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So sexy ist das große Glück

1. KAPITEL

Mit mehreren Werkzeugen zu hantieren, während er auf dem Rücken lag und sein ganzer Oberkörper schmerzte, war nicht gerade einfach. Als ihm dann auch noch der Schraubenschlüssel entglitt, geriet Cutters Hand in die Kardanwelle. Heftiger Schmerz durchfuhr ihn, und die Unterseite seines 71er Barracudas sprühte Funken.

„Verdammt!“ Der Fluch verlor sich in der lauten Rockmusik, die Cutters Garage beschallte.

Blut tropfte ihm von den Knöcheln auf sein T-Shirt. Cutter rutschte leicht nach rechts, was seine Rippen gar nicht gut fanden. Stöhnend zog er einen Lappen aus der Gesäßtasche seiner Jeans und wickelte ihn um seine Hand. Das einzig Gute war, dass die frische Verletzung den zwei Monate alten, anhaltenden Schmerz in seinem linken Arm überdeckte.

Denn Cutter Thompson, ehemaliger Nummer-1-Fahrer im American Stock Car Auto Racing-Zirkus, kurz ASCAR, machte keine halben Sachen. Selbst wenn er etwas so richtig in den Sand setzte. Seine Karriere hatte er in großem Stil beendet, indem er sich mit seinem Wagen überschlagen und die Ziellinie auf dem Dach passiert hatte, ehe er in die nächste Mauer krachte.

Die Musik von Bruce Springsteen verstummte abrupt, und ein Paar hochhackiger Sandalen näherte sich mit lautem Klackern dem Barracuda. Dunkelrot lackierte Zehennägel. Hübsche Fesseln. Schlanke, wohlgeformte Waden. Zu schade, dass der Rest von der Unterseite des Wagens verdeckt wurde.

Die Besitzerin der Beine ging in die Hocke, presste die Knie zusammen und steckte den Kopf unter den Wagen. Braune exotische Augen. Schimmerndes kastanienbraunes Haar.

„Hallo, Mr Thompson.“ Ihre Stimme war dunkel. Warm. Wie süßer Honig. Ihr Lächeln strahlend. „Willkommen zurück in Miami.“

Willkommen zu Hause, Thompson. Als ob eine Verletzung, die seine Karriere mit gerade mal dreißig beendet hatte, ein Segen wäre.

Cutter starrte die Frau an. „Sie haben Springsteen den Saft abgedreht.“

Ihr Lächeln verblasste nicht. „Ich bin Jessica Wilson.“ Sie hielt inne. „Haben Sie meine Nachrichten bekommen?“

Jessica Wilson. Die verrückte Lady, die einfach kein Nein akzeptieren wollte. „Alle fünf“, versetzte er trocken. Dann widmete er seine Aufmerksamkeit wieder seiner Arbeit. „Ich habe kein Interesse an irgendeiner PR-Aktion“, erklärte er fest. Er hatte kein Interesse an irgendeiner Form von Publicity, Punktum.

Dabei hatte ihm die öffentliche Aufmerksamkeit immer gefallen. Himmel, er hatte dafür gelebt. Und seine Fans waren furchtbar loyal gewesen, waren ihm zu jedem Rennen gefolgt und hatten ihn bedingungslos unterstützt. Ja, sie waren mit ihm durch dick und dünn gegangen. So wie es Eltern normalerweise bei ihren Kids taten.

Nur nicht seine Eltern.

Und was sollte er jetzt der Presse erzählen? Hammermäßiger Crash, oder? Die in Sekundenbruchteilen getroffene Entscheidung hatte ihn mehr gekostet als gebrochene Rippen, einen zertrümmerten Arm und eine mordsmäßige Gehirnerschütterung – nämlich seine Karriere.

Cutter griff nach dem Schraubenschlüssel und mühte sich erneut mit dem Bolzen ab. Natürlich hatte er auch noch seine dominante Hand ruinieren müssen.

Ganz allmählich dämmerte ihm, dass die Frau immer noch da war, so als warte sie darauf, dass er es sich noch mal überlegen würde. Manche Leute waren einfach zu hartnäckig. Er versuchte es erneut. „Ich bin beschäftigt.“

„Wie lange arbeiten Sie schon an dem Wagen?“

Der Themenwechsel irritierte ihn. „Seit vierzehn Jahren.“

„Dann wären weitere fünfzehn Minuten Verzögerung wohl nicht zu schlimm?“

Belustigt drehte er den Kopf, um sie anzusehen. Er gab sich wirklich größte Mühe, unfreundlich zu sein und Little Miss Sunshine loszuwerden. Warum war sie immer noch so höflich? Sie hatte große Augen. Leuchtend. Die Farbe von geschmolzener Schokolade. Cutter legte den Schraubschlüssel zögernd ab. „Schlimm genug.“

„Wie ich bereits in meinen Nachrichten erklärt habe, möchte die Brice Foundation Sie für ihre jährliche Wohltätigkeitsauktion gewinnen“, fuhr sie unbekümmert fort. „Wir brauchen einen fünften Prominenten, um unsere Liste zu vervollständigen.“

„Fünf Prominente zu finden, die gutgläubig genug sind, um dabei mitzumachen, wird schwer.“

Sie ignorierte seinen Kommentar und redete einfach weiter. „Ich denke, dass Ihre Teilnahme eine Menge Interesse erzeugen würde, zumal Sie in Miami geboren wurden und ein Nationalheld sind.“

Cutters Magen krampfte sich zusammen. „Sie haben den falschen Kerl erwischt.“

Hier gab es keine Helden. Nicht mehr. All das hatte mit seiner selbstzerstörerischen Kurzschlussreaktion auf der Rennstrecke geendet.

Sie starrte ihn mit ihren großen Bambi-Augen an. Die Hocke, in der sie sich befand, musste ganz schön unbequem sein, dennoch blieb sie geduldig. „Würden Sie mich bitte anhören?“

Verdammt, sie wollte einfach nicht weggehen.

Mit einem frustrierten Stöhnen rieb sich Cutter mit der Hand übers Gesicht. Er brauchte Ruhe. Er brauchte laute Springsteen-Musik, die den Aufruhr in seinem Kopf übertönte. Und er musste den Barracuda zum Laufen bringen. Doch nichts von alledem würde er schaffen, wenn diese Frau nicht endlich verschwand.

Mit einem gezwungenen Seufzer, gefolgt von einem schmerzhaften Stöhnen, packte er das Chassis und schoss mit dem Rollbrett quietschend unter dem Auto hervor. Er richtete den Oberkörper auf, wogegen seine Rippen wieder lautstark protestierten, atmete tief ein und … traf auf den betörenden Duft der Frau. Süß und doch sinnlich, mit einem Hauch Würze. Ganz ähnlich ihrer Stimme.

Als er es endlich schaffte, sich ganz zu erheben, erkannte er, dass sie ein schickes Sommerkleid in Azurblau trug. Schimmernde Seide schmiegte sich um ihre Hüften und Schenkel.

Ihr schulterlanges Haar umrahmte ein zartes Gesicht, das von den wunderschönen braunen Augen beherrscht wurde. Elegant. Feminin. Der Anblick entschädigte beinahe für den höllischen Schmerz in Cutters Rippen.

Beinahe.

Sie schenkte ihm ein weiteres Lächeln und deutete mit dem Kopf auf sein Auto. „Vierzehn Jahre ist eine lange Zeit. Sieht so aus, als wäre immer noch eine Menge Arbeit nötig.“

Cutter zog die Augenbrauen zusammen. Süß oder nicht, niemand hatte das Recht, seinen Barracuda zu diffamieren. „Der Motor ist beinahe fertig.“ Weitestgehend, denn nachdem der Arzt mit der schlechten Nachricht herausgerückt war, hatte Cutter den Wagen aus der Garage geholt und sich bis zum Ende des Monats Zeit gegeben, ihn auf Vordermann zu bringen. Das war besser, als ständig darüber zu brüten, inwieweit er sein Leben ruiniert hatte. „In den nächsten Tagen werde ich die erste Probefahrt machen.“

Sie spähte durchs Fenster. „Aber da ist nur ein Rücksitz.“

„Ich habe meine erste Freundin dort geküsst. Ist zufälligerweise mein Lieblingsplatz. Nur noch ein paar Formsachen, um die ich mich kümmern muss.“

„Hm“, murmelte sie, trat einen Schritt zurück und starrte auf die Betonpflöcke, auf denen der Wagen ruhte. „Sind Reifen auch eine reine Formsache?“

Cutter hob eine Augenbraue. Ihr trockener Ton amüsierte ihn. „Dazu komme ich noch. Ich war beschäftigt.“ Beschäftigt damit, Rennen zu fahren. Eine Karriere in den Sand zu setzen.

Bei dem Gedanken runzelte er die Stirn. Konnte sich ein Mann nicht in die Garage zu seinem Auto zurückziehen, ohne dass eine hartnäckige Frau ihn aufspürte und ihm zusetzte? Vielleicht würde sie verschwinden, wenn er ihr klarmachte, dass er viel zu tun hatte.

Er umrundete den Wagen, beugte sich über die geöffnete Motorhaube und schraubte den Verschluss des Ölbehälters ab. Mit einem Klackern ihrer Absätze gesellte sich Jessica Wilson erneut zu ihm.

Sie lugte über seine rechte Schulter. „Genug Öl“, bemerkte sie belustigt. „Aber ich bezweifle auch, dass der Wagen viel verliert, solange Sie ihn gar nicht fahren.“

„Man kann nie vorsichtig genug sein“, entgegnete er.

„Da haben Sie recht, Mr Thompson.“

„Ich weiß.“ Auch wenn das bis vor Kurzem nicht unbedingt sein Lebensmotto war. Cutter schraubte den Verschluss mit mehr Kraft wieder zu, als nötig gewesen wäre. „Ich trete nicht in der Öffentlichkeit auf.“

„Es ist für einen guten Zweck.“

„Das ist es immer.“

„Sie haben sich nicht mal die genauen Informationen angehört.“

„Das muss ich auch nicht“, erwiderte er, ohne sie anzuschauen. „Ich mache es nicht.“

Sie stützte die Hände auf dem Wagen auf und beugte sich vor, sodass ihr verführerischer Duft Cutter umfing. „Die Brice Foundation leistet die Art von Arbeit, die Sie und Ihre Sponsoren in der Vergangenheit immer unterstützt haben. Ich weiß, dass Sie zustimmen werden, wenn Sie sich die Details anhören.“

Die optimistische kleine Lady klang viel zu siegesgewiss. Cutter streckte sich, legte seine Hände neben ihre und blickte ihr direkt ins Gesicht. Ihre bronzefarbene Haut deutete auf einen entfernten Vorfahren aus dem Mittelmeerraum hin. Auch ihre Züge. Hohe Wangenknochen. Volle Lippen, aber nicht zu voll. Sinnlich. „Ich habe keine Sponsoren mehr.“ Er hob eine Augenbraue, um seiner Aussage noch mehr Gewicht zu verleihen. „Und Sie wissen rein gar nichts über mich.“

„Sie sind mit siebzehn in der höchsten ASCAR-Klasse gestartet. Zwei Jahre später schrieb das Top Speed Magazine über Sie, dass man sich Ihren Namen merken solle.“ Sie hielt seinen Blick mit ihren großen tiefbraunen Augen gefangen. „Sie sind wie ein Wirbelsturm in die Stock Car Liga eingebrochen und haben sich kontinuierlich nach oben gearbeitet. Sie sind bekannt für ihre bissigen Kommentare und dafür, sich im Rennen absolut furchtlos zu zeigen, was Ihnen den Spitznamen Wildcard eingetragen hat. Sie haben sechs Jahre lang den ersten Platz gehalten“, sie zögerte kurz, ehe sie fortfuhr, „bis zu Ihrem Unfall vor zwei Monaten, als Sie ganz bewusst einen Crash mit Ihrem größten Konkurrenten Chester Coon provoziert haben.“

Bittere Galle stieg in Cutter auf, der nur mit Mühe den Drang bezwang, ihrem Blick auszuweichen. Es war eine Momententscheidung gewesen, für die er den Rest seines Lebens bezahlen würde. Jede Nacht träumte er davon. Die röhrenden Motoren. Der Geruch nach verbranntem Gummi. An den Augenblick, als er mit Chester zusammenstieß, und die nachfolgenden Ereignisse des Crashs erinnerte er sich nicht mehr. Retrograde Amnesie hatten die Ärzte es genannt. Ein Geschenk, das er seiner Gehirnerschütterung zu verdanken hatte.

Oder vielleicht war es auch ein Fluch.

Er ballte die Hände zu Fäusten. „Die Jury hätte Chester für den Vorfall in Charlotte im vergangenen Jahr schon sperren müssen. Dieser verdammte Anfänger hat alle gefährdet. Beinahe hätte er einen anderen Fahrer umgebracht.“

„Am Tag Ihres Unfalls gab es unendlich viele gefährliche Fahrmanöver. Jeder wusste, dass Chester es nicht anders verdient hatte.“

Überrascht legte er den Kopf schräg. Jessica Wilson kannte offensichtlich die ungeschriebenen Regeln des Rennsports. Ein Verdacht keimte in ihm auf. „Sie sind doch nicht eine dieser Verrückten, die ihren Lieblingsfahrer verfolgen, oder?“ Nach fünf Nachrichten hatte er genau das angenommen, auch wenn Jessica Wilson nicht fanatisch wirkte, wenn man sie persönlich kennenlernte. Es konnte aber sein, dass sie verrückt war und klug genug, es zu verbergen.

„Ich bin ein Fan, Mr Thompson“, entgegnete sie ruhig. „Keine Irre.“ Bedeutungsvoll hob sie eine Augenbraue. „Und ich bin ganz sicher kein Groupie.“

Sein Blick senkte sich auf ihren Mund. „Schade. Ich hätte nichts dagegen, wenn Sie sich in nichts als eine Schleife hüllen und sich mir in einer Kiste liefern lassen würden.“

Sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu. „Das hat nicht wirklich mal jemand gemacht?“

„Doch.“ Er neigte den Kopf. „Die Geschichte wurde noch jahrelang im Rennzirkus erzählt. Mittlerweile hat sie allerdings Legendenstatus erreicht.“

Jessica beugte sich weiter vor und verengte die Augen. Ihre Stimme senkte sich um eine Oktave. „Und Ihr Ruf, Organisationen zu unterstützen, die sich um benachteiligte Kinder kümmern, ist ebenfalls legendär.“

Der Gutmensch war zurück. „Und ich dachte schon, Sie würden sich weiter vorbeugen, um mit mir zu flirten.“

Sie zuckte nicht mal mit der Wimper. „Ich flirte nicht, um meine Ziele zu erreichen.“

„Wie schade.“ Aber er mochte es, wenn sie ihm nah war, also behielt er seine Position bei. „Und ich habe Ihnen gesagt, dass ich keinesfalls …“

„Diese Kids brauchen die Unterstützung von Vorbildern wie Ihnen.“

Vorbilder.

Das Wort machte seine gute Laune zunichte. Abgesehen davon, dass er auf eindrucksvolle Weise gezeigt hatte, wie man das einzig Gute in seinem Leben zerstörte, was hatte er der Öffentlichkeit sonst noch zu bieten?

„Hören Sie, Lady.“ Cutter fuhr sich ungeduldig durch sein kurzes hellbraunes Haar. „Sie verwechseln mich mit jemandem, dem solche Dinge am Herzen liegen. Meine Sponsoren haben mir Millionen gezahlt. Sie haben mir auch gesagt, welche Wohltätigkeitsorganisationen ich unterstützen soll. Die einzige Person, um die es mir geht, bin ich selbst.“

Bei diesen egozentrischen Worten verblasste Jessicas Lächeln.

Cutter wandte sich ab und ging an mehreren Regalen mit Autoersatzteilen und Werkzeugen vorbei in Richtung des Waschbeckens in der Ecke. „Und jetzt muss ich ein Auto reparieren“, fügte er mit einer Entschiedenheit hinzu, die man nicht missverstehen konnte.

Tiefe Enttäuschung machte sich in Jessica breit. Es war ihm also egal. Er hatte nur an sein Bankkonto gedacht. Die bewegenden Worte des Engagements, die er in der Vergangenheit gesprochen hatte, waren ihm vermutlich von einem Redenschreiber in den Mund gelegt worden. Doch hier ging es nicht um die Desillusionierung, dass eines ihrer Idole nicht der Held war, für den sie ihn gehalten hatte. Hier ging es um die Brice Foundation, die Steve gegründet hatte. Und sie hatte ihm versprochen, dass sie Cutter Thompson ins Boot holen würde. Weil sie es Steve schuldig war.

Wie viele Exehemänner gab es wohl, die ihrer Exfrau dabei halfen, eine Firma zu gründen und sie erfolgreich zu führen?

Ihre Online-Partnervermittlung hatte ihr zu einem Zeitpunkt eine Aufgabe gegeben, als ihr Leben rapide den Bach runterging. Für andere den Richtigen zu finden, kompensierte zumindest im Kleinen Jessicas persönliches Scheitern. In den letzten Monaten ihrer Ehe hatte sich Steve immer mehr zurückgezogen, hatte immer mehr Zeit mit der Bastelei an seinem Boot verbracht. Vielleicht war man mit zwanzig zu jung für die Ehe, aber Jessica war damals so zuversichtlich gewesen, dass sie alles überstehen würden. Sie hatte sich getäuscht. Und Steve signalisierte ihr immer häufiger, dass er ihr nicht das geben konnte, was sie brauchte.

Am Ende stimmte Jessica ihm zu.

Doch das Leben mit ihrem Vater und mit Steve hatte sie an Männer gewöhnt. Und Cutter Thompson war ein Mann in seiner ursprünglichsten Form. Lange muskulöse Beine. Wohldefinierte Arme. Breite Schultern. Mit seinem rauen Charme war er ein Liebling der Medien. Seine direkte, unverblümte Art war also nicht neu für Jessica. Aber sein ungelenker Gang schon. Warum humpelte er?

Die Neugier siegte. „Wenn es Ihr Arm war, den Sie sich bei dem Unfall gebrochen haben, warum hinken Sie dann?“

„Das tue ich nicht. Das gerissene Knorpelgewebe zwischen meinen Rippen tut nur noch höllisch weh, deshalb laufe ich ein bisschen komisch.“

Am Waschbecken drehte er das Wasser auf und hielt, ohne mit der Wimper zu zucken, die verletzten Knöchel seiner rechten Hand unter den Strahl. Er griff nach der Seife, ließ sie aber zweimal wieder fallen. Jessica spürte Mitgefühl in sich aufsteigen.

Auch wenn er selbstsüchtig sein mochte – niemand verdiente es, eine permanente Nervenschädigung im Arm davonzutragen.

„Lassen Sie mich das machen“, sagte sie, während sie sich neben ihn stellte.

In seinen Augen glimmte ein Funken Humor auf. „Versprechen Sie mir, sanft zu sein?“

Jessica ignorierte ihn einfach, schnappte sich die Seife und griff nach seiner blutenden Hand. Sie war groß und schwielig. Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich erst in Jessicas Bauch und dann unterhalb davon aus. Keiner von ihnen sprach ein Wort, was die Anspannung noch erhöhte. Nur das Geräusch des fließenden Wassers durchbrach die Stille, während Jessica sorgfältig seine Wunden säuberte.

Das Funkeln in Cutters Augen war hell und strahlend. „Sind Sie sicher, dass Sie keine Stelle ausgelassen haben?“

„Ganz sicher.“ Ruhig trocknete sie seine Finger mit einem Papiertuch ab. „Die Schwäche in Ihrer linken Hand ist schlimmer, als Ihr Sprecher behauptet hat.“ Sobald sie fertig war, schaute sie ihn an. „Ich verstehe jetzt, warum Sie zurückgetreten sind.“

Das Funkeln erlosch, während sich kurz ein paar nicht zu deutende Emotionen in Cutters Miene abzeichnete, doch sein Blick blieb fest, sein Ton scherzhaft. „Ein Mann kann keine zweihundert Meilen pro Stunde fahren, ohne das Lenkrad fest im Griff zu haben.“

Jessica suchte nach einem Anzeichen von Bedauern, fand aber keins. „Das tut mir leid.“

„So was kommt vor.“ Er zuckte achtlos die Schultern. „Ich kann nicht klagen. Während meiner Laufbahn habe ich so viel Geld verdient, dass ich nie wieder arbeiten muss.“

Ein paar Sekunden lang starrten sie sich schweigend an. Jessica suchte nach irgendetwas, das sie sagen konnte. Schließlich fiel ihr Blick auf sein T-Shirt. „Sie sollten das Blut auswaschen, ehe es Flecken gibt.“

„Weil es nicht zu dem Motorenöl passt?“

Himmel, er hatte auch auf alles eine Antwort parat. „Nein“, versetzte sie trocken. „Weil Blutflecken seit der letzten Saison vollkommen out sind.“

Das Funkeln kehrte in seine Augen zurück. „Blut ist immer in Mode“, sagte er. „Es war schon schlimm genug, mich aus einer horizontalen Position erheben zu müssen. Wenn ich jetzt versuche, das T-Shirt über meinen Kopf zu ziehen, werde ich vor Schmerz ohnmächtig.“ Er schenkte ihr den Hauch eines Lächelns, was bei ihm selten genug vorkam. Seine weiblichen Fans ließ es regelmäßig dahinschmelzen. „Was halten Sie also davon, wenn Sie es mir ausziehen?“

Jessica verdrehte die Augen. „Mr Thompson, ich bin meine halbe Kindheit lang meinem Vater in seiner Fabrik hinterhergelaufen. Das Gelände dort war voller Männer. Ihre Testosteron-Demonstration lässt mich ziemlich kalt.“

Hinzu kam noch eine Scheidung, die all ihre Träume hatte zerplatzen lassen. Seitdem fühlte sie sich vollständig immun und unempfänglich gegenüber sämtlichen Männern, die nicht in der Lage waren, sich wirklich zu binden. Sie brauchte jemanden, der bereit war, hart daran zu arbeiten, die Romantik aufrechtzuerhalten.

Gefährliche Beziehungen, die nur auf ein Scheitern zusteuerten, hatte sie nach ihrer gescheiterten Ehe vermieden. Wahrscheinlich hatte sie das der Scheidung ihrer Eltern zu verdanken.

„Oh, da wäre ich nicht so sicher, meine Testosteron-Demonstration ist ziemlich wirkungsvoll“, erwiderte Cutter. „Und sehen Sie es doch mal so: Eine Verführung könnte mich dazu bringen, doch noch bei Ihrer Veranstaltung mitzumachen.“

„Glauben Sie mir“, konterte sie mit angespanntem Lächeln, „ich hege keinerlei Absicht, Sie zu verführen.“

Cutter hätte beinahe wieder gegrinst. „Trotz sechs schmerzhafter Unfälle während meiner Laufbahn ist es das erste Mal, dass mir nach Weinen zumute ist.“

„Vergießen Sie wegen mir keine Tränen, Mr Thompson.“ All ihren Mut zusammen nehmend, ging Jessica zu der Stereoanlage hinüber, wo sie ihre übergroße Handtasche abgelegt hatte, und zog eine Mappe heraus, mit der sie zu Cutter zurückkehrte. Sie würde sich nicht ablenken lassen. „Ich bin lediglich hier, um Sie anzuwerben.“ Jessica holte das Foto eines achtjährigen Jungen mit frechem Lächeln hervor. Ohne weitere Vorrede sagte sie: „Terrells Vater ist an Krebs gestorben. Er nimmt am Programm der Brice Foundation teil.“

Cutters Beinahe-Lächeln erstarb, und das Schweigen zog sich endlos in die Länge, während er sie misstrauisch anblickte. „Und was hat das mit mir zu tun?“

„Es ist leichter, Nein zu sagen, wenn es um ein gesichts- und namenloses Kind geht. Und ich will, dass Sie ganz genau wissen, wen Sie im Stich lassen, wenn Sie sich weigern mitzumachen.“ Sie holte ein weiteres Foto heraus, diesmal von einem Kind mit lauter Sommersprossen. Auf die eine oder andere Art würde sie Cutter dazu bringen, sie zu unterstützen. „Mark ist ein elfjähriges Pflegekind, das jungen Menschen hilft, ihren Platz in einem neuen Zuhause zu finden.“ Sie machte eine dramatische Pause, um ihren nächsten Worten noch mehr Wirkung zu verleihen. „Ältere Kinder sind viel schwerer zu vermitteln.“

„Waisen.“ Cutter machte ein finsteres Gesicht. „Sie kommen mir mit verdammten Waisenkindern daher?“

Seine Reaktion ließ Jessica Hoffnung schöpfen, weshalb sie ein drittes Foto hervorzauberte. Dieses stammte von einem mürrisch dreinblickenden Teenager. Eine Schlabberhose hing ihm tief auf der Hüfte, sodass der Taillenbund seiner roten Boxershorts zu sehen war. Sein Blick war angriffslustig.

„Emmanuel hat die Highschool abgebrochen“, erzählte Jessica. „Die Brice Foundation hat ihm einen Betreuer zur Seite gestellt, der ihn zu einem Ihrer Rennen mitgenommen hat.“ Sie bemühte sich um einen weichen, einfühlsamen Gesichtsausdruck.

Cutters Miene verdüsterte sich immer mehr. „Versuchen Sie gerade, sich ein paar Tränen abzuringen?“

Sie blinzelte heftig und hoffte, es würde ihr gelingen. „Er ist in Schwierigkeiten geraten, weil man ihn bei Straßenrennen erwischt hat.“ Als die Tränen nicht kommen wollten, entschied sie, ihre Stimme zu senken. „Genau wie Sie vor Jahren.“

Jetzt zeichnete sich offene Empörung auf seinem Gesicht ab. „Verdammt, Sie sind gut. Und Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht. Aber die rührselige Stimme ist ein bisschen zu dick aufgetragen. Ich würde viel eher auf einen Verführungsversuch reagieren.“

Jessica ignorierte ihn und fuhr fort. „Jetzt geht er zur Abendschule, um seinen Abschluss zu machen.“ Als Cutter keine Anstalten machte nachzugeben, spielte sie ihre Trumpfkarte aus. „Er will Rennfahrer werden … so wie Sie.“

Cutter seufzte zornig. Er stemmte eine Hand in die Seite und suchte nach einer bequemeren Haltung. „Wenn es dazu führt, dass Sie gehen und ich meine Rippen mit einem Eisbeutel und Ibuprofen versorgen kann, dann können Sie mich auf die Liste der Gutgläubigen fünf setzen.“

Auftrag ausgeführt. Ihre Erleichterung war so groß, dass Jessica ihm ein strahlendes Lächeln schenkte. „Vielen Dank“, sagte sie. „Ich hole nur noch die Mappe mit den Informationen, damit wir sie schnell durchgehen können …“

„Sunshine.“ Er zuckte leicht zusammen, während er erneut die Position veränderte. Ganz offensichtlich hatte er Schmerzen. „Den Rest der Diskussion müssen wir auf morgen verschieben. Aber machen Sie sich keine Gedanken …“ Wieder funkelte es belustigt in seinen Augen. „Ich halte mein Angebot aufrecht, dass Sie mir das T-Shirt ausziehen dürfen.“

2. KAPITEL

„Oh, nein, ganz sicher nicht!“, sagte Cutter.

„Aber wir haben bereits die Pressemitteilung rausgeschickt“, erwiderte Jessica.

Das aufsteigende Gefühl der Panik wurde immer größer, als sie zusah, wie Cutter sein modernes Wohnzimmer durchquerte. Obwohl der Raum von Ledermöbeln, Glas- und Chromakzenten beherrscht wurde, waren es die bodentiefen Fenster mit ihrem Blick über die Biscayne Bay, die das eigentliche Highlight darstellten.

Wenn er jetzt einen Rückzieher machte, wäre das eine Katastrophe. „Gestern Abend wurde es bereits in den lokalen Sechsuhrnachrichten verkündet“, fügte sie hinzu.

Als sie heute am späten Nachmittag wieder zu ihm gefahren war, um die genauen Details der Spendenaktion zu besprechen, war sie voller Hoffnung gewesen.

Cutter drehte sich zu ihr um. „Sie hätten mit der Ankündigung meiner Teilnahme so lange warten sollen, bis Sie mir alle Details dieser kleinen Aktion erklärt haben.“

„Wir sind spät dran. Nächste Woche geht es bereits los. Und ich verstehe nicht, wo Ihr Problem liegt?“

Seine Gesichtszüge erstarrten. „Ich dachte, es wäre dieselbe Art Auktion, die jedes Jahr veranstaltet wird. Männer spazieren über die Bühne und zeigen, was sie drauf haben.

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