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Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst ...

Inhalt

  1. Über das Buch
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. 1. Das Papadox
  8. 2. Gut gemeint vs Gut gemacht
  9. 3. Kontrolle vs Vertrauen
  10. 4. Früher vs Heutzutage
  11. 5. Mann vs Maus
  12. 6. Wir vs Die anderen
  13. 7. Ich vs Wir
  14. 8. Mädchen vs Jungs
  15. 9. Gewinnen vs Dabeisein
  16. 10. Regeln vs Intuition
  17. 11. Ferien vs Alltag
  18. 12. Privat vs Öffentlich
  19. 13. Spießer vs Hippies
  20. 14. Computer vs Buch
  21. 15. Weihnachten vs Ich
  22. 16. Scham vs Aufklärung
  23. 17. Großzügigkeit vs Strenge
  24. 18. Schule vs Leben
  25. 19. Lecker vs Gesund
  26. 20. Trend vs Verstand
  27. 21. Wunsch vs Wirklichkeit
  28. 22. Loslassen vs Festhalten

Über das Buch

Zwischen Helikopter-Anflügen und der anarchischen Lust, ganz anders als andere Eltern sein zu wollen, fügt sich Vater Schumacher in die Rolle des gutgelaunten Dienstleisters, der zuverlässig für Technikspielzeug und Männerwissen, ökonomisches Auskommen und Emotionen sorgt. Herrlich durchgeknallt und brutal ehrlich skizziert Hajo Schumacher das tägliche Glücksdrama zwischen Dürfen, Können und Müssen, ob es um Lego oder Computerspiele geht, um Basecaps oder Weihnachtswahn, Allergien, Elternabende oder Schwimmwettkämpfe. Fazit: Erziehen ist keine Einbahnstraße. Irgendwann kommt alles zurück.

Über den Autor

Hajo Schumacher, geboren 1964, studierte Journalistik, Politologie und Psychologie. Von 1990 bis 2000 arbeitete er beim Spiegel, von 2000 bis 2002 war er Chefredakteur von Max. Er ist Journalist, TV-Moderator und Autor zahlreicher Bücher. Unter seinem Pseudonym Achim Achilles eroberte er mit Achilles´Verse und Laufberater die Bestsellerlisten. Hajo Schumacher lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Berlin.

Hajo Schumacher

SOLANGE DU
DEINE FÜSSE AUF
MEINEN TISCH
LEGST …

Mein schrecklich lustiges Leben als Vater

1. Das Papadox

Vorbild, Freund, konsequenter Erzieher – Vatersein ist ganz einfach. Leider kommt immer was dazwischen.

Wir haben eine kleine Holzhütte vor den Toren der Stadt gepachtet, um uns gelegentlich die Illusion von Natur zu schenken. Der Fuchs hilft uns dabei. In der Abenddämmerung kommt das Tier oft angeschlichen, scheu, neugierig, hungrig, frech. Ist er noch ein wildes Tier oder schon hundegleich handzahm?

An manchen Tagen bin ich freundlich und spendiere dem Fuchs ein Stück Grillwurst, denke aber gleichzeitig die Kritik der Chefin mit: »Nicht anfüttern. Nachher gewöhnt er sich noch daran.« In diesem Zwiespalt gedeiht mein schizophrenes Verhalten. Erst werfe ich dem Tier ein Stück Wurst hin. Hat er es geschnappt, verscheuche ich ihn. So geht konsistente Erziehung.

Wenn wir Besuch mit kleinen Kindern haben, der in der Zeitung vom gemeingefährlichen Fuchsbandwurm gelesen hat, kreische ich vorausschauend, wenn der rotfellige Todesbote hinter der Hütte aufkreuzt. Der Fuchs guckt verwirrt und trollt sich. Auf nichts ist Verlass.

Manchmal erwacht der Forscher in mir. Dann locke ich den Fuchs mit kleinen Schmatz- und Schnalzgeräuschen. Er soll näher kommen. Ich will ihn beobachten, sein Fell, die Augen, die Pfoten. Ich verfolge seine Laufwege und google hinterher noch ein wenig.

Und schließlich gibt es Tage, an denen meine Laune mies ist, weil schon wieder Sonntagnachmittag ist und der nächste Elternabend schrecklich nah. Dann brülle ich den Fuchs an, einfach so: »Hau ab!« Ich mache einen großen, forschen Schritt in seine Richtung, weil sinnlose Machtdemonstration manchmal guttut. Der Fuchs guckt irritiert und fragt sich, was denn jetzt schon wieder los sei. Dann tut er so, als fliehe er, weil er mir eine Freude machen will, wartet aber unter einem Busch, in der Hoffnung, womöglich doch noch einen Wurstrest abzubekommen, als Wiedergutmachung. Füchse haben ein sehr feines Gespür für rote Linien. Außerdem können sie schlechtes Gewissen riechen.

Kinder sind wie Füchse: scheu, neugierig, hungrig, frech. Sie können schlechtes Gewissen riechen. Und davon haben wir Väter reichlich. Wir genügen nie, nicht als Vorbild, nicht als Freund, nicht als konsequenter Erzieher. Und genug Geld für ein feines Internat schaffen wir auch nicht ran. Immer kommt was dazwischen bei unserem felsenfesten Vorhaben, dieses Wochenende wirklich mal die Quality Time zu leben.

Wir Erwachsene halten unsere Kinder für launisch; dabei spiegelt der Nachwuchs uns einfach, unsere Stimmungen, Macken, Prägungen, all die wirre Liebe und die pochende Panik, was aus unserem Nachwuchs wohl mal werden wird.

Wir Väter sehnen uns nach Eindeutigkeit, nach Verlässlichkeit und klarer Kante. Dagegen steht ein emotional und ethisch widersprüchliches pädagogisches Sammelsurium, das je nach Lage neu kompiliert wird. Das ganze Erziehungsding gerät allen Ratgebern zum Trotz zu einem permanenten Zufalls-Management, die Familie zum Experimentierfeld für Eltern und Kinder. Und je älter die Kinder werden, desto deutlicher spüren sie, dass ihre Eltern keinesfalls Felsen in der Brandung sind, sondern Blätter im Wind.

Seit fast einem Vierteljahrhundert doktern wir nun an unseren beiden Söhnen herum, an uns selbst und den ständig wechselnden Konstellationen und Koalitionen. Das Einzige, worauf ich mich verlassen kann, ist der Widerspruch: Je perfekter ich als Vater sein will, desto krachender scheitere ich. Je weniger ich will und plane und erwarte, desto schöner wird es – das Papadox.

Wir retten uns gern in die Ironie, weil wir nicht mehr brüllen wie unsere Vorfahren. Das Ziel bleibt dasselbe: Wir suchen unsere Rolle. Wie einfach war doch die Patriarchenfamilie zu kommandieren, aus Männersicht. Der Katalog war kurz und klar: gehorchen, anpassen, keine Kosten oder andere Belastungen erzeugen, möglichst bald aus dem Haus, auf eigene Füße, Ausbildung, Auto, Familie, Haus, Tod.

Das Mantra lautete früher: »Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst …« Damit war die Machtfrage furchtbar deutlich geklärt. Vater ist Chef und Bezahler, Kinder haben zu gehorchen, weil sie nichts zum Wohlstand beitragen, im Gegenteil: Sie kosten. Als halbwegs vernunftbegabte Kinder haben wir die Botschaft umgehend kapiert: Verdien´ dein eigenes Geld, zieh´ aus, dann kannst du tun und lassen, was du willst. Haben wir dann auch gemacht.

So brutal wollen wir zu unseren Kindern nicht sein, wir sind ja vielleicht doch anders als unsere Eltern. Zumindest ist unser Wertekatalog umfangreicher und widersprüchlicher. So wächst das Elend moderner Erziehung: Unklarheit. Was erwarten wir von den Kindern? Können, wollen wir das formulieren? Hotel Mama bis 30? Welche Haltung nehmen wir ein, nicht nur für die nächste halbe Stunde, sondern als verlässliche moralische Säule? Finde ich die Vier in Mathe besorgniserregend oder denke ich voller Gelassenheit an meine eigenen Mathestunden? Loslassen oder antreiben? Bin ich für Bildungsoffensive oder Stressminimierung? Tja, wenn ich das wüsste.

Wir wollen unseren Kindern Werte mitgeben, Stabilität in den vielen heiklen Entscheidungssituationen, die das Leben bereithält: Unsere Kinder sollen mitfühlend sein, aber auch ihre Interessen vertreten, sie sollen sich auf dem Schulhof durchsetzen, aber keine Gewalt ausüben, sie sollen sich gesund, aber lecker ernähren, sie sollen Hochleister sein, aber kooperativ, die Welt retten, aber auch sich selbst. Standorte, Standpunkte, Standpauken – täglich werden Kriterien, Bedingungen, Haltungen neu verhandelt.

Das Mantra unserer Tage lautet: »Solange du die Füße auf meinen Tisch legst …« – so lange ist alles in Ordnung, so lange ist der Ton erträglich kumpelhaft, das Kind kontrolliert respektlos, worauf wir ja stolz sind, so lange herrscht heitere Gelassenheit. Machtfragen wollen wir nicht klären, weil wir es nicht können.

»Solange du die …« ist pädagogische Kapitulation, aber auch der ideale Start für einen Neuanfang, sagt die Hauspsychologin, die zufällig meine Ehefrau ist. Das »Solange du …« bekommen wir nicht raus aus unserem unbewussten Wortschatz, aber wenigstens die zweite Hälfte kann man neu formatieren: »… die Füße auf meinen Tisch legst.« Das ist cool, das ist lässig und weltläufig, selbstironisch bis sympathisch verzweifelt, das klingt exakt so, wie ich als Vater gern wäre, aber leider zu selten bin. Ist halt alles so unklar heute.

Früher war die Wertewelt in »falsch/richtig« unterteilt, heute regiert ein uferloses Kommt-drauf-an. Wenn ein Schulhof-Flegel unseren Prinzen ins Dornengestrüpp geschubst hat, hätten damals zwei Lösungspfade genügt: War man stärker, bekam der Missetäter eine geschallert. War man schwächer, folgte subtilere Rache wie: Luft aus dem Radreifen lassen. Heute regiert der Zweifel: Eigentlich sind wir ja Pazifisten. Mailen wir mit den Mediatoren? Was schreibt Jesper Juul dazu? Vielleicht haben wir auch was falsch gemacht? Sollen wir die gegnerischen Eltern einschalten? Die Klassenlehrerin? Wir fragen mal im Waldorf-Chat. Man muss ja auch den sozialen Hintergrund mitdenken. Wir oszillieren zwischen ehrlich und höflich, zwischen Kontrolle und Vertrauen, zwischen »Ich« und »die anderen«, zwischen Rücksicht und Selbstbestimmung. Was ist wann richtig oder gar moralisch oder einfach nur schlechtes Benehmen? Einzige immer gültige Antwort: kommt drauf an.

So besteht die moderne Erziehung unserer Kinder zu den guten Menschen, die wir nie waren, heutzutage nicht mehr im Vermitteln unverrückbarer Positionen. Es geht vielmehr darum, die Kunst des Kontextnavigierens zu lehren: Wann ist ein Friedensgespräch angezeigt, wann der Tritt in den Hintern? Wo zeigen wir Mitgefühl, warum ein andermal Strenge? Wieso lachen wir heute über einen billigen Scherz auf Kosten anderer, warum tadeln wir dasselbe einen Tag später? Warum erfordert der Elternabend einen anderen Ton als der Restaurantbesuch? Warum darf Papa im Auto und beim Fußball schlimme Worte sagen? Werte waren noch nie so situationsabhängig wie heute. Manchmal geht es ums Überleben, ein andermal einfach nur um angenehme Stimmung, bisweilen ums Prinzip. Und je mehr merkwürdige Situationen uns das beschleunigte Leben auferlegt, desto schneller wechseln die Werte.

Seit über 20 Jahren versuchen wir in unserer Familie vergeblich, das volatile Biest namens Alltagsethik in beständige Regelwerke zu zwingen – vergeblich. Rigorose Zeitgenossen könnten behaupten, wir hätten unsere Erziehungsziele verfehlt. Dabei haben wir sie nur angepasst. Weg von unerreichbaren Humboldt’schen Fantasien einer ganzheitlichen, universellen, immerwährenden Haltung; hin zu einem modernen Moralmix, der garantiert nicht das ganze Leben übersteht, aber womöglich einen Schultag.

Ja, Erziehen ist und bleibt Wertevermittlung, klar. Aber wer sagt, dass es immer dieselben sein müssen? Werte haben zur Situation zu passen, zu den Eltern, zu den Kindern, zu allen, die zugucken und deren Tagesform. Moralisten mögen sich über diese situative Ethik aufregen. Aber uns Erziehungsverdammten, Vätern zumal, hilft sie gewaltig. Warum beschwor denn jeder US-Präsident, egal, wie verkommen er gewesen sein mag, die »family values«? Weil man darunter alles verstehen kann. Herrlich: im richtigen Moment den richtigen Wert, immer frisch und überraschend, damit sich die kleinen, schlauen Biester nicht auf Argumentationsmuster einstellen können. Und was bleibt dem Vater? Dieses ständige Gefühl, an den eigenen Werten, Ansprüchen und gut gemeinten Vorhaben von einst einfach nur krachend zu scheitern.

Immerhin: Wir lachen ziemlich viel. Vieles haben wir gut gemeint. Gut gemacht haben wir es deswegen noch lange nicht. Aber: Wir haben uns immer bemüht, also fast immer.

So geht es nun los, liebe Miteltern, zu einer heiteren Reise durch die Spannungsfelder unserer Werte, gelegen zwischen Kontrolle und Vertrauen, zwischen Ich und Wir, zwischen gedünstetem Fenchel und weißer Crunchy-Schokolade, erprobt und verfeinert im täglichen erzieherischen Wettstreit. Alle moralischen Konflikte des Elternalltags werden in diesem Buch mitfühlend abgebildet, immer mit dem Ziel, Gewissen und Realität in Einklang zu bringen. Ob die Kinder damit bessere Menschen werden? Keine Ahnung. Aber wir Eltern kommen besser über den Tag. Das ist ja auch schon was.

2. Gut gemeint vs Gut gemacht

Das Scheitern an den eigenen hohen Ansprüchen quält mindestens so heftig wie die Erinnerung an das eigene Sohnsein. Warum jeder Vater verzweifeln muss.

Wir sind eine stabile Familie. Also »stabil« jetzt nicht im Sinne von jeden Sommer Wangerooge oder seit 23 Jahren mittags immer mit Lehmann und Schultze an Tisch 16 und Gericht II (»das Leichte«) mit Nachschlag. Nein, nicht trist oder verzweifelt. Eher »stabil« im Sinne von verlässlich. Wir vier treffen uns zum Beispiel jeden, also wirklich jeden Sonntagabend Punkt 18 Uhr an diesem Küchentisch, an dem ich jetzt gerade zufällig allein sitze. Es ist 18:15 Uhr. Und, ja, es ist Sonntag.

»Stabil« schließt ja individuell und veränderungsbereit und spontan nicht aus, was wir manchmal innerhalb von Sekunden sind, ohne dass wir selbst überhaupt damit rechnen. Mathematisch gesehen ergeben die Macken von zwei Erwachsenen aus den geburtenstarken Jahrgängen und ihren beiden Söhnen, die elf Jahre auseinanderliegen, eine unendliche Zahl emotionaler Konstellationen. Wie beim Schach. Eigentlich alles wie immer: Dame, Läufer, Bauern. Und doch jedes Mal anders.

Um ehrlich zu sein: Fast alle Familienmitglieder sind ziemliche Chaoten, bei denen man froh ist, wenn mal eine Waschmaschinenladung farblich so rausfällt, wie sie eingefüllt wurde. Es gilt das Prinzip Rockband: Alle sind verrückt, aber in der Gruppe ist unser Irrsinn durchaus berechenbar. Manchmal sogar sympathisch. Ich bin natürlich anders, ein gelassener Vater und Ernährer, Verantwortungsträger, Ruhepol und Stabilitätsanker, moralische Autorität, eben derjenige, der die Wäsche schließlich aufhängt, nicht ohne ironische Hinweise auf mein unermüdliches Engagement im Haushalt.

Über Jahre hat sich unser alltägliches Durcheinander zu einer Art Kontinuität gefügt, weil da etwas Festes in der Mitte steht, ein Stamm, um den sich die bunten Bänder der Emotion wickeln können, unser ethisches Zentrum – der Küchentisch, eine massive Baumscheibe. Was der Rockband die Bühne, wo man Zusammenhalt manchmal auch widerwillig zelebriert, ist uns dieses geduldige Stück Holz, immer Sonntagabend, immer Punkt 18 Uhr. Außer heute. Ausnahme.

Die Mahlzeit, eher deftig, aber immer auf Sonderwünsche abgestimmt, wird traditionell zubereitet vom Mann, der auch die Wäsche aufhängt. Dazu heiteres Stimmengewirr der Jungs, gelegentliche Sorgenfalten bei der Chefin, weil Sorgenmachen nun mal ihre Lieblingsbeschäftigung ist, bei mir leichter Neid auf unbeschwertes Jungssein: Wir reden über Fußball, Kybernetik, Trend-Allergien, Doofköppe, Skateboards, die Musiklehrerin, Mädchen insgesamt und die kommende Woche, im Ton eher freundschaftlich, selten zu zweit, oft zu dritt, manchmal zu viert oder mit Gästen, die sich dazugesellen: Freunde der Kinder, Freunde von uns, am liebsten alleinstehende Kinderlose, die viele gute Erziehungshinweise parat haben, und gelegentlich auch Opa, der letzte Repräsentant aus der Großeltern-Generation. Sonntagabend am Küchentisch, das ist UNO-Vollversammlung, Stuhlkreis, Gericht, Zusammenfinden, Basisdemokratie, Erden, Vermittlungsausschuss, Camp David. Hauptsache hinterher Frieden.

Diese wunderschöne Tradition würden wir niemals unterbrechen. Bis auf heute Abend. Da sitzt der Mann, der westfälisch zuverlässig fast immer am Sonntagabend zur Familienkonferenz erscheint, allein um den Tisch und wundert sich, dass eine Flasche Nero d´Avola nicht nur für zwei nicht reicht, sondern auch für einen nicht. Die Chefin baumelt noch beim Intensiv-Yoga-Wochenende an der Müritz. Schüler Hans, elf, ist auf einen Kindergeburtstag mit Paintball eingeladen, was man auf gar keinen Fall ausfallen lassen kann. Und Student Karl, 22, murmelte beim überstürzten Abschied vor einer knappen halben Stunde was von »Klausurlerngruppe«. Übersetzung: »Keinen Bock, mit Papa allein am Küchentisch zu sitzen. Brauche weder seine Monologe, wie geil früher alles war, noch Zurechtweisungen irgendwelcher Art.«

Einsamkeit, dein Name ist Vater. Tapfer rede ich mir ein, dass unser Sonntagsritual die Familie zusammenhält, dass Konfliktfähigkeit geschult, aber auch Verzeihen, Resilienz, Miteinander eingeübt wird. Manchmal sind die Chefin und ich einer Meinung, weil wir die Erwachsenen sind, manchmal aber auch sie und Karl, weil die Mutter findet, dass der große Sohn mehr nach ihr komme und insofern eine übersinnliche Verbindung zwischen beiden bestehe. Der kleine Hans und ich fühlen uns auch verbunden, sind aber chancenlos gegen eine starke Frau und einen großen Bruder, der bereits ein zweites Studium aufgenommen hat. Karl, der Große, liebt seinen kleinen Bruder von ganzem Herzen, betrachtet dessen Vorliebe für Latein und lange Schwimmstrecken aber als Provokation. Weltschmerzgequälte 22-Jährige, die auf dem Weg zu sich selbst mäandern, lassen sich ungern von halb so alten Knirpsen vorführen, wie Ausdauer, Begeisterung und Leichtigkeit gehen.

Von uns vieren ist die Chefin am souveränsten, weil sie in den vergangenen fünf Jahren mit erschreckender Konsequenz das lebenslange Lernen wahr gemacht und ein komplettes Studium durchgezogen hat, Bachelor und Master, in Psychologie, mit Kommilitonen, die unsere Kinder sein könnten. Ich war das Forschungsobjekt. Nun ist sie die Einzige von uns, die einen richtigen Beruf hat. Sie hält ihre Bestimmerinnenrolle für völlig selbstverständlich. Wir inzwischen auch.

Als Psychologin schaut sie auf uns drei, als seien wir nicht nur ihre Beschützer und Verehrer, was stimmt, sondern vor allem Patienten. Was leider auch stimmt. Im Alter von elf, 22 und 52 sind Männer in besonders kritischen Lebensphasen, vor allem Väter, deren zuverlässigstes Merkmal die Verhaltensunsicherheit ist: Ja, wir wollen cool sein, aber nicht Laissez-faire, wir wollen Traditionslinien fortleben und Familienwerte weitergeben, wissen aber gar nicht, welche, mal abgesehen von Opas alter Uhr mit Handaufzug, aber auf keinen Fall den Eigenheimfimmel, weil ja wieder Krieg kommen könnte. Wir wollen Stärke und Beharrlichkeit zeigen, aber auch Mut zur Sanftheit und Lässigkeit. Und dann noch dieses elende Männerding. Nicht aus jedem Sohn wird ein Vater, aber jeder Vater war mal Sohn und weiß: Normales Mannsein war schon komplex, als die Rollen noch traditionell verteilt waren. Heute ist entspanntes Mannsein unmöglich.

Will ich darüber schon wieder nachdenken? Nein. Ich hätte mit Thorsten Bier trinken sollen, statt hier allein zu hocken. Thorsten hat zwei Töchter. Wir überbieten uns mit unseren Horror- und Stolz-Storys. Für alle, die gern über die Vorzüge von Jungs oder Mädchen philosophieren, hier die finale Exklusivinfo: Es ist egal.

Eigentlich ist eine Solo-Familienkonferenz ganz schön. Da muss ich endlich mal nicht Erwartungen erfüllen, sondern kann ganz so sein, wie ich wirklich bin, ganz ohne Rollendruck. Aber da geht’s schon los. Wie bin ich eigentlich? Ist es normal, dass ich zuerst daran denke, was die Nachbarn wohl tuscheln, wenn die Küche sonntags plötzlich ruhig und dunkel bleibt? In unserer Berliner Altbauwohnung liegt das Küchenfenster zum Hof, weshalb unsere Familientreffen quasi öffentlich sind, bei Bedarf sogar mit Ton, wenn wir das Fenster kippen, was sehr themenabhängig ist. Die Fenster müssten auch mal wieder geputzt werden, denkt mein wahres Ich gerade. Ich habe meine eigenen Eltern verachtet für ihre extreme Nachbarschaftsfixierung – jetzt bin ich selbst so.

Wegen der Nachbarn brauchen unsere Küchentisch-Rituale nicht zwingend einen Sinn, aber unbedingt Kontinuität und zugleich genügend Pufferzeit bis zum Tatort, wo man nebenbei Mails erledigen und Zeitung lesen kann. Meine Mutter hat früher beim Fernsehen gehandarbeitet: Motivsticken, Schalstricken, Hosenflicken. Schon wieder so eine Vererbungsgeschichte: Ich muss vorm Fernseher auch immer was zu fummeln haben. Nie wollte ich so werden wie meine Eltern. Längst bin ich schlimmer.

Elternsein bedeutet ja nicht nur, experimentell an kleinen Seelen herumzuschrauben, sondern auch, eine Expedition zu den eigenen Meisen zu unternehmen, sich mit den eigenen Eltern auseinanderzusetzen und täglich die bange Frage zu stellen: Rede ich jetzt schon wie meine Mutter, wie mein Vater? War das, was ich für jahrelangen Abgrenzungskrieg hielt, lediglich ein Tarngefecht, hinter dem in Wirklichkeit Gewohnheiten weitergegeben wurden? Wie konnte es geschehen, dass ich plötzlich Sätze sage, die ich seit 40 Jahren vergessen wollte?

Es ist so schrecklich paradox. Vatersein heißt ja zunächst mal Vater-Nichtsein, weil man ganz anders sein will als der eigene Erzeuger, den man liebevoll abwertend den »Alten« nennt oder mit heuchlerischem Respekt den »alten Herrn«. Aber wie ist man anders Vater? Bringt einem ja keiner bei. Im Kino oder in Erziehungsratgebern sind Väter Til-Schweiger-haft, verständnisvoll, offen, verletzlich. Nicht so emotional verkarstet wie die Kriegsgeneration, nicht so spießig wie die Wirtschaftswundereltern, aber auch nicht so hilflos kumpelig wie die Achtundsechziger. Erst recht nicht so luschig wie diese Transportradpiloten mit Helm und Grünkohl-Smoothie. Wie aber ist der moderne Vater, der seine Führungsrolle ebenso ernst nimmt wie die Pflicht zur Empathie, damit die Kinder keine Terroristen oder Investmentbanker werden? Moderne Väter wissen sehr genau, wie sie nicht sein sollen, aber ahnen bestenfalls wolkig, wie sie sein wollen.

Warum bleibt dieser zähe Eindruck, dass unsere eigenen Väter womöglich moderner, konsequenter, zugewandter waren als wir? Wir haben Internet, Fleischthermometer und zwei Billys voller Lebenshilfeliteratur, aber leider wenig Zeit. Wir machen im Urlaub unter Anleitung von Verhaltenstherapeuten ein Familienseminar »SmallGardening« oder üben achtsames Essen ohne Handy. Neulich habe ich von einem Vater-Sohn-Kurs für »Creative Boardgames« gelesen, wo dieses Malefiz gelernt wurde, was dann alle gleichzeitig fotografiert und gepostet und online bestellt haben. Toll, was man alles zusammen machen kann, ohne viel miteinander zu reden. Sind das die modernen, neuen Väter?

Mein »alter Herr« hat nie auf ein Smartphone gestarrt, sondern darüber gewacht, dass beim Telefonieren der Acht-Minuten-Takt eingehalten wurde. Er hat mir wortlos den Sportteil der Zeitung gegeben, damit ich lesen lernte. Ein SUV wäre ihm irre peinlich gewesen, wegen der Nachbarn. Dafür ist er mit dem Rad zum Mittagessen nach Hause gekommen. Manchmal war er »abgespannt« und hat sich auf dem Sofa zusammengerollt, aber Burn-out hatte er nicht. Wir haben alles Mögliche repariert, nicht selten ohne Erfolg, wobei man dennoch eine Menge lernt. Mitunter durfte ich fernsehen, zum Spielen wurde ich ohne Anleitungen oder Helm an die frische Luft gejagt. Wir hatten einen Kleingarten, wo ich den Unterschied zwischen Erd-, Him- und Stachelbeeren lernte, durch, Achtung: Touching, Smelling, Tasting, Picking. Und beim alljährlichen Gartenfest habe ich kapiert, dass Alkohol mein Freund ist, weil mein Vater nach drei Bier unerwartet großzügig wurde und mir eine zweite Fanta und einen zweiten Satz Lose spendierte. Dafür hat er beim Malefiz immer gewonnen.

Eigentlich war damals alles so, wie es aktuelle Erziehungsratgeber verlangen – eine gute Mischung aus Behütetsein, Selbstverantwortung und viel Zeit. Und heute? Laufen angeblich Millionen neuer Väter durchs Land, die Elternzeit nehmen, aber womöglich nur, um das Baby bei den Großeltern zu parken, damit endlich Zeit zum Surfen ist. Der moderne Vater arbeitet Teilzeit, trägt das Baby vorm Bauch, isst solidarisch vegan, ist total präsent und managt sein Start-up von der Bank am Spielplatz, bevor er mit dem Lastenrad zurück in die lichtdurchflutete Altbauwohnung rollt. Gibt’s diese Typen wirklich? Oder sind sie eine Erfindung der Reklame-Industrie? Und wie geht es den Kindern?

Mir würde es schon genügen, ein ganz normaler Vater zu sein, der nicht dauernd drei Sachen gleichzeitig macht, der nicht unentwegt eine Sozial- oder Gefühlsshow abzieht, weil er sich von der Gesellschaft unentwegt beobachtet und bewertet fühlt. Seit Adam, Kain und Abel geht es beim Vatersein um dieselben Punkte: da sein, zuhören, Zeit nehmen, Mut zu pädagogisch unwertvollen Maßnahmen haben, die Bauch oder Herz gerade befehlen. Wie sehr habe ich als Kind gerade die sinnarmen, uneffektiven, ziellosen Momente genossen, das tagelange Hämmern im Bastelkeller, das Wälzen im Dreck, die Kartoffelschleuder; bestimmt keine Quality Time, aber toll.

Diese Jungenmomente sind so tief in mir verwurzelt, dass ich sie an meine eigenen Söhne weitergeben und sie zugleich vor diesem ganzen Perfektionsdruck bewahren möchte. Manchmal fühle ich mich weniger als Vater, sondern eher als Medium, das die Weisheit oder Eigenartigkeit der Alten einfach durch- und weiterleitet.

Ja, ich gestehe: Früher als Jungvater war es mir irre peinlich, dass all diese Sätze meiner Eltern, die ich nie wieder hören wollte, plötzlich unkontrolliert, unzensiert, unreflektiert durch meinen Mund flossen.

»Solange du die Füße …«

»Wenn das alle machen …«

»Guck dich doch mal an …«

»Willst du, dass ich böse werde?«

Karl war maximal drei Jahre alt, als so ein Satz zum ersten Mal aus mir herausbrach, wofür ich mich heute immer weniger schäme. Die bange Frage »Sind wir vielleicht so schlimm wie unsere eigenen Eltern?« muss mit einem deutlichen »schlimmer« beantwortet werden. Und zugleich mit der Einsicht: Macht aber nichts.

Die Kunst fortgeschrittenen Vaterseins besteht darin, zunächst einmal Frieden zu schließen mit den eigenen Erzeugern. Wer ein dramatisch verspanntes Verhältnis zu den eigenen Eltern hat, wird kaum ein fröhlicher Erziehungsberechtigter sein – zu viel von früher schwingt mit. Zum Friedensschluss mit seinem Leben als Sohn gehören einige womöglich schmerzhafte Einsichten, vor allem die, dass die Eltern nicht an allem schuld sind.

Erstens Scham: Was für ein unerträglicher Stinkstiefel war ich eigentlich damals?

Zweitens Respekt: Verdammt noch mal, ihr habt das damals eigentlich ganz gut hinbekommen.

Drittens Verständnis: Das Scheitern, das ich damals an meinen Eltern zu beobachten glaubte, war nicht das individuelle Scheitern zweier Menschen, sondern das Scheitern, das Elternsein zwangsläufig mit sich bringt.

Und viertens Dank: War nicht alles dufte, aber ganz schön viel.

Fazit: Vatersein ist ein Job, den du nie optimal erledigen kannst. In jeder Sekunde werden Rolle, Blicke, Aufgaben, Leistungen und die Richtigkeit jeder Tat neu verhandelt und bewertet, von den Kindern, der Gattin, aber vor allem von dir selbst. Warst du soeben ein guter Vater, als der Junge nach Hause kam und von seiner Zwei in Mathe berichtete, während du mit dem Blätterteig aus Dinkel kämpftest? Fehlte nicht wieder Anerkennung? Wird das Kind genügend emotional gefördert?

Das Verhältnis von Scheitern und Richtigmachen liegt an guten Tagen bei einem Unentschieden. Weil man statistisch nie gegen die eigenen Perfektionsansprüche gewinnt, sammelt sich so über die Jahre automatisch Schuld an. Erziehen heißt, dass nur auf einem Konto dauerhaft Plus herrscht, dem Konto mit dem schlechten Gewissen.

Welcher moderne Vater kann schon ehrlich von sich sagen: Ich bin stolz auf meine moderne Vaterschaft. Ich habe alles richtig gemacht. Meine Methoden waren wirkungsvoll, ohne zu verletzen. Ich habe mein eigenes hochproblematisches Ego rausgehalten, habe immer nur bedingungslos geliebt, nie erwartet, erst recht nie projiziert, war immer locker, voller Vertrauen. Und niemals habe ich das Kind manipuliert, erpresst oder beflunkert. Ich habe ein großartiges Geschöpf in die Welt entlassen, das Beste, was mir möglich war. Ein vergebliches Unterfangen. Entweder werden sie mir ähnlich, was man den Kindern nicht wünschen mag. Oder sie werden völlig anders, was auch nicht schön ist.

Früher war die Sache klarer. Es gab weniger Debatten, erst recht keine Mitbestimmung bei sonntäglichen Familienkonferenzen. Da wurde gegessen, was auf den Tisch kam, die Kinder hatten den Schnabel zu halten und dankbar zu sein. Elterliche Dauerprüfblicke checkten Messer- und Gabelhaltung. Die Unterhaltung bestand aus launigen Merksätzen wie »Der Löffel geht zum Mund, nicht umgekehrt«. Heute wird alles partnerschaftlich entschieden, also von Karl und Hans. Dazu kommt der aktuelle Ernährungsfimmel der Chefin, mal Chia, mal Macha, aber immer aus der Region.

Früher war Vater der Bestimmer, heute ist er Dienstleister, der Angebote macht. »Wie wär´s denn mit einem provenzalischen Fisch-Nudel-Auflauf?«, frage ich samstags in die Runde, nachdem ich empathisch ein Rezept gesucht habe, das überraschend gewürzt ist, leicht, sättigend und nicht so nach Fisch schmeckt. »Kein Fisch«, sagt Karl dann, weil ihm noch schlecht ist vom letzten Klausurlernabend. »Kein Auflauf«, sagt Hans, weil der innen zu heiß ist und insofern schlecht zu schlingen. »Keine Nudeln«, sagt die Chefin, wegen low-carb. »Kein Mitspracherecht«, denke ich und atme in mein drittes Chakra, das für Macht und Durchsetzungskraft steht.

Anbieten ist ein modernes, aber gefährliches Erziehungskonzept. Denn Angebote kann man ablehnen, nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch aus Bosheit, als perfide Strafe, weil Papa gemein war. Hans lehnt alle meine Essensvorschläge ab, wenn er nicht an den Computer darf, zum Minecraft-Spielen. Lasse ich ihn an den Rechner, damit er meine Menüvorschläge akzeptiert, kontert wiederum die Chefin mit Menü-Mäkeln, weil das Kind nicht so viel daddeln soll. Ich versuche, auf keinen Fall schuldhaltige Sätze zu denken wie: »So viele Kinder haben Hunger auf dieser Welt. Und wir debattieren, ob schottischen Lachs oder irischen oder ob nicht mal wieder Zeit sei für Borlotti-Bohnen.« Am Ende steht immer die Frage: Bereite ich mir selbst Schuldgefühle oder delegiere ich sie an die Kinder? Anbieten heißt einfach nur: schlechtes Gewissen diversifizieren.

Zum Beispiel jetzt: Wer ist schuld, dass unser Familienritual nicht stattfindet, an diesem Sonntag? Warum sitze ich hier alleine? Was habe ich falsch gemacht? Wir wollten doch demokratische Verhaltensweisen einüben, achtsamen Austausch und das Formulieren von Bedürfnissen. Wie sollen wir respektvolles Miteinander leben, wenn keiner da ist?

Ach, egal. Ist doch schön, mal nur mit mir hier zu sitzen, an diesem wunderbaren Tisch, massive Platte, dezente Maserung, reichlich Platz darunter, damit sich unsere vielen Beine nicht ins Gehege kommen. Hätte dieser Tisch Ohren, würde er vermutlich anmerken, dass er die meisten Dialoge schon tausendfach gehört hat. Ich bin mir sicher, dass sich der alte, weise Tisch auf meine Seite schlagen würde. Weil er in mir einen Kombattanten erkennt, der weiß, dass man leiden kann, ohne es dauernd zu zelebrieren. Vatersein ist wie Tischsein – stummer Diener, stabil, mit leichten Macken.

Für die Familie hätte ich natürlich groß gekocht. Für mich allein brate ich Spiegeleier, deren Öl den trockenen Kanten Brot aufweicht, den ich aus pädagogischen Gründen nicht wegwerfe. Achtsamer Umgang mit Brot ist Kernerziehung, gebackene Weltgeschichte, von Jesus über Marie Antoinette bis Heiner Kamps; flankierend dazu Wanderurlaube in Gegenden mit niedriger Gastronomiedichte. Wer seine Kinder dazu bringt, Brot zu ehren und zu wandern, hat pädagogisch nicht ganz versagt.

Demonstrativ esse ich immer die trockenen Brotreste, vor allem, wenn die Kinder zugucken. Protestantismus ist eine erzieherische Waffe, da lag meine Mutter ganz richtig. Sätze wie: »Ich brauche nichts«, hervorgepresst zwischen zähen Brotrinden, erzeugen bei Kindern schlechtes Gewissen wegen der eigenen Völlerei und Tugendlosigkeit. Es folgt betretenes Schweigen. In Gedanken büßen die Söhne jetzt ein wenig, während der Kantenkauer den Wärmestrom seiner Hypermoral genießt und sich genau deswegen auch gleich schuldig fühlt.

Dummerweise sitze ich allein am Tisch und niemand guckt zu, wie ich mit einiger Sorge um meine Inlays Fetzen aus dem Ökobrotrest reiße. Vorbild und Idiot, das liegt nah beisammen.

Nach Papst und Bundestrainer ist Vatersein der drittschwerste Beruf der Welt. Soll ich rustikaler Outdoor-Profi sein oder Kuschelkater, strenger Ablativ-Vorbeter oder Achtsamkeits-Kaninchen, kann ich Testosteron zeigen oder bin ich dann schon Domplatten-Antänzer? Wo darf ich spürbar werden, wo nicht auffallen? Wo lasse ich Platz für die Mutter, wo besetze ich selbstbewusst mein eigenes Spielfeld? Und wo zum Teufel soll ich überhaupt Vorbild sein? Moral? Gesundheitsbewusstsein? Brasilianische Lebensfreude? Ist wohl kein Zufall, dass ich mir trockenes Brot zum Vorbildsein ausgesucht habe.

Ich will ja keine Wettbewerbe ausfechten, schon gar nicht mit der Chefin, die es nahezu über die Silberhochzeitsdistanz mit mir aushält. Aber es ist schon so, dass mir die Familie von uns allen am wichtigsten ist. Die Chefin achtet viel auf Selbstverwirklichung, man hat ja auch einiges um die Ohren als Superfrau. Den Jungs dagegen ist Familie – sagen wir es, wie es ist – genauso scheißegal, wie sie uns früher war, solange sie kein Geld brauchen oder Trost oder irgendeine Dienstleistung. Vielleicht erwähnen sie in 30 Jahren beim Therapeuten mal, dass diese Sonntagabende eigentlich ganz schön waren.

Ich dagegen lebe die Selbstaufopferung, die einzige Rolle, die der moderne Vater über die Jahre durchhalten kann. Frauen haben viele Vorbilder, Mütter zumal. Wir Männer haben nur Ryan Gosling oder George Clooney und ansonsten viele Figuren, die wir nicht sein sollen: Macho, Arbeitssüchtiger, Patriarch. Früher war »Tyrann« kein Schimpfwort, sondern eine Rollenbeschreibung. Doch aus dem Alphatier-Vater ist eine Omega-Amöbe geworden, Spielball kindlichen Spotts und Dressurobjekt der Chefin, wovon sie ihren Freundinnen gern erzählt: Meiner kocht. Meiner putzt. Meiner malt jetzt Mandalas. Haben wir in einer Entschleunigungszeitschrift gesehen.

In Wirklichkeit bin ich der Kettensägentyp. Meine Jungs sollen mit 18 nicht nur Abitur haben, sondern auch Schwielen an ihren Händen. Eines Tages machen wir doch noch diesen Vater-Sohn-Kurs im Wald, der ja durchaus auf einer Linie liegt mit meiner bisherigen körperorientierten Erziehungsarbeit: erst kooperatives Pressatmen, dann Baby vorm Bauch tragen, Radfahren, Wandern. Gemeinsames Werken fördert das Einbilden, dass man nicht nur Ernährer, sondern auch handfester Kumpel sei, gerade bei Söhnen. Die Jungs wiederum hoffen wahrscheinlich, dass es bald vorbei ist.

Aber nein, nichts ist vorbei. Ich harre treu am Tisch aus, ich halte das Ritual wach, ich bin der Familienschamane. Um ehrlich zu sein, hocke ich vor allem hier, um den andern dreien eben dies mitzuteilen: Ich war da. Haltung ist nicht nur ein Wort, sondern Handeln: Ich trete an, egal, welche Vergnügungen da draußen locken. Und ihr? Yoga, Paintball, Lerngruppen-Trallala. In der Kunst der vorwurfsvollen Anwesenheit macht mir keiner was vor. Nein, ich bin nicht sauer. Eher enttäuscht, dass so wenig hängen geblieben ist von den Werten, die ich seit Jahren zu vermitteln versuche. Auch das kenne ich bestens von meinem eigenen Vater. Das Spiel mit Schuldgefühlen ist Eltern-Einmaleins.

Ist ja auch so. Dieses gemeinsame Essen ist mir wichtig, weil es die Familie zusammenhält, ganz archaisch. Dafür koche ich gern, auch mal mit Kokosmilch und Ingwer, so ’n bisschen verrückt. Neulich gab es einen Nudeleintopf mit, genau: Borlotti-Bohnen. Ich finde, Hans und Karl können solche Worte ruhig lernen. Damit die Jungs später überall auf der Welt auch in Gourmetkreisen punkten.

»Damit die Kinder später …« ist wahrscheinlich der von Eltern meistgedachte Satzteil von der Zeugung bis zum Auszug, womit man ein Vierteljahrhundert ja locker rumkriegt. Erziehen, das ist immer eine Leistung für später, eine Art Bausparvertrag, wo über die Jahre viele gute Eigenschaften angesammelt werden, sodass man später staunt, wie viele es geworden sind. Gibt es eigentlich einen erzieherischen Negativzins, wenn Eltern unentwegt gute Absichten in die Kinder stopfen, ohne dass was bleibt?

Deswegen Essen. Daran erinnert man sich immer gern, das warme Holz des Tisches, die MIR-hafte Enge in der Bank, dicke Oliven mit Sardellen drin, die Zeitungsausrisse des Wochenendes, die ich augenzwinkernd verteile, dazu Kerzen, wenn welche im Haus sind, der Essensduft und mittendrin in seiner Paraderolle als Besser-Mutti der gut gelaunte Vater, der seit 16 Uhr Wein trinkt, weil man das als Koch so tut, gerade wenn man das Mediterrane schätzt. Lebensfreude pur und so. Alle Sinne der Kinder werden hier angespielt, und so wird Sonntag für Sonntag weiter an einem Lebensanker aus biografischem Gold geschmiedet, besetzt mit Stabilitätsjuwelen. Die Kinder sollen sich später positiv an zu Hause erinnern. Ich zaubere Essensduft, um den Pesthauch unserer elterlichen Schuldgefühle zu überdecken.

Erzieherei soll vor allem verhindern, dass die Kinder später allzu viel Böses erzählen von zu Hause, so wie wir das lange Jahre gemacht haben. Die gute Mahlzeit von heute ist die gute Erinnerung von morgen, so wie das teure Geburtstagsgeschenk, das aufwendig inszenierte Weihnachten, der perfekte Urlaub. Wir basteln hektisch jeden Tag an den künftigen Erinnerungen unserer Kinder, damit sie als Erwachsene auf gar keinen Fall das hässliche »blame game« anfangen, das wir bis heute so hingebungsvoll betreiben. Zusammenfassung: Ich bin traumatisiert. Meine Eltern haben mich kaputt gemacht. Alles, was Mutti nicht verbockt hat, hat Vati zerstört. Nur mich trifft keine Schuld.

Nicht auszumalen, dass unsere Kinder im Jahre 2050 ihre Traumata aus diesen Sonntagabenden ableiten, als sie die Kochexperimente des Vaters über sich ergehen lassen und dabei noch so tun mussten, als redeten sie total offen. Ist doch klar, dass damals, also heute, mindestens eine Essstörung gezüchtet wurde. Und Bindungsunfähigkeit. Und Burn-out. Schuld? Ich!

3. Kontrolle vs Vertrauen

Klar, die Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, sich auch mal wehtun oder einfach nur scheitern. Aber wann? Und wie viel? Kann ein Neunjähriger U-Bahn fahren? Ein Pubertierender anständig Hausaufgaben erledigen? Da gucken wir doch lieber mal nach.

Heute Abend kochen die Jungs. Sie haben sich Wiener Schnitzel gewünscht. Das machen sie selbst, hat die Chefin angeordnet, vom Einkauf bis zur panierten Schuhsohle. Theoretisch eine tolle Idee, weil die Kinder eigenverantwortliches Handeln lernen. Praktisch ein Inferno, weil sie die Küche abfackeln werden und wir hinterher Pizza bestellen, weil die Schnitzel verbraten sind.

Ausnahmsweise pünktlich haben wir uns um 18 Uhr getroffen. In wenigen Minuten verwandeln Mehl, Messer, Eier, rohes Fleisch, Brösel und heißes Fett eine einstmals schicke Einbauküche in ein Schlachtfeld, wie es nur zwei Jungs oder der IS anrichten können. Ich kämpfe innerlich wie ein Löwe, um zu lächeln und das Gemetzel in meiner Küche total okay zu finden. Loslassen, sagt mein Kopf, einfach loslassen. Natürlich könnte ich anmerken, dass aus Eierschalen oft Resteiweiß tropft, das auf dem Küchenboden wochenlang herumklebt. Ich könnte zum Fleischklopfen einen Messergriff empfehlen, weil die Faust oft, aber nicht immer das optimale Werkzeug ist.

Ich lächle also hoch konzentriert in das »Lass sie doch mal« der Chefin. Ich weiß schon, was sie denkt: vertrauen, mehr wagen, wird schon. Was soll denn schiefgehen? Na, alles natürlich, wenn ich die Abläufe nicht minutiös kontrolliere. Loslassen ist gut, wenn man der Dalai Lama ist. Aber der muss ja hinterher auch nicht sauber machen.

Wir befinden uns auf dem schwankenden Boden zwischen Vertrauen und Kontrolle. Was traut man den Kindern zu? Was sollten sie schon können? Was nimmt man ihnen lieber ab, weil es nicht nur schiefgeht, sondern ihr Leben gefährdet? Natürlich müssen die Kleinen Eigenverantwortung lernen; in anderen Ländern der Welt sind sie mit zehn praktisch auf sich gestellt. Wir leben aber nicht in anderen Ländern. In Deutschland werden Studenten von Mutti vor den Hörsaal kutschiert. Nein, wir sind natürlich keine Helikopter-Eltern. Niemand ist das. Aber man wird sich ja noch mal Sorgen machen dürfen oder kümmern – oder beides. Vertrauen ist oft nur ein Mangel an Kontrollmöglichkeiten.

Nehmen wir das Radfahren. Fortbewegen auf dem Zweirad bedeutet für Heranwachsende in der Großstadt dasselbe wie Schnitzel-Frittieren: unmittelbare Lebensgefahr. Karl, der Große, zum Beispiel hat neulich seine Umhängetasche in den Speichen des Vorderrades zerhäckselt, um sich anmutig zu überschlagen, mitten auf der Kreuzung, und natürlich, Ehrensache, ohne Helm. Der Bierlaster kam wenige Zentimeter vor seinem Ohr zum Stehen.

Preisfrage: Soll man einen Volljährigen kontrollieren, indem man ihm den Helm an die Hirnschale tackert und mit Plomben sichert? Oder soll man auf die Überlebenskünste seines Sprosses vertrauen? Die immerhin sind bei uns genetisch stark ausgeprägt. Auch der Kleine verfügt über die Konstitution eines Stuntmans. Neulich ist er kopfüber aus seinem Hochbett geplumpst und hatte hinterher vergessen, wie es dazu gekommen war. Seinen Namen wusste er aber noch. Der dumpfe Aufprall hatte nicht nur sein Gedächtnis erschüttert, sondern auch unser viergeschossiges Mietshaus. Ich hätte instinktiv auf Erdbeben getippt. Die Chefin wählte im Herbeieilen gleich die Notarztnummer. Unnötiger Aufwand: Der Junge schüttelte sich, torkelte ein wenig und reckte den Daumen. Mein Sohn, er hat die Mentalität eines Marines. Als der liebe Gott die Schmerzrezeptoren verteilte, waren unsere Söhne wahrscheinlich gerade nicht im Raum, sondern wieder mal heimlich am Kühlschrank. Insofern kann man darauf vertrauen, dass sie überleben, egal, welchen Blödsinn sie anstellen.

Mit dieser lockeren Haltung hatten wir uns schon in der Kita den Ruf der Rabeneltern eingehandelt. Wäre es nach den Sorgenprofis gegangen, hätte Hans einen Helm tragen müssen, sobald er aufs Hochbett kletterte. Ob denn alles auch TÜV-mäßig gesichert sei, fragten die Eltern, deren Kinder uns besuchen kamen. Nein, natürlich nicht. Man kann ein Hochbett ohne Vierpunktgurt bewohnen, sagten wir lässig. Mit dem Ergebnis, dass Hansens Besucher gar nicht erst hochkletterten.

Hans leidet übrigens an einer Helmallergie. Ich schwöre: Ich habe den Kleinen nicht aufgehetzt gegen seine Mutter, die ihm die bunte Plastikglocke jahrelang im zweiten Stock überstülpte, damit das Kind die Chance bekam, sich schon im Treppenhaus zu blamieren. In der Rangliste seltsamer Kopfbedeckungen führten lange jene Omis im Café, die den »bad hair day« mit lustigen Wollmützen camouflieren. Inzwischen sind die alten Damen von Männern abgelöst worden, die neongelbe Klettbänder an den Waden tragen, dazu die übertaillierte Plastikjacke mit Reflektor-Applikation aus dem Abenteuergeschäft und als Krönung Helm auf Resthaar. Sinnierend stehen sie vor dem Tofu-Regal und merken nicht, wie der Rest der Welt aus ästhetischen Gründen einen Bogen um sie schlägt.

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