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So süß, so prickelnd – so verboten

1. KAPITEL

„Einatmen, ausatmen“, sagte sich Gabrielle Alexander, während sie vor der schweren Holztür stand, die zum Dienstbotentrakt des Château des Caverness führte. Sie war sechzehn gewesen, als sie das letzte Mal durch diese Tür gegangen war – sechzehn und verzweifelt, denn sie sollte alles hinter sich lassen, was sie kannte und liebte. Mein Gott, wie sehr hatte sie ihre Mutter angefleht, bleiben zu dürfen. Sie bettelte, weinte und schluchzte, doch Josien Alexander zuckte nicht mal mit der Wimper. Kalt wie ein Eisberg, verschiffte sie ihre Tochter kurzerhand nach Australien.

Alles wegen eines Kusses.

„Es war nicht mal ein sonderlich guter Kuss“, murmelte Gabrielle, während sie weiterhin die Tür anstarrte und Mut fasste, um den auf Hochglanz polierten Messingklopfer zu betätigen. Sieben Jahre waren vergangen; Gabrielle besaß mittlerweile wesentlich mehr Erfahrung im Küssen. Sie wusste ganz genau, wie es sich anfühlte, heiße, süße Küsse auf den Lippen zu spüren. Leidenschaftliche und hungrige Küsse auf nackter Haut. „Es war ein ziemlich gewöhnlicher Kuss.“

Lügnerin, flüsterte ihre innere Stimme, die einfach nicht still sein wollte.

„Na und?“, zischte sie der Stimme zu. „Du hast deine Erinnerungen, und ich habe meine.“ Sie griff nach dem Türklopfer und hob ihn an. „Am besten lassen wir die Erinnerungen ruhen.“

Doch das war leichter gesagt als getan. Nicht, während ihr Herz weiter wurde, weil sie insgeheim erkannte, dass dieses Schloss, dieses idyllische Fleckchen Erde in der französischen Champagne der einzige Ort war, an dem sie sich jemals zu Hause gefühlt hatte, und dem sie dennoch seit sieben Jahren ferngeblieben war.

Alles wegen eines Kusses. Gabrielle schlug den Türklopfer fest gegen die massive Holztür. Rums. Der gefürchtete Klang ihrer Kindheit.

Doch es tat sich nichts. Keine Schritte, die durch den engen, dunklen Gang hinter der Tür hallten. Gabrielle wandte sich von der Unterkunft ihrer Mutter ab, um über den Hof einen Blick auf das eigentliche Schloss zu werfen. Sie wollte wirklich nicht an eine jener Türen klopfen.

Josien hatte eine Lungenentzündung – zumindest war das die Information, die Simone Duvalier, Jugendfreundin und aktuelle Herrin von Caverness, auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen hatte. Was, wenn Josien zu krank war, um das Bett zu verlassen? Was, wenn sie versuchte, die Tür zu öffnen und auf dem Weg dorthin zusammenbrach?

Während sie ein Stoßgebet gen Himmel schickte, kramte Gabrielle so lange in ihrer Handtasche, bis sich ihre Finger um den Schlüssel schlossen, den sie suchte. Glatt und kühl, zog er sie gleichzeitig an und stieß sie ab. Sie besaß kein Recht, diese Tür zu öffnen – das hier war nicht mehr ihr Zuhause. Die Vorsicht riet, den Schlüssel besser nicht zu benutzen, doch Gabrielle war noch nie besonders vorsichtig gewesen.

Außerdem ließ er sich ganz leicht betätigen. Mit einem „Klick“ und einem leichten Stoß schwang die Tür auf. „Maman?“ Zögerlich betrat Gabrielle den Hausflur.

Und dann ging der Lärm los. Kein diskreter Alarm, sondern so ohrenbetäubend lautes Sirenengeheul, dass man es sicherlich noch einige Meilen entfernt hören konnte. Oh je. Gabrielle rannte auf die blinkenden Lichter der Alarmanlage zu, riss die Tür des Schalterkastens auf und starrte verzweifelt auf das Code-Feld, das sowohl Buchstaben wie Zahlen enthielt. Sie tippte ihr Geburtsdatum ein. Der furchtbare Krach ging unaufhörlich weiter. Also versuchte sie es mit Rafaels Namen und seinem Geburtsdatum, doch Josien war offensichtlich nicht der sentimentale Typ. Danach gab sie das Jahr ein, in dem das Château des Caverness erbaut worden war, was ebenfalls nicht zum Erfolg führte. Schließlich drückte sie wahllos irgendwelche Tasten. „Mist. Merde. Verdammt!“

„Schön zu hören, dass du immer noch zweisprachig bist“, ertönte eine nachtdunkle Stimme hinter ihr, worauf Gabrielle die Augen schloss und krampfhaft versuchte, ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen. Sie kannte diese Stimme, kannte das tiefe, männliche Timbre. Jahrelang hatte sie diese Stimme in ihren Träumen gehört.

„Oh, hallo, Luc.“ Wenn er sich ausdruckslos geben konnte, schaffte sie das auch. Langsam drehte Gabrielle sich um. Da stand er und sah von Kopf bis Fuß aus wie das Oberhaupt einer alteingesessenen Champagner-Dynastie – maßgeschneiderte graue Hosen, weißes Designerhemd, italienische Schuhe. „Lange nicht gesehen. Du könntest mir nicht zufälligerweise dabei helfen, dieses Ding abzustellen?“

Er trat an den Schalterkasten und tippte behände eine Nummernfolge ein. „Cinq, six, six, deux, quatre, cinq, un.“ Der Alarm verstummte abrupt, und Stille senkte sich über sie. Eine lastende, geradezu erdrückende Stille.

„Merci“, sagte sie schließlich.

„Gern geschehen.“ Lucien Duvalier presste die perfekt geschwungenen Lippen zusammen. „Was tust du hier, Gabrielle?“

„Ich habe hier mal gelebt, erinnerst du dich?“

„Nicht in den vergangenen sieben Jahren.“

„Das stimmt.“ Jetzt, wo endlich wieder Ruhe herrschte, konnte sie ihn genauer betrachten. Luc war zweiundzwanzig gewesen, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Ihr Versuch, ihn völlig gleichgültig zu mustern, scheiterte kläglich. Groß, schwarzhaarig und dunkeläugig wie eh und je, strahlte er jetzt noch mehr verbotene Sexualität aus als damals. Die Dienstboten hatten ihn immer als „Nacht“ bezeichnet, während sein bester Freund Rafael mit den blonden Haaren und den schelmisch funkelnden blauen Augen sein Gegenpart war – der „Tag“.

„Es tut mir leid, dass ich den Alarm ausgelöst habe“, entschuldigte sie sich. „Ich hätte nicht einfach den Schlüssel benutzen dürfen.“

Luc erwiderte nichts. Small Talk hatte ihm noch nie gelegen, doch im Moment war sie zu mehr nicht fähig. Nachdem sie tief Luft geholt hatte, versuchte Gabrielle es noch mal. „Du siehst gut aus, Lucien.“

Als er immer noch nicht antwortete, schaute sie an ihm vorbei über den Hof auf das Château, das sich perfekt in die sanften Hügel der Champagne schmiegte. „Caverness sieht auch gut aus. Gepflegt. Wohlhabend. Ich habe vom Tod deines Vaters vor ein paar Jahren gehört.“ Mehr wollte sie dazu nicht sagen. Um ihr Bedauern auszudrücken, hätte sie lügen müssen. „Ich schätze, das macht dich jetzt zum Schlossherren“, fügte sie hinzu und begegnete furchtlos seinem brennenden Blick. „Sollte ich niederknien?“

„Du hast dich verändert“, bemerkte er unvermittelt.

Das hoffte sie doch!

„Du bist härter geworden.“

„Vielen Dank.“

„Noch schöner.“

„Nochmals danke schön.“ Mühsam unterdrückte sie ein Seufzen. Wenn Luc die Veränderungen an ihr aufzählen wollte, dann konnte sie ihm genauso gut die wirklich großen zeigen. Sie war nicht mehr der schlaksige Teenager an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Und Luc bildete nicht mehr den Mittelpunkt ihres Lebens. „Nun schau uns an“, schalt sie leichthin. „Sandkastenfreunde, und ich begrüße dich weniger herzlich als einen Fremden. Drei Küsse, nicht wahr? Einen für jede Wange und noch einen extra?“ Sie trat näher an ihn heran und streifte seine linke Wange mit den Lippen, wobei sie den dezenten Duft nach Pinie einatmete, der seiner Haut anhaftete und ihre Sinne umschmeichelte. „Einmal.“ Sie lehnte sich zurück, um seine andere Wange zu küssen, auch wenn er da stand, als wäre er zu Stein erstarrt. „Zweimal“, wisperte sie und ließ ihre Lippen diesmal ein bisschen länger verweilen.

„Vorsicht, Engel.“ Lucs Stimme klang tief und gefährlich, während er eine Hand hob, um erst ihr Kinn zu streicheln und dann die Finger um ihren Nacken zu legen. „Wenn nicht um meinetwillen, dann zu deinem eigenen Schutz.“

Eine Warnung. Eine, die sie besser beachten sollte. Nicht, dass sie es tun würde. Ihr Körper erschauerte. „Bist du dir sicher?“ Sie streifte sein Ohrläppchen mit den Lippen. „Du wirkst ein bisschen … verspannt. Es ist nur eine harmlose Begrüßung.“

Der Griff um ihren Nacken verstärkte sich. „Du bist nicht harmlos.“

„Das hast du also bemerkt.“ Geschickt löste sie sich aus seinem Griff, trat einen Schritt zurück und warf ihm ein achtloses Lächeln zu. „Du warst schon immer ein guter Beobachter. Vielleicht sind zwei Küsse tatsächlich genug für dich. Wollen wir den dritten auf ein anderes Mal verschieben?“

„Warum bist du hier, Gabrielle?“

Hier an diesem Ort, an dem niemand sie wollte. Luc hätte es nicht deutlicher ausdrücken können, selbst wenn er es auf ein Schild gemalt und an die Tür gehängt hätte. „Simone hat mich angerufen und eine Nachricht hinterlassen. Sie sagte, meine Mutter sei krank. Sie sagte …“ Gabrielle zögerte, denn sie wollte gegenüber diesem Mann keine weitere Schwäche zeigen. „Sie sagte, dass Josien nach ihren Engeln gerufen hätte.“ Ob sie damit ihre Kinder gemeint hatte, die nach zwei der geflügelten Boten benannt waren, blieb jedoch offen. Rafael glaubte nicht daran. Er hielt Gabrielles Entscheidung, sich aufgrund einer fieberhaften Bitte auf eine Reise um die halbe Welt zu machen, für einen Fehler, doch selbst wenn dem so war … Selbst wenn Josien sich weigerte, sie zu sehen …

Manche Fehler waren unvermeidbar.

Gabrielle versuchte sich an einem lässigen Achselzucken. „Also, hier bin ich.“

„Weiß Josien, dass du kommst?“, fragte Luc ruhig.

„Ich …“ Nervös nestelte sie an ihrem schicken cremefarbenen Blazer. „Nein.“

Sein Blick verschleierte sich, und Gabrielle meinte kurz, so etwas wie Mitgefühl in den Tiefen seiner Augen aufblitzen zu sehen. „Du warst schon immer viel zu impulsiv“, murmelte er. „Ich nehme an, dein Bruder hat darauf verzichtet, dich zu begleiten?“

„Rafe ist sehr beschäftigt“, entgegnete sie vorsichtig. „Und du sicherlich auch, Luc. Wenn du mir einfach nur sagen könntest, wo ich meine Mutter finde …“

„Komm“, erwiderte er, drehte sich abrupt um und steuerte auf die Tür zu. „Josien ist in einer der Suiten im Westflügel untergebracht, bis sie sich etwas erholt hat. Ein Pfleger kümmert sich um sie. Anweisung des Arztes. Entweder das oder das Krankenhaus, hieß es.“

Nachdem Gabrielle die Tür hinter ihnen zugezogen und den Schlüssel wieder in ihrer Handtasche verstaut hatte, versuchte sie, mit Lucs weit ausgreifenden Schritten mitzuhalten. „Wie schlimm steht es um sie?“

„Sie ist sehr schwach. Zweimal dachten wir, wir würden sie verlieren.“

„Meinst du, sie wird mich sehen wollen?“

Lucs Züge verhärteten sich. „Ich habe keine Ahnung. Du hättest vorher anrufen sollen, Gabrielle. Das hättest du wirklich tun sollen.“

Ihre Angst wuchs, als sie das Schloss durch den westlichen Eingang betraten. Josien Alexander war ihren Kindern immer ein völliges Rätsel gewesen. Niemals liebevoll, ständig kritisierend. Gabrielle hatte den Großteil ihrer Kindheit damit verbracht, einer Mutter gefallen zu wollen, der man es nie recht machen konnte.

Der Pfleger war ein sympathisch wirkender Mann Mitte fünfzig, den Luc ihr als Hans vorstellte. Hans hatte einen festen Händedruck und ein warmes Lächeln.

„Die sturste Patientin, die ich je hatte“, schmunzelte er. „Sie hat gerade ihre Medikamente genommen, also bleiben Ihnen noch etwa fünf Minuten, ehe sie müde wird. Natürlich versucht sie trotzdem, gegen den Schlaf anzukämpfen. Das tut sie immer.“ Hans deutete auf eine geschlossene Tür. „Sie ist da drin.“

„Vielen Dank.“ Gabrielles Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, außerdem fühlte sie sich nach dem dreiundzwanzigstündigen Flug von Sydney erschöpft, doch das war der Weg, den sie gewählt hatte, und sie würde ihm folgen, egal was Rafe oder Luc oder sonst jemand denken mochte.

Manche Fehler waren unvermeidbar.

„Möchtest du, dass ich mitkomme?“, fragte Luc ruhig.

„Nein.“ Sein Angebot behagte ihr nicht. Manche Demütigungen behielt man besser für sich. Andererseits würde die Begegnung vielleicht tatsächlich glatter verlaufen, wenn eine dritte Person zugegen war. „Ja.“

Er lächelte spöttisch. „Was denn nun?“

Verlegen wich sie seinem Blick aus. „Ja.“

„Vier Minuten“, bemerkte Hans trocken.

„Danke.“ Gabrielle stählte sich innerlich, legte die Hand auf den Griff einer weiteren verschlossenen Tür und trat ein. Im Zimmer war es wärmer. Und dunkler, da die Vorhänge zugezogen waren. Ein riesiges Bett dominierte den Raum, sodass die Person, die sich darin befand und unter einer luftig weißen Decke lag, beinahe verschwand. Vor sieben Jahren war Josien Alexanders Haar pechschwarz gewesen und beinahe bis zu ihrer Taille gefallen. Jetzt befanden sich silberne Strähnen darin, und es war zu einem modischen Bob geschnitten. Trotzdem war sie immer noch die schönste Frau, die Gabrielle je gesehen hatte. Josiens Augen – diese strahlend blauen Augen, die immer scharf beobachtet und geurteilt, aber nie gelächelt hatten – waren geschlossen, was Gabrielle dankbar zur Kenntnis nahm, denn sie brauchte diesen Moment, um ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen.

„Josien“, sagte Luc sanft. „Pardonnez-moi, dass ich dich so spät noch störe, aber du hast Besuch.“

Josien drehte den Kopf und öffnete langsam, ganz langsam die Augen. Zuerst richtete sich ihr Blick auf Luc, dann auf Gabrielle, die nervös neben ihm stand. Josien atmete tief ein, schloss erneut die Augen und drehte den Kopf wieder weg.

Gabrielle spürte, wie bittere Tränen in ihr aufwallten, doch sie blinzelte sie rasch fort und zwang sich, zu sprechen, auch wenn ihre Stimme erstickt klang. „Bonjour, Maman.“

„Du hättest nicht kommen sollen.“ Josien wandte noch immer den Kopf ab.

„Das wird mir ständig gesagt.“ Gabrielle blickte kurz zu Luc hinüber. Sein Gesicht wirkte hart und unnachgiebig wie der Stein, aus dem das Château gebaut war. „Wie ich hörte, geht es dir nicht gut.“

„Ce n’est rien“, entgegnete Josien. „Es ist nichts.“

So sah es allerdings nicht aus. Luc hatte recht. Ihre Mutter wirkte sehr zerbrechlich. „Ich habe dir ein Geschenk mitgebracht.“ Gabrielle griff in ihre Handtasche und zog das Fotoalbum heraus, das sie so sorgfältig zusammengestellt hatte. Rafe würde sie umbringen, wenn er wüsste, wie viele Bilder sie von ihm hinzugefügt hatte, doch er ahnte nichts davon, und sie würde es ihm auch nicht erzählen. „Ich dachte, dass es dich vielleicht interessieren würde, was Rafe und ich in den vergangenen sieben Jahren getan haben. Wir haben ein verfallenes Weingut gekauft, Maman, und es zu neuem Leben erweckt. Wir sind wirklich erfolgreich. Rafe ist ein brillanter Geschäftsmann. Du solltest stolz auf ihn sein.“

Josien sagte nichts, und Gabrielle merkte, wie auch sie die Lippen zusammenpresste. Also gut, Rafe war irgendwann so weit von Josien und diesem Ort weggegangen wie er konnte – na und? Das machte ein Mensch nun mal, wenn er in seiner Kindheit nur verletzende Kritik und eisige Gleichgültigkeit erfuhr. Rafe hatte Josiens Behandlung nie verdient. Wirklich nicht. „Ich lege es hier ans Ende des Bettes für den Fall, dass du es dir später ansehen möchtest.“

„Nimm es und geh.“

Ja, schön. Das hatte man davon, wenn man an Märchen glaubte, an Happy Ends und an Mütter, die ihre Kinder liebten. „Ich habe mir ein Zimmer im Dorf genommen, Maman. In den nächsten paar Wochen werde ich in der Gegend sein. Ich weiß, dass du jetzt müde bist, aber wenn es dir besser geht, könntest du mich ja vielleicht anrufen. Hier.“ Sie fischte eine Visitenkarte aus ihrer Handtasche. „Ich lasse dir meine Nummer da.“ Ihren Worten folgte noch mehr Schweigen. Gabrielle biss sich auf die Lippe und hoffte, dass dieser Schmerz den anderen verjagen würde, doch Josiens Ablehnung traf sie zu tief. Sie hätte niemals herkommen sollen. Sie hätte auf Rafe und Luc hören sollen anstatt auf ihr dummes Herz. „Also …“ Plötzlich wurde ihr furchtbar schwindlig, doch schon im nächsten Moment spürte sie Lucs Hand um ihren Ellbogen.

„Jetlag“, murmelte er. Natürlich war es kein Jetlag, der ihren Schwindel verursacht hatte, das wussten sie beide, aber sie stürzte sich dankbar auf die Ausrede.

„Ja, es war ein langer Tag.“

„Warte draußen auf mich“, entgegnete er, während er sie sanft zur Tür drängte. „Der Tag wird noch länger werden.“

Luc wartete, bis sich die Tür hinter Gabrielle geschlossen hatte, dann erst drehte er sich zu der Frau im Bett um. Vor all den Jahren hatte er sich Josiens Willen gebeugt, weil er es damals für richtig gehalten hatte, Gabrielle wegzuschicken. Doch Josiens jetziges Verhalten verstand er nicht. Alles, was er sah, war Schmerz.

Ihre Augen waren noch immer geschlossen, als er auf ihr Bett zuging, aber ihre Augen brauchte er auch nicht, sondern nur ihre Ohren. „Mein Vater hat mir kurz vor seinem Tod gesagt, welche Verpflichtung wir dir gegenüber haben“, begann er grimmig. „Ich habe wirklich alles getan, um diese Verpflichtung zu honorieren. Ich habe immer wieder Nachsicht geübt mit deinem Verhalten, Josien, aber, so wahr mir Gott helfe, wenn du dir keine Zeit für deine Tochter nimmst, während sie hier ist, kannst du deine Sachen packen und diesen Ort verlassen, sobald deine Gesundheit es zulässt. Hast du mich verstanden, Josien?“

Sie nickte. Lautlose Tränen rannen über ihre Wangen, was Luc sowohl mit Frustration als auch mit Wut zur Kenntnis nahm. „Du hast es nie verstanden, nicht wahr? Egal wie sehr du sie verletzt hast oder wie stark du dich darum bemüht hast, sie von dir zu stoßen … du verstehst es einfach nicht.“ Er blickte auf das Fotoalbum, und in diesem Moment drohte ihn der Zorn beinahe zu ersticken. Er richtete sich voll und ganz auf die Frau im Bett, egal wie zerbrechlich oder schön sie auch sein mochte. „Du hast nie begriffen, wie sehr deine Kinder dich lieben.“

Luc holte Gabrielle auf halbem Weg den Hausflur hinunter ein. Er brauchte einen Drink. Sie sah so aus, als könne sie ebenfalls einen vertragen. „Hier rein“, sagte er und drängte sie in die Bibliothek. „Wo bist du untergekommen?“, fragte er, während er schnurstracks auf die Bar zuging, nach einer Flasche Brandy griff und einen ordentlichen Schluck eingoss.

„Im Dorf“, antwortete sie. Als sie das halb volle Glas entgegennahm, das er ihr reichte, achtete sie darauf, dass ihre Finger sich nicht berührten. Sie leerte das Glas in einem Zug. „Danke.“ Ihr Blick wanderte zu dem Etikett auf der Flasche, worauf sich ihre Augen erschreckt weiteten. „Was …? Um Himmel willen, Luc! Dieses Zeug muss mindestens hundert Jahre alt sein und teuer genug, dass es sogar dir wehtut. Du könntest jemanden vorwarnen, ehe du ihm ein Glas davon reichst. Beim nächsten Mal könnte ich dann versuchen ihn zu genießen.

„Wo im Dorf?“ Er schenkte ihr ein weiteres Glas ein. Jetzt erst konnte sie das volle Aroma des Brandys kosten.

„Ich habe mir ein Zimmer über der alten Mühle genommen.“

„Ich schicke jemanden vorbei, der deine Sachen holt“, erklärte er kurzangebunden, leerte sein eigenes Glas Brandy und stellte es dann mit mehr Nachdruck auf der Bar ab, als notwendig gewesen wäre. „Du kannst hier bleiben“, fügte er hinzu. „Wir haben mehr Platz als genug.“

Gabrielle schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht“, entgegnete sie mit trotzig vorgerecktem Kinn – eine Geste, an die er sich nur zu gut erinnerte. „Du hast sie gehört.“ Sie lächelte bitter und schwenkte den Brandy in ihrem Glas. „Sie will mich nicht hier haben.“

„Soweit ich weiß“, versetzte er verdächtig mild, „bin ich Herr von Caverness und nicht Josien. Hier ist genug Platz für dich. Du musst nicht im Dorf übernachten. Simone, da bin ich mir sicher, wird sich über deine Gesellschaft freuen.“

„Und du?“ Gabrielle senkte das Glas und warf ihm einen Blick aus ihren grauen Augen zu, in dem mehr als nur ein Hauch von Schmerz lag. „Wirst du dich auch über meine Gesellschaft freuen? Es gab mal eine Zeit, da konntest du es nicht abwarten, dass ich gehe.“

„Du warst sechzehn, Gabrielle. Und wenn du nicht weißt, warum ich dich ermuntert habe, woanders erwachsen zu werden, dann bist du nicht annähernd so intelligent, wie ich immer gedacht habe. Eine weitere Woche, und du hättest nackt unter mir gelegen. In deinem Bett oder meinem oder auch mitten auf der Treppe, mir wäre es egal gewesen“, erklärte er unverblümt. „Und dir genauso.“

Er hatte sie überrascht. Schockiert. Das erkannte er an ihren Augen. „Nun, dann … bin ich froh, dass wir das geklärt haben.“ Sie nahm einen weiteren Schluck Brandy und stellte ihr Glas vorsichtig ab, ganz so, als koste sie selbst diese kleine Bewegung unheimlich viel Anstrengung. „Ich schätze, ich sollte dir danken.“

Doch sie tat es nicht.

„Ich habe meine Jungfräulichkeit an einen gut aussehenden australischen Farmarbeiter verloren, als ich neunzehn war“, verriet sie mit dunkler, rauer Stimme. „Er war charmant, witzig, und er hat mich dazu gebracht, dass mein Puls raste und mein Körper sich nach ihm verzehrte. Er war alles, was ein Mädchen sich beim ersten Mal wünschen konnte, und dennoch war es nicht genug.“ Gabrielle ging auf die Tür zu. Luc stand wie angewurzelt da. „Ich verbringe die nächsten drei Wochen in der alten Mühle. Wenn du mich benachrichtigen würdest, wenn es meiner Mutter besser geht, wäre ich dir dankbar.“

„Warum war es nicht genug?“ Lucs Hals war wie zugeschnürt, die Worte mühsam hervorgepresst, doch er musste es wissen. „Gabrielle, warum hat er dich enttäuscht?“

Zuerst glaubte er nicht, dass er eine Antwort bekommen würde, denn Gabrielle stand bereits an der Tür, doch dann drehte sie sich noch einmal um und warf ihm einen Blick voller Selbstironie zu. „Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht war er einfach nur nicht du.“

Luc wartete, bis sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, dann fluchte er laut und ausgiebig. Er war ein Mann, der sich eiserner Selbstbeherrschung rühmte. Dafür hatte er hart gearbeitet, hatte gegen seine innerste Natur gekämpft. Nur eine einzige Frau hatte ihn je dazu gebracht, dass er die Kontrolle verlor. Das Ergebnis war für alle Beteiligten eine Katastrophe gewesen. Josien reagierte hysterisch, sein Vater bestürzt, und Gabrielle … die unschuldige, vertrauensvolle Gabrielle wurde ins Exil verbannt.

Sie hatte ihre Jungfräulichkeit an einen gut aussehenden Australier verloren.

Zorn wallte in ihm auf – so groß, dass er sein Glas hob und es gegen den Kamin schleuderte. Seine Wut verblasste nur geringfügig, während das Glas in tausend Scherben zersprang.

2. KAPITEL

„Das hättest du nicht sagen sollen.“ Gabrielle hatte die Angewohnheit, mit sich selbst zu reden, wenn sie gestresst war. Seit sie sich wieder in Frankreich befand, redete sie ständig mit sich selbst. So schnell sie konnte lief sie auf ihren Mietwagen zu. Sie wollte das Schloss unbedingt verlassen, ehe sie noch zusammenbrach. Ja, sie musste diesen Ort sofort verlassen.

Gabrielle schaffte es ohne Zwischenfälle zurück ins Dorf. Sie fuhr auf der korrekten Straßenseite und nahm keine falsche Abzweigung. Sie hielt sich sogar an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Als sie an der alten Mühle ankam, verriegelte sie rasch die Tür zu ihrem Zimmer, ehe sie der Erschöpfung nachgab, aufs Bett sank und einen Arm über die Augen legte, so, als könne sie auf diese Weise nicht nur ihr Umfeld aussperren, sondern auch die Erinnerung an die Begegnung mit Luc. „Du hättest das nicht sagen sollen.“

Es war sieben Jahre her, dass sie Luc das letzte Mal gesehen hatte. Sieben Jahre völliger Gleichgültigkeit seinerseits. Keine Anrufe, keine Briefe, keine E-Mails, keinerlei Kontakt. Nicht ein einziges Mal. Das sechzehnjährige Mädchen war sofort davon ausgegangen, dass er nur mit ihr gespielt hatte und der Kuss ihm nichts bedeutete. Dass die Tochter der Haushälterin ihm nichts bedeutete.

Nie, wirklich nie war ihr in den Sinn gekommen, dass Luc sich bemüht hatte, sie vor einer Beziehung zu bewahren, für die sie niemals reif genug gewesen wäre.

Wenn sie nach ihrer heutigen Reaktion urteilte, war sie es immer noch nicht.

Also gut, jetzt besaß sie Geld und Selbstbewusstsein, und auf intellektueller Ebene hatte sie einem Mann mittlerweile viel mehr zu bieten. Doch das befähigte sie noch lange nicht, es mit einem Luc Duvalier aufzunehmen. Mein Gott, sie hatte ihm wirklich gesagt, dass ihr erster Liebhaber eine Enttäuschung gewesen war! Gabrielle stöhnte laut, rollte sich auf die Seite, vergrub ihr Gesicht in den Kissen und zog die blaue Tagesdecke über sich. Welche Frau erzählte einem Mann so etwas?

Eine Frau, die die Leidenschaft eines einzigen verbotenen Kusses niemals hatte vergessen können, wisperte die lästige innere Stimme.

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