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So ruhe auch du

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Danksagung
  7. Teil 1
  8. 1 Einbrecher
  9. 2 Die Beerdigung
  10. 3 Sophie
  11. 4 Dubrovnik
  12. 5 Auf dem Markt
  13. 6 Brenda
  14. 7 Zweiter Versuch
  15. 8 Nachts
  16. 9 Die Arbeit ruft
  17. 10 Der DCI
  18. 11 Die Gerichtsmedizin
  19. 12 Die Witwe
  20. 13 Befragungen
  21. 14 Der Plan
  22. 15 Verkatert
  23. Teil 2
  24. 16 Sicherheit
  25. 17 Markthändler
  26. 18 Täuschung
  27. 19 Die Presse
  28. 20 Leuchter
  29. 21 Die Schwiegermutter
  30. 22 Der Sohn
  31. 23 Glasschneider
  32. 24 Alibi
  33. 25 Die Zeugin
  34. 26 Der Verdächtige
  35. 27 Neuigkeiten
  36. 28 Wiedererkannt
  37. 29 Bronxy
  38. 30 Unbedachte Worte
  39. 31 Enttäuschung
  40. Teil 3
  41. 32 Briefing
  42. 33 Ein Schock
  43. 34 Samstagabend
  44. 35 Der Überfall
  45. 36 Der Passant
  46. 37 Das Briefing
  47. 38 Ray
  48. 39 Opfer
  49. 40 Das Curry House
  50. 41 Der Besucher
  51. 42 Abendessen
  52. 43 Feuer
  53. Teil 4
  54. 44 Brandstiftung
  55. 45 Das Hotel
  56. 46 Sandmouth
  57. 47 Panik
  58. 48 Unfallflucht
  59. 49 Die Leiche
  60. 50 Der Tatort
  61. 51 Gerüchte
  62. 52 Verwundet
  63. 53 Der Wagen
  64. 54 Im Krankenhaus
  65. Teil 5
  66. 55 Das Blue Lagoon
  67. 56 Das Excelsior
  68. 57 Der Verdacht
  69. 58 Weitermachen
  70. 59 Gefahr
  71. 60 Trautes Heim
  72. 61 Die Verhaftung
  73. 62 Eingebung
  74. 63 Kerzen
  75. 64 Leben
  76. 65 Freunde

Über die Autorin

Leigh Russell schloss ihr Literaturstudium an der Universität von Kent ab. Als Gesamtschullehrerin spezialisierte sie sich anschließend auf die Förderung von Schülern mit Lernbehinderungen. Ihre Kriminalromane um DI Geraldine Steel begeistern Leser und Kritiker auf der ganzen Welt. Leigh Russell ist verheiratet und lebt mit ihrem Ehemann und zwei Töchtern in Hertfordshire.

Leigh Russell

SO RUHE
AUCH DU

Ein Fall für Geraldine Steel

Aus dem Englischen von
Sabine Schilasky

 

Für Michael, Jo und Phil

Danksagung

Ich danke Dr. Leonard Russell für seinen medizinischen Rat, Derrick Pounder, Professor für Forensische Medizin an der University of Dundee, für seine Hilfe, Robert Dobbie von der British Transport Police für seine Unterstützung, dem Red-Watch-Team der Harrow Fire Station dafür, dass sie sich für meine Anliegen Zeit genommen haben, Keshini Naidoo für ihre Erläuterungen, meinem Agenten, David Marshall, für seine unschätzbare Hilfe, Annette Crossland für ihren zündenden Enthusiasmus sowie dem gesamten Team von No Exit Press für seinen Einsatz.

Teil 1

»Was wir lieblich fest besessen,
Schwindet hin, wie Träumereien.«

Heinrich Heine

1
Einbrecher

Der Glasschneider erzeugte ein leises Kratzgeräusch. Langsam löste Cal den Scheibenausschnitt mit seinen durch Handschuhe geschützten Fingerspitzen und griff nach drinnen, um den Fensterriegel zu öffnen. Sein schlaksiger Begleiter stemmte sich ungelenk auf den Fenstersims und schwang die Beine hinüber. Im Taschenlampenschein sahen sie, dass sie in einer Küche waren.

»Hunger?«, fragte Ray und nickte grinsend zu einer Packung Schokoladen-Haferkekse neben dem Wasserkocher. Cal legte den Zeigefinger an die Lippen. Prompt erstarrte Ray und blickte sich misstrauisch um. Die nächtliche Brise trug das ferne Brummen eines Automotors herbei, doch im Haus war alles still. Die beiden Männer gingen in einen breiten Flur. Cal sah kurz zu seinem Kumpanen hoch, wandte sich um und stieg als Erster die Treppe hinauf.

Stille.

Sie betraten ein Arbeitszimmer, wo Cal den Strahl seiner Taschenlampe über einen Schreibtisch wandern ließ. Ray griff sich eine Digitalkamera und stopfte sie in den Leinenbeutel, der über seiner Schulter hing. Die oberste Schreibtischschublade war verschlossen. Cal bückte sich und knackte das Schloss mit geübten Handgriffen. Mit einem Klicken gab der Mechanismus nach.

»Jackpot«, flüsterte er mit kaum verhohlener Freude. Er zog einen lederbespannten Schmuckkasten heraus und klappte den Deckel auf. Drinnen funkelten rote, grüne und weiße Steine.

»Sind die echt?« Rays Kapuze war nach hinten gerutscht, sodass mittelblonde Haare über den wässrigen Glubschaugen zu sehen waren.

»Das sehen wir uns zu Hause genauer an.«

Als sie zurück zur Treppe gingen, packte Ray Cals Arm.

»Was?«

»Ich glaube, ich habe Schritte gehört.« Beide starrten sich an und horchten angestrengt. Im Haus war es still. Vorsichtig gingen sie weiter, wobei es in Rays Beutel leise klimperte. Sie erreichten eine Ecke oben am Treppenabsatz, als eine Stimme sie erschreckte.

»Elliot? Bist du das, Elliot?«

Gleichzeitig ging das Licht an, sodass beide blinzelten. Eine alte Frau stand vor ihnen im Türrahmen eines erleuchteten Zimmers. Sie schnappte hörbar nach Luft, als sie die zwei Gestalten vor ihrer Treppe sah. »Wer sind Sie?«, fragte sie atemlos. Ängstlich musterte sie die beiden, eine Hand an ihre Brust gepresst, die andere gegen die Tür gedrückt. Cal sprang nach vorn und packte die Frau am Arm.

»Ich rufe die Polizei«, hauchte sie, doch ihre Beine knickten ein.

»Scheiße!«, schrie Ray. »Sie hat uns gesehen. Weg hier!«

»Eins nach dem anderen.« Cal hob die Frau hoch und stieß Ray mit der Schulter zur Seite, um an ihm vorbeizugehen. Dann warf er seine Last ächzend von sich. Sie sahen zu, wie die Frau rückwärts die Treppe hinunterstürzte.

Ein dumpfes Poltern.

Und wieder Stille.

»Was sollte das denn?« Rays Miene war starr vor Entsetzen.

»Die dämliche Alte hätte das Licht nicht anmachen sollen. Keine Bange.« Cal grinste. »Die kann uns nicht mehr identifizieren. Komm jetzt, du Depp. Verschwinden wir.«

Ein Schauder durchlief Ray, bevor er die Treppe hinunterstürmte. Versehentlich stieß er mit dem Stiefel gegen die alte Frau, die regungslos unten lag. Ihr Körper ruckte von dem Tritt. Cal rannte hinter Ray her und stolperte über die Frau. Bei dem Versuch, sich abzufangen, stieß er von hinten gegen Ray. Der Beutel fiel von Rays Schulter und scheppernd auf den Boden, so laut, dass das ganze Haus davon zu hallen schien. Goldketten und bunte Steine purzelten heraus.

Ihre Schritte wummerten auf dem Teppich. Ray erreichte als Erster die Haustür. Er drehte den Knauf, doch die Tür rührte sich nicht. Es war zweimal abgeschlossen. Ray trat fluchend gegen die Tür. Die beiden drehten um und rannten zurück durch den Flur in die Küche, wo sie durch das offene Fenster nach draußen in die kühle Nacht flohen.

Als sie nach Hause kamen, saß Brenda wach und zitternd in ihrem Sessel.

»Mach uns Tee«, knurrte Cal. Brenda huschte mit gesenktem Kopf und gebeugten Schultern in die Küche. Cal drehte sich zu Ray und streckte die Hand aus. Dann verfinsterte sich seine Miene und schien anzuschwellen.

»Ich weiß nicht, was passiert ist, Cal. Ich hatte Schiss. Er muss mir in dem Haus von der Schulter gerutscht sein, als wir abgehauen sind. Ich glaube, ich habe ihn im Flur verloren, als die Alte …«

»Du hast ihn dagelassen? Den ganzen Kram?«

»Ich hätte ihn ja wiedergeholt, wenn ich was gemerkt hätte.«

Cals Stimme war ruhig. »Du Depp«, sagte er. »War irgendwas in dem Beutel, das dich verraten kann?«

»Nein.« Rays Gesicht glänzte vor Schweiß. »Ich schwör’s, Cal. Ich hatte den auf dem Markt gekauft, wie du gesagt hast, und ihn nicht angefasst, außer mit Handschuhen. Ich habe alles genauso gemacht, wie du gesagt hast, Cal.«

»Wie ich gesagt habe?« Nun brüllte Cal. »Hättest du auf mich gehört, hättest du wohl nicht gerade ein verfluchtes Vermögen verloren.«

Brenda kam herein und stellte zwei dampfende Becher auf den Tisch. »Lass es gut sein, Cal.«

Cal fuhr herum. »Oder was?«, brüllte er. Brenda zog den Kopf ein und setzte sich hin. »Bist du immer noch hier?«, wandte sich Cal wieder an Ray. »Wir sind fertig.«

»Gib uns noch eine Chance«, bettelte Ray. »Nur noch eine Chance.«

»Noch eine Chance«, äffte Cal ihn nach. »Er will noch eine Chance, Bren.«

»Er soll sich verpissen«, antwortete sie. Ray sah sie eisig an, und sie senkte den Kopf, um ihre Finger anzustarren, die an ihren Ärmeln zupften.

Cal drehte sich wieder zu Ray hin. »Du willst noch eine Chance«, höhnte er. »Was glaubst du, wer du bist? Ich verrate es dir. Du bist ein beschissener Depp. Das bist du. Ray, der Riesendepp.«

Ray trat mit geballten Fäusten vor, zog sich aber gleich wieder zurück und murmelte etwas.

»Was hast du gesagt?«, fragte Cal.

»Ich habe gesagt, du kannst das lassen.« Er zuckte zusammen, als Cal sich eine Zigarette anzündete.

»Angenommen, ich gebe dir noch eine Chance«, sagte Cal langsam. »Woher weiß ich, dass du das nächste Mal nicht wieder bekloppt bist?«

Ray fixierte Cal, der das brennende Streichholz in Richtung seines Gesichts warf, und duckte den Kopf seitlich weg. Das Streichholz fiel auf den Boden.

»Die Sache ist die«, sagte Cal, »du hast es verkackt. Was hast du?«

»Es verkackt«, wiederholte Ray und sah mürrisch nach unten.

»Genau. Und weißt du, wieso?«

Ray musterte achselzuckend seine zerkratzten Schuhe.

»Panik«, beantwortete Cal selbst die Frage. »Du hast Panik gekriegt. Und du hattest keinen Fluchtplan. Das ist die erste Regel. Das Erste, was wir nächstes Mal machen, sobald wir drin sind, ist, dass wir die Hintertür suchen. Das war dein Job, Depp.« Er stand auf und zeigte mit der Zigarette auf Ray, der einen Schritt zurückwich und die Schuppenflocken auf Cals Schultern anstarrte. »Als Erstes schließen wir die Hintertür auf, dann sehen wir nach, was zu holen ist. So können wir uns aufteilen. Kein Stress, kein Chaos. Das nächste Mal könnten wir weniger Glück haben. Wir müssen vorsichtig sein, kapiert?«

Ray nickte erleichtert. »Ich mach das wieder gut, Cal, versprochen. Ich mach das wieder gut.«

»Wir hatten Glück, dass wir rechtzeitig rausgekommen sind«, fuhr Cal fort.

»Ja«, stimmte Ray ihm zu. »Das war Glück.«

»Aber wir waren auch schlau«, ergänzte Cal.

»Ja, das waren wir.«

»Wir nehmen uns eins der großen Häuser oben auf dem Hügel vor.« Plötzlich wurde Cal entschlossener. »Bist du dabei, Depp?« Ray nickte. »Diese großen weißen Häuser oben auf dem Hügel.«

»Da muss richtig was zu holen sein«, sagte Ray langsam. Seine Glubschaugen leuchteten. »Lass uns das machen.«

»Meint ihr echt?«, fragte Brenda. »Die könnten einen Hund haben. Was ist, wenn die einen Hund haben, Cal?«

»Wovon redest du, dämliche Schlampe? Wir wollen diesen reichen Säcken bloß ein bisschen was von ihrer Kohle abnehmen. Die haben es so dicke, dass sie nicht mal wissen, was sie sich als Nächstes kaufen sollen.« Cal lachte laut und drehte sich zu Brenda um. »Wieso hältst du dich nicht raus, blöde Schlampe? Geh ins Bett.«

Als sie an ihm vorbeiging, boxte er ihr seitlich gegen den Kopf. Sie stolperte, fing sich aber gleich wieder und ging wortlos weiter.

Ray lachte nervös. »Was sollte das denn? Was für Hunde?«

Cal wandte sich wieder zu ihm. »Hast du ein Problem?«

»Nein, kein Problem, Cal«, murmelte Ray. Seine Ohren wurden feuerrot. »Ich frage mich bloß, warum sie bei dir bleibt, sonst nichts. Du bist ein fieses Arschloch.« Die Worte waren aus ihm herausgeplatzt, und nun stand er mit offenem Mund da, die Beinmuskeln fluchtbereit angespannt.

Zu seiner Erleichterung setzte Cal sich hin und zog an seiner Zigarette. »Das verstehe ich auch nicht«, stimmte er Ray zu. Er lehnte sich zurück und blies Rauchringe zur Decke. »Eine scharfe Frau wie Bren. Sie könnte jeden haben.« Er sah misstrauisch zu Ray hoch. »Komm ja nicht auf dumme Gedanken.«

Ray schüttelte den Kopf. Er musste nicht erklären, was er von Brenda hielt. Er hatte die dreckige Junkie-Braut schon nackt gesehen, als er zufällig ins Bad kam, und beim Anblick ihrer ausgemergelten Titten und des weißen Bauchs war er sofort zurückgeschreckt. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass er da war. Cal musste schwachsinnig sein, wenn er dachte, dass Ray etwas von Brenda wollte. Da konnte er gleich einen toten Fisch knallen.

»Die ist nicht in meiner Liga, Cal«, log er hemmungslos. »Zu gut für mich«, ergänzte er sicherheitshalber noch.

Cal schnaubte und warf seine Zigarette auf den Boden. »Dann sind wir uns ja einig«, sagte er und zertrat den Stummel auf dem Teppich.

»Kommt nicht wieder vor. Ich enttäusch dich nicht noch mal«, sagte Ray hastig. »Es war ja bloß ein Beutel. Ich besorge einen neuen.«

»Es war ja bloß ein Beutel«, äffte Cal ihn wieder nach. »Depp.«

»Ich mach das wieder gut«, murmelte Ray. Er hatte einen Plan. Er würde Cal überraschen, indem er einen Job ganz allein durchzog.

»Was grinst du so?«

»Nichts, Cal. Ich dachte nur gerade an die Häuser oben in Harchester Hill.« Ray neigte den Kopf, um sein Geheimnis für sich zu behalten. Er würde es Cal zeigen. Er konnte auch schlau sein. Zwar wusste er noch nicht, wie er es anstellen sollte, aber ihm würde schon etwas einfallen.

Elliot Green sah dreimal die Woche nach seiner Mutter. Mrs. Green war noch mobil, doch mittlerweile war es für sie zu einer gewaltigen Kraftanstrengung geworden, das Haus zu verlassen. Elliot bemühte sich, ein guter Sohn zu sein. Er brachte ihr immer Essen und kleine Toilettenartikel mit, damit sie nicht einkaufen gehen musste, wenn sie zu müde dafür war.

Es brach einem schon das Herz, sie ans Haus gefesselt zu sehen, doch wenn sie ausging, war es noch schlimmer. Mehrfach hatten die Nachbarn sie aufgegriffen, als sie umherirrte und nicht mehr wusste, wo sie wohnte. Aber es wären nicht immer verantwortungsbewusste Menschen in der Nähe, wenn sie sich verirrte. Und so sehr Elliot sich sorgte, dass seine Mutter aus dem Haus ging, beunruhigte es ihn nicht minder, sie allein im Haus zu wissen.

»Es ist ein Albtraum«, gestand er seinem Geschäftspartner. »Ich muss mich um alles kümmern – Rechnungen bezahlen, die Putzkraft, den Gärtner, alles.«

»Du solltest sie in ein Heim geben.«

»Weiß ich. Ich habe es schon versucht, aber sie weigert sich, aus dem Haus auszuziehen. Sie wohnt schon seit über sechzig Jahren da.«

Sein Partner stieß einen leisen Pfiff aus. »Oh verdammt. Trotzdem solltest du sie in ein Heim bringen. Schon zu ihrem eigenen Besten.«

Elliot seufzte. »Wenn ich nur könnte. Aber du kennst meine Mutter nicht. Mit ihr ist nicht darüber zu reden. Und ich habe es bei Gott versucht.«

Am Freitagmorgen war Elliot spät dran. Ihm blieb kaum noch Zeit, bei seiner Mutter vorbeizusehen, und fast hätte er es ausfallen lassen. Er fluchte, als sie nicht an die Tür kam, weil er nun seine Brieftasche herausangeln musste, in der sein Schlüssel war. Der Schlüssel drehte sich steif im Schloss um.

Drinnen lag Elliots Mutter gekrümmt unten an der Treppe. Ketten falscher Perlen und Steine waren auf ihrem Oberkörper verstreut, und eine Goldkette lag auf ihrem Gesicht.

Elliot spürte, wie seine Beine zitterten, als er näher ging und zu ihr hinabstarrte.

»Mutter?«, flüsterte er. »Mutter?« Er hockte sich hin, wollte sie aber nicht anfassen. Sie lag reglos da, die Beine gespreizt und den Kopf seltsam verdreht, sodass ihre glasigen Augen ihn vorwurfsvoll anstarrten. Dabei konnte Elliot nichts tun. Niemand konnte etwas tun. Er streckte eine Hand aus und berührte ein Augenlid seiner Mutter. Keine Reaktion. Er fragte sich, ob ein Notarzt helfen konnte. Aber dann hockte er sich auf die Fersen und blieb gefühlte Stunden so hocken, unfähig, sich zu rühren.

Als er schließlich wieder aufstand, bemerkte er einen Blutfleck auf dem Teppich. Elliot wurde speiübel. Er drehte sich um, lief durch die Diele zur Haustür zurück und erbrach sich auf der Außentreppe.

2
Die Beerdigung

Geraldine blickte sich in der Küche um.

Hannah missverstand den Blick der Freundin und war beleidigt. »Du brauchst gar nicht so kritisch zu gucken«, sagte sie schnippisch. »Nicht jeder ist so hyperordentlich wie du.« Geraldine grinste, als Hannah einen feuchten Lappen nahm und einen Butterklecks vom Tisch wischte, wobei sie alte Krümel darauf verteilte. »Ach, was soll’s. Gehen wir nach nebenan.« Als wäre es dort bessere.

Mit den Jahren hatte Geraldine sich an das Chaos gewöhnt, das Hannah umgab. Sie betrachtete das Durcheinander von Kleidungsstücken, Kinderbüchern, Spielzeug und Frauenzeitschriften und erinnerte sich, wie erschrocken sie gewesen war, als sie zum ersten Mal nach der Schule in Hannahs Zimmer gekommen war.

»Kein Wunder, dass du deine Hausaufgaben nie findest«, hatte sie gesagt und dabei sehr kritisch das Durcheinander auf sämtlichen Oberflächen beäugt.

»Ich weiß. Ich bin ein hoffnungsloser Fall.« Hannah hatte den Kopf geschüttelt, dass ihr Pferdeschwanz hüpfte. »Meine Mum dreht auch immer durch.« So hatte ihre Freundschaft begonnen. Geraldine wusste nicht mehr, wie oft sie Hannah vorm Nachsitzen bewahrt hatte, indem sie ihr Schulbücher oder Turnzeug lieh oder sie ihre Hausaufgaben abschreiben ließ.

»Also, was ist diesmal los?«, fragte Hannah. Gleichzeitig wischte sie einen Stapel Handtücher von einem Sessel, damit Geraldine sich hinsetzen konnte. »Ich dachte, du wolltest mit Craig nach Dubrovnik. Hattest du nicht sogar schon gebucht?«

»Ja, hatte ich. Habe ich.«

»Aber?«

Geraldine zuckte mit den Schultern. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich gerade jetzt wegwill.«

Ihre Freundin stöhnte übertrieben. »Für Bedenken ist es ein bisschen spät, oder? Ich dachte, du magst ihn. Warum hast du zugesagt, mit ihm zu verreisen, wenn du ihn nicht magst?«

»Selbstverständlich mag ich ihn. Wirklich. Aber …«

»Aber was?«

»Ich musste mir schon freinehmen …«

»Für die Beerdigung deiner Mutter. Das zählt ja wohl nicht als Urlaub. Und überhaupt hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Eher ist es erst recht ein guter Grund zu verreisen. Hör mal, du hast doch diese Reise nach Dubrovnik gebucht, nicht? Du hast sie bezahlt. Um Himmels willen, gönn dir mal eine Pause! Dir steht ein Urlaub zu. Wir werden alle nicht jünger, und es ist ungesund, so besessen von der Arbeit zu sein.«

»Ich bin nicht von meiner Arbeit besessen. Zufällig halte ich sie für wichtig, sonst nichts.«

»Du nimmst sie und dich zu wichtig, wenn du mich fragst.«

»Das ist nicht fair. Mordermittlungen schützen alle.«

»Ach, lass das hochtrabende Geschwafel. Dann bist du eben Detective Inspector. Na und? Schön für dich. Du arbeitest in einer Mordkommission, du bewirkst etwas im Leben anderer und hilfst, die Gesellschaft für alle besser zu machen, ja, schon gut. Ich behaupte ja nichts anderes. Aber was ist mit deinem Leben? Endlich hast du jemanden kennengelernt, den du magst. Gib ihm wenigstens eine Chance. Und es wäre mal eine Auszeit. Du musst mal raus, denn du siehst furchtbar aus. Was verständlich ist. Immerhin hast du deine Mutter verloren.«

Sie tätschelte mitfühlend Geraldines Hand, und Geraldine seufzte. Nicht einmal ihrer ältesten Freundin konnte sie sagen, was sie hinsichtlich des Todes ihrer Mutter empfand.

Geraldine hatte schon sehr früh begriffen, wie nahe ihre Schwester Celia der Mutter stand. Und als sie größer wurden, verlief Celias Leben nach einem sehr ähnlichen Muster wie das ihrer Mutter. Geraldine hingegen blieb unabhängig, ehrgeizig, hatte nicht geheiratet und keine Enkelkinder produziert. Ihre Mutter hatte Geraldines Entscheidungen nie offen kritisiert, aber nichts, was Geraldine erreichte, schien sie je zufriedenzustellen. Ihre Mutter hatte ihr zur Beförderung gratuliert, interessierte sich jedoch mehr für ihre Enkelin.

»Ich bin jetzt Detective Inspector, Mum«, hätte Geraldine am liebsten geschrien. »Dafür habe ich hart gearbeitet. Es bedeutet etwas. Es ist wichtig.«

Aber ihre Mutter hatte sich bereits mit Chloe unterhalten: »Du lernst Flöte? Wie wunderbar!«

»Wie wunderbar«, hatte Geraldine wiederholt und ihre kleine Nichte angelächelt.

Als Geraldines Mutter unerwartet gestorben war, hatte Geraldine eine erdrückende Reue empfunden, weil sie sich nie um ein besseres Verhältnis bemüht hatte. Nun war es zu spät.

Die Beerdigung war wie ein verschwommenes Flirren an Geraldine vorbeigerauscht. Von dem eisigen Wind auf dem Friedhof tränten ihr die Augen, und sie musterte die kümmerliche Versammlung Trauernder. Celia lehnte im schwarzen Mantel an ihrem Mann und bebte vor Kummer. Ungerührt schaute Geraldine zu, wie der Holzsarg verschwand, und ihre Trauer wich einer dumpfen Wut. Ihre Mutter hatte sie nie wirklich gemocht.

Nach der Trauerfeier gingen alle zu Celia. Die Zeit setzte Staub an, während Geraldine mit vage bekannten Verwandten Small Talk machte.

»Du erinnerst dich doch an mich, nicht wahr, Geraldine?«

»Ja, natürlich«, log Geraldine.

»Deine arme Mutter.«

Geraldine drehte ihre Runde und klammerte sich dabei an ein Weinglas.

»War das nicht eine reizende Beerdigung?«

»Hat Celia nicht alles wundervoll gemacht?«

»Diese Lilien!«

»Weißt du übrigens, dass sie alles selbst arrangiert hat?«

»Na ja, von Geraldine konnte man ja nicht erwarten …« Als sie Geraldine bemerkte, presste die Sprecherin die Lippen zusammen. Geraldine wandte sich ab und tat, als hätte sie nichts gehört.

»Gott sei Dank, sie sind weg«, rief Geraldine aus, als sie endlich aufs Sofa sinken und ihre Schuhe abstreifen konnte. »Ich dachte, ich st …« Sie brach abrupt ab, denn um ein Haar hätte sie gesagt, sie wäre gestorben, wenn es auch nur fünf Minuten länger gegangen wäre.

Celia brach in Tränen aus. »Entschuldige«, schluchzte sie und vergrub das Gesicht in den Händen. »Sie fehlt mir so!«

Geraldine fragte sich, ob ihr berufsbedingter Umgang mit der Trauer anderer ihre Fähigkeit beeinträchtigt hatte, selbst zu trauern. Während Celia untröstlich war, empfand Geraldine nur eine schuldbewusste Ungeduld, wieder an die Arbeit zurückzugehen. »Wann kommt Chloe zurück? Ich kann es nicht erwarten, sie zu sehen.« Celia hatte entschieden, dass ihre Tochter zu klein war, um bei der Beerdigung dabei zu sein.

Ihre Schwester schnäuzte sich. »Ja, es ist einige Zeit her, seit du zuletzt hier warst. Du wirst staunen, wie sie gewachsen ist. Sieben Jahre, aber schon richtig groß. Du bleibst doch über Nacht, oder? Ich weiß, dass du viel zu tun hast, aber es wäre nett, dich häufiger zu sehen, und das sage ich nicht bloß meinetwegen. Ich weiß, dass Chloe auch gern mehr Zeit mit dir verbringen würde. Sie wird so schnell groß.«

»Ja, das wäre schön. Mir ist klar, dass ich in letzter Zeit sehr mit meiner Arbeit beschäftigt war, aber ich werde mich in Zukunft bemühen, öfter vorbeizukommen.« Sie betrachtete ihre Schwester. Abgesehen vom blassen Teint, ähnelten sie beide sich nicht. Geraldine hatte Celia immer um ihr aschblondes Haar beneidet, das sehr fein und natürlich gewellt war. Geraldines Haar war dick, glatt und fast schwarz.

»Wir haben jetzt ja nur noch uns«, sagte Celia.

»Ich werde mich ändern«, versprach Geraldine. »Ich möchte auch mehr Zeit mit euch verbringen.«

»Ja, das gibt einem zu denken, nicht? Keiner von uns wusste, wie wenig Zeit uns noch blieb.« Celia schniefte.

Chloes Rückkehr heiterte die Stimmung etwas auf. Sie kam so schnell ins Zimmer gerannt, dass ihre Zöpfe flogen, und warf sich auf Geraldine. »Gehen wir einkaufen, Tante Geraldine?«

Geraldine schmunzelte. »Diesmal nicht, Chloe. Aber bald, versprochen.«

»Bedränge deine Tante nicht, sonst kauft sie dir keine Geschenke mehr«, warnte Celia ihre Tochter.

Chloe setzte sich dicht neben Geraldine auf das Sofa und plapperte von ihrer besten Freundin. Sie redete auch während des Abendessens ununterbrochen. Als Chloe zu Bett gegangen war, begann Celia wieder zu weinen. Geraldine griff nach einer zweiten Weinflasche.

»Das wirst du morgen früh bereuen«, sagte Celia. »Hattest du nicht schon genug?«

»Ich fahre nicht, und ich bin nicht im Dienst.«

»Dein superwichtiger Dienst.«

»Lass mich das machen«, sagte Geraldines Schwager und nahm Geraldine den Korkenzieher ab.

»Du brauchst einen Kaffee«, wandte Celia streng ein. »Um Himmels willen, Geraldine, wir haben heute unsere Mutter beerdigt! Zeig mal ein bisschen Respekt!«

»Die Toten achten.« Zum ersten Mal heute war Geraldine tatsächlich zum Heulen. »Das tue ich immerzu. Ich verbringe mein ganzes Leben damit, die Toten zu achten.«

»Kaffee«, sagte ihr Schwager entschlossen. Er stand auf und nahm Geraldine die Flasche aus der Hand.

»Morgen früh wird es dir schlecht gehen«, sagte Celia und weinte wieder.

»Ich fühle mich sowieso mies.« Geraldine war ein bisschen schlecht, und sie sehnte sich nach einer Trauer, die sie nicht fühlte.

»Deine Mutter ist tot, du abnormes Weib«, murmelte sie vor sich hin, als sie sich ins Bett legte. Und eine kleine Stimme in ihrem Kopf antwortete: Na und?

Am nächsten Morgen fühlte sich Geraldine beim Aufwachen, als würde ihr jemand mit einer Flasche auf dem Kopf herumtrommeln. Stöhnend rollte sie sich aus dem Bett und ließ die Augen geschlossen, während sie nach ihren Sachen tastete.

»Na, dann habe ich ja doch gelitten, als meine Mutter starb«, dachte sie angesäuert.

3
Sophie

»Langsamer. Du machst mich nervös«, sagte Tom. Sophie trat das Gaspedal durch. »Langsamer!« Der Wagen schoss nach vorn.

»Sie kann sich nicht mal halbwegs höflich benehmen«, schimpfte Sophie. »Vom ersten Moment an hat sie mich gehasst. Aber das beruht auf Gegenseitigkeit.«

»Na, wenn schon. Du bist mit mir verheiratet, nicht mit ihr. Und ich liebe dich.«

»In ihren Augen war ich nie gut genug für dich. Was bildet sie sich eigentlich ein, so mit mir zu reden?«

»Ich bin dir jedenfalls dankbar, dass du ihr gegenüber die Fassung wahrst«, sagte Tom zerknirscht. Er blickte zu den Straßenlaternen, die an ihnen vorbeisausten, und wartete, dass sich seine Frau wieder beruhigte. Sophie blieb nie lange wütend.

»Sie mochte mich nie. Und ich weiß nicht, warum wir sie jede Woche besuchen müssen. Jeden verdammten Sonntag! Trotzdem beschwert sie sich. Was will sie denn noch?« Die Antwort kannten sie beide.

Bei jedem Besuch ritt Toms Mutter darauf herum, dass sie einundzwanzig gewesen war, als Tom geboren wurde. »Es ist unsinnig, zu lange zu warten. Das ist nicht natürlich und bringt nichts als Probleme. Und ich bin hier und kann mich um das Baby kümmern, wenn du wieder arbeiten gehen willst. Ich weiß ja, dass sich manche Frauen heutzutage lieber nicht selbst um ihre Kinder kümmern wollen. Es ist sowieso besser, wenn man die Kindererziehung fähigen Leuten überlässt. Alle diese neumodischen Ideen, von denen heute geredet wird, tun einem Kind nicht gut. Seht euch doch an, wie sich die Kleinen heutzutage benehmen. Und das wundert auch nicht, wo sie sich doch praktisch selbst überlassen bleiben. Man staunt fast, dass sie überhaupt aus den Windeln kommen. Ich hatte meinen Thomas mit sechs Monaten auf dem Töpfchen. Noch Tee, Tom?«

Sophie dachte nicht daran, eine Familie zu gründen. Und wenn doch, würde sie nach einem halben Jahr wieder zur Arbeit gehen und ein Kindermädchen einstellen. Sie würde sich eher ein Bein ausreißen, als ihre Kinder in die Obhut ihrer Schwiegermutter zu geben.

»Sie ist allein und einsam«, murmelte Tom und zündete sich eine Zigarette an.

»Das ist keine Entschuldigung für ihr unmögliches Benehmen.« Sophie nahm den Fuß etwas vom Gas und blickte zu ihrem Mann. Es war nicht seine Schuld. »Für dich ist es schwierig, zwischen den Stühlen zu sitzen«, entschuldigte sie sich. »Sie ist schließlich deine Mutter. Ich sollte nicht so über sie herziehen.«

Tom zuckte mit den Schultern. »Sie hat sich das selbst eingebrockt. Ich bin jetzt mit dir zusammen. Wenn du nicht mehr zu ihr fahren willst … Du bist die Einzige, die ich will. Das weißt du.«

Sophie lächelte. »Und du bist der einzige Mann, der mir im Leben wichtig ist«, beteuerte sie aufrichtig. »Der Einzige.«

Sophie ging vollständig in Computern auf und hatte sich damit nie einsam gefühlt. Als eine Frau aus dem Büro alle zur Weihnachtsparty einlud, hatte Sophie nicht mal geantwortet. Partys reizten sie nicht. Die Kollegin war bei ihr stehen geblieben, als sie am Tag der Party an Sophies Schreibtisch vorbeigekommen war.

»Kommst du heute Abend?«, fragte sie.

Da Sophie sich vom Interesse ihrer Kollegin geschmeichelt fühlte, sagte sie zu. Das bereute sie allerdings schon bei ihrer Ankunft auf der Party. Alle im Raum schienen gleichzeitig zu reden, und niemand nahm Sophie zur Kenntnis. Sie verstand nicht, warum sie eingeladen worden war. Den Rücken an die Wand gelehnt, stand sie in einer Ecke und fühlte sich bei dem Lärm und dem Geruch der vielen Leute auf engem Raum unwohl. Hier verschwendete sie bloß ihre Zeit. Es war ein neues Update zu installieren, und jetzt könnte sie vollkommen ungestört im Büro arbeiten. Als sie sich zum Gehen umwandte, stieß sie mit einem Fremden zusammen.

»Verzeihung«, murmelte sie.

»Ich kenne hier keinen«, platzte er heraus. Sophie nahm die Panik in seiner Stimme wahr und zögerte.

»Ich weiß nicht, wieso ich gekommen bin«, entgegnete sie.

Er fragte sie, was sie in der Firma machte, und für eine Weile unterhielten sie sich über die Arbeit. Allerdings machte die laute Musik ihr Gespräch schwierig. »Es ist so stickig hier«, sagte Sophie. Sie wäre längst gegangen, wollte aber nicht unhöflich sein.

»Wollen wir woanders hingehen?«, schlug er vor. Sophie empfand ein eigenartiges Kribbeln und fragte sich, ob er mit ihr flirtete. »Ich meine, auf einen Kaffee oder so. Oder einen Drink. Um die Ecke ist ein Pub. Ich meine, falls du magst. Ich bin übrigens Tom Cliff.« Er reichte ihr seltsam förmlich die Hand. Über seine Schulter hinweg sah Sophie ein Paar knutschen.

Sie verließen die Party und gingen auf einen Drink in den Pub. »Komisch, dass wir uns noch nie in der Firma begegnet sind«, fanden sie beide.

»Ich verlasse meinen Schreibtisch eigentlich nie«, gestand er.

»Ich auch nicht.«

»Wir sind ja zum Arbeiten da«, sagte Tom.

Sophie nickte ernst.

Nach ein paar Monaten stellte Tom sie seiner verwitweten Mutter vor. Sophie war nicht gut darin, Menschen einzuschätzen, erkannte jedoch auf Anhieb die Feindseligkeit der anderen Frau.

»Das redest du dir ein«, sagte Tom. »So ist Mum nicht.«

»Du bist ihr Partnerersatz«, erklärte Sophie ihm, obwohl sie solche Muster gewöhnlich nicht mitbekam. »Du wohnst im selben Haus, ihr esst jeden Abend zusammen und fahrt sogar zusammen in den Urlaub. Sie wird dich nie gehen lassen.«

»Das ist doch Blödsinn«, erwiderte er. »Ich werde nämlich mit dir zusammenleben, meiner Frau.«

»Habe ich da auch mitzureden?«, fragte Sophie lächelnd.

Als Sophie von ihrer Beförderung erzählte, war Toms Mutter entsetzt. »Was soll das heißen – du musst vielleicht sonntags arbeiten? Am Sonntag kommt ihr mich besuchen, da ist Wochenende. Keiner arbeitet sonntags.«

»Ich habe nur Bereitschaft, und es ist auch nicht wahrscheinlich, dass sie mich sonntags brauchen. Außerdem bin ich nur jede zweite Nacht dran und nur jedes zweite Wochenende.«

»Kann das nicht jemand anderes machen?«, fragte ihre Schwiegermutter. Ihre grauen Locken wippten, als sie Tom eine Teetasse reichte. »Sag denen, dass du sonntags nicht kannst. Sicher kommen die auch ohne dich zurecht. Du bist ja schließlich keine Gehirnchirurgin, Sophie. Es geht wohl kaum um Leben und Tod, oder? Das sind doch bloß Computer.«

Sophie erklärte ihr, dass die Drucker rund um die Uhr arbeiten mussten, um Kontoauszüge, Lohnbescheinigungen und andere wichtige Dokumente auszuspucken.

»Unsinn«, fiel ihre Schwiegermutter ihr ins Wort. »Das ist nichts, was nicht bis Montag warten kann. Was würde denn passieren, wenn der Strom ausfällt?« Ihre Augen blitzten, als sie ihrem Sohn ein Stück Kuchen auffüllte. Er steckte sich noch eine Zigarette an und winkte ab. »Dann musst du eben herkommen, wenn dein Büro zu ist.«

»Ich könnte nachts gerufen werden«, sagte Sophie, die sich über die Beleidigung ärgerte. »Vielleicht muss ich die ganze Nacht arbeiten.«

Toms Mutter sah sie empört an, den Tortenheber mit dem Kuchenstück in der Hand. »Du bist eine verheiratete Frau.«

4
Dubrovnik

Die Hitze in Dubrovnik war lähmend. Unter den schweren Oleanderduft mischte sich der Gestank von Abwasser. Rosa blühende Sträucher und lilafarbene Bougainvillea-Bögen leuchteten vor weiß gekalkten Mauern. Geraldine folgte Craig nur zu gern in den Schatten eines Torbogens seitlich vom Markt, wo sich Touristen sammelten, um aus einem öffentlichen Brunnen zu trinken. Ins grelle Sonnenlicht blinzelnd, sah Geraldine zu den Tauben auf, die oben über dem Brunnen hockten. Craigs Nähe war ihr sehr bewusst. Sie konnte die Wärme seines Arms spüren, der sie fast berührte, und atmete den Duft seines Aftershaves ein.

»Ich glaube nicht, dass ich es riskiere«, sagte sie mit einem naserümpfenden Blick zum Brunnen. »Das ist ja wie Taubenpipi trinken.« Die winzigen Falten in seinen Augenwinkeln kräuselten sich, als Craig sie anlächelte.

Die Hitze ließ ein wenig nach, als der Nachmittag in den Abend überging und sie den Festungswall hinaufstiegen, um die Terracotta-Dächer der Stadt im Wärmedunst von oben zu betrachten. Geraldine drehte sich um und sah zum Meer. Glitzernde Sonnenspiegelungen tanzten wie Elfenlichter auf dem Wasser und zwinkerten ihr zu.

»Es ist wunderschön, Mark«, sagte sie leise.

Was einmal ausgesprochen war, ließ sich nicht zurücknehmen.

»Was?« Sie antwortete nicht. »Hast du mich eben Mark genannt?«

Geraldine stockte. Craig wusste, dass sie sechs Jahre lang mit jemandem zusammengelebt hatte, aber sie erinnerte sich nicht, ob sie jemals den Namen ihres Ex erwähnt hatte.

»Eine Markierung im Wasser«, stammelte sie blödsinnig. »Da ist eine Markierung.«

Verlegen rieb sie Craigs Schulter. Er wandte sich achselzuckend ab, weg von ihrer erbärmlichen Lüge. Der Moment war unwiderruflich beschädigt.

In Dubrovnik zu sein fühlte sich wie ein Schritt aus der Zeit und in eine Welt an, die fernab von Geraldines stressiger Normalität lag: Tatorte studieren, Autopsieberichte lesen, Leichen auf kalten Metalltischen studieren, Verdächtige befragen, Zeugenaussagen durchgehen und endlosen Papierkram erledigen, der während der Untersuchungen ständig anwuchs. Geraldine mochte das Gefühl, durch ihre Arbeit bei der Mordkommission etwas zu bewirken, auch wenn sie, genau wie ihre Kollegen, wenig Verständnis für den sinnlosen Papierkrieg aufbrachte, den die Bürokraten ihnen aufzwangen. Die hatten wahrscheinlich noch nie eine Leiche gesehen, geschweige denn den Adrenalinrausch zu Beginn eines neuen Falls erlebt. Hätten sie das, wäre es ihnen egal, ob Officers Formulare ausfüllten oder nicht. Sie würden nur wollen, dass die Täter hinter Gitter kamen.

Geraldine lächelte, als sie Craigs Hand auf ihrer Schulter fühlte. Er hatte eine Pause von der Stadt vorgeschlagen, als ihr letzter Fall abgeschlossen war, und sie hatte einen Flug gebucht, sobald sie wegkonnte.

»Du darfst doch sicher eine Pause einlegen, bevor du dich auf deinen nächsten Fall stürzt, oder? Seit Wochen arbeitest du rund um die Uhr«, hatte Craig gesagt.

»So einfach ist das nicht.« Geraldine hatte versucht zu erklären, wie wichtig der Papierkram nach einer erfolgreichen Festnahme war. »Wir müssen dafür sorgen, dass er nicht wegen irgendwelcher Formfehler freikommt.«

»Wie könnte er? Er ist eingesperrt. Aber du bist es nicht.« Schließlich war alles erledigt, und sie hatten ihren Urlaub gebucht.

Als sie nach ihrer ersten Nacht in Dubrovnik aufstanden, sagte Craig zu ihr: »Du siehst schon besser aus.«

»Besser als was?«, fragte sie grinsend.

Craig hatte recht. Drei Tage mit ihm in Dubrovnik waren genau das, was sie brauchte. Sie hoffte außerdem auf eine Gelegenheit, ihre Beziehung zu klären. Aber in dem Punkt schienen sie kaum Fortschritte zu machen. Zu Hause war der Zeitpunkt immer falsch gewesen, das Thema anzusprechen. Seit einem Jahr sahen sie sich häufiger, dennoch war Geraldine unsicher, wie ernst ihre Beziehung war. Zusammen zu verreisen bot eine Chance zum Reden. Und die hatte Geraldine ruiniert, indem sie ihn Mark genannt hatte.

»Du bist schon wieder zu Hause, ehe die ankommt«, sagte Craig, als sie eine Postkarte an Hannah schrieb. Er las sie über Kopf. »Alles gut. Schöne Stadt. Mittagessen in einem Restaurant mit Meerblick. Warm genug. Überall Blumen. Alles Liebe, Geraldine.« Craig runzelte übertrieben die Stirn. »Und kein Wort über die wunderbare Begleitung?«

Geraldine gab die Karte an der Hotelrezeption ab, als sie abreisten.

»Auf einige Tage Gnadenfrist für dich, ehe sie dir wieder einen Fall aufbrummen«, sagte Craig beim Anstoßen während des Heimflugs. Er klang gereizt.

Geraldine schenkte ihm ein reumütiges Lächeln und sah wieder in ihren Pass. »Das kann man kaum erkennen.« Sie zeigte auf den schwachen Stempelabdruck, bei dem »Dubrovnik« so gut wie unleserlich war.

»Mal das doch nach«, schlug Craig vor.

»Das darf ich nicht.«

»Du nicht, aber ich«, antwortete er lachend. »Dazu braucht man nur einen feinen schwarzen Kuli.«

Er schnappte sich ihren Pass, doch Geraldine entriss ihn ihm und drehte sich verärgert weg.

Am nächsten Tag lud sie die Fotos von ihrem Mobiltelefon hoch und ging sie durch, wobei ihr Lächeln jeweils erstarb, wenn ihr eigenes Gesicht auftauchte. Sie musterte ihr Bild und versuchte, sich objektiv zu betrachten: das schwarze Haar, das immer zerzaust aussah, wenn sie es nicht mit Spangen bändigte, die großen dunklen Augen, die stets vor Gesundheit glänzten, und die kleine, gebogene Nase, die ihr Aussehen verdarb.

Das Telefon läutete. Geraldine wartete kurz, bevor sie ranging. Craig sollte nicht denken, dass sie auf seinen Anruf wartete.

»Na, wie war’s?«, fragte Hannah.

Geraldine schluckte ihre Enttäuschung herunter. »Herrlich«, antwortete sie. Natürlich wusste sie, was ihre Freundin meinte. »Die Stadt ist traumhaft, kann ich nur empfehlen. Und das Wetter war perfekt, nicht zu heiß.«

»Dubrovnik interessiert mich weniger«, unterbrach Hannah sie ungeduldig. »Wie lief es mit Craig?«

Geraldine zögerte. »Wahrscheinlich zu gut«, gestand sie.

»Wann siehst du ihn wieder?«

»Weiß ich nicht.«

»Du weißt es nicht? Wie kannst du das nicht wissen? Ihr seid fast ein Jahr zusammen, und ihr wart gerade gemeinsam im Urlaub.«

Geraldine seufzte. Für Hannah mochte es leicht sein. Sie war seit acht Jahren verheiratet und hatte keinen Grund, sich über ihre Beziehung im Unklaren zu sein. Geraldine hingegen kam sich vor wie ein verknallter Teenager, der neben dem Telefon auf einen Anruf wartete. Sie beschäftigte sich mit diversen Arbeiten, doch die Tage verstrichen, ohne dass er anrief. Am Donnerstagabend gab sie nach und wählte seine Nummer.

»Craig Hudson.«

Beim Klang seiner Stimme wurde Geraldines Atmung schneller. Mach dich nicht lächerlich, ermahnte sie sich im Geiste. »Hi, ich bin’s«, meldete sie sich betont munter. »Geraldine. Ich hatte überlegt, ob du vielleicht mal abends zum Essen kommen willst? Also, falls du Zeit hast.« Es sollte lässig klingen, hörte sich aber zu unsicher an.

Zum Glück ging Craig sofort darauf ein. »Klingt gut. Wann dachtest du?«

»Wie wäre es mit Samstag? Gegen halb acht?«

»Sonnabend? Nein, diesen Samstag kann ich nicht. Was hältst du von Sonntag?«

»Prima. Dann bis Sonntag.«

Geraldine blickte sich in ihrer blitzsauberen Wohnung um und überlegte, was Craig für seinen Samstagabend geplant haben mochte und ob er die Zeit allein verbringen würde. Wenn sie zusammen waren, war er stets charmant und aufmerksam, aber dann vergingen Wochen, ohne dass sie von ihm hörte. Und wenn er sie sehen wollte, musste sie oft absagen, weil sie in einem Fall steckte. Ihre Beziehung mit Mark war eindeutig gewesen. Bei Craig wirkte alles so kompliziert. Aber Mark hatte eine andere kennengelernt. Geraldine hatte keine Ahnung, wie lange er schon die Affäre mit der anderen Frau gehabt hatte, bevor er ausgezogen war. Vielleicht war ihr damals das Leben auch bloß einfach vorgekommen. Sie dachte daran, wie heiß es in Dubrovnik gewesen war, und fröstelte.

5
Auf dem Markt

»Das ist eine verdammt harte Arbeit«, sagte Alice. »Und sie wird immer schlimmer. Ich begreife nicht, wie du das neben den Kindern schaffst. Du bist ein wahres Wunder!«

»Wohl eher eine Märtyrerin«, stöhnte Maggie.

»Ich finde«, setzte Alice nach, die allmählich in Fahrt kam, »dass wir uns besser halten als einige andere, die keine Lizenz haben. Aber trotzdem, bei jedem Wetter auf dem Markt zu stehen, ist keine Kaffeefahrt, was?« Sie strich sich mit der Hand durch ihr dunkelgraues Haar und wiederholte: »Ich begreife nicht, wie du das schaffst.«

Maggie zog eine Grimasse. »Es ist eine verdammt harte Arbeit, da hast du recht. Doch was nützt das? Jammern ist zwecklos, wenn man keine andere Wahl hat.«

Am Freitag war gewöhnlich viel los. Da kam Maggie gern früh zum Aufbauen, damit sie sich nicht hetzen musste. Allerdings musste sie erst das Frühstück für die Kinder vorbereiten, ehe sie loskonnte. Während ihr verbeulter Van durch die Straßen gerumpelt war, hatte es zu regnen begonnen. Maggie hatte geflucht. Ihre Scheibenwischer funktionierten nicht richtig, und eine Reparatur konnte sie sich nicht leisten. Und vor allem lief es auf dem Markt bei Regen nicht gut. Maggie war vorsichtig gefahren, hatte durch den feinen Regenschleier geblinzelt und mit quietschenden Bremsen neben einer Lücke nahe ihrem Stand angehalten, die viel zu eng war. Ein schmutziger schwarzer Van hatte zwei Lücken eingenommen, sodass kein Platz mehr für Maggies Wagen blieb. Sie hatte am anderen Ende des Markts parken müssen, weit weg von ihrem Stand. Wütend hatte sie die Bananenkartons aus ihrem Van gehievt und sie den weiten Weg zu ihrem Stand geschleppt.

Nun musste sie alles schnellstmöglich aufbauen und ihre Waren im Schutz der rissigen Markise auspacken. Als Letztes hängte sie vorn die neuen Taschen auf.

»Die ist hübsch.« Alice zeigte auf eine rosa und lila gemusterte Tasche, als Maggie fertig war. »Ist die neu?« Maggie zuckte mit den Schultern. Heute Morgen war sie nicht recht bei der Sache. Es war ein trüber Tag. Der Regen klarte auf, doch es waren nur wenige Leute da. Maggie stand tatenlos herum und wurde unruhig. Nach einer Weile ging sie zu Alices Stand hinüber.

»Kannst du mal für mich aufpassen, Alice? Ich will kurz mit Geoffrey reden.«

»Was hat der blöde Fettsack denn jetzt wieder angestellt?«

Maggie schilderte ihr, dass sie nicht bei ihrem Stand hatte parken können, weil Geoffrey ihre Lücke blockierte. »Rücksichtsloser Mistkerl.« Sie zog den Reißverschluss ihres Anoraks zu, straffte ihre Schultern und ging.

»Geoffrey!«

»Hallo, Maggie. Sieh dir die mal an. Die ist wie für dich gemacht!« Er hielt eine unechte goldene Uhr an einem schmalen schwarzen Armband in die Höhe.

»Ich will keine Uhr. Und selbst wenn, würde ich hier wohl als Letztes nach einer suchen. Du weißt, warum ich hier bin.«

Geoffrey stützte die Hände flach auf seinen Klapptisch und sah sie grinsend an.

»Du kannst aufhören, so bescheuert zu grinsen.«

»Kein Grund, gleich ausfallend zu werden, Maggie.« Er drehte sich weg und fing an, seine Waren zu arrangieren.

»Du hast es schon wieder getan, du egoistischer Mistkerl! Du hast quer über zwei Lücken geparkt«, schimpfte Maggie. Geoffrey schien sie zu ignorieren, auch wenn sie sah, dass er genervt mit den wulstigen Lippen zuckte. »Halt dich ja fern von mir, oder ich rede mit dem Marktleiter. Wenn du noch einmal neben meinem Stand parkst, wirst du …«

»Du erzählst mir nicht, wo ich stehen darf und wo nicht«, unterbrach er sie. Sein Gesicht war gerötet, und Speicheltropfen stoben ihm aus dem Mund. Maggie sah ihn angeekelt an. »Ich parke, wo es mir passt. Ich habe nicht gesehen, dass da irgendwo dein Name stand, und ich war als Erster hier.«

Fluchend zog sich Maggie zurück. Es war offensichtlich, dass sie bei Geoffrey nichts ausrichten konnte. Doch zumindest wusste er nun, dass sie sich von ihm nichts bieten ließ, denn sie meinte es ernst mit dem, was sie gesagt hatte. Sie würde zum Marktleiter gehen und sich beschweren, wenn Geoffrey noch einmal zwei Parklücken besetzte.

»Wie ist es gelaufen?«, fragte Alice.

»War viel los?«

Alice schüttelte den Kopf. »Du hast nicht viel verpasst.« Sie blickte sich auf dem nassen, leeren Marktplatz um und strich sich mit dem Handrücken das Haar aus dem Gesicht. »Ein Typ hat eine Tasche gekauft, eine von den graubraunen zum Umhängen. Der Blödmann wollte mir irgendwelchen Müll erzählen, dass er so eine gerade erst bei dir gekauft hätte und der Träger gerissen sei. Der wollte, dass ich ihm eine umsonst gebe. Von wegen! Ein schräger Typ mit komischen Augen.«

Maggie dachte nach wie vor an Geoffrey. »Mistkerl.«

»Was?«

»Nichts.« Geoffrey hatte sie verunsichert, aber sie ließ sich nicht einschüchtern. Sie wusste, warum Geoffrey es auf sie abgesehen hatte. Maggies Stand lag richtig gut, auf der Ecke gegenüber dem Bahnhof.

Als die Wintersonne durch die Wolken brach, lächelte Maggie. Von jetzt an würde sie dafür sorgen, dass sie früh genug hier war, um da zu parken, wo sie es wollte. Sollte Geoffrey doch seinen Wagen auf der anderen Seite abstellen. »Geschieht ihm recht«, sagte sie. »Dämlicher Idiot. Er denkt, dass er mich bescheißen kann, bloß, weil ich nicht da war. Dem werde ich’s zeigen.«

»Genau«, pflichtete Alice ihr bei. »Aber keine Sorge. Ich habe ihm den vollen Preis abgeknöpft.«

6
Brenda

Es war dunkel, als Brenda aufwachte. Sie wusste nicht, wie spät es war. Von der Straßenlaterne fiel fahles Licht ins Zimmer. Obwohl der Fernseher ausgeschaltet war, starrte Brenda eine Weile auf den Bildschirm. In der Stille machte das Haus seltsame Geräusche. Steif stemmte sich Brenda aus dem Sessel und ging leise nach oben. Cal mochte es nicht, wenn sie ihn weckte.

Sie schlich ins Schlafzimmer. Das Bett war leer. Sicherheitshalber tastete sie die Decken ab. Wenn sie ihn weckte, würde er wütend werden, aber wenigstens wäre sie dann nicht allein mit den Geräuschen und der Dunkelheit.

Er war nicht da. Brenda schaltete das Licht an. Die nackte Glühbirne warf bizarre Schatten ins Zimmer. Aus dem Spiegel glotzte Brenda ihr Gesicht entgegen, weiß und etwas verschwommen. Sie kramte nach einer Zigarette. Sie brauchte mehrere Anläufe, um das Streichholz anzuzünden. Als Brenda endlich inhalierte, zitterte sie.

Die Tür zu Rays Schlafzimmer knarrte. Brenda spähte hinein. Auch sein Bett war leer. Sie ging ein paar Schritte ins Zimmer und ließ Asche auf das Kissen fallen. Geschah ihm recht. Bevor Ray bei ihnen einzog, hatte Cal immer Brenda mitgenommen. Jetzt hieß es nur noch Ray, Ray, Ray. Hektisch zog sie an der Zigarette und tippte noch mehr Asche auf Rays Kissen. Hoffentlich erstickte er daran.

Ein stechender Schmerz jagte ihr durch den Kopf. Ihre Beine zitterten, und ihr Herz raste. Sie war allein im Haus und hörte Schritte die Treppe heraufkommen. Stocksteif stand sie da und wagte nicht zu atmen. Alles war still.

»Blöd«, hauchte sie. Wenn sie zeigte, dass es ihr egal war, würden die Schritte verschwinden.

Cal hätte sie ausgelacht. »Hier ist nichts«, würde er sagen. Brenda wartete. Für Cal war das alles kein Problem, aber wenn man allein im Haus war, konnte man gar nicht vorsichtig genug sein. Alles Mögliche konnte passieren. Die kamen durch die Wände rein.

»Hau ab!«, rief sie plötzlich und erschreckte sich selbst. »Ich habe keinen Schiss!« Sie wusste, dass sie log. Ihr tat alles weh, und sie ging zurück nach unten. Cal und Ray waren zu einem Job unterwegs. Hoffentlich war Cal nicht wieder wütend, wenn er zurückkam.

Brenda zitterte, wenn sie nur an seinen Zorn dachte. Doch wenn er wütend auf Ray war, war das gut. Sie lächelte matt.

Sie drückte sich in die Sicherheit ihres Sessels und kniff die Augen zusammen, während sie sich umsah. Eine Haarsträhne hing ihr ins Gesicht und rieb auf ihrem Auge. Doch das war es nicht, was sie zusammenzucken ließ. Etwas lauerte im Schatten. Eine Stimme wimmerte in der Nähe.

Brenda stand wieder auf und humpelte zu Cals Platz, um sich die Streichhölzer zu nehmen. Einen Moment später schoss eine Flamme zwischen ihren Fingern hoch. Sie rang um die Kontrolle über ihren Körper. Ihre Beine knickten immer wieder ein, was es schwierig machte, den Joint anzustecken. Schließlich lehnte sie sich auf ihrem Sessel nach hinten und beobachtete, wie weißer Rauch aus ihrer Nase aufstieg.

Es brachte nichts. Dope konnte den Schmerz lindern, aber es half nicht gegen das Zittern. Ihr war schlecht, also setzte sie sich in ihrem Sessel auf. Wenn sie kotzte, zwang Cal sie, den Teppich zu schrubben, bis sie von dem Gestank des Reinigers wieder kotzen musste. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, wann sie nur würgen musste.

Die Sucht zerrte an ihren Eingeweiden, aber Cal war weg. Er ließ nie etwas im Haus. Angeblich, weil er ihr nicht trauen konnte. Wütend drückte sie den Joint auf der Sessellehne aus und sah zu, wie er ein riesiges Loch in den Stoff brannte. Glühende Fäden verblassten zu Grau.

Mit einem leisen Zischeln erlosch die Glühbirne über ihr. Das Wimmern setzte erneut ein.

»Ich weiß, dass du da bist«, flüsterte sie. Ihr Blick huschte in die Zimmerecken. Etwas regte sich in der Dunkelheit.

Cal nahm ihre nächtliche Angst nicht ernst. »Hier ist nichts«, würde er sagen und demonstrativ mit dem Fuß in die Ecke treten. »Das war’s mit deiner Schlange. Ich habe sie zerquetscht. Plattgemacht.« Dann würde er den Kopf in den Nacken werfen und lachen. Cal machte nichts Angst. Aber er war weg, und sie saß allein im Dunkeln.

»Er kommt bald wieder«, flüsterte sie und starrte erbost in die Finsternis. Ihre Stimme kippelte. In der Ecke zischte die Schlange. Brenda wimmerte. Sie steckte sich eine Zigarette an und zwang sich, an Cal zu denken.

Er hatte sich mal wieder beklagt. »Wärst du nicht, würde es uns glänzend gehen. Als hätte ich nicht schon genug an der Backe mit der fälligen Miete und dem beknackten Fernseher, den du dauernd laufen lässt. Aber nie bist du zufrieden.« Sein Gesicht war rot und verschwitzt gewesen. Brenda hatte zitternd alles über sich ergehen lassen und abgewartet. Aber schließlich hatte er das Heroin rausgeholt, und alles war gut gewesen. »Du hast Glück«, hatte er zu ihr gesagt, während sie sich ein Blutrinnsal vom Kinn gewischt hatte. »Du kannst nicht sagen, dass ich nicht für dich sorge.« Brenda hatte nur genickt, weil sie viel zu high zum Sprechen gewesen war.

Sie zitterte. Salzige Tränen brannten auf ihrer aufgeplatzten Lippe. »Arschloch«, murmelte sie. Nie würde sie wagen, das direkt zu ihm zu sagen. Wenn er ihr doch nur einen Schuss dagelassen hätte. »Ist ja wohl nicht zu viel verlangt«, wimmerte sie. Nun fing sie richtig zu weinen an. Solange sie weinte, war sie sicher vor den Stimmen. Ihre Augen brannten. Sie fühlten sich an, als würden sie platzen, aber Brenda konnte nicht aufhören zu weinen. »Lass mich schlafen«, flehte sie in die Stille hinein. »Ich will schlafen.« Ihre Augen waren wund. Sie taten weh, wenn Brenda sie zumachte. Zitternd umklammerte sie ihre Zigarette, lehnte sich auf dem Sessel nach hinten und inhalierte tief. Sie wusste nicht, wann Cal wieder zurückkam.

Cal sorgte für sie. Brenda drückte sich gegen die Rückenlehne des Sessels und hielt sich ein Kissen vor die Brust. Cal gab den harten Kerl, doch Brenda kannte ihn besser. So tough war er nicht. Im Grunde war er nicht schlimmer als alle anderen Kerle, besser sogar, weil er auf sie aufpasste.

»Wenn ich nicht wäre, wo wärst du jetzt?«, pflegte er sie zu fragen. »Wie würdest du leben? Und wo? Auf der Straße, ja, genau da.«

»Ja, Cal.«

»Wo wärst du?«

»Auf der Straße, Cal.«

»Bronxy hatte genug von dir.«

»Ja, Cal.«

»Aber ich sorge für dich.«

»Ja, Cal, du sorgst für mich.«

Zuerst war Brenda froh gewesen, für Bronxy zu arbeiten. Bronxy war hart zu den Mädchen, aber fair. Und Brenda kümmerte sich um sie.

»Wir sind ein Team, Mädchen«, hatte sie früher immer gesagt. »Ich sorge dafür, dass die Freier es bequem haben, aber ihr seid die, die sie glücklich machen.« Das Problem war, dass Brenda die Männer nicht mehr glücklich machte. Sie hatte noch getanzt, doch keiner der Kunden wollte für Zeit mit ihr bezahlen. Nicht, dass sie zu alt war. Als Bronxy sie von der Bühne geholt hatte, war Brenda geschockt gewesen.

»Was soll ich denn jetzt machen, um Trinkgeld zu kriegen?«, hatte sie sich bei den anderen Mädchen beschwert. Ihnen war es gleich.

»Umso mehr gibt es für uns«, hatte eine sogar gesagt.

»Was soll ich machen?«, hatte sie Bronxy verzweifelt gefragt.

»Mach dich mal sauber, verdammte Scheiße«, hatte Bronxy sie angefahren. »Du siehst furchtbar aus.«

Als Cal sie bei sich aufnahm, konnte Brenda ihr Glück nicht fassen.

Bronxy schien damit auch zufrieden zu sein. »Der gibt dir ein Dach über dem Kopf und kümmert sich um dich. Versau das ja nicht, Bren. Und komm endlich von den Spritzen runter, verdammt, bevor er dich satthat. Du kriegst hier eine Chance. Verkack das nicht.«

Brenda versuchte zu erklären, dass das Heroin nicht das Problem war, aber Bronxy hörte ihr nicht zu. Keiner verstand es, außer Cal. Sie fragte sich, wo er war. Möglicherweise war er noch stundenlang weg. Sie schloss die Augen.

In der Dunkelheit streckte eine zischende Schlange den Kopf vor.

7
Zweiter Versuch

Sie warteten, bis die Straße frei war. Cal schaltete die Scheinwerfer des Vans aus und achtete darauf, möglichst wenig Gas zu geben, während sie langsam den Harchester Hill hinaufkrochen. Oben parkte er in einer Seitenstraße. Keiner sah, wie sie zu Fuß an Häusern vorbeihuschten, die zum Gehweg hin durch hohe Büsche abgeschirmt waren. Wortlos verschwand Cal durch eine Lücke in einer Hecke. Ray folgte ihm dicht auf den Fersen. Sie schlichen im Schutz der hohen immergrünen Sträucher zum Haus. Irgendwo bellte ein Hund. Cal blieb stehen und hob eine Hand. Ray wäre fast in ihn hineingelaufen, konnte sich aber gerade noch bremsen und duckte sich, während er wartete, dass Cal weiterging. Sie horchten. Der Hund kläffte weiter, aber nicht in ihrer Nähe. Cal tippte Ray auf den Arm. Sie schlichen vorsichtig weiter. Lautlos bewegten sie sich am Rand des Vorgartens entlang und zertraten späte Herbstblumen.

»Schnell, renn los«, flüsterte Cal in Rays Ohr.

Sie sprinteten über einen schmalen Grasstreifen. Sicherheitsstrahler gingen an. Beim Haus drückten sie sich flach gegen die Mauer.

»Die werden denken, dass das Füchse waren«, flüsterte Cal.

Ray nickte, zog den Kopf ein und hielt den Atem an. Sein Herz pochte wild unter der Jacke. Er hoffte, dass Cal es nicht hörte.

Sie warteten. Sobald die Strahler wieder ausgingen, stieß Cal Ray an und half ihm über die Seitenpforte. Ray schob den Riegel beiseite. Sie waren drinnen. Die Sicherheitsstrahler gingen wieder an. Keiner, der aus dem Fenster sah, hätte die beiden Gestalten bemerkt, die sich im Schatten der Pforte flach gegen die Seitenmauer drückten. Nach einem Moment erloschen die Lichter wieder. Cal und Ray bewegten sich an der Mauer entlang und vermieden es, die Bewegungsmelder zu aktivieren. So erreichten sie ein niedriges Fenster.

Ray blickte sich nervös um, während Cal arbeitete. Es war umständlich, Glas zu schneiden, während man sich dicht an die Mauer presste. Das leise Schaben schien ewig zu dauern. Irgendwann rückte Ray näher und legte seine Hand aufs Glas.

Cal unterbrach seine Arbeit. »Was ist?«, fauchte er.

»Ich dachte, ich hätte ein Telefonklingeln gehört.« Sie lauschten. Aus dem Haus war kein Laut zu hören. Cal zuckte mit den Schultern und machte leise murmelnd weiter.

»Es dauert zu lange«, flüsterte Ray. Die Sicherheitsstrahler beunruhigten ihn.

»Fast fertig«, sagte Cal. Er drückte fester gegen das Glas, und das ausgeschnittene Kreisstück brach mit einem schwachen Knacken weg. Cal streckte den Arm nach innen und öffnete den Fensterriegel.

Cal und Ray waren in einer großen Küche. An der Wand rechts von ihnen befanden sich blitzsaubere weiße Einbauschränke, in der Ecke ein Ofen mit funkelnder Glasfront und in der Mitte eine Kochinsel mit einem Edelstahl-Gaskochfeld. Gegenüber vom Fenster führte eine offene Tür in den Essbereich, von dem im schwachen Licht nur vage ein Tisch und Stühle auszumachen waren. Links von ihnen führte eine Hintertür in den Garten.

Cal durchquerte den Raum und schloss die Tür zum Esszimmer. Dann testete er die Hintertür. Sie war abgeschlossen. Ray legte seinen Beutel auf das Kochfeld und wartete, während Cal das Schloss knackte, die Augen leicht zusammengekniffen vor Konzentration. Man hörte ein Klicken, als er den Türknauf drehte und dieser nachgab. Grinsend richtete Cal sich auf. »Komm, sehen wir mal, was wir finden.«

Nachdem sie sich den Fluchtweg gesichert hatten, waren sie bereit, das Haus zu erkunden. Ray griff nach seiner Tasche, und Cal ging wieder quer durch die Küche. Er öffnete die Esszimmertür.

Und hörte Schritte.

Er schloss die Tür wieder.

Im Licht seiner Taschenlampe sah Ray Cals Augen, weiß und wütend. »Was jetzt?«, flüsterte Ray heiser.

»Weg hier!«

Rays Beutel hatte sich irgendwo verhakt. Er war leer, aber Ray würde ihn nicht wieder zurücklassen. Er riss kräftig daran und bekam den Beutel frei. Man hörte ein leises Klicken und ein Zischen. Cal war verschwunden. Ray rannte ihm hinterher, schloss die Tür hinter sich und floh in die Nacht. Sie liefen den Seitengang entlang, ohne auf die Sicherheitsstrahler zu achten. Cal zwängte sich durch die Hecke zur benachbarten Auffahrt und sprintete die Straße hinunter.

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