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So tapfer und so zauberhaft

1. KAPITEL

Das Telefon klingelte, und wie immer war der Zeitpunkt äußerst ungünstig. Oft schwieg das Ding tagelang, nur um genau dann zu klingeln, wenn Logan O’Brian gerade unter der Dusche stand oder weiblichen Besuch hatte. Oder es störte, wenn er sich – wie in diesem Augenblick – ein Baseballspiel im Fernsehen ansah. Und das war das schlimmste Szenario überhaupt.

Logan stellte den Ton leiser, griff nach dem Hörer und rief gereizt: „Ja?“

„Tut mir leid, wenn ich störe, Boss, aber wir haben hier einen Vorfall.“

Es war der gute alte Bob, Logans rechte Hand. Immer wenn ein Problem auftauchte, klang der pensionierte Polizist, als arbeitete er für einen Geheimagenten und nicht als Fahrer für die wohlhabende Gesellschaft Houstons.

„Es ist spät, Bob. Ich bin erst seit einer Stunde zu Hause und sehe mir gerade das Baseballspiel an. Also, wenn nicht jedes Fahrzeug, das ich besitze, auf einmal kaputt gegangen ist, können Sie es alleine regeln.“

„Wir sollen eine vollkommen betrunkene Frau nach Hause fahren.“

Das ist keine Seltenheit, dachte Logan. „Und was ist daran das Problem?“

„Es ist Jenna Fordyce.“

Die Tochter seines wichtigsten Kunden, Avery Fordyce. Logans Firma kümmerte sich um alle Transporte, die der Millionär benötigte. „Was ist mit Calvin?“

„Er hat frei. Ich würde es ja übernehmen, aber ich fahre eine Hochzeitsgesellschaft zum Flughafen. Der alte Fordyce vertraut Ihnen, und da dachte ich …“

„Schon gut, Bob.“ So viel zu seinem freien Abend, an dem er endlich mal richtig ausspannen wollte. „Ich regle das. Wo ist sie?“

„In einem Club namens La Danza. Er ist an der …“

„Ich kenne den Club.“ Im vergangenen Jahr war er öfters dort gewesen. Der Nachtclub lag nicht weit von seiner Wohnung entfernt, aber bis zum Anwesen der Fordyces musste man eine gute halbe Stunde einplanen.

„Der Türsteher hat vor fünf Minuten angerufen“, informierte ihn Bob. „Er sagte, er bleibe bei ihr, bis sie abgeholt wird. Sie muss in einem schlechten Zustand sein.“

Das überraschte Logan nicht. Das Lokal war für seine hochprozentigen Drinks berüchtigt. „In Ordnung. Bin schon unterwegs.“

Logan legte auf und lief die Treppen hinauf, um sich anzuziehen. Zu seinem ausgeblichenen blauen T-Shirt wählte er eine Jeans und Wanderstiefel. Einen solchen Aufzug hätte er bei seinen Angestellten während der Geschäftszeiten nie toleriert. Aber der betrunkenen Fordyce-Tochter fiel das sicher nicht weiter auf.

In der Tiefgarage entschied Logan, statt des Sportwagens den Geländewagen zu nehmen. Wer weiß, vielleicht wurde ihr übel? Gott, er hoffte, dass ihm das erspart blieb. Das würde seinen Abend vollends ruinieren.

Logan fuhr durch die Stadt und überlegte, woran er Jenna Fordyce in der Menge erkennen sollte, schließlich kannten sie sich nicht. Einmal hatte er sie auf einem gerahmten Foto auf Averys Schreibtisch gesehen: eine schöne, dunkelhaarige junge Frau auf ihrer Schulabschlussfeier. Daddys kleine Prinzessin … Wie deine Ex-Verlobte, durchfuhr es Logan, die behauptet hatte, schwanger zu sein. Zum Glück hatte er den Bluff aufdecken können, bevor er ihr in die Falle gegangen war.

Ja, von piekfeinen Ladys hatte Logan genug, und er bezweifelte, dass Jenna Fordyce sich von den anderen unterschied, vor allem, da sie das einzige Kind eines verwitweten Großindustriellen war.

Wenige Minuten später parkte Logan seinen Wagen hinter einer Stretchlimosine. Es war der einzige freie Parkplatz unter dem Säulenvorbau des Fünfsternehotels, das den beliebten Nachtclub beherbergte. Logan trat hinaus in die laue Juni-Nacht. Dabei fiel sein Blick auf einen bulligen Typen. Der Mann stand ein paar Meter entfernt und hatte den Arm um eine Frau gelegt.

Je näher Logan dem Paar kam, desto sicherer war er, Jenna Fordyce gefunden zu haben. Zwar war sie etwas älter als auf dem Foto von damals, aber sie sah noch immer umwerfend aus. Sie trug eine blaue ärmellose Bluse zu einem weißen knielangen Rock. Schuhe mit niedrigem Absatz vervollständigten das konservative Outfit. Ihre braunen Haare fielen lockig über die Schultern. Eine Sonnenbrille verdeckte die Augen. Außerdem drückte sie ein weißes Tuch an ihre rechte Augenbraue. Vermutlich hatte sie ganz ordentlich einen sitzen.

Logan ging auf das ungleiche Paar zu, nickte dem Türsteher zu und fragte die Frau an dessen Seite: „Ms. Fordyce?“

Sie drehte den Kopf in seine Richtung. „Ja?“

„Ich bin Logan O’Brien, der Eigentümer des Transportservices Ihres Vaters.“

Logan streckte ihr die Hand hin, aber Jenna ignorierte sie. Stattdessen kramte sie in ihrer Rocktasche, zog mehrere Geldscheine heraus und drückte sie dem Türsteher in die Hand.

„Das sollte für die Rechnung reichen, Johnny. Der Rest ist als Dank für Ihre Hilfe. Könnten Sie meiner Freundin ausrichten, dass ich gegangen bin?“

„Wie sieht sie denn aus?“, fragte Johnny.

„Eine hübsche Blondine“, erwiderte Jenna. „Sie heißt Candice und sitzt an der Bar.“

Johnny sah Logan an, den Arm fest um die dunkelhaarige Frau gelegt. „Jemand sollte sich die Wunde ansehen. Sie ist heftig gestürzt, aber sie will nicht, dass ich den Notarzt rufe.“

Jenna wischte die Bemerkung mit einer Geste beiseite. „Es ist nichts.“

Logan bemerkte, dass der Stoff blutdurchtränkt war. So eine Verletzung konnte ernsthafte Folgen haben. „Johnny hat recht. Ein Arzt sollte das untersuchen.“

„Können wir das im Auto besprechen?“, fragte Jenna gereizt.

Sicher, dachte Logan. Sie konnten den ganzen Weg zum Krankenhaus darüber debattieren, aber in diesem Zustand würde er Fordyce’ Tochter ganz bestimmt nicht alleine lassen. „Gehen wir.“

Logan legte den Arm um die Taille der Frau und umfasste ihren Ellbogen mit einer Hand. Langsam führte er sie zum Auto. Dabei fiel ihm auf, wie zierlich sie war: bestimmt dreißig Zentimeter kleiner als er. Nicht dein Typ, dachte Logan. Er bevorzugte Frauen mit mehr Substanz – äußerlich wie innerlich.

Als sie am Auto ankamen, öffnete Logan die Beifahrertür, half Jenna auf den Sitz und schnallte sie an. So weit, so gut. Auf dem Weg hierher war sie nicht wieder gestürzt. Obwohl sie sicher gestolpert wäre, hätte er sie losgelassen. Was auch immer sie getrunken hatte, es musste ganz schön stark gewesen sein.

Seltsam, sie riecht gar nicht nach Alkohol, dachte Logan. Stattdessen nahm er einen Hauch ihres Parfüms wahr. Ein sehr dezenter, unaufdringlicher Duft.

Logan kletterte auf den Fahrersitz, schaltete das Licht ein und zog sein Handy hervor. „Möchten Sie Ihrem Vater mitteilen, was los ist, oder soll ich das tun?“

„Viel Glück dabei“, antwortete Jenna. „Er ist geschäftlich in Chicago. Und das Personal hat den Abend frei.“

„Kann ich sonst jemanden anrufen?“

„Nein.“ Sie zögerte. „Fahren Sie mich nach Hause. Ich schaffe das schon.“

Aber erst wollte Logan sich die Schnittwunde genauer besehen. Er streckte seine Hand aus, um den Stoff zu entfernen. Erschrocken fuhr sie auf.

„Entspannen Sie sich“, sagte er und nahm den behelfsmäßigen Verband ab. „Ich möchte nur sehen, wie schlimm es ist.“

„Es ist nur ein kleiner Kratzer“, entgegnete Jenna. „Ich habe nähere Bekanntschaft mit der Wand vor der Damentoilette geschlossen, als ich gestolpert bin.“

„Das muss genäht werden, und das Krankenhaus ist ganz in der Nähe.“

„Kein Krankenhaus.“ Ihre Stimme klang leicht panisch. „Notaufnahmen und Ärzte sind nichts für mich.“

Wollte sie nicht, dass man einen Bluttest durchführte? Das würden bestimmt ein paar lustige Schlagzeilen, wenn die Presse von ihrer Trunkenheit Wind bekam.

„Sie könnten eine Gehirnerschütterung haben“, warnte Logan.

„Das trifft sicher nicht zu.“

„Sind Sie Ärztin, Ms. Fordyce?“

„Sind Sie Arzt, Mr. O’Brien?“, konterte Jenna.

Zum ersten Mal in seinem Leben wünschte sich Logan, er wäre einer. Dann könnte er sie untersuchen – selbstverständlich rein medizinisch. Doch die Medizin war nicht seine Berufung gewesen … Plötzlich kam ihm eine Idee.

„Hören Sie, mein Bruder ist Arzt. Er wohnt etwa zehn Minuten von hier entfernt. Er könnte einen Blick darauf werfen.“

Jenna sah ihn nachdenklich an, dann antwortete sie: „Einverstanden, aber nur, wenn Sie mich dann heimbringen.“

Kein Problem, dachte Logan, das hatte ich ohnehin vor. „Ich rufe ihn an. Vielleicht hat er Zeit.“

Logan wusste, dass sein Bruder daheim war. Am frühen Abend hatte er mit ihm telefoniert. Devin hatte einen der seltenen freien Tage als leitender Oberarzt.

Nach zweimaligem Klingeln antwortete Devin mit seinem üblichen: „Dr. O’Brien.“

„Hey, Dev, ich bin’s, Logan. Tut mir leid, dass ich so spät störe.“

„Ich bin noch wach, dank einem Kind, das denkt, jetzt sei Zeit zum Spielen und nicht Schlafenszeit. Was gibt es?“

„Eine Kundin benötigt ärztliche Hilfe, ist aber nicht erpicht, in die Notaufnahme zu gehen.“ Er sah schnell in Jennas Richtung. Sie hatte den Blick auf die Windschutzscheibe geheftet. „Sie hat eine Wunde an der Stirn. Könntest du dir das mal ansehen?“

Devin lachte leise. „Eine Kundin? Nennt man das heutzutage so?“

Logan ging nicht weiter darauf ein. „Wenn du mir hilfst, überlasse ich dir meine Saisonkarten für das Heimspiel deiner Wahl.“

„Abgemacht. Aber wenn es etwas Ernstes ist, muss sie trotzdem in die Notaufnahme.“

Das könnte schwierig werden. Aber welche Wahl blieb ihm? „Einverstanden.“

„Warte kurz.“

Im Hintergrund hörte Logan gedämpfte Stimmen, Devin besprach sich mit seiner Frau. Wenige Augenblicke später war sein Bruder wieder am Apparat. „Stacy hat nichts dagegen, aber unter einer Bedingung – abgesehen von den Karten: Ich komme zu dir und bringe Sean mit. Beim Autofahren wird er hoffentlich endlich müde.“

„Kein Problem. Bis gleich.“

Logan klappte das Telefon zu und wandte sich zu Jenna. „Wir treffen uns bei mir.“

Jenna hielt ihren Blick fest auf das Armaturenbrett gerichtet. „Wo wohnen Sie?“

„In der Stadt. Nur ein paar Kilometer von hier.“

„Danke. Ich hoffe, ich mache Ihnen nicht zu viel Ärger.“

„Überhaupt nicht“, beruhigte er sie. Aus den Augenwinkeln betrachtete er die ausgesprochen hübsche Frau neben ihm. Dann rief er sich wieder zur Vernunft. Dass ihm ihre Reize gefielen, konnte durchaus für Ärger sorgen. Vergiss nicht, sie ist die Tochter deines wichtigsten Kunden!

„Kann ich das Tuch jetzt fortnehmen?“, fragte Jenna ihn.

„Lassen Sie mal sehen.“ Er berührte mit seinem Zeigefinger ihr Kinn und hob ihr Gesicht leicht an.

Na gut, sie hatte eine weiche Haut und einen sinnlichen Mund. Aber das hatten viele Frauen. „Es hat aufgehört zu bluten, Sie können es weglassen“, bestätigte er und legte seine Hände wieder auf das Lenkrad. Seine Gedanken lenkte er aufs Geschäft, denn da gehörten sie hin.

Langsam fuhr Logan zurück in sein Loft. Während der gesamten Fahrt behielt Jenna die Sonnenbrille auf, ihr Blick blieb unverwandt nach vorne gerichtet. Abgesehen von einem gemurmelten Danke, als er ihr aus dem Auto und in den Fahrstuhl half, sagte sie nichts. Logan hatte sich vorgenommen, Abstand zu wahren, aber sie schien unsicher auf den Beinen, daher hielt er sie fest, bis sie in einem Klubsessel im Wohnzimmer saß.

„Das ist eine nette Wohnung“, bemerkte Jenna.

Um endlich mehr Abstand zu ihr halten zu können, ließ sich Logan ihr gegenüber auf das Sofa fallen. „Ich habe sie von meiner Schwester und meinem Schwager gekauft.“

„Dann haben Sie einen Bruder und eine Schwester?“, kombinierte Jenna.

„Genau genommen sind es vier Brüder und eine Schwester.“

Sie lachte begeistert. „Wie schön! Ich bin ein Einzelkind und kann mir gar nicht vorstellen, eine so große Familie zu haben. Wie sind Ihre Eltern?“

„Sie leben noch immer im Arbeiterviertel im Westen Houstons, wo ich aufgewachsen bin.“ Dabei betonte er das Wort Arbeiterviertel ganz besonders. Logan wollte, dass Jenna Fordyce von vornherein wusste, dass er nicht aus ihrer Gesellschaftsschicht stammte.

Logan fiel auf, dass sie keinerlei Anstalten machte, ihre Sonnenbrille abzunehmen. Daher sagte er: „Sie können Ihre Brille jetzt absetzen. Ich weiß, wie es Ihnen geht.“

Mehrmals rieb Jenna ihre Hände gegeneinander, bevor sie antwortete. „Das Licht tut mir weh in den Augen.“

Mann, er wollte morgen früh nicht an ihrer Stelle sein. „Wenn Sie glauben, das sei schlimm, warten Sie bis morgen.“

„Warum?“

Offenbar hatte sie noch nie einen richtigen Kater erlebt. „Aus Ihrer Frage schließe ich, dass Sie nicht sehr oft trinken.“

„Nein. Ich mache mir nicht viel aus Alkohol. Gelegentlich trinke ich ein Glas Wein, aber mehr nicht.“

Das könnte die Erklärung sein. Aber Logan beschlich das Gefühl, dass etwas faul war. Ihre Aussprache klang nicht im Mindesten lallend, ihre Sätze waren zusammenhängend. Ob sie zu den Glücklichen gehörte, die sich betrinken und dennoch nüchtern wirken?

Wieder wurde Jenna still. Einen Moment überlegte Logan, ob er den Fernseher einschalten und das Baseballspiel weiter ansehen sollte, aber seine Überlegungen wurden von der Türklingel unterbrochen. Die erwartete Hilfe war bereits eingetroffen.

Logan stemmte sich vom Sofa und öffnete seinem Bruder die Tür. Devin trug einen kleinen Arztkoffer bei sich und hatte einen Jungen im Schlafanzug auf dem Arm.

Logan trat beiseite, damit sein Bruder eintreten konnte. „Du bist aber schnell.“

„Der Bereitschaftsdienst hat einen Vorteil: Man lernt den schnellsten Weg“, erklärte Devin. „Wo ist die Patientin?“

„Im Wohnzimmer.“ Dort angekommen, deutete Logan auf seinen Gast. „Devin, das ist Jenna Fordyce.“

Jenna hielt Devin lächelnd ihre Hand hin. „Es freut mich, Sie kennenzulernen. Ich hoffe, ich vergeude nicht Ihre Zeit.“

„Gewiss nicht“, erwiderte Devin und reichte dabei seinen Sohn Sean an Logan weiter. Dann zog er einen Hocker vor den Sessel. „Dann sehen wir uns die Wunde einmal an.“

Logan deutete mit dem Daumen über seine Schulter. „Wir gehen in die Küche. Vielleicht finden wir ja ein paar Kekse …“

Devin warf ihm einen strengen Blick zu. „Aber nur einen. Wenn ich Sean mit einem Zuckerhoch heimbringe, gibt’s Ärger.“

Eigentlich hatte Logan seine Schwägerin als umgänglich eingeschätzt, aber darauf ankommen lassen wollte er es nicht. „Keine Sorge.“

In der angrenzenden Küche warf er Sean spielerisch in die Luft, was dem kleinen Jungen einen freudigen Jauchzer entlockte. „Du wirst langsam schwer, Kumpel“, erklärte Logan ihm, als er ihn auffing und auf den Küchentresen setzte. „Ich habe nur einen Keks mit Schokosplittern.“

Sean antwortete mit einem breiten Grinsen und dem Wort „Keks“ – kein Zweifel also, dass sie sich blendend verstehen würden. Logan öffnete einen Schrank, holte einen Keks aus der Verpackung und reichte ihn seinem Neffen, der vor Freude quietschte. Ein Gutes hatten kleine Kinder: Sie waren einfach zufriedenzustellen. Im Gegensatz zu bestimmten Frauen …

Aber noch bevor Sean das letzte Stückchen verdrückt hatte, streckte er auch schon die Hand aus und wackelte mit seinen kleinen Fingerchen. „Mehr.“

„Das ist keine gute Idee, Kumpel.“ Suchend blickte sich Logan in der Küche nach einer anderen Form der Unterhaltung um. Sein Blick fiel auf einen Holzlöffel, der aus einem Behälter mit selten benutzten Küchenutensilien ragte. „Wie wäre es, wenn wir deinen Schlagarm trainieren, junger Mann?“

Aber Sean entschied, dass sich der Löffel besser zum Trommeln eignete, und begann, ohne das geringste Gefühl für Rhythmus auf den Tresen zu hämmern. Dabei brabbelte er fröhlich vor sich hin. Und solange es den Kleinen glücklich machte, hatte sein Onkel nichts dagegen.

Die Durchreiche bot Logan einen guten Blick in das Wohnzimmer. Devin hatte die Wunde mit dünnen weißen Pflasterstreifen abgeklebt. Im Moment leuchtete er Jenna mit einer Stiftlampe in die Augen. Logan sah, dass die beiden etwas miteinander besprachen, aber er verstand kein Wort, denn Sean hatte eine Blechdose zum Trommeln gefunden.

Mit einem finsteren Gesichtsausdruck kam Devin schließlich in die Küche. „Die Kopfverletzung ist nicht so ernst. Dennoch sollte sie jemand heute Nacht im Auge behalten, falls sie eine leichte Gehirnerschütterung hat.“

Genau das war das Problem. „Bei ihr zu Hause ist niemand“, erklärte Logan. „Wenn du so besorgt bist, solltest du sie ins Krankenhaus einweisen.“

„Vielleicht solltest du sie in deinem Gästezimmer übernachten lassen.“

Das passte keineswegs zu Logans Plänen, Abstand zu dieser Frau zu halten. „Keine gute Idee.“

Devin runzelte die Stirn. „So kenne ich dich gar nicht. Normalerweise schlägst du keiner gut aussehenden Frau etwas ab.“

„Einer betrunkenen gut aussehenden Frau, die zufällig das Kind eines millionenschweren Kunden ist, schon. Ihm wird es im Übrigen missfallen, wenn ich die Nacht mit seiner Tochter verbringe.“

Devin fuhr sich mit der Hand über den verspannten Nacken. Dabei sah er starr auf den Küchenboden. „Sie ist nicht betrunken, Logan. Sie erblindet.“

2. KAPITEL

Das vergangene Jahr hatte Jenna Fordyce in einer Welt voller Schatten und Einsamkeit verbracht. Dann entschied sie sich endlich, einmal für eine Nacht ihren sicheren Hafen zu verlassen, und was geschah? Sie hatte eine Wunde an der Stirn, womöglich eine Gehirnerschütterung, und dann wurde sie auch noch von einem Arzt, der dienstfrei hatte, in der Wohnung eines seltsamen Mannes untersucht.

Jenna hatte mit der Zeit gelernt, ihre Sinne einzusetzen. Im Moment hörte sie leises Stimmengemurmel. Zweifellos informierte der Arzt seinen Bruder, dass sie so gut wie blind war – und nicht betrunken.

Dann glaubte Jenna, tapsende Kinderfüße zu hören. Angestrengt blinzelte sie und erkannte durch den Schleier ihrer versagenden Augen schemenhaft eine kleine Gestalt. Dann spürte Jenna eine kleine Hand an ihrem Bein. Instinktiv öffnete sie ihre Arme für das Kind.

Sean kletterte auf ihren Schoß und drückte seine Wange an ihre Brust. Jenna atmete den süßen Babyduft ein, und ihre Gedanken wanderten zu einem anderen kleinen Jungen, der nur noch eine Stimme am Telefon war. „Ich liebe dich, Mommy“ – diese kostbaren Worte waren es, die Jenna die einsamen Tage und Nächte aushalten ließen.

„Nichts ist schöner, als es sich im Schoß einer Frau bequem zu machen, nicht wahr, Sean?“

Das war Devin O’Briens Stimme. Jenna hatte den warmherzigen Arzt gleich gemocht. Sein Bruder war ein etwas schwierigerer Fall. Über ihn hatte Jenna noch kein Urteil gefällt. „Er stört mich nicht, Devin“, versicherte Jenna.

„Aber der junge Mann muss ins Bett, er ist endlich müde.“

Devin hob Sean von ihrem Schoß, und Jenna setzte sofort wieder ihre Brille auf. „Kann ich jetzt nach Hause?“

„Sie bleiben heute Nacht bei mir“, wies Logan sie an.

Sein Befehlston ärgerte sie. „Das wird nicht nötig sein.“

„Ärztliche Anweisung“, fügte Devin etwas sanfter hinzu. „Logan meinte, Sie wären allein zu Hause. Wir würden uns beide wohler fühlen, wenn Sie Gesellschaft hätten. Nur für den Fall, dass es Schwierigkeiten gibt.“

Einen Augenblick lang wog Jenna ihre Möglichkeiten ab. Sie könnte darauf bestehen, nach Hause zu gehen, aber dort war wirklich niemand für sie da. „Nun gut“, gab sie schließlich nach. „Ich bleibe.“

„Gut“, bestätigte Devin. „Machen Sie sich wegen Logan keine Sorgen. Er hat ein Gästezimmer und ist ein anständiger Kerl. Obwohl ich sehr viel besser aussehe als er.“

„Du bist verheiratet, Dev. Jetzt geh nach Hause zu deiner Frau.“ In Logans Stimme schwang ein Hauch Belustigung mit.

„Vielen Dank für alles, Devin.“

„Nichts zu danken. Sag Jenna Gute Nacht, Sean.“

„Gute Nacht“, ertönte die kindliche Stimme. Ein weicher Kinderkuss landete auf Jennas Wange.

„Gute Nacht, mein Süßer. Schlaf schön.“

Voller Sehnsucht hörte Jenna Seans unbefangenem Geplapper und den Neckereien der Brüder zu, während die drei den Raum verließen. Als die letzten Abschiedsgrüße verhallten und die Tür geschlossen wurde, überkam sie die Angst.

Logan O’Brien machte sie nervös, und das lag weder an seiner imposanten Größe, noch am scharfen Ton in seiner Stimme oder an seinem beherrschten Auftreten. Vielmehr war sie auf der Hut vor seinem Drang, die Kontrolle zu übernehmen.

„Wir müssen miteinander reden.“

Das dunkle Timbre in Logans Stimme riss Jenna aus ihren Gedanken. „Sie sind ja wieder da“, fuhr sie auf. Erschrocken legte sie die Hand auf die Brust.

„Erklären Sie mir, weshalb Sie nichts von Ihrer Erkrankung erwähnt haben.“

Logan O’Brien war nicht der zurückhaltende Typ, das stand fest. „Ich begrüße Fremde im Allgemeinen nicht mit den Worten: ‚Hallo, ich bin Jenna Fordyce und blind wie eine Fledermaus.‘“

„Das lasse ich für unser Kennenlernen gelten, aber nicht für danach“, wandte er ein.

Jenna rang nach Worten. Wie sollte sie ihm das erklären? „Heute habe ich zum ersten Mal seit Monaten das Haus verlassen. Ich wollte so wie jeder andere behandelt werden und verschont bleiben von dem üblichen Mitleid.“

„Seit wann sind Sie in diesem Zustand?“

„Meinen Sie den der Einsiedlerin oder den des Wildfangs, wie meine Mutter zu sagen pflegte?“

Logan seufzte ungeduldig. „Wie lange haben Sie schon diese Schwierigkeiten mit Ihren Augen?“

Sehr viel länger, als ihr lieb war. „Als Teenager wurde bei mir eine Form der Hornhautdystrophie diagnostiziert. Anfangs war es nicht schlimm, abgesehen von den Augeninfektionen. Aber man hat mir gleich gesagt, dass es schlimmer werden würde.“

„Wie viel können Sie noch sehen?“

„Es ist, als schaute man durch zersprungenes Milchglas. Alles ist verzerrt. Ich kann zwar Umrisse erkennen, aber keine Einzelheiten.“

„Das wäre ohne Sonnenbrille sicherlich leichter.“ Mit diesen Worten hob Logan seine Hand und nahm ihr die Brille ab. Jenna wäre es lieber gewesen, er hätte das unterlassen. Nicht ihre lichtempfindlichen Augen beunruhigten sie, denn Devin hatte längst das Licht gedämmt. Sie war besorgt, wie ihre Augen auf Logan wirken würden.

„Können Sie mich jetzt besser sehen?“, fragte er.

„Ich sehe, dass Sie vor mir sitzen, aber das ist auch schon alles.“

„Und es gibt heutzutage keine Operation, die Ihnen helfen könnte?“

Jetzt klang Logan genauso frustriert, wie Jenna sich oftmals fühlte. „Eine Hornhauttransplantation ist der einzige Weg.“

„Und dafür brauchen Sie einen Spender“, ergänzte Logan.

„Genau. Ich warte schon seit über einem Jahr. Ginge es nach meinem Vater, würde er versuchen, ein Hornhautpaar zu kaufen oder mich mit Geld in der Liste nach oben zu schieben.“

„Aber das lassen Sie nicht zu.“

Jenna schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht“, lehnte sie heftig ab. „Das wäre nicht fair. Ich konnte den Großteil meines Lebens sehen. Viele Kinder hatten nie dieses Privileg. Sie sollten als Erste dran sein.“

„Das ist eine bewundernswerte Einstellung.“

Unruhig rutschte Jenna auf ihrem Sitz hin und her. „Bevor Sie mich zur Heiligen stempeln … Ich warte nicht nur deswegen mit der Transplantation. Manchmal habe ich auch schlichtweg Angst davor.“ Ginge es ausschließlich um sie selbst, könnte sie ihre Einschränkung akzeptieren und die Operation vergessen. Sie würde ihren Blindenstock nutzen und sich einen Blindenführhund suchen. Aber sie hatte einen dreieinhalbjährigen Sohn, der seine Mutter brauchte.

„Das muss hart sein. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, nicht sehen zu können.“

„Ich male mir stattdessen aus, was ich mache, wenn ich wieder sehen kann.“ Jenna dachte an ihren Sohn. „Bis dahin muss ich mit meinen übrigen Sinnen geistige Bilder entwickeln. Wenn ich Sie berühren darf, zeige ich es Ihnen.“

„Ach ja?“ Deutlich hörte sie das Lächeln in seiner Stimme.

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