Logo weiterlesen.de
So weit die Leidenschaft uns trägt

image

1. KAPITEL

„Kann ich Ihnen helfen?“

Josh Calhoun nahm seine Baseballkappe ab und sah die junge Dame am Empfang lächelnd an. „Das will ich doch hoffen.“ Unbewusst ließ er seinen Dialekt etwas mehr als sonst durchscheinen. Früher einmal hatte er versucht, seine Herkunft aus Iowa zu verbergen. Er hatte versucht, so zu klingen, als würde er aus Chicago stammen. Heute tat er das nicht mehr.

„Ich suche die Newports“, fuhr er fort und lehnte sich dabei zu der jungen Frau hin.

Ihre Pupillen weiteten sich, und er meinte zu erkennen, dass sich ihre Wangen leicht röteten. Er flirtete nicht mit ihr, zumindest nicht mit Absicht. Sydney hatte einmal gesagt, das sei einfach seine Art. Sein bodenständiger Charme sei es gewesen, der sie sofort angezogen habe.

Verdammt. Er war gerade einmal eine halbe Stunde in der Stadt, und schon dachte er wieder an Sydney.

Er hasste Chicago.

„Ich bin Josh Calhoun“, sagte er. „Die Newports haben mich gebeten vorbeizukommen.“

Das war der einzige Grund, wieso er nach fünf Jahren wieder hierhergekommen war. Brooks, Graham und Carson Newport waren alte Freunde aus Collegetagen, und alle drei hatten ihn in der letzten Zeit offensichtlich unabhängig voneinander angerufen. Es ging um eine ziemlich verworrene Vaterschaftsgeschichte, in der Sutton Winchester eine Rolle spielte.

Offenbar war Sutton Winchester Carsons Vater, und ein paar Monate lang hatten die Zwillinge Brooks und Graham geglaubt, dass der alte Immobilienmogul auch ihr Erzeuger war. Das Ergebnis der DNA-Analyse war jedoch eindeutig gewesen: Sie hatten nicht denselben Vater wie Carson.

Seit Suttons Beziehung zu Cynthia Newport, der Mutter der drei Brüder, ans Licht gekommen war, befanden sich die Newports im Clinch mit den Töchtern von Sutton Winchester – Eve, Grace und Nora. Soviel Josh im Internet erfahren hatte, lag der Alte mehr oder weniger auf dem Sterbebett.

Die Winchester-Töchter, insbesondere Eve, waren nicht sehr glücklich über ihren neu gefundenen Bruder, der entschlossen schien, Ansprüche auf sein Erbe durchzusetzen. Es gab jede Menge Gerüchte im Internet, und Josh hatte Mühe zu erkennen, was der Wahrheit entsprach und was nur aus strategischen Gründen verbreitet wurde.

Brooks wollte Joshs juristischen Rat in der Frage, wie sie Sutton dafür zur Rechenschaft ziehen konnten, dass er seine Mutter mit Carson geschwängert und sie dann im Stich gelassen hatte. Graham wollte Joshs Hilfe bei der Suche nach seinem und Brooks’ Vater, da Sutton es ja eindeutig nicht war. Und Carson, der jüngste der drei Brüder, wollte Joshs Unterstützung bei dem Versuch, Brooks zu stoppen.

Josh war sich nicht sicher, ob er wirklich helfen konnte. Er hatte Jura studiert und einige Jahre als Firmenanwalt in Chicago sowie später im Betrieb seiner Familie gearbeitet. Inzwischen leitete er Calhoun Creamery, ein Millionen-Dollar-Unternehmen. Er stand zwar in dem Ruf, hinter seinem freundlichen Lächeln seine Positionen beinhart zu vertreten, aber er konnte keine Wunder wirken.

Nicht für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, dass jemand aus dem Winchester-Clan ihn auch nur halbwegs für voll nehmen würde. Was interessierte es einen alten Immobilienmilliardär aus Chicago, was ein Mann dachte, der seinen Lebensunterhalt mit der Herstellung von Eiscreme verdiente? Aber er musste es versuchen. Das schuldete er den Newports.

Die junge Frau an der Rezeption warf einen Blick auf ihren Bildschirm. „Leider ist keiner der drei Newports verfügbar.“

Sie sah zu Josh auf. Er bemerkte, dass sie nette Grübchen hatte.

„Brooks ist in einem privaten Meeting und möchte nicht gestört werden. Graham ist außer Haus, Carson auch.“

„Außer Haus?“ Das konnte so gut wie alles heißen. „Können Sie mir sagen, wo die beiden sind? Sie erwarten mich.“ Ärger stieg in Josh auf. Auf ihre Bitten hin hatte er seinen Widerwillen überwunden, war zum ersten Mal seit der Beerdigung zurück nach Chicago gekommen, und nun waren sie nicht einmal da, um ihn zu begrüßen?

„Ich kann Ihnen nicht sagen, wo Graham ist. Carson ist auf der Baustelle des neuen Kinderkrankenhauses. Ich kann Ihnen den Weg beschreiben oder …“ Die junge Frau klimperte mit den Wimpern. „Sie können auch gern hier warten.“

Wie schon so oft in den vergangenen fünf Jahren lauschte Josh in sich hinein. Es war wie immer: keinerlei Reaktion. Er registrierte, dass die junge Frau hübsch war, aber die Erkenntnis löste kein Verlangen in ihm aus. Kein Interesse.

Er verdrängte den Gedanken an die Einsamkeit, die die Stelle der Versuchung eingenommen hatte, und setzte sein freundlichstes Lächeln auf. „Ich werde Carson suchen.“ Er sagte es in bedauerndem Tonfall. Es war ja nicht ihre Schuld, dass er keine Gefühle mehr aufzubringen vermochte.

Ein Ausdruck der Enttäuschung huschte über ihre Züge, wich aber gleich einer professionellen Freundlichkeit. „Dies ist die Adresse für Ihr Navi.“ Sie schrieb sie ihm auf.

„Vielen Dank.“

Josh hatte sich geschworen, nie mehr nach Chicago zurückzukehren, und dennoch war er hier. Die Newports waren die einzigen Menschen auf der Welt, die ihn dazu hatten bringen können. Sie waren damals für ihn da gewesen – im Krankenhaus und bei Sydneys Beerdigung. Wahrscheinlich hatten sie ihm dadurch das Leben gerettet.

Nicht dass Josh das jemals jemandem gestanden hätte, aber als die Menschen, die ihm etwas bedeuteten, einer nach dem anderen starben, war es schwer gewesen, sich zusammenzureißen und weiterzumachen.

Für den Rest der Welt spielte es keine Rolle, dass er zuerst seine Eltern und dann seine Frau verloren hatte. Für die Menschen war er einfach der Erbe von Calhoun Creamery und inzwischen auch der Geschäftsführer – einer der mächtigsten Unternehmer des Landes. Für ihn selbst spielte es allerdings eine Rolle. Sydney spielte eine Rolle. Als sie ihm genommen wurde, hatten die Newports ihn unterstützt. Brooks, Graham und Carson waren ihm wichtig.

„Soll ich Carson informieren, dass Sie auf dem Weg sind?“, erbot sich die junge Dame.

„Das wäre nett.“ Josh setzte seine Kappe wieder auf. „Es ist eine Weile her, seit ich in Chicago unterwegs war. Was glauben Sie, wie lange brauche ich bis zu der Adresse?“

„Zu dieser Tageszeit nicht mehr als vierzig Minuten.“

Josh stöhnte auf. Zu Hause, in Cedar Point, Iowa, durchquerte er in vierzig Minuten drei Städte. Hier schaffte er in der Zeit gerade einmal einen Stadtteil.

„Es könnte schlimmer sein“, tröstete ihn die Frau. „Um zwei Uhr kommt man noch relativ gut durch.“

Er nickte ihr kurz zu und kehrte zu seinem Pick-up-Truck zurück, der sich zwischen den eleganten Jaguars und blitzenden Sportwagen sehr bescheiden ausnahm. Aber er fuhr diesen Wagen bereits seit der Highschool. Der Truck hatte alles mitgemacht: die Jahre am College, die Ehe und den Tod seiner Frau. Er würde sich keinen neuen Wagen kaufen, nur um damit den Erwartungen zu entsprechen, die andere an den Besitzer eines Millionen-Unternehmens haben mochten.

An den meisten Tagen fühlte Josh sich ohnehin nicht als Millionär. Er war morgens um vier auf den Beinen und kontrollierte das Melken der Kühe auf der Farm, die zur Molkerei gehörte. Er machte sich die Stiefel schmutzig und kam bei der Arbeit regelmäßig ins Schwitzen. Die einzige Freizeit, die er hatte, war bei Anlässen wie diesem: Er war in Washington gewesen, um mit einem Lobbyisten der Milchindustrie darüber zu sprechen, welche Standards in der neuen Gesetzgebung der Lebensmittelüberwachung berücksichtigt werden sollten.

Als Besitzer einer der größten Molkereien des Landes und Geschäftsführer von Calhoun Creamery hatte Joshs Wort bei Besprechungen dieser Art Gewicht. Es waren die einzigen Anlässe, zu denen er die Farm verließ.

Josh fädelte sich in den dichten Verkehr ein. Es war wirklich anders als in Iowa. Dort blieben die Menschen an einer roten Ampel stehen, während sie hier extra Gas gaben. Dreimal hätte er fast einen Auffahrunfall provoziert, weil er sich nicht dazu bringen konnte, bei Rot weiterzufahren.

Schließlich sah er die Baustelle des Krankenhauses vor sich. Im Moment war noch nicht wirklich etwas zu erkennen, weil die Mauern gerade erst aus dem Boden wuchsen. Er stellte den Wagen an der Stelle ab, die die junge Frau ihm genannt hatte. Sie war wirklich sehr umsichtig gewesen. Er wollte, er hätte irgendein Interesse an ihr entwickeln können. Wenn er schon hier in Chicago festsaß, konnte ein wenig Ablenkung nicht schaden.

Er schwor sich, nur so lange in der Stadt zu bleiben, wie er brauchte, um den Newports zu helfen. Sobald er nicht mehr von Nutzen sein konnte, wollte er sich wieder auf den Weg machen.

Noch lebt er!“ Dr. Lucinda Wilde hatte Mühe, ihr Temperament zu zügeln. Sie regte sich selten auf, das war eine reine Verschwendung von Zeit und Energie. „Aber ich kann sein Leben nur verlängern, wenn er im Krankenhaus bleibt, unter permanenter Beobachtung. Das werden Sie doch verstehen.“

Carson Newport stand zur Linken der Ärztin, die Hände in die Seiten gestemmt, der Blick entschlossen. Rechts neben Lucinda stand Eve Winchester, die Arme vor der Brust verschränkt. Um sie herum toste der Lärm der Baustelle, vom Staub ganz zu schweigen. Lucinda würde zuerst duschen müssen, bevor sie wieder auf die Station gehen konnte.

Es ärgerte sie, dass sie ihre Patienten im Midwest Regional Medical Center hatte verlassen müssen, um durch die halbe Stadt zu fahren und einen weiteren Streit zwischen den Newports und den Winchesters über ihren Patienten Sutton Winchester zu schlichten.

Das versuchte sie zumindest.

Lucinda seufzte und schob sich die Brille höher auf die Nase. Wahrscheinlich wäre es einfacher, eine Meute wilder Hunde zu zähmen, als Sutton Winchesters Kinder davon zu überzeugen, dass ihr Vater im Krankenhaus am besten aufgehoben war.

Noch nie in ihren neun Jahren als Onkologin hatte sie derart verbohrte Verwandte erlebt. Sie liebte ihren Job und die Stadt, aber an Tagen wie diesen sehnte sie sich zurück nach der Ruhe von Cedar Point, Iowa. Sogar Kühe waren vernünftiger als diese Geschwister.

„Sie scheinen nicht daran interessiert zu sein, Ihren Job zu machen“, erklärte Eve Winchester kühl.

„Kein Grund, unhöflich zu werden“, fuhr Carson Newport sie an. „Dr. Wilde macht ihren Job. Niemand lebt ewig, schon gar nicht verbitterte alte Männer.“

Eve fuhr zu Carson herum und hätte ihn sicher verbal in der Luft zerfetzt, wäre nicht eine neue Stimme dazugekommen.

„Was gibt es denn für ein Problem?“

Lucinda erstarrte. Eine Stimme aus ihrer fernsten Vergangenheit. Wie aus dem Nichts.

Es konnte nicht sein. Es war einfach nicht möglich, dass sie ihn gehört hatte. Nicht nach dieser langen Zeit. Nicht ausgerechnet in diesem Moment, wo sie kurz vor ihrem Waterloo stand.

Carson drehte sich um. „Josh!“

Lucinda sank förmlich in sich zusammen. Es war keine Einbildung gewesen. Josh Calhoun höchstpersönlich war ihren Albträumen entsprungen.

Sein Anblick verschlug ihr den Atem. Er sah völlig unverändert aus. Trug Jeans und ein rotkariertes Hemd. Sein etwas längeres braunes Haar lugte unter einer Kappe hervor, die genau so aussah wie die Baseballkappe, die er in der Highschool jeden Tag getragen hatte.

Nein, nein, nein. Das konnte nicht sein!

Josh Calhoun. Sie hatte gehofft, ihn nie wiedersehen zu müssen. Und nun stand er vor ihr und lächelte in die kleine Runde.

Bis sein Blick auf sie fiel.

Lucinda war nicht überrascht, als sein Lächeln erstarb. Schließlich hatten sie sich nicht gerade als beste Freunde getrennt, nachdem Lucinda sich am schrecklichsten Tag ihres Lebens vollkommen lächerlich gemacht hatte.

Sie registrierte erleichtert, dass er ebenso erstaunt war, sie zu sehen, wie umgekehrt. Er war größer, als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte, und wesentlich breiter in den Schultern. Sein Kinn war jetzt markanter, und seine Augen …

Josh Calhoun war erwachsen geworden.

Lucinda behielt ihre Gefühle unter Kontrolle. In ihrem Leben gab es keinen Platz für Männer. Ihr Job als Leiterin der Onkologie im Midwest Regional Medical Center nahm sie voll in Anspruch. Josh Calhoun war mit Abstand der letzte Mensch, für den sie sich irgendwelche Gefühle erlauben würde.

Aber zu beobachten, wie sich Joshs Lippen jetzt zu seinem echten Lächeln verzogen und nicht einfach zu dem aufgesetzten Lächeln, mit dem er sich alle Menschen spontan gewogen machte – das ließ sie doch schlucken. Sie war in keiner Weise darauf vorbereitet. War nicht auf ihn vorbereitet. Nicht jetzt. Niemals.

Doch sie ließ sich nichts anmerken. Nie sollte er erfahren, wie sehr er sie damals verletzt hatte.

Carson strahlte. „Du hast es geschafft!“ Die beiden Männer umarmten sich und versetzten einander ein paar herzhafte Schläge auf den Rücken.

Lucinda warf unwillkürlich einen Blick zu Eve hinüber während dieser Zurschaustellung männlicher Zuneigung. Eve verdrehte die Augen.

„Mann, ich bin wirklich froh, dich zu sehen“, sagte Carson zu Josh. „Josh, das ist Eve Winchester. Es hat sich herausgestellt, dass sie meine Schwester ist.“

„Das brauchst du nicht gleich jedem auf die Nase zu binden“, fuhr Eve ihn an.

Lucinda seufzte schwer. Sie kannte dieses Thema nun schon in allen Variationen. Es kam auf den Tisch, wann auch immer eine Entscheidung über Sutton Winchester gefällt werden musste. Die Winchester-Töchter Nora, Eve und Grace weigerten sich, Carson als ihren Halbbruder anzuerkennen, und versuchten, ihn von allen Entscheidungen der Familie auszuschließen.

Aber Carson Newport nahm das nicht einfach schweigend hin. Wie jedes Mal, wenn Eve ihn mit dieser Bemerkung kränkte, konterte er damit, dass sie an der Situation wohl nichts ändern könne. Lucinda kannte das Drehbuch auswendig.

Für Josh war es neu. Er unterbrach Carson mit einem warmen Lächeln und einer ausgestreckten Hand.

„Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Miss Winchester. Es tut mir leid, dass es nicht unter anderen Umständen geschieht, aber Carson hat mir schon gesagt, wie beeindruckt er davon ist, wie Sie mit der Situation umgehen.“

Lucinda hatte keine Ahnung, ob das stimmte oder nicht. Vielleicht spielte es auch keine Rolle. Joshs Worte sorgten für überraschtes Schweigen.

Es hätte sie nicht überraschen sollen. Josh Calhoun war schon in der Highschool immer der Friedensstifter gewesen. Er hatte eine Art, überall Gemeinsamkeiten zwischen Menschen aufzudecken und sie damit glücklich zu machen.

Alle außer ihr.

„Er hat … was?“ Eve starrte Josh verblüfft an. „Wer sind Sie denn?“

Falls Josh gekränkt war von diesen schlechten Manieren, ließ er es sich zumindest nicht anmerken.

„Darf ich mich vorstellen? Ich bin Josh Calhoun von Calhoun Creamery. Ich bin mit den Newports auf dem College gewesen, und ich betrachte sie als einige meiner ältesten Freunde. Ich habe gehört, dass die Situation in letzter Zeit für Sie alle nicht ganz einfach war, und ich wollte sehen, ob ich nicht vielleicht helfen könnte.“

Sein Blick wanderte zurück zu Lucinda.

Bezog er sie allen Ernstes mit ein? Falls ja, dann hatte er sich geschnitten.

Er war der älteste Freund der Newports? Das passte. Als wäre der Streit zwischen den Winchesters und den Newports nicht schon kompliziert genug gewesen! Da musste Josh Calhoun daherkommen und alles noch komplizierter machen.

Carson nutzte Eves verblüfftes Schweigen, um das Wort zu ergreifen. „Josh, das ist Dr. Lucinda Wilde. Sie ist die Onkologin, die Sutton behandelt. Falls es eine Sache gibt, in der Eve und ich einer Meinung sind …“

„… dann ist es, dass es Dr. Wilde gelungen ist, unseren Vater zu stabilisieren. Ohne sie würde er wahrscheinlich nicht mehr leben.“

„Dr. Lucinda Wilde.“ Josh ließ sich die Worte förmlich auf der Zunge zergehen, so als wollte er herausfinden, welches ihm am merkwürdigsten vorkam. Er reichte ihr die Hand. „Lucinda? Und du bist jetzt Onkologin? Ich hätte es mir denken können.“

Sie wollte ihn nicht berühren. Also nickte sie nur und hielt ihre Hände hinter dem Rücken. „Josh. Tut mir leid“, sagte sie in einem Ton, der das Gegenteil besagte. „Keime, weißt du.“

Eve und Carson tauschten einen Blick. „Sie kennen sich?“, fragte Carson.

Es widerstrebte Lucinda, zuzugeben, dass sie Josh kannte. Niemand in Chicago sollte von ihrer Vergangenheit wissen. Leider sah es ganz so aus, als hätte sie keine Wahl.

„Ja.“ Josh hielt ihr seine Hand noch einen Moment hin, bevor er sie sinken ließ. „Ja, ich kannte Lucy Wilde.“

Sie erschauerte, als sie ihren Namen hörte. Sie hatte Lucy Wilde hinter sich gelassen, als sie Iowa verließ, und es gab kein Zurück. „Wir waren auf derselben Highschool“, erklärte sie Carson und Eve. „Aber nur für zwei Jahre.“ Sie warf Josh einen warnenden Blick zu.

Sollte er es wagen, dieser schlichten Wahrheit noch etwas hinzuzufügen, würde sie ihm einen Tritt versetzen – dorthin, wo es wirklich wehtat.

Er zog eine Braue in die Höhe, und etwas in seinem Ausdruck änderte sich. Sie wusste – wusste es einfach, dass er in diesem Moment an ihre letzte Begegnung dachte. Glücklicherweise nickte er nur.

„Ihr Wiedersehen ist ja rührend, aber es bringt uns in der Sache nicht weiter. Ich möchte, dass mein Vater das Krankenhaus verlässt“, fauchte Eve Winchester.

„Besteht diese Möglichkeit?“ Josh sah fragend von einem zum anderen.

„Für den Patienten wäre es am besten, wenn er im Krankenhaus bliebe“, erklärte Lucinda, als alle drei sie ansahen. „Ich möchte ihn unter Beobachtung behalten. Es gibt da ein paar neue Behandlungsmethoden, die ich – mit seinem Einverständnis – testen möchte, weil sie seine Lebenserwartung verlängern könnten. Wir …“

„Ich verstehe nicht, wieso diese Behandlung im Krankenhaus erfolgen muss“, unterbrach Eve sie. „Sie können mir nicht garantieren, dass seine Privatsphäre dort geschützt ist. Mit jedem Tag wird es wahrscheinlicher, dass irgendjemand Zugang zu seinen Unterlagen erhält oder ein Foto von ihm macht in seinem jetzigen Zustand. Oder dass jemand eine Krankenschwester besticht und sich Informationen holt, die in der öffentlichen Meinung gegen ihn verwendet werden.“ Sie machte eine Pause, um Carson einen giftigen Blick zuzuwerfen. „Ich will ihn zu Hause haben. Nur dort ist er sicher.“

„Wir sind das doch schon alles durchgegangen, Eve“, warf Carson ein. „Er gehört in ein Krankenhaus.“ Er wandte sich an Josh. „Sutton hat einen inoperablen Lungenkrebs. Ich nehme an, die Folge von jahrelangem Rauchen und intensivem Leben.“

Josh verzog das Gesicht.

„Aber er wird nicht schon morgen sterben“, warf Eve hitzig ein.

„Kann man den Krebs nicht herausschneiden?“ Josh sah Lucinda fragend an.

„Ich darf nicht mit Außenstehenden über den Zustand meines Patienten reden.“

Carson zog eine Augenbraue hoch. „Dr. Wilde hat uns erklärt, dass der Tumor so ungünstig sitzt, dass man ihn operativ nicht erreichen oder mit Chemotherapie behandeln kann, zumal die bösartigen Zellen sich inzwischen bis in das Lymphsystem ausgebreitet haben.“

Josh wandte sich an Eve. „Es tut mir leid, das zu hören“, sagte er mitfühlend. „Das muss sehr hart sein für Sie und Ihre Schwestern.“

Eve wirkte wie erstarrt, als sie die Worte hörte – und Lucinda war froh, dass endlich jemand das nervtötende Hin und Her unterbrach.

Josh Calhoun war immer noch der Friedensstifter, so viel war klar. Sie hatte erlebt, wie er zwei Mitschüler mitten in einer Prügelei allein mit Worten zu Verstand gebracht hatte. Minuten später hatten sie lachend bei einer Limo zusammengesessen und sich über Football unterhalten – oder worüber auch immer Jungs sprachen, während sie sich das Blut des anderen von den Knöcheln wischten.

Dafür hatte sie ihn einmal bewundert. Gut, zugegeben – es war mehr als Bewunderung gewesen. Sie war fasziniert gewesen von ihm. Sie war keine Schönheit gewesen, aber Josh hatte sie im Gegensatz zu allen anderen nie wie eine lästige Besserwisserin behandelt.

Fast allen anderen. Gary, Joshs bester Freund, hatte sie um ein Date gebeten, nachdem sie einigen Jungs die Meinung gesagt hatte, die sich darüber lustig machten, dass Gary nach seiner Chemotherapie nicht die Kraft hatte, seine Schultasche zu tragen. Und da bis zu dem Zeitpunkt noch kein Junge Lucy Wilde auch nur im Entferntesten als ein weibliches Wesen angesehen hatte, mit dem man ins Kino gehen könnte, hatte sie Ja gesagt.

Lucinda kam mit einem Ruck zurück in die Gegenwart. Wie lange war es her, seit sie zuletzt an Gary – oder Josh – gedacht hatte? Jahre. Es war ihr nicht schwergefallen. Ihr Beruf verlangte ihre volle Konzentration. Ihr Beruf und die damit einhergehende Notwendigkeit, sich mit den Winchesters und Newports dieser Welt zu befassen.

Natürlich hatte sie gegenüber Suttons Familie ihre Sorge zum Ausdruck gebracht – das gehörte zu ihrem Job. Sie kümmerte sich nicht nur um ihre Patienten, sondern auch um deren Angehörige. Als sie es jetzt bedachte, konnte sie sich nicht erinnern, dass irgendjemand den Winchester-Schwestern bisher sein Mitgefühl ausgedrückt hatte. Mit Sicherheit nicht die Newports. Carson hatte die Situation grimmig akzeptiert, aber mehr auch nicht.

„Danke“, sagte Eve leise, bevor sie sich wieder Carson zuwandte. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ich will nur das Beste für ihn, und ich glaube nicht, dass das Krankenhaus das Beste ist.“

„Was sind denn die Alternativen?“, wollte Josh wissen.

Wieso musste er hier sein? Lucinda unterdrückte einen Seufzer. Wieso musste er sie an Dinge erinnern, die sie so verzweifelt zu vergessen versuchte?

„Eve und ihre Schwestern – unsere Schwestern – glauben, es sei das Beste, ihn nach Hause zu holen. Ich fühle mich unwohl bei dem Gedanken.“ Carson starrte Eve an. „Wir haben Fragen, und ich möchte, dass Sutton lange genug lebt, um uns ein paar Antworten geben zu können.“

Es war mehr als deutlich, wer mit wir gemeint war – Carson und seine Brüder.

Lucinda hätte sich gern die schmerzenden Schläfen massiert.

Eve maß Carson mit wütenden Blicken. „Was du willst, spielt hier überhaupt keine Rolle. Er ist nicht wirklich dein Vater. Du kennst ihn kaum, und du liebst ihn nicht wie meine Schwestern und ich.“

Sie sah wieder Lucinda an. Ihr Blick war entschlossener denn je – und das wollte etwas heißen. „Geld spielt keine Rolle. Ich kann innerhalb weniger Tage bei uns zu Hause ein Zimmer für ihn einrichten, das allen medizinischen Anforderungen genügt, die Sie uns nennen. Und wenn Sie uns nicht helfen, ihn zu verlegen, dann werde ich einen anderen Arzt finden, der es tut.“

„Entschuldigen Sie …“ Josh mischte sich wieder auf diese ruhige Art ein, die Lucinda schon kannte. „Was sagt denn Ihr Vater dazu? Möchte er im Krankenhaus bleiben?“

Es war eine trügerisch simple Frage. Sutton Winchester wollte nur eines: nach Hause und so tun, als wäre alles in Ordnung. Er wollte weder seine Ärztin noch das Krankenhaus je wiedersehen. Aber das war nicht das Beste für ihn.

„Natürlich nicht“, sagte Eve hitzig.

„Wenn er über die Mittel verfügt, sich zu Hause behandeln zu lassen, wäre das ja vielleicht tatsächlich das Beste für alle Beteiligten“, sagte Josh, als sei das die offensichtlichste Lösung – und nicht etwa eine Lösung, die mit einem Risiko für den Patienten verbunden war.

Lucinda schaute ihn verdrossen an, und auch Carson war alles andere als angetan von seiner Erklärung.

Ungerührt von der unverhohlenen Ablehnung fuhr Josh an Carson gewandt fort: „Wenn er sich in seiner Umgebung wohler fühlt, ist er vielleicht auch eher bereit, eure Fragen zu beantworten, meinst du nicht?“

Lucinda hätte Josh erwürgen können. Schlimm genug, dass er hier war, und noch schlimmer, dass sie mit ihm sprechen musste. Aber musste er sich dann auch noch auf die falsche Seite schlagen?

Sie spürte, wie Carson schwankte. Verdammt. Sie wusste, es gab viele offene Fragen, und sie wusste auch, dass Sutton in seiner jetzigen Verfassung nicht bereit war, sie zu beantworten.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "So weit die Leidenschaft uns trägt" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen