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So sexy, so verführerisch

1. KAPITEL

Eine heiße Dusche. Ein kaltes Bier. Eine Frau.

Callan Sinclair seufzte sehnsüchtig, wenn er an die drei Dinge dachte, die an der Spitze seiner Wunschliste standen. Nachdem er vier Stunden lang an der Baustelle in Woodbury durch Regen und Schlamm gewatet war, dreißig Minuten lang den Reifen seines Wagens gewechselt und danach fast vier Stunden unterwegs gewesen war, war das Dringendste natürlich die Dusche. Seine Jeans und Stiefel waren ganz verkrustet von getrocknetem Schlamm, und eine feine Schicht Zementstaub ließ sein schwarzes Haar grau aussehen. Und da seine Kehle völlig ausgedörrt war, kam gleich als Nächstes auf seiner Liste ein schönes, großes Glas Bier.

Er konnte sich schon im Lokal seines Bruders am Tresen sitzen sehen, ein Glas eiskaltes Bier in der Hand, den Blick auf das Footballspiel im Fernsehen gerichtet, während aus der Jukebox ein Song von Bonnie Raitt erklang, die mit ihrer tiefen, sinnlichen Stimme die Schmerzen verlorener Liebe besang.

Punkt drei kann bis morgen früh warten, dachte Callan, während er die Stufen zu seinem Büro im zweiten Stock hinaufging. Seine Sekretärin Abigail hatte den ganzen Tag über versucht, ihn zu erreichen. Sie hatte sich dreimal über seinen Pieper bei ihm gemeldet, als er noch auf der Baustelle war, aber er hatte vergessen, die Batterie seines Handys aufzuladen, und konnte daher nicht zurückrufen.

Aber welches Problem auch aufgetaucht sein mochte, Callan war sicher, dass Abigail damit fertig werden würde. Sie war die klassische tüchtige Sekretärin mit ihrem zu einem ordentlichen Dutt hochgesteckten Haar, der großen Brille und den korrekten Kostümen. Tatsächlich, fand er, war sie die bestorganisierte, tüchtigste, kompetenteste Sekretärin auf der ganzen Welt. In dem einen Jahr, das sie für ihn arbeitete, war sie kein einziges Mal schlechter Laune gewesen oder hatte sonst ein unangenehmes Temperament erkennen lassen, war wunderbar im Umgang mit den Kunden und hatte ihn vor allem nie mit Informationen über ihr Privatleben behelligt.

Callan glaubte nicht einmal, dass sie überhaupt ein Privatleben hatte, das diesen Namen verdiente. Wahrscheinlich würden die meisten sie als langweilig bezeichnen, aber was machte das schon aus? Für ihn war Abigail Thomas vollkommen in allen Bereichen, die wirklich zählten.

Callan sah auf die Uhr, als er eintrat. Es war vier Uhr, also hatte er Zeit, sich Abigails Problem anzuhören, schnell zu Hause unter die Dusche zu gehen und danach bei seinem Bruder ein Bier zu trinken. Vielleicht würde er Shelly Michaels anrufen und fragen, ob sie ihm Gesellschaft leisten wollte. In letzter Zeit hatte er zu viel Arbeit gehabt, um mit einer Frau auszugehen, aber er und Shelly sahen sich ab und zu. Sie war sexy und amüsant und hörte nicht gleich die Hochzeitsglocken läuten, wenn ein Mann sie mehr als einmal einlud. Er war zwar dreiunddreißig und sollte wohl allmählich daran denken, eine Familie zu gründen, aber er war noch nicht so weit. Vielleicht in zwei, drei Jahren. Außerdem sollte Gabe, der älteste der Brüder, der Erste sein, der den Sprung ins kalte Wasser wagte.

Zurzeit war die einzige Frau in Callans Leben seine Sekretärin. Seine zuverlässige, treue, unerschütterliche Abigail. Sie arbeitete jetzt schon seit fast einem Jahr für ihn oder vielmehr für Sinclair Construction. Aber Gabe war verantwortlich für Renovierungen sowie Umbauten und war kaum im Büro, und Lucian war Aufseher auf den Baustellen und benutzte seinen Wohnwagen als Büro. Also blieb Callan die Planung und die Führung des Hauptbüros überlassen, von der er kaum etwas verstand, da das Abigails Job war. Seit die Sinclair-Brüder vor fünf Jahren eine Baugesellschaft gegründet hatten, waren unzählige Sekretärinnen über ihre Schwelle getreten. Und dann war Abigail hereingekommen, und Callan hatte gewusst, dass er ein echtes Juwel gefunden hatte. Sie war ein Traum, der Wirklichkeit geworden war.

Und als er jetzt die Bürotür öffnete, blinzelte er zweimal und sah sich noch einmal das Schild an der Tür an.

Sinclair Construction. Es war das richtige Büro.

Aber nicht die richtige Frau.

Eine kleine dunkelhaarige Frau mit sehr großen Brüsten, die ein tief ausgeschnittenes, enges rosa T-Shirt trug, saß an Abigails Schreibtisch. Sie sprach am Telefon, und als sie Callan sah, hob sie einen Finger, um ihm ein Zeichen zu geben, einen Moment zu warten. Dabei stellte Callan fest, dass ihre Fingernägel kirschrot lackiert waren.

Was zum Kuckuck ging hier vor?

Nicht nur, dass die Frau eindeutig fehl am Platz wirkte, das ganze Büro hatte eine eigenartige Verwandlung erfahren. Callan sah sich ungläubig um. Aktenordner lagen in Stapeln auf dem Schreibtisch und füllten sogar die Sessel davor, und die Schubladen des Aktenschrankes standen weit offen. An einer Art provisorischer Wäscheleine aus weißer Schnur, die von seiner Bürotür zu Gabes Tür gespannt war, hingen seltsam braun verfärbte Pläne. Außerdem roch es irgendwie verbrannt.

“Hab ich Tina nicht gesagt, dass Joe Gastoni ‘ne üble Nummer ist?”, plapperte sie in den Hörer. “Aber hört sie auf ihre beste Freundin? Natürlich nicht. Und jetzt weint sie sich die Augen aus dem Kopf, das arme Ding.”

Sie sah auf, und Callan bedachte sie mit einem finsteren Blick. Er machte einen Schritt auf den Schreibtisch zu, stolperte aber über ein Paket, das mitten auf dem Fußboden lag. Der herzhafte Fluch, den er gereizt ausstieß, alarmierte die Dunkelhaarige.

“Ich muss jetzt aufhören, Sue. Ich ruf dich später an.” Sie legte den Hörer auf und lächelte. “Kann ich Ihnen helfen?”

“Wer sind Sie?”, fuhr er sie unfreundlich an.

Sie hob eine gezupfte Augenbraue. “Darf ich zuerst erfahren, wer Sie sind?”

“Callan Sinclair.”

Ihr schien ein Licht aufzugehen. “Oh Mr. Sinclair, Sie müssen Gabes und Lucians Bruder sein. Das sind die Besitzer der Firma, aber ich habe sie noch nicht kennengelernt.”

“Wir sind alle die Besitzer”, sagte Callan knapp. “Und Sie heißen?”

“Francine. Ich komme von der Stellenvermittlung.”

“Wo ist Abigail? Ist sie krank?”

“Abigail?” Francine runzelte die Stirn. “Oh, Sie meinen die Frau, die hier gearbeitet hat.”

“Nein”, widersprach er. “Ich meine die Frau, die immer noch hier arbeitet. Blond, große Brille, etwa eins siebzig groß. Abigail Thomas.”

“Ach, die. Sie hat gekündigt”, sagte Francine leutselig. “Ich bin ihr Ersatz.”

Gekündigt? Unmöglich. Abigail würde niemals kündigen. Callan sah sich im Büro um. “Was zum Teufel ist hier geschehen?”

Francine riss ihre stark geschminkten Augen auf. “Na ja, es ist ja mein erster Tag. Ich muss mich doch erst an das Ablagesystem gewöhnen. Es ist sehr verwirrend.”

Das Alphabet war verwirrend? Callan spürte, wie es in seinem Kopf zu pochen begann. Er wies auf die Pläne. “Und das hier?”

“Ach herrje, Wayne ist ganz zerknirscht darüber.”

“Wayne?”

“Ein niedlicher, kleiner, grauhaariger alter Mann mit einem Schnurrbart.”

“Der Ingenieur?”

Sie nickte. “Ich half ihm dabei, die Pläne für eines Ihrer Projekte aufzurollen, und irgendwie verschüttete er seinen Kaffee.”

Callan knirschte mit den Zähnen. Angesichts der Tatsache, dass Francines Brüste fast aus dem tiefen Ausschnitt ihres T-Shirts fielen, wunderte er sich nur, dass Wayne keinen Herzinfarkt bekommen hatte.

Als er sah, dass auf dem Schirm des Computers wieder und wieder die beunruhigende Nachricht “Fehler – Datei gelöscht” aufblinkte, war er sicher, dass er selbst gleich einen Herzinfarkt bekommen würde.

Was konnte nur geschehen sein? Er hatte doch erst gestern mit Abigail gesprochen. Alles war in Ordnung gewesen. Wie konnte sie ihn also einfach so im Stich lassen? Ohne Vorwarnung, ohne Erklärung. Es war einfach nicht möglich.

“Weiß einer meiner Brüder etwas von Miss Thomas’ Kündigung?”, fragte er seine hoffentlich baldige Exsekretärin.

Francine schüttelte den Kopf. “Sie waren heute nicht im Büro. Miss Thomas sagte, dass Gabe und Lucian selten herkommen. Kann ich Ihnen etwas Kaffee einschenken, Mr. Sinclair?”

Callan blickte zur Kaffeemaschine in der Ecke hinüber. Das war es also, was so verbrannt roch. Mit einem unterdrückten Fluch wandte er sich wieder an Francine. “Hat Miss Thomas erklärt, wieso sie uns verlässt oder wohin sie gegangen ist?”

Die Frage schien etwas zu schwierig für Francine zu sein. Sie kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. “Nein, ich erinnere mich jedenfalls nicht.”

Sie erinnerte sich nicht? Callan ballte unwillkürlich die Fäuste. “Sind Sie sicher?”, fragte er mit der Geduld, die man einem Sechsjährigen entgegenbringt.

Sie runzelte die Stirn und überlegte angestrengt. “Nein, sie hat kein Wort gesagt. Oh!” Ihre Miene hellte sich auf. “Aber sie bat mich, Ihnen zu sagen, dass sie einen Brief auf Ihren Schreibtisch gelegt hat.”

Francine plapperte noch weiter, aber Callan lief wie von Furien gehetzt in sein Büro, fand den Umschlag und riss ihn ungeduldig auf.

Lieber Mr. Sinclair,

es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich gezwungen bin, meine Stellung als Sekretärin bei der Sinclair Construction aufzugeben. Ich bedaure, nicht in der Lage gewesen zu sein, die nötige Kündigungsfrist einzuhalten. Ich sehe natürlich ein, dass es unverzeihlich ist, und kann nur hoffen, dass Francine ein kompetenter Ersatz für mich sein wird.

Ich danke Ihnen für das vergangene Jahr. Es hat mir Freude bereitet, für Sie zu arbeiten.

Mit freundlichen Grüßen

Abigail Thomas

Callan starrte den sauber getippten und unterschriebenen Brief fassungslos an. Das war’s? Ich habe gern für Sie gearbeitet, aber hasta la vista, Baby? Keine vernünftige Erklärung?

Er knüllte den Brief zu einem Ball zusammen. Zum Teufel, er würde sie finden und sie zwingen, ihm zu sagen, was los war. Er würde ihr Gehalt verdoppeln, nein, verdreifachen, wenn sie das wollte. Sie konnte mehr Freizeit bekommen – natürlich in vernünftigen Grenzen. Sie sollte alles bekommen, was sie wollte.

Er würde gleich jetzt zu ihr fahren. Vergiss die Dusche, vergiss das Bier, vergiss alles andere, sagte er sich. Hier handelt es sich um eine Notlage. Er ging auf die Tür zu und blieb abrupt stehen.

Wo zum Teufel wohnte sie?

Abigail arbeitete seit einem Jahr für ihn, und er wusste nicht einmal, wo ihr Haus war. Besaß sie überhaupt eines? Oder lebte sie in einer Mietwohnung? Vielleicht lebte sie noch bei ihren Eltern. Oder hatte sie eine eigene Familie? Er war nicht sicher. Verdammt noch mal, wie konnte er so wenig über sie wissen?

Am besten, er schaute in seinen Unterlagen über sie nach. Irgendwo darin würde er ihre Adresse finden.

Das Telefon klingelte, und er nahm hastig den Hörer ab, bevor die sogenannte Sekretärin im anderen Büro ihm zuvorkam. “Was ist?”, zischte er.

“Das ist aber eine nette Art, sich am Telefon zu melden”, beschwerte sich sein Bruder Reese.

“Ich stecke im Moment in einer Krise. Was willst du?”

“Hat es zufällig etwas mit deiner Sekretärin zu tun?”

Callans Finger schlossen sich fester um den Hörer. “Was weißt du von meiner Sekretärin?”

“Nicht viel. Aber im Moment sitzt sie in meinem Laden und scheint entschlossen zu sein, sich zu betrinken. Ich dachte nur …”

Callan knallte den Hörer auf die Gabel und eilte zur Tür, ohne auf Francines erstaunten Blick zu achten, als er an ihr vorbeilief. Abigail betrank sich? Sie trank doch gar nicht. Oder doch? Er hatte keine Ahnung. Sie könnte im Grunde eine begeisterte Trinkerin sein, ohne dass er es jemals mitbekommen hätte.

Aber bald würde er es herausfinden. Er war entschlossen, alles über Miss Abigail Thomas zu erfahren. Und dann würde er sie hierherbringen, wo sie hingehörte. Koste es, was es wolle.

Abby war noch nie ins Squire’s Inn gegangen. Seit einem Jahr fuhr sie täglich auf ihrem Weg zur Arbeit daran vorbei, aber sie hatte nie daran gedacht, es sich mal von innen anzusehen. Wie der Name schon andeutete, war das Lokal einem englischen Landgasthof nachempfunden. An der Decke sah man die rohen Dachbalken, die Wände hatten eine dunkle Holztäfelung, und der riesige Kamin bestand aus Natursteinen. Wenn man vom Fernseher und der Jukebox absah, konnte Abby sich das Lokal gut in einem von Shakespeares Stücken vorstellen.

Es war noch früh, und sie war dankbar, dass nur wenige Leute außer ihr da waren: ein Mann und eine Frau an einem kleinen Tisch, die sich eine Flasche Wein teilten, und drei Männer an der Bar, die sich über ihre Biergläser beugten. Keiner schien sie zu beachten, aber das war nichts Ungewöhnliches. Niemand beachtete jemals Abigail Thomas.

Und dabei wollte sie es auch belassen.

Abby holte tief Luft, setzte sich gerade auf und nahm dann einen Schluck von ihrem Drink. Sie verschluckte sich. Gütiger Himmel! Sie hatte das Gefühl, flüssiges Feuer zu trinken. Hastig presste sie die Serviette an ihre Lippen und atmete tief durch. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt geworden, ohne zu ahnen, dass Alkohol so scheußlich schmecken konnte, und es würde ihr nichts ausmachen, weitere sechsundzwanzig Jahre lang auf diese Erfahrung zu verzichten. Vielleicht hätte sie die Kellnerin doch fragen sollen, was in dem Cocktail war, den sie bestellt hatte.

Was immer es war, es brannte höllisch in der Kehle und erfüllte ihren ganzen Körper mit einer seltsamen Hitze. Ach, was machte es schon aus. Sie hielt den Atem an und nahm noch einen Schluck. Sie trank schließlich nicht aus Vergnügen, sondern um zu vergessen.

Und einige Minuten und mehrere Schlucke später fand Abby, dass die Wirkung eigentlich recht angenehm war. Sie fühlte sich leichter und lächelte plötzlich über die dümmsten Dinge. Einer der beiden Männer an der Bar hatte zum Beispiel unglaublich große Ohren. Sie unterdrückte ein Kichern.

Sie nahm noch einen Schluck und seufzte. Vielleicht würde sie sogar ihre Kündigung komisch finden, noch bevor der Abend vorbei war.

Wieder seufzte Abby. Tante Ruby und Tante Emerald würden morgen Abend in die Stadt kommen, und so konnte Abby unmöglich weiter für die Sinclairs arbeiten.

Wie sollte sie Mr. Sinclair in die Augen sehen, wenn er erfuhr, dass sie gelogen hatte? Es wäre zu demütigend. Also hatte sie gekündigt. Obwohl es ihr sehr leid getan hatte, ihn von heute auf morgen zu verlassen, hatte sie keine Wahl gehabt. Abby spürte, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten, und riss sich energisch zusammen. Sie durfte nicht an Callan Sinclair denken. Immerhin war sie an einem öffentlichen Ort und wollte sich nicht zum Narren machen. Sie wollte einfach nur hier sitzen bleiben und vergessen, dass ihre Tanten zu Besuch kamen.

Irgendwie wurde ihr immer wärmer. Sie nahm noch einen Schluck und öffnete die ersten beiden Knöpfe der weißen Bluse, die sie unter ihrer braunen Kostümjacke trug.

Das nächste Lied aus der Jukebox war You better shape up aus Grease. In dem Song forderte Olivia Newton-John ihren Freund John Travolta auf, sich gefälligst zusammenzureißen. Abby lächelte und sang in Gedanken mit, da sie das Lied nur allzu gut kannte. Vor ihrem inneren Auge zerdrückte sie eine Zigarette unter ihrem hohen Absatz, wackelte herausfordernd mit den Hüften, drohte Travolta mit dem Finger und sagte ihm, dass sie einen Mann brauchte, der sie auf Touren brachte. Seltsamerweise sah der Mann in ihrer Vorstellung nicht wie Travolta aus, sondern wie Mr. Sinclair.

“Darf ich mich zu Ihnen setzen?”

Abby zuckte zusammen und sah langsam über die Schulter. Ihr Herz begann, wild zu klopfen, als sie Callan Sinclair neben sich stehen sah. Seine schokoladenbraunen Augen sahen sie durchdringend an, sein Mund war zu einer dünnen Linie zusammengepresst. Er sah so ernst, so finster aus. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund fand Abby das plötzlich sehr komisch.

Aber sie unterdrückte ein Lachen, rückte ihre Brille zurecht und nickte nur.

Er setzte sich auf den Sitz ihr gegenüber, und seine Gegenwart überwältigte Abby. Plötzlich nahm sie nichts anderes wahr als ihn. Er roch und sah aus wie ein Mann, der durch Schlamm und Schmutz gewatet war, und Abby fragte sich, warum der erdige Geruch, der von ihm ausging, sie so faszinierte. Oder warum sie den grauen Staub, der sein Haar und Hemd bedeckte, so attraktiv fand. Callan ist rau, dachte sie. Und unglaublich männlich.

Normalerweise fand Abby Callan Sinclairs Nähe einschüchternd. Schon seine Größe von eins neunzig war genug, um die meisten Menschen auf ihn aufmerksam zu machen. Er war außerdem kräftig gebaut, mit kräftigen Muskeln und einer breiten Brust. Und er sieht fantastisch aus, dachte sie, mit seinem dichten schwarzen Haar und dem umwerfenden Lächeln.

Aber in diesem Moment lächelte er nicht, und die Schuld daran lag garantiert bei ihr.

Als sie es wagte, ihm in die Augen zu blicken, nahm ihr der Ausdruck in ihnen den Atem. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie jemals seine ungeteilte Aufmerksamkeit gehabt hätte oder dass er sie jemals ganz bewusst wahrgenommen hätte, so wie er es jetzt tat. Zum ersten Mal in dem einen Jahr hatte sie nicht das Gefühl, für ihren Chef unsichtbar zu sein.

Aber sie war nicht sicher, ob ihr das Gefühl gefiel.

“Mr. Sinclair …”

“Ich weigere mich, Ihre Kündigung anzunehmen.”

Seine tiefe, vertraute Stimme hatte noch nie so heiser geklungen. Ich bedeute ihm etwas, dachte sie erstaunt, korrigierte sich jedoch sofort: natürlich nur als Angestellte.

Sie faltete die Hände im Schoß und hielt seinem Blick stand. “Ich entschuldige mich dafür, dass ich so plötzlich gehen musste, aber ich bin sicher, Francine wird Ihnen helfen können. Sie ist wirklich recht …”

“Ich habe gesagt”, sagte er mit gefährlich ruhiger Stimme und beugte sich näher zu ihr, “dass ich Ihre Kündigung nicht akzeptiere. Francine können Sie vergessen. Ich will Sie, Abigail.”

Seine Worte erschreckten sie, aber gleichzeitig fühlte sie sich geschmeichelt. Ich will Sie, Abigail. Unwillkürlich lehnte sie sich näher zu ihm hinüber.

Als seine Sekretärin, du Schwachkopf, warnte sie eine innere Stimme. Abby blinzelte und wich zurück. Da sie nicht wusste, was sie sagen sollte, nahm sie wieder einen Schluck von ihrem Drink. Jetzt brannte das Getränk gar nicht mehr und schmeckte fantastisch. Leider war das Glas gleich leer.

“Darf ich Ihnen einen Drink spendieren, Mr. Sinclair?” Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch keinen Mann zu einem Drink eingeladen. Bis auf Lester Green, mit dem sie in New York bei einer Versicherungsfirma gearbeitet hatte. Aber Lester hatte nicht so herrlich aufregende Augen wie Mr. Sinclair, seine Augen waren eher wie die eines Teddybären gewesen.

Der Gedanke brachte sie zum Kichern. Ihr Exboss hob die Augenbrauen und sah das Glas vor ihr misstrauisch an. “Was trinken Sie da?”

“Eistee.”

“Eistee?”

“Manhattan Eistee”, wiederholte sie und nahm noch einen Schluck.

Er sah sie beunruhigt an. “Sie meinen, einen Long Island?”

Sie lächelte. “Wollen Sie auch einen?”

“Haben Sie je so etwas getrunken?”, fragte er.

“Natürlich nicht. Was denken Sie denn von mir?” Sie schlug sich mit der Hand vor den Mund. “Oh Mr. Sinclair, entschuldigen Sie.”

“Warum nennen Sie mich nicht einfach Callan?” Er seufzte und gab dem Mann an der Bar ein Zeichen.

Irgendwie erschien ihr der Mann seltsam vertraut. Abby schob ihre Lesebrille tiefer, um ihn sich besser ansehen zu können. “Kennen Sie den Mann?”

“Mein Bruder Reese. Dieser Laden gehört ihm.”

Abby stöhnte fast auf. Deswegen hatte Mr. Sinclair sie also so schnell finden können.

“Mr. Sinclair, ich bin wirklich …”

“Callan.”

“Callan”, sagte sie verlegen. “Es tut mir so leid, Sie verlassen zu müssen, aber es bleibt mir keine andere Wahl.”

Die Kellnerin brachte ein Glas Bier und eine Tasse Kaffee und ging wieder.

Abby wollte keinen Kaffee. Ihr Magen, der den ganzen Tag geschmerzt hatte, hatte sich endlich wieder beruhigt. Abby fühlte sich angenehm entspannt, ihr war nur ein bisschen schwindlig.

Und ihr war ein wenig heiß. Sie öffnete noch einen Knopf ihrer Bluse, ignorierte den Kaffee und nahm den letzten Schluck von ihrem Drink. Ihr war immer noch heiß, also zog sie ihre Jacke aus.

Callan verschüttete ein wenig von seinem Bier und sah Abby stirnrunzelnd an. “Sie schulden mir eine Erklärung, Abigail. Sie können mich nicht einfach im Stich lassen und mir nicht einmal sagen, warum. Haben Sie einen besseren Job gefunden?”

“Nein.”

“Wollen Sie mehr Geld?”

Sie verzog gereizt die Lippen. “Natürlich nicht. Wenn ich mehr Geld gewollt hätte, hätte ich Sie um eine Gehaltserhöhung gebeten.”

“Warum haben Sie also gekündigt?”

“Das kann ich Ihnen nicht sagen. Es ist zu persönlich.”

Callans Gesichtsausdruck wurde besorgt. “Sind Sie etwa krank?”

Sie schüttelte den Kopf.

“Schwanger?”

“Himmel noch mal, nein!” Sie verdrehte die Augen, weil die Frage so absurd war.

Er überlegte einen Moment. “Sie sind verlobt.” Und als sie nicht antwortete, fügte er hinzu: “Ist es das?” Er starrte sie verblüfft an. “Sie sind verlobt?”

Sie senkte beschämt den Blick. “Etwas in der Art.”

“Etwas in der Art? Wer?”

“Wie bitte?”

“Ich meine, mit wem? Bloomfield ist keine so große Stadt. Vielleicht kenne ich ihn.”

Die Situation wurde immer lächerlicher. Abby fing an zu lachen, und Callan starrte sie ungläubig an.

“Was ist denn so komisch?”

“Sie”, brachte sie atemlos hervor.

“Ich bin komisch?”

“Nein.” Sie holte tief Luft und beruhigte sich mühsam. “Sie sind mein Verlobter.”

2. KAPITEL

Er war ihr Verlobter?

Callan brachte sekundenlang kein Wort hervor. Abigail hatte die Worte sehr deutlich ausgesprochen, aber er musste sie trotzdem falsch verstanden haben.

“Wie bitte?”

“Sie sind mein Verlobter.” Abby seufzte. “Sehen Sie jetzt ein, dass ich kündigen musste? Es ist so demütigend.”

Er begriff kein Wort. Der Manhattan musste schuld sein. Abigail war verwirrt. Sie wusste nicht, was sie sagte.

“Es ist demütigend, mit mir verlobt zu sein?”, fragte er.

“Natürlich.”

Callan ärgerte sich über die Ungeduld in ihrer Stimme. Was stimmte denn nicht mit ihm, dass es ihr peinlich war, mit ihm verlobt zu sein? Sehr viele Frauen fanden ihn attraktiv, und mehr als eine hatte versucht, ihn vor den Altar zu schleppen. Nur weil er und Abigail bisher nie Interesse aneinander gezeigt hatten, war das kein Grund, sich gedemütigt zu fühlen.

Ach, zum Teufel, dachte er gereizt. Was war nur los mit ihm? Sie war doch gar nicht mit ihm verlobt. Er schüttelte den Kopf und lachte leise. Abigail hatte es doch tatsächlich geschafft, seinen männlichen Stolz anzukratzen.

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und versuchte, nicht darauf zu achten, dass Abigail nicht nur ihre Jacke ausgezogen, sondern auch drei Knöpfe ihrer Bluse geöffnet hatte. Am Ausschnitt konnte er deutlich den Ansatz ihrer vollen Brüste sehen. Gütiger Himmel, bisher war er sich nicht einmal bewusst gewesen, dass Abigail überhaupt Brüste hatte, geschweige denn auch noch so verführerische. Er griff nach seinem Bierglas und zwang sich, den Blick auf ihr gerötetes Gesicht zu richten.

Er musste kurz überlegen, um sich daran zu erinnern, wovon sie gesprochen hatten. Ach ja, sie fand es demütigend, mit ihm verlobt zu sein. “Abigail, ich sage Ihnen das nicht gern, aber wir sind nicht miteinander verlobt.”

Sie lachte und machte eine wegwerfende Handbewegung. “Natürlich nicht. Aber das wissen Tante Ruby und Tante Emerald nicht, oder?”

Er hatte fast Angst, zu fragen. “Wer sind Tante Ruby und Tante Emerald?”

“S

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