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So zart erblüht die Liebe

1. KAPITEL

Rowena biss die Zähne zusammen. Sie war kurz davor, die Geduld zu verlieren. „Nur noch eine letzte Frage“, sagte sie.

„Die letzte Frage? Wirklich? Gott sei Dank“, murmelte der Mann neben ihr.

Er würdigte sie keines Blickes, sondern griff in die Jackentasche und holte sein Handy heraus. Offenbar brach für ihn eine Welt zusammen, wenn er nicht in den nächsten drei Sekunden telefonieren konnte.

Rowena ging davon aus, dass er sie als den steifen, konservativen und uninteressanten akademischen Typ eingeordnet hatte, der sie meistens auch sein wollte. Um diesen Eindruck eventuell zu korrigieren, hätte er sie zumindest noch einmal anschauen müssen. Aber das tat er nicht.

Sie ignorierte sein unhöfliches Benehmen. „Mögen Sie Grillpartys?“

„Ob ich was mag?“

„Man lädt Freunde ein. Es gibt Salate und Bier. Und das Fleisch wird auf einem Grill gegart.“

„Ich weiß, was eine Grillparty ist, Dr. Madison.“ Jetzt schaute er ihr doch noch ins Gesicht, wenn auch nur kurz. „Hören Sie, ich bin ein beschäftigter Mann …“

„Ja. Und Sie sind genau der Typ Mann, den ich nicht mag“, unterbrach sie ihn ohne nachzudenken. Die Worte sprudelten einfach aus ihr heraus. In kühlem Ton fuhr sie fort: „Ich sehe, dass Sie beschäftigt sind. Scheinbar ist das unglaublich wichtig. Im Gegensatz zu mir. Sie müssen nicht auch noch mit Ihrem Handy herumspielen.“

Wütend warf sie das Klemmbrett mit ihren handschriftlichen Notizen auf die alte Hobelbank, die ohne erkennbaren Grund auf der Veranda stand. Die Zettel flatterten im Wind. Jetzt steckte Ben Radford sein Handy wieder ein und trat schockiert einen Schritt zurück.

Eine Maus, die wie eine Löwin brüllte? Darauf war er nicht gefasst gewesen.

Seine Reaktion amüsierte Rowena. Vor Staunen stand ihm der wohlgeformte Mund für einen Moment offen, bevor er ihn irritiert zuklappte und sich mit seinen schlanken Fingern den Nacken rieb. Er sah umwerfend aus und war ebenso gekleidet. Man sah ihm seinen Erfolg buchstäblich an. So einen Mann aus der Fassung zu bringen, wenn auch nur für ein paar Sekunden, war ein ausgesprochen gutes Gefühl, fand Rowena.

Sollte sie ihn noch etwas mehr reizen oder in ihr warmes, vertrautes Mauseloch zurückkriechen?

Rowena folgte ihrem Instinkt.

„Sie haben dieses außergewöhnliche, wundervolle historische Anwesen gekauft“, begann sie. „Für mindestens zwanzig Millionen, vermute ich. Und Sie haben mich gebeten, Sie bei der Restaurierung des Gartens zu beraten. Sie wissen, dass meine Honorarsätze, meiner Kompetenz entsprechend, hoch sind.“

Bleib beim Thema, ermahnte sie sich.

„Ich versuche, Ihre Prioritäten auszuloten, Ihr Budget und Ihre Interessen. Wie wichtig ist Ihnen das historische Vorbild? Wie wollen Sie den Garten nutzen? Wie viel Geld wollen Sie ausgeben? All das sind entscheidende Punkte. Trotzdem haben Sie von Anfang an deutlich gemacht, dass ich Ihnen auf die Nerven gehe und Sie wichtigere Dinge zu tun haben.“

„Dr. Madison …“

„Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie mich um diesen Termin heute gebeten haben? Ich frag mich allerdings, warum. Bestellen Sie doch lieber einen Bulldozer, etwas Rollrasen und eine Wagenladung Geranien.“

Wütend nahm sie ihr Klemmbrett von der Hobelbank, die eigentlich eine hübsche Antiquität war. Ob Ben Radford das wusste? Aber das konnte ihr im Grunde auch egal sein, nach allem, was sie gesagt hatte.

Tat es ihr leid?

Diese Frage stellte sie sich, als sie auf den Seitenausgang des üppig wuchernden Gartenhofs zusteuerte. Sie nahm den kürzesten Weg zu ihrem Auto, denn es gab keinen Grund, noch einmal durch das wunderschön restaurierte Wohnhaus zu gehen. Sie würde Ben Radford ihre Reisekosten in Rechnung stellen und ihre kurze Geschäftsbeziehung als beendet betrachten.

Nein, es tat ihr nicht leid, dass sie so klare Worte benutzt hatte. Schließlich hatte sie ihre Berufsehre verteidigt und gleichzeitig ihre Wertschätzung gegenüber diesem vernachlässigten und verwilderten Stück Land zum Ausdruck gebracht.

Sie war stolz auf sich! So entschlossen kannte sie sich gar nicht, und sie genoss ihren kleinen persönlichen Triumph.

Noch vor zwei Jahren hätte ein so arroganter und erfolgreicher Mann sie nachhaltig eingeschüchtert. Wahrscheinlich wäre sie unter Tränen nach Hause gefahren, hätte sich verkrochen und wäre eine Woche lang nicht ans Telefon gegangen, aus Angst, Mr. Radford könnte anrufen.

In ihrer Vorstellung hätte sie die Begegnung so oft wiederholt und in der Erinnerung übertrieben, bis sie davon völlig gelähmt gewesen wäre und ihre Wohnung nicht mehr verlassen hätte.

Heute jedoch hatte sie tatsächlich das ausgesprochen, was sie dachte. Ein aufregendes Gefühl. Diesen Sieg wollte sie irgendwie feiern. Rowena beschloss, sobald wie möglich ihre Zwillingsschwester Rox anzurufen und ihr alles ausführlich zu erzählen. Rox würde ihr bestimmt Champagner schicken.

Natürlich bedauerte Rowena es, dass sie nun nicht an der Wiederherstellung dieser märchenhaften Gartenanlage arbeiten konnte, aber es ließ sich nicht ändern. Wenn sich schon die erste Begegnung mit Ben Radford so schwierig gestaltete, wäre bestimmt der ganze Job ein Albtraum. Wie die Dinge lagen, war sie glücklich davongekommen.

„Warten Sie, Dr. Madison!“

Ben Radford holte sie an der Gartenpforte ein und musterte sie, als ob er darüber nachdachte, wie er mit ihr umgehen sollte. „Sie sind voreilig“, sagte er nach einer Weile.

„Ich war bei unserer Besprechung nicht diejenige, die es eilig hatte.“

„Nein, aber jetzt laufen Sie weg.“

„Stimmt. Wenn Ihnen dieses Projekt nichts bedeutet, ist es sinnlos, mich zu beauftragen.“ Sie hob das Kinn und schaute ihm direkt ins Gesicht.

Beide schwiegen eine Weile.

„Sie haben einen schlechten Moment erwischt. Tut mir leid“, entschuldigte er sich völlig unerwartet. Er klang ehrlich zerknirscht. Und er klang, als hätte er sich schon lange nicht mehr für irgendetwas entschuldigt. Rowena vermutete, dass ihm Fehler nur selten passierten. „Dieses Projekt bedeutet mir durchaus etwas.“

„Gut.“ Was sollte sie sonst auf dieses überraschende Eingeständnis erwidern? Doch plötzlich meldete sich irgendein Teufelchen in ihr, von dessen Existenz sie bisher nichts gewusst hatte. „Ich hoffe, es steckt mehr dahinter.“

„Wohinter?“

„Hinter Ihrer Entschuldigung.“ Sie wagte ein Lächeln. „Wie oft muss ich mit diesen schlechten Momenten rechnen, wenn ich für Sie arbeite?“

Wieder dauerte es einen Moment, bis er antwortete. „Kurz bevor Sie angekommen sind, habe ich mit meiner Frau, oder besser gesagt mit meiner Exfrau telefoniert. Es war wie immer unangenehm. Genügt das? Eine Scheidung ist kein Vergnügen.“ Er sprach das Wort Scheidung voll Missfallen und Abscheu aus. „Aber ich hätte meine Laune nicht an Ihnen auslassen dürfen. Das war nicht richtig.“

Sein Gesicht blieb ernst und verschlossen. Sie konnte sehen, wie sehr er unter der Scheidung litt.

„Und Sie haben völlig recht“, fuhr er fort. „Natürlich müssen Sie meine Interessen und meinen Geschmack erforschen, wenn dieses Projekt erfolgreich sein soll. Können wir noch einmal von vorn anfangen?“

Als er angespannt und etwas leidend lächelte, fühlte sie ein Kribbeln im Magen. Sie ahnte, dass dieser große, gut gebaute, attraktive Mann sehr charmant sein konnte, wenn er wollte. Doch offenbar war er jetzt nicht wirklich dazu bereit.

Immerhin hatte er sich angemessen entschuldigt.

„Wir müssen nicht von vorn anfangen. Ich hab mir Notizen gemacht.“

„Das meine ich nicht.“ Als Ben Radford diesmal lächelte, begannen seine dunklen Augen zu funkeln. Keine Spur mehr von Verletzlichkeit. Für einen Moment glitzerte sein Haar in der Morgensonne. Das Kribbeln in Rowenas Bauch verstärkte sich merklich.

Vorsicht, sagte sie sich. Ruhig bleiben.

Zwar meldete sich schlagartig der vertraute Impuls, wegzulaufen, doch sie bekämpfte ihn. Sie konnte mit diesem Mann umgehen. Mit seinem Charme, seinem guten Aussehen, seinem ganzen Geld, dem verwirrenden Moment, als er ehrlich über seine Scheidung gesprochen hatte. Mit dem ganzen Paket.

„Dann also zurück zur Grillfrage.“ Sie strich geistesabwesend die Revers ihres grauen Jacketts glatt. „Könnte ich darauf eine Antwort bekommen?“

Er legte die Hand auf das rostige Eisentor und blickte über den Garten. Mit seinen dunklen Augen und dem gebräunten Teint sah er nicht wie ein Engländer aus. Auch seine Aussprache klang nicht besonders britisch. Er lebte lange genug in Südkalifornien und hatte sich perfekt angepasst. Dass er aus England kam, wusste Rowena nur, weil sie im Internet recherchiert hatte.

Ben Radford stammte aus der englischen Oberschicht und hatte eine sehr teure Schule besucht. Nach seinem Studium in Oxford hatte er eine Amerikanerin geheiratet und sein Vermögen in der Biotechnologie verdient. Vor einem Jahr hatte er dann seine Firma verkauft und das Geld in verschiedene Projekte investiert. Unter anderem besaß er eine Kunstgalerie, eine Casting-Agentur und ein Restaurant.

Die Information, dass er mitten in der Scheidung steckte, hatte Rowena nicht im Internet gefunden.

„Wenn ich es nur wüsste“, murmelte er.

„Sie wissen nicht, ob Sie Grillpartys mögen?“

„Ich weiß nicht, ob wir in diesem Garten einen Grillplatz einrichten sollten. Darauf zielt Ihre Frage doch ab. Schauen Sie sich den Dschungel nur mal an!“ Er zeigte auf die wild wuchernden Pflanzen. „Ich würde den Garten gern restaurieren. Aber ich kann mir noch nicht ganz vorstellen, wie das funktionieren soll.“

„Deswegen bin ich ja hier“, erinnerte sie ihn.

Eine Weile betrachteten sie schweigend das Grundstück. Das dreiflügelige Ranchhaus war bereits weitreichend instand gesetzt. Ben Radford hatte keine Mühen gescheut, ein Vorzeigeobjekt daraus zu machen. Es war geschmackvoll eingerichtet, mit ungewöhnlichen Farben und sorgfältig ausgesuchten Antiquitäten. Der Kontrast zwischen Haus und Garten war geradezu schockierend.

Bis auf ein oder zwei staubige Wege war das gut viertausend Quadratmeter große Grundstück ein einziges Gewirr verschiedenster Kakteenarten. Darunter Exemplare, die vielleicht schon hundert Jahre und älter waren. Viele Feigenkakteen, Agaven und ein halbes Dutzend anderer Arten hatten sich zu einem bizarren Labyrinth verschlungen. Abgestorbene Pflanzenteile mit ihren gefährlichen Stacheln bedeckten den Boden, wo Vögel nisteten. Es gab jede Menge Insekten, Schlangen …

Zwar waren San Diego, Oceanside und La Jolla weniger als eine Autostunde entfernt. Doch das zersiedelte Umland dieser Städte war mit der alten spanischen Ranch nicht zu vergleichen. Wie ein Paradies lag sie oberhalb von Weingütern und Obstplantagen am Fuße der Berge. Die Luft war wunderbar klar. Das Lehmsteinhaus schien besser in diese Natur zu passen als der Mensch.

„Sie haben eben von Bulldozern gesprochen“, bemerkte Ben Radford nachdenklich.

„Das hab ich nicht ernst gemeint“, erwiderte Rowena hastig.

„Warum nicht?“

Sie wusste, sie musste ihm eine handfeste Erklärung liefern, wenn sie ihn überzeugen wollte. „Weil wir nicht wissen, was sich hier alles verbirgt. Es wäre sträflich, mit schwerem Gerät zu arbeiten. Wir könnten seltene Pflanzen zerstören, die heute kaum noch zu finden sind. Sehen Sie diese silbrigen Flecken auf dem Feigenkaktus?“

„Sieht aus wie Stockflecken.“

„Stimmt. Nehmen Sie mal etwas davon zwischen die Finger und zerreiben Sie es.“

Er tat, was sie verlangte, und runzelte erstaunt die Stirn, als er sah, wie sich seine Fingerspitzen leuchtend rot färbten. „Was ist das?“

„Cochenille. Diese Flecken sind Kolonien von Schildläusen. Früher hat man diese Insekten auf Kakteen gezüchtet, um roten Farbstoff zu gewinnen. Er war sehr wertvoll und wurde lange Zeit zum Färben von Lebensmitteln verwendet.“

„Davon habe ich gehört.“

„Wahrscheinlich haben Sie es sogar schon gegessen in Bonbons oder anderen Süßigkeiten.“

„Faszinierend.“

„Für Sie klingt das vielleicht seltsam“, fuhr sie langsam fort. „Aber ich habe das Gefühl, dass wir noch viele derartige Entdeckungen in diesem Garten machen können. Dinge, die man auf den ersten Blick gar nicht sieht. Es wäre wirklich schade, hier mit einem Bulldozer drüberzufahren, Mr. Radford.“

„Nennen Sie mich Ben.“

„Ben“, wiederholte sie. Im selben Moment spürte sie wieder dieses Kribbeln im Bauch. Warum gefiel es ihr so gut, ihn Ben zu nennen? „Und nennen Sie mich Rowena. Oder Rowie.“ Warum hatte sie das dazugefügt? Es war ihr Kosename aus Kinderzeiten. Den brauchte ein Kunde nicht zu wissen.

Als er wieder auf die rote Farbe an seinen Fingern sah, folgte sie seinem Blick. Er hatte unglaubliche Hände. Schlank, kräftig und ebenmäßig. Hände, die Sicherheit ausstrahlten, wie alles an ihm.

In seiner Nähe schlug ihr Herz schneller, und die letzten Minuten fiel es ihr zunehmend schwerer, einen klaren Gedanken zu fassen. Es war ein ebenso beunruhigendes wie aufregendes Gefühl.

„Wir könnten einige wertvolle Dinge verlieren“, beendete sie ihre Erklärungen.

Er nickte. „Keine Bulldozer. Einverstanden.“

„Ich würde die Arbeiten die ganze Zeit beaufsichtigen, damit nichts Wichtiges beschädigt wird. Wenn das hier mein Grundstück wäre, würde ich vorher gar nichts auf dem Papier planen, sondern abwarten, was wir entdecken.“

Sie ließ den Blick begeistert über das Dickicht wandern. Am liebsten hätte sie sofort angefangen. Dort hinten, die alten Steine, war das ein Brunnen? In einem passenden Umfeld wäre das ein wunderschöner Akzent.

„Denken Sie ruhig laut, Rowena“, bat Ben sie. „Was sehen Sie? Beschreiben Sie es mir.“

Rowena zögerte anfangs ein wenig. Doch als sie merkte, dass er ihr interessiert zuhörte, taute sie immer mehr auf. Sie erzählte ihm sogar, dass sie bei einem früheren Projekt ein altes Spielzeug irrtümlich für eine Gürtelschnalle aus dem Bürgerkrieg gehalten hatte, weil sie ihre Brille vergessen hatte. Und dass sie sich gleich am nächsten Tag Kontaktlinsen geholt hatte.

Ben lachte über diese Anekdote. Es klang tief und ein wenig brüchig, als ob er nur selten lachte.

„Mehr kann ich Ihnen im Augenblick wirklich nicht sagen“, meinte sie nach einigen Minuten.

Ben betrachtete sie so eindringlich, dass sie sich beunruhigt fragte, was er wohl sah. Wirkte ihr Blick zu verträumt? Oder ihr Lächeln verunsichert? Oder sah er noch mehr? Hatte sie mit ihren Beschreibungen womöglich übertrieben?

„So hatte ich mir die Planung nicht vorgestellt, als ich mich entschlossen habe, einen Experten hinzuzuziehen“, sagte er.

„Sie dachten, man plant auf dem Papier und setzt diesen Plan dann in die Praxis um.“

„So ungefähr.“

„Ich könnte es so machen“, räumte sie ein.

„Aber Sie würden lieber anders verfahren.“

„Ja. Sie haben das Haus so wunderschön renoviert. Alles passt perfekt zusammen. Eine gelungene Mischung aus modernem Komfort und authentischen, historischen Stilelementen. Ich würde dasselbe gern mit dem Garten machen. Es soll ein Ort sein, der einladend, nutzbar und gleichzeitig schön ist. Ich bin sicher, es wird Ihnen gefallen.“

Er lächelte diesmal etwas zynisch. „Sie sind sich also sicher. Und wenn ich nun sage, dass ich völlig andere Vorstellungen habe?“

Sie hatte ihre Gefühle zu deutlich gezeigt und zu viele Vermutungen über ihren zukünftigen Kunden angestellt. „Dann machen wir es so, wie Sie es entscheiden. Sie sind der Kunde, Mr. … Ben. Wenn Sie sich entschließen, mir den Auftrag zu geben“, fügte sie hastig hinzu.

Daran glaubte Rowena im Grunde nicht. Ihre erste Begegnung war unangenehm gewesen. Da Ben offensichtlich ein Mann schneller Entscheidungen war, hatte er sein Urteil bestimmt schon gefällt und würde es nicht revidieren.

Selbst jetzt, nachdem sie eine gewisse Basis gefunden hatten, lag eine Spannung in der Luft, die sie nervös machte und aus der sie so schnell wie möglich flüchten wollte. Jeanette, ihre Therapeutin, würde wahrscheinlich von ihr verlangen, dass sie diese Spannung in der nächsten Sitzung näher beschrieb, aber Rowena war nicht davon überzeugt, dass sie eine nähere Betrachtung riskieren sollte.

Ben blickte geistesabwesend auf seine roten Fingerkuppen. „Meine Frau findet diese ganze Idee verrückt“, bemerkte er unvermittelt. Dann fluchte er leise. „Ich muss mich noch daran gewöhnen, sie als Exfrau zu bezeichnen.“

Rowena wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte.

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Ben. „Ich hatte das gar nicht sagen wollen.“ Er warf ihr einen scharfen Blick zu, als fragte er sich, wie es kam, dass er sich schon zum zweiten Mal innerhalb einer halben Stunde bei ihr entschuldigte.

„Schon gut.“ Sie lächelte höflich.

„Sie haben wahrscheinlich nicht damit gerechnet, dass wir über meine Scheidung reden“, hielt er am Thema fest.

„Da haben Sie recht. Im Internet habe ich nur gefunden, dass Sie glücklich verheiratet sind.“ Kaum hatte sie es gesagt, verfluchte sie sich im Stillen dafür.

„Dieses Märchen haben wir eine Weile aufrechterhalten. Aber inzwischen ist das überholt“, erklärte er verbittert.

„Und was ist schiefgelaufen?“, fragte sie, ohne nachzudenken. Oh, nein, die Sache lief in die völlig falsche Richtung. Nur weil er ein paar Details preisgegeben hatte, was er wohl längst bereute, musste sie das Thema doch nicht auch noch vertiefen. Hatte seine Haushälterin, eine sehr direkte Person, ihnen vielleicht irgendwelche Wahrheitstropfen in den Kaffee getan?

„Vergessen Sie die Frage.“

„Ich antworte, wenn Sie wollen.“

„Nein, bitte nicht.“

„Lassen Sie mich antworten“, beharrte er. „Ich brauche Übung.“

Sie lachte spontan. Meine Güte, was sollte er nur von ihr denken? Aber sie konnte nicht anders, weil sie genau das, was er eben gesagt hatte, vor ein paar Minuten gedacht hatte. Nur, dass sie die Übung im Umgang mit Männern wie Ben Radford brauchte.

„Es ist gut, darüber zu lachen“, bemerkte er, obwohl er nicht einmal lächelte. „Entweder man lacht, oder man schlägt mit der Faust gegen die Wand. Was wehtut, wie ich festgestellt habe.“ Als er sich zur Illustration die Handknöchel rieb, lachte sie noch einmal.

Dabei war auch sie wie Ben kein Typ, der viel lachte.

Ganz im Gegensatz zu ihrer Zwillingsschwester.

Roxanna lachte viel. Sie war fröhlich, übersprudelnd und voller Selbstvertrauen. Inzwischen lebte Rox in der Toscana. Sie hatte sich in einen reichen italienischen Geschäftsmann verliebt, der ihre quirlige Persönlichkeit sehr mochte. Von Geburt an war sie die stärkere und gesündere der Zwillinge gewesen. Rowena dagegen war mit einem Herzfehler zur Welt gekommen und hatte als Kind mehrmals operiert werden müssen.

Auch noch als Erwachsene waren sie sehr unterschiedlich. Während Rox Partys und Musik liebte und gern unter Leute ging, bevorzugte Rowena die meditative Stille von Bibliotheken, wo sie über die Geschichte von Gärten forschte. Während Rox den Männern mit ihrem betörenden Lächeln den Kopf verdrehte, geriet Rowena in Verlegenheit, wenn ein Mann sie näher anschaute.

Seit einigen Jahren hielt eine schwere Angststörung sie gänzlich davon ab, sich mit Männern zu treffen. Sie hatte inzwischen mithilfe ihrer Therapeutin zwar große Fortschritte gemacht, aber am Ziel war sie noch lange nicht.

„Ich habe mich noch nie scheiden lassen“, gab Rowena zurück. „Ich war nie verheiratet und auch nicht verlobt. Ich hatte noch nicht einmal eine ernste Beziehung.“

Ben zögerte einen Moment und schaute sie von der Seite an. „Lassen Sie mich Ihnen erzählen, was in meiner Ehe schiefgelaufen ist.“

„Oh, bitte, Sie müssen sich nicht dazu verpflichtet fühlen.“ Offenbar berührte sie eine verletzliche Seite in ihm, von der sie kaum geglaubt hätte, dass sie existierte.

Aber er ließ sich nicht abhalten. „Nachdem ich Radford Biotech verkauft habe, ist mir klar geworden, dass unsere Auffassung zu Geld unvereinbar ist.“

„Mm“, bestätigte sie höflich.

„Wie klingt das? Kann man das so sagen?“

Sie verstand seine Motivation zwar nicht ganz, aber was sollte sie tun? Er war der Kunde.

„Zu förmlich.“ Sie tippte mit dem Kuli auf ihre Unterlippe. „Wie wäre es damit: Sie hatten unterschiedliche Lebensziele.“

Er schenkte ihr ein kurzes Lächeln. „Nicht schlecht, Dr. Madison. Wirklich nicht schlecht. Vor allem sagt es nichts darüber, was wirklich passiert ist.“

Und was ist wirklich passiert?, fragte sie sich.

„Und natürlich bleiben Sie Freunde“, fantasierte Rowena weiter. „Das sagen die Filmstars auch immer, selbst wenn sie es nicht einmal ertragen könnten, zur gleichen Zeit mit ihrem Expartner in derselben Stadt zu sein.“

„Genau das sagen wir. Heather wird begeistert sein. Vielleicht sollte ich es ihr aufschreiben.“

Er lächelte sie immer noch an, mit seinem leicht zynischen und gefährlich verruchten Lächeln. Flirteten sie etwa miteinander? Nein, Dr. Rowena Madison flirtete nicht.

Sie wusste gar nicht, wie das ging.

Und sie wollte es auch nicht lernen.

Aber er stand zu dicht neben ihr. Sie fühlte sich von ihm angezogen wie von einem Magneten. Sie atmete den Duft ein, der ihn umgab. Ein teurer, verführerischer, männlicher Duft, der sich mit der klaren, trockenen Luft von Südkalifornien mischte und hierherzugehören schien. Es gab auch ihr eine gefährliche Illusion von Zugehörigkeit.

Entsetzt schüttelte sie den Kopf. Der Adrenalinschub, der sie eben noch zu mutigen Äußerungen veranlasst hatte, verebbte schnell. Übrig blieben die gewohnten Zweifel.

„Sie können jetzt wieder ernst werden, Mr. Radford“, sagte sie steif.

„Sie sollen mich doch Ben nennen.“

„Ja, sicher. Aber ich würde gern eine förmliche Umgangsform wählen, um zu Persönliches in Zukunft zu vermeiden.“

„War Ihnen unser Gespräch eben zu persönlich, obwohl wir unsere Scherze darüber gemacht haben?“

„Ja.“

Als man ein Auto kommen hörte, reckte Ben den Kopf in Richtung Auffahrt und sah gerade noch das Heck eines gelben Wagens.

„Leider wird die Sache jetzt noch persönlicher“, sagte er. „Und gar nicht mehr zum Lachen. Heather ist gerade gekommen.“

Als Heather Radford aus ihrem gelben Sportwagen ausstieg, sah sie Rowena und Ben am Gartentor stehen. Sie kam den alten Lehmsteinweg entlang auf direktem Weg zu ihnen.

„Die Wertfestsetzung unseres gemeinsamen Vermögens.“ Mit diesen Worten drückte sie Ben die beeindruckend dicke Mappe ihres Anwalts in die Hand.

„Ich sehe es mir später an“, erwiderte Ben. „Heather, das ist Dr. Rowena Madison. Sie gestaltet den Garten.“

Seine Stimme klang völlig verändert. Hart, entschieden und mit jetzt deutlich hörbarem englischen Akzent. Auch sein Gesicht hatte sich verändert. Innerhalb von nur einer Stunde hatte Rowena ihn als arroganten, ungeduldigen Geschäftsmann, als intelligenten Zuhörer und als ironischen Charmeur kennengelernt. Jetzt sah sie ihn als Mensch aus Fleisch und Blut, empfindlich und verletzlich.

In diesem Moment wurde ihr klar, dass er mehr unter der Scheidung litt, als er sich eingestehen wollte. Ihr unernstes Gespräch über das Thema bedeutete keineswegs, dass er die Sache auf die leichte Schulter nahm. Im Gegenteil, er machte darüber Späße, um seinen Schmerz und seine Wut zu verbergen. Vor anderen und auch vor sich selbst. In Rowenas Augen war er ein ziemlich erfolgsverwöhnter Geschäftsmann, der seine gescheiterte Ehe womöglich als den schlimmsten Fehlschlag seines Lebens betrachtete.

Ob er sich dessen selbst bewusst war?

„Dr. Madison?“, wiederholte Heather mit scharfer Stimme. „Sie sind Ärztin und müssen nebenbei noch als Gärtnerin arbeiten?“ Sie war eine kleine, attraktive, blonde Frau mit schönen blauen Augen, einem makellosen Porzellanteint und einer kessen Nase. Ihr Hosenanzug aus cremefarbener Seide saß wie maßgeschneidert.

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