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So schön, so fremd und so vertraut

1. KAPITEL

Jean Summerfield betrat den Raum und blieb im selben Moment wie erstarrt stehen. Sie hatte sein Gesicht sofort entdeckt, obwohl der Festsaal des Hotels voller Menschen war. Schmerzliche Erinnerungen stiegen in ihr auf, ihr Herz pochte, und ihr Mund wurde ganz trocken. Es konnte doch nicht Ryland Collier sein. Nicht nach all den Jahren. Ry Collier, der Junge von der High School, der ihr vor fünfzehn Jahren das Herz gebrochen hatte.

„Geht es dir gut, Jean? Du machst ein Gesicht, als hättest du gerade einen Geist gesehen.“

Jean drehte sich zu ihrer besten Freundin Susan Brundage um. „Oh ja, es ist alles in Ordnung. Ich dachte, ich hätte jemanden gesehen, den ich vor langer Zeit einmal gekannt habe, aber ich bin sicher, ich habe mich geirrt.“

Noch einmal blickte sie in Rys Richtung, und sofort krampfte sich ihr Magen zusammen. Sie hatte geglaubt, die Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben, aber innerhalb einer Sekunde war plötzlich die schreckliche Unsicherheit wieder da, die nur eine schüchterne, übergewichtige, sich unattraktive fühlende Sechzehnjährige empfinden kann.

Susan packte Jeans Arm. „Es gibt da jemanden, den ich dir unbedingt vorstellen muss. Er ist erst heute Nachmittag aus Chicago gekommen.“ Susan lachte leise. „Er ist einer von den Kerlen, vor denen unsere Mütter uns immer gewarnt haben – unverschämt attraktiv, charmant und Geld wie Heu. Das allein ist schon eine gefährliche Kombination. Aber zu allem Überfluss ist er auch noch Single.“

Jean wurde es immer flauer im Magen, als Susan mit ihr auf den Mann zusteuerte, von dem sie gehofft hatte, ihn nie wiederzusehen. Sie atmete tief ein und wieder aus, aber es half nichts. Verzweifelt versuchte sie, sich innerlich gegen das Unvermeidliche zu wappnen.

„Ry, ich möchte dir meine Ehrenbrautjungfer, Jean Summerfield, vorstellen. Jean, das ist Bills Trauzeuge. Ihr werdet euch im Lauf dieser Woche ziemlich oft sehen.“

Ein vielsagendes Lächeln erhellte Rys männliche Züge, und seine Augen blitzten, als er Jeans körperliche Vorzüge mit geradezu schamloser Offenheit musterte. Er streckte die Hand aus. „Es ist mir ein Vergnügen, Jean.“ Seine samtweiche tiefe Stimme und die Berührung seiner Hand lösten einen köstlichen Schauer in ihr aus. Ihr wurde ganz heiß.

Langsam entzog sie ihm wieder ihre Hand. Es war unglaublich, was er mit einem einzigen Händedruck bewirken konnte. Aus der Nähe war er noch viel attraktiver. Zum Glück schien er sie nicht wieder zu erkennen. Vielleicht konnte sie den Schmerz von damals weiterhin für sich behalten, so dass es nicht zu peinlichen Enthüllungen käme.

Jean straffte die Schultern und erwiderte sein Lächeln. „Ganz meinerseits.“

„Wirklich?“ Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu und schenkte ihr ein Lächeln, das jede Frau dieser Welt schwach gemacht hätte. „Diesem gegenseitigen Vergnügen sollten wir uns ausführlicher widmen.“ Er neigte den Kopf. „Vielleicht beim Tanzen?“

Ry nahm Jean bei der Hand, führte sie auf die Tanzfläche und zog sie in seine Arme. Sie hatte in keiner Weise signalisiert, ob sie ihn wieder erkannt hatte, aber irgendwo waren sie sich schon einmal begegnet, dessen war er sich ganz sicher. Andererseits war es doch unmöglich. Niemals hätte er eine so umwerfend attraktive Frau vergessen können: glänzendes kastanienbraunes Haar, wunderschöne dunkle Augen und eine Figur, die sich auch unter einem dezent geschnittenen Hosenanzug, wie sie ihn gerade trug, nicht verbergen ließ. Sie hatte ganz offenbar einen Körper, der den wildesten Träumen eines jeden Mannes entsprach.

Ihm wurde es plötzlich eng in der Brust, ein nicht sehr willkommenes Zeichen dafür, dass diese Frau sich nicht einfach als flüchtige Bekanntschaft einordnen lassen würde. Und er wurde das Gefühl nicht los, dass er sie von irgendwoher kannte. Aber von wo? Ein Gefühl der Unsicherheit und Beklommenheit ergriff ihn, und er verstand nicht, weshalb. Tja, ganz offensichtlich hatte es ihn erwischt, seine Libido arbeitete bereits auf Hochtouren. Wenn er nur wüsste, wo er Jean Summerfield schon einmal gesehen hatte!

Sein Atem ging schneller, als ihm ihr Parfum in die Nase stieg. Sie nur in den Armen zu halten war schon aufregend. Sein Puls hatte sich beschleunigt. Ja, sie hatte ganz eindeutig etwas, das in ihm den Wunsch auslöste, mehr zu tun, als nur mit ihr auf einer Party zu tanzen.

Ry zog sie noch ein wenig enger an sich. Sie war ungefähr einsfünfundsechzig groß – zwanzig Zentimeter kleiner als er, was ihm sehr angenehm erschien. Vertraulich senkte er die Stimme. „Ich weiß, die allgemeine Aufmerksamkeit gebührt der Braut, aber Sie sind ganz eindeutig von allen Frauen hier die schönste.“

Jean wurde rot und blickte sich verlegen um. „Unsinn!“ Ihre Stimme zitterte sogar dabei, als ob sie nicht recht wisse, wie sie auf seine Worte reagieren sollte. „Susan ist eine sehr attraktive Frau. Blond, blauäugig …“

„Ich finde die Ehrenbrautjungfer viel schöner.“

Ihre Verlegenheit schien echt zu sein. War sie sich ihrer Schönheit etwa nicht bewusst? War sie an Komplimente nicht gewöhnt? Welch wohltuende Abwechslung nach den vielen Frauen, die nur auf äußere Schönheit bedacht waren, ohne einen Gedanken an ihre inneren Werte zu verschwenden.

Während sie sich im Rhythmus der Musik auf der Tanzfläche bewegten, ließ Ry seinen Gedanken freien Lauf. Damals an der High School hatte er ein Mädchen gekannt, das er sehr gemocht hatte. Sie hatte solche inneren Werte besessen, und sie war der einzige Mensch gewesen, in dessen Gegenwart er sich ganz und gar wohl gefühlt hatte. Mit niemand anderem hatte er so gut reden können. Ohne es zu beabsichtigen, hatte er diese Freundschaft damals zerstört. Fünfzehn Jahre war das her, und noch immer quälten ihn deshalb Schuldgefühle.

Rasch verscheuchte er diese unangenehmen Gedanken und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf seine begehrenswerte Tanzpartnerin. „Ich finde es eine sehr gute Idee, erst mal eine große Party zu geben, damit alle, die mit der Hochzeit etwas zu tun haben, sich vor der Zeremonie kennen lernen können. Kennen Sie Bill und Susan eigentlich schon lange?“

„Bill kenne ich noch nicht sehr lange. Er ist vor vier Jahren erst nach Seattle gezogen. Susan und ich sind beide aus Seattle, kennen uns aber auch erst seit acht Jahren. Wir gehören beide einer kleinen Laientheatergruppe an. Und Sie? Wie lange kennen Sie Bill schon?“

„Wir waren zusammen an der Uni in Kalifornien. In unserem ersten Jahr waren wir Zimmergenossen. Nach der Abschlussprüfung bin ich von Los Angeles nach Chicago gezogen. Dort befindet sich der Sitz meiner Firma.“

„Was machen Sie beruflich?“

„Ich habe meine eigene Unternehmensberatungsfirma. Nächste Woche fange ich mit einem vierwöchigen Auftrag hier in Seattle an. Und Sie? Was tun Sie, wenn Sie nicht gerade Theater spielen und ahnungslose Männer umgarnen?“

Wieder stieg ihr die Röte in die Wangen. „Bitte hören Sie auf damit. Sie machen mich ja ganz verlegen.“ Jean versuchte, gelassen zu bleiben. Sie wusste nicht recht, was sie nervöser machte, die oberflächlichen Schmeicheleien oder die Tatsache, dass es Ry Collier war, der sie aussprach. „Ich bin Personalleiterin in einem Betrieb hier in Seattle.“

Ry zog sie noch enger an sich, so dass ihre Körper sich auf ganzer Länge berührten. Ganz sicher wollte er jetzt nicht über geschäftliche oder berufliche Themen mit ihr sprechen. Ihr Körper schien wie geschaffen dafür zu sein, sich an seinen zu schmiegen, und ihr sexy Parfum lenkte seine Gedanken auf ganz sündige Pfade. Er wollte Jeans Lippen mit seinen berühren, wollte diesen wundervollen Mund küssen. Und dann wollte er sie auf die Arme nehmen, sie zum nächsten Bett tragen und die ganze Nacht leidenschaftlich lieben.

Er zwang sich, seine Aufmerksamkeit wieder auf ihr Gespräch zu richten. Von Minute zu Minute wuchs seine Überzeugung, dass sie einander schon einmal begegnet waren, auch wenn er keine Ahnung hatte, wo das gewesen sein könnte.

„Ich stamme ursprünglich übrigens auch aus Seattle“, bemerkte er, und wenn er sich nicht täuschte, zuckte sie dabei ganz leicht zusammen. Oder hatte er es sich nur eingebildet? Jean erlaubte sich während des Tanzens, ein klein wenig zu träumen. Es mochte fünfzehn Jahre gedauert haben, aber nun war es passiert. Sie lag in Ry Colliers Armen und tanzte mit ihm. Es war berauschend, ihm so nahe zu sein. Er hatte eine unglaublich sexy Ausstrahlung. Sie musste aufpassen, nicht völlig aus der Fassung zu geraten. All ihre Träume und Fantasien von damals waren plötzlich Wirklichkeit geworden. Und dennoch, die Demütigung und den Schmerz von damals konnte das nicht ungeschehen machen. Es tat immer noch weh.

„… heute Abend zusammen essen?“

Rys Worte unterbrachen ihre Gedanken. Sie sah ihn erstaunt an. „Heute Abend?“

„Ja, wir könnten uns doch für heute von Bill und Susan verabschieden und uns ein nettes kleines Restaurant suchen, um uns beim Abendessen ein bisschen näher zu kommen.“ Er beugte sich zu ihr herunter, so dass seine Lippen fast ihre Ohrmuschel berührten. „Oder noch besser: wir könnten zu meiner Suite hinaufgehen und etwas beim Room Service bestellen.“

Ihr Herz schlug schneller. „Dann wohnen Sie also hier im Hotel? Das muss ganz schön teuer sein.“

„Nun ja, da die Veranstaltungen rund um die Hochzeit alle hier stattfinden, fand ich es am praktischsten. Ich werde auch während meines vierwöchigen Auftrags, der gleich nach der Hochzeit anfängt, hier wohnen.“

Jean erschrak. Eine Woche entfiel auf die Hochzeit. Wie sollte sie insgesamt fünf Wochen mit Ry überstehen und dabei ihre Gefühle unter Kontrolle halten? Nun, dass er ein paar Wochen in der Stadt sein würde, bedeutete ja noch lange nicht, dass sie sich nach der Hochzeit noch einmal begegnen würden. Während seiner Arbeit würden sich ihre Wege ganz bestimmt nicht kreuzen.

Die Musik war zu Ende.

„Also?“ fragte Ry, während sie die Tanzfläche verließen. „Wie wärs mit Abendessen?“

Jean hatte sich noch nie in einem solchen Zwiespalt gefühlt. Sollte sie ihm einfach erklären, wer sie war oder den Flirt mit ihm genießen und so tun, als hätte Vergangenes keine Bedeutung? „Ich bin gerade erst gekommen. Ich denke, es wäre unhöflich jetzt gleich wieder zu gehen. Schließlich bin ich Susans Ehrenbrautjungfer. Ich sollte hier bleiben. Und ich denke, das Gleiche trifft für Sie zu, da Sie ja Bills bester Freund und sein Trauzeuge sind.“

Er lächelte. „Sie haben natürlich Recht.“ Er zog sie mit sich zu einem kleinen Tisch in einer Ecke und zog einen Stuhl für sie heraus. „Was darf ich für Sie zum Trinken holen?“

„Ein Glas Weißwein wäre nett. Danke.“

Ry schenkte ihr sein charmantestes Lächeln. „Ich bin gleich wieder da.“

Er machte sich auf den Weg an die Bar. Er war jetzt überzeugter denn je, dass er die aufregende, attraktive Jean Summerfield von irgendwoher kannte. Die Art, wie sie lächelte, ihr Blick, der Klang ihrer Stimme … es musste wohl ziemlich lange her sein. Und irgendwie hatte er das Gefühl, als ob ihre Begegnung von damals weniger mit sexueller Attraktion zu tun gehabt hatte als mit etwas ganz anderem, viel Wichtigerem, etwas, das mit Wärme und echter Zuneigung in Zusammenhang stand und das ihm sehr viel bedeutete. Wenn er nur wüsste, wo und wann …

Mit zwei gefüllten Weingläsern kehrte er zurück an den Tisch und reichte eines davon Jean, bevor er sich wieder setzte. Einen Moment lang betrachtete er sie schweigend.

Jean zwang sich, ruhig zu bleiben und ganz gelassen zu erscheinen, obwohl sie sich keineswegs so fühlte. „Stimmt etwas nicht?“ Sie lachte nervös. „Habe ich etwa rote Flecken im Gesicht?“ Unwillkürlich fasste sie sich an die Wange.

„Ganz und gar nicht.“ Er nahm ihre Hand und hielt sie einen Moment lang fest, bevor er sie wieder losließ. Dann berührte er ganz sacht ihre Wange. „Ihr Gesicht ist wunderschön.“

Sie versuchte ihre Verlegenheit zu verbergen. „Warum starren Sie mich dann so an?“

„Es mag sich für Sie albern anhören, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass wir uns schon einmal begegnet sind. Etwas an Ihnen kommt mir sehr vertraut vor.“ Er neigte den Kopf. „Sind wir uns schon einmal irgendwo begegnet?“

Sie zögerte kurz, bevor sie antwortete. „Ich war noch nie in Los Angeles oder Chicago.“

Er lächelte. „Das ist nicht wirklich eine Antwort, oder?“ Wieder betrachtete er sie forschend und versuchte fieberhaft, sich zu erinnern, warum sie ihm so vertraut erschien. „Ich habe in Seattle gelebt, bis ich aufs College ging. Kann es sein, dass wir uns als Teenager kannten?“

Sie hob eine Braue. „Möglich.“

Er zog die Brauen zusammen. „Im Ernst … wir sind uns schon einmal begegnet, nicht wahr?“

„Sie müssen es wissen.“ Jean musste ein Zittern unterdrücken. Offenbar wollte er keine Ruhe geben, solange er keine befriedigende Antwort bekommen hatte. Und wenn sie einfach behauptete, sie hätte ihn noch nie zuvor gesehen? Wenn er später herausfände, dass das doch der Fall gewesen war, was dann? Nein, wütend zu sein, dazu hätte er kein Recht. Trotzdem, es wäre eine Lüge.

Ry gab keine Ruhe. „Okay“, sagte er. „Ich denke, wir sind uns schon einmal begegnet. Da Sie aber noch nie in Los Angeles oder Chicago waren, muss es wohl in der Zeit passiert sein, als ich noch in Seattle lebte.“

Er sah ihr tief in die Augen. Offenbar war da ein gewisses Unbehagen, das zu verbergen ihr nicht ganz gelang. Aber wenn sie die Antwort auf seine Frage wusste, warum wollte sie nichts sagen? Es war eine verwirrende Situation, in die er da hineingeraten war, und er wusste nicht recht, wie er damit umgehen sollte. Vorsichtig streichelte er Jeans Handrücken. Dann streckte er die Hand aus und berührte ihre Wange und ihr Haar. Wieder einmal vertraute er auf seinen Charme, der ihm schon über so viele schwierige Situationen hinweggeholfen hatte. „Nun, da Sie es mir nicht sagen wollen, schlage ich vor, wir gehen noch einmal auf die Tanzfläche, während ich versuche, in die Vergangenheit einzutauchen und das Rätsel zu lösen.“

Im nächsten Augenblick befand sie sich erneut in Ry Colliers Armen. Ryland Collier war zwei Jahre lang ihr heimlicher Schwarm gewesen, bis zu jenem schrecklichen Abend, als er sie so verletzt und gedemütigt hatte. Seitdem war er zu ihrem persönlichen Albtraum geworden. Sie wusste, es war kindisch, wegen eines Vorfalls, der ihr als Sechzehnjährige sehr zugesetzt hatte, immer noch verletzt zu sein. Eigentlich hatte sie alles überwunden, was ihr damals das Leben schwer gemacht hatten – die strenge, kaltherzige Großmutter, die über sie geherrscht hatte, die quälenden Selbstzweifel wegen ihrer pummeligen Figur und ihrer unmodischen Kleidung, ihrer Zahnspange und ihrer schlecht sitzenden Brille; ihre Schüchternheit und Hilflosigkeit im Umgang mit anderen Menschen. Nur die Demütigung, die Ry ihr an jenen schrecklichen Abend zugefügt hatte, schmerzte noch immer.

Die Berührung von Rys Lippen auf ihren schreckte Jean aus ihren Gedanken. „Da wir uns von irgendwoher kennen, dachte ich mir, ein kleiner Begrüßungskuss wäre angebracht“, raunte er ihr ins Ohr und zog sie enger an sich. Er lächelte. „Sie waren nicht zufällig die sechsjährige Kleine, die im Nachbarhaus wohnte, als ich sieben war? Die, mit der ich Doktor spielte?“

Jean musste lachen. „Ganz sicher nicht. Ich habe als kleines Mädchen nicht Doktor gespielt.“

Seine Augen funkelten. „Und als großes Mädchen?“

„Ich habe noch nie Doktor gespielt“, entgegnete sie kühl.

„Es ist nie zu spät zum Lernen.“ Ein Lächeln spielte um seine Mundwinkel. „Ich stelle mich gerne als Lehrer zur Verfügung.“

Er wirkte eher witzig als anzüglich. Susan hatte Recht, er war wirklich ein Charmeur. Ein heißer Schauer überlief Jean, als sie sich vorstellte, was für ein Vergnügen es wäre, mit Ry Collier zu spielen – egal was.

Die Musik war zu Ende. Sie kehrten zu ihrem Tisch zurück.

„Ihr beiden versteht euch wohl prächtig, wie?“ Bill Todd legte Ry eine Hand auf die Schulter und drückte Jean einen kameradschaftlichen Kuss auf die Wange. „Wäre auch schade, wenn es anders wäre.“

Es war Ry, der Bills Frage beantwortete. „Ich habe schon einiges über Jean erfahren, zum Beispiel, dass sie eine fantastische Tänzerin ist, ein tolles Parfum hat und als kleines Mädchen nie Doktor gespielt hat.“ Wieder einmal bedachte er sie mit seinem niemals seine Wirkung verfehlenden charmanten Lächeln. Dabei rückte er mit seinem Stuhl ganz eng an ihren und legte den Arm um ihre Schulter. „Ich habe ihr angeboten, sie gleich heute Nacht in dieses Spiel einzuweisen, aber sie hat mein Angebot abgelehnt. Ansonsten kommen wir sehr gut miteinander aus.“

Susan gesellte sich zu ihnen, nahm Bills Hand und blickte fragend auf Ry und Jean. „Was ist los? Ist alles in Ordnung?“

Jean merkte, dass Susans Stimme besorgt klang. „Alles klar, mach dir keine Sorgen.“ Sie blickte sich im Saal um und drehte sich dann strahlend zu ihrer Freundin um. „Es sieht so aus, als amüsierten sich alle sehr gut.“

Susan und Bill blieben noch eine kleine Weile an ihrem Tisch, bevor sie weiterzogen, um andere Gäste zu begrüßen. Jean sah ihnen besorgt nach. „Susan wird noch zu einem Nervenbündel, wenn sie nicht aufhört, sich wegen jeder Kleinigkeit zu sorgen.“

Ry drehte sich zu ihr herum. „Sie sprechen wohl aus Erfahrung?“

„Meinen Sie damit, ob ich auch schon einmal die Rolle der aufgeregten Braut gespielt habe?“

Ry wandte kurz den Blick ab, sah ihr aber gleich darauf wieder in die Augen. „Hm, ich schätze, ja, das meine ich.“

Sie schwieg, so als ob sie über seine Frage nachdenken müsse. Eine steile Falte bildete sich zwischen ihren Brauen. „Ja“, erwiderte sie. „Ich war schon einmal eine nervöse Braut. Allerdings hat die Ehe nur zwei Jahre gedauert, ich habe also sinnlos gelitten.“

„Das hört sich nicht nach einer glücklichen Geschichte an.“

„War es auch nicht“, erwiderte sie knapp. „Und Sie?“

„Sie meinen, ob ich verheiratet bin? Nein, ich bin überzeugter Junggeselle.“ Er lachte sarkastisch.

„Sie waren also noch nie verheiratet?“

„Doch, einmal … ganz kurz.“ Rys Gesicht nahm einen verbitterten Ausdruck an. „Das ist sehr lange her.“

Es war etwas, worüber er nicht sprechen wollte. Er war schamlos manipuliert worden, bis er in eine Ehe eingewilligt hatte, die niemals hätte zu Stande kommen sollen. Er hatte sich geschworen, dass ihm das nie wieder passieren sollte. Nein, er wollte wirklich nicht über diese elende Geschichte nachdenken. Die zwei Monate, die seine Ehe gedauert hatte, waren ihm damals wie zwei Jahrhunderte erschienen.

Er hatte Besseres zu tun. Schließlich hatte er sich ein gigantisches Ziel gesetzt, nämlich zwanzig Millionen Dollar zu verdienen, bevor er fünfunddreißig war. Mit viel, viel harter Arbeit und durch clevere Investitionen hatte er es schon fast geschafft, dabei hatte er noch drei Jahre Zeit. Noch einmal berührte er sacht Jeans Wange, dann legte er seine Hand auf ihre.

„Warum sagen Sie mir nicht einfach, wo und wann wir uns schon einmal begegnet sind?“

Jean atmete tief durch und versuchte zu einem Entschluss zu kommen. Sie hatten in ihrem Gespräch einen Punkt erreicht, wo sie entweder strikt leugnen musste, Ry jemals zuvor gesehen zu haben – was aber die Frage aufwerfen würde, warum sie das erst jetzt tat – oder zu gestehen, in welcher Beziehung sie einmal zueinander gestanden hatten. Sie antwortete nur zögernd. Noch beim Sprechen war sie sich nicht sicher, ob sie ihm die Wahrheit sagen wollte.

„Sagt Ihnen der Name Sally Jean Potter etwas?“

Ry hätte nicht verblüffter reagieren können, wenn sie ihn geohrfeigt hätte. Die Stimme versagte ihm fast. „Sie sind Sally Jean Potter?“ flüsterte er. „Sally Jean … ich …“ Er schüttelte den Kopf über sich selbst, denn er brachte keinen zusammenhängenden Satz heraus. „Ich … du …“

Schuldgefühle, die ihn seit fünfzehn Jahren insgeheim belasteten, überfielen ihn. Er hatte ihr damals etwas Schlimmes getan, jedoch geglaubt, keine andere Wahl zu haben. Das Schlimmste war jedoch, dass er ihr niemals erklärt hatte, was eigentlich passiert war und warum er sich erst mit ihr zum Abschlussball der High School verabredet und dann in letzter Minute abgesagt hatte. Nein, sitzen gelassen wäre vielleicht der treffendere Ausdruck gewesen. Und jetzt hatte er das Gefühl, schleunigst dieser Situation entfliehen zu müssen, bevor es noch schlimmer wurde. Andererseits, wie könnte es noch schlimmer werden, als es schon war? Außerdem war er keine siebzehn mehr, sondern ein erwachsener Mann, der sich seiner Vergangenheit stellen musste. Er straffte die Schultern, riss sich zusammen und versuchte, die Situation irgendwie zu retten.

„Sally Jean …“, er zwang sich zu einem Lächeln, „… ich habe dich wirklich nicht erkannt. Du hast dich ganz schön verändert seit damals.“ Wieder streckte er die Hand aus – diesmal zitterte sie – um ihre Wange zu berührten, ließ es dann aber doch bleiben. „Keine Brille, keine Zahnspange.“

„Und zehn Kilo weniger“, ergänzte sie trocken.

Er ging nicht auf ihren Sarkasmus ein. „Du hast dich wirklich sehr stark verändert.“

Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme bitter klang. „Da hast du wohl Recht … Ich war damals sicher ein hoffnungslos unattraktives Mauerblümchen.“

Ihre Antwort versetzte ihm einen Stich. Wie sehr musste er sie damals verletzt haben, wenn auch völlig unbeabsichtigt. Er nahm ihr Kinn in die Hand und sah ihr tief in die Augen. Dann beugte er sich vor und berührte ganz kurz ihre Lippen mit seinen. „Das habe ich nicht gesagt“, sagte er ernst. „Ich habe dich nie als hoffnungslos unattraktives Mauerblümchen betrachtet. Für mich warst du immer jemand mit ganz besonderen inneren Werten, die andere nicht hatten und auch nicht zu schätzen wussten.“

Mit einer solchen Antwort hatte Jean nicht gerechnet. Sie versuchte, ihm zu glauben, aber es gelang ihr nicht. Versuchte er, ihr mit seinem Charme aus einer unangenehmen Situation herauszuhelfen, oder meinte er es wirklich ehrlich? Sie wusste einfach nicht, ob sie ihm vertrauen konnte.

Ry zog seine Hand zurück, griff nach seinem Weinglas und nippte daran, bevor er weiterredete. „Wann hast du beschlossen, dich Jean zu nennen anstatt Sally Jean?“

„Gleich nach meiner Scheidung. Damals begann ich auch Kontaktlinsen zu tragen und nahm zehn Kilo ab.“

„Nun, Sally Jean …“

„Bitte nur Jean, wenn es dir nichts ausmacht.“ Wieder klang ihre Stimme härter als beabsichtigt. Er hatte mit keinem Wort davon gesprochen, was damals passiert war. Konnte es sein, dass er alles vergessen hatte?

„Wie du möchtest, Jean.“ Er versuchte seine Nervosität niederzukämpfen. Einen Augenblick lang schloss er die Augen und sah wieder die sechzehnjährige Sally Jean vor sich, wie sie in dem Supermarkt stand und ihn völlig verstört anstarrte, denn erst vor zwei Stunden hatte er ihr am Telefon gesagt, er sei krank und könne leider nicht mit ihr zum Abschlussball gehen. Ihm wurde die Kehle eng, und in seinen Schläfen entstand ein dumpfer Schmerz. Er versuchte, diese Erinnerung an den fatalen Abend und die damit verbundenen Schuldgefühle zu verscheuchen, und griff auf sein alt bewährtes Mittel zurück – sein sexy Lächeln und seinen umwerfenden Charme, obwohl er sich im Moment keineswegs sexy und charmant fühlte.

„Du musst mir unbedingt erzählen, wie es dir seit damals ergangen ist und was du inzwischen alles gemacht hast.“ Er drehte den Stiel seines leeren Weinglases zwischen den Fingern hin und her. „Aber zuerst … wie ich sehe, ist dein Glas auch leer. Ich hole uns noch eines, dann können wir in aller Ruhe reden.“

„Ich brauche keinen Wein mehr.“

Er nahm ihr Glas und zwinkerte ihr zu. „Bin gleich wieder da.“

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