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So sinnlich wie dein Kuss

1. KAPITEL

Gebannt von so viel Schönheit hielt Anna den Atem an. Die farbenprächtige herbstliche Landschaft der Adelaide Hills in Südaustralien lag im warmen Sonnenschein, und vor ihr in der Ferne sah sie einen Mann Holz hacken. Einen umwerfend gut aussehenden Mann mit nacktem Oberkörper, der ihre Aufmerksamkeit magisch auf sich zog.

Anna traf sich privat nur selten mit Männern, denn ihr voller Terminkalender ließ ihr nur wenig Spielraum, um sich zu verabreden.

Wie hypnotisiert schritt sie auf den Fremden zu. Sie spürte ein Prickeln und bekam eine Gänsehaut, die nichts mit dem frischen Wind zu tun hatte, der aufgekommen war.

Dann erkannte sie blitzartig, wen sie vor sich hatte: Judd Wilson!

Nur seinetwegen war sie hier.

Obwohl sie ihm nie begegnet war, musste er einfach der Sohn von Charles Wilson sein: Groß, dunkelhaarig und braun gebrannt, verkörperte er das Urbild eines Mannes, von dem Frauen träumten. Die scharf geschnittenen Gesichtszüge glichen unverkennbar denen seines Vaters. Vermutlich waren auch die Augen genauso strahlend blau …

Anna wunderte sich, dass Judd sie so aus dem Konzept brachte, denn damit hatte sie nicht im Entferntesten gerechnet. Schließlich war er der Sohn des Mannes, für den sie nicht nur arbeitete, sondern der sie von klein auf fast wie sein eigenes Kind behandelt hatte.

Sie zwang sich, ihre Gefühle zu verdrängen, die offenbar verrücktspielten. Immerhin war sie geschäftlich hier. Sie hatte Charles ein Versprechen gegeben, und das würde sie halten.

Ihre Anweisungen waren schmerzlich klar. Irgendwie musste sie Judd Wilson überreden, nach Hause zu kommen, nach Neuseeland. Bevor sein Vater starb, den er über zwei Jahrzehnte lang nicht gesehen hatte.

Zögernd ging sie den Weg weiter, der zwischen schier endlosen Reihen von Weinstöcken hindurchführte. Aber sie hatte nur Augen für den halb nackten Mann, der nicht ahnte, was ihm bevorstand … Schließlich blieb sie stehen. Mittlerweile fühlte sie sich längst nicht mehr so entschlossen wie zu Beginn ihrer Reise.

Bei der Scheidung seiner Eltern war Judd sechs gewesen und seine Schwester Nicole erst ein Jahr. Während er und seine Mutter Neuseeland verlassen hatten, waren Charles und Nicole geblieben – die Familienmitglieder hatten sich nie wiedergesehen.

Erinnerte sich Judd überhaupt noch an seinen Vater? Würde er sich über eine Versöhnung freuen – oder fühlte er nur Enttäuschung wegen der verlorenen Jahre?

Einerseits hatte sie Angst, wie er reagieren würde, andererseits stand sie voll auf Charles’ Seite. Hätte Cynthia Masters-Wilson ihn damals nicht hintergangen, hätte er sich sicher nie von seinem Sohn getrennt.

Anna kannte Cynthia nicht, aber diese Frau hatte die Familie zerstört, deshalb freute sie sich nicht auf die Begegnung mit ihr.

Zunächst einmal aber kam es darauf an, Charles’ Sohn kennenzulernen, damit sie einschätzen konnte, wie er auf das Angebot seines Vaters reagieren würde.

Dass sie Judd so überaus attraktiv fand, erschwerte ihren Auftrag noch mehr.

Während sie fasziniert das Spiel seiner Muskeln unter der sonnengebräunten Haut beobachtete, versuchte sie, sich nicht von ihrer Mission ablenken zu lassen.

Sie musste den Zeitpunkt gut wählen und geschickt vorgehen, um Erfolg zu haben. Das schuldete sie Charles, dem sie so viel verdankte. All die Jahre hatte er sie und ihre inzwischen verstorbene Mutter unterstützt. Nein, sie durfte nicht durch unbedachtes Vorgehen die Hoffnung des alten Mannes zunichtemachen. Sie musste es schaffen, dass Judd Wilson mit ihr kam.

Sie folgte einer Abzweigung, um ihm fürs Erste aus dem Weg zu gehen. Fünf Stunden war sie seinetwegen geflogen! Während ihres Aufenthaltes hier auf The Masters – einem Weingut mit Ferienappartements – würde sie noch genug Gelegenheit haben, mit ihm zu sprechen. Gut Ding will Weile haben …

Doch sie kam nicht weit.

„Hallo“, rief eine Stimme hinter ihr – dunkel und samtig wie Rotwein. „Ein schöner Nachmittag, nicht wahr?“

Anna nahm einen tiefen Atemzug, drehte sich um und sah in das Gesicht von Charles’ Sohn.

Als Judd die Spaziergängerin im blauen Kleid bemerkte, hielt er sie für einen Feriengast. Seine Cousine Tamsyn schickte zu Anfang der Woche immer einen Newsletter an alle Familienangehörigen und das Personal, welche Gäste erwartet wurden. Nur hatte sie darin nicht erwähnt, wie atemberaubend schön diese Frau war.

Er kniff die Augen zusammen, um jeder ihrer Bewegungen zu folgen. Mit unbeschreiblicher Anmut und Grazie schritt sie über den steinigen Weg. Ihr Gang, ihre weibliche Figur und besonders ihr Hüftschwung weckten seine männlichen Urinstinkte.

„Ich bin Judd Wilson. Willkommen auf The Masters.“

Er legte die Axt weg und streckte der unbekannten Schönen die Hand hin.

Etwas zögerlich lächelte sie – ein Lächeln, das ihn so stark ansprach, dass es ihm schon fast wehtat.

Als sie seine Hand nahm, durchströmte ihn heiße Begierde.

Interessant. Sehr interessant.

Vielleicht lag hier die Lösung seines Problems, das ihm seit einiger Zeit zu schaffen machte: Er langweilte sich.

Er lächelte und drückte ihr die Hand.

„Hallo. Ich bin Anna Garrick“, sagte sie mit rauer Stimme.

Aufmerksam sah sie ihn an. Kannten sie sich etwa? Aber nein, das konnte nicht sein. Wenn er ihr je früher begegnet wäre, würde er sich unter Garantie daran erinnern.

Denn sie entsprach in allen Einzelheiten seiner Vorstellung von einer Traumfrau. Angefangen beim kastanienbraunen Haar über die perfekte Figur bis hin zu den sorgfältig pedikürten Zehen. Selbst die Stimme, die sanft und ein bisschen spröde klang, schien seine Sinne zu streicheln. Sie war so eine beeindruckende Erscheinung, dass er sie mit Sicherheit nie vergessen hätte.

„Freut mich, Sie zu sehen, Anna. Sind Sie heute angekommen?“

Plötzlich wirkte sie nervös, als wollte sie etwas verbergen. Nur konnte er sich nicht vorstellen, was das sein könnte.

„Ja. Es ist wunderschön hier. Sie können sich glücklich schätzen, in dieser Gegend zu leben … Arbeiten Sie schon lange hier?“

Die Frage lag nahe, aber ihm war ihr Zögern nicht entgangen. Hatte sie sich ursprünglich anders ausdrücken wollen?

„Kann man so sagen. The Masters ist eine Art Familienbetrieb. Ich bin hier aufgewachsen.“

„Aber Ihr Name …?“

Ja, der Name. Der ihn immer wieder an seinen Vater erinnerte, von dem er als Kind verstoßen worden war. Und selbst jetzt, da er das weitverzweigte Familienunternehmen leitete, behandelten ihn manchmal sogar seine Cousins so, als ob er nicht wirklich dazugehören würde.

„Meine Mutter ist Cynthia Masters-Wilson“, antwortete er, ohne ins Detail zu gehen. Es gab nun wirklich angenehmere Themen.

„Hacken denn alle Masters Holz für die Kamine der Cottages?“, scherzte sie.

„Na klar. Für das Wohl unserer Gäste tun wir alles.“ Das klang bedeutend besser als die schlichte Wahrheit: Dass er sich nach einem frustrierenden Arbeitstag abreagieren musste.

Vor allem hatte er sich über seinen Cousin Ethan geärgert, der zwar vom Wein etwas verstand und ein hervorragender Kellermeister war – seine vielen preisgekrönten Weine bewiesen das –, dessen Sturheit aber unendlich nervte.

Ethan sollte unbedingt neue Wege gehen und nicht nur an den traditionellen Weinsorten der Masters festhalten, um konkurrenzfähig zu bleiben. Seit es vor ein paar Jahren zu den ersten Überschussproduktionen gekommen war, hatte er ihn immer wieder darauf hingewiesen. Aber Ethan war ein unbelehrbarer Sturkopf.

Judd seufzte leise. Ja, er konnte die Abwechslung, die Annas Gesellschaft versprach, gut gebrauchen.

„Und ich hoffe, Sie lassen es mich wissen, wenn ich etwas für Sie tun kann.“

„Danke für das Angebot, ich komme drauf zurück. Im Augenblick möchte ich mir einfach nur die wunderbare Landschaft ansehen, bevor es dunkel wird.“

„Dann lassen Sie sich nicht aufhalten. Sehen wir uns beim Abendessen?“

„Beim Abendessen?“, fragte sie.

„Ja, neu angekommene Gäste laden wir immer zu unserem Familiendinner ein. Den Gutschein dafür müssten Sie in Ihren Reiseunterlagen haben. Es beginnt um sieben Uhr mit Aperitifs im großen Salon.“ Er nahm ihre Hand. „Sie kommen doch, oder?“

„Ja, gern.“

„Sehr schön. Ich freue mich. Bis dann also.“ Er führte ihre Hand an die Lippen und hauchte einen Kuss darauf.

Einen Moment wirkte sie erschrocken, aber dann blitzte ihr Lächeln wieder auf, das ihn so stark ansprach.

Er sah ihr nach, wie sie in der Dämmerung davonging. Dann blickte er zur Ruine des neugotischen Herrenhauses in den Hügeln auf.

Mehr war vom ursprünglichen Heim der Masters nicht mehr erhalten, ein Buschfeuer hatte es vor langer Zeit zerstört. Bis zum heutigen Tag kündete die Ruine vom einstigen Glanz der Familie. Und von ihrem Kampf, sich nach diesem vernichtenden Rückschlag wieder emporzuarbeiten. Aber die Mühe hatte sich gelohnt!

Judd war stolz, zu dieser Dynastie zu gehören, auch wenn sein Name anders lautete. Er war ebenso Teil der Familie wie seine Cousins. Trotzdem fühlte er sich manchmal als Außenseiter. Vielleicht hatte er darum härter gearbeitet als alle anderen. Und das hatte The Masters unter seiner Führung zu einem Weltunternehmen gemacht. Damit hatte er die Erwartungen seiner Familie bei Weitem übertroffen.

Abwechslung hatte er sich schon lange nicht mehr gegönnt. Seit Monaten fraßen ihn seine Verpflichtungen schier auf. Und gerade an diesem Tag war ihm klar geworden, dass er sich bei allem Engagement im Grunde seines Herzens langweilte.

Ihm fehlte eine positive Herausforderung. Ein Flirt mit der zauberhaften Anna Garrick kam ihm da wie gerufen.

Er stapelte die Holzscheite auf und räumte das Werkzeug weg. Dann ging er zum Duschen in seine Suite.

Vor ihm lag die positive Herausforderung, die er dringend brauchte.

Frisch geduscht betrat er den Salon, in dessen Kamin ein Feuer brannte. Von draußen drang kühle Nachtluft herein.

Das gemeinsame abendliche Dinner mit den Aperitifs davor war eine altmodische Familiensitte, die weit in die Vergangenheit zurückreichte. Bis in die Zeit der Ruine auf den Hügeln. Judd empfand diese Einrichtung als charmante Reminiszenz an alte Zeiten, die außerdem den Zusammenhalt förderte.

Er sah sich um, nickte grimmig in Ethans Richtung und lächelte dann seiner Mutter zu, die elegant gekleidet in ihrem Sessel beim Kamin saß.

Von Anna noch keine Spur.

Er ging zum Sideboard und goss sich ein Glas Spätburgunder, einen Pinot Noir, ein. In diesem Moment sah er Anna hereinkommen. Sofort setzte er sich in Bewegung, aber seine Mutter war schneller.

Als er hinzukam, hörte er, wie sie Anna fragte: „Entschuldigen Sie, aber Sie kommen mir so bekannt vor. Waren Sie schon einmal hier?“

Zu seiner Überraschung wirkte Anna ziemlich erschrocken.

„N…nein“, antwortete sie. „Das ist mein erster Aufenthalt in Südaustralien.“

Sie lächelte, aber weniger natürlich als sonst. Was steckte hinter diesem merkwürdigen Verhalten? Die Sache mit Anna Garrick versprach, interessant zu werden.

„Vielleicht haben Sie eine Doppelgängerin. Angeblich haben wir das alle.“ Geschickt überspielte Cynthia die Situation. „Sagen Sie, meine Liebe, was darf Ihnen Judd zu trinken holen?“

„Ein Glas Sauvignon Blanc, bitte. Ich habe gehört, zwei ihrer Sauvignon-Weine wurden vor Kurzem prämiert.“

„Ja“, bestätigte Cynthia. „Wir sind sehr stolz auf unseren Kellermeister Ethan und seine Arbeit.“ Dabei warf sie Judd einen vorwurfsvollen Blick zu, der ihm sagte, dass sein Cousin ihr offenbar bereits von ihrem Streit berichtet hatte.

„Ja, sind wir“, bestätigte er grollend. Dann holte er Anna ein Glas Wein und stellte sie Cynthias zwei älteren Brüdern und schließlich Ethan vor.

Als der sich erhob und sie willkommen hieß, sträubten sich Judds Nackenhaare.

Irgendwie musste ihn seine Miene verraten haben, denn Ethan sah ihn aufmerksam an und wandte sich dann wieder Anna zu. Er sagte etwas zu ihr, was sie zum Lachen brachte.

Ausgerechnet Ethan!

Judd presste die Zähne zusammen. Auf keinem Fall wollte er seinem Cousin eine Angriffsfläche bieten. Daher wandte er sich Tamsyn, Ethans Schwester, zu, die gerade hereinkam.

„Wie ich sehe, hat sich unser neuer Gast schon eingelebt“, sagte sie, nahm ihm das Weinglas aus der Hand, aus dem er noch nicht getrunken hatte, und nippte daran. An ihrem Finger funkelte ihr neuer Verlobungsring. „Mmh, ein guter Wein. Schenkst du mir ein Glas ein?“

„Behalte meins.“

„Danke.“ Tamsyn lächelte ihm zu.

„Kommt dein Verlobter heute nicht?“

„Nein, er ist noch in der Stadt. Er hat viel zu tun.“ Mit ihren warmen braunen Augen sah sie ihn aufmerksam an. „Du wirkst angespannt. Alles in Ordnung?“

Er zwang sich zu einem Lächeln. Tamsyn merkte immer, was mit ihm los war.

„Ja, alles klar. Aber noch besser wäre es, wenn dein Bruder sich so um Markttrends kümmern würde wie um unsere Gäste.“

Tamsyn lachte. „Du weißt doch, wie er ist! Die Marktsituation interessiert ihn herzlich wenig. – Aber was unseren Gast angeht …“ Sie wies mit dem Kinn auf Anna. „… brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ethan steht auf Blond, und seine schöne brünette Gesprächspartnerin schaut ständig in deine Richtung. Kennt ihr euch schon?“

Er nickte und betrachtete wohlgefällig Anna. Als sie tatsächlich zu ihm hersah, lächelte er zufrieden. „Weißt du, was sie in Adelaide macht?“, fragte er Tamsyn.

„Nein, aber sie ist nur vier Tage hier. Du musst dich also beeilen“, antwortete sie und lächelte vielsagend.

Er lachte. „Dann darf ich keine Zeit verlieren. Entschuldige mich bitte.“

Ohne Tamsyns Erwiderung abzuwarten, durchquerte er den Raum und stellte sich neben Anna.

Sie sah ihn an und lächelte.

„Es muss Spaß machen, in einer so großen Familie zu arbeiten“, sagte sie. „Ethan hat mir erklärt, wer hier welche Aufgaben hat.“

„Klar, es hat seine Vorteile … Aber sagen Sie, was haben Sie denn die nächsten Tage so vor? Zufällig habe ich zurzeit nur wenig zu tun. Ich würde mich freuen, Ihnen die Gegend zu zeigen.“

Anna zwang sich, gelassen zu bleiben. Genau auf eine solche Gelegenheit hatte sie gewartet. Wenn sie Zeit mit Judd Wilson verbrachte, ließ sich am besten mehr über ihn herausfinden.

Zwar hatte Charles ihr geraten, einfach einen Termin zu vereinbaren, um ihm den Brief zu übergeben. Den brisanten Brief, von dem sie das Gefühl hatte, dass er ein Loch in ihre Handtasche brannte.

Aber es erschien ihr weiser, Judd erst näher kennenzulernen. Denn nur so würde sie seine Reaktion einigermaßen einschätzen können. Charles hatte in seinem Leben schon genug Enttäuschungen erlebt. Wenn es nach ihr ging, sollte er einen ruhigen Lebensabend verbringen und nicht unnötig belastet werden.

Dem alten Mann bedeutete es alles, Kontakt zu Judd aufzunehmen und sich mit ihm zu versöhnen. Eine Ablehnung würde er nicht verkraften.

Sie war die Einzige, der er unter dem Siegel der Verschwiegenheit alles erzählt hatte. Nicht einmal seiner Tochter Nicole durfte sie etwas davon sagen.

Als Charles krank geworden war, hatte Nicole schrittweise die Leitung der Firma übernommen. Sie war Annas beste Freundin. Sie arbeiteten nicht nur zusammen, sie wohnten auch unter demselben Dach. Es tat weh, die Freundin nicht einweihen zu dürfen. Anna kam sich deshalb wie eine Verräterin vor.

Aber sie tat es für Charles. Er verdiente es, dass sein verlorener Sohn zu ihm kam. Nur war sie sich noch nicht im Klaren, wie sie das am besten anstellen sollte.

Das Vorhaben etwas hinauszuzögern erschien ihr als eine gute Lösung. Nur würde es sicherlich schwierig werden, Judds Anziehungskraft dauerhaft zu widerstehen …

Sorgfältig wählte sie ihre Worte. „Sie möchten mich wirklich herumführen? Das wäre toll! Ich möchte Sie aber nicht stören. Aber ich bin zum ersten Mal hier und habe schon jetzt das Gefühl, mir reicht die Zeit nicht, um alles zu sehen.“

Judd beugte sich näher zu ihr. „Wer weiß, vielleicht können wir Sie ja verführen, öfter wiederzukommen.“

Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Noch mehr Verführung von diesem Mann und sie würde eine kalte Dusche brauchen, um schlafen zu können.

In diesem Moment ertönte eine Glocke, die alle in den Speisesaal rief – und eine Erwiderung zum Glück überflüssig machte.

Höflich bot Judd ihr den Arm an. „Darf ich Sie zu Tisch führen?“

Anna zögerte einen Moment, dann legte sie die Hand in seine Armbeuge. „Sind Sie immer so förmlich?“

Er sah sie mit seinen leuchtenden blauen Augen durchdringend an. Der Blick ließ keine Zweifel, dass es gewisse Situationen gab, in denen er alle Förmlichkeit vergaß.

Ohne dass sie es verhindern konnte, reagierte Anna heftig auf diesen Gedanken. Ihre Brustwarzen richteten sich auf, ihr ganzer Körper schmerzte vor heißem Verlangen … dem Verlangen, von ihm berührt zu werden.

„Nur wenn es nötig ist“, antwortete er mit einem verführerischen Lächeln.

Anna zwang sich, wegzusehen, um seinem Charme nicht völlig zu erliegen. Vielleicht war das mit dem Kennenlernen doch keine so gute Idee?

Als Charles’ Sekretärin war sie den Umgang mit einflussreichen Geschäftsleuten gewohnt, aber nie war sie einem Mann mit einer solchen Ausstrahlung begegnet.

Worauf hatte sie sich da nur eingelassen!

Die lange Tafel im Speisezimmer war mit feinem Porzellan, Kristallgläsern und Silberbesteck prunkvoll gedeckt. Zum Glück ließ Anna sich, dank ihrer Kindheit im Haus von Charles Wilson, von derartiger Pracht nicht einschüchtern. Denn Charles hatte Wert darauf gelegt, ihr die gleichen Vorteile zu gewähren wie seiner Tochter Nicole. Annas Mutter mit ihrem Gehalt als Haushälterin hätte ihr das niemals ermöglichen können.

Beim Essen versuchte sie, sich ein Bild von der Familie zu machen, deren weibliches Oberhaupt offenbar Cynthia war. Während Judd seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war, glich seine Schwester Nicole, von der er schon so lange getrennt war, eindeutig der Mutter.

Unauffällig betrachtete Anna Cynthia Masters-Wilson. So könnte ihre Freundin in fünfundzwanzig Jahren aussehen – nur hoffentlich ohne die feinen Fältchen um den Mund, die von Bitterkeit verursacht worden waren. Abgesehen davon wirkte die Frau mit den ersten Silberfäden im dichten dunklen Haar noch immer umwerfend attraktiv.

Ihr Auftreten hatte etwas Würdevolles, und sie erwartete selbstverständlich, dass andere sich nach ihren Wünschen richteten.

Anna fragte sich, wie sie sich wohl als Charles’ junge Ehefrau gefühlt hatte – bis Cynthia bemerkte, dass sie sie anstarrte.

Schnell sah Anna zur Seite, denn sie wollte auf keinen Fall Aufmerksamkeit erregen.

Zwischen Cynthia und ihrem Sohn Judd bestand offenbar eine starke Bindung. Immer wieder gelang es ihm, der stolzen Frau ein Lächeln zu entlocken.

Aber wenn ihr Sohn ihr so viel bedeutete, warum hatte sie bei ihrer Rückkehr nach Australien ihre damals einjährige Tochter nicht mitgenommen? Hatte sie sich denn keine Sorgen um die Kleine gemacht? War es ihr egal gewesen, sie nicht heranwachsen zu sehen?

„Sie sehen ernst aus“, flüsterte Judd, der neben ihr saß, ihr ins Ohr. „Alles okay mit dem Essen?“

Wie sanft sich sein Atem anfühlte! Ein wohliges Prickeln durchrieselte sie. Sie zwang sich, das Gefühl zu ignorieren und unbefangen zu antworten. „Alles bestens, danke.“

„Beschäftigt Sie etwas?“, fragte er und füllte ihr Weinglas nach.

Allerdings: Du beschäftigst mich!

„Ich bin nur etwas müde“, wich sie aus.

„Wir können ganz schön anstrengend sein, stimmt’s?“

„Nein, durchaus nicht. Ich beneide Sie sogar um die große Familie. Ich selbst bin ein Einzelkind, und meine Eltern hatten auch keine Geschwister. Bestimmt sind Sie alle sehr glücklich.“

„Einerseits ja – und andererseits auch nicht.“ Er lachte gewinnend und entschärfte damit den letzten Teil seiner Aussage.

Zum wiederholten Mal fragte sie sich, was Charles und Cynthia – und somit auch ihre Kinder – auseinandergebracht hatte. Das Einzige, was sie von Charles wusste, war, dass sie ihn hintergangen hatte. Und dass er ein solches Verhalten unverzeihlich fand.

Was auch immer der genaue Grund gewesen sein mochte … Jedenfalls war damals nicht nur die Ehe entzweigegangen, es war auch zum Bruch mit Charles’ Geschäftspartner gekommen. So viele Schicksale hatten damals eine traurige Wendung erfahren.

Anna seufzte leise. Und nun sollte sie die Schäden ausbügeln!

Nach dem Dessert entschuldigte sie sich. Als sie aufstand, erhoben sich alle Männer am Tisch. Überwältigt von so guten Umgangsformen sagte sie: „Danke Ihnen allen für die angenehme Gesellschaft an diesem Abend. Und für das Abendessen.“

„Keine Ursache, Anna“, sagte Cynthia freundlich. „Sagen Sie bitte der Haushälterin Bescheid, ob Sie sich uns während ihres Aufenthaltes öfter anschließen möchten. Haben Sie morgen schon etwas Bestimmtes vor?“

„Wir wollen uns ein bisschen die Gegend ansehen und dann in Hahndorf Mittag essen“, schaltete Judd sich ein.

„Oh!“ Cynthia warf ihrem Sohn einen prüfenden Blick zu. Aber sie hatte sich schnell wieder unter Kontrolle und lächelte. „Dann wünsche ich euch einen schönen Tag. Gute Nacht.“

Als Anna den Raum verließ, stellte sie überrascht fest, dass Judd ihr folgte. „Warum haben Sie Ihrer Mutter gesagt, dass wir einen Ausflug machen?“

„Weil es so ist“, sagte er zuversichtlich. „Wer die Adelaide Hills besucht, muss unbedingt einen Abstecher nach Hahndorf machen. Alles andere wäre in kultureller Hinsicht ein Armutszeugnis.“

„Armutszeugnis hin oder her – Ihre Mutter war nicht sehr begeistert.“

„Sie denkt, ich arbeite zu wenig. Aber lassen Sie das mein Problem sein.“

Sie verließen das Haus und gingen den Weg entlang, der zu dem modernisierten Cottage führte, in dem sie wohnte. An den Schultern spürte sie die kühle Nachtluft und wünschte, sie hätte ihren warmen Pashmina-Schal mitgenommen.

„Trotz der Gefahr, dass es klischeehaft wirkt …“ Judd zog seine Jacke aus und hängte sie ihr über die Schultern.

„Danke“, sagte sie sanft.

Das Seidenfutter der Smoking-Jacke war noch so warm, dass sie sofort aufhörte zu frösteln. Judds ansprechender Geruch mit einem Hauch von Holz und Vanille umhüllte sie. Sie liebte diesen Duft und spürte, wie sie dahinschmolz.

„Die Nächte sind jetzt schon ziemlich kalt“, sagte er. „Ich muss das Personal beauftragen, im Cottage Feuer zu machen, damit Sie es warm und behaglich haben.“

Sofort fiel ihr ein, wie sie ihn beim Holzhacken beobachtet hatte. Packte er alles mit so viel Energie an?

„Trotzdem ist es eine sehr schöne Nacht.“ Sie blickte zu den Sternen auf. Nur jetzt nicht auf die Gefühle achten, die er in mir auslöst!

„Allerdings. Das finde ich auch.“

Etwas in seiner Stimme veranlasste sie, ihn ansehen. Er betrachtete sie eingehend von Kopf bis Fuß. Obwohl er ein Stück von ihr entfernt stand, erschien es ihr, als würde er sie mit diesem bewundernden Blick liebkosen.

Plötzlich fühlte sich ihr Hals trocken an, sie versuchte zu schlucken. Welche Sinnlichkeit dieser Mann in ihr weckte! Ohne dass er sie überhaupt berührte, verging sie fast vor Sehnsucht nach ihm.

Dabei kannte sie ihn kaum! Und doch stand sie kurz davor, all ihre selbst auferlegte Zurückhaltung aufzugeben. Wie schön musste es sein, mit ihm zusammen auszuprobieren, wozu sie die magische Anziehungskraft zwischen ihnen inspirierte …

Und er fühlte genau wie sie! Sie spürte die Energie, die er ausstrahlte, und seine erwartungsvolle Anspannung. Wie es wohl war, wenn er seine Selbstbeherrschung aufgab und die Begierde ihn übermannte? Einen Moment lang hing sie genussvoll dieser Fantasie nach, dann versuchte sie, an etwas anderes zu denken. Leider vergebens.

Bevor sie etwas Unüberlegtes tun konnte, brach sie den Augenkontakt ab und ging eiliger als zuvor den Weg weiter.

Schweigend passte sich ...

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Viel Spaß!



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