden zählt zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Mein Cousin ist wie ein Bruder für mich, und du bist wie eine Schwester!«

Ich verziehe das Gesicht. »Aber wer will denn schon seine Geschwister dabeihaben?«

»Bitte!« Sebastian faltet seine Hände und sieht mich so flehend an, dass ich lachen muss.

»Also gut. Aber wir stehen weder für einen Flashmob noch für eine Choreographie zu Marry you zur Verfügung. Und überhaupt, dieser Song kommt mir nicht in die Ohren!«

Sebastian grinst. »Versprochen.«

»Viel Zeit bleibt nicht mehr. Hast du schon mit deinem Lieblingscousin darüber gesprochen? Er hat mir zumindest noch nichts davon erzählt.«

»Nein, noch nicht. Als ich ihn vorhin angerufen habe, hatte er mal wieder keine Zeit. Manchmal frage ich mich schon, wie lange er dieses Leben noch führen kann. Das ist doch auf Dauer ein Albtraum für eure Beziehung.«

»Also, meine Albträume sehen schlimmer aus, ehrlich. Da fließt viel Blut, und ab und zu fallen mir die Zähne aus.«

»Oje, das möchte ich besser nicht deuten.«

»Danke, sehr rücksichtsvoll, Dr. Freud. Was soll’s? Es ist eben so. Konstantin und ich managen unser Leben doch ganz gut, oder? Außerdem wusste ich ja von Anfang an, worauf ich mich einlasse.«

Sebastian verzieht den Mund. »Ja, ja, bis er vierzig ist, wird er richtig reinhauen, unser Karrierist, ich weiß. Aber trotzdem, eine Beziehung managen, das klingt nicht sehr ansprechend. Das wäre nichts für mich.«

»Okay, du musst unser Modell nicht zwangsläufig kopieren. Aber auch wir lieben uns!«

Sebastian beugt sich über sein Glas. »Hoffentlich reicht das auf Dauer.«

»Was willst du damit sagen?«

Er zuckt mit den Schultern. »Entschuldige! Ihr müsst selber wissen, wie ihr miteinander leben wollt.«

Da wird mein Herz von einer Sekunde zur anderen schwer. Die Sehnsucht, bis eben noch wie immer an geschäftigen Tagen im Hintergrund, ist geballter denn je zurück. Ich senke den Kopf.

Sebastian streichelt mir über den Rücken. »Hey! Ich wollte dich nicht verunsichern.«

Einatmen. Ausatmen. Ich lehne mich an Sebastians Schulter.

»Er fehlt dir, ich weiß. Mir kannst du nichts vormachen, Miss Toughi Tough.«

»Miss Toughi Tough

»Ja, du tust immer so, als würde dir das alles nichts ausmachen.«

»Jammern hilft ja nicht, habe ich schon ausprobiert, wenn ich allein zu Hause bin. Du glaubst gar nicht, wie gut ich darin sein kann.« Ich schlage mir sanft gegen die Stirn, so wie ich es immer tue, wenn ein Blues naht.

»Weiß Konstantin überhaupt, wie sehr du ihn vermisst?«

Ich schüttele den Kopf. »Nein! Was würde das ändern? Er hat unter der Woche weiß Gott genug zu tun. Eine jammernde Frau ist das Letzte, was er braucht. Außerdem habe ich selber ein straffes Programm und eigentlich überhaupt keinen Grund zum Jammern. Wie ich schon gesagt habe, ich wusste, worauf ich mich mit ihm einlasse. Wir kommen wirklich klar. Eine Wochenendbeziehung hält die Liebe frisch.«

»Tse, da ist sie ja wieder, meine Miss Toughi Tough.«

Ich strecke Sebastian die Zunge raus. »Jetzt hast du schön abgelenkt. Ich weiß noch immer nicht, wie du dir Leas Geburtstag mit uns vorstellst.«

»Stimmt.« Sebastian kratzt sich am Kopf. »Also, Lea liebt gutes Essen und hasst bemühten Witz.«

»Ja, da gehe ich mit. Und was kommt jetzt?«

»Ich führe sie schick zum Essen aus. Wir gehen ins Shade, das ist dieses gefeierte neue Restaurant in Mitte. Ihr kommt dann später als Überraschungsgäste dazu.«

»Gut, meinetwegen. Deswegen wird sie dich vermutlich nicht umbringen. Und wann kommt der Antrag?«

»Beim Dessert. Die Frage aller Fragen wird mit flüssiger Schokolade auf den Dessertteller geschrieben, quasi la Dolce Vita im wahrsten Sinne des Wortes.«

»Du kleiner Philosoph. Aber das ist sicher besser, als den Ring irgendwo einbacken zu lassen oder im Champagnerglas zu versenken. Ich bin wirklich gespannt auf ihre Reaktion.«

Sebastian fasst sich an die Brust. »Frag mich mal.«

Trotz meines Salzstangenkonsums meldet sich mein Magen mit einem lauten Knurren zu Wort. Ich schlage sanft drauf.

»Der sehnt sich nach etwas Vernünftigem. Gehen wir noch eine Kleinigkeit essen?«

Sebastian wirft einen Blick auf die Uhr. »Was, so spät schon? Nein, das wird leider nichts. Lea kommt kurz nach acht und bringt Sushi mit. Magst du mit zu uns kommen?«

»Danke, das ist lieb, aber mir ist nicht nach Fisch. Ich gehe lieber nach Hause und hole mir auf dem Weg etwas beim Thailänder.«

Gemeinsam verlassen wir die Apotheke.

»Wir sehen uns am Samstag«, sagt Sebastian und nimmt mich zum Abschied herzlich in den Arm.

Es ist Freitagabend. Ich stehe am Flughafen und warte auf Konstantin. Mein Herz schlägt schneller, als sich die Automatiktür öffnet und er in seinem dunkelblauen Anzug heraustritt, den Mantel lässig über den Arm geworfen. Er zieht seinen schwarzen Rollkoffer hinter sich her und lacht mir entgegen. Ich stürme auf ihn zu und umarme ihn innig.

»Dass du hier bist, meine wunderschöne Julia! Es tut so gut, dich zu sehen.« Konstantin gibt mir einen langen Kuss.

»Ich hätte es nicht ausgehalten, dich erst in einer halben Stunde zu sehen.«

Erst jetzt sehe ich, wie fertig Konstantin aussieht. Zugegeben, er sieht am Ende der Woche immer abgekämpft aus, aber heute fällt es mir besonders auf. Er ist blass, seine Augen sind gerötet und tiefe, dunkle Ringe liegen darunter. Er versucht, ein Gähnen zu unterdrücken, als er sich den Mantel überzieht.

»Du bist hundemüde, was?«

»Nein, es geht schon.«

»Gehen wir zu dir oder zu mir?«, frage ich und hake mich bei Konstantin unter. Es hat ja durchaus seinen Reiz, dass wir uns diese Frage nach all den Jahren noch stellen können. Wir laufen ein paar Meter durch den klaren, kalten Abend zu meinem Wagen.

»Zu mir, ich möchte erst mal mein Gepäck loswerden. Da können wir dann auch gern bleiben.«

Konstantin verstaut das Gepäck im Kofferraum. Wir fahren los.

»Na, ganz so begeistert scheinst du nicht zu sein …«

»In deiner Wohnung ist es sicher kalt, bei mir ist es warm.«

Konstantin legt seine Hand in meinen Nacken und massiert meinen Haaransatz.

»Für dich geht doch nichts über deine kleine, kuschelige Wohnung, was?«

»Du willst das Potenzial deiner vier Wände ja nicht voll ausschöpfen. Ha! Das machst du mit Absicht, damit ich nicht auf die Idee komme, bei dir einzuziehen. Du bist durchschaut!«, scherze ich.

»Ist das so offensichtlich?«

»Ja, irgendwie schon.«

Mehr als einmal habe ich Konstantin schon gesagt, dass seine Wohnung in Einrichtungsfragen eine weibliche Hand vertragen könnte. Er lebt in einer hundertfünfzig Quadratmeter großen Eigentumswohnung, Dachgeschoss-Maisonette. Eine große Terrasse mit einem grandiosen Blick über Berlin gehört dazu, ebenso wie eine Sauna. Die Wohnung ist viel zu groß für ihn, aber es war damals ein gutes Investment, wie er mir erklärte. Der Wert habe sich bereits mehr als verdoppelt. Vor allem aber hat die Wohnung keine Seele, wie ich finde. Dabei hat Konstantin nach dem Kauf einen bekannten Innenarchitekten engagiert. Leider passierte das vor meiner Zeit, ist aber immer wieder ein Argument von ihm, wenn ich mit meinen Verbesserungsvorschlägen gegen eine Wand laufe. Der Einrichtungsstil ist allzu minimalistisch und clean.

Die Ampel springt auf rot, ich trete auf die Bremse. Konstantin hat sich über sein Smartphone gebeugt. Er seufzt und reibt sich die Schläfe.

»Was die Briten da ausgelöst haben, ist mehr als eine Katastrophe«, murmelt er und tippt eifrig.

»Was machst du da?«

»Nur noch eine E-Mail.«

Die Ampel springt auf grün, ich gehe aufs Gas.

»Hey, es ist Wochenende!«

Über meinen Einwurf kann aber selbst ich nur müde lächeln. Denn Konstantin schaltet so gut wie nie ab, und irgendwas ist immer. Er legt das Telefon zur Seite und seufzt.

»Ja! Es ist Wochenende … Eine richtige Mistwoche liegt hinter mir. Es gibt so viele neue Baustellen, ich weiß noch nicht, wie ich da hinterherkommen soll, ob das alles zu schaffen ist.«

Es ist selten, dass Konstantin Schwäche zeigt.

»Du brauchst jetzt erst mal eine warme Badewanne.«

Er gähnt. »Das wäre tatsächlich genau das Richtige. Hältst du noch schnell bei McDonalds an? Ich habe einen Riesenhunger.«

Ich werfe ihm einen raschen Seitenblick zu. »Du Gourmet! Wenn du gleich mit zu mir kommst, zaubere ich dir Spaghetti aglio e olio, die magst du doch so gern. Na, wie wär’s?«

Mein Talent in der Küche ist überschaubar, aber zumindest ein paar einfache Gerichte kriege ich hin.

»Na gut, mein Magen hat entschieden, lass uns direkt zu dir fahren.«

»Das ist eine gute Entscheidung.« Lächelnd setze ich den Blinker und nehme den Weg zu mir.

Mit einem voll beladenen Tablett komme ich ins Bad. Bedeckt von weißem Schaum liegt Konstantin mit geschlossenen Augen in der Badewanne. Kerzen flackern, Chopins Ballade Nr. 1 kommt aus der Bluetooth-Box auf der Ablage. Aber was ist das? Er kann es selbst hier nicht lassen! Mit leuchtendem Display liegt sein Telefon auf dem Badewannenrand, er muss es gerade benutzt haben.

Ich räuspere mich. »Entschuldigen Sie die Störung, wer kriegt die Spaghetti aglio e olio?«

Ein breites Lächeln legt sich auf Konstantins Gesicht, bevor er eine Hand hebt. »Für mich bitte. Es geht doch nichts über den hervorragenden Service in Ihrem Haus!«

»Empfehlen Sie uns bloß nicht weiter. Die Lieferung wird übrigens extra berechnet«, witzele ich, lege das Telefon an einen sicheren Ort und schiebe Shampoo, Conditioner und Badezusätze beiseite. Dann stelle ich das Tablett mit den beiden Tellern und Weißweingläsern ab und setze mich auf den Wannenrand.

»Die Extrakosten zahle ich gern. Jetzt gleich?«

Ich grinse und gebe Konstantin einen Kuss auf seine feuchtheiße Stirn. »Besser später, lass uns erst mal essen.«

»Wie gemütlich wir es hier haben. Ich liebe es, dass du spontan so unkonventionell sein kannst und es schaffst, dein kleines Bad zum schönsten Lokal der Welt zu machen.« Konstantins warme, nasse Hand streichelt meinen Arm. Ich bin selig. Dann inhaliert er die Spaghetti, anders kann ich es nicht nennen, so ausgehungert muss er gewesen sein.

Nach dem Essen stoßen wir auf unser Wochenende an.

»Jetzt geht es mir wieder richtig gut«, sagt Konstantin.

Ich nehme ihm das Glas aus der Hand und stelle es zusammen mit meinem auf den Fliesen ab, dann küssen wir uns. Er umschlingt mich wie ein Krake, und bevor ich’s mich versehe, lande ich in der Wanne. Ich stoße einen spitzen Schrei aus, aber es nutzt nichts, ich bin nass und kichere wie ein Teenager. Währenddessen befreie ich mich mit Konstantins Hilfe von meinen Anziehsachen. Pullover, Hose und Unterwäsche landen mit einem Platsch auf den Fliesen.

»Na, was lernst du daraus?«

»Dass ich in solchen Situationen niemals einen Ski-Overall tragen sollte?«

»Genau!«

Mit einem leidenschaftlichen Kuss erstickt Konstantin mein Gekicher. Die Wanne ist eindeutig zu klein für uns beide. Das inzwischen nur noch lauwarme Wasser schwappt über, als wir uns hin und her bewegen, aber das ist mir in diesem Moment egal. Irgendwann ist Konstantin über mir, ich lege ein Bein über den Wannenrand und stemme das andere gegen den Wasserhahn, um einen festeren Halt zu haben. Hoffentlich reiße ich ihn nicht heraus. Dazu kralle ich mich an Konstantins Rücken fest. Es tut so gut, ihn zu spüren, auch wenn meine Position alles andere als bequem ist. Im Hintergrund begleitet uns noch immer Chopin.

Irgendwann lösen wir uns voneinander, das Wasser ist kalt geworden, ich friere.

Wir steigen aus der Wanne und hüllen uns in große weiße Handtücher.

Im Bett erzähle ich Konstantin von Sebastians Plänen. Die beiden haben es die ganze Woche nicht geschafft, miteinander zu sprechen. Immerhin ist schon morgen Leas großer Tag.

»Mein lieber Sebastian will es aber wirklich wissen! So kenne ich ihn gar nicht.«

»Ich finde es wundervoll. Dass er sie heiraten möchte, ist doch das größte Liebesbekenntnis.«

Konstantin löscht das Licht. »Na, ich weiß nicht. Meiner Meinung nach braucht auch die größte Liebe keinen Trauschein. Die Ehe wird schlicht überbewertet. Sie ist doch nur ein Akt der Bürokatie. Wenn man sich liebt, liebt man sich, so oder so. Womöglich ist es sogar spannender, nicht zu heiraten, weil dadurch nichts selbstverständlich ist.«

»Die Liebe sollte niemals selbstverständlich sein.«

»Da hast ja so … recht …«, säuselt Konstantin, und dann ist er auch schon eingeschlafen.

Die Fähigkeit der Männer, innerhalb von Sekunden wegzutreten, wird für mich auf ewig ein Phänomen bleiben. Ich schmiege mich eng an ihn und spüre seinen Herzschlag. Irgendwann sinke ich ebenfalls in den Schlaf. Mit Konstantin an meiner Seite gelingt mir das viel besser als allein.

3

Samstag muss ich früh raus, denn auch an diesem Tag arbeite ich. Aber zumindest schließt die Apotheke da bereits um eins. Es gelingt mir, mich so leise aus dem Bett zu stehlen, dass ich Konstantin nicht aufwecke.

Die ersten Kunden warten schon vor der Tür, als ich aufschließe. Auch heute plagen sich viele mit Erkältungssymptomen herum, aber auch Magen-Darm ist ein Thema. Ursula arbeitet mit mir. Wir haben kaum eine ruhige Minute.

Eine Schwangere möchte Folsäure kaufen, doch plötzlich hat sie mit Kreislaufproblemen zu kämpfen.

»Helft mir doch!«, klagt sie und klammert sich an ihrem rastagelockten Freund fest.

»Machen Sie doch was!«, ruft der unsicher.

Ich schiebe ihr einen Stuhl unter und messe ihr den Blutdruck, er ist etwas niedrig.

»Mit einem Traubenzucker und einem Glas Wasser haben wir das schnell wieder im Griff, das ist kein Grund zur Sorge«, sage ich und biete ihr beides an. Doch sie lässt sich nicht beschwichtigen.

»Das ist alles? Was, wenn es etwas Schlimmes ist? Ich bin im sechsten Monat!«, kreischt sie völlig unangemessen. »Gunnar, sag doch auch mal was!«

Rasta-Gunnar hat anscheinend nur auf eine solche Ansage gewartet. »Ich hole Hilfe!«, sagt er und nimmt sein Telefon aus der fleckigen Jeans.

Mir bricht der Schweiß aus. »Bitte! Gehen Sie am Montag zu Ihrer Frauenärztin, wenn Sie sich Sorgen machen, aber denken Sie an echte Notfälle und wählen Sie nicht den Notruf.«

Doch mein Appell wird ignoriert, Gunnar ruft einen Krankenwagen.

»Bis Montag können wir nicht warten«, ruft seine Freundin.

Als ich höre, wie der offensichtliche Kindsvater am Telefon die Lage dramatisiert, kann ich nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Der Krankenwagen lässt nicht lange auf sich warten. Was für eine Aufregung um Nichts! Der Frau geht es längst besser, ihr Blutdruck ist im Normalbereich. Die Sanitäter verabschieden sich schnell wieder. Aber die Schwangere gibt noch immer keine Ruhe. Sie lässt sich von Gunnar in die nächste Notaufnahme fahren.

»Tja, Sie sehen, hier kann man immer wieder etwas erleben«, sage ich zu einer Stammkundin, die das Drama live verfolgt hat.

»O ja, ganz sicher! Aber darum beneide ich Sie nicht.«

Ich nehme ihr Rezept entgegen und händige ihr die Fertigspritzen gegen ihre Beckenvenenthrombose aus. Weitere Aufregung bleibt mir bis zum Feierabend erspart.

Konstantin ist mittlerweile in seine Wohnung umgesiedelt. Ich fahre gleich nach der Arbeit zu ihm. Kaum fällt die Tür hinter mir ins Schloss, lieben wir uns über den weitläufigen Flur bis auf die große Couch im Wohnbereich. Von dort ziehen wir um aufs Bett und lieben uns noch einmal, bevor wir aneinandergeschmiegt einschlummern.

Ich schrecke hoch, als Konstantins Telefon klingelt. Warum wundere ich mich nicht darüber, dass es direkt neben dem Bett liegt? Ein Kollege ist dran. Obwohl noch schlaftrunken, scheint mein Freund sofort im Thema zu sein, noch dazu auf Englisch. Ich reibe mir die Augen und schwinge mich aus dem Bett. Mit meinem Blick signalisiere ich Konstantin, dass wir uns beeilen müssen. Er nickt, redet aber dennoch mindestens zwanzig Minuten über Dinge wie Equity Research, Mergers and Acquisitions und Pitch books. Langsam werde ich unruhig. Es dauert weitere zehn Minuten, bis er endlich auflegt.

»Wir müssen in einer Stunde im Restaurant sein!«, mahne ich.

»Was? Schon? Warum?«

»Leas Geburtstag! Und der Antrag!«

»Oh! Bin gleich dabei.« Er schreibt eine Nachricht.

Ich stemme meine Hände in die Hüften. »Kannst du das jetzt bitte mal lassen? Sonst werfe ich das Ding aus dem Fenster!«

»Und gesendet! Okay, jetzt bin ich wieder ganz bei dir.« Konstantin legt das Telefon ab.

»Na hoffentlich. Wie lange brauchst du? Ich muss noch zu mir, mich umziehen und das Geschenk holen.«

»In zehn Minuten bin ich fertig.«

Konstantin verschwindet im Bad, ich höre die Dusche rauschen. Nach nur drei Minuten ist er wieder bei mir, nackt und frisch. Sein Anblick stimmt mich milder.

»Schade, dass wir keine Zeit mehr haben«, säusele ich.

Konstantin kontert mit einem bemüht verführerischen Blick. »Wollen wir absagen?«

Da muss ich lachen. »Nein! Das können wir nicht machen. Ich beherrsche mich.«

»Schade. Was schenken wir Lea?«

Konstantin steht vor seinem weißen Einbaukleiderschrank, in dem akkurat seine Anzüge und Hemden hängen. Er nimmt einen graumelierten Anzug vom Bügel, dazu ein weißes Hemd.

»Sie kriegt einen Erlebnisgutschein für einen Tandemsprung. Sebastian meinte, sie wolle unbedingt einmal Fallschirmspringen.«

»Komm bitte niemals auf die Idee, mir so einen Gutschein zu schenken. Der Sinn seines Lebens bei mir würde einzig darin bestehen, zu verfallen.«

Er steckt das Hemd in die Hose und schließt den Gürtel.

»Darauf läuft es doch bei uns allen hinaus, oder?«

»Na, na, was sind das denn plötzlich für Töne? Ab in meine Arme mit dir! So viel Zeit muss sein.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Solange wir lieben" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen