Logo weiterlesen.de
So viel Sehnsucht

Inhaltsverzeichnis

Ein liebevoller Vater

Annas Entscheidung

Afrikanische Sehnsuchtszeiten

Ein zärtlicher Egoist

Fünfzig Rosen für Christina

Ein liebevoller Vater

Durch anhaltende, starke Schneefälle herrscht kurz vor Weihnachten Ausnahmezustand am Amsterdamer Flughafen. Sämtliche Flüge werden gecancelt. Weil das zugewiesene Hotel überfüllt ist, teilen sich die Buchhändlerin Pauline und der Architekt Philipp für eine Nacht eine kleine Couch. Zwei Fremde, aus denen in der ungewöhnlichen Situation, für wenige Stunden Vertraute werden.

Beide sind in einer Lebenskrise. Pauline fürchtet um ihre langjährige Ehe und auch Philipp verbindet mit seiner Frau nur noch die Liebe zu ihrer kleinen Adoptivtochter. Obwohl sie sich zueinander hingezogen fühlen, wollen sie ihre schwierigen Situationen nicht noch weiter gefährden. Erst Monate danach, als Pauline vor den Scherben ihrer Ehe steht, bittet sie Philipp um ein Treffen.

***

»Meine Damen und Herren, es tut uns leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass der Flug nach München aufgrund der stark anhaltenden Schneefälle gestrichen werden muss. Auf Wunsch werden Sie zu einem Hotel gebracht. Sie erhalten weitere Informationen in Kürze.« Auch das noch, denke ich, als ich die Ansage höre. Den ganzen langen Tag bin ich auf der Buchmesse herumgelaufen und jetzt strande ich hier am Amsterdamer Flughafen. Fünf Stunden warte ich jetzt schon und es ist fast 22.00 Uhr, das schafft mich. Ich stehe auf, vertrete mir die Beine. Das Chaos um mich herum wird immer größer. Ich hole mein Handy aus der Tasche und rufe meinen Mann an. Robert ist gleich am Telefon und ich erzähle ihm, was passiert ist. »In München sieht’s auch nicht besser aus, Pauline«, ist alles was er sagt. Beide schweigen wir für eine Weile. Robert lacht etwas verlegen, oder bilde ich mir das nur ein. »… besonders heftiger Wintereinbruch dieses Jahr. Nimm’s halt an, wie es ist.« Er sagt es fast belehrend, so, als würde man einem Kind etwas erklären. Wieder entsteht seltsames Schweigen zwischen uns. Fast habe ich das Gefühl, dass es ihm recht ist, dass ich nicht heimkomme. »Du weißt ja«, fährt er fort, »dass ich morgen für die nächsten drei Tage in Wien zu tun habe, es kann auch länger dauern.«

Nach dem Telefonat packt mich ganz plötzlich eine riesengroße Wut auf Robert. Sein Tonfall ärgert mich. In letzter Zeit habe ich manchmal das Gefühl, sämtliche Stützpfeiler unseres gemeinsamen Lebens brechen zusammen. Ich habe keine Ahnung mehr, was wir füreinander empfinden! Was ist nur aus uns geworden? Im Grund genommen hat unsere Beziehung einen toten Punkt erreicht. Wir sind uns abhandengekommen. Zwei Fremde, die zufällig im selben Haus wohnen. Und was waren wir überzeugt davon gewesen, dass unsere Ehe gelingen würde. Wie glücklich waren wir. Vor über vierzehn Jahren haben wir uns kennengelernt und drei Monate danach geheiratet. Robert war 29, ein junger Maschinenbauingenieur mit großen Träumen und ich hatte mit gerade 25 Jahren mich getraut, eine kleine, individuelle Buchhandlung in Schwabing zu eröffnen. Irgendwie ist unsere Ehe an einem schwierigen Punkt angekommen. Wann haben wir aufgehört, aufmerksam uns gegenüber zu sein? Sind wir so sehr mit unserem eigenen Leben beschäftigt? Wir begegnen uns in letzter Zeit seltsam vorsichtig. Und lachen tun wir auch nicht mehr miteinander, so wie früher. Und dann streifen mich seltsame Gedanken. Was wäre, wenn plötzlich eine andere Frau in sein Leben käme. Eine Frau mit der er sich austauscht, wie mit mir einmal. Es scheint sich eine Kluft zwischen uns aufgetan zu haben und doch weiß ich, dass wir einander lieben.

Am Infoschalter erfahre ich, dass die Fluggäste auf Wunsch in bestimmte Hotels gebracht werden, das Gepäck aber nicht herausgegeben werden kann. Als ich endlich in dem Hotel ankomme, sind alle Zimmer belegt und die Rezeption ratlos. Ausgelaugt und ziemlich traurig, vertrete ich mir die Beine. Als ich einen langen Gang entlang schlendere, entdecke ich in einer Nische eine zweisitzige Couch mit einigen Kissen. Die Lichter an den Wänden sind heruntergedimmt, eine fast intime Atmosphäre. Ich setze mich auf die Couch, breite den Daunenmantel über mir aus, und fühle mich zum ersten Mal seit Stunden etwas entspannt. Hier werde ich bleiben! Ich schließe die Augen, mache es mir bequem so gut es geht. Ich scheine eingeschlafen zu sein. Eine freundliche, männliche Stimme weckt mich. »Sagen Sie bitte, ist der Platz neben Ihnen noch frei?« Ich öffne die Augen, bin etwas durcheinander. Vor mir steht ein großer, schlanker Mann in einer schweren Lederjacke. Um den Hals hat er einen Schal gewickelt, in der Hand trägt er eine große Reisetasche. Fragend sehen seine Augen mich an, er spürt mein Zögern. »Es tut mir leid, dass ich Sie belästigen muss, mein Flug ist ausgefallen, das Hotel ist überfüllt.« Nun reagiere ich endlich, setze mich auf. »Philipp Flemming«, sagt der Mann und reicht mir seine Hand. Sein Händedruck ist kräftig, zupackend. Er macht einen sympathischen Eindruck. Er sieht ein wenig wie Robert aus und dürfte auch so um die vierzig sein. »Pauline Sandmann«, sage ich und gebe ihm die Hand. »Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

»Natürlich.« Er nickt, lächelt mich an, stellt seine Tasche ab, setzt sich neben mich. Jacke und Schal behält er an. So sitzen wir eine Weile in fast verlegenem Schweigen nebeneinander. Es fühlt sich seltsam an, so eng neben einem Fremden zu sitzen. Ich konnte noch nie gut Nähe mit Fremden ertragen, und bequem sitzen wir beide nicht. Philipp Flemming kramt in seiner Tasche herum, findet offenbar nicht, was er sucht. Dann wendet er sich mir zu. »Soll ich uns was zum Essen besorgen?«, fragt er. Erstaunt blicke ich ihn an. »Ja, wenn das möglich wäre«! »Ich versuche es«, sagt er, steht auf, zieht Jacke und Schal aus, legt beides auf die Couch und geht. Seine Tasche lässt er hier. Der hat ganz schön viel Vertrauen, denke ich. Wenig später kommt er zurück. »Kaum zu glauben, die Bar ist offen und wird es bis zum Morgen bleiben.«

»Dann nichts wie hin!« Diesmal nimmt er seine Tasche mit. Meinen Mantel und seine Jacke lassen wir auf der Couch liegen, damit unser Platz nicht anderweitig beansprucht wird.

Erstaunlicherweise ist die Bar nicht belagert. Wir finden einen kleinen Ecktisch, bestellen uns Weißwein und Wasser. Ein freundlicher Kellner bringt Nüsse und Chips, das Einzige, was an Essbarem vorhanden ist. Ich sehe auf die Uhr, gleich drei. Wir prosten einander zu, reden über dieses und jenes, über Hotels und Flugverbindungen und ein wenig über uns. Zwei Fremde mitten in der Nacht in einem Hotel in Amsterdam an einem Montag im Dezember. Philipp Flemming ist Architekt in München. Er war in Amsterdam um sich ein besonderes Projekt anzusehen. Und ich erzähle ihm von dem Fachkongress, den ich besucht habe, mit Schwerpunkt »Frauen in Afrika« und auch von meinen wunderbaren Erlebnissen vor vielen Jahren in Togo, als meine Freundin dort lebte und ich das Glück hatte, viele Monate bei ihr sein zu dürfen. Ich betrachte ihn mir etwas genauer. Er ist hochgewachsen, hat ein markantes Gesicht und helle Augen. Seine braunen Haare sind im Nacken etwas länger, sie kringeln sich. Wenn er lächelt hat er zwei Grübchen. Seine Hände sind lang, feingliedrig mit sehr kurz geschnittenen Fingernägeln. Er trägt keinen Ring. Der Wein ist köstlich, es bleibt nicht bei einem Glas. Und irgendwann sind wir mittendrin in einer interessanten Unterhaltung über Bücher, Kunst und Musik. Die bleierne Müdigkeit scheint wie weggeblasen. Philipps Gesten sind lebhaft. Er erzählt begeistert von seiner siebenjährigen Tochter Viktoria, die in die zweite Klasse geht. »Dieses lebendige Kind, bringt viele unverbrauchte Sichtweisen in mein Leben.« Philipp scheint ganz bei Viktoria zu sein. Als er dies sagt, zieht ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht. »Kürzlich kam sie aufgeregt zu mir. Weißt du was Papa, Elfenbeinschmuck ist ganz schön gemein!

»Wieso?«, frage ich sie.

»Da reißen sie den Elfen die Beine aus und machen sich diese ausgerupften Elfenbeine ans Ohr!« Jetzt lache auch ich über Viktorias Ansicht über Elfenbein. »Vor Kurzem hatte ich geschäftlich ich in London zu tun«, sagt Philipp und als ich zurückkam meinte sie: »Papa du sagst, dass du eine Geschäftsreise gemacht hast. Aber was hast du dort gemacht?«

»Ich habe einen Kongress besucht.«

»Was macht man bei einem Kongress?«

»Ich höre zu, was verschiedene Leute erzählen und das erzähle ich dann meinen Kollegen in München weiter.« Sie überlegte skeptisch. »Weitererzählen, das ist doch keine Arbeit, das ist doch babyleicht.«

Dann meinte sie. »Papa, dann war das doch eine Spaßreise, oder?«

»Wie schön eine kleine Tochter zu haben«, sage ich. »Ja, das ist es wirklich!« Philipp nickt gedankenverloren. »Ich bin froh, dass es sie gibt. Viktoria ist leider unser einziges Kind. Und ich bin mit meinen 45 Jahren ja schon ein älterer Vater.«

»Und Sie, Frau Sandmann, haben Sie Kinder?«

»Nein. mein Mann … wir haben keine Kinder.«

Was hätte ich diesem Fremden erzählen sollen. Dass Robert und ich uns erst einmal verwirklichen wollten, wie wir es nannten. »Wie wär’s fragt Philipp, mitten in meine Betrachtungen hinein, »sollen wir uns draußen ein wenig die Beine vertreten? Gleich gegenüber gibt es einen Park.«

»Gute Idee, frische Luft wird mir gut tun, ich bin völlig überdreht«, antworte ich. Wir holen Mantel und Jacke, geben unser Handgepäck an der Rezeption ab.

Draußen ist es sehr kalt, es hat aufgehört zu schneien. Philipp bietet mir seinen Arm an. Ich hänge mich bei ihm ein. Wir stapfen durch den tief verschneiten Park. Eine ganze Weile gehen wir still nebeneinander her. Mir ist, als befände ich mich in einem schützenden Kokon, ganz weit weg von meiner wirklichen Welt und ich kann gar nicht glauben, dass ich das bin, die hier mit einem Fremden durch einen verschneiten Amsterdamer Park spaziert. Eine Turmuhr schlägt fünf. Philipp bleibt abrupt stehen. »Viktoria ist nicht meine leibliche Tochter, aber ich bin so glücklich dass ich sie habe.« Erstaunt blicke ich ihn an. »Sie finden es sicher seltsam, dass ich Ihnen das erzähle. Normalerweise tue ich das nicht.« Schweigend gehen wir weiter. In einer wie mir scheint unbewusst liebevollen Geste legt er nun für einen Moment fürsorglich den Arm um meine Schultern. Ich hänge mich wieder bei ihm ein. »Als junger Mann hatte ich Mumps, ich kann keine Kinder zeugen.« Wieder schweigen wir für eine Weile. Robert und ich haben aus Egoismus keine gewollt denke ich, sage aber nichts.

»Meine Frau hatte ein Verhältnis mit meinem besten Freund«, fährt Robert fort. Als Katja mir die Schwangerschaft gestand, war ich außer mir, konnte den Verrat nicht fassen, wollte sie verlassen. Kurz danach starb Michael durch einen Skiunfall. Ich konnte Katja jetzt nicht auch noch im Stich lassen. Sie bat mich, wenigstens für die Monate der Schwangerschaft mit ihr zu leben. Als Viktoria geboren wurde und die Hebamme mir dieses kleine Wesen in die Arme legte, da erfüllte mich ein tiefes, überwältigendes, nie gekanntes Glücksgefühl. In diesem Moment beschloss ich, alles für Viktoria zu tun. Da Katja und ich verheiratet waren, galt Viktoria sowie als meine legale Tochter.«

»Und was ist aus Ihrer Ehe geworden?«

»Meine Frau und ich gehen anständig miteinander um, aber einen wirklichen Weg zueinander haben wir nicht mehr gefunden. Viktoria ist unser Bindeglied. Manchmal scheint weg zu gehen die einfachere Lösung, aber erst mal dableiben und stillhalten und sehen was passiert, das ist in meinen Augen mutiger. Lange hatte ich gedacht alles verloren zu haben, aber durch Viktoria habe ich etwas gewonnen, das mir viel mehr bedeutet.«

Wir stehen plötzlich vor einem steinernen, ziemlich zugeschneiten Grabdenkmal. »Welche Hoffnung trägt unser Leben?«, spricht Philipp weiter. »Das ist doch immer wieder die zentrale Frage. Manchmal in schwierigen Stunden, wenn ich überarbeitet bin, und das kommt oft vor, da verspüre ich große Lust mein Leben wieder auf neue Art zu entdecken. Dann wünsche ich mir, dass die Zeit nicht nur eine mit der Uhr messbare Einheit ist. Dann will ich den Rhythmus meiner Tage ändern, möchte Zeit mal wieder sorglos verrinnen lassen, ohne Angst, dass dieses oder jenes nicht fertig wird. Mehr Zeit mit Viktoria verbringen. Diese ganzen globalen Vernetzungen, setzen uns im Geschäftsleben immer mehr unter Druck.« Stumm betrachten wir dieses Denkmal. »Ich möchte einmal ein grün bewachsenes Grab mit einer Wasserschale aus der die Vögel trinken«, sage ich, »und viele Rosen sollen dort wachsen.« Philipp lacht laut, und durch dieses Lachen sind wir wieder im Hier und Jetzt angekommen. Auch ich lache. »Ganz schön makaber«, meint Philipp. »Ich habe mit dem Tod so meine Schwierigkeiten, wie die meisten Männer.« Wir stapfen weiter durch den Park und Philipp meint. »Ich habe ziemlich von mir erzählt«, von Ihnen weiß ich nur, dass Sie eine kleine Buchhandlung in Schwabing haben und dass Sie mit einem Robert verheiratet sind.« Er stockt eine Weile, fährt dann fort: »Kann es sein, dass ich da eine gewisse Traurigkeit an Ihnen bemerke, wenn Sie seinen Namen aussprechen?«

»Das ist Ihnen aufgefallen«? stelle ich verwundert fest. »Was man selber gut kennt, kann man auch bei anderen erkennen.« Ich nicke. »Wir hatten eine große Liebe, viele Jahre lang und jetzt, obwohl ich das nicht gerne zugebe, fühle ich mich in unserer Beziehung physisch und psychisch erschöpft. Ich komme mir leer, hohl und ausgelaugt vor. »Robert weicht mir aus. Wir können zurzeit nicht gut miteinander sprechen, obwohl wir das immer konnten. Es gibt Tage, da sind wir uns nah und ich denke, alles kommt ins Lot und andere Tage, da sind wir uns unendlich fern. Ich bin oft hin- und hergerissen.«

»Auch ich bin im Grunde meines Herzens davon überzeugt, dass die wirkliche Kraft einer Beziehung im Zusammenhalten liegt.«

»Seelen wachsen erst zusammen, wenn man ihnen eine Heimat gibt und das ist wohl das Schwierigste«, meint Philipp. »Nach einem langen Konflikt sollte man zu einem Kompromiss bereit sein, sonst kann man nicht weiter zusammenleben. Ein bisschen große Liebe gibt es nicht. Je größer die Liebe, umso größer die Tragödie. »Wir bleiben stehen. Philipp lächelt mich an. »Darf ich Sie Philipp nennen, frage ich ihn? »Nur zu, Pauline.«

»Seltsam, noch vor wenigen Stunden waren wir uns völlig fremd und jetzt laufen wir hier in Amsterdam durch den verschneiten Park.« Wir sehen uns eine Weile in die Augen und da ist so eine selige Nähe und Wärme, wie ich sie lange vermisst habe. Auf einmal kommen Räumfahrzeuge angefahren, die Stadt erwacht, wir müssen zurück. Schweigend, uns betrachtend, trinken wir einen letzten starken Espresso an der Bar. Mein Herz pocht heftig, etwas ist mit uns geschehen. Philipp streichelt meine Wange, gibt mir einen scheuen Kuss. »Möchtest Du, dass wir uns wieder sehen«? fragt er und ich nicke.

Wie in Trance fliege ich nach München zurück. Philipp bekommt erst in der Nachmittagsmaschine einen Platz. Als ich die Haustüre aufschließe, bin ich sehr froh, dass Robert nicht da ist.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "So viel Sehnsucht" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen