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So unwiderstehlich reizvoll

1. KAPITEL

Wie es sich wohl um diese trübe Jahreszeit auf den Cayman-Inseln lebte? Juliet ließ ihrer Fantasie freien Lauf.

Fraglos war es in der Karibik schöner als hier – in der Londoner Arbeitsagentur. Ein trister Warteraum und ein abgetretener Teppich, nichts glich dem gediegenen Luxus, den Juliet von klein auf kannte. Tränen des Selbstmitleids stiegen ihr in die Augen. Augen, die ihren Vater stets an Veilchen erinnert hatten. Juliet hatte sie von ihrer Mutter geerbt, an die sie sich aber nicht erinnern konnte. Ihre Mutter war gestorben, als Juliet noch ein Baby war. Wie lange das alles zurücklag.

Würde ihr Vater noch leben, hätte ein Mann wie David Hammond sie nicht so hintergehen können. Doch leider starb er an einem Hirntumor, kurz vor ihrem neunzehnten Geburtstag. Ein Jahr später war sie David begegnet und hatte ihn für den Mann ihres Lebens gehalten.

Dass er sich nur für ihr Aktienerbe interessierte, hatte sie nicht bemerkt. Ihre Hochzeit mit David war als großes gesellschaftliches Ereignis gefeiert worden. Keine drei Jahre später war er mit der Frau durchgebrannt, die er ihr als seine Sekretärin vorgestellt hatte. Die beiden hatten alles von langer Hand geplant. David hatte Juliets Vertrauensseligkeit ausgenutzt und vor seiner Flucht ihr gesamtes Vermögen so im Ausland angelegt, dass sie nicht daran kam.

Wie hatte sie nur so naiv sein können! Blind für seinen wahren Charakter, war sie Davids jungenhaften Charme erlegen. Hinweise ihrer Freunde über Davids Seitensprünge hatte sie nicht einmal überprüft. Jetzt stand sie da mit dem lächerlich geringen Betrag, den er auf dem gemeinsamen Konto gelassen hatte und der bald aufgebraucht sein würde.

Natürlich besaß Juliet Freunde, die zu ihr standen und ihr auch finanziell Unterstützung anboten, was sie jedoch strikt ablehnte. Sie wollte ihre Freundschaften nicht derartigen Belastungen aussetzen und sah nur eine Lösung: Sie brauchte eine eigene Existenzgrundlage. Wie sie die ohne jegliche Qualifikationen bekommen sollte, war ihr allerdings schleierhaft. Nach der Begegnung mit David hatte sie, unerfahren, wie sie war, alle beruflichen Überlegungen in den Wind geschlagen.

Verstohlen sah Juliet sich in dem Wartezimmer um. Was wohl die anderen Wartenden, drei Männer und zwei Frauen, an Zeugnissen vorzuweisen hatten? An der trostlosen Umgebung jedenfalls schienen sie sich nicht zu stören. Juliet wurde den Verdacht nicht los, dass zumindest die Frau in den zerrissenen Jeans und dem grellen T-Shirt unter dem Einfluss von Alkohol oder anderen Drogen stand. Ein größerer Kontrast zu Juliets korrekten Nadelstreifenkostüm und den eleganten Pumps war kaum vorstellbar.

„Mrs. Hammond?“ Eine Sachbearbeiterin betrat den Raum und sah sich suchend um. „Das bin ich.“ Seit der Scheidung hieß sie zwar wieder Lawrence, doch ihre Papiere liefen noch auf ihren Ehenamen.

„Bitte kommen Sie mit in mein Büro.“

Die Tasche unter den Arm geklemmt folgte Juliet der rothaarigen und nicht mehr ganz jungen Frau.

„Setzen Sie sich bitte, Mrs. Hammond. Haben Sie die Formulare ausgefüllt?“

„Ja, hier sind sie.“ Juliet reichte der Sachbearbeiterin die Blätter, die sie vor lauter Aufregung viel zu fest zusammengerollt hatte und die sich nun nicht glätten ließen. „Entschuldigung“, bat sie lächelnd.

Maria Watkins, so jedenfalls lautete das Namenskärtchen auf dem Schreibtisch, reagierte nicht darauf. Fassungslos blätterte sie in den Unterlagen.

„Sie sind vierundzwanzig, Mrs. Hammond, und haben in Ihrem ganzen Leben noch nie gearbeitet?“

„Nein.“

„Und warum nicht?“

Was ging das diese Frau an? „Tut das etwas zur Sache? Ich brauche in Zukunft einen Job, um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Reicht das nicht als Argument?“

„Leider nein, Mrs. Hammond. Arbeitgeber verlangen einen ausführlichen Lebenslauf. Wenn ich Sie vermitteln soll, muss ich wissen, warum Sie weder Zeugnisse noch Referenzen vorweisen können.“

Juliet schluckte. „Ich war verheiratet“, erklärte sie.

„Das sehe ich.“ Mrs. Watkins hielt den Fragebogen hoch. „Ihre Ehe wurde bereits vor neun Monaten geschieden. Haben Sie während der ganzen Zeit nichts getan?“

„Nein.“

„Das macht es leider nicht gerade einfach, einen Job für Sie zu finden, Mrs. Hammond. Sie haben weder Qualifikationen noch können Sie Empfehlungen vorweisen. Wie soll ein Chef denn wissen, ob Sie zuverlässig sind?“

„Natürlich bin ich das!“, protestierte Juliet schockiert.

„Das glaube ich Ihnen sofort, aber leider steht das nicht in Ihren Papieren. Wenn Sie einen Job wollen, brauchen Sie ein schriftliches Zeugnis über ein früheres Beschäftigungsverhältnis.“

„Aber ich habe doch noch nie gearbeitet.“

„Ich weiß.“ Mrs. Watkins lächelte abfällig.

„Sie können mir also nicht helfen?“

„Zurzeit leider nicht. Es sei denn, Sie wollen irgendwo als Spülhilfe arbeiten.“ Nach einem kurzen spöttischen Lachen wurde sie wieder geschäftsmäßig. „Am Eingang liegen Prospekte über Fortbildungsmaßnahmen. Dort finden Sie alles, von Kochkursen bis zu Fremdsprachenseminaren. Nehmen Sie sich mit, was Sie interessiert, und lesen Sie es sich zu Hause in Ruhe durch. Belegen Sie einen Kurs, und kommen Sie wieder, wenn Sie Referenzen vorzuweisen haben. Ich kann Ihnen nur raten, keine weitere Zeit mehr zu vertrödeln.“

Nur die gute Erziehung, die Juliet von klein auf genossen hatte, half ihr, die Form zu wahren. „Vielen Dank.“ Langsam stand sie auf. „Ich werde darüber nachdenken – oder mir eine andere Agentur suchen.“

„Viel Glück“, wünschte Mrs. Watkins ironisch.

Nach dem Gespräch fühlte Juliet sich deprimierter als je zuvor. Doch was hatte sie erwartet? Wer stellte schon eine Frau ein, die nicht einmal genug Verstand besaß, einen Heiratsschwindler zu durchschauen?

Niedergeschlagen machte sie sich auf den Weg zu ihrem winzigen Apartment. Die schöne alte Villa in Sussex, in der sie geboren und aufgewachsen war, hatte David kurz nach der Hochzeit verkauft. Angeblich, um ein Stadthaus in London zu kaufen. Bei der Scheidung hatte sie jedoch erfahren, dass es lediglich gemietet war.

Ihre Freunde hatten über so viel Naivität nur den Kopf geschüttelt, aber Juliet war in ihrem ganzen Leben noch nie einem Menschen begegnet, der so durchtrieben wie David war. Zu ihrem Glück besaß sie noch die Stadtwohnung ihres Vaters in London, ein kleines Apartment, das allein auf ihren Namen eingetragen war.

Auf halbem Wege zurück entdeckte sie eine kleine Bar und ging kurzentschlossen hinein. Eigentlich trank sie tagsüber keinen Alkohol, aber in ihrer derzeitigen Verfassung konnte ein kleiner Drink nichts schaden. Der Raum war nur schummerig beleuchtet, was sie als sehr angenehm empfand. Sie setzte sich auf einen der Barhocker und wartete auf den Wirt.

Klein und gedrungen, mit einem beträchtlichen Bierbauch, der über dem Gürtel hing, wirkte er geschäftsmäßig und gut gelaunt zugleich. Was für ein Unterschied zu Mrs. Watkins!

„Hallo“, begrüßte er sie, während er mit einem Tuch über den Tresen wischte. „Was darf ich Ihnen bringen?“

Juliet zögerte. Sollte sie ein Viertel Weißwein bestellen?

„Bitte einen Gin Tonic für die Dame, Harry“, sagte jemand, während sie noch überlegte.

Überrascht und wütend zugleich fuhr sie herum, um dem Unbekannten zu sagen, dass sie durchaus in der Lage war, sich selbst etwas zu bestellen. Als sie den Mann erkannte, weiteten sich ihre Augen vor Staunen. Es war niemand anderes als Cary Daniels, ein alter Freund aus Kindertagen, zu dem sie aber keinen regelmäßigen Kontakt mehr hatte und den sie auf ihrer Hochzeit das letzte Mal gesehen hatte. „Cary! Wieso bist du hier und nicht in Kapstadt? Machst du Urlaub?“

„Schön wäre es.“ Er setzte sich neben sie und bezahlte mit einer Zwanzigpfundnote, als der Wirt ihnen die Gläser hinschob. In einem Zug leerte er den doppelten Whisky, den er sich offensichtlich schon vorher bestellt hatte. „Ich arbeite jetzt in London.“

„Wirklich?“

Seit Daniel mit dreizehn nach dem Tod seiner Eltern zu seiner Großmutter nach Cornwall gezogen war, hatte Juliet die engere Verbindung zu ihm verloren. Auf ihrer Hochzeit hatte er jedoch mit einem neuen Job in der Chefetage der südafrikanischen Filiale einer renommierten Investmentbank geprahlt. Anscheinend war der Traum von einer großartigen Karriere nur kurz gewesen. So schnell änderten sich die Dinge. Aber wer wusste das besser als sie?

„Und was machst du so?“ Cary steckte das Wechselgeld in die Hosentasche und sah sie an. Trotz der gedämpften Beleuchtung fiel Juliet auf, wie alt und verlebt er wirkte. Sein Gesicht war aufgedunsen, der Haaransatz weit zurückgegangen, und die umfangreiche Taille ließ auf zu viel Alkohol schließen.

Cary war erst achtundzwanzig, sah aber mindestens zehn Jahre älter aus. Was er wohl erlebt haben mochte? Ob auch er an den Folgen einer gescheiterten Beziehung litt?

„Oh, mir geht es ganz gut“, behauptete sie betont unbeschwert, hob ihr Glas und prostete ihm zu. Beinahe hätte sie sich verschluckt, denn der Cocktail schien mehr Gin als Tonic zu enthalten. „Das Leben geht eben weiter.“

„Ich habe etwas über die Hintergründe deiner Scheidung munkeln hören. Wie kann ein Mann nur so gemein sein!“

„Ja.“ Warum sollte sie ihm widersprechen? „Und ich war eine dumme Gans.“

„Wenn ich in deiner Nähe gewesen wäre, wäre das nicht passiert! Ich hätte dem Schuft gezeigt, wo es lang geht, das kannst du mir glauben. Wo treibt er sich eigentlich herum?“

Juliet biss sich auf die Lippe. Die Anteilnahme rührte sie, doch für einen David Hammond war ein Mann wie Cary kein ernst zu nehmender Gegner. „Wahrscheinlich irgendwo in der Karibik, auf einer der Cayman-Inseln, glaube ich. Wenn es dir recht ist, möchte ich aber nicht weiter über die Sache reden. Was passiert ist, ist passiert, und damit hat es sich.“

„Du warst zu nachgiebig, das ist alles“, tröstete Cary sie. „Wir alle machen unsere Fehler, hinterher ist es immer leicht, klug darüber zu reden.“

„Wie wahr.“ Juliet lächelte traurig.

Doch Cary bohrte weiter. „Jetzt sag schon, wo wohnst du nun?

Dein Elternhaus in Sussex ist doch verkauft worden.“

„Das stimmt. Daddy besaß jedoch noch ein Apartment hier in der Stadt, in Knightsbridge. Da lebe ich jetzt, nichts Großartiges, aber es gehört wenigstens mir.“

„Wie kann ein Mann nur so gemein sein!“, betonte Cary zum zweiten Mal. „Bestimmt musst du jetzt arbeiten gehen.“

„Ich suche gerade einen Job“, gab Juliet ehrlich zu. „Was ausgesprochen schwierig ist, weil ich nichts gelernt habe und keine Referenzen vorweisen kann. Und mir von Freunden irgendwelche Zeugnisse ausstellen zu lassen, das lehne ich ab.“

„So, so.“ Cary bestellte sich den nächsten Whisky und deutete auch auf ihr Glas, doch Juliet schüttelte nachdrücklich den Kopf. „Was willst du tun? Hast du einen bestimmten Plan?“

„Leider nicht. Und was ist mit dir?“ Juliet wollte endlich das Thema wechseln. „Bist du immer noch bei der Bank?“

„Nein.“ Er griff zum Glas. „Die Banken wollen nichts mehr von mir wissen, seit ich für einen Riesenskandal gesorgt habe. Das musst du doch wissen, die Geschichte stand im Wirtschaftsteil jeder Tageszeitung.“

Vor lauter eigenen Sorgen verfolgte Juliet in letzter Zeit kaum, was die Medien berichteten. „Was ist passiert?“

„Ich habe zu waghalsig mit Kundenaktien spekuliert, was die Bank einige Millionen Dollar gekostet hat. Im Grunde kann ich froh sein, dass man mich nicht haftbar gemacht hat.“ Nachlässig zuckte er die Schultern. „Offensichtlich besitzt Großmama in Finanzkreisen immer noch beträchtlichen Einfluss, sonst wäre ich nicht mit einem Verweis davongekommen.“

Juliet war fassungslos. „Einige Millionen Dollar!“

„Wenn schon, denn schon. Ich mache keine halben Sachen.“ Wieder trank er einen kräftigen Schluck. „In südafrikanischen Rand klingt der Betrag noch gewaltiger, das darfst du mir glauben. Man hatte Risikobereitschaft von mir erwartet, und die habe ich gezeigt. Leider fehlte mir aber das glückliche Händchen.“

Immer noch erschüttert schüttelte Juliet den Kopf. „War deine … War Lady Elinor sehr wütend?“

„Wütend ist gar kein Ausdruck! Sie hat Gift und Galle gespukt. Unser Verhältnis war schon immer gespannt, doch seit dem Vorfall in Südafrika scheine ich es endgültig mit ihr verdorben zu haben.“

Gedankenverloren starrte Juliet in ihr Glas. An Lady Elinor Daniels erinnerte sie sich sehr gut, die würdige alte Frau war für sie immer eine Furcht einflößende Autoritätsperson gewesen. Cary hatte als Teenager zu seiner Oma ziehen müssen, weil seine Eltern mit ihrer Segeljacht im Südpazifik verschollen und für tot erklärt waren. Und Juliet hatte ihren Freund, der bei seiner ungeliebten Großmutter leben musste, aufrichtig bedauert.

Sie hob den Kopf. „Aber du hast wieder einen Job gefunden?“

„Aushilfsweise, ja.“ Cary lachte bitter. „Ob du es glaubst oder nicht, ich arbeite in einem Kasino. Natürlich habe ich nichts mit Geld zu tun, sondern begrüße die Gäste und sorge für Ordnung – ich bin ein besserer Türsteher.“

„Das gefällt Lady Elinor bestimmt nicht!“

„Sie weiß nichts davon. Für sie arbeite ich in einem Büro. Großmama hofft noch immer, dass ich eines Tages eine gesellschaftlich akzeptable Frau finde, mich auf Tregellin niederlasse und die Ländereien verwalte. Allein dieser hergelaufene Marchese kann mir gefährlich werden. Er liegt ständig auf der Lauer, ob ich nicht einen taktischen Fehler mache.“

Obwohl Cary ihrer Meinung nach schon mehr als nur einen taktischen Fehler gemacht, hielt Juliet sich zurück. „Marchese?“, fragte sie nachdenklich.

„Ja, Raphael Marchese, um genau zu sein. Das Ergebnis eines bewussten Fehltritts meiner Tante Christina. Jetzt behaupte nur nicht, du würdest ihn nicht kennen!“

„Stimmt, du hast ja einen Cousin!“

„Er ist nicht mein Cousin, sondern unehelich und damit ein Bastard“, korrigierte Cary sie beleidigt. „Freundschaftliche Gefühle für ihn kannst du von mir wirklich nicht erwarten. Schon immer hat er alles getan, um einen Keil zwischen Großmama und mich zu treiben. Ich werde ihm nie verzeihen, wie er mich behandelt hat, als ich damals nach Tregellin kam.“

„Ist er nicht älter als du?“

„Einige Jahre, er muss jetzt etwas über dreißig sein. Auf alle Fälle ist er mir ein Dorn im Auge – was Großmama natürlich weiß. Sie liebt es, mich damit aufzuziehen, dass sie ihm das Gut vermachen würde. Das ist aber nicht ernst gemeint.“ Jetzt lachte Cary selbstgefällig. „Dazu ist sie viel zu konventionell.“

„Aber wenn deine Tante wirklich nicht verheiratet war, wieso heißt Raphael dann nicht wie sie?“

„Weil sie auf der Geburtsurkunde Carlo Marchese als Vater angegeben hat. Was ein Witz ist, denn der gute Carlo wird von einem Sohn nicht das Leiseste geahnt haben. Christina war ihr Leben lang unstet und flatterhaft, ständig auf der Suche nach einer noch interessanteren Abwechslung.“

„Ich dachte, sie sei Malerin gewesen.“ Juliet erinnerte sich an die Erzählungen ihres Vaters.

„Nein, sie hielt sich lediglich für eine. Wie dem auch sei, Raphael ist sehr früh Waise geworden – das ist auch das Einzige, was wir gemeinsam haben. Nach zu vielen Cocktails stürzte seine Mutter vom Balkon eines Hotels in Interlaken, wo sie mit ihrer letzten Eroberung abgestiegen war.“

„Wie schrecklich!“ Insgeheim wunderte Juliet sich, wie Cary über Christina redete, immerhin handelte es sich um seine Tante. Sie sah zur Uhr. Wenn sie sich noch etwas zu essen kaufen wollte, musste sie sich auf den Weg machen. Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her.

Cary schien es nicht zu bemerken und redete unbeeindruckt weiter. „Nächste Woche werde ich übrigens Großmama besuchen.“ Er lächelte spöttisch. „Ich habe ihr erzählt, meine Freundin würde sie gern kennenlernen.“

„Du hast eine Freundin? In Kapstadt oder in London?“

„Weder noch, sie existiert nämlich überhaupt nicht. Ich habe sie einfach erfunden, um meine Ruhe zu haben, weil Großmama mir ständig in den Ohren liegt, endlich zu heiraten.“

„O Cary!“

„Ich weiß, ich weiß!“ Er winkte dem Wirt, um sich den dritten Drink zu bestellen. „Wo soll ich nur bis nächsten Donnerstag, ein gesellschaftsfähiges Mädchen hernehmen? Meine Vorlieben gehen in eine ganz andere Richtung.“

Juliet hielt den Atem an. „Bist du schwul?“

„Wie kommst du denn darauf?“ Cary schnaufte beleidigt. „Nein, aber die Frauen, die mir gefallen, kann ich schlecht einer Lady Elinor vorstellen. Ich will noch keine Familie gründen, Juliet. Ich bin erst achtundzwanzig und möchte meinen Spaß haben. Ich will keine Frau und plärrende Kinder, die an meinem Rockzipfel hängen.“

Was war nur aus dem verschüchterten kleinen Jungen ihrer Kinderzeit geworden? Juliet fand Carys Entwicklung unbegreiflich. Lag es an Lady Elinors Einfluss, oder hatte Cary schon immer diesen Hang zur Rücksichtslosigkeit gehabt? Er erinnerte sie stark an David.

Sie bemerkte, wie er plötzlich den Kopf hob und sie eingehend von der Seite betrachtete. Oh nein, dachte sie, hoffentlich hat er es nicht auf mich abgesehen! So verzweifelt sie auch war, mit Cary würde sie sich nun wirklich nicht abgeben. Eilig glitt sie vom Barhocker.

„Ich muss jetzt gehen“, erklärte sie.

„Wohin?“

Was ging ihn das an? „Nach Hause, natürlich“, antwortete sie kurz.

Er nickte. „Du hättest nicht zufällig Lust, mit mir essen zu gehen, oder?“

„O Cary!“

„Das dachte ich mir. Und eigentlich kann ich dir meinen Vorschlag auch ebenso gut hier machen. Wie wäre es, wenn du mich nach Tregellin begleitest und meine Freundin spielst? Du suchst einen Job – ich biete dir einen an, und ich zahle gut.“

Fassungslos sah sie ihn an. „Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein!“

„Und warum nicht? Wir sind gut befreundet. Wem schaden wir damit?“

„Cary …“

„Juliet! Großmama würde es dir sofort abnehmen. Du weißt, sie mochte dich schon immer.“

„Sie kennt mich kaum.“

„Das stimmt nicht, sie weiß viel über dich“, widersprach Cary. „Und wenn wir zurück sind, werde ich dir eine Referenz schreiben, mit der du dann den nächsten Job bekommst.“

„Einen richtigen Job?“

„Das ist ein richtiger Job, Juliet, worauf du dich verlassen kannst. Bitte sag Ja, was hast du schon zu verlieren?“

2. KAPITEL

Wegen der Flut war der Strand vor Tregellin unsichtbar. Das Meer hatte ihn überspült, Seevögel ließen sich auf den Wellen treiben, und die Gischt gleißte in der Sonne. Das heruntergekommene Haus wirkte plötzlich malerisch.

Hier fehlt ein Besitzer, dem das Anwesen am Herzen liegt, dachte Raphael und lenkte seinen mit Schlamm bespritzten Jeep die gewundene Zufahrt hinunter. Er jedoch würde niemals dieser Besitzer sein, denn was immer Lady Elinor auch behauptete, dem illegitimen Sohn eines Olivenbauers würde sie Tregellin auf keinen Fall vererben.

Was ihn aber gar nicht betrübte. Jetzt, da sein Atelier lief, fehlte ihm ohnehin die Zeit, eine grundlegende Renovierung des alten Herrenhauses zu planen und zu überwachen. Die Bücher zu führen, auf pünktliche Zahlung der Steuern zu achten, den Rasen zu mähen und den Garten einigermaßen frei von Unkraut zu halten war schon mehr als genug für ihn.

Außerdem besaß er auch nicht das nötige Kapital, um einem Anwesen wie diesem wieder zu der einstigen Pracht zu verhelfen. Falls Lady Elinor wirklich so reich sein sollte, wie die Leute immer behaupteten, verbarg sie es äußerst geschickt.

Cary gehörte zu jenen, die seine Großmutter für eine äußerst vermögende Frau hielten, daher riss er sich darum, von ihr eingeladen zu werden und redete ihr stets nach dem Mund. Seine Schmeicheleien fand Raphael einfach nur abstoßend. Hätte Cary auch nur etwas Charakter gezeigt, hätte Raphael ihn längst über die Absichten Lady Elinors aufgeklärt. Denn die alte Dame liebte die Macht und nicht ihren Enkel. Sollte sie Tregellin tatsächlich eines Tages Cary vermachen, würde das unter hohen Auflagen geschehen. Niemals würde er freie Verfügungsgewalt über den Besitz erlangen, so wie er sich das erhoffte.

Egal, wie das Testament ausfiel, Raphael bezweifelte, dass nach Lady Elinors Tod noch genug Geld für die Erbschaftssteuer vorhanden war. Tregellin müsste verkauft werden. Doch das war Cary bestimmt nur recht. Mit etwas Glück würde der Erlös gerade reichen, außer Steuern und Notarkosten auch noch die Schulden seiner Großmutter zu begleichen.

Die alte Dame lebte schon seit einiger Zeit auf Kredit, dessen war sich Raphael ziemlich sicher. Die Zinnminen, die den Daniels ihren Reichtum beschert hatten, waren ausgebeutet und seit fünfzig Jahren stillgelegt. Die Ländereien warfen trotz Milchwirtschaft und Verpachtung der Ackerflächen kaum etwas ab. Und alle möglichen Verbesserungen kosteten Zeit.

Doch gerade die Zeit wurde immer knapper. Raphael seufzte. Lady Elinors Gesundheit war nicht mehr die beste. Der Gedanke, was nach ihrem Tod mit Tregellin passieren würde, bedrückte ihn. Haus und Gartenanlagen verdienten es, wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt zu werden. Wahrscheinlich jedoch mussten sie dazu herhalten, die Schulden einer verkrachten Existenz wie Cary Daniels zu begleichen.

Am schon lange vernachlässigten Tennisplatz vorbei fuhr Raphael zum Haupteingang des Hauses. Es lag mit der Front zur See, etwas erhaben und weithin sichtbar. Raphael dachte daran, wie glücklich er als Kind gewesen war, wenn er zum Bootshaus gehen durfte, um das kleine Boot herauszuholen, in dem ihm Sir Henry das Rudern beigebracht hatte.

Seinen Erinnerungen nachhängend, stieg er aus und ergriff die große Tüte mit den Einkäufen aus dem Supermarkt. Lady Elinor würde zwar über das Geschenk schimpfen, Josie Morgan dagegen würde sich freuen. Sie war Lady Elinors Haushälterin und Gesellschafterin in einem und fast ebenso alt wie ihre Dienstherrin.

Obwohl Raphael vor dem Haupteingang parkte, betrat er das Haus durch die Küche. Hitchins, Lady Elinors Pekinese, begrüßte ihn mit lautem Gekläff. Schon etwas ältlich und auf einem Auge blind, wollte Hitchins unbedingt auf den Arm genommen werden, Raphael kraulte ihn jedoch nur kurz, ging zum Tisch und packte die Tüte aus.

In diesem Moment betrat Josie ihr Reich. Sie stellte das Tablett mit einer leeren Kanne und zwei Tassen neben die Spüle und begutachtete die Einkäufe.

„Filetsteak!“ Sie war begeistert. „Du verwöhnst uns, Raphael.“

„Wer sonst, wenn nicht ich? Wie geht es der alten Dame heute? Ich wollte schon gestern Abend kommen, aber mir ist etwas dazwischengekommen.“

„Das Etwas hieß bestimmt Olivia“, neckte Josie ihn, während sie Fleisch, Käse und Gemüse in den uralten, laut brummenden Kühlschrank räumte.

„Du solltest nicht so viel auf das Gerede im Dorf geben.“ Raphael verstaute das Brot im Kasten. „Wo ist Lady Elinor? Ich möchte gleich zu ihr.“

„Soll ich noch einmal frischen Kaffee aufsetzen?“

„Nein, nicht nötig.“ Er zog eine Dose Ingwerlimonade aus der Tüte. „Ein Glas brauche ich nicht“, winkte er ab, als Josie zum Küchenschrank gehen wollte. „Sitzt sie im Wintergarten?“

„Wie immer.“ Nickend strich Josie eine Strähne ihres silbergrauen Haars aus dem Gesicht. „Sie hat dein Auto bestimmt gehört. Trotz ihres Alters hat sie immer noch Ohren wie ein Luchs.“

Mit Hitchins auf den Fersen verließ Raphael die Küche. Durch das Frühstückszimmer betrat er den Wintergarten an der Schmalseite des Hauses. Von hier hatte man einen ungehinderten Blick auf den Mündungsbereich eines gewundenen Flusses, auf dem sich die verschiedensten Wasservögel tummelten und an dessen Ufer knorrige Trauerweiden standen.

Lady Elinor saß in einem Rattansessel, die aufgeschlagene Zeitung mit dem fast vollständig ausgefüllten Kreuzworträtsel vor sich auf dem Tisch. Sie brüstete sich damit, das tägliche Rätsel spätestens um elf Uhr gelöst zu haben. Heimlich sah Raphael auf die Uhr. Ihr blieben noch genau fünfzehn Minuten.

„Wenn du keine Zeit hast, lass dich bitte nicht aufhalten“, bemerkte sie spitz. Auch die Augen seiner Großmutter funktionierten noch tadellos.

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