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So sexy küsst nur du

1. KAPITEL

„Zwei Tequilas, und sorg schon mal für Nachschub!“

Bei Kats Bestellung schwante Aleisha Gregory nichts Gutes. Widerstrebend kletterte sie auf den Barhocker neben ihrer langbeinigen blonden Freundin. Kat und Tequila – das endete meistens in einem fremden Bett mit einem wildfremden Mann.

An sich war nichts daran auszusetzen. Kat war erwachsen und konnte tun und lassen, was sie wollte. Nur der panische Anruf am – sehr frühen – Morgen danach bei Aleisha mit der Bitte, sie abzuholen, war ziemlich lästig. Ganz zu schweigen von den tagelangen Selbstvorwürfen, die sie sich anhören musste.

„Für mich lieber etwas mit Schirmchen.“ Jahrelange Erfahrung hatte sie gelehrt, dass man Cocktails nicht so schnell hinunterstürzen konnte wie Tequilas. Außerdem war gerade Happy Hour, da kosteten Cocktails nur die Hälfte.

„Ach, Ally.“ Kat warf ihrer Freundin einen geringschätzigen Seitenblick zu. „Du bist eine richtig verweichlichte Stadtpflanze.“ Nichtsdestotrotz korrigierte sie ihre Bestellung bei dem ausgesprochen jungen Barkeeper. „Ich hab’s mir anders überlegt. Wir nehmen Daiquiri. Wenn du sie besonders hübsch und rosa machst, bekommst du auf ewig einen speziellen Platz in meinem Herzen.“

Amüsiert beobachtete Aleisha, wie Kat dem Jungen schöne Augen machte. Er schluckte ein paar Mal schwer, bevor er sich übertrieben eifrig ans Werk machte. Hätte Kat ihren Daiquiri mit Pünktchenmuster verlangt, sie hätte ihn bekommen. Davon war Aleisha fest überzeugt.

„Lass ihn in Ruhe, Katarina, er genießt noch Welpenschutz“, mahnte sie gespielt streng.

Kat ignorierte den Kommentar und ließ interessiert den Blick durch die spärlich beleuchtete, erst halb volle Bar schweifen, um nach anderen potenziellen Kandidaten zu suchen. „Heute Abend bringen wir dich an den Mann“, verkündete sie.

„Seit wann muss ich an den Mann gebracht werden, Kitty-Kat?“, erkundigte Aleisha sich entrüstet.

„Ab und zu würde dir das sicher mal ganz guttun.“ Sie knuffte ihre Sitznachbarin spielerisch in die Seite. „Vielleicht wärst du dann nicht ausgerechnet an diesen grässlichen Tom geraten.“

Aleisha zuckte zusammen. Musste Kat immer so direkt sein? „Das ist lange vorbei.“

„Aber nur, weil der Typ fremdgegangen ist. Sei froh, dass du ihn los bist!“

Ich bin aber nicht froh, dachte Aleisha und blies sich eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht. Dabei lag die Trennung von Tom bereits ein Jahr zurück. Es war ein ganz abscheuliches Jahr gewesen.

Schwungvoll servierte der Barkeeper die Cocktails und errötete, als Kat ihn mit einem strahlenden Lächeln belohnte, um ihn anschließend mit Nichtachtung zu strafen.

„Was ist mit Ihrer Hand passiert?“ Aleisha zeigte auf eine gerötete Abschürfung auf dem Handrücken des verknallten Burschen.

„Ich habe heute Nachmittag versucht, zwei kämpfende Hunde auseinanderzubringen.“ Verlegen lächelte er Kat zu. „Der eine hatte was dagegen.“

Sein Versuch, Kat zu beeindrucken, bewirkte bei Aleisha nur ein müdes Lächeln. „Sind Sie gegen Tetanus geimpft?“

Widerstrebend lenkte der Junge seine Aufmerksamkeit auf sie. „Nein. Ist das nötig?“

„Allerdings.“

Hilfe suchend sah er Kat an. Doch die zuckte nur die Schultern.

„Okay, dann lasse ich mich impfen. Danke.“ Resigniert wandte er sich dem nächsten Gast zu.

„Du bist wirklich ein hoffnungsloser Fall, Ally.“

„Ich kann nun mal nicht aus meiner Haut.“

„Schon gut.“ Kat grinste versöhnlich und prostete ihrer Freundin zu. „Auf einen erfolgreichen Abend!“

Automatisch hob auch Ally ihr Glas, allerdings eher halbherzig. Sie wäre schon zufrieden, wenn sie den Abend einigermaßen heil überstehen und sich nicht wieder in den Schlaf weinen würde. Zu wissen, was sich an diesem Abend am anderen Ende der Stadt abspielte, trübte jedoch ihre Hoffnung.

Traurig betrachtete sie das rosa Getränk in ihrem Glas. Vermutlich war es gar keine so schlechte Idee, ihren Kummer in einigen Cocktails zu ertränken. Entschlossen nahm sie einen herzhaften Schluck – schüttelte sich leicht. Puh, hatte der viel Alkohol!

Hastig setzte sie das Glas ab. „Ich schaffe das schon“, erklärte sie mit neuer Zuversicht.

„So gefällst du mir schon viel besser.“ Kat hob erneut das Glas, nahm einen großen Schluck und stupste Ally an. „Der Typ dahinten scheint ein Auge auf dich geworfen zu haben.“

Das hielt Ally für eher unwahrscheinlich. Schließlich saß sie neben einer absoluten Traumfrau. Wer sollte sich da für sie selbst interessieren? Trotzdem folgte sie gehorsam Kats Blick.

Der Mann schien ganz okay zu sein. Netter Anzug. Schöne Augen. Nettes Lächeln. Alles ganz nett.

Tom war auch nett gewesen. Jedenfalls am Anfang.

Aleisha holte tief Luft. Ihr Selbstbewusstsein hatte einen empfindlichen Dämpfer davongetragen, als sie erfahren hatte, dass Tom sie mit einer temperamentvollen rothaarigen Zwanzigjährigen betrog. Plötzlich hatte sie sich mit ihren fast dreißig Jahren alt und unattraktiv gefühlt.

Davor war sie sich ihrer Anziehungskraft auf Männer durchaus bewusst gewesen. Mit Kat konnte sie zwar nicht mithalten, aber immerhin hatte sie schönes Haar, ein hübsches Gesicht, trug Kleidergröße vierzig und Körbchengröße D.

Doch seit Tom sie so gemein hintergangen hatte, fühlte sie sich zum ersten Mal unattraktiv und alt.

Der Typ rutschte vom Barhocker und kam auf sie zu.

„Nein!“ Genervt nahm sie noch einen Schluck. „Er kommt rüber.“

Kat lachte zufrieden auf. „Sehr gut! Hör zu: Heute Abend geht es nur darum, einen Mann abzuschleppen. Du musst dich nicht gleich unsterblich verlieben, sondern einfach einen Schritt in die richtige Richtung machen und die Vergangenheit hinter dir lassen. Du bist wieder auf dem Markt, Ally.“

„Genau das stört mich aber.“ Sie war sehr froh gewesen, eine Beziehung zu haben und nicht mehr auf Männerfang zu sein. „Ich bin ganz gern allein“, behauptete sie.

„Ja, das sehe ich.“

Zerknirscht biss Kat sich auf die Lippe, als sie Allys beleidigte Miene bemerkte. „Tut mir leid, Süße, aber du musst da jetzt durch. Dein Exverlobter Tom, dieser gemeine Schuft, steht in diesen Minuten vor dem Traualtar und gibt der jungen Gespielin, mit der er dich betrogen hat, das Jawort. Der Mistkerl hat sich von dir getrennt, obwohl du ein Kind von ihm erwartet hast. Und er hat ausgerechnet an dem Tag mit dir Schluss gemacht, als du eine Fehlgeburt erlitten hast und besaß auch noch die Frechheit, dir mitzuteilen, dass er das Kind sowieso nie gewollt hat.“

Traurig drehte Ally das halb leere Glas in der Hand und versuchte, die Fassung zu wahren. Gleichzeitig gab sie Kat recht. Es wurde wirklich Zeit, das alles endlich zu vergessen.

„Mach schon, Ally, geh mit dem Typ ins Bett! Wie lange willst du diesem Mistkerl Tom denn noch nachtrauern?“

Gute Frage. Aber musste sie wirklich mit einem Wildfremden ins Bett gehen, um es Tom mal so richtig zu zeigen? Nein. Allerdings hatte sie auch keine Lust, sich den ganzen Abend lang vorzustellen, wie Tom es mit seiner Frischangetrauten trieb. „Okay, du hast gewonnen, Kat“, sagte sie daher zögernd.

„Prima.“ Aufmunternd stieß Kat sie an. „Einen Versuch ist es wert. Und tu mir einen Gefallen: Sag ihm nicht auf den Kopf zu, dass er an irgendeiner seltenen Krankheit leidet. Versprochen?“

Ally rang sich ein Lächeln ab. „Versprochen.“

Im nächsten Moment schob der nette Mann sich auf den Barhocker neben ihr.

„Hallo, Ladies. Wie geht’s denn so?“

Kat drückte Ally die Hand und zauberte ein strahlendes Lächeln auf die Lippen. „Ganz wunderbar – zumal Sie uns jetzt Gesellschaft leisten.“

„Wieso sitzen zwei so hübsche Damen allein in der Bar?“

So ein plumper Spruch! Der Typ sah aus, als hätte er davon noch mehr auf Lager. Entnervt stellte Ally sich schon mal darauf ein und ignorierte sorgsam seine Polypen, die Ursache für sein Näseln waren.

Geschlagene fünf Minuten ging alles gut. Der Mann gab ihr und Kat noch einen Daiquiri aus. Dann jedoch stellte er die fatale Frage: „Und was machst du beruflich, Ally?“

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Ich bin Hirnchirurgin.“ Sie spürte, wie Kat neben ihr die Luft anhielt, als der Typ herzlich lachte. „Das ist kein Witz“, erklärte sie schließlich. „Ich arbeite wirklich als Hirnchirurgin.“

Zumindest hatte sie das bis vor Kurzem getan.

„Oder als Neurochirurgin, falls dir die Bezeichnung besser gefällt“, fügte sie hinzu und fing an, sich über seinen ungläubigen Gesichtsausdruck zu ärgern.

Schließlich verging Mr Freundlich das Lachen, und aus dem Augenwinkel sah sie, dass Kat die Schultern hängen ließ.

„Ach, wirklich?“ Plötzlich schien er es sehr eilig zu haben. Nach einem flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr, stürzte er den Drink hinunter und erhob sich. „War nett, euch kennenzulernen, Mädels. Leider muss ich jetzt los.“

Was hat er denn plötzlich? überlegte Ally. Er tut ja gerade so, als würde ich an einer hoch ansteckenden Krankheit leiden. Ratlos wandte sie sich Kat zu. „So etwas! Dabei habe ich nicht einmal seine Polypen erwähnt.“

Kat zog nur zynisch eine Augenbraue hoch. „Neurochirurgin?“

„Das ist nun mal mein Beruf. Warum glaubt mir das niemand?“

Ihre Freundin seufzte ergeben. „Weil es ein Klischee ist, Herzchen.“

„Neurochirurgin zu sein ist ein Klischee?“

Gut zu wissen. Zehn Jahre Studium und anstrengender Schichtdienst – alles nur ein Klischee? Na ja, wenn man sich vor Augen führte, wie ihr Leben gerade den Bach hinunterging, war wohl kaum etwas anderes zu erwarten.

„Doch nicht dein Beruf selbst. Nur das, was man damit assoziiert. Dir ist schon klar, wie einschüchternd das auf Männer wirkt, oder?“

Ally verdrehte die Augen. „Für Steinzeitmenschen ist in meinem Leben kein Platz.“

„Heute machst du mal eine Ausnahme, Ally.“

„Ich weiß nicht, Kat.“

„Ich aber.“ Kat lächelte aufmunternd. „Ab jetzt sagst du einfach, womit du momentan deine Brötchen verdienst. Oder hast du das vergessen?“

Ally biss sich auf die Lippe. Wie sollte sie vergessen, dass sie in einem Coffeeshop aushalf? Sie gab sich einen Ruck. „Also gut.“

Widerstrebend folgte Max Sherrington seinem besten Freund Pete in die Bar. Ihm wäre es lieber gewesen, seinen Kummer nicht in aller Öffentlichkeit zu ertränken. Zu Hause wartete eine Flasche edlen Whiskys auf ihn – das Geschenk eines dankbaren Klienten, das er sich extra für diesen Tag aufgehoben hatte.

Den Tag, an dem der Brief vom Gericht eingetroffen war. Zwanzig Jahre alter Scotch hätte ihm schon über seinen Kummer hinweggeholfen, aber Pete bestand darauf, diese Bar zu besuchen. Max, der sich seit achtzehn Monaten eingeigelt hatte, wusste, dass Pete es nur gut meinte.

Also hatte er nachgegeben. Lange würden sie sowieso nicht in der Bar bleiben, denn Pete war ein absoluter Frauenschwarm. Vermutlich dauerte es keine Stunde, bevor er sich abschleppen ließ. Und dann kann ich nach Hause gehen und habe meine Ruhe, dachte Max hoffnungsvoll.

„Ich gebe die erste Runde aus“, sagte Pete und sah sich in der Bar um, bis sein Blick auf eine Blondine in einem roten Kleid fiel, deren Beine schier endlos wirkten.

Und eine Freundin hat sie auch, dachte er entzückt.

Lächelnd klopfte er Max auf die Schulter. „Ich glaube, ich kenne die Lösung all deiner Probleme.“

Max folgte Petes Blick und stöhnte leise auf. „Was soll ich denn mit einem Tori-Klon? Ich dachte, du hättest mich hergezerrt, damit ich meine Frau vergesse.“

„Deine Exfrau, Kumpel. Mit der Betonung auf Ex!“

Ex. Genau! Seit heute war das Scheidungsurteil rechtskräftig. Es wurde Zeit, sich damit abzufinden.

„Ex“, brummte er mürrisch.

„Schon besser.“ Pete grinste aufmunternd. „Keine Panik. Die Blonde gehört mir. Du kannst ihre niedliche Freundin haben.“

Max betrachtete die andere Frau. Sie hatte ein hübsches Gesicht, große Augen, eine Stupsnase und einen sinnlichen Mund. Im Gegensatz zu ihrer sorgfältig zurechtgemachten Freundin trug sie nur Lipgloss und keinen Schmuck.

Das einzig Auffällige an ihr waren die lustigen karamellfarbenen Korkenzieherlocken. Eine vorwitzige Locke fiel ihr über die Augen und wurde flüchtig weggeblasen.

Auch ihre Figur war nicht zu verachten. Und auch sie wäre offensichtlich viel lieber woanders gewesen.

„Niedlich? Was soll ich denn damit anfangen?“, erkundigte er sich missvergnügt. In Gedanken streifte er ihr bereits den BH ab. Das verärgerte ihn nur noch mehr. „Das ist nichts für mich“, stieß er ungnädig hervor.

„Wenn du mich fragst, ist es genau das Richtige für dich.“ Pete grinste frech.

„Kein Bedarf.“

„Da muss ich dir widersprechen, Kumpel. Seit eineinhalb Jahren wirst du immer mehr zum griesgrämigen Eigenbrötler und lebst nur noch für deinen Beruf. Fünf Sekretärinnen hast du in der Zeit verschlissen. Und wenn du dich doch mal von deinem Schreibtisch loseist, dann nur, um für den nächsten Marathon zu trainieren. Und Sex ist auch Mangelware, seit Tori dich verlassen hat.“

Max verzog das Gesicht. „Ich wusste gleich, dass ich dir das nicht hätte sagen sollen.“

Pete betrachtete den verschlossenen Gesichtsausdruck seines besten Freundes und schüttelte besorgt den Kopf. „Es wird wirklich Zeit, dass du mal wieder Spaß im Bett hast.“

Das sah Max völlig anders. Ihm machte es überhaupt nichts aus, enthaltsam zu leben. Daher bedachte er Pete mit einem mürrischen Blick. „Du weißt aber schon, dass man auch ohne Sex leben kann, oder?“

Für Pete war Max nur noch ein Schatten seiner selbst. Ein Zombie war nichts dagegen. „Da habe ich so meine Zweifel.“ Erneut betrachtete er die Blondine und stellte erfreut fest, dass sie ihn bemerkt hatte, denn sie strahlte, als er ihr zulächelte.

„Hör zu, Max! Such einen Tisch, an dem wir alle Platz finden, und tu mir einen Gefallen: Wenn ich mit den Frauen rüberkomme, erwähnst du mit keiner Silbe, dass du Anwalt bist! Rechtsanwälte rangieren ganz unten auf der Beliebtheitsskala.“

Max musterte ihn angriffslustig. „Das ändert sich schnell, sobald sie mit dem Gesetz in Konflikt kommen und einen fähigen Juristen brauchen.“

„Okay, aber ganz nach oben schaffen sie es trotzdem nicht.“

Inzwischen war eine halbe Stunde vergangen, seit Mr Freundlich sich aus dem Staub gemacht hatte. Der Gedanke, sich in der Bar einen Mann für eine Nacht zu angeln, behagte Ally immer noch nicht, sosehr sie sich auch anstrengte.

„Jetzt wird’s spannend. Ein ganz heißer Typ ist im Anmarsch“, raunte Kat ihr plötzlich zu. „Und er hat einen Kumpel dabei.“

Unauffällig folgte Ally ihrem Blick. Der Mann war tatsächlich nicht übel – wenn man auf blendendes Aussehen stand. Leider wusste sie aus Erfahrung, dass sich hinter der attraktiven Fassade oft nichts Aufregendes verbarg und war daher weniger beeindruckt als Kat.

Seinen Kumpel konnte sie nirgends entdecken. Auch egal. Sie trank ihren dritten Daiquiri aus. „Tut mir leid, Kitty-Kat, aber ich habe genug. Ich kann das nicht.“

„Warte!“ Kat hielt sie am Arm fest. „Von mir aus kannst du dich in deiner Wohnung verkriechen und alten Zeiten nachtrauen, statt dich in ein heißes Abenteuer zu stürzen. Aber gib mir wenigstens noch eine halbe Stunde.“

Kat schaute dem sich mit schnellen Schritten nähernden Sahneschnittchen entgegen. „Ich will ihn haben“, wisperte sie. „Bitte bleib und lenk seinen Kumpel ab. Er soll sich nicht wie das fünfte Rad am Wagen fühlen. Ich glaube, der Typ ist der Richtige für mich. Da kann ich es mir doch nicht von vornherein mit seinem Freund verscherzen.“

Ally verdrehte die Augen. Seit sie Katarina kannte, suchte die nach dem Richtigen. Dabei hatte sie bisher unzählige Falsche bereits wieder aus ihrem Leben verbannt. Doch Kat schaute sie mit ihren großen blauen Augen so flehend an, dass sie ihr die Bitte nicht abschlagen mochte. Eine weitere halbe Stunde hier wird mich schon nicht umbringen, dachte Ally gutmütig.

Zumal Kat damit beschäftigt sein würde, sich selbst einen Mann zu angeln, statt dafür zu sorgen, dass ihr, Ally, ein Fisch ins Netz ging. Also könnte sie sich bequem zurücklehnen und verschwinden, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war.

„Also gut, Kat, dreißig Minuten.“

Kat zwinkerte ihr vergnügt zu. „Mehr verlange ich ja auch gar nicht.“

Pete bat Ally und Kat an den Tisch, den Max für sie gesichert hatte. Die Sitzgelegenheiten erinnerten eher an Fußschemel als an Stühle.

„Das sind Kat und Ally.“ Pete übernahm die Vorstellung und hielt Kats Hand, als die blonde Traumfrau sich auf dem Sitzkissen niederließ. Verdrießlich setzte Ally sich ohne Hilfestellung. „Und das ist Max.“

Ally nickte desinteressiert und blickte starr in ihr Glas. Sie spürte die Wirkung des vierten Cocktails und beschloss, es würde für heute Abend ihr letzter sein.

Max verneigte sich höflich. „Freut mich, meine Damen.“

Die weiche dunkle Baritonstimme umfing Ally wie der sexy Sound eines Saxofons. Widerstrebend blickte sie nun doch auf und schaute in unwiderstehliche graue Augen, die von dichten dunklen Wimpern umkränzt waren. Sie blinzelte überrascht. In dem Blick lag Traurigkeit. Erstaunt sah sie genauer hin und verlor sich völlig in den dunkelgrauen Tiefen, die sie so sehr an ihre eigenen Augen erinnerten.

Pete zeigte auf die Cocktailgläser. „Habt ihr heute Abend was zu feiern?“, erkundigte er sich interessiert.

„Eigentlich eher das Gegenteil.“ Tröstend legte Kat ihrer Freundin einen Arm um die Schultern. „Allys Exverlobter, dieser Mistkerl hat vor einer Stunde die Schlampe geheiratet, mit der er Ally betrogen hat. Deshalb habe ich Ally hierher entführt, damit sie sich sinnlos betrinken kann.“

„Gute Idee.“ Pete grinste verständnisvoll und hob seine Bierflasche, um Ally zuzuprosten. „So gehört sich das in Australien. Unsere Vorfahren wären stolz auf uns.“

„Na ja.“ Kat kreuzte die Beine. „Meinen ersten Vorschlag hat sie ja kategorisch abgelehnt.“

„Ja?“ Fasziniert betrachtete Pete ihre schlanken Fesseln und die knallroten High Heels. „Was hattest du denn vorgeschlagen?“

„Voodoozauber.“

Max verschluckte sich fast an seinem Bier, als Pete in lautes Gelächter ausbrach und betrachtete die Frau neben sich. Pete hatte recht. Sie sah wirklich niedlich aus mit ihrer Stupsnase und der widerspenstigen Locke, die ihr ständig über die Brauen fiel.

Schade, dass sie so ernst und unnahbar wirkte, das passte gar nicht zu ihren fröhlichen Korkenzieherlocken.

„Voodoo?“, fragte Max nach und unterbrach damit Allys Gedankengang.

Sie hatte gerade über seine traurigen Augen, die sexy tiefe Stimme, das markante Gesicht mit den hohen Wangenknochen, dem sinnlichen Mund und den Grübchen nachgedacht. Der Dreitagebart passte allerdings nicht zu ihm, denn er ließ ihn noch hagerer wirken.

„Kat hat es nun mal gern dramatisch“, erklärte Ally schließlich.

„Was für ein Zufall“, bemerkte Max trocken und warf Pete einen vielsagenden Blick zu, bevor er sich wieder Ally widmete. Ihr wehmütiges Lächeln faszinierte ihn.

Pete überhörte die anzügliche Bemerkung seines Freundes. „Das gefällt mir. Vielleicht hätten wir es bei dir auch mal mit Voodoo versuchen sollen, Max.“ Vertraulich flüsterte er Kat zu: „Seine Scheidung ist seit heute rechtskräftig.“

Mitfühlend beobachtete Ally, wie der eben noch humorvoll lächelnde Max kreidebleich wurde. Sie wusste nur zu gut, wie ihm zumute sein musste. „Das tut mir sehr leid“, sagte sie leise.

Max sah ihr direkt in die Augen. Einen Moment lang spürte er eine tiefe Verbundenheit zu Ally, die offensichtlich auch einiges durchgemacht hatte. Dann hatte er seine Gefühle wieder im Griff und zuckte lässig die Schultern. „C’est la vie.“

Das betretene Schweigen war nicht von langer Dauer. Dafür sorgte Pete. „Erzähl mal, was du so machst, Ally“, bat er.

Sie löste ihren Blick von Max und wandte sich Pete zu, der sie jedoch nicht einmal ansah. Ally verkniff sich ein Lächeln. Er bemühte sich sehr, den charmanten Gastgeber zu spielen. Dabei interessiert es ihn nicht im Geringsten, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene, dachte sie, machte aber gute Miene zum bösen Spiel.

Kat schien die Luft anzuhalten, als Ally den Mund aufmachte. „Ich bin …“

„Barista“, fuhr Kat schnell dazwischen.

Ally blinzelte irritiert. Ihre plötzliche Beförderung von einer einfachen Bedienung zum Barista behagte ihr gar nicht. Ganz zu schweigen von den verhängnisvollen Umständen, die zu ihrem Berufswechsel geführt hatten.

Obwohl ihr die Arbeit Spaß machte. Der einfache Job, zu dem keine große Verantwortung gehörte, tat ihr gut.

„Wirklich? Wo denn? Max und ich sind immer auf der Suche nach einem guten Kaffee.“

Ally räusperte sich. „Im River Breeze, am Südufer. Der Laden gehört Kat.“

Ein angeregtes Gespräch über die Vorzüge verschiedener Kaffeesorten folgte. Max und Ally hielten sich vornehm zurück.

„Ausgezeichnet“, meinte Pete schließlich. „Den Laden müssen wir uns ansehen, Max.“

Max warf seinem Kumpel einen nachsichtigen Blick zu. „Klar, das machen wir, Pete.“

Amüsiert stellte Ally fest, dass auch Max langsam der Geduldsfaden riss. Konnten Kat und Pete, die nur noch Augen füreinander hatten, nicht langsam zur Sache kommen? Dann könnten Max und sie sich unauffällig aus dem Staub machen. Am Tag danach würden ihre Freunde sich dann irgendwie rechtfertigen, nach so kurzer Bekanntschaft spontan miteinander geschlafen zu haben.

„Was machst du denn beruflich, Max?“, fragte Ally höflich.

Pete, der Kat gerade tief in die Augen schaute, schaltete sich schnell ein. Zu schnell! „Er ist Buchhalter.“

Ungläubig blickte Ally von einem zum anderen. „Das stimmt doch nicht, oder?“

Max lächelte. Und staunte über sich selbst. Er hatte schon lange nicht mehr gelächelt. „Nein“, gab er trocken zu.

Fasziniert beobachtete Ally, wie das Lächeln sein Gesicht veränderte. Die tiefen Grübchen waren einfach süß, und die grauen Augen wirkten dunkler und nicht mehr ganz so traurig. Wie Max wohl aussah, wenn er richtig herzlich lachte? „Nun sag schon, Max! Was machst du wirklich beruflich?“

„Ich bin Anwalt.“

Ihr erster Impuls war, sofort die Flucht zu ergreifen. Tom war Anwalt. Und sie selbst war dazu verdammt, die nächsten beiden Monate eng mit einem Anwalt zusammenzuarbeiten. Angeblich handelte es sich um einen ausgezeichneten Anwalt. Sogar um den besten.

Trotzdem …

Der Fluchtinstinkt war so überwältigend, dass sie aufspringen wollte. Doch dazu kam es nicht, denn Kat hielt sie mit eisernem Griff zurück.

Nachdenklich beobachtete Max das Geschehen. „Entweder kannst du Anwälte nicht ausstehen, oder du bist zur Fahndung ausgeschrieben.“

Kat lachte. „Wer ist denn jetzt dramatisch? Ihr Ex ist Anwalt“, erklärte sie.

Pete schien sich mit dieser Erklärung zufriedenzugeben. Aber er hatte ja sowieso nur noch eins im Sinn, seit er Kat kennengelernt hatte. Max hingegen war misstrauisch.

„Ich hole uns noch etwas zu trinken.“ Pete stand auf.

Kat erhob sich ebenfalls. „Ich komme mit.“

Bevor Max oder Ally dankend ablehnen konnten, waren die Turteltauben bereits auf dem Weg zum Tresen. Pete hatte einen Arm um Kats schmale Taille gelegt.

Da waren’s nur noch zwei …

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