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So weit das Land – so groß die Liebe

1. KAPITEL

„Da drüben ist der Mann, den Sie suchen.“ Bill, der Besitzer des einzigen Pubs im Ort, deutete zur anderen Straßenseite.

Meredith blickte in die Richtung, in die sein Zeigefinger deutete, und sah einen grimmig wirkenden Mann, der gerade aus einem verbeulten Transporter stieg.

Kein typischer Australier, war ihr erster Gedanke. Denn während alle anderen, denen sie bislang hier draußen im Outback begegnet war, eine gelassene Heiterkeit ausstrahlten, machte das Gesicht dieses Mannes einen geradezu einschüchternd düsteren und strengen Eindruck auf sie.

Von ihrem Aussichtspunkt auf der Veranda des Pubs beobachtete sie, wie er sich einen Cowboyhut auf den Kopf stülpte und die Wagentür zuschlug. Er schien wirklich ungewöhnlich schlechter Stimmung zu sein. „Sind Sie sicher?“, fragte sie zögerlich nach.

„Natürlich bin ich sicher.“ Bill zog sich die Hose über dem ansehnlichen Bauch hoch. „Ich kenne jeden hier“, verkündete er voller Stolz. „Hier kommen nicht viele Fremde durch.“

Das glaubte Meredith ihm aufs Wort. Whyman’s Creek bestand aus eben diesem Pub, einer Handvoll Geschäften und einigen wenigen Häusern mit zumeist baumlosen staubigen Höfen und riesigen Wassertanks. Eine einzige Straße, deren Asphalt in der sengenden Hitze flimmerte, verlief schnurgerade durch die Kleinstadt hindurch – sofern die Bezeichnung „Stadt“ überhaupt angebracht war.

Dann gab es noch eine Start- und Landebahn, aber das war auch schon alles. Meredith wusste es genau, denn sie hatte jeden Zentimeter erforscht. Seit achtzehn Stunden hielt sie sich nun schon in diesem Nest auf. Das waren für ihren Geschmack siebzehn dreiviertel Stunden zu viel. „Der Typ arbeitet auf Wirrindago?“, erkundigte sie sich bei Bill.

„Er arbeitet nicht nur dort. Die Farm gehört ihm. Die ganzen tausend Quadratkilometer.“

Sie versuchte, sich eintausend Quadratkilometer vorzustellen, aber es wollte ihr nicht gelingen. Nicht, dass es wichtig war. Sie verstand auch so. Wirrindago war um ein unermessliches Vielfaches größer als der Garten ihres Reihenhauses in London.

Mit einem kritischen Blick zu Hal Granger dachte sie: Man sollte meinen, dass jemand, dem so viel Land gehört, ein bisschen fröhlicher dreinschaut.

Doch zum Glück brauchte sie ihn nicht zur Erheiterung. Er sollte sie nur zu Lucy bringen. „Danke, Bill. Dann gehe ich mal mit ihm reden.“

Bevor sie sich überlegen konnte, in welcher Form sie sich ihm nähern sollte, steckte Bill sich zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus, der sie vor Schreck zusammenzucken ließ. „Hal!“, rief er. „Komm mal rüber, Kumpel!“

Der Mann verharrte mit einer Hand auf der Türklinke des Krämerladens. „Was gibt’s denn, Bill?“, entgegnete er so barsch, dass Meredith seine Verärgerung sogar über die Straße hinweg zu spüren glaubte.

Völlig unbeeindruckt von der rüden Antwort grinste Bill und deutete mit dem Daumen auf Meredith. „Die junge Dame hier braucht dich!“, schrie er, obwohl es eigentlich keinen Grund gab, die Stimme zu heben, da nicht gerade ohrenbetäubender Verkehrslärm herrschte.

Hal überquerte die Straße, blieb am Fuß der Verandastufen stehen und starrte zu ihr hinauf – mit gerunzelter Stirn für den unwahrscheinlichen Fall, dass er nicht einschüchternd genug aussah. „Ja?“

„Dann lass ich euch zwei mal allein“, verkündete Bill gelassen. Erneut zog er sich den Hosenbund hoch, bevor er im schummrigen Pub verschwand.

Hal und Meredith musterten einander. Keiner von beiden zeigte ein Zeichen von Wohlwollen.

Sie fühlte sich klar im Nachteil. Hal Granger schien irgendwelchen Gefälligkeiten eindeutig abgeneigt. Seine Augen, die von einem erstaunlich hellen Grau waren, wirkten sehr kalt, und die zusammengezogenen dunklen Brauen linderten nicht unbedingt den unterdrückten Zorn, den sie spürte, seit er aus dem Wagen gestiegen war. Die finstere Miene, eine Adlernase und ein strenger Mund – all dies machte keinen „hübschen Mann“ im landläufigen Sinne aus ihm, aber die Kraft seiner Persönlichkeit ließ sich nicht leugnen.

Sie ahnte, dass dieser Hal Granger mit Vorsicht zu genießen war. Gewiss wäre ihr Anliegen auf fruchtbareren Boden gefallen, wenn sie zu ihm gegangen und sich vorgestellt hätte, anstatt ihn von Bill wie einen Hund zu sich pfeifen zu lassen.

Doch das war nicht mehr zu ändern, und bestimmt schürte es seinen Unmut noch mehr, wenn sie ihn warten ließ. Sie setzte ihr hübschestes Lächeln auf und nahm sich die Sonnenbrille ab in der vagen Hoffnung, ihn dadurch zugänglicher zu stimmen. Doch die Geste verfehlte völlig die Wirkung.

„Es tut mir sehr leid, dass ich Sie störe“, begann sie. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass sie mit ihrer ausgeprägten englischen Aussprache steif wie die Queen klang. „Aber Bill hat mir erzählt, dass Ihnen die Rinderfarm Wirrindago gehört.“

„Ja“, bestätigte er einsilbig.

Sie behielt das Lächeln bei und fuhr fort: „Ich bin Meredith West. Ich glaube, meine Schwester arbeitet für Sie – Lucy.“

Ein wenig kniff er die seltsam hellen Augen zusammen. „Ja, sie ist auf Wirrindago. Ich hatte ganz vergessen, dass ihr Nachname West lautet“, gab er zu.

„Geht es ihr gut?“

„Es ging ihr prächtig, als ich heute Morgen weggefahren bin.“

„Oh, Gott sei Dank!“ Erleichtert ließ Meredith die Schultern sinken. Seit Wochen war sie krank vor Sorge um ihre kleine Schwester, die sich schon länger nicht mehr gemeldet hatte, und malte sich alle möglichen Horrorszenarien aus: Krankheit, Unfall, Gedächtnisverlust, Entführung durch Aliens …

Bill hatte bereits berichtet, dass Lucy des Öfteren am Samstagabend zusammen mit den Farmarbeitern von Wirrindago in die Stadt kam und „gehörig Leben in die Bude“ brachte, wie er sich auszudrücken beliebte. Doch das hatte Meredith nicht allzu sehr getröstet.

Hal Grangers kühle Gleichgültigkeit beruhigte sie mehr als Bills freundliche Anteilnahme, und nun erst entspannte sie sich. Jetzt fragte sie sich allerdings, warum Lucy nichts von sich hören ließ, wenn es ihr wirklich gut ging.

Hal beobachtete, wie Meredith unsicher an der Unterlippe nagte und sich die Erleichterung auf ihrem Gesicht wieder in Sorge verwandelte. Gegen seinen Willen registrierte er, dass sie hübsche Lippen hatte. Ihr Mund wirkte sinnlich weich und stand irgendwie im Widerspruch zu dem scharfen intelligenten Blick und dem forschen Ausdruck.

Er hätte nie erraten, dass sie mit Lucy verwandt war. Lucy war hellblond, gertenschlank und sehr reizvoll. Meredith hingegen besaß eine weiblich gerundete Figur und braunes Haar, das zu widerspenstigen Locken neigte.

Hal hätte sie nicht unbedingt als Schönheit bezeichnet, aber selbst seinem ungeübten Blick entging nicht, dass sie makellos gepflegt war. Sie trug eine perfekt geschnittene Hose, eine taillierte hellblaue Bluse und dazu eine Perlenkette.

Ausgerechnet Perlen!

Sie wirkte kühl und kompetent und total lächerlich für seinen Geschmack. Dass sie im Outback fehl am Platze war, ließ sich an ihrer Erscheinung so deutlich ablesen, als trüge sie ein riesiges Schild mit der Aufschrift Großstädterin in Leuchtfarben vor sich her.

Hal hatte keine Zeit für Stadtmenschen. Ungeduldig rückte er sich den Hut zurecht. „War’s das?“

Verblüfft starrte Meredith ihn an.

Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, dass ihre Augen tiefblau und sehr schön waren.

„Ich wäre wohl kaum den ganzen Weg von England hierhergekommen, nur um eine einzige Frage zu stellen, oder?“, entgegnete sie kratzbürstig. Selbst einem Hinterwäldler wie ihm musste doch klar sein, dass es ihr nicht reichte, von Lucys angeblichem Wohlergehen zu hören! „Natürlich war’s das nicht!“

Zu spät hörte sie den gereizten Unterton in ihrer eigenen Stimme, und sie zwang sich, tief durchzuatmen. Schließlich wollte sie diesen Mann um einen Gefallen bitten.

Ihr schien, als wäre sie schon seit Tagen auf Reisen. Sie war erhitzt, besorgt und erschöpft vom Jetlag. Warum war er nicht einfach nett und bot ihr an, sie zu Lucy zu bringen? Am liebsten im Handumdrehen auf einem fliegenden Teppich! Denn die Aussicht auf eine Fortsetzung ihrer Reise brachte sie einem Zusammenbruch und Tränen der Erschöpfung nahe. Obwohl manche ihrer Bekannten erfolgreich auf solche Maßnahmen zurückzugreifen pflegten, stellte Merediths Erfahrung nach weder das eine noch das andere eine Lösung dar.

Also straffte sie die Schultern und zauberte ein versöhnliches Lächeln auf ihr Gesicht. „Die Sache ist die, dass ich Lucy sehen muss. Ich wollte mir eigentlich ein Auto mieten und selbst nach Wirrindago fahren. Aber Bill meint, das wäre nicht ratsam.“

„Es wäre sogar verantwortungslos und dumm. Sie hatten doch nicht im Ernst vor, ganz allein in den Busch zu fahren?“

„Ich nehme an, dass es Straßen gibt“, führte sie zu ihrer Verteidigung an.

„Nicht die Art von Straßen, die Sie gewohnt sind. Es gibt auch nicht viele Schilder. Sie würden sich schon nach fünf Minuten verfahren.“

Meredith versteifte sich. Sie ließ sich ungern sagen, dass sie irgendetwas nicht tun konnte. Aber gerade rechtzeitig unterdrückte sie eine schnippische Bemerkung. Sie durfte ihn nicht noch mehr verstimmen, als sie es offensichtlich allein durch ihre Anwesenheit bereits getan hatte. Sonst blieb sie noch in diesem Nest stecken, und das galt es zu vermeiden.

„Tja, nun, das hat Bill auch mehr oder weniger gesagt“, räumte sie ein. „Deswegen brauche ich Ihre Hilfe.“ Sie holte tief Luft. „Könnten Sie mich vielleicht mitnehmen, wenn Sie zurück nach Wirrindago fahren?“

„Sie wollen mitkommen?“ Abschätzig ließ Hal einen harten Blick über ihre Gestalt gleiten. „Ich glaube kaum, dass es ein geeigneter Ort für Sie ist.“

Es verdross sie, dass er seine Ablehnung so überdeutlich zum Ausdruck brachte. „Ich glaube auch nicht, dass es ein geeigneter Ort für mich ist“, konterte sie spitz, da sie mit Versöhnlichkeit nichts zu erreichen schien. „Aber das tut nichts zur Sache. Es geht darum, dass ich meine Schwester sehen muss, und wenn ich nicht auf gut Glück bis zum Wochenende hier herumlungern und darauf warten will, dass sie hier auftaucht, muss ich irgendwie zu ihr gelangen. Und Sie sind anscheinend meine größte Chance.“ Mit kaum verhohlener Verachtung bot sie an: „Ich bezahle auch den Sprit, falls es hilft.“

Seine Miene verdüsterte sich noch um einiges. „Es ist keine Frage der Bezahlung. Natürlich nehme ich Sie mit, wenn Sie es unbedingt wollen, aber Sie müssen warten. Ich habe mehrere Sachen zu erledigen.“

„Vielleicht kann ich ja helfen?“, schlug Meredith vor. Die Vorstellung, noch länger tatenlos in diesem winzigen Nest zu hocken, behagte ihr ganz und gar nicht. „Zu zweit schafft man die Dinge für gewöhnlich viel schneller. Ich könnte zum Beispiel beim Einkaufen helfen oder …“

„Das glaube ich kaum“, unterbrach Hal sie schroff. Es war geradezu eine Horrorvorstellung für ihn, dass diese Frau auf ihren lächerlich hohen Absätzen neben ihm hertrippelte und den Ablauf seiner zahlreichen Erledigungen organisierte. Er war überzeugt, dass sie in ihrem ach so perfekten Englisch gern herumkommandierte, und herrische Frauen gefielen ihm ebenso wenig wie Großstädter. „Sie bleiben hier“, ordnete er an. „Ich komme Sie holen, wenn ich fertig bin.“

„Nun, können wir dann vielleicht einen Zeitpunkt vereinbaren?“

„Nein.“ Er wandte sich zum Gehen. „Wenn Sie mit mir fahren wollen, müssen Sie einfach warten.“

Charmant. Pikiert blickte Meredith ihm nach. Ihm wäre kein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn er mir verraten hätte, wie lange er braucht.

Mit einem tiefen Seufzer drehte sie sich zum Pub um. Sie fürchtete, dass ihr eine lange Wartezeit bevorstand.

Leider erwies sich ihr Verdacht als sehr berechtigt. Es erschien ihr unfassbar, dass ein Mensch freiwillig so viel Zeit in Whyman’s Creek verbrachte. Ihr hatten bereits die ersten fünf Minuten gereicht, aber Hal Granger beschäftigte sich stundenlang in dem winzigen Ort. Zumindest kam es ihr wie Stunden vor.

Aus Angst, dass er sie vergessen könnte, hatte sie ihren Koffer längst aus dem Pub auf die Veranda geholt und bewachte aufmerksam die Straße. Es war nicht schwer, Hal im Auge zu behalten, der vom Krämerladen zur Bank und dann zum Büro des Viehhändlers ging, denn zumeist war er die einzige Person auf der Straße.

Meredith argwöhnte, dass er bewusst trödelte, um sie hinzuhalten. Gereizt verscheuchte sie die lästigen Fliegen, die unablässig um ihr Gesicht herumschwirrten. Es war unglaublich heiß, selbst im Schatten. Trotz der Unruhe und der Hitze fielen ihr immer wieder die Augen zu, und sie sehnte sich nach einem kühlen Plätzchen, an dem sie sich ausstrecken und eine Woche lang schlafen konnte. Nur die Befürchtung, dass Hal Granger ohne sie abfahren könnte, hielt sie wach.

Nach einer Weile holte sie ihren Laptop hervor und versuchte zu arbeiten. Aber es fiel ihr schwer, sich auf etwa anderes als auf Hal zu konzentrieren. Denn aus den Augenwinkeln erhaschte sie immer wieder einen Blick auf seine große, athletische Gestalt auf der Straße, und im Geiste tauchte ständig seine grimmige Miene auf. Obwohl ihr nicht aufgefallen war, dass sie sich sein markantes Gesicht mit den beachtlichen silbergrauen Augen eingeprägt hatte, sah sie es nun erstaunlich deutlich vor sich.

Erstaunlich und äußerst beunruhigend.

Sie schreckte aus ihren Gedanken auf, als Hal aus dem Laden gegenüber herauskam und in den Transporter stieg. Sie fürchtete sich so sehr davor, sitzen gelassen zu werden, dass sie aufsprang, um ihm nachzulaufen. Doch es stellte sich heraus, dass er sie nicht vergessen hatte. Er wendete nur und hielt vor den Stufen des Pubs an.

Hastig schob sie den Laptop in die Tragetasche und griff nach dem Koffer, aber zu ihrer Überraschung stand Hal Granger bereits parat und erklärte: „Den nehme ich.“

„Das schaffe ich schon …“

Unbeirrt trug er den Koffer die Stufen hinunter und warf ihn auf die Ladefläche.

„… ganz allein“, vollendete Meredith leise, während sie ihm folgte. Von Bill hatte sie sich bereits verabschiedet. Sie beabsichtigte, sehr bald zurückzukommen, ob nun mit Lucy oder allein, denn sie wollte keine Minute länger als unbedingt nötig im Outback bleiben.

„Soll ich den Laptop auch nehmen?“

Mit gerümpfter Nase blickte sie zur Ladefläche, wo ihr Koffer in einer dicken Staubschicht zwischen versiegelten Paketen und einer kunterbunten Sammlung von Geräten lag, die vermutlich landwirtschaftlichen Zwecken dienten. „Ich behalte ihn lieber bei mir, danke.“ Beschützend drückte sie sich das kostbare Gerät an die Brust, als stünde zu befürchten, dass Hal es ihr entreißen könnte.

„Wie Sie meinen“, murmelte er lakonisch und stieg ein.

Meredith eilte zur anderen Seite und kletterte ungeschickt in die Fahrerkabine, die ebenso verschmutzt aussah wie die Ladefläche. Angewidert wischte sie über die Sitzfläche, aber es nützte nicht viel. Sie setzte sich und tastete nach dem Sicherheitsgurt.

„Tut mir leid wegen des Staubs“, sagte Hal, doch es klang nicht besonders bedauernd. „Ich muss mit offenen Fenstern fahren, weil die Klimaanlage kaputt ist.“

Na großartig! So viel also zu meinem fliegenden Teppich!

Anscheinend stand ihnen eine äußerst unbequeme Fahrt bevor.

Nicht, dass sich Hal Granger daran zu stören schien. Behaglichkeit rangierte bei ihm anscheinend nicht sehr weit oben auf der Prioritätenliste. Der Transporter war, gelinde gesagt, schlicht ausgestattet. Meredith war an bequeme Schalensitze aus Leder und sportliche Schaltknüppel gewöhnt. Bei diesem Gefährt hingegen ragte ein Schalthebel aus der Lenksäule hervor, und es verfügte über eine durchgehende harte Sitzbank mit mehreren Rissen im billigen Plastikbezug, aus denen lumpiger brauner Schaumstoff hervorquoll.

Ich sollte wohl von Glück sagen, dass überhaupt eine Polsterung vorhanden ist.

Meredith überlegte, ob solche Sitzbänke nicht schon in den Sechzigern abgeschafft worden waren, vor Einführung des Gurtzwangs. Hatte man sie nicht überhaupt nur zum Zweck des Knutschens erfunden? Sie hatte sicherlich nicht zu jenen Mädchen gehört, die sich auf so etwas einließen! Aber sie kannte Romane, in denen Teenager diese Bänke auf abgelegenen Parkplätzen eifrig nutzten, um sich in die Horizontale zu begeben.

Sie seufzte. Typisch, dass sich ihr Wissen über die Sturm- und Drangzeit von Jugendlichen auf Bücher beschränkte!

Mit einem Seitenblick zu Hal Granger fragte sie sich, ob er diese Sitzbank jemals für amouröse Zwecke genutzt hatte. Schließlich musste auch er einmal ein Teenager gewesen sein, auch wenn er nun ganz den düsteren, harten Mann gab. Blieb die Frage, woher er mitten in der Einöde willige Mädchen hätte nehmen sollen.

Doch vermutlich schlossen die Leute auch in dieser Gegend Bekanntschaften. Womöglich war Hal sogar verheiratet. Da er ihrer Schätzung nach auf die Vierzig zuging, lag es im Bereich des Möglichen, obwohl sie es sich irgendwie nicht vorstellen konnte. So verschlossen und streng, wie er wirkte, schien es unmöglich, dass er jemals glücklich war und lächelte, sich verliebte und mit einer Frau schlief.

Eigentlich ein Jammer, bei einem so sinnlichen Mund …

Dieser Gedanke kam Meredith völlig unverhofft in den Sinn und schockierte sie derart, dass sie nach Atem ringen musste.

Mit einer Hand auf dem Schalthebel wandte Hal ihr den Kopf zu und fragte genervt: „Geht es Ihnen nicht gut?“

Zu ihrem Entsetzen errötete sie. „Doch, doch“, versicherte sie hastig. „Mir ist nur ein bisschen … heiß.“ Oh Gott, warum hast du das bloß gesagt? Selbst in ihren eigenen Ohren klang es zweideutig. Wie mochte er es erst auffassen?

Zum Glück schien er sich nichts dabei zu denken und ihre Verlegenheit nicht zu spüren. „Das wird gleich besser. Wenn wir erst mal unterwegs sind, weht eine leichte Brise.“

Schon bald, als der Transporter über den Asphalt ratterte, erwies sich diese „leichte Brise“ als stete kräftige Zugluft durch die geöffneten Fenster. Im Nu war Merediths Haar hoffnungslos zerzaust und ihr Gesicht von einer dicken roten Staubschicht bedeckt. Als sie ihre Wange mit den Fingerspitzen berührte, fühlte sich die Haut wie Sandpapier an.

„Wie lange dauert es bis nach Wirrindago?“, fragte sie laut, um den Fahrtwind zu übertönen.

Hal zuckte die Achseln. „Zwei Stunden.“

„Zwei Stunden?“ Entsetzt starrte Meredith auf die Straße, die schnurgerade verlief und am Horizont in der flimmernden Hitze verschwamm. „Ich wusste nicht, dass es so lange dauert.“

„Das ist eine gute Zeit.“ Er warf ihr einen Seitenblick zu und beobachtete, wie sie sich bemühte, die flatternden Haare aus dem Gesicht zu halten. „In der Regenzeit, wenn die Bäche voll sind, braucht man wesentlich länger. Manchmal kommen wir gar nicht rüber und müssen fliegen.“

„Das ist aber ein sehr langer Weg, nur für ein paar Einkäufe.“ Sehnsüchtig dachte sie an den Supermarkt gleich um die Ecke ihres Hauses in London. Dorthin brauchte sie höchstens drei Minuten zu Fuß. „Gibt es keine näher gelegene Ortschaft?“

„Nein. Whyman’s Creek ist die nächste. Ich fahre nur hin, wenn es unbedingt sein muss.“

„Das verstehe ich gut.“ Sie konnte sich nicht vorstellen, dass jemand dieses Nest aufsuchte, wenn es irgend zu vermeiden war. Doch Bills Ausführungen zufolge unternahmen die Farmarbeiter von Wirrindago an den Wochenenden regelmäßig Spritztouren in den Ort. Was in aller Welt fingen sie dort an? Es gab nichts zu sehen, nichts zu tun, nur drückende Hitze und Fliegen und roten Staub.

Unter diesen Umständen durfte es sicherlich nicht schwierig sein, Lucy von hier wegzulotsen. Wenn irgendetwas ihre Schwester von ihren romantischen Wunschträumen kurieren konnte, dann war es die Arbeit für einen misslaunigen Mann wie Hal Granger an einem derart tristen Ort.

Vor der Abreise nach Australien hatte Lucy davon geschwärmt, wie wundervoll das Outback war. Die Männer dort waren durchweg stark und schweigsam, ritten meisterhaft, trugen Hüte und karierte Hemden, besaßen einen stillen Charme und bewegten sich voller Kraft und Anmut.

Es zuckte um Merediths Mundwinkel, als sie Hal Granger ansah. Stark war er durchaus, und er trug einen Hut; Charme und Anmut hingegen waren bei ihm eindeutig Mangelware.

Er mochte anders wirken, wenn er lächelte, aber allem Anschein nach geschah das nicht sehr häufig. Doch vielleicht lächelte er für Lucy. So wie die meisten Männer das bei Lucy taten.

Mit diesem klapprigen Transporter konnte er allerdings nur schwerlich Eindruck bei ihr schinden. Und dazu besaß er nicht einmal den Anstand, ein kariertes Hemd zu tragen!

Die Ärmste muss all ihre Illusionen verloren haben, dachte Meredith belustigt, an ihrer Stelle würde ich mir die Gelegenheit zur Flucht nicht entgehen lassen.

Aber wenn ich Lucy wäre, hätte Richard mich sehen wollen, und ich wäre gar nicht hier …

Ihr Lächeln schwand bei dem Gedanken an Richard. Besorgt fragte sie sich, wie es ihm wohl gehen mochte. Heute Morgen war es ihr nicht gelungen, seine Mutter telefonisch zu erreichen. Wochen schienen vergangen zu sein, seit sie an seinem Krankenbett gestanden und versprochen hatte, Lucy zu finden. In Wirklichkeit konnten es nicht mehr als zwei – oder drei? – Tage sein. Der Jetlag hatte ihr Zeitgefühl komplett durcheinandergebracht.

Hal hörte ihren Seufzer. Sie sah müde aus, wie er mit einem Anflug von Mitgefühl feststellte. Ihrer blassen Haut nach zu urteilen, war sie geradewegs aus London eingeflogen und ziemlich erschöpft.

Ihm wurde bewusst, dass er sich hilfsbereiter hätte verhalten sollen. Für gewöhnlich war er nicht so ungnädig. Leider hatte sie ihn auf dem falschen Fuß erwischt.

In letzter Zeit schien einfach alles schiefzugehen. Die Maschinen auf seiner Farm brauchte man nur anzusehen, schon gingen sie entzwei. Es regnete nicht genug. Die Zäune waren heruntergekommen und die Bankzinsen hinaufgeschnellt, und zu allem Überfluss hatte er die Kinder am Hals.

Meredith hatte einen wunden Punkt berührt, als sie von der Veranda des Pubs wortwörtlich auf ihn herabgeblickt hatte. Sie schien all das zu verkörpern, was er am wenigsten mochte, dem er am wenigsten traute.

Aber sie beklagte sich nicht, wie er nun mit widerstrebendem Respekt registrierte, obwohl sie sich eindeutig nicht amüsierte. Ihr Mund – dieser überraschend sinnliche Mund, der in krassem Widerspruch zu ihrem bissigen Wesen stand – war missbilligend verzogen, während sie die Gegend musterte. Sie zeigte sich völlig unbeeindruckt von dem unermesslichen Flachland aus Sand und Gebüsch, das sich bis zum weiten Horizont erstreckte.

„Sie sind Ihrer Schwester nicht sehr ähnlich, oder?“, fragte er unvermittelt.

„Das habe ich schon oft gehört. Lucy ist die Hübsche, ich bin die Schlaue“, erklärte sie mit sarkastischem Unterton. „Zumindest sagt man uns das laufend.“

„Lucy kommt mir gar nicht so dumm vor.“

Sie lachte. „Eigentlich hätten Sie jetzt sagen müssen: Oh, aber Sie sind doch auch sehr hübsch, Meredith!“

Wie reizvoll sie war, wenn sie lächelte! „Hätten Sie mir denn geglaubt?“

„Wahrscheinlich nicht“, räumte sie ein und dachte dabei: natürlich nicht. Sie war froh, dass er den Anstand besaß, ehrlich zu sein. Ob sie ihm gefiel oder nicht, war ihr eigentlich einerlei.

„Übrigens habe ich nicht vom Aussehen gesprochen“, erklärte Hal. „Ich habe daran gedacht, dass Lucy das Outback liebt. Sie liebt Whyman’s Creek und Wirrindago und die Abgeschiedenheit. Wenn sie jetzt hier wäre, würde sie den Kopf aus dem Fenster stecken und lachen.“

Ihr Herz sank. Anscheinend hatte Lucy ihre romantischen Wunschträume noch nicht aufgegeben, obwohl ihr Enthusiasmus normalerweise nicht lange anhielt.

Wenn sie das Outback immer noch durch die rosarote Brille sieht, wird es schwerer als erwartet, sie loszueisen.

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