Logo weiterlesen.de
Solange du deine Füße …

WALTER SCHMIDT


SOLANGE DU
DEINE FÜSSE …    

Was Erziehungsfloskeln
über uns verraten

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Eltern,
die – solange sie lebten – nur mein Bestes wollten und ihr Bestes gaben.
Und für meine Tochter,
die
ihr Bestes hoffentlich einmal selbst finden wird.

OMAS HAMMER


Wenn ich selber früher Sprüche von Erwachsenen nicht ausstehen konnte, dann vor allem einige meiner Großmutter. Besuchte ich sie wieder einmal, für ihren Geschmack natürlich viel zu selten, holte sie rasch zu einem ihrer üblichen Donnerschläge aus: »Wie hast du denn überhaupt den Weg noch zu mir gefunden!« Ein Fragezeichen verbietet sich, denn eine Frage war es nicht. Es lief fast immer gleich ab: Ich klingelte, Oma schlurfte zur Haustür und öffnete sie, musterte mich kurz und sagte dann zum Beispiel: »Ja, erkennst du mich denn überhaupt noch?« Oder auch: »Weißt du denn noch, wer ich bin?« Statt sich über mein ersehntes Auftauchen zu freuen, versetzte sie mir schon an der Haustür kunstvoll einen Gewissensbiss, so dauerhaft wie ein Tattoo. Es nervte und führte nur dazu, dass ich mir bis zum nächsten Besuch bei Oma noch mehr Zeit ließ, wodurch ihre Begrüßungssprüche noch kläglicher klangen, was wiederum meine Lust, sie zu besuchen … Aber Sie wissen schon!

Verrückt nur, dass ich über dreißig Jahre später selbst bisweilen versucht bin, meine Tochter so ähnlich zu empfangen. Sie ist jetzt 15 und lebt bei ihrer Mutter, und vor allem ist sie seit Menschengedenken in der Pubertät – was soll ich da noch viele Worte verlieren. Jugendliche stehen nicht morgens auf und beginnen sogleich damit, sich nach ihren Eltern zu verzehren. Sie interessieren sich auch mehr für ihre Mitesser als dafür, mitzuessen, wenn die Mahlzeit auf dem Tisch dampft. Auch einem Vater, der woanders wohnt, rennt man in diesem Alter nicht hinterher, selbst wenn man ihn mag. Die interessanteren Männer sind nun mal deutlich jünger, auch wenn sie mehr Pickel haben, aber dafür auch noch alle Haare.

Immerhin ist mir bisher noch keiner von Omas Sprüchen über die Lippen gekommen. Nur gedacht habe ich den einen oder anderen: klammheimlich, ein wenig gekränkt und vor allem entsetzt über mich selbst. Denn was nachdenkliche Eltern verstören kann und gerne auch darf, ist ihre Neigung, die eigenen Kinder mit denselben Maximen und Ermahnungen zu traktieren, denen sie selbst früher ausgesetzt waren und die mit der Zeit zu eingefleischten Familienregeln geworden sind. Wenn es gut läuft, wehren sich unsere Söhne und Töchter erst einmal dagegen und denken später im Stillen darüber nach. Viele Redensarten sind schließlich auch hilfreich oder haben zumindest einen wahren Kern.

Doch weder sagen Eltern nur vernünftige Dinge, noch tun sie es immer auf faire Weise. So sind wir Menschen halt, und oft ist das auch nicht weiter schlimm. Doch mit manch unbedachter Floskel können auch liebevolle Eltern ein Kind sehr kränken oder nachhaltig verunsichern. Und leider wachsen nicht wenige Jungen und Mädchen in Elternhäusern auf, in denen mit überaus heiklen oder auch hinterhältigen Sprüchen regelrecht manipuliert und zurechtgebogen wird, was nicht passend oder unbotmäßig erscheint. Öfter, als man denkt, müssen Kinder dabei noch für Demütigungen büßen, die ihren Eltern bereits von den Großeltern zugefügt worden sind. Auf diese Weise muss sich so mancher junge Mensch noch heute hinter die Ohren schreiben, was schon dem Opa eingebläut worden ist – oder sogar dem Urgroßvater. Nicht nur Geld und Häuser werden vererbt.

Die meisten Kinder, selbst ältere, nehmen sich sehr zu Herzen, was wichtige Bezugspersonen zu ihnen sagen. Im Guten können wir unserem Nachwuchs auf diese Weise Liebe, Kraft und Rückhalt einpflanzen. Doch leider prägen sich gerade problematische Erziehungsfloskeln den Kindern leicht ein und können zur lebenslangen Bürde werden – wie bei einer Bekannten aus dem Rheinland, deren Vater seinen Kindern immer wieder den düsteren Spruch »Wer nicht arbeitet, bekommt auch nichts zu essen!« vorhielt. Wie auch immer der Mann das gemeint haben mag: Schon als Vorschulkind malte sich das Mädchen aus, dass es wohl verhungern müsse, wenn es zu Hause nicht ausreichend mithalf. Und zu tun gab es auf dem Bauernhof der Eltern unentwegt etwas. Der Spruch ist über die Kinderjahre hinaus zum inneren Antreiber geworden. Noch heute, mit über fünfzig Jahren, macht die Industriekauffrau die Worte ihres Vaters dafür verantwortlich, sich bei der Arbeit oft zu überfordern und manchmal krank vor Stress zu sein. »Wer möchte schon gerne verhungern«, sagt sie im Rückblick auf ihre Kindheit. Hätte ihr Vater das seinerzeit doch nur gewusst! Denn schaden wollte er ihr sicher nicht.

Nur das Beste wird sich auch die Mutter Elvira Weibelmanns für ihre Kinder gewünscht haben. Ihre wiederholte Mahnung »Sein Herz darf man nicht überanstrengen!« hat einen tiefen Eindruck bei ihrer Tochter hinterlassen. Das ist auch kein allzu großes Wunder, denn sowohl die Großmutter als auch die Mutter der ängstlichen Mittsechzigerin aus dem Ruhrgebiet sind tatsächlich einem Infarkt erlegen – wenn auch nicht, weil ihre Herzen schon in Kindertagen durch Rennen oder Herumtollen überfordert worden wären. Weibelmann sucht häufig Ärzte auf, denkt oft an den Tod und sagt von sich, sie selbst habe »noch keinen« Herzinfarkt gehabt, was so klingt, als werde einer sie irgendwann ereilen. Immerhin weiß sie, dass der Spruch der Mutter zu ihrer Krankheitsfurcht ganz wesentlich beigetragen hat. Es gibt schönere Andenken an die Eltern.

WARUM WIR DIE EIGENEN ELTERN NACHBETEN


Gute Eltern und erfolgreiche Erzieher brauchen weniger pädagogisches Wissen als Selbsterkenntnis und ein damit übereinstimmendes Handeln.

Hans-Joachim Maaz, Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm1

Arbeit habe »noch niemandem geschadet«. Das ist einer der Sprüche, deren Bärte ungefähr so lang sind wie die Liste von Argumenten, die man gegen sie vorbringen könnte. Man denke hier nur an die Folgen von Zwangsarbeit oder die Herzinfarkte übermäßig leistungsorientierter Väter, die Kinder zu Halbwaisen gemacht haben. Und dennoch rutscht einem die Floskel schon mal selbst heraus, wenn man die Faulheitsattacken seiner Kinder rasch parieren möchte und keine eigenen Worte findet. Sogleich erinnert man sich dann daran, den Spruch mehr als einmal gehört zu haben: aus Mutters oder Vaters Mund oder auch vom alten Nachbarn, der ein strenger Schulmeister gewesen war. Nicht nur ewige Wahrheiten, falls es sie denn gibt, sondern auch Fragwürdiges und Schiefes haben halt irgendwo ihre Wurzeln.

Doch welcher Teufel reitet einen da eigentlich, wenn man auf altbackene Sprüche zurückgreift? Zunächst einmal ist es bequem, sich auf das zu stützen, was man eh schon weiß und glaubt verstanden zu haben. Unser Hirn spart gerne Energie, wo es doch so viel davon verbraucht bei seiner Arbeit Tag für Tag. Oft wiederholte Wendungen haben sich mit der Zeit ins Gehirn gefräst, sind eingängig geworden wie Hohlwege, auf denen Fuhrwerke jahrhundertelang durch die Landschaft rumpelten und dabei immer tiefere Rillen im Boden hinterließen. Freilich darf man sich einen verinnerlichten Elternspruch nicht als Furche in unserem Denkorgan vorstellen, sondern eher als Netz von Nervenzellen, die durch häufigen Gebrauch innig miteinander verschaltet sind und immer dann gemeinsam aktiv werden, wenn wir nach einem guten Argument suchen. Sehr treffend nennt der Sprichwort-Forscher Wolfgang Mieder die fix und fertig abgespeicherten Sprüche oder Redensarten »strategisch eingesetztes, vorformuliertes Weisheitsgut«, auf das wir bei passender Gelegenheit oder mangels besserer Einfälle sehr gerne zurückgreifen.2

Dieser Rückgriff läuft umso eher automatisch ab, je erregter wir sind. Denn unter Stress fällt es unserem Gehirn sehr schwer, Probleme kreativ zu lösen; es behilft sich stattdessen mit bewährten Strategien wie Flucht oder Kampf, wobei stammesgeschichtlich ältere Hirnteile besonders aktiv sind. Wenn unser Sohnemann uns also gehörig auf die Palme bringt mit einer patzigen Antwort, schwillt uns nicht nur leicht die Zornesader, sondern wir geben Sprüche zum Besten, die uns selbst schon bald darauf ziemlich abgedroschen vorkommen. Dasselbe passiert aus Angst, wenn unser Töchterchen auf dem Gehweg oder im Stadtpark plötzlich losspurtet, weil es auf der dicht befahrenen Straße oder am Wegesrand unglaublich Interessantes entdeckt hat. Dann rutscht uns eben ein schrilles »Bleib schön stehen!«, ein hingezischtes »Lass das liegen!« oder ein überängstliches »Fass die tote Maus nicht an!« heraus. Solange wir unsere Kinder lieben und sie das spüren, ist das auch nicht tragisch. »Solche Sprüche sind von den Eltern erst einmal gut gemeint, denn sie wollen ihre Kinder ja schützen«, sagt die Psychologin Elfriede Billmann-Mahecha von der Universität Hannover. »Außerdem ist es gut für Kinder, wenn sie klare Ansagen bekommen, nur muss man ihnen diese auch immer gut begründen.« Später und vor allem in der Pubertät überprüfen Kinder die von den Eltern übernommenen Haltungen ohnehin, legen manche davon ab und ersetzen sie durch andere.

Für Pubertierende gehört es selbstverständlich zum guten Ton, sich möglichst vielem zu widersetzen, was ihre Eltern daherbeten. Man darf das getrost gelassen sehen, denn wie man von sich selber weiß, wirkt das Vorbild der Eltern immer nach, auch wenn einzelne ihrer Weisheiten abgelehnt werden. Nicht selten brechen sich später ausgerechnet solche Sprüche wieder Bahn, die lange belächelt und mit Macht verdrängt worden sind. Gerade das, wogegen man sich ständig wehrt, bleibt wirksam und liegt griffbereit zur Hand, wenn man die eigenen oder gelegentlich auch fremde Kinder maßregeln möchte. Doch dieses für Söhne und Töchter so nervige Nachbeten abgedroschener Floskeln kann ja auch gute Seiten haben – dann nämlich, wenn die betreffenden Sprüche sinnvoll sind und junge Menschen unterm Strich ganz ordentlich auf das Leben vorbereiten. Dass zum Beispiel »noch kein Meister vom Himmel gefallen« sei, ist als Maxime nicht die schlechteste.

Dennoch schadet es nicht, sich klar darüber zu werden, was wir, im Guten wie im Schlechten, anrichten können mit unseren Sprüchen, genauer: mit der Haltung hinter ihnen, ganz gleich, ob wir unsere Tochter vor den Gefahren beim Erklimmen hoher Mauern warnen wollen oder unserem fünfjährigen Sohn vorhalten, für dieses oder jenes sei er »einfach noch zu klein« – denn vielleicht nimmt er sich unseren Kommentar so sehr zu Herzen, dass ihm für manche Herausforderungen des Lebens immer der Mut fehlen wird. Und vor allem sollte uns das Ziel vor Augen stehen, unseren Kindern zu zeigen, wie sie zu eigenen Werturteilen gelangen können. Denn es geht am Ende eben nicht darum, unsere Überzeugungen weiterzugeben, sondern unseren Sprösslingen zu ihren eigenen zu verhelfen. Hilfreich sei deshalb, in der Schule wie im Elternhaus, eine »Erziehung zum Werten«, meint der Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin. Was sollen unsere Kinder auch anfangen mit Werten und sogenannten Weisheiten, die sie selbst nicht teilen? Und die ihnen dann nicht helfen, wenn sie vor unbekannten Aufgaben stehen? Moderne Pädagogen täten also gut daran, Kinder nicht mit regelhaften Sprüchen für letztlich unvorhersehbare Situationen auszustatten. Vielmehr gelte es, junge Menschen zu befähigen, sich als selbstständig denkende Individuen in unvertrauten Situationen zu bewähren. »Dazu benötigt man keine Sprichwörter, also kein Regelwissen, sondern Urteilskraft«, findet Ladenthin.

Der Freiraum, nervige Vorgaben der Eltern offen hinterfragen zu dürfen, ist für ältere Kinder unverzichtbar, um zu wirklich mündigen Erwachsenen heranzureifen. Nur so können sie eine persönliche, zu ihnen passende Moralität entwickeln. Wer hingegen Merksätze der Eltern wie »Ehrlich währt am längsten« oder »Brave Kinder tun das nicht« zeitlebens artig befolgt, sei »auf der Skala moralischer Urteilsfähigkeit eher niedrig einzustufen«, meint auch der Psychologe Georg Lind von der Universität Konstanz. Solche geistig eher starren, zumindest aber bequemen Menschen gerieten zudem immer wieder in Konflikt mit anderen moralischen Anforderungen, die »kaum vernünftig lösbar sind«. Denn aus ihrer Sicht sollen die übernommenen Gebote der Eltern ja »unbedingt gültig« sein und »keinerlei Ausnahmen erlauben« – nicht gerade ein günstiges Klima für echte Weisheit. Sie zu entwickeln gelingt viel eher Menschen, die sich an den Elternsprüchen zwar orientieren, doch »im Konfliktfall wichtigeren Prinzipien aus guten Gründen den Vorzug geben«, wie Lind es ausdrückt. Solche Zeitgenossen besitzen den Mut und die Urteilskraft, eigene Wertmaßstäbe zu entwickeln«. Die ethisch Souveränen haben ihre Eltern nämlich dort überwunden, wo deren Werte einfach nicht zu ihnen passen.

Das schmeckt manchen Müttern und Vätern natürlich ganz und gar nicht. Gekränkt greifen sie dann zu dem beleidigten Spruch »Aber wir wollen doch nur dein Bestes!«, als ob sie wüssten, was das sein könnte. »Wir meinen viel zu oft, Gutes zu tun, wenn wir ein Gegenüber mit Werturteilen verproviantieren«, findet der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer.3 Dennoch bleibt es schwer auszuhalten, dass unser Nachwuchs unsere Werte nicht einfach dankbar übernimmt. Kinder seien eben »selten so, wie ihre Eltern sie sich gewünscht haben«, was übrigens auch umgekehrt gilt. Dem dürften die meisten Eltern zähneknirschend zustimmen, und dennoch finden viele von ihnen es »schrecklich, die Illusion vollständig aufzugeben, dass etwas von dem, was uns kostbar ist, in unseren Kindern weiterlebt«. Das klingt sehr pessimistisch.

In Wahrheit übernehmen Kinder eine ganze Menge von ihren Erzeugern, auch an Haltungen und Ansichten. Die Saat geht bloß erst später auf – leider auch im Schlechten, indem die Kinder zum Zerrbild ihrer Eltern werden: Dann verjubelt der Sohn des ehrbaren Bankiers all sein Geld, und der Vater, der seinem Jungen seit jeher Sparsamkeit vorgelebt hat, ist dem Verzweifeln nahe. Schmidbauer rät in solchen Fällen davon ab, unserem Sohnemann Lektionen über sinnvolle Notgroschen oder den unterschätzten Zinseszins-Effekt von Spareinlagen zu erteilen. Lieber sollten wir unseren Kindern Geschichten erzählen; darüber nämlich, wie wir selber so sparsam geworden sind, welche Lehren die eigenen Eltern uns erteilt haben und wie das Leben uns dann weiter mitgespielt und dadurch geprägt hat. Auch der entsetzte Bankier sollte bereit zum Zuhören sein; vielleicht würde er so ja erfahren, wie viel Lust es bereiten kann, Geld eben nicht zu horten, sondern sich ab und an etwas spontan zu gönnen – eine schöne Lust, die ein zwanghaft sparsamer Mensch sich zeitlebens mühsam versagt und die er deshalb in seinem Jungen bekämpfen muss: als dunklen »Schatten« der eigenen Seele. So bezeichnete der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875–1961) jene Anteile der eigenen Psyche, die man fürchtet und deshalb verdrängt und regelmäßig in anderen Menschen bekämpft.

Beim Zuhören könnten beide Männer, der junge und der ältere, einander wirklich begegnen, womöglich ja erstmals. Und wer weiß: Am Ende wären beider Blickwinkel geweitet. »Einen Punk im Haus zu haben, der aus seinem Leben erzählt, kann sehr interessant sein«, findet Schmidbauer mit Blick auf Eltern, die sich statt eines grellen Irokesen-Schnitts und diverser Nadel-Piercings lieber einen adretten Jung-Akademiker oder eine Versicherungskauffrau in Nadelstreifen gewünscht haben – Kinder also, aus denen »etwas geworden« ist, wie man so sagt. Dabei kann so vieles aus ihnen werden, das für die Eltern noch unsichtbar ist, und der Schein der frühen Jahre kann am Ende mächtig trügen – bei aufmüpfigen Punks wie bei frisch Promovierten mit angeblich »glänzender Perspektive«.

Was Erziehungsfloskeln über uns verraten ist also nicht nur eine Zeitreise in die eigene Kindheit, in der wir selbst durch typische Elternweisheiten und eingeschliffene Familienregeln geprägt worden sind. Das Buch versteht sich auch als Erkundungstour in den Nebel erzieherischer Ziele, die wir oft sehr unbewusst verfolgen, auch und gerade mit Hilfe altbackener Sprüche. So kann deutlicher werden, was wir als Eltern im Guten wie im Zweifelhaften bezwecken – ein Zugewinn nicht nur an Selbsterkenntnis, sondern auch an Selbstvergewisserung. Denn die Floskeln verraten uns ja nicht nur etwas über unsere verborgenen Sehnsüchte, verdrängten Verletzungen und Ängste, sondern auch über Lebenswerte, an denen wir festhalten möchten, weil sie echte Weisheit in sich tragen.

NEUNMALKLUGE ELTERN


Du wirst uns noch mal dankbar sein!

Das weltweite Netz ist eine aberwitzige Wunderkiste. Zwar findet man darin nicht immer, was man gesucht hat, dafür aber häufig Dinge und Menschen, auf die zu stoßen man nicht im Mindesten hoffte. Auf verschlungenen Pfaden dringt man beispielsweise zu »Momoman 12« vor, einem Jugendlichen, der mit 14 Jahren in einem Ratgeber-Forum folgendes Problem beschrieben hat:1 »Vor zwei Jahren wollte ich mal ausprobieren, Geige zu spielen, und ich habe meinen Eltern auch gesagt, dass ich es nur ausprobieren möchte. Das erste Jahr war in Ordnung.« Man ahnt bereits, wie es weitergehen wird, und tatsächlich: »Im zweiten Jahr hatte ich schon keine Lust mehr.« Dennoch erschien der Junge regelmäßig zu den Geigenstunden in seiner Schule; seine Miene dabei kann man sich ungefähr vorstellen.

Inzwischen schwänzt er die Streich-Einheiten allerdings. »Ich habe wirklich überhaupt keine Lust mehr, dieses Schei…instrument zu spielen. Meine Eltern zwingen mich aber dazu«, vertraut er dem Internet voller Unmut an. Er selber würde »viel lieber wieder Gitarre spielen«, doch alles, was ihm Spaß mache, werde ihm verboten. »Mein Vater meint, ich soll noch dieses Jahr geigen, dann kann ich aufhören. Meine Mutter sagt, ich soll noch dieses Jahr machen, und im nächsten Jahr schauen wir mal.« Was aber letztlich wohl bedeute, dass er auch im übernächsten Jahr noch wird fiedeln müssen: »Ich kenne meine Mutter!« Dass der Geigenschüler wider Willen »weder Klassik noch Country« mag, sondern eher geigenferne Genres wie »Rock, Hard Rock und jede Art von Metal«, beeindruckt die Eltern offenbar nicht. »Die Argumentation meiner Mutter ist immer: ›Du wirst uns später noch dankbar sein!‹«, und außerdem sei das Ganze auch noch kostenlos. »Bitte helft mir, meine Eltern zu überreden, dass ich Geige aufhören darf.«

Undank ist der Welten Lohn, heißt es. Da könnte also ein 14-Jähriger Violine lernen, und das auch noch unentgeltlich, doch was fällt ihm ein: Er hat nach einem Jahr keine Lust mehr dazu und will wieder Gitarre spielen. Die Eltern aber drängen ihn, bei der Sache zu bleiben, nicht aufzugeben. Ohne den Fall genauer zu kennen, lässt sich über ihre Beweggründe lediglich spekulieren: Soll der Junge etwa ausbaden, dass seine Mutter als Kind selbst gerne ein Streichinstrument erlernt hätte, dies aber nicht durfte oder aus finanziellen Gründen nicht konnte? Ist er also nur ihr zeitversetzter Stellvertreter? Verfahren die Eltern womöglich stets nach der Maxime, dass man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen darf und ihn bis zum bittereren Ende totreiten muss? Oder ist der Sohnemann bekannt dafür, dass er laufend etwas Neues beginnen will, ohne es dann zu Ende zu bringen, weshalb die Eltern ihn jetzt nicht so einfach vom Haken lassen wollen?

Tatsächlich neigen nicht wenige Kinder und Jugendliche zur Sprunghaftigkeit, probieren gerne heute dieses aus, um es morgen schon wieder bleiben zu lassen und sich interessanter Erscheinendem zuzuwenden. Eltern geraten hier schnell in ein Dilemma: Der Reitkurs, für den die 13-Jährige gestern noch glühte, ist für ein halbes Jahr im Voraus bezahlt, aber die Tochter verspürt schon nach zwei Kursstunden keine Lust mehr auf die Übungsrunden im Sattel und hat »keinen Bock mehr« auf das Striegeln und Füttern der Pferde. Was auch immer der Grund für den plötzlichen Widerwillen ist: Der erstbesten Unlust des Kindes zu folgen wäre unklug. Hier müssen die Eltern geduldig ermuntern, ihre Bedenken und ihren Rat kindgerecht begründen und bisweilen auch hart verhandeln, natürlich auch mit Verweis auf das womöglich nutzlos eingesetzte Geld, für das der Vater und die Mutter geschuftet haben. Doch beim fairen Verhandeln geht es immer um einen Kompromiss, den das Kind mitgestalten darf. Das kann dann so aussehen, dass noch vier oder sechs Reitstunden ohne großes Nörgeln weitergeübt wird, weil der Appetit wirklich manchmal erst beim Essen kommt oder der Reitspaß mit wachsender Könnerschaft. Doch dann darf auch Schluss sein, wenn die Tochter wirklich nicht mehr möchte!

Entscheidend ist, dass die Eltern sich in ihr Kind einfühlen können und wissen, wann es ihm ernst ist mit seinem Protest – und wann ihr eigenes Beharren nur noch Schaden anrichten würde. Im Fall des jungen Geigenschülers scheint dieser Punkt erreicht oder gar überschritten zu sein. Ein Kind, das Violine letztlich gar nicht aus eigenem Antrieb lernen möchte, zum Geigenspiel zu drängen, ergebe »keinen Sinn«, urteilt die Motivationsforscherin Regina Vollmeyer von der Universität Frankfurt. »Es ist für so ein Kind ja gar nicht einsichtig, warum es Geige spielen soll; es macht es höchstens für die Eltern.« Diese sollten – und dürfen auch getrost – lockerlassen: Auch wer kein Klavier und keine Violine beherrscht, kann es zu etwas bringen und ein glücklicher Mensch werden.

Schwieriger gelagert sind andere Fälle, in denen es um viel mehr geht als um das Erlernen eines Instruments. Etwa dann, wenn eine Gymnasiastin in der 7. Klasse immer deutlicher überfordert erscheint und die Eltern womöglich sogar darum bittet, das Gymnasium verlassen zu dürfen. »Geige spielen zu können braucht man im Leben nicht unbedingt; das Abitur hingegen kann auf lange Sicht sehr sinnvoll sein«, sagt die Psychologin. Seinem Kind hier mit Geduld und Liebe über eine Durststrecke hinwegzuhelfen, es immer wieder zu motivieren, ist womöglich etwas, worüber die Tochter oder der Sohn Jahre später tatsächlich einmal froh sein wird. Wenn aber gar nichts fruchten will, sollte geklärt werden, ob eine andere Schulform besser geeignet ist, sodass dort wieder mit mehr Freude und aus eigenem Antrieb gelernt werden kann. Pädagogische Psychologen oder andere Fachleute können bei solchen Entscheidungen helfen. Davon abgesehen, wurden viele Karrieren keineswegs hübsch stromlinienförmig am Reißbrett entworfen, sondern sind durch Krisen und auf Umwegen gereift: Der promovierte CDU-Politiker und langjährige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm lernte erst bei Opel Werkzeugmacher und machte sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Und der SPD-Mann Peer Steinbrück musste zweimal eine Klasse wiederholen und ist trotzdem Ministerpräsident, Bundesfinanzminister und Kanzlerkandidat gewesen.

Der Appell aber an die künftige Dankbarkeit ist mehr als heikel, und zwar aus mehreren Gründen. Man kann auf Dankbarkeit zwar hoffen, sie aber nicht einfordern, und schon gar nicht kann man sie sich für spätere Zeiten quasi bestellen. Einem Menschen gleich welchen Alters vorherzusagen, er werde einem später einmal dankbar (womöglich gar zu Dank verpflichtet) sein, ist nicht nur übergriffig, sondern auch überheblich. Denn wer so vorgeht, pocht auf weise Voraussicht, die niemand für sich reklamieren kann. Eltern vermitteln ihrem Kind mit dem fragwürdigen Spruch immer auch die Botschaft: »Du bist jetzt – anders als wir – noch nicht klug und weitsichtig genug, richtig einschätzen zu können, was gut für dich ist. Deshalb lass uns für dich entscheiden; du wirst es nicht bereuen!« Das mag lieb gemeint sein und kann ja auch zu einem guten Ende führen; sicher ist das jedoch nicht.

Der Vorgriff auf eine Dankbarkeit, die sich erst später einstellen wird, bleibt »zunächst einmal reine Spekulation«, sagt der Psychologe Malte Mienert, ein Fachmann für Lernmotivation. Ob der verordnete Chinesisch-Unterricht für Sechsjährige später Früchte tragen wird, kann niemand wissen. Ob die berufliche Laufbahn, zu der ein Vater seine unentschlossene Tochter drängt, für sie von Nutzen sein wird, ist weitgehend ungewiss. Besorgte oder ehrgeizige Eltern können nur schwer trennen zwischen eigenen Befürchtungen, Wünschen und Lebensentwürfen auf der einen und der inneren Berufung ihres Kindes auf der anderen Seite. Tatsächlich sind Bäckermeister mit eigener Backstube, die ihrem einzigen Sohn ein Leben als Schuhmacher oder Fassadenmaler nahelegen, rar gesät. Noch seltener dürften Mediziner sein, die Freudentränen darüber vergießen, dass ihre Tochter trotz Einser-Abitur unbedingt Floristin werden möchte. Wollte ihr Vater die junge Frau nun davon abbringen, ihr Glück mit ausgefeilten Blumengestecken zu versuchen, weil man »doch schließlich eine alteingesessene Arztfamilie« sei, würde er keine Fürsorge betreiben, sondern selbstsüchtige Manipulation. Für den womöglich gelingenden Versuch, sie umzustimmen, dann auch noch Dank zu erwarten, macht die Sache nicht besser.

Euch geht es viel zu gut!

Neulich, auf dem Bonner Münsterplatz, war mal wieder ein Fernsehteam unterwegs, das Passanten für eine politische Diskussionsrunde befragte. Die Reporterin wollte wissen, was die Leute von der heutigen Jugend halten. Die meisten Befragten winkten nur missmutig ab, doch drei Rentner gaben schließlich unmissverständlich Auskunft: »Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern.« »Ich habe keine Hoffnung für die Zukunft unseres Volkes, wenn sie von der leichtfertigen Jugend von heute abhängig sein sollte. Denn diese Jugend ist ohne Zweifel unerträglich, rücksichtslos und altklug. Als ich jünger war, lehrte man uns gutes Benehmen und Respekt vor unseren Eltern. Aber die Jugend von heute will alles besser wissen und ist immer mit dem Mund vorweg.« »Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.«

Der Wahrheit zuliebe muss nachgereicht werden, dass es diese Umfrage nie gab, weder in Bonn noch anderswo. Die Antworten stammen auch nicht aus unseren Tagen, sondern tragen den Staub der Jahrtausende. Die erste Aussage ist einem etwa 4000 Jahre alten Keilschrift-Text aus der sumerischen Stadt Ur im heutigen Irak entnommen und endet mit dem Fazit: »Das Ende der Welt ist nahe.« Das zweite Zitat soll etwa 2800 Jahre alt sein und wird dem antiken griechischen Dichter Hesiod (um 700 v. Chr.) zugeschrieben. Der dritte und jüngste Ausspruch geht auf den ebenfalls griechischen Philosophen Aristoteles (384–322 v. Chr.) zurück und ist etwas mehr als 2300 Jahre alt.2 An Aktualität aber haben diese Klagegesänge nichts eingebüßt, denn so ähnlich dürften die Älteren über die Jüngeren geredet haben, seit alterskrumme Eiszeitmenschen am Höhlenfeuer hockten und über die faulen jungen Männer in der Gruppe herzogen, die »nicht einmal für die Jagd zu gebrauchen« waren. Gut möglich, dass es die Betagten damals schon ärgerte, was für Flausen die Jungen im Kopf hatten – man musste ja nur mal ihre »neumodischen und viel zu komplizierten« Schleudern betrachten und die besserwisserische Art, wie sie neuerdings ihre Pfeilspitzen herstellten. »Denen geht es wohl zu gut«, knurrte wohl schon damals so mancher rheumatische Greis.

Doch kann es dem Nachwuchs überhaupt zu gut gehen? Im Grunde ist dieser Vorwurf unzähliger Eltern sehr sonderbar. Denn Kinder sollen ja so gut gedeihen, wie es nur irgend geht – dafür haben sich Väter und Mütter seit Menschengedenken abgestrampelt. Worin liegt dann aber die Gefahr des zu Guten? Gemeint sind damit natürlich nicht ein allzu erfreulicher Ernährungszustand, ein viel zu dichtes Dach überm Kopf oder gesundes Trinkwasser. Eltern meinen mit ihrem Vorwurf meist eher die Freiheiten und modernen Annehmlichkeiten, die sich junge Menschen gönnen oder »einfach so herausnehmen«, und das klingt aus Mutters oder Vaters Mund dann gerne ein wenig gekränkt. Was man früher selbst nicht hatte, nicht konnte oder nicht durfte, kann sehr bitter schmecken, zumal dann, wenn die eigenen Kinder nicht einmal ahnen, wie wenig selbstverständlich vor ein paar Jahrzehnten all das war, was sie heute ganz gewöhnlich finden und deshalb nicht immer zu schätzen wissen. Doch sollen die Jungen schon deshalb (und wem auch?) dankbar sein, nur weil sie heute keine zehn Kilometer mehr zum nächsten Tanzboden laufen müssen, um ein wenig flirten zu können? Sollen sie freitagabends schon um 21 Uhr zu Hause sein, nur weil ihre Eltern das mit 18 Jahren auch noch mussten? Wohl kaum. Zudem lebt jede Generation mit ihren ganz eigenen Entbehrungen, und manche davon entpuppen sich als solche erst im Nachhinein, wenn die Kinder an diesen Punkten überraschende Fülle erleben oder sich etwas trauen.

Es kann also nicht darum gehen, den Söhnen und Töchtern etwas zu verbieten, nur »weil wir das früher auch nicht durften«, wie Eltern manchmal meckern. Was früher verlockend, aber unerreichbar war, wird heute oft nur noch müde belächelt. Doch das Prinzip bleibt bestehen: Noch immer ist Verbotenes reizvoll, nur ändert sich mit den Zeiten, was als tabu gilt. Die Grenzen, die junge Menschen austesten wollen, womöglich auch müssen, sind andere. Genau hier können sich Eltern und Kinder auch treffen: im Erzählen darüber, was sie sich damals trauten beziehungsweise heute wagen und warum das so war oder ist. Und die Eltern können dabei getrost deutlich machen, was sie bekümmert und bewegt. Solche Sorgen bleiben Müttern wie Vätern niemals erspart, denn junge Leute verhalten sich nun einmal »erkennbar anders als die mittlere oder ältere Generation«, sagt der Sozial- und Jugendforscher Klaus Hurrelmann.3 Die Älteren verspürten dann »eine tiefe Sehnsucht, das zu verstehen. Und zugleich die unterschwellige Angst, dass die junge Generation neue Antworten auf wichtige Fragen gibt und die Älteren den Anschluss verlieren.« Die Furcht, aussortiert und abgeschoben zu werden und keine Antworten mehr auf aktuell brennende Fragen zu haben, ist ein wesentlicher Quell für das oft so negative Urteil über die Nachrücker.

Überdies hat sich noch jede Generation herausgefordert fühlen dürfen: Die um 1900 Geborenen mussten zwei Weltkriege erleben und möglichst überstehen; wenigstens aber war der Weg aus den Trümmerhaufen immer klar: Den Schutt galt es wegzuräumen, und dabei wurde jede noch halbwegs gesunde Hand gebraucht. Fünfzig Jahre später kamen Menschen zur Welt, die pausbäckig das Wirtschaftswunder genießen konnten und seit nunmehr fast siebzig Jahren in Frieden auf deutschem Boden leben dürfen, doch der alles vernichtende Atomkrieg war manches Mal bedrohlich nah. Noch einmal fünf Jahrzehnte später wurden Kinder geboren, die sich aalglatt im globalen Netz tummeln und schon mit 13 Jahren mehr Urlaubsflüge absolviert haben als ihre Eltern mit 30. Doch sie leben in einer Welt mit weltweit knapper werdenden Ressourcen und werden gegen die Übermacht der Alten in ihrem Land bald keine demokratischen Wahlen mehr gewinnen können. Jede Generation musste oder muss mit ihren Nöten zurande kommen – bei stets auch vorhandenen Vorteilen.

Und dennoch könnte es sein, dass die Jugend heute in mancher Hinsicht auf dem falschen Dampfer ist und noch einmal sehr deutlich wird umlernen müssen. Sozialforscher zeigen sich besorgt darüber, wie das Anspruchsdenken in westlich geprägten Gesellschaften um sich greift. Der von den Eltern mit fleißiger Hand geschaffene Wohlstand könnte gefährdet sein, wenn er für selbstverständlich gehalten wird. »Verglichen mit früheren Generationen wollen heutige Schulabgänger häufiger einen Haufen Geld und Luxus, aber sind weniger bereit, hart für ihre Lebensziele zu arbeiten«, warnt die US-amerikanische Psychologin Jean Twenge von der San Diego State University. Diese Kluft zwischen Fantasie und Realität werde »von anderen Studien bestätigt, die auf einen zunehmenden Narzissmus sowie Anspruchsdenken hinweisen«.4

Twenges Team hat großangelegte Umfragen unter amerikanischen Schulabgängern ausgewertet und sich auf Antworten konzentriert, die den Bereichen Arbeitsmoral und Materialismus galten. Befragt worden waren – jeweils in ähnlichem Alter – drei Generationen von Schulabgängern, insgesamt über 350000 junge Menschen der zwölften Jahrgangsstufe: Zuerst befragt worden waren die sogenannten Babyboomer (geboren 1946 bis 1964), die zweite Gruppe kam zwischen 1965 und 1981 zur Welt, die dritte 1982 bis 1999. Während 62 Prozent der Befragten aus dieser zuletzt interviewten Gruppe es für sehr wichtig hielt, viel Geld zu verdienen und teure Wohlstandsgüter zu besitzen, hatten nur 48 Prozent der amerikanischen Babyboomer seinerzeit so gedacht. Mehr noch: Dem Anspruch, materiell sehr gut versorgt zu sein, stand bei der zuletzt befragten Generation auffallend oft ein verminderter Leistungswille gegenüber. Denn immerhin räumten 39 Prozent von ihnen ein, für ihre ambitionierten Lebensziele nicht rackern zu wollen; bei den Babyboomern hingegen dachten damals nur 25 Prozent so.5 Womöglich wird heutigen Jugendlichen auf allen Medienkanälen zu oft vorgegaukelt, für Erfolg brauche man sich nicht anzustrengen; es reiche vollkommen aus, hübsch oder schön operiert zu sein, im Fernsehen Kalauer zu verbreiten oder vor den richtigen Leuten ein paar Lieder zu trällern. Insofern könnten sie wirklich Flausen im Kopf haben, auch wenn das seit jeher ein Recht der Jugend gewesen ist.

Wie der deutsche Nachwuchs tickt, untersuchen zum Beispiel die Sozialforscher des Heidelberger Sinus-Instituts. Für ihre Jugendstudie 2012 haben sie 72 junge Leute im Alter von 14 bis 17 Jahren ausführlich befragt sowie selbstgebastelte Collagen und Fotos der Jugendzimmer ausgewertet.6 Marc Calmbach zieht aus all dem interessante Schlüsse. Die Jugendlichen »sehen sich in vielfacher Hinsicht unter Druck«, sagt der Sinus-Forscher. »Sie glauben, dass der Wert eines Menschen in der Gesellschaft zunehmend an der Leistungsfähigkeit und der Bildungsbiografie bemessen wird.«7 Da der Arbeitsmarkt unsicher geworden ist und unbefristete Jobs zur Ausnahme werden, wollten die jungen Leute möglichst »keine Zeit verlieren und haben oft Angst, den falschen Weg einzuschlagen«. Vor allem Mittelschicht-Kinder würden »von großen Statusängsten geplagt, die sie oft von ihren Eltern übernehmen«. Es sei diese Gruppe, die sich am stärksten nach unten abgrenze und sich »am häufigsten von den sogenannten Leistungsverweigerern und Sozialschmarotzern« distanziere. Und das müsse »uns als Gesellschaft zu denken geben«.

Auffallend auch, dass bürgerliche Tugenden wieder populärer werden, so etwa Sicherheit, Familie, Freundschaft und Tradition. Gleichzeitig schätzten Jugendliche Vergnügungen und Genüsse und zielten darauf, sich selbst zu entfalten. Zwar seien sie bereit, hart zu arbeiten, wollten aber auch »hart feiern«. Es sind solche Gegensätze, die ins Auge stechen. »Sie wollen sparen, aber sich trotzdem mal etwas leisten. Diese Widersprüchlichkeit versuchen sie unter einen Hut zu kriegen.«

Insgesamt zeichnet Calmbach das Bild von jungen Menschen, die ihre Zukunft sehr pragmatisch angehen. »Sie versuchen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, nicht sie in Frage zu stellen. Sie merken, dass ihnen Ideologien nur im Wege stehen würden.« Es geht nicht mehr um die Weltrevolution wie vor vierzig oder fünfzig Jahren; die junge Generation denkt wesentlich bescheidener: Vielleicht kann ja wenigstens die Straße begrünt oder mit Flüsterasphalt überzogen werden.

Vermutlich ganz wie mancher Alt-Linke oder Anti-Nachrüstungs-Demonstrant aus den 1980er-Jahren hofft Calmbach allerdings, »dass dieser Pragmatismus nicht das Ende der Fahnenstange ist«. Die Jugendlichen verhielten sich wie kleine Erwachsene, »die früh an ihrer Bildungsbiografie basteln«, und unterm Strich bestätigten sie die bestehenden Verhältnisse eher, als dass sie die Gesellschaft durch gedanklichen und politischen Widerstand provozieren. Doch wenn die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland einmal so steigen würde wie in anderen europäischen Ländern, könne es sehr wohl passieren, dass sich die jungen Leute auch vehement für soziale Belange einsetzen. Noch zumindest geht es den jungen Bundesbürgern dafür wohl wirklich zu gut.

Von mir hast du das aber nicht!

Wenn Eltern aus dem Staunen, manchmal auch aus dem Entsetzen über ihr Kind nicht mehr herauskommen, schütteln sie gerne den Kopf und sagen: »Von wem hat es das nur?« So etwas nennt man eine offene Frage, und zwar deshalb, weil viele Antworten darauf möglich sind – auch solche, die für den Fragesteller unangenehm wären. Nehmen wir einmal an, die Tochter schreibt in der Schule dreimal hintereinander eine Zwei in Englisch, dann neigt die stolze Mutter zum wohlwollenden Kommentar: »Na, da hat wohl mal wieder mein Sprachtalent auf dich abgefärbt, was?« Oder sie sagt nur: »Ganz wie ich früher!« Wird das Mädchen vom Englischlehrer aber wiederholt wegen ungebührlichen Benehmens vor die Tür geschickt oder muss es gar zum Direktor, rücken manche Eltern von ihrem Nachwuchs merklich ab. Dann fragen sie nicht länger nach der Ursache für das missliebige Verhalten, sondern haben gleich die passende Antwort parat: »Von mir hast du das aber nicht!« Während der Erfolg viele Väter und Mütter hat, ist der Misserfolg bekanntlich meist ein Waisenkind.

Woher die Kinder etwas haben, gehört zu den liebsten Spekulationen auf Familienfeiern. Auch dort gelangt man gerne zu dem Fazit: Gute Eigenschaften haben mit dem genetischen Familienerbe zu tun und werden beständig weitergegeben, wohingegen an schlechten Merkmalen meist äußere Umstände schuld sind: wahlweise Wirtschaftskrisen, unfähige Lehrer oder die falschen Freunde, notfalls auch eine schwierige Geburt. Ist ein Kind aber besonders schlau, gewitzt oder beschlagen, findet sich in aller Regel ein Elternteil oder ein Ahn, dem diese natürliche Anlage zu verdanken ist.

So schön es wäre, wenn sich das so einfach sagen ließe: Solche Erklärungen greifen viel zu kurz. Während das, was wir unseren Kindern in Sachen Pünktlichkeit, Verlässlichkeit oder Freundlichkeit alltäglich vorleben, sehr wohl deutlich auf sie abfärben kann, verhält es sich mit der Weitergabe unserer Gene und den Konsequenzen hieraus schon ein wenig komplizierter. Weder vererbt sich Oma Giselas Scharfsinn oder Papa Pauls Fingerfertigkeit beim Werkeln einfach so auf die Enkelin oder den Sohn, noch lässt sich anhand der Erbanlagen überhaupt genau vorhersagen, wie schlau oder begabt ein Kind einmal sein wird – was immer damit jeweils gemeint ist. Manche Intelligenzforscher unterscheiden zum Beispiel zwischen allgemeiner und spezieller Intelligenz. Damit meinen sie zum einen, wie flink und effizient ein Gehirn Informationen verarbeitet, wie schnell also jemand von Begriff ist. Zum anderen spielen sie damit auf spezifisches Wissen oder spezielle Fertigkeiten an, die sich jeder von uns im Lauf seines Lebens aneignet. Erworbenes Fachwissen oder erlernte Kunstfertigkeit kann einen Mangel an allgemeiner Intelligenz »in beträchtlichem Maße ausgleichen«, doch kann eine flotte Auffassungsgabe den Erwerb von Wissen oder Können sehr erleichtern, wie der Hirnforscher Gerhard Roth anmerkt.8 Seiner Ansicht nach ist ein intelligenter Mensch einer, »der schnell sieht, was Sache ist, und dem ebenso schnell einfällt, was jetzt zu tun ist – und dabei meist Erfolg hat«. Dazu muss man fix im Kopf sein und Bescheid wissen; beides ist nötig!

Der erbliche Teil der Pfiffigkeit ist durchaus »beträchtlich«, urteilt der Intelligenzforscher Aljoscha Neubauer. Zwillings- und Adoptionsstudien zufolge betrage ihr genetischer Anteil in frühen Kindesjahren 30–40 Prozent und steige »auf bis zu 70 Prozent im höheren Erwachsenenalter«. Denn offenbar kommt der erbliche Teil mit der Zeit immer stärker zum Tragen. Gene und Umwelteinflüsse wirken nämlich keineswegs unabhängig voneinander: Wer genetisch begünstigt ist und von seinen häufig ebenfalls intelligenten Eltern obendrein gut gefördert wird, sucht sich mit großer Wahrscheinlichkeit weitere nützliche Anreize, zum Beispiel ebenfalls überdurchschnittlich pfiffige Freunde und herausfordernde Tätigkeitsfelder – und beides nährt die Intelligenz weiter. Auf diese Weise werden genetisch bedingte Unterschiede im Laufe des Lebens mehr und mehr verstärkt. Dennoch: Obwohl unsere Erbanlagen wichtige Stellgrößen sind, ist ihre Macht begrenzt. Eher lassen sie sich als natürliches Angebot auffassen, das einen Entwicklungsweg zwar nahe legt. Doch kann unser Intelligenz-Proviant auf der Reise durchs Leben sowohl zur Blüte gebracht werden als auch verkümmern.

Aus demselben Grund lässt sich eine von Geburt an weniger stark veranlagte Intelligenz durch günstige Einflüsse von außen noch sehr gut fördern. Der verunglimpfende Spruch »Dumm geboren und nix dazugelernt« ist also weder sachlich richtig noch gibt er eine Entwicklungsrichtung vor: Erstens kommt kein normal entwickeltes Neugeborenes dumm zur Welt, noch verurteilt eine erblich bedingte, unterdurchschnittliche Intelligenz zu einem geistig minderbemittelten Leben. Um der Ehrlichkeit willen muss man jedoch hinzufügen, dass sie auch keine günstige Startbedingung ist. Denn nach derzeitigem Wissenstand kann jemand in Sachen Intelligenzquotient »selbst unter optimalen Bedingungen keine Spitzenwerte erreichen«, der »keine entsprechenden Anlagen mitbringt«.9

Zwei Einschätzungen Neubauers mögen Eltern – je nach eigenem Temperament – beruhigen oder auch verstören. Erstens: »Zwei sehr schlaue Eltern bekommen nicht zwingend ein sehr schlaues Kind.« Umgekehrt könnten zwei weniger schlaue Eltern durchaus ein sehr gewitztes in die Welt setzen. Statistisch gesehen gebe es nämlich eine Tendenz »zurück in die Mitte«.10 Wäre dem nicht so, gäbe es am Ende tatsächlich so etwas wie planbare Intelligenzbestien. Zweitens können sich Eltern insofern entspannen, als ihr Einfluss auf die Intelligenz des Kindes mit der Zeit nachlässt. Während er in den ersten zehn Jahren durchaus messbar ist, verliert er sich später mehr und mehr zugunsten anderer Umweltfaktoren.

Fix im Kopf werden die Kinder beispielsweise durch den Kindergarten und »vor allem durch die Schule«, sofern diese die Kinder tatsächlich fördern. Dennoch seien es die Eltern, die den ersten Schritt machen und »die Tür aufstoßen« müssen, damit andere Einflüsse optimal wirken können: Es reicht völlig, sich den Kleinen immer wieder zuzuwenden und sinnvolle, altersgemäße Anreize zu setzen. Gemeint sind damit weder ausgewählte Mozart-Stücke für Zweijährige noch ein Physik-Experimentierkasten fürs Kleinkind, sondern zum Beispiel der Holzlöffel zum Lärmen auf alten Kochtöpfen, der Teddy zum Liebhaben und der äußerst wichtige Kontakt zu anderen Kindern. Der indische Lernpädagoge und promovierte Chemiker Salman Ansari spricht sich in seinem 2013 erschienenen Buch Rettet die Neugier! ausdrücklich »gegen die Akademisierung der Kindheit« aus. Kleine Kinder sollten kein Wissen anhäufen, sondern ihre Kreativität entfalten. Ihnen über physikalische oder chemische Experimente Fragen zu beantworten, die sie gar nicht gestellt hätten, sei Unsinn und behindere sie bei ihrer geistigen Reifung.11 Der Rest ist Liebe, Geduld und wissende Gelassenheit. Denn zum Glück können Eltern mit Herzenswärme vieles richtig, aber eher wenig wirklich falsch machen.

Auf fruchtbaren Boden aber fällt diese Förderung vor allem da, wo das Kind spürbares Interesse entwickelt. Hier kann schon früh Wissen vermittelt werden, das im Verbund mit angeborener Intelligenz einen wachen Verstand heranbildet. Beides hängt insofern miteinander zusammen, als Kinder sich Fakten umso leichter aneignen können, je intelligenter sie bereits sind. Wissen falle »immer in ein Spinnennetz aus Vorwissen. Und je dichter dieses gewoben ist, desto leichter bleibt das Neue hängen«, sagt Aljoscha Neubauer auf herrlich anschauliche Weise. Diesen Umstand sollte man nicht geringschätzen. Denn voneinander abweichende Leistungen in höheren Klassen, etwa in der Oberstufe, hängen Studien zufolge weniger mit Intelligenzunterschieden zusammen als »mit dem Wissen, das acht Jahre vorher erworben wurde«.

Umso wichtiger erscheint es, Kindern schon in jungen Jahren viel zu erzählen und sie auf möglicherweise Interessantes hinzuweisen – seien es Bagger und Kräne an Baustellen oder Tiere und Pflanzen am Wegesrand oder im Zoo. Denn auch wenn es stimmt, dass man heute mit Hilfe des Internets fast alles viel rascher herausfinden kann als früher in Büchern: Eine gute Wissensbasis erleichtert die Suche ungemein. Und nur wer über ausreichend vielfältiges und gut verankertes Vorwissen verfügt, kann die meisten Fragen überhaupt stellen.

Für Sex bist du noch viel zu jung!

Die Frage, wovor Mädchen und Jungen mehr Angst haben, dürfte nicht leicht zu beantworten sein: Fürchten sie eher, beim sagenumwobenen ersten Mal von ihrer Mutter im Bett mit Freund oder Freundin erwischt zu werden? Oder ist ihre Sorge größer, sie könnten in ihrer Schulklasse sexuell am wenigsten erfahren sein? Wie megapeinlich wäre das denn! Dann schon lieber ein Satz rote Ohren und dämliches Gestammel beim Ertapptwerden durch Mutti. Dummerweise kursieren unter Jugendlichen wunderliche Vorstellungen darüber, wie viele ihrer Altersgenossen bereits mit dem anderen Geschlecht geschlafen haben. Fragt man sein Kind, wird die Angst offensichtlich, als 15-Jährige ohne »echten Sex« sei man ungefähr so altmodisch wie ein Handy ohne Zugang zum Internet. Leider befördern solche Urteile die Sorge, die eigene Tochter werde im Zweifel eher dem Meinungsdruck ihrer Altersgenossen nachgeben als ihren eigenen Wünschen und gesunden Vorbehalten zu folgen. Gerüchte zählen schließlich oft mehr als Fakten.

Um Letztere bemüht sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Seit 1980 hat sie bisher sieben Mal versucht, durch repräsentative Umfragen unter Jugendlichen von 14 bis 17 Jahren sowie anhand von Elterninterviews ein möglichst wahrheitsgetreues Bild von der Sexualität Heranwachsender zu zeichnen. Nach ihrer Studie aus dem Jahr 2010 sieht alles weniger dramatisch aus, als viele Eltern befürchten und Jugendliche argwöhnen, wenn sie ihre Mitschüler oder Mannschaftskameraden prahlen hören. Mit 17 Jahren haben offenbar über 90 Prozent der Befragten Küsse, Petting oder beides erlebt. Während Mädchen aus Migranten-Familien, vor allem aus muslimischen, sich sehr viel stärker zurückhalten als deutsche, sind ausländisch geprägte Jungs sexuell generell aktiver als deutsch sozialisierte. Den ersten Geschlechtsverkehr im engeren Sinne erlebten die Jugendlichen offenbar später als bei der Umfrage aus dem Jahr 2005: Hatten damals noch 12 Prozent der 14-jährigen deutschen Mädchen nach eigenen Angaben bereits mit einem Jungen geschlafen, waren es 2010 nur noch 7 Prozent. Bei den gleichaltrigen Jungs sank der Anteil sogar von 10 auf 4 Prozent. Das dürfte all jene Jungs und Mädels erleichtern, die annehmen, wer mit 14 noch »keinen richtigen Sex« hinter sich gebracht habe, sei verklemmt und zurückgeblieben.

Mit 17 Jahren allerdings hatte auch bei der Umfrage von 2010 die Mehrheit der jungen Frauen bereits richtigen Sex erlebt, doch der Anteil dieser Gruppe war auch hier im Vergleich zu 2005 um 7 Prozentpunkte gesunken, nämlich von 73 auf 66 Prozent. Damit lag er ähnlich hoch wie der nahezu unverändert gebliebene Anteil der sexerfahrenen jungen Männer (jeweils um die 65 Prozent).

Noch ein Trost für besorgte Eltern: Während 1980 jedes fünfte erste Mal ohne Verhütungsmittel stattfand, verzichteten 2010 lediglich 8 Prozent der befragten Jugendlichen auf Empfängnisschutz; beim zweiten Mal waren es sogar nur noch etwa 3 Prozent. Vor allem die Jungs sind offenbar weitaus vorsichtiger geworden. Die allermeisten Jugendlichen wollen das Risiko einer Schwangerschaft wie vermutlich auch von Aids also nicht eingehen, wobei sie zu Beginn meist auf Kondome vertrauen, bei weiteren sexuellen Erlebnissen vermehrt auf die Pille. In der Regel warten die Jugendlichen übrigens ab, bis sie einen festen Freund oder eine feste Freundin haben, bevor sie mit einem Jungen oder einem Mädchen ins Bett gehen. Das alles sind erfreuliche Tendenzen.12

Dennoch meinen Eltern oft genug, ihren Kindern mitteilen zu müssen: »Für Sex bist du noch viel zu jung«, auch wenn sie das selten so direkt sagen. »Du brauchst noch keinen festen Freund!«, heißt es dann. Diese Ermahnung richtet sich deutlich eher an Töchter, als dass Söhnen eine feste Freundin madig gemacht wird. »Bei einem Mädchen haben die Eltern natürlich vor allem Angst davor, dass es schwanger werden könnte«, sagt die Pädagogin Christa Wanzeck-Sielert, Autorin des Kursbuchs Sexualerziehung13 – wobei Eltern selbstredend auch die Vorstellung nicht behagt, ihr minderjähriger Sohn könne zur Unzeit Vater werden.

Allerdings gibt es nach Ansicht von Wanzeck-Sielert noch weitere – und sehr viel spannendere – Gründe, warum Eltern ihre Kinder in ihrem sexuellen Drang zu bremsen versuchen. So sei es für manche von ihnen zum einen »nicht einfach zu akzeptieren, dass ihr Kind auf dem Weg zum Erwachsenwerden ist«, was sich auch in dem Wunsch nach immer deutlicheren erotischen Erfahrungen zeigt, zum anderen, dass ihr Kind für das andere Geschlecht immer attraktiver wird, was »manchmal schwer auszuhalten ist, vor allem wenn die eigene Attraktivität nachlässt, die eigene sexuelle Begierde abflaut oder der selbst erlebte Sex weniger befriedigt als früher«. Das könne sogar neidisch machen, »auch wenn natürlich keine Mutter es offen aussprechen würde, dass sie ihrer Tochter deren aufblühende Reize nicht gönnt« oder auch ihrem Sohn die erste sexuelle Liebe.

Natürlich sind umgekehrt auch Väter nicht gefeit vor zwiespältigen Gefühlen, wenn der halbwüchsige Sohn seine erste Freundin mit aufs Zimmer nimmt – was im Extremfall sogar eigene, verstiegene Begehrlichkeiten wecken kann. Nicht nur in Filmen spannen manche Männer ihrem Jungen die hübsche Flamme aus, und sei es, weil sie nicht verwinden können, dass die eigene Jugend längst Geschichte ist. Zum Glück aber bleibt es meist beim irritierenden Unbehagen, das Männer empfinden, wenn ein junger Mann die eigene, väterlich geliebte Tochter sexuell begehrt. Während ein Vater sein Mädchen aus gutem Grunde immer vorsichtiger und schamhafter berührt, halten sich jugendliche Verehrer verständlicherweise keineswegs zurück. Es ist wichtig, solche Gefühle achtsam wahr- und anzunehmen, um möglichst gelassen damit umzugehen und der verliebten Tochter nicht etwas zu verbieten, was am Ende gar nicht das Mädchen schützen soll, sondern bloß den eigenen Seelenfrieden.

Folgendes bleibt festzuhalten: So verständlich der Wunsch von Eltern ist, der Eintritt ins lockende Reich der Sexualität möge für ihr Kind möglichst schön und schonend verlaufen, so wenig begründet ist die Sorge, schon Zwölfjährige seien drauf und dran, mit dem erstbesten Vertreter des anderen Geschlechts in die Kiste zu steigen. »Die meisten Jugendlichen haben erst mit etwa 16 Jahren ihr erstes Mal«, sagt Christa Wanzeck-Sielert. Doch viele Eltern wollten »solche gut abgesicherten Erkenntnisse nicht wahrhaben«. Auch trauten sie ihren Kindern oft nicht zu, die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt »gut für sich selbst beantworten zu können«. Einen Gefallen können Mütter ihren Töchtern und Väter ihren Söhnen dadurch tun, dass sie Druck aus der Sache herausnehmen und darauf verweisen, dass auf Schulhöfen, aber auch in den Umkleiden von Sportvereinen eine Menge herumposaunt und angegeben wird – und meist von denen, die es besonders nötig haben, als tolle Hechte zu gelten. Das gilt vor allem für Jungs, die sich unter der Mannschaftsdusche gerne als Sex-Bestien aufspielen, aber augenblicklich gummiweiche Knie bekommen würden, wenn ihnen ein forsches Mädchen mal probehalber in den Schritt fasste.

Statt ihre Kinder direkt auf den ersehnten oder schon vollzogenen ersten Sexualverkehr anzusprechen, was leicht nach Ausfragen klingen kann, können Eltern von ihren eigenen Erfahrungen beim ersten Mal berichten; davon zum Beispiel, dass es – ähnlich wie beim Händchenhalten oder Küssen – auch beim Geschlechtsverkehr oftmals erste Erlebnisse gibt, die »gar nicht so toll verlaufen«, schlägt Wanzeck-Sielert vor. »Dieses von der Mutter oder dem Vater zu hören kann Jugendliche mit unrealistischen Erwartungen sehr entlasten und ermuntert sie vielleicht sogar dazu, weitere Fragen zu stellen.« Und darüber dürften verantwortungsbewusste Eltern sich nicht nur ungemein freuen; darauf dürften sie auch stolz sein.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Solange du deine Füße..." sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen