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So war’s

Das war mein Leben

Erinnerungen und Gedanken

Fürstenfeldbruck, den 29. April 1993

Wir haben mit großem Aufwand und präziser Sorgfalt, monatelang in Tagebüchern, Aufzeichnungen, im Wehrpass, in militärischen Unterlagen, in Land- und Staßenkarten, Literatur und Internet, nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert. Dennoch können wir für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Texte nicht garantieren. Zum Schutz aller aufgeführten Personen, Namen, Daten und Örtlichkeiten, dürfen Veröffentlichungen und Vervielfältigungen nur mit unserer schriftlichen Erlaubnis angefertigt werden.

Die Autoren

Marianne und Norbert Nienhaus

Taufkirchen, im Juli 2016

Vorwort

Vater schenkte mir zum 50. Geburtstag auf meinen lange geäußerten Wunsch, seine Aufzeichnungen über sein Leben vor meiner Geburt.

Nach seinem Tod brauchte ich sehr lange bis ich diese Erinnerungen an ihn verarbeiten und mit Hilfe von Norbert zu einem Buch umsetzen konnte.

Ein besonderer Dank gilt allen, die Vater in seinen letzten Lebensjahren liebevoll umsorgt haben. Marianne

Mein Vater, Heinrich Gerritsen, geboren im 1.Weltkrieg, wurde als Kleinkind lungenkrank und war dadurch in der Kindheit immer kränklich. Die Missionsschule musste er deshalb abbrechen. Jene Kinder aus dem Ruhrgebiet wurden ab 1922 von der Caritas zur Erholung in den Ferien nach Bayern auf einen Bauernhof geschickt. Nach der kaufmännischen Ausbildung in München musste er zum Reichsarbeitsdienst und anschließend als Soldat in den 2. Weltkrieg. Diesen überlebte er als Kraftfahrer eines Militär-Gerätewagens nach Granateneinschlägen zweimal. Als der Krieg zu Ende war, kam er in französische Gefangenschaft, überstand eine schwere Krankheit und konnte nach 20 Monaten heimkehren nach München und Oberhausen/Rheinland.

Er heiratete Pfingsten 1950 meine Mutter Elisabeth, Jahrgang 1925, und wurde Familienvater von drei Mädchen und einem Sohn. Mutter starb 1984 und Vater starb 2003.

Inhalt

Erstes Kapitel: Kindheit und Jugend

Zweites Kapitel: Einberufung und Krieg

Drittes Kapitel: Gefangenschaft

Viertes Kapitel: Heimkehr und Gedanken

Erstes Kapitel: Kindheit und Jugend

Es war ein Sonntag, 1. Oktober 1916. Morgens 7 Uhr erblickte ich das Licht der Welt in Oberhausen/Rheinland, Belemestraße. Es war die Mitte des ersten Weltkrieges. Mein Vater war Soldat an der französischen Front in Flandern (Frankreich). Die Ernährungslage in der Heimat war sehr schlecht. Durch Beziehung hatte die Mutter Zwetschgen ergattert, auch etwas Mehl und Hefe. Also wurde Samstagnachmittag Zwetschgenkuchen gebacken für den Sonntag. Leider hatte meine gute Mutter am nächsten Tag nichts von diesem guten Kuchen, sondern nur die freundlichen Nachbarn, Familie Fassbach und Familie Meier. Familie Meier wohnte neben uns, Familie Fassbach unter uns. Meine über alles geliebte Oma (Mutter von meinem Vater) kam rechtzeitig mit einer Hebamme und sie brachten mich ohne Schwierigkeiten zur Welt (so hörte ich später und habe es mir gemerkt). Unter uns wohnte noch eine Frau mit ihrer Tochter. Die Tochter war berufstätig und sorgte nebenbei für ihre kranke Mutter, keiner wusste, dass ihre Mutter lungenkrank war.

Nach der Mutterschaftszeit musste meine Mutter wieder drei Stunden in der Rüstungsindustrie arbeiten, damit sie neben dem Geld auch die Lebensmittelmarken bekam. In dieser Zeit brachte man mich immer zu dieser kranken Frau, weil meine Oma auch immer halbtags arbeiten musste. Meine gute Oma war zweimal verheiratet, der erste Mann, mein Großvater Henri Gerritsen, war ein Holländer. Da im Ruhrgebiet weitere Zechen aufgemacht wurden um noch mehr Kohle fördern zu können, wurden im Ausland Arbeiter angeheuert – und so kam mein Opa ins Ruhrgebiet. Bei dieser Grube, wo mein Opa Arbeit fand, war meine Oma im Büro beschäftigt. Beim “An- und Abtippen” (Anwesenheitskontrolle) der Bergarbeiter lernte meine Oma diesen Holländer kennen – und sie heirateten sehr bald, weil meine Oma eine sehr strenge und geizige Mutter hatte (ihre Schwester, Tante Anna Herrschaft, erzählte mir dies). Oma heiratete im Elternhaus – 2. Stock. Im Erdgeschoss war ein großes Textilgeschäft mit Obst- und Gemüseabteilung, das ihre Eltern besaßen und auch führten. Ihre Mutter war eine tüchtige, aber geizige Geschäftsfrau.

Oma bekam nun Kinder: Onkel Bernhard, Onkel Jakob, mein Vater Josef, Onkel Johann und Onkel Gerd. Dann bekam sie noch ein Zwillingspärchen, das aber nach ein paar Tagen starb. Es starb aber leider auch schnell mein Opa, ihr Mann Henri Geritsen. Oma musste deshalb abends noch eine Putzstelle annehmen, um ihren Eltern die Miete zahlen zu können. Da lernte sie einen netten Herrn kennen – den Herrn Peters. Eines Monats konnte die Oma die Miete nicht ganz bezahlen und bat ihre Mutter um Geduld und Aufschub für die “50 Pfennig”. Die Antwort: “Keinen Monat – in drei Tagen verlange ich das Geld, sonst wird deine Wohnung geräumt.” Als sie nach drei Tagen das Geld nicht hatte, kamen Leute und trugen ihre Möbel auf die Straße. Oma weinte sehr, da kam – welch ein Wunder – der Bekannte Peters vorbei, sah dies und fragte die Kinder, warum sie ausziehen und wohin? Sie weinten und riefen: “Wir werden rausgeschmissen, weil Mama den Rest der Miete nicht zahlen kann.” Sofort ging er in den Laden und bezahlte die Miete: 50 Pfennig, ließ sich eine Quittung geben und trug alles wieder in die Wohnung. Drei Monate später heiratete Oma diesen guten Mann. Dies ging sehr schnell. Mit der Todesbescheinigung des ersten Mannes ging es zum Standesamt, anschließend in die Johanneskirche. Ein älterer Dechant traute sie. Die zwei Ministranten durften ihre Gewänder nicht anziehen, weil das Brautpaar nichts zahlen konnte (ein damals trauriger Zustand der Kirche – auch bei Beerdigungen eines Armen durften die Ministranten dies nicht anziehen, nur das Kreuz durften sie tragen). Gleich nach dem 1. Weltkrieg wurde dies geändert! – Gott sei Dank!

Der neue Gatte war von den Schwiegereltern nicht begeistert und mietete in der Schlatstraße ein Familienhaus mit einem Garten. Die Freude war riesengroß. Oma bekam bald wieder Kinder: Onkel August; Tante Anna; Tante Jette/Henriette; dann noch zwei Kinder, die bald nach der Geburt starben; dann Onkel Heinrich (mein Patenonkel). Bei all diesen großen Schwierigkeiten hat meine gute Oma den Glauben nicht verloren. Große Traurigkeit kam für sie, als kurz vor dem Krieg auch ihr zweiter Mann – Opa Peters – plötzlich starb.

Sieben Söhne mussten in den Krieg. Der älteste Sohn vermisst, der zweite Sohn, mein Vater – schwer verwundet, ebenso Onkel Gerd.

Nicht nur meine Mutter musste arbeiten, auch meine Oma (als Witwe mit dem jüngsten Sohn in die Belemestraße gezogen). Die kranke Frau unter unserer Wohnung steckte mich nach einem Jahr durch ihre Krankheit an. Der Arzt stellte bei mir eine “Lungenentzündung” fest. Die alte Frau kam ins Krankenhaus, dort stellte man bei ihr “Lungentuberkulose” fest. Sofort musste ich auch ins Krankenhaus und man stellte dann dies auch bei mir fest. Die alte Frau starb bald. Mich konnte meine Mutter holen und daheim pflegen. Da brauchte sie nicht mehr in die Arbeit gehen, bekam vom Staat eine kleine Rente – da mein Vater noch im Krieg war. Durch die Krankheit lernte ich erst mit vier Jahren das Laufen. Sprechen konnte ich aber vorher schon (hatte mit der Krankheit nichts zu tun). Oma kam fast jeden Tag. Die andere Oma (Mutter von meiner Mutter) kam nur einmal im Monat, sie hatte schlimme Füße, konnte kaum gehen, man musste eine halbe- bis dreiviertel Stunde gehen bis zu ihrer Wohnung. Vater und ein Bewohner im Haus, mussten ihr immer helfen beim Treppensteigen, deshalb konnte sie nicht mit dem Bus oder der Straßenbahn fahren. Sie hatte acht Kinder, alle verheiratet, nur ein Sohn war bei ihr (er war geschieden von seiner Frau und wohnte wieder bei meiner Oma) und konnte ihr in der Krankheit helfen. Er war auch nicht ganz gesund, darum war er Gelegenheitsarbeiter – war damals für kränkliche Leute üblich, Folgen des Krieges.

Als Vater wieder einigermaßen gesund war, fing er gleich wieder als Kohlenhauer in der Zeche an. Sein Bruder Johann war Steinhauer. Steinhauer verdienten mehr als Kohlenhauer, sie bekamen auch eine Woche mehr Urlaub, ebenso konnten sie schon mit 50 Jahren in Rente gehen, der Kohlenhauer mit 55 Jahren. Viele Steinhauer bekamen durch ihre Arbeit eine “Steinstaublunge”, deshalb wurden sie nicht alt. Mein Onkel starb mit 61 Jahren. Ein paar Tage vor seinem Tod war ich mit meinem Vater bei ihm. Er saß im Bett und schnappte nach Luft. Seine Frau, Tante Änne, führte immer wieder einen Schlauch an seinen Mund (Sauerstoff), da ging es mit dem Atmen besser und er konnte mit meinem Vater etwas reden. Wir blieben nicht lange, es war zu traurig, dies sehen zu müssen ohne helfen zu können.

Mein Vater hatte einen guten Kumpel, der immer gut aufgelegt war und gerne lustige Streiche machte. Auch mein Vater machte gerne mit. Neben unserem Haus hatte ein Kohlenhändler sein Holz- und Kohlenlager, dabei auch eine kleine Unterkunft, ein Steinhaus mit nur einem Raum, mit einer Tür, links und rechts ein Fenster. In der Mitte des Daches ragte ein Kamin raus, vom Ofen, der mitten im Raum stand, davor ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Auf dem Tisch waren ein kleines Schränkchen mit Papieren und eine Geldkassette. Eines Abends, als der Kohlenhändler schon heimgegangen war, schlich mein Vater mit seinem Kumpel und einer Leiter an dieses Häuschen. Sie stiegen aufs flache Dach zum Kamin, legten ein Blech mit einem Stein darauf und verschwanden leise wieder. Man konnte sie kaum sehen, denn es war schon dunkel im Spätherbst. Am nächsten Tag war der Kumpel schon sehr früh da, beide hatten Urlaub. Wir schauten gespannt hinter geschlossenen Fenstern nach dem Häuschen. Kurz vor 8 Uhr kam der Kohlenhändler, schloß die Tür auf, ging hinein und machte die Tür zu. Nach geraumer Zeit gingen die zwei Fenster auf, die Tür auf, und heraus stürmte der Kohlenhändler, gefolgt von einer riesigen Rauchwolke. Nach langer Zeit, als kein Rauch mehr kam, ging er wieder rein, schloss die Türe und Fenster. Kurz danach wieder das gleiche Geschehen. Der Mann setzte sich auf einen Stuhl, fuchtelte mit den Armen und schaute in alle Richtungen. Da kam ein junger Mann, holte eine Leiter und stieg aufs Dach, nahm vom Kamin das Blech und den Stein runter und zeigte dies dem Händler. Der schlug die Hände überm Kopf zusammen, schaute nach allen Häusern, dann schüttelte er dem jungen Mann die Hand (er bedankte sich also für die “Rettung”).

Die Wohngemeinschaft in unserem Haus war sehr gut, nur der Hausbesitzer, Herr Senkers, war ein eingebildeter Beamter der Stadtverwaltung. Er hatte drei Kinder, einen Sohn und zwei Töchter. Die jüngste Tochter mochte uns Kinder sehr gerne. Wenn ihre Eltern in Urlaub waren (was bei den Bergarbeitern ein Fremdwort war), dann durften wir Kinder in ihrem Garten spielen. Sie bewirtete uns in der Laube mit Kakao und Kuchen, wir durften aber nie ihren Eltern etwas davon sagen. Sie konnte sich natürlich auf uns verlassen. Sobald ihre Eltern zurück waren, war nur die Straße unser Spielplatz, der Grillopark war etwas zu weit für uns entfernt, um alleine hinzugehen. Oma ist manchmal mit uns hingegangen. Eimal kam sie ganz aufgeregt zu uns: “Mir ist die Wohnungstür zugefallen und der Schlüssel steckt von innen. Heini (mein Patenonkel) kommt erst abends von der Arbeit, aber die Rollläden von meinem Schlafzimmer sind halb hoch und das Fenster offen.” Da sagte mein Bruder Jakob: “Da helf ich sofort, wenn das Fenster auf ist”, und ging gleich los. Ich hinterher! Jakob war schnell ins Zimmer geklettert, ich wollte auch, hatte aber Pech. Als ich mit beiden Händen den Fensterrahmen fasste, sauste plötzlich der Rollladen runter auf meine Hände. Ich schrie vor Schmerz. Jakob zog gleich den Rollladen wieder hoch und ich stieg von der Fenstermauer runter. Er kam sofort mit dem Haustürschlüssel und führte mich heim, dabei schimpfte er: “Warum mußt du auch überall mitgehen?” Mutter machte kalte Umschläge um meine Hände. Oma freute sich, dass sie den Schlüssel hatte und gab Jakob ein paar Bonbons. Ich bekam auch ein paar, da war der Schmerz bald vergessen.

Als mein Vater in der Zeche die Arbeit aufnahm, stellte er gleich einen Antrag auf eine Zechenwohnung, denn die war bedeutend billiger als eine Privatwohnung. Kurz bevor ich mit sieben Jahren in die Schule kam, bekam er die Zechenwohnung in der Humboldtstrasse 8, Parterre, nicht weit von der katholischen Marktschule. Es gab eine Wohnküche mit Balkon, Schlafzimmer und zwei Kinderzimmer, unseres war getrennt von der Wohnung durch das Teppenhaus. Wir alle waren sehr glücklich darüber.

Damals fing das Schuljahr bei uns immer nach Ostern an, dem Tag nach dem “Weißen Sonntag”. Josef und Jakob gingen schon in die Marktschule, als wir noch in der Belemestraße wohnten. Nur Josef kam in den Genuss des kurzen Schulweges, denn Jakob war beim Umzug schon in Zusamaltheim – Schwaben (Regierungsbezirk in Bayern), nicht weit von Augsburg. 1922 wurden in den großen Sommerferien Schulkinder von Familien ab drei Kinder, von der Caritas zur Erholung nach Bayern geschickt, da waren Josef und Jakob dabei. Josef kam zu einem Bauer, dessen Frau keine Kinder bekam. Leider war diese Bäuerin eine geizige und nur auf Arbeit eingestellte Person (Herr und Frau Holand). Da war Josef froh, als die vier Wochen vorbei waren, und es zurück in die Heimat ging. Anders bei Jakob, er kam zu einer Wirtschafterin, Fräulein Kathi Wiedemann. Sie verwaltete den Hof für ihren Neffen Georg Bucher, ein Vollwaise. Sein Vater starb als Soldat in Russland, seine Mutter, eine Schwester von der “Tante” Kathi, starb gleich nach dem Krieg. Der Opa Wiedemann, ehemaliger Mühlen- und Sägewerksbesitzer, hatte sein Anwesen mit Weibern verjubelt, seine Knechte waren auch nicht ehrlich. Seine Frau, eine sehr gute Müllerin, starb aus Gram. Jakob hat den alten Müller noch kennen gelernt, denn er wohnte bei seiner Tochter Kathi und seinem Enkel Georg, nachdem er den Rest seines Besitzes verkauft hatte. Jakob wurde so freundlich aufgenommen, als wenn er zur Familie gehörte. Die Kathi war als gute Frau schon bekannt. Sie bat Jakob bei der Abfahrt: “Komm wieder, du kannst hier in die Schule gehen.” Der Oberlehrer Wurm und der Pfarrer Lindner hatten ihr gesagt, dass dies ohne Weiteres geht. Und so geschah es auch. Mutter meldete Jakob bei der Marktschule ab und mich an, und er konnte gleich mit einer Schülerbahnkarte zurückfahren nach Zusamaltheim. Georg Bucher, genannt Schorsch, war zwei Jahre älter als Jakob.

In der neuen Wohnung in der Humboldtstraße 8, hatte ich mit Josef ein Zimmer neben dem Treppenaufgang, mit Blick zum Hof und Garten. Es kam der kalte Winter 1922, da brauchten wir einen Ofen (Kamin war vorhanden). Vater wusste Rat und Hilfe. Gegenüber dem evangelischen Krankenhaus (jetzt steht dort das große Wirtschaftsgebäude des Krankenhauses) standen zwei kleine Einfamilienhäuser mit Garten. Im linken Haus wohnte eine Witwe mit ihrem erwachsenen Sohn. Mein Vater tapezierte ihr die ganze Wohnung: Hausflur; Küche; Wohnzimmer; Schlafzimmer und das Zimmer ihres Sohnes. Mein Vater bekam dafür Geld und einen gut erhaltenen Kachelofen. Mit zwei Kameraden brachte mein Vater auf einem großen Karren den Ofen. Er heizte sehr gut, darüber waren wir froh. In dem strengen Winter hatten wir an einem Morgen Pech. Hinter unserem Bett führte das Wasserrohr nach oben zum 1. und 2. Stock und zur Dachwohnung und zum großen Waschraum fürs ganze Haus (man musste sich ins Heft eintragen, wann man waschen wollte). Dieses Rohr platzte und ein großer Wasserstrahl goss sich über unser Bett. Gut, dass Vater Mittagschicht hatte. Er ging schnell in den Keller und sperrte das Wasser ab. Dann meldete er dies bei der Hausverwaltung. Es kam noch am selben Tag der Handwerker und brachte ein neues Wasserrohr an. Zwei Frauen vom 1. Stock halfen der Mutter beim Aufwischen. Es wurde tüchtig geheizt, damit das Bett bis zum Abend trocken würde. Da es aber noch feucht war, gab uns Mutter zwei Wolldecken. Mutter machte unsere Wohnung in Ordnung.

Mitte Januar, an einem Wochenende, fuhr Vater mit Josef und mir nach Duisburg-Ruhrort, dort gingen wir über den zugefrorenen Rhein – ein seltenes Erlebnis.

In Bayern, das heißt in Schwaben-Zusamaltheim, war am Weißen Sonntag, erste Hl. Kommunion von meinem Bruder Jakob. Onkel Jakob (sein Patenonkel – Bruder vom Vater) fuhr zur Kommunionfeier hin. Als Bahnbeamter hatte er ja mehrere Fahrten im Jahr frei. Onkel Jakob fiel dort natürlich mit seinem schwarzen Anzug und Zylinder auf. Mein Bruder Jakob war stolz darüber. Die gute Kathi hatte ihm einen schönen Tag zu seinem Fest gemacht.

Mein erster Besuch im bayerischen Schwabenland

Es war der Monat Juli 1926, ich sollte in den großen Ferien wieder zur Kur fort, vier Wochen wegen meiner geschädigten Lunge. Da meine beiden Brüder Josef und Jakob 1922 mit anderen Schulkindern bei der Kinderlandverschickung ins bayerische Schwaben kamen und mein Bruder Jakob dorthin gleich wieder zurück fuhr (als alle nach den großen Ferien zurückkamen), schrieb Jakob, dass ich doch nach Zusamaltheim kommen soll, statt zur Kur. Mein Vater ging mit mir zum Gesundheitsamt, um mit diesem Brief das Fahrgeld, 24 Reichsmark, für D-Zug, hin- und zurück, zu bekommen. Leider kam er damit schlecht an. Der Arzt sagte: “So schlimm ist ihr Sohn nicht mehr krank, dass ich das Fahrgeld verantworten könnte.” Da ging mein Vater aber hoch und warf dem Arzt vor: “Vor vier Wochen sagten sie noch, dass er nochmal zur Kur fort muss wegen Verschlechterung der Gesundheit (ich hatte an Gewicht abgenommen und durfte deshalb nur an drei, statt an sechs Stunden Schulunterricht teilnehmen), und nun ist er auf einmal gesund, weil sie die 24 Reichsmark Fahrgeld nicht verantworten können, obwohl die Kur bedeutend mehr kosten würde.” Ich musste weinen, weil ich meinen Vater noch nie so aufgeregt erlebt hatte. Die “Rote Kreuz-Schwester” – Sekretärin des Arztes – nahm mich gleich bei der Hand, versuchte mich zu trösten, führte mich hinaus und sagte: “Warte hier, dein Vater wird bald kommen.” Ich erwiderte: “Ich geh zu meiner Oma, die wohnt nicht weit von hier.” “Gut”, meinte die Schwester, “ich sag es deinem Vater.” Weinend lief ich zu meiner Oma, sie wohnte in der Belemestraße – jetzt Gewerkschaftsstraße. Sie und Onkel Heini, er war schon von der Arbeit zurück, trösteten mich, dann warteten wir auf den Vater. Endlich kam er, mir kam es wie eine Ewigkeit vor, so aufgeregt war ich. Doch es soll nur circa 20 Minuten gedauert haben, sagte mir später meine liebe Oma. Vater sagte: “Dem hab ich die Meinung gesagt, allerdings befürchte ich, dass Heinz wohl nicht mehr vom Gesundheitsamt zur Kur fortkommt”, was Gott sei Dank nicht eintraf, denn ich kam noch zweimal fort, in den Hunsrück (wo ich schon mal war) und an die Ostsee, Nähe Kiel. Als mein Vater bei einer Tasse Kaffee sich beruhigt hatte, sagte mein Onkel Heini: “Heinerle, du fährst trotzdem. Ich zahle die Fahrt, die Hälfte schenke ich dir, die andere Hälfte können deine Eltern mir in Raten zurückzahlen.” Freudestrahlend bedankte ich mich bei ihm, auch mein Vater sagte herzlichen Dank. Ganz glücklich marschierten wir nach Hause, wir wohnten damals in der Humboldtstraße. Vater baute in unserem schönen Garten einen Kaninchenstall und züchtete Kaninchen. Da hatten wir dann öfters einen Sonntagsbraten, besonders an den Feiertagen, Weihnachten, Ostern und Pfingsten.

Ich konnte kaum die Abfahrt nach Bayern erwarten. Da ich außer meinen Sachen auch Geschenke für Jakob und “Tante” Kathi mitnehmen musste, gaben Onkel Heini und Tante Änne mir ihren Koffer, denn unserer wäre zu klein gewesen. Vater und Mutter brachten mich zum Bahnhof. Vater löste die Rückfahrkarte, dann gingen wir zur Bahnhofsmission. Eine Schwester ging mit mir auf den Bahnsteig; da waren meine Eltern froh, denn da brauchten sie keine Bahnsteigkarte lösen (für zwei Personen wären es 20 Pfennig gewesen – damals viel Geld). Ich verabschiedete mich von Vater und Mutter. Sie umarmte mich und sagte: “Schreib gleich wenn du angekommen bist, eine Postkarte mit Briefmarken habe ich in den Koffer getan. Wirst doch kein Heimweh kriegen, Jakob ist ja da.” Vater machte auf der Zeche schon Kurzarbeit. Es wurde nicht mehr soviel Kohle gefördert, weil Kohle aus Kanada eingeführt wurde, sie war trotz des Transports billiger als deutsche. Die Abfahrt des Zuges war nachts um halb 12 Uhr. Fünf Minuten vorher fuhr er ein mit zwei großen D-Loks (Kohlelokomotiven).

Im Zug nahm sich eine Frau der Bahnhofsmission meiner an und führte mich in ein Abteil gleich neben dem Dienstabteil. Meinen Koffer hob sie über mir auf die Ablage und sagte: “Junge, wenn du müde wirst, kannst dich hinlegen, ich schau schon wieder nach.” Mir gegenüber saß ein älterer Herr mit einem auffallend dicken Bauch. Über ihm lag ein sehr großer Koffer. “Nun Junge, wo fährst du hin?” “Zu meinem Bruder nach Bayern. Er ist dort auf einem Bauernhof.” “So, so – und da verlebst du deine Ferien?” “Ja” gab ich zur Antwort. Ich schaute durchs Fenster. Es tauchten die Lichter der Bahnhöfe auf: Duisburg; Düsseldorf und Köln (langer Aufenthalt). Als Köln vorbei war, stand der Herr auf, nahm mich unter den Armen hoch und setzte mich vor seinen dicken Bauch, aber nicht lange. Kurz vor Bonn kam die Frau wieder nachschauen. Als sie mich auf dem Schoß des Herrn sitzen sah, riss sie die Türe auf und sagte erschrocken: “So war es nicht gemeint”, nahm mich und meinen Koffer weg. Der Herr aufgeregt: “Was denken sie? Ich habe dem Jungen nichts getan.” Die Frau: “Bis jetzt hoffentlich nichts, aber es hätte später was passieren können.” Damit zog sie die Türe zu und führte mich ins Personalabteil. Ein Beamter fragte mich gleich: “Hat der Mann dich am Hintern oder zwischen den Beinen angefasst?” Ich sagte: “Nein, bestimmt nicht, er hat nur meine Beine gestreichelt.” Ich schaute wieder zum Fenster raus, obwohl es noch dunkel war, auf den Rhein. Am Ufer sah ich Lichter vorbeiblitzen, es war für mich interessant. Es kam Bonn, Mainz, dann ging es über den Rhein nach Frankfurt. Hier war wieder langer Aufenthalt – ein Sackbahnhof. Nicht nur die Loks wurden gewechselt, auch der Zugführer. Der neue war auch sehr freundlich und gab mir Kekse, auch die Frau gab mir Süßigkeiten, sodass ich meine Brotzeit nicht rausnehmen brauchte. Ich trank zu den Süßigkeiten Kinderkaffee, Muckefuck sagte man in Oberhausen dazu.

Ab Frankfurt wurde es hell, sodass ich endlich die Landschaft sehen konnte. Es ging ein paar Mal über den Main nach Aschaffenburg, Würzburg, dann nach Nürnberg. Hier war wieder langer Aufenthalt, dann ging es bei schönstem Wetter weiter nach Treuchtlingen. Dort musste ich aussteigen. Die Frau führte mich mit dem Gepäck in die Bahnhofswirtschaft und übergab mich der Wirtin mit der Bitte, dass sie mich um 14 Uhr in den Personenzug nach Augsburg setzen soll. Es war eine sehr freundliche, ältere Wirtin, die zur Antwort gab: “Grüß Gott, freilich wird’s gemacht. Komm Burle und setzt dich auf die Eckbank. Ich bring dir Rohrnudeln und Milch, oh mei, bist du blass und mager.” Als die Wirtin mir die Sachen brachte, war ich überrascht, ich hatte Suppennudeln erwartet, denn Rohrnudeln kannte ich nicht. Ich betrachtete sie also als Hefekuchen und biss hinein. Erstaunt dachte ich: Hat die beim Backen etwas Zucker vergessen? Die Milch schmeckte mir sehr gut, so ganz anders als im Ruhrgebiet. Nun kamen noch andere Gäste. Manche bestellten ein Paar Würstl mit Semmel. Ich überlegte was Semmel sein könnte, da sah ich dass es “Brötchen” waren. Die Gäste redeten viel, aber ich verstand fast garnichts. Ein Wort merkte ich mir: “Noi,” da wollte ich Jakob fragen, was damit gemeint ist. Um 14 Uhr brachte mich die Wirtin zum Zug. Ich bedankte mich beim Abschied. Sie sagte: “Ist schon gut Burle, hoffentlich erholst du dich gut.” In Mertingen stieg ich um in den Bummelzug nach Wertingen. Die kleine Lok bimmelte bei jedem Wegübergang, in jedem Dorf hielt der Zug an. Viele junge Leute fuhren mit, doch ich verstand kaum jemanden. Immer wieder hörte ich: “Noi!”

Endlich fuhren wir in Wertingen ein. Jakob kam ins Abteil und holte mich mit dem Koffer ab. Jakob empfing mich mit: “Grüß Gott!” Ich erwiderte: “Guten Tag!” Doch der Gruß: “Grüß Gott”, gefiel mir sofort. Dann führte er mich zu einer Pferdekutsche. Als wir aus Wertingen heraus waren, fuhren wir an vielen Kirschbäumen vorbei. Jakob riss mir ein paar Zweige ab, voller Kirschen. Ich war enttäuscht vom Geschmack, denn ich kannte Sauerkirschen nicht, darum aß ich nur ein paar. Ich fragte Jakob, was “Noi” heißt. Er antwortete: “Es heißt nein.” Bei uns daheim sagt man “nee.” Darüber musste ich lachen, denn ich glaubte, hier in Schwaben verehren sie den Noa aus dem Alten Testament, obwohl er kein Heiliger ist. Jakob trieb das Pferd zum schnelleren Gang an. Es kam das erste Dorf: Rogden. Ziemlich lang schlängelte sich der Weg durch die Ortschaft. Dann ging es wieder etwas bergauf. Oben angekommen, sah man schon die Kirchturmspitze von Zusamaltheim. Auch dort wand sich die Straße mit vielen Biegungen ins Unterdorf, wo Tante Kathi, ihr Neffe Schorsch und die Magd Afra schon auf uns warteten. Vom Haus gegenüber schauten “Tante Marie” und Anni aus dem Fenster und der Haustüre. Schon bald sollte ich diese guten Menschen kennenlernen. Kathi, Tante sollte ich nicht mehr sagen, zeigte mir die Küche, die Stube und das Schlafzimmer. Schorsch führte mich in den Kuhstall. Ich erschrak für einen Moment, denn ich stand noch nie so nah bei einer Kuh. Es waren 5 Milchkühe, 3 Rinder (die noch kein Kalb hatten), gegenüber 5 Kälbchen und eine Box mit einer Muttersau, die in einigen Tagen ihre Jungen bekommen sollte. Jakob brachte die Kutsche wieder ins Oberdorf zu einer Schwester der Kathi (die war reich verheiratet, hatte ein Kolonialwarengeschäft, eine Molkerei und Landwirtschaft). Die Schwester hatte zwei Töchter und zwei Söhne und eine Magd für den Stall. Die Töchter führten das Geschäft, der älteste Sohn die Molkerei und der zweite Sohn besuchte in Dillingen das Gymnasium und hatte dort ein Zimmer gemietet.

Am ersten Abend schickte Kathi mich mit Jakob zu der alten Tante Marie und ihrer Nichte Anni auf die gegenüberliegende Straßenseite, mit einem Kübel Milch und zwei großen Rohrnudeln. Sehr freundlich wurden wir begrüßt – leider verstand ich die alte Tante nicht, umso besser aber ihre Nichte Anni, sie sprach hochdeutsch. Ich verstand sie besser als meinen eigenen Bruder, der schon richtig schwäbelte. Jeden Tag durfte ich zu ihnen, worüber ich sehr glücklich war.

Jeden Sonntag war um 7 Uhr Frühmesse und um 10 Uhr Hauptgottesdienst. In die Frühmesse gingen abwechselnd die Bäuerinen oder die Magd, damit um 10 Uhr jemand auf dem Hof war und das Essen bereiten konnte. Auch gingen in den Dörfern ab 10 Uhr immer zwei Männer durch das Dorf, um nach dem Rechten zu sehen. Nach dem Hauptgottesdienst gab es das Mittagessen. Jeden Sonntag um 14 Uhr war Sonntagsschule. Bei uns in Oberhausen war jeden Sonntag um 14.30 Uhr Christenlehre und Andacht für die Schulkinder. Montags wurde immer vom Kaplan beim Religionsunterricht gefragt, wer gestern in der Kirche war (besonders von angehenden Kommunionkindern wurde erwartet, dass sie in der Christenlehre waren). Kinder der reicheren Eltern waren selten in der Christenlehre. Sie waren sonntags mit den Eltern oft fort und brachten montags ein Entschuldigungsschreiben mit, welches der Kaplan entgegennahm.

Zusamaltheim hatte eine Postagentur, geleitet von einer Frau. Ihr Mann war Baywa-Lagerverwalter. Sie hatten zwei Kinder, einen Buben und ein Madl. Der Bub wurde “Posthansl” gerufen und war so alt wie ich. Wir wurden sehr schnell Freunde. Jeden Tag besuchte er mich. Seine Eltern waren zu mir auch sehr nett. Die Frau tat mir sehr leid, weil sie so oft verweinte Augen hatte. Ich fragte Anni: “Warum hat die Mutter vom Posthansl so oft verweinte Augen?” Sie gab zur Antwort: “Ihr Mann hat oft eine andere Frau. Mit der ist er dann sehr lange im Lager, dies ist überall bekannt. Man hat schon zu seiner Mutter gesagt, sie soll sich scheiden lassen, aber den Kindern zuliebe tut sie es nicht, denn er ist gut zu ihnen. Dies wird der Posthansl auch sagen, dass er den Vater gern hat.” Nach acht Tagen sagte Schorsch: “Heinz, Morgen kannst du mit dem Posthansl die Kühe hüten.” Da war ich neugierig, wie das geht. Um halb sechs Uhr wurden die Kühe gemolken, danach gab es unser Frühstück, immer um die gleiche Zeit. Als wir fertig waren, war der Posthansl auch schon da, er hatte ja auch Schulferien. Nun ging es in den Hof. Jeder bekam eine Peitsche oder einen Stecken. Die Magd Afra, Posthansl, Jakob und ich, stellten uns ans Tor. Kathi und Schorsch gingen in den Stall. Zuerst kamen die Kühe raus; sie gingen auf uns zu. Sie wussten also schon, wo es hinausging. Jetzt kamen die drei Rinder, wild sprangen sie umher. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Da sagten Jakob und der Posthansl: “Brauchst nur die Geißl (Peitsche) zeigen, dann machen sie kehrt,” und so war es auch. Zuletzt sprangen auch die Kälbchen heraus. Nun wurde das lange Tor aufgemacht. Schorsch ging voraus, die Kühe gemächlich hinterher, aber nicht das Jungvieh. Schnell mussten wir uns vor den Zugang der anderen Höfe hinstellen, sonst wären sie hineingesprungen. Es ging ins Pfannental, eine sehr große Wiese, von drei bewaldeten Höhen eingeschlossen, also leicht, die Kühe zu hüten. Posthansl blieb bei mir, die anderen gingen heim. Er holte Reisig aus dem Wald und machte in der Nähe eines Baches Feuer. Ich warf Kartoffeln hinein, die die Kathi mir in einem Beutel mitgegeben hatte. Mittags kam die Afra mit dem Rad und brachte eine Flasche Milch und zwei Rohrnudeln, es schmeckte alles sehr gut. Auch die geschmorten Kartoffeln mit etwas Salz mundeten sehr. Um 17 Uhr kamen Afra und Jakob uns holen. Mit dem Jungvieh dauerte es etwas, bis es im Stall war, so wild sprangen sie im Hof umher. Kathi und Afra melkten gleich die Kühe, und Jakob fuhr die Milch in drei großen Kannen mit einem Handwagen ins Dorf zur Molkerei. Um 19 Uhr gab’s Abendessen: Eine Nudelsuppe; Rohrnudeln; Bauernbrot; Butter; Wurst; Käse und Bier für die Erwachsenen. Ich aß noch eine Rohrnudel und trank dazu eine große Tasse Milch. Dann ging ich mit einem Kübel Milch und zwei großen Rohrnudeln hinüber zu Tante Marie und Anni. Sie begrüßten mich sehr freundlich, die zwei guten Menschen, und Anni wollte gleich wissen, wie das Kuhhüten war. Auch die kranke Tante Marie fragte viel, aber ich verstand fast nichts, doch Anni machte gleich die Dolmetscherin. Sie goss schwarzen Tee auf und bot mir auch eine Tasse davon mit Milch und Zucker an. Es schmeckte mir sehr gut, denn so einen Tee hatte ich noch nie getrunken. Anni schnitt für mich eine Rohrnudel auseinander und darauf schmierte sie selbstgemachte Himbeermarmelade. Das mochte ich sehr und ich nahm mir vor, bei Kathi es genauso zu machen, damit schmeckten die leeren Rohrnudeln viel besser.

Nun kam Sonntag, da hieß es: In Wertingen ist Markt. Anni sagte: “Heinz, da musst du mit Jakob hin. Geh mit ihm zum Pfarrer Lindner und bitte ihn, deinen Bruder von der Sonntagsschule zu befreien.” Also ging ich mit Jakob am Samstagnachmittag zum Pfarrer und trug unser Anliegen vor. Der Pfarrer und seine Haushälterin empfingen uns sehr freundlich. Er sprach ziemlich hochdeutsch, sodass ich ihn gut verstehen konnte. Er wollte wissen, wie es im verrußten Ruhrgebiet zugeht. Ich erzählte ihm, dass auch bei uns jeden Sonntag für Schulkinder Christenlehre und Andacht sei, was er sehr lobte. Er gab mir eine Mark und meinte zu Jakob hin: “Lass deinen Bruder ein paar Mal mit dem Karussel fahren. Du bist also von der Sonntagsschule befreit.” Freudig bedankten wir uns. Sonntag, gleich nach dem Mittagessen, ging es mit der Kutsche, Jakob hatte sie wieder bei der Schwester von Kathi im Oberdorf geholt, nach Wertingen. Ich war neugierig, wie der Markt aussehen wird, denn bei uns im Ruhrgebiet gab es auf dem Markt nur Lebensmittel usw. zu kaufen. Wie überrascht war ich über fast nur Volksbelustigungen, was man zuhause “Kirmes” nannte. Daneben gab es auch Kleinvieh zu kaufen, hauptsächlich Kaninchen; Hühner und Küken. Nachdem ich ein paar Mal Karussel gefahren war und einen Bummel durch die Budenreihen gemacht hatte, ging Jakob mit mir zum Schwanenwirt. Wir tranken Radlermaß und aßen eine große Breze dazu, was mir auch neu war und mir sehr gut schmeckte. Um 7 Uhr abends, zum Stallmisten, mussten wir wieder daheim sein. Weil wir nachmittags nicht da waren, hatte man die Kühe in die abgezäunte Weide beim Garten getrieben. Nach dem Abendessen eilte ich gleich zu Anni und Tante Marie. Ganz begeistert erzählte ich von dem schönen Nachmittag. Ab Montag hütete ich wieder mit dem Posthansl die Kühe, aber nicht mehr im Pfannental, sondern im Gauried, in der Nähe eines großen Bauernhofes. Der Fluss Zusam trennte uns von dem Hof.

Die ganze Woche war heißes Sommerwetter. Es begann die Getreideernte, der Roggen wurde zuerst geschnitten. Ich wollte dies auch gerne miterleben, deshalb wurde das Vieh wieder in die Gartenweide getrieben. Jakob zeigte mir, wie man mehrere Halme auf den Boden legt zum Binden. Dann kam die Magd Afra mit einem Ballen Getreide, legte ihn quer auf die ausgelegten Getreidehalme und band ihn damit zu einer Garbe. Wenn fünf fertig waren, wurden sie aneinander zu einer großen Garbe zum Trocknen aufgestellt. Es sah wunderbar aus, wenn diese großen Garben in einer Reihe auf dem Feld standen, was später in der “Neuzeit” durch die neuerfundenen Erntemaschinen nicht mehr gemacht wurde. Nach ein paar Tagen wurden die Garben heimgefahren. Das Getreide wurde dann im Hof gedroschen. Die Nachbarn, Verwandte von Anni und Tante Marie, droschen vorher etwas Getreide auf der Tenne mit dem Dreschflegel im Dreiertakt, damit sie genügend Halme zum Zusammenbinden des gedroschenen Strohs hatten. Schorsch kaufte fertige Binder, dadurch wurde diese Vorarbeit in Zukunft gespart.

In der letzten Woche meiner Ferien begann die zweite Heuernte. Früh um 4 Uhr fuhren Jakob und Schorsch mit dem Radl, den Sensen und einer Tasche mit Brotzeit und Getränken ins Ried, in der Nähe der Donau, zum Mähen. Dort hatte Schorsch zwei große Wiesen in Pacht. Abends kamen sie sehr müde heim. Am nächsten Tag, wieder früh um 4 Uhr, ging es hinaus, jeder mit großem Rechen und Brotzeit. Sie mußten den ganzen Tag das gemähte Gras immer wieder umdrehen, damit es schnell zu Heu trocknete. Am dritten Tag fuhren wir mit zwei Heuwagen mit je zwei Kühen davor gespannt, Rechen, Brotzeit und Getränken (Limo) ins Ried. Ich durfte mit, denn ich sollte den Kühen beim Aufladen des Heus immer etwas davon geben, damit sie ruhig stehen bleiben, was ich gern machte, denn ich hatte keine Angst mehr vor den Kühen. Es war sehr heiß. Kathi hatte mir einen Strohhut mitgegeben. Als wir von Ferne die Mittagsglocken läuten hörten, wurde eine ausgiebige Brotzeitpause gemacht. Mir schmeckten die Rohrnudeln so gut, als wäre es der beste Kuchen. Nach der Pause wurde aufgeladen. Jakob stieg auf den Wagen, ich blieb vorne bei den Kühen stehen und gab ihnen etwas Heu, damit sie ruhig standen. Das Heu, welches am Morgen noch ein paar Mal gewendet und dann dammförmig zusammengerecht worden war, wurde von Schorsch mit der Heugabel als großer Ballen aufgespießt und auf den Wagen raufgeworfen. Jakob mußte es aufschichten. Es ging sehr schnell. Ich staunte über die Kraft von Schorsch, sein Hemd war nass von Schweiß. Immer höher wuchs die Heuladung. Zuletzt sah ich Jakob kaum noch. Die erste lange Reihe war auf dem Wagen, und ich staunte, dass so viel drauf ging. Nun reichte Schorsch dem Jakob einen langen, hinten und vorne eingekerbten Balken hinauf. Ich hob mit der Heugabel ein Seil rauf und Jakob legte es in den Einschnitt, drückte den Balken runter. Dann verzurrte er es über den Balken bis nach hinten, wo Schorsch ihm ein 2. Seil zuwarf, das rechts am Wagen befestigt war. Auch das legte Jakob durch die Kerbe. Dann zog Schorsch solange kräftig an dem Seil, gleichzeitig drückte Jakob den Balken nach unten, bis der Balken in der Waagerechten war. Schorsch band das Seil ans linke Ende des Wagens, sodass es wie ein Dreieck aussah. Jakob ließ sich am Seil herunter, und Schorsch fing ihn auf. Nun wurde der Heuwagen zum Ausgang des Feldes gebracht, zu einer Brücke, unter der ein kleiner Bach floss. Schorsch füllte einen Eimer mit Wasser und gab den Kühen zu Saufen. Der Wagen wurde derweil verkeilt, damit die Kühe nicht weiter konnten. Sie bekamen noch etwas Heu, dann wurde der zweite Wagen genaus so beladen. Danach ging die Heimfahrt los, Schorsch mit dem ersten, Jakob und ich mit dem zweiten Wagen. Es begann der heikle Aufstieg mit mehreren Kehren, denn das Zusamtal ist durch einen Bergrücken vom Donautal getrennt. Bei jeder steil ansteigenden Kurve wurden die Räder blockiert, damit sich das Vieh ausruhen konnte. Ich riss von Sträuchern ein paar Zweige ab und vertrieb damit bei den Kühen die “Bremsen” (Insekten), die sich mit Blut voll saugten, was dem Vieh genauso unangenehm war, wie den Menschen. Es wurde spät, bis wir heimkamen. Es waren viele Heutransporte auf dem Weg. Bei manchen Wagen waren Pferde vorgespannt. “Das sind Großbauern,” sagte mein Bruder. Daheim bekamen die Kühe noch zu Saufen und etwas Grünfutter. Kathi melkte die vier. Sie gaben wenig Milch, was bei so einer schweren Arbeit immer so ist. Ich bin gleich zu Tante Marie und Anni rüber und habe ihnen von diesem Tag erzählt. Anni zeigte mir etwas Neues: Sie hatte Eichenblätter getrocknet und gepresst, dann mit einer Wurzelbürste vorsichtig das Blattfleisch ausgetupft, sodass nur die Adern blieben. Darauf klebte sie ein Muttergottesbild und schenkte es mir. Ich legte es gleich in meinen Koffer. Leider ist dieses schöne Andenken im 2. Weltkrieg verloren gegangen. Abends sagte Kathi: “Heinz, die Schwester vom Ilg-Wirt fährt Samstag heim nach Schweinfurt. Es ist der selbe Zug, den du nehmen musst. Sie würde dich gerne Samstagfrüh mit dem Taxi zum Bahnhof Wertingen mitnehmen.” Taxifahren war etwas nur für reiche Leute. Ich sagte zu, und Kathi schrieb gleich eine Postkarte an meine Eltern mit der Ankunftszeit meines Zuges. Die Wirtsleute kannten mich, weil ich oft abends eine Maß dunkles Bier für Schorsch und Jakob geholt hatte. Der Wirt hatte nicht geheiratet, sondern führte mit zwei ledigen Schwestern die Gaststätte. Nur die Schwester in Schweinfurt hatte eine Familie. Sie kam fast jedes Jahr zur Erntezeit, manchmal mit ihren Kindern, die ich bei meinem zweiten Schwabenbesuch kennen lernte.

Es war ein trauriger Abschied, den ich hatte in diesem Dorf nur nette und liebe Menschen erlebt. Besonders schwer fiel mir der Abschied von Tante Marie und Anni. Ich war aber stolz über meine erste Taxifahrt. Jakob hatte mich mit meinem schweren Koffer und Frühstückstasche zum Wirt gebracht. Bald kam das Taxi, und fort ging es nach Wertingen, 5 Km Sandstraße (heute eine große, ausgebaute Teerstraße). Von Wertingen fuhren wir mit dem Bummelzug nach Mertingen, dort mit dem Personenzug nach Donauwörth, weiter mit dem Schnellzug München-Dortmund, über Schweinfurt, Frankfurt, Köln nach Oberhausen. In Schweinfurt verabschiedete sich die Frau, schenkte mir eine Tafel Schokolade und bat den Zugführer, nach mir zu schauen und mich in Oberhausen aussteigen zu lassen, was er versprach. Nachts um halb 12 Uhr war ich in Oberhausen, Vater holte mich ab. Es gab ein freudiges Wiedersehen mit Mutter, Josef, Trudi und Marianne, die den Schlaf unterbrochen hatte. Mutter freute sich über Mehl, Butter und Äpfel und meine neue Strickweste, was mir Kathi alles geschenkt hatte. “Die Weste fürs Kühhüten,” betonte sie beim Abschied.

Montag ging die Schule wieder an. Da sagte unser gutes Fräulein Heinz. “Nun erzählt mal, wo ihr die Ferien verbracht habt.” Einer sagte: “Ich war mit meinen Eltern in Österreich.” Ein anderer berichtete stolz: “Ich war mit meinen Eltern in der Schweiz.” Als ich dran kam, sagte ich auch stolz: “Ich war zum ersten Mal in Bayern.” “Auf welchen Berg bist du hinauf gestiegen?” fragten gleich mehrere. “Auf gar keinen, ich war in Bayerisch-Schwaben, da gibt es keine hohen Berge, die sah man nur in weiter Ferne und nur bei ganz klarem Wetter.” “Was hast du dann gemacht,” wollten sie wissen. “Ich habe Kühe gehütet, bei der Getreideernte und bei der Heuernte geholfen, es war herrlich. Aber verstanden habe ich die Leute so schlecht, nur ein Fräulein in der Nachbarschaft konnte ich sehr gut verstehen, die sprach hochdeutsch, deshalb, wie sie mir erzählte, weil sie viele Jahre in München bei einem Arzt als Kindermädchen gearbeitet hatte.” Einer fragte: “Komisch, Bayern ist doch auch Deutschland, warum hast du da niemand verstanden?” Fräulein Heinz erklärte, dass es in Deutschland viele Dialekte gibt, obwohl alle Kinder in der Schule Deutsch lernen, wird im Elternhaus meist Mundart gesprochen (Dialekt also). Das Lernen in der Schule machte mir Freude.

Es kam die schöne Adventzeit. Mutter ging wieder als Verkäuferin ins Spielwarengeschäft “Bär”. Unsere Oma (Vaters Mutter) kam für diese Zeit wieder zu uns und führte den Haushalt. Darüber waren wir Kinder sehr froh. An den Advent-Samstagen kam abends Onkel Heini mit seiner Geige und Onkel Gerd mit seiner Zither, auch Vater spielte mit seiner Zither mit. Waren das immer schöne Abende, jedoch um 21 Uhr hieß es: “Jetzt flott ab ins Bett!” Es wurde aber meistens bis 22 Uhr gespielt. Josef durfte solange noch aufbleiben, er war ja vier Jahre älter als ich und nie ernsthaft krank. Weihnachten wurde von den Eltern immer feierlich gestaltet. Mutter brachte von iher Arbeit Spielsachen für uns mit. Die Christmette war wie alle Jahre, am ersten Weihnachtstag um 4 Uhr morgens. Anschließend blieben wir am Marktplatz eine Zeitlang stehen und hörten uns die Weihnachtslieder an, die vom Kirchturm erklangen – vom Blasorchester der Pfarrei. Daheim hatte Mutter den Weihnachtstisch vorbereitet und die Kerzen wurden am Baum angezündet. Wir mussten erst ein Weihnachtslied singen, wünschten dann jedem ein schönes Fest, tranken Kinderkaffee, dazu Streuselkuchen, dann stürzten wir uns auf die Geschenke. Trudis Puppenstube war frisch tapeziert, in der Puppenküche stand ein neues Schränkchen, im Puppenschlafzimmer hatten die Betten neue Bezüge und eine Bettumrandung. Ich hatte einen Holz-Autozug bekommen. Auf mich wartete am nächsten Nachmittag noch eine ganz große Überraschung: Tante Anna Herrschaft (Schwester von unserer guten Oma) schenkte mir eine Modelleisenbahn zum Aufziehen – elektrische hatte es damals noch nicht gegeben. Ich war ganz weg vor Freude. Die Eisenbahn baute ich auf dem Tisch auf und zog die Feder der Lok immer wieder auf. Ich wollte sie auch auf dem Fußboden fahren lassen, da sagte aber der Vater: “Tu das nicht, denn da drehen sich Fäden und Fuseln um die kleinen Zahnräder und die Lok läuft dann nicht mehr.” Nach Hl. Dreikönig begann die Schulzeit wieder, zugleich wurden Stunden eingeführt zur Vorbereitung auf die Erste Hl. Kommunion am Weißen Sonntag.

Frühjahr 1927

Leider wurde es mir in der Schule immer wieder schlecht, deshalb ordnete der Kinderarzt mir einen Krankenhausaufenthalt an. So kam ich gleich nach Palmsonntag ins Elisabeth-Krankenhaus-Oberhausen-Styrum. Zehn Kinder waren im Saal. Die Kinderschwester, eine Ordensfrau, war sehr gut zu allen Kindern und erteilte mir, auf Bitten von unserem Kaplan Pohlmann, Kommunion-Unterricht. Der Kaplan besuchte mich auch ein paar Mal. Eines Morgens kamen, viel früher als sonst, die Putzfrauen mit der Kinderschwester und zwei anderen Schwestern.

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