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So viel Lust und noch mehr Küsse

1. KAPITEL

Regel Nr. 1: Eine Dame weint nie in der Öffentlichkeit.

Zum ersten Mal in ihrem Leben brach Carly Cassidy die Regeln. Und was hatte sie davon? Nichts als Ärger, wie ihr klar wurde, während sie in ihrem kaputten Ford Escort in einer fremden Stadt saß, in der sie absolut niemanden kannte, und von heftigen Schuldgefühlen geplagt wurde.

Wenn man so viele Menschen enttäuscht, ist das kein Wunder, dachte sie. Sie sah zur offenen Tür einer Bar an der Ecke. Wenn es dort ein Münztelefon gab, konnte sie einen Abschleppwagen rufen. Es war schon schwierig genug, mit ihren Selbstvorwürfen fertig zu werden, ohne dass zu ihrem Gefühlschaos auch noch Verzweiflung hinzukam. Sie war unmittelbar vor ihrer Hochzeit geflohen und hatte Stunden damit zugebracht, den Segelbooten auf dem Lake Michigan nachzuschauen. Keiner der Segler, die die warme Mittagssonne genossen, hatte eine Ahnung gehabt, welche Zweifel Carly quälten. Als die Sonne unterging, war sie sich noch immer nicht sicher gewesen, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Laute Rockmusik drang aus der offenen Tür der kleinen Kneipe und weckte ihre Aufmerksamkeit. Das einzige andere Zeichen von Leben in diesem älteren Stadtteil Chicagos kam von einem geschlossenen Supermarkt, dessen gedämpftes Licht auf den Gehsteig fiel. Carly drehte sich um und hielt in Richtung Supermarkt nach einem Münztelefon Ausschau. Doch dort war nichts außer dunklen Ladenfronten zu sehen. Und sie konnte ja schlecht die ganze Nacht im Wagen sitzen bleiben.

“Du liebe Zeit”, murmelte sie. Sie war erwachsen, also hatte sie jedes Recht, in diese Bar zu gehen und das Telefon zu benutzen. Sie konnte sogar einen Drink bestellen, wenn ihr danach war. Wieso zögerte sie dann?

Sie seufzte. Die Antwort lautete: Weil die Tochter eines Pfarrers, die vierundzwanzig Jahre brav den Regeln gefolgt war, nicht einfach eine Bar ohne männliche Begleitung betrat. Schon gar nicht in einem Hochzeitskleid.

Sie hob das Kinn, entschlossen, die zweite Regel am gleichen Tag zu brechen, und nahm ihr Satintäschchen vom Beifahrersitz. Dann stieg sie aus dem Wagen, wobei sie Mühe hatte, nicht über die Flut des sich bauschenden weißen Satins zu stolpern.

Sie zerrte an der Schleppe, die sie vor der plötzlichen Flucht von ihrer eigenen Hochzeit nicht mehr hatte losmachen können, und die sich jetzt drei Meter lang vom Fahrersitz auf den Asphalt ergoss. Sie raffte die Schleppe, warf die Tür ihres störrischen Wagens zu und marschierte resoluten Schrittes zum Eingang unter dem blinkenden grünen Neonschild.

Dröhnende Musik und der Geruch nach abgestandenem Rauch und Alkohol schlugen ihr entgegen, als sie die Bar betrat. Alles, was sie brauchte, war ein Telefon, um einen Abschleppdienst zu rufen. Dann würde sie sofort wieder verschwinden. Wohin, wusste sie allerdings noch nicht.

Doch sie hatte vor, so lange wie möglich von Homer, Illinois, fortzubleiben.

Carly ging den Bogengang zur Bar hinauf. Ihr Selbstbewusstsein geriet ins Wanken. Du kannst es, sagte sie sich. Wie sollte sie sonst lernen, allein zurechtzukommen und – was noch wichtiger war – zu tun, was sie für richtig hielt, wenn sie sich nicht einmal in diese Bar wagte?

Den Song, der mit ohrenbetäubender Lautstärke aus der Jukebox dröhnte, kannte sie von einem älteren MTV-Rockvideo. Der Name des Leadsängers war Flea – also Floh – und in dem Video war der Großteil seines Körpers tätowiert gewesen. Wer gibt seinem Sohn so einen verrückten Namen? fragte sie sich.

Die Antwort lag auf der Hand. Jemand, der sein Leben selbst gestaltete und auf Anstandsregeln pfiff. Jemand, der nicht dauernd klaglos alles tat, was man von ihm erwartete. Jemand, der sich nicht halb so elend fühlte wie sie jetzt, weil sie vor ihrer eigenen Hochzeit geflüchtet war.

Ein hölzernes Schild über einem langen Spiegel an der Wand hinter dem Mahagonitresen weckte ihre Aufmerksamkeit. Zum ersten Mal seit Tagen umspielte ein echtes Lächeln ihre Mundwinkel, als sie die Inschrift las: “Take a Walk on The Wilde Side.”

Etwas Passenderes konnte sie sich für eine Frau, die beschlossen hatte, die Regeln zu brechen, nicht vorstellen.

Das Wilde Side war der letzte Ort, an dem Cooper Wilde erwartet hätte, eine Märchenprinzessin zu treffen. Aber genau so ein Wesen war gerade durch die Tür gekommen. Eine platinblonde Märchenprinzessin mit einem wundervollen Körper und großen türkisfarbenen Augen und besorgter Miene. Sie schaute sich in der verrauchten Bar um und heftete schließlich den Blick auf ihn. Ein heftiger Schauer überlief ihn.

Die Prinzessin straffte die Schultern und ging direkt auf Cooper zu, während auf einen klassischen Rocksong der Hollies die Red Hot Chili Peppers folgten. Die sexy Prinzessin in weißem Satin und Spitze machte auf Cooper nicht den Eindruck, als hätte sie schon jemals den Fuß in eine Bar gesetzt. Er hatte sogar Zweifel, ob sie überhaupt einundzwanzig war. Er hatte schon genug Ärger und wollte nicht wegen einer Minderjährigen in seiner Bar verhaftet werden.

Sie hob das Kinn und ignorierte die Blicke der wenigen Gäste, die von verhaltener Neugier bis zu lüsternem Starren hart an der Grenze zur Unverschämtheit reichten. Sie hielt ihr weißes Täschchen mit ihren zarten Fingern fester umklammert und trat auf den langen Mahagonitresen zu.

Cooper verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sie. Er schaute in ihre großen Augen, die so voller Entschlossenheit waren, dass es ihm Angst einjagte. Er hatte genug Sorgen damit, den Betrieb der Bar aufrechtzuerhalten, auch ohne sich mit einer sitzen gelassenen Braut auseinanderzusetzen, die nicht einmal so viel Voraussicht besessen hatte, sich vor ihrem Bummel durch Chicago umzuziehen. Seine Gäste waren hauptsächlich Stammgäste, harmlose ältere Männer, die er praktisch schon sein ganzes Leben lang kannte. Aber es gab unter den Gästen auch ein paar raue Gesellen, die nicht zögern würden, eine hübsche kleine Lady mit geplatzten Träumen und gebrochenem Herzen auszunutzen. Und eine Frau, die allein in einem Hochzeitskleid unterwegs war, fiel Coopers Ansicht nach in beide Kategorien.

Das Beste, was er für das Wilde Side und sich selbst tun konnte, war, sie so rasch wie möglich wieder zurück in ihr Märchenland zu schicken. Er brauchte sich seine wenigen Gäste nicht genauer anzusehen, um zu wissen, dass die Lady eine ganze Menge Aufmerksamkeit erregte. Und diese Aufmerksamkeit konnte sie in Schwierigkeiten bringen.

“Was kann ich für Sie tun, Prinzessin?”

“Haben Sie ein Münztelefon?”, erkundigte sie sich laut genug, um sich trotz der Musik Gehör zu verschaffen.

“Hinten”, erwiderte er und deutete mit dem Kopf in die Richtung.

“Danke”, sagte sie steif.

Cooper stützte sich mit beiden Händen auf den Tresen und beugte sich vor. “Das hier ist der falsche Ort für Sie, Prinzessin. St. Mike’s befindet sich ein paar Blocks weiter südlich.” Er stieß sich vom Tresen ab und schlenderte davon, in der Hoffnung, dass sie den Wink verstanden hatte.

“Ich suche ein Telefon, keine Kirche!”, rief sie ihm nach.

Er zuckte die Schultern und nahm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank für Marty Davis, einen Schweißer und engsten Freund seines Onkels. Marty war außerdem ein weiterer Ersatzvater für Cooper. Hayden Wilde und Marty waren es gewesen, die ihn vor elf Jahren per Ultimatum davon überzeugt hatten, zur Navy zu gehen und sich die Welt anzuschauen. Cooper war in höchstem Maße ein Rebell gewesen und im Begriff, seinem Nachnamen gerecht zu werden. Auch wenn ihm der Rat der beiden nicht gepasst hatte, war der Militärdienst doch weitaus verlockender gewesen als die Aussicht aufs Gefängnis. Denn darauf hatte er sich mit rasendem Tempo zubewegt.

Er hatte nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Onkel überrascht, als er die Ausbildung bei der SEAL begann. Diese Spezialtruppe hatte ihn fasziniert, und dass man ihm den Spitznamen Wildman gab, war keineswegs abwegig gewesen. Er wollte seine vierjährige Dienstzeit absolvieren, verpflichtete sich jedoch am Ende dieser Zeit für weitere sechs Jahre. Er war gerade im Begriff, sich noch einmal für sechs Jahre zu verpflichten, als der Marinegeistliche zu ihm kam und ihm mitteilte, dass sein Onkel ihn zu Hause brauchte. Angesichts des Herzinfarktes, den Hayden im letzten Frühjahr erlitten hatte, entschloss Cooper sich, nach Chicago zurückzukehren, um sich um den Mann zu kümmern, der ihn nach dem Tod seiner Mutter großgezogen hatte.

Als er heimkam, war Hayden nicht nur bei bester Gesundheit, sondern hatte auch sein Lebenswerk praktisch in den Ruin getrieben. Und zwar nicht wegen irgendeiner Krankheit, wie Cooper weisgemacht worden war. Nein, Hayden Wilde hatte an einem anderen Zustand gelitten, einem, der durch fehlerhafte Gene verursacht wurde. Seine Besessenheit vom anderen Geschlecht hatte ihn diesmal nicht nur seinen Stolz gekostet, sondern beinah auch sein Geschäft.

“Ich möchte außerdem einen Drink”, rief die Prinzessin entschlossen über die Musik hinweg.

Das brachte Cooper wieder in die Realität zurück. Er stellte das Bier vor Marty, der seine Amüsiertheit nicht verbarg. Dann ging er ans andere Ende der Bar zu der Frau in dem Hochzeitskleid. “Nicht ohne Ausweis, Prinzessin. Ich kann meine Lizenz schon dafür verlieren, dass ich Sie hier hereingelassen habe.”

Sie warf ihm einen spöttischen Blick zu und öffnete ihre kleine Handtasche. “Wie Sie sehen können”, sagte sie und reichte ihm ihren Führerschein, “bin ich längst in dem Alter, in dem ich Alkohol trinken darf.”

Er nahm ihr den Führerschein aus der Hand. “Knapp”, murmelte er, während er das Passfoto mit dem lebenden Original verglich. Das Original war weitaus interessanter. Zu dumm, dass er keine Zeit für Prinzessinnen hatte, denn Carly Cassidy hatte nicht nur ein hübsches Gesicht, sie war auch gut gebaut, so weit er das erkennen konnte.

Er reichte ihr den Führerschein zurück. “Ein Drink, dann gehen Sie. Ich kann die Art von Ärger, den Sie darstellen, nicht gebrauchen. Also, was möchten Sie?”

Carly hatte keine Ahnung. Der einzige Alkohol, den sie je gekostet hatte, war der Wein beim Abendmahl in der Kirche. Daher sollte ihr erster Drink etwas Besonderes sein. Einer von diesen exotischen Cocktails, die die Hollywoodstars an ihren Swimmingpools tranken, mit bunten Papierschirmen und süßen tropischen Früchten auf dem Glasrand.

“Schickimickidrinks servieren wir nicht”, sagte der sexy Barkeeper vor ihr, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Er stemmte die Hände in die schmalen Hüften, die in einer weichen verwaschenen Jeans steckten. “Meine Gäste mögen harte, kurze Sachen.”

Ein merkwürdiges Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus. Hunger, dachte sie. Es hatte jedenfalls nichts damit zu tun, wie das weiße T-Shirt mit dem Logo einer Alkoholmarke über der muskulösen Brust und den breiten Schultern des Barkeepers spannte. Nein, redete sie sich ein, Hunger hatte das Kribbeln ausgelöst, nicht die Art, wie seine schokoladenbraunen Augen über ihren Körper glitten oder seine Lippen sich zu einem atemberaubenden Lächeln verzogen, das seine mürrische Art Lügen strafte. Sie war so nervös gewesen, dass sie nicht einmal hatte frühstücken können. Das war der Grund für das Kribbeln im Bauch.

“Scotch”, sagte sie schließlich und fragte sich, ob sie Whiskey überhaupt mögen würde. Aber alles war besser, als sich weiterhin mit Schuldgefühlen herumzuplagen. “Auf Eis.”

Er hob eine seiner dichten dunklen Brauen. “Ein Finger oder zwei?”

Finger? War das Bar-Slang für Eiswürfel?

Carly zuckte die Schultern. “Zwei sollten ausreichend sein.”

Der attraktive Barkeeper warf ihr einen skeptischen Blick zu und entfernte sich, um ihr den Drink einzuschenken.

Carly hielt ihre Handtasche fest umklammert und ging in den hinteren Teil der Bar. Sie musste an zwei Billardtischen und zwei wüst aussehenden Männern vorbeigehen. In der einen Hand hielten sie jeder eine Bierflasche, in der anderen einen Billardqueue. Sie musterten Carly neugierig, was sie ihnen nicht verdenken konnte. Höchstwahrscheinlich kamen nicht viele Frauen im Hochzeitskleid in das Wilde Side.

Am Ende eines kurzen Flurs fand sie neben der Damentoilette das Telefon mit einem zerfledderten Telefonbuch, das mit einer Metallkette an der Wand befestigt war. Der Anruf bei einem Abschleppunternehmen ergab, dass sie mindestens zwei Stunden würde warten müssen. Schließlich war Samstagabend.

Sie legte auf und beschloss, auf den Abschleppwagen zu warten, bevor sie sich ein Taxi rief. Doch als sie sich umdrehte, stieß sie mit einer Wand aus Leder, Jeans und Ketten zusammen.

Sie sah zu einem der unerfreulichsten Gesichter auf, das sie je gesehen hatte. Ein Biker starrte mit seinen glänzenden Knopfaugen auf eine Stelle unterhalb ihres Gesichts. Seine Nase war gekrümmt, da sie offenbar gebrochen worden war, und zwar schon mehrmals. Sein Grinsen entblößte eine Zahnlücke.

“Entschuldigung, Miss, aber mein Kumpel und ich haben uns gefragt, ob die wohl echt sind.”

Carly war sprachlos. Sie war nicht in Homer. Niemand hier erwartete von ihr, dass sie höflich “Verzeihung” murmelte, sich rasch an dem Gentleman vorbeischob und so tat, als hätte er sie gerade nicht beleidigt. Wenn sie den Regeln folgen würde, wie sie es ihr Leben lang getan hatte, würde sie genau das angesichts einer solchen Ungehörigkeit tun.

Aber wen wollte sie zum Narren halten? Wenn sie weiter die Regeln befolgt hätte, wie man es von ihr erwartet hatte, würde sie diese Unterhaltung gar nicht führen. Dann würde sie inzwischen ihre Hochzeitsnacht im ‘Village Inn’ in ihrer Heimatstadt verbringen, bevor sie morgen mit ihrem Bräutigam zu den Florida Keys aufbrach.

Regeln. Sie hasste sie. Schlimmer war jedoch, dass sie sich selbst verachtete, weil sie sie immer brav befolgt hatte. Regeln hätten beinah ihr Leben ruiniert. Sie hätten fast dafür gesorgt, dass sie einen Mann heiratete, der sie nicht liebte, und den sie nicht liebte. Regeln hatten sie dazu gebracht, Musiklehrerin an der Highschool ihrer Heimatstadt zu werden, obwohl es das Letzte war, was sie für den Rest ihres Lebens machen wollte.

Und deshalb hatte Carly Cassidy es satt, Regeln zu befolgen.

“Ehrlich gesagt liegt es an dem verdammten Korsett, das ich trage”, meinte sie daher und schenkte Biker Boy ein unbekümmertes Lächeln. “Ein lächerliches Ding, finden Sie nicht?”

Biker Boys Augen wurden so groß, dass er fast schielte. Seine krumme Nase verfärbte sich zu einem hellen Pink, das sich langsam über seine runden Wangen ausbreitete.

Er räusperte sich. “Ich meinte Ihre Augen, Miss. Das Türkis ist wirklich hübsch, und Joe meint, es sind farbige Kontaktlinsen.”

“Oh.” Jetzt glühten ihre Wangen. “Es tut mir leid. Ich dachte … ich dachte, Sie meinen …” Du liebe Zeit, sie kam sich so dumm vor. Selbst wenn sie keine Regeln mehr befolgen wollte, hieß das noch lange nicht, dass Grobheit akzeptabel war. Sie fühlte sich schrecklich, Biker Boy so in Verlegenheit gebracht zu haben.

Sein Zahnlückengrinsen war unsicher. “Schon gut. Also, sind sie echt? Ihre Augen?”, fügte er mit Nachdruck hinzu.

Carly grinste zum zweiten Mal an diesem Tag. “Ja, sie sind echt. Und es tut mir aufrichtig leid. Kann ich Sie zu einem Drink einladen? Als Wiedergutmachung?”

Biker Boy wich zurück und musterte sie mit seinen Knopfaugen von Kopf bis Fuß. “Müssen Sie nicht noch irgendwohin?”

“Nicht bevor der Abschleppdienst wegen meines Wagens hier auftaucht.” Selbst dann hatte sie kein bestimmtes Ziel. Aber darüber würde sie sich später Gedanken machen. Von jetzt an würde sie ihre eigenen Regeln aufstellen. Und “Carlys Gesetz”, wie sie diese Regeln im Stillen nannte, würde darauf abzielen, dass sie die Dinge so nahm, wie sie kamen, und möglichst viel Spaß im Leben hatte. Vorausgesetzt, sie konnte ihre Schuldgefühle irgendwann einmal beiseite schieben, würde sie vielleicht sogar in der Lage sein, nach ihren neuen Gesetzen zu leben. Natürlich erst, sobald sie sich darüber im Klaren war, wie diese im Einzelnen aussahen.

Sie bückte sich, um ihr Kleid zu raffen, und schaute lächelnd zu Biker Boy auf. “Haben Sie einen Namen?”, erkundigte sie sich, da sie nicht annahm, dass er den Spitznamen, den sie ihm insgeheim gegeben hatte, so toll finden würde. Sein verwaschenes Harley-Davidson-T-Shirt hatte sie dazu inspiriert.

“Benny”, antwortete er grinsend.

“Nun, Benny”, sagte sie und warf ihre Schleppe über den Arm, “auf mich wartet ein Drink an der Bar. Wenn Sie mir also nicht Gesellschaft leisten wollen, werden Sie mich jetzt entschuldigen müssen.”

Sie marschierte zurück zur Bar und setzte sich mit einiger Mühe auf den Hocker, vor dem ihr Drink auf einer Papierserviette stand. Sie legte ihr Täschchen vor sich auf den Tresen, nahm das Glas und trank ihren ersten, wenig damenhaften Schluck puren Scotch.

Das Zeug brannte wie Feuer, zuerst in der Kehle und dann im Magen. Was hatte der Barkeeper ihr da gegeben? Brennspiritus?

Carly hustete, prustete und schnappte nach Luft. Unerschrocken trank sie einen zweiten Schluck Whiskey. Der war nicht besser als der erste.

Benny und sein Freund gesellten sich zu ihr und setzten sich auf die freien Barhocker links und rechts von ihr. “Das ist Joe”, stellte Benny seinen Freund vor und deutete mit dem Daumen auf ihn. “Er dachte, Ihre Augen wären nicht echt.”

Carly sah zu Joe. Er sah nicht ganz so unerfreulich aus wie Benny. Dafür musste dringend mal jemand mit ihm über Körperpflege sprechen.

“Sind Sie zufällig Automechaniker?”, erkundigte sie sich, da sie sich kaum vorstellen konnte, wie jemand so dreckige Fingernägel haben konnte, wenn er nicht den ganzen Tag mit dem Kopf unter einer Motorhaube steckte.

Joe grinste. Er besaß noch alle Zähne, wie Carly auffiel. “Nein, ich repariere Rasenmäher.”

Carly nickte und trank noch einen Schluck Whiskey. Zu schade, dachte sie. Vielleicht hätte sie ihn dazu bringen können, sich mal ihren Wagen anzusehen und herauszufinden, weshalb er nicht mehr funktionierte.

Nachdem sie den Scotch zum vierten Mal probiert hatte, begann sie sich ein kleines bisschen betäubt zu fühlen. Das war gut, denn wenn sie betäubt war, war kein Platz mehr für Schuldgefühle oder Reue.

Irgendjemand warf die Jukebox wieder an. Eine Alarmsirene ertönte, gefolgt vom sanften Klimpern einer elektrischen Gitarre. Benny winkte dem Barkeeper, der sich viel Zeit ließ. “Was wollt ihr trinken, Jungs?”, fragte Carly die beiden und schenkte dem großen dunkelhaarigen Barkeeper ein Lächeln. Doch das führte nur dazu, dass sich seine Miene noch mehr verfinsterte.

“Habe ich nicht gesagt, nur ein Drink?” Seine Stimme war weitaus sanfter als der Alkohol, den er ausschenkte. Er öffnete zwei Flaschen Bier und stellte sie vor Joe und Benny.

“Mach mal halblang, Wilde”, meinte Joe. “Sie wartet auf den Abschleppwagen.”

Wilde musterte sie kühl. “Sie gehört nicht hierher.”

“Sie hat auch einen Namen”, meldete sich Carly wieder zu Wort, bevor sie ihr Glas leerte. “Und der lautet Carly. Und Carly will noch einen …” Sie zeigte auf das Glas und versuchte sich krampfhaft daran zu erinnern, was sie gerade bestellt hatte. “Noch einen davon.”

Die braunen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, doch sie ignorierte es und konzentrierte sich stattdessen auf sein Gesicht. Er hatte ein hübsches Kinn, markant und sehr männlich. Und dann diese Augen. Sie seufzte leise. Eine Frau konnte sich leicht in seinen Augen verlieren, wenn er sie so eindringlich anblickte.

Behagliche Wärme durchströmte sie. Wenn die Menschen sich nach Alkohol so fühlten wie sie jetzt, war es kein Wunder, dass sich ein so großer Teil der Bevölkerung gelegentlich betrank.

Wilde stützte sich mit den Händen auf den Tresen und beugte sich vor. Fasziniert beobachtete Carly, wie sich das weiße T-Shirt über seinem Bizeps spannte. Sie empfand das starke Bedürfnis, diese Muskeln zu berühren. Ein zu starkes Bedürfnis, dachte sie und runzelte die Stirn. Merkwürdig, bei ihrem verlassenen Bräutigam hatte sie diesen Wunsch nie verspürt.

“Gibt es keinen anderen Ort, an den Sie gehen können?”, wollte er wissen, und seine tiefe Stimme war genauso faszinierend wie seine Augen, ganz gleich, wie unausstehlich er sich benahm. Na ja, nicht gerade unausstehlich, wie sie zugeben musste. Aber der Freundlichste war er auch nicht.

Sie stieß erneut einen leisen Seufzer aus und stützte das Kinn in die Hände. “Momentan nicht.”

“Fragt sich niemand, wo Sie sind?” Er deutete auf ihr Hochzeitskleid.

Sie ignorierte die Erinnerung an ihre schändliche Flucht. Stattdessen fuhr sie mit dem Finger über den Rand ihres leeren Glases und wünschte sich, sie könnte dasselbe bei seinen starken Armmuskeln tun.

“Oh, ich bin sicher, dass alle neugierig sind.” Neugierig, besorgt und enttäuscht von ihr. Nie zuvor hatte sie auch nur etwas annähernd so Unverantwortliches getan.

Die Rolling Stones baten singend um ein wenig “Sympathy for the Devil”. “Haben Sie keine Musik aus diesem Jahrhundert in Ihrer Jukebox?”, meinte sie, um das Thema zu wechseln. Sie wollte nicht daran denken, was sie getan und wen sie verletzt hatte, indem sie wie ein Feigling davongelaufen war.

“Wenn Sie Top-Forty-Hits hören wollen, Prinzessin, müssen Sie ins ‘City Lights’ gehen.” Er schlug mit dem feuchten Handtuch vor ihr auf den Tresen. “Ich rufe Ihnen gern ein Taxi.”

Sie schenkte diesem Wink mit dem Zaunpfahl keine Beachtung, sondern drehte den Kopf, den sie noch immer mit der Hand stützte, um den Blick über das Dutzend Gäste im Wilde Side schweifen zu lassen. Dann wandte sie sich wieder an den Barkeeper. “Ich wette, wenn Sie mehr lächeln würden, hätten Sie auch mehr Gäste.”

Er stieß sich mit dem Geschirrtuch in der Hand vom Tresen ab, und seine Miene verriet, dass er von ihrem kostenlosen Ratschlag nicht sonderlich viel hielt. Als er zurückkam, stellte er das Glas vor sie und sah Benny und Joe warnend an, bevor er sich wieder entfernte.

Carly fragte sich, weshalb er die beiden warnte.

Benny beugte sich vor und legte seine fleischigen Ellbogen auf den Tresen. “Kommen Sie hier aus der Gegend, Carly?”

Sie nippte an ihrem Scotch und beobachtete Wilde verstohlen. Mit seinen langen, schlanken Fingern nahm er die leeren Gläser vom Tresen und tauchte sie in ein Spülbecken. Er drehte sich um, und Carly registrierte, wie gut und eng seine Jeans saß.

Sie sah zu Benny. “Tut mir leid. Haben Sie etwas gesagt?”

“Stammen Sie von hier?”

Sie schüttelte den Kopf. “Nein.”

“Sie sind also nur auf der Durchreise?”, wollte Joe wissen und hob die Flasche an den Mund.

Carly runzelte die Stirn und dachte einen Moment nach, bevor sie antwortete. “So könnte man es nennen.”

“Und wo ist Ihr Bräutigam?”, fragte Benny.

“Ich weiß es nicht.” Ihre Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. “Wahrscheinlich wird er von seiner und meiner Familie getröstet.” Carlys Miene verdüsterte sich. Weil sie in Panik geraten war, hatte sie Menschen wehgetan. Das machte ihr viel mehr zu schaffen als ihre ungewisse Zukunft. Die Familie war ihr nach wie vor wichtig, und ihre war nicht gerade klein. Sie hatte selbstsüchtig und unverantwortlich gehandelt, und jetzt lastete die Schuld schwer auf ihr.

Wie sollte sie die Regeln brechen, wenn es ihr nicht gelang, das ohne anschließende Reue zu tun?

Sie atmete tief ein und schaute Benny an. Dann brach sie in Tränen aus.

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