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Irene von Mende-Bauer, selbst hörgeschädigt, war 23 Jahre Hörgeschädigtenpäd- agogin am Schulzentrum für Hör- und Sprachgeschädigte in München-Johannes- kirchen, seit 2002 Hör- und Kommunikationstrainerin.

Cover unter Verwendung eines Fotos von Phonak hearing systems; die Zeich- nungen im Innenteil stammen von Irene von Mende-Bauer

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <https://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-497-61353-3

ISBN 978-3-497-61423-3 (EPUB)

© 2020 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt GmbH & Co KG, München, unzu- lässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbei- tung in elektronischen Systemen.

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: info@reinhardt-verlag.de

Inhalt

Vorwort

von Manfred Hintermair

Einleitung

Einführung in das Fach Hörtaktik

Lehrplan des Faches Hörtaktik

Begrüßungs- und Verabschiedungsrunde

Zusammenarbeit mit den Eltern

Unterrichtseinheiten

1 Lernziel: Kennen lernen der eigenen Person und der Gruppe

1.1 Feinziel: Bereitschaft, sich auf die Hörschädigung einzulassen

1.1.1 Hanna

1.1.2 Felix

1.1.3 So ist es bei mir auch!

1.1.4 Wie kommst du mit deinen Ohren klar?

1.1.5 Die „Mir stinkt’s“-Runde

1.1.6 Wir stellen uns vor

1.1.7 Die „Das bin ich!“-Stunde

1.1.8 Erzähl mir von dir!

1.1.9 Hallo, hier bin ich, wer bist du?

1.2 Feinziel: Jeder Mitschüler hört und versteht anders

1.2.1 Jeder von uns hört und versteht anders

1.2.2 Das kenne ich auch!

1.2.3 Ich höre alles so laut!

1.3 Feinziel: Jeder Mitschüler spricht anders

1.3.1 Wer schlecht hört, spricht auch schlecht!

1.3.2 So wirke ich auf andere

2 Lernziel: Verbesserung bisher unbewusst eingesetzter Kommunikationstechniken

2.1 Feinziel: Sensibilisierung zur Beachtung der Körpersprache

2.1.1 Körpersprache verstehen

2.1.2 Körpersprache einsetzen und deuten

2.1.3 Mr. Bean zeigt es uns deutlich

2.1.4 Vater und Sohn

2.2 Feinziel: Optimierung des Absehens

2.2.1 Absehen ist möglich unter bestimmten Voraussetzungen

2.2.2 Verhaltenstraining für gutes Absehen

2.2.3 Verwechslungsgefahr bei Konsonanten

2.2.4 Verwechslungsgefahr bei Vokalen!

2.3 Feinziel: Fähigkeit der optimalen Nutzung des Restgehörs

2.3.1 Hinhören lohnt sich!

2.3.2 Verstehen von Zahlen und Wörtern

2.3.3 Wenn Wörter sich nur wenig unterscheiden

2.3.4 Zwei Wörter gleichzeitig hören und verstehen!

2.3.5 Wir hören und verstehen Sätze!

2.3.6 Das Märchen von den Schneeglöckchen

2.3.7 Ich höre nur dir zu!

2.3.8 Mach das, was ich dir sage!

3 Lernziel: Verbesserung der Verständigung durch Änderung des eigenen Verhaltens

3.1 Feinziel: Fähigkeit, gezielt Gesprächstechniken einzusetzen

3.1.1 Stimmt das?

3.1.2 Sag’s mal anders!

3.1.3 Worüber sprecht ihr gerade?

3.1.4 Wo? Was? Wer?

3.1.5 Aktiv in einer Gesprächsrunde – Wochenendseminar

3.1.6 Telefonieren mit der Ja, ja-Nein-Strategie

3.2 Feinziel: Gestaltungsmöglichkeiten des Gesprächsumfeldes

3.2.1 Das Licht blendet so!

3.2.2 Warte!

3.2.3 Bitte dreh dich um und sag’s noch einmal!

3.2.4 Ich setz’ mich zu dir!

3.2.5 Wir basteln ein Puppenhaus

3.2.6 Wir richten ein Zimmer ein!

3.2.7 In diesen Räumen macht das Hören Spaß!

3.3 Feinziel: Fähigkeit, die eigene Hörbehinderung anderen Personen aufzuzeigen

3.3.1 Das verstehen meine Ohren!

3.3.2 Wir hören anders!

3.3.3 Steckbrief

3.3.4 Sehen und spüren, wie unangenehm das Hören ist!

4 Lernziel: Energie sammeln, um Belastungen durch die Hörschädigung zu mindern

4.1 Feinziel: Hörschädigung kostet Kraft

4.1.1 Mir ist alles zu viel!

4.1.2 Lass es sein!

4.2 Feinziel: Ohren brauchen Schonung und Ruhe

4.2.1 Ohren brauchen Ruhe!

4.2.2 Meine rosarote Wolke

4.2.3 Es geht auch anders

5 Lernziel: Kontaktaufnahme zu anderen Hörgeschädigten .

5.1 Feinziel: Von anderen Hörgeschädigten lernen

5.1.1 Hörgeschädigte Erwachsene kommen zu Besuch

5.1.2 Wir besuchen einen schwerhörigen Berufsschüler am Ausbildungsplatz

5.2 Feinziel: Andere Schulzentren für Hörgeschädigte kennen lernen

5.2.1 Auf der Suche

5.2.2 Wir knüpfen Kontakte zu einer anderen Schulklasse

5.3 Feinziel: Hörgeschädigtenverbände sind wichtige Informationsquellen und Treffpunkte für Hörgeschädigte

5.3.1 Mehr im Internet

5.3.2 Ein Freundschaftsspiel

6 Lernziel: Grenzen und Chancen der Persönlichkeitsentfaltung überdenken

6.1 Feinziel: Bewusstsein der Grenzen wecken

6.1.1 Mein Leben mit der Hörschädigung

6.1.2 Innerhalb der Grenzen gut leben können

6.2 Feinziel: Fähigkeit innerhalb der Grenzen gut zu leben

6.2.1 Ja, ich bin hörgeschädigt!

6.2.2 Wenn ich könnte, wie ich wollte!

6.2.3 Mein Traumpartner

6.3 Feinziel: Musikgenuss ist auch für Hörgeschädigte möglich

6.3.1 Musik – was habe ich davon?

6.3.2 Musizieren und Singen

6.3.3 Musik mit allen Sinnen wahrnehmen

7 Lernziel: Technische Hilfsmittel für Hörgeschädigte nutzen

7.1 Feinziel: Kennen lernen verschiedener technischer Hilfsmittel

7.1.1 Ein Informationsbesuch bei einem Fachgeschäft

7.1.2 Wir üben das Telefonieren mit Zusatzgeräten

7.2 Feinziel: Technische Hilfsmittel sind eine Hilfe zur Selbsthilfe

7.2.1 Vieles ist jetzt ohne Eltern möglich!

7.2.2 Jan ist sauer

7.3 Feinziel: Sichtbarmachung der Hörgeräte kann das Selbstbewusstsein fördern

7.3.1 Ja, ich trage Hörgeräte!

7.3.2 Hörgeräte gestalten

8 Lernziel: Vorstellen von Zeichensystemen

8.1 Feinziel: Kennen lernen des Fingeralphabets

8.1.1 Einführung des Fingeralphabets in der 1.Klasse

8.1.2 Einführung des Fingeralphabets

8.2 Feinziel: Fertigkeit im Gebrauch des Fingeralphabets

8.2.1 Ich verstehe den Namen nicht!

8.2.2 Ich erzähle eine Geschichte!

8.3 Feinziel: Einbeziehen anderer zum Erlernen und Anwenden des Fingeralphabets

8.3.1 Freunde und Familie sollten das Fingeralphabet beherrschen!

8.3.2 Das Fingeralphabet lernt man schnell

9 Lernziel: Auseinandersetzung mit dem Einsatz von Gebärden

9.1 Feinziel: Gebärden können die Kommunikation erleichtern

9.1.1 Die Gebärde kann beim Verstehen helfen!

9.2 Feinziel: Gegenüberstellen der Deutschen Gebärdensprache (DGS) und der Lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG)

9.2.1 Merkt ihr einen Unterschied?

9.2.2 Ein Gebärdendolmetscher kommt zu Besuch

9.3 Feinziel: Vorteile der Anwendung von LBG für Schwerhörige

9.3.1 Vorteile der Anwendung von LBG

9.4 Feinziel: Kennen lernen einiger Lautsprachbegleitender Gebärden (LBG)

9.4.1 Ein Crashkurs in LBG

9.5 Feinziel: Einbeziehen anderer zum Erlernen und Anwenden der Lautsprachbegleitenden Gebärde (LBG)

9.5.1 Der erste Schritt

9.5.2 Der zweite Schritt

10 Lernziel: Medizinische Versorgung der Ohren sicherstellen

10.1 Feinziel: Vorbeugen ist besser als heilen

10.1.1 Lärm ist schädlich für die Ohren

10.1.2 Eine wahre Geschichte

10.1.3 Hörschädigung und Tinnitus

10.1.4 Den Lärm von 500 Rasenmähern im Ohr

10.1.5 Tinnitus – nein danke!

10.2 Feinziel: Eine medizinische Behandlung kann von Bedeutung sein

10.2.1 Ich erzähle es meinen Eltern!

10.2.2 Tinnitus und Hörsturz

10.3 Feinziel: Ablauf eines Klinikaufenthaltes bei Hörsturz

10.3.1 Michael muss ins Krankenhaus!

10.4 Feinziel: Kenntnis über mögliche Implantation eines CIs

10.4.1 Die Ertaubung

10.4.2 Taub und trotzdem hören!

10.4.3 CI-Träger kommen zu Wort

Autobiographische Anmerkungen

Quellennachweis

Literatur

Zu diesem Buch erhalten Sie 50 Arbeitsblättern zur Unterrichtsgestaltung. Diese sind als Download auf www.reinhardtverlag. de erhältlich. Das Passwort finden Sie auf Seite 224. Im Buch werden Sie immer wieder auf nebenstehendes Symbol stoßen. Es verweist auf diese Arbeitsblätter, die Sie als Kopiervorlagen nutzen können.

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Vorwort

In einem Büchlein, in dem schwerhörige Menschen ihre Erfahrungen mit integrativer Beschulung aufgearbeitet haben, war kürzlich Folgendes zu lesen: Ein Betroffener antwortete auf die Aufforderung eines anderen hör- geschädigten Mannes „Be yourself“ mit dem Satz „How can you be your- self, when you do not know who you are?“ Wie kann ich also „ich selbst“ sein, wenn ich nicht weiß, wer ich bin? Um zu wissen, wer ich bin, dazu braucht es die Möglichkeit, sich auseinander zu setzen mit sich und seiner durch die Hörbehinderung veränderten Lebenssituation.

Irene von Mende-Bauer verfolgt seit vielen Jahren das Ziel, schwer- hörige Schülerinnen und Schüler zu einer Auseinandersetzung mit ihrer Schwerhörigkeit anzuregen und ihnen damit Reflexionshorizonte für den Umgang mit ihrer Hörbehinderung zu eröffnen. Das von ihr hier vorge- legte Buch schafft mit seinen zahlreichen konkreten Unterrichtsbeispielen, die allesamt aus langjähriger Erfahrung und Erprobung entstanden und modifiziert worden sind, einen wichtigen Mosaikstein, um eine intensive Auseinandersetzung gemeinsam im Dialog mit schwerhörigen Schülerin- nen und Schülern zu gestalten. Das Buch stellt eine wesentliche Erweite- rung, Konkretisierung und Ausdifferenzierung der vor 10 Jahren erstmals veröffentlichten Unterrichtseinheiten in der Zeitschrift „hörgeschädigte kinder“ dar. In diesem Zeitraum ist das Thema der „Auseinandersetzung mit der Hörschädigung“ an vielen deutschen Hörgeschädigtenschulen ein zentraler Gegenstand geworden, das auch in die Bildungspläne Eingang gefunden hat.

Ich wünsche dem Buch viele interessierte Leserinnen und Leser aus allen Bereichen der Pädagogik und Psychologie, die sich mit hörgeschädig- ten Menschen befassen und einen Beitrag zu einer gesundheitsförderlichen Lebensgestaltung schwerhöriger Menschen leisten wollen.

Manfred Hintermair
München, im Januar 2007

Einleitung

Dieses Buch richtet sich im Besonderen an Lehrende und Studierende der Schwerhörigenpädagogik. Interessant dürfte die Publikation auch für Er- zieherInnen und HeilpädagogInnen sein, die schwerhörige Kinder und Jugendliche in einer Tagesstätte oder in einem Heim betreuen.

Auch Eltern hörgeschädigter Kinder werden in dem sehr praxisbezoge- nen Buch Anregungen finden. Ihnen sei extra gesagt: Ihr Kind wird gut mit seiner Schwerhörigkeit zurecht kommen, wenn es über die Schule oder eine andere Institution die Möglichkeit erhält, sich mit seiner eigenen Hör- schädigung auseinander zu setzen und daran zu arbeiten!

Audiotherapeuten werden in diesem Werk weitere Impulse für ihre Arbeit finden. Auch Lehrern integrativer Klassen mit hörgeschädigten Schülern sei dieses Buch empfohlen, denn es vermittelt Möglichkeiten, das Thema „Schwerhörigkeit und ihre Bewältigung“ in der Schule anzugehen.

Nach einem Einblick in die Entstehungsgeschichte des Faches „Hör- taktik“, werden auch Hinweise zum Unterrichtskonzept gegeben. Zu zehn verschiedenen Lernzielen mit untergeordneten Feinzielen werden 96 Unterrichtseinheiten mit zahlreichen Arbeitsblättern für alle Klassenstu- fen angeboten. Sie dienen als Anregung für den Unterricht und für die Erstellung weiterer, eigener Unterrichtseinheiten.

Einige Unterrichtseinheiten sind auf Anregung von Kollegen entstan- den, zum Beispiel: bei einem Workshop in Dillingen oder an der Schule und dem Zentrum für Schwerhörige Landenhof in Unterentfelden/ Schweiz, sowie bei gemeinsamen Vorbereitungen für ein Schülerwochen- ende in Stegen bei Freiburg. Es sind auch Übungen aufgenommen worden, die ich in Bad Arolsen, an der Klinik „Am Stiftsberg“/Bad Grönenbach, bei der Teilnahme an einem Absehkurs in der Praxis für Hörgeschädig- tensprachtherapie/München von Roland Hanik und bei einem Hörtrai- ning über das CI–Zentrum-Hannover kennen gelernt habe.

Die Hinführung zur Auseinandersetzung mit der eigenen Hörschädi- gung in den Klassenstufen 1–2 muss sehr behutsam angegangen werden. In der Mittel- und Oberstufe kann das Thema „Hörschädigung“ direkter an- gesprochen werden. Die Jugendlichen sind oft erleichtert, über ihre eigene Behinderung sprechen zu dürfen. Bei gravierenden, psychischen Proble- men ist jedoch Zurückhaltung geboten. Hier ist professionelle Hilfe für den Schüler und seine Eltern erforderlich.

Das Buch schließt mit einer persönlichen Beschreibung meiner Kindheit und Jugend ab, und es wird auch verraten, was der Anlass war, dieses Buch zu schreiben.

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich Manfred Hintermair danken. Er unterstützte mein Vorhaben von Anfang an. Meine Idee, die eigene Schwerhörigkeit an der Schule für Schwerhörige zum Thema zu machen, fand er sofort gut und wichtig. Dies war im Jahre 1995. Ich gab ihm Einblicke in meine bis- herigen, konzeptionellen Überlegungen und vor allem in meine praktische Arbeit. Er ermutigte mich sehr, meine Idee an der Schule weiter zu verfol- gen und gab mir Bestätigung, dass die „schulische Auseinandersetzung mit der eigenen Schwerhörigkeit“ eine gute Sache sei.

Ebenso danken will ich Helga Voit. Sie lehrt an der Ludwig-Maximili- ans-Universität München am Hörstuhl für Gehörlosen- und Schwerhöri- genpädagogik. Ihre Wertschätzung in Bezug auf meine Person und meine Arbeit spüre ich sehr. In regelmäßigen Abständen lädt sie mich zu ihren Seminaren als Gastreferentin ein. Somit gibt sie mir und ihren Seminarteil- nehmern die Möglichkeit, sich mit dem Thema intensiv auseinander zu setzen. 1976 saß ich bereits als Studentin in den Seminaren von Helga Voit. Zu der Zeit bildete sie mich zur Schwerhörigenlehrerin aus.

Danken will ich Manfred Sturm, ehemaliger Schulleiter der Schule für Schwerhörige in München-Johanneskirchen. Ohne seine Einwilligung und Offenheit hätte ich meine Ideen nicht in die Praxis umsetzen können. So konnte ich im Rahmen des Förderunterrichts mein neues Fach „Hörtak- tik“/Schulische Auseinandersetzung mit der eigenen Hörschädigung erfolg- reich testen.

Ich danke Maria Polychronis, meiner ehemaligen Kollegin, für die gründliche Durchsicht des Manuskripts und ihre wertvollen Anregungen.

Ebenso danke ich meinem Mann. Auch er war überzeugt von meiner Idee und führte mich in den Gebrauch des PCs ein. Er stand mir immer zur Seite, wenn der Computer nicht so wollte wie ich.

Ich danke meinen beiden Kindern Maximilian und Ulrike, die auch in schweren Zeiten fest zu mir gehalten haben.

Irene von Mende-Bauer
Utting, im Februar 2007

Einführung in das Fach Hörtaktik

An den Förderzentren für Hörgeschädigte sollen schwerhörige Schüler auf ein Leben und Arbeiten in der hörenden Welt vorbereitet werden. Durch eine spezielle Förderung können sie die Bildungsziele der Allgemeinen Schulen erreichen. Aber diese Bildungsziele reichen erfahrungsgemäß nicht aus.

Eine weitere Aufgabe der Förderzentren für Hörgeschädigte ist, Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, ihre Schwerhörigkeit in der Schule zu thematisieren. Diese Schule sollte der Ort sein, an dem sie lernen, mit ihrer Behinderung umzugehen. Dort sollen sie für einen sicheren Umgang mit hörenden Menschen ausgebildet werden. Dazu gehört vor allem eine gut funktionierende Kommunikation.

Für diese besondere Arbeit mit dem schwerhörigen Kind oder Jugendlichen setze ich voraus, dass die Schüler technisch optimal mit Hörgeräten versorgt werden und den Service der Hörgeräteakustiker regelmäßig nutzen.

1986 wurde mir, aufgrund meiner zunehmenden Schwerhörigkeit von ärztlicher Seite, ein Aufenthalt im Rehabilitationszentrum für Ertaubte und Schwerhörige in Rendsburg empfohlen. Ich besuchte im gleichen Jahr das mir angebotene Seminar. Unterrichtsinhalte waren Absehtraining, Hörtraining, Körpersprache, Hörtaktik/Kommunikationstaktik, Sprech- und Sprachpflege, Umgang mit technischen Hilfen für Hörgeschädigte und Einführung in das Sozial- und Behindertenrecht. Der Inhalt des Unterrichts wurde lautsprachbegleitend gebärdet. Nach vier Wochen intensivem Training, interessanten Gesprächen, lebhaften Rollenspielen und fachkundiger Beratung verließ ich Rendsburg mit Selbstsicherheit, Selbstbewusstsein und einer großen Portion Lebenslust.

Die neuerworbene Erkenntnis, dass man mit (nicht trotz) seiner Hörschädigung gut in einer hörenden Welt zurechtkommen kann, gab mir Kraft. Ich hatte auf einmal wieder Energien frei für neue Ideen. Von September 1992 bis Oktober 1994 gab ich zusammen mit einer weiteren Dozentin an der Münchner Volkshochschule Wochenendseminare für hörgeschädigte Erwachsene. Das Thema dieser Wochenendseminare lautete:

„Hörtaktik für Schwerhörige und Ertaubte“.

Nachdem ich sehr viele positive Rückmeldungen von den Kursteilnehmern erhalten hatte, wurde mir klar, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich, als Selbstbetroffene, konnte anderen erwachsenen Hörgeschädigten helfen, mit ihrer Behinderung zurecht zu kommen. Warum sollte es nicht auch möglich sein, mit jungen Hörgeschädigten an der Kommunikation und am Verhalten zu arbeiten. Ich wollte den jungen Menschen an unserer damaligen Schule für Schwerhörige in München/Johanneskirchen die Möglichkeit anbieten, sich an ihrer Lernstätte mit ihrer Hörschädigung auseinander zu setzen und an ihr zu arbeiten.

Meine damalige Unterrichtsarbeit nannte ich von Beginn an „Hörtaktik“. Die Namensgebung ist nicht ganz korrekt, denn Hörtaktik ist nur ein Bestandteil des angebotenen Konzeptes. Ich vermittelte im Laufe der Zeit neben Hörtaktik weitere Ziele und Inhalte, z. B. die Akzeptanz der eigenen Hörschädigung, das Absehen von Sprache, die Deutung der Körpersprache, die Nutzung des Restgehörs oder die Auseinandersetzung mit dem Einsatz von Gebärden.

Zwei Definitionen zum Begriff Hörtaktik

Peter Plath (1995) schreibt in seinem Buch, Lexikon der Hörschäden, folgendes:

„Hörtaktik – Oberbegriff für Strategien von Hörbehinderten, mit denen sich auch schwierige kommunikative Situationen in akustisch ungünstigen Verhältnissen besser meistern lassen.“

Eine andere Definition zum Begriff Hörtaktik findet sich in dem Buch „Chancen für Hörgeschädigte“, herausgegeben von Heribert Jussen und W. Hartwig Claußen. Der Autor Ulrich Hase (1991) schreibt darin:

„Erste Anhaltspunkte zum Verhaltenstraining wurden durch eine Übersetzung des Buches „Hörbehinderte“ des dänischen Begründers der Hörtaktik (Vognsen 1976) gegeben. Hörtaktik als Bezeichnung für Lerninhalte und als in allen Bereichen der Hörgeschädigtenpädagogik zu beachtendes Unterrichtsprinzip mit der zentralen Zielsetzung, dass Hörgeschädigte soziale Situationen günstig für die Kommunikationsfähigkeit gestalten können, stellt somit die Grundlage zur inhaltlichen und methodischen Ausgestaltung des Verhaltenstraining dar.“

Im Bayerischen Lehrplan für Schwerhörige von Juli 2001 sind Anteile meines erarbeiteten Unterrichtsfaches übernommen worden. An allen bayerischen Schulzentren für Hörgeschädigte ist nun „Hörgeschädigtenkunde und Kommunikationstaktik“ verbindlich. Die ausgearbeiteten Lernziele sind eingebettet in Schulfächer wie Geschichte, Sozialkunde und Deutsch. Das bedeutet, dass fächerübergreifend gearbeitet werden soll. Der Gedan-

kengang ist nachvollziehbar, aber meine geforderten Zielsetzungen können auf diese Weise sicher nicht erfüllt werden, denn unser Schulsystem unterliegt Zwängen und Leistungskontrollen. Sie gehören zum Schulalltag. Notengebung in „Hörgeschädigtenkunde und Kommunikationstaktik“ blockiert jedoch das „Sich öffnen“ der Schüler.

Hinzu kommt ein vorgegebener Zeitrahmen. Im Schulalltag sind die Lehrkräfte froh, wenn sie den Schülern die Grundfähigkeiten und -fertigkeiten wie Rechnen, Schreiben, Lesen, Artikulation und Sachwissen vermitteln können. Ebenso haben die Lehrer vermehrt die Erziehungsaufgabe der Eltern zu übernehmen. Da bleibt wenig Zeit für die so wichtige Auseinandersetzung mit der eigenen Schwerhörigkeit und dem Verhaltens- und Kommunikationstraining.

Bestimmte Rahmenbedingungen müssen also erfüllt sein, wenn „Hörtaktik“ bei den jungen Schwerhörigen ankommen soll:

Ein gutes Verhältnis von Lehrkraft und Schüler muss gewährleistet sein.

Die Beziehung sollte frei von Notengebung sein.

Die Lehrkraft sollte mit der psychologischen Situation schwerhöriger Menschen vertraut und entsprechend qualifiziert sein.

Um ein „Sich-fallen-Lassen“ der Schüler zu ermöglichen, muss die Lehrkraft in jeder Situation erkennen, welche Kommunikationsform angebracht erscheint.

Optimal wäre eine ausgebildete hörgeschädigte Hörgeschädigtenlehrkraft.

Es muss auf die Räumlichkeiten geachtet werden. Es kann das eigene Klassenzimmer sein. Ein anderer Raum wie z. B. der Rhythmikraum eignen sich je nach Ausstattung meistens besser, denn ein Stuhlkreis hat oft wenig Platz in einem Klassenzimmer, wo eine Höranlage fest an den Schülertischen installiert ist.

Die Zeit, welche die Lehrkraft mit den Kindern verbringt, soll die Schüler nicht an andere, vielleicht belastende Schulstunden erinnern. In diesen Stunden haben auch Gäste nichts zu suchen. Ein Schild an der Türe kann für Ruhe sorgen und Störungen unterbinden.

Schüler ab der 5. Klasse sollten weiterhin eine Anlaufstelle für ihre Sorgen und Ängste in Bezug auf das Hören haben. Hier würde sich „Hörtaktik“ als Wahlfach am Nachmittag anbieten. Zusammen mit externen schwerhörigen Schülern könnten verschiedene Projekte gestartet werden wie: „Tinnitus – nein danke!“ oder „So hören und verstehen meine Ohren!“

Die Pubertät ist nicht einfach, besonders nicht für Hörgeschädigte. Hier geht es zusätzlich um die Problematik der eigenen Kommunikationsfähigkeit, um die Akzeptanz der Behinderung und um die Annäherung an das andere Geschlecht.

Darüber hinaus können interne und externe Schüler mit Hörschädigung die Möglichkeit erhalten, sich auf Wochenendseminaren zu treffen und einander kennen zu lernen. Dort kann neben attraktiven Freizeitangeboten auch ein Verhaltens- und Kommunikationstraining für Schwerhörige angeboten werden. Dass dies durchführbar ist, habe ich selbst erleben dürfen:

Im Jahre 2002 baten mich Kolleginnen aus Stegen einen Wochenend-workshop mit dem Thema „Auseinandersetzung mit der Schwerhörigkeit – Was kann ich tun, um besser zu verstehen“ mitzugestalten. Im Frühjahr 2003 wurde am Bildungs- und Beratungszentrum für Hörgeschädigte in Stegen der geplante Jugendworkshop durchgeführt. Hörgeschädigte Jugendliche der Schule und der Umgebung trafen sich in den Räumen der Schuleinrichtung. Der Einladung folgten 16 Schüler der Klassenstufen 5 bis 11. Sie wurden im angeschlossenen Internat untergebracht. Für die Workshops waren sechs Hörgeschädigtenlehrkräfte und ich zuständig. Nach einer Vorstellungsrunde, der „Mir-stinkt‘s-Runde“ (siehe Kapitel 1.1.5), wurden den Jugendlichen verschiedene Workshops und Arbeitsgruppen angeboten, wie: „Ich werde aktiv in einer Gesprächsrunde“ (siehe Kapitel 3.1.5), „Stocktanz“, „Eine heiße Nacht“, „Portraitaufnahmen von Stars und Sternchen“, „Internetrecherche“, „Einrichten mit Verstand! In diesen Räumen macht das Hören Spaß!“ (siehe Kapitel 3.2.7), „Wir verstehen Körpersprache!“ (siehe Kapitel 2.1.1), „Film“ (aktuelles Video) und

„Meine rosarote Wolke!“ (siehe Kapitel 4.2.2 ).

Oft bieten Kollegen auch Wochenendseminare für hörende Eltern von schwerhörigen Kindern an. Mehrmals wurde ich gebeten, in diesen Kreisen einen Vortrag zu halten. Ich wählte dafür gerne das Thema „Unser Kind soll selbständig werden“, denn dabei hatten die Eltern Gelegenheit, selbst in die Rolle eines Schwerhörigen zu schlüpfen. Sie erfuhren dadurch z. B., wie mühsam es ist, einem Gespräch zu folgen. Wichtiger jedoch war es, aufzuzeigen, wie man mit (nicht trotz) einer Hörschädigung ein Gespräch führen kann.

Dieses Praxisbuch gibt vielfältige Anregungen dazu. Die Erziehung zur Selbständigkeit kann aber erst dann gelingen, wenn die Eltern ihr Kind mit all seinen Stärken und Schwächen annehmen. Man muss den Eltern verdeutlichen, dass auch ein Schwerhöriger ein erfülltes und eigenständiges Leben führen kann. Und was überzeugt mehr als ein Mensch, der mit seiner Hörschädigung gut zurecht kommt?

Nicht selten empfinden Eltern an so einem Wochenendworkshop ein Traurigkeitsgefühl. Es empfiehlt sich daher, neben dem Referenten Fachpersonal vor Ort zu haben, das sich um diese Eltern ...

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