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So nah der Tod

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel
  29. 23. Kapitel
  30. 24. Kapitel
  31. 25. Kapitel
  32. 26. Kapitel
  33. 27. Kapitel
  34. 28. Kapitel
  35. 29. Kapitel
  36. 30. Kapitel
  37. 31. Kapitel
  38. 32. Kapitel
  39. 33. Kapitel
  40. 34. Kapitel
  41. 35. Kapitel
  42. 36. Kapitel
  43. 37. Kapitel
  44. 38. Kapitel
  45. 39. Kapitel
  46. 40. Kapitel
  47. 41. Kapitel
  48. 42. Kapitel
  49. 43. Kapitel
  50. 44. Kapitel
  51. 45. Kapitel
  52. 46. Kapitel
  53. 47. Kapitel
  54. 48. Kapitel
  55. 49. Kapitel
  56. 50. Kapitel
  57. 51. Kapitel
  58. 52. Kapitel
  59. 53. Kapitel
  60. 54. Kapitel
  61. Epilog

Über dieses Buch

»Bye Mama« formen die kleinen blutigen Handabdrücke auf der Tapete. Neben dem leeren Bettchen liegt ein Brief des Entführers mit einem Rätsel – wird dieses nicht rechtzeitig gelöst, stirbt Annikas Tochter! Panisch ruft Annika ihren besten Freund Sebastian zu Hilfe. Zur gleichen Zeit findet Hauptkommissar Eric Weinsheim unter einer grausam verstümmelten Frauenleiche Sebastians Bibliotheksausweis. Als Weinsheim erfährt, dass sein Tatverdächtiger gerade eine Kindesentführung gemeldet hat, ahnt er, dass die Fälle zusammenhängen …

Über die Autorin

Thea Falken ist das Pseudonym der deutschen Autorin Astrid Freese. Die Autorin wurde 1969 in Sachsen geboren. Nach Lehre, Studium der Betriebswirtschaft und Familienzuwachs arbeitete sie als Datenerfasserin und schrieb für ihre Tochter zahlreiche Kurzgeschichten. Die erste Veröffentlichung ließ nicht lange auf sich warten. Mittlerweile hat sie über ein Dutzend Romane in den Bereichen Romance und Fantasy veröffentlicht. So nah der Tod ist ihr erster Thriller.

Astrid Freese ist Mitglied der Autorenvereinigung DeLiA. Sie lebt zusammen mit ihrem Lebensgefährten in einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt. Mehr zu Astrid Freese und ihren Romanen finden Sie auf der Website der Autorin unter: www.astridfreese.de

THEA FALKEN

SO NAH
DER TOD

THRILLER

Prolog

Als meine Mutter starb, spielte ich mit unserem Nachbarsjungen im Garten Verstecken. Vergnügt und ohne einen Gedanken an die Brutalität, die sich Leben nennt.

Ich fluchte im Stillen, als das Klingeln des Telefons aus dem offenen Küchenfenster über den vertrockneten Rasen bis zu meinem Versteck hinter dem Schuppen hallte. Normalerweise bewegte sich Jacob so laut wie ein Elefant, der durch den Dschungel rannte. Aber diesmal drang nur das Klingeln an meine Ohren und schien nicht aufhören zu wollen.

Immer tiefer duckte ich mich in die Äste des Brombeerstrauchs, die mir meine nackten Arme und Beine zerkratzten. Kurz dachte ich an den Schmerz, der am Abend unter der Dusche zuschlagen würde. Doch da wusste ich noch nicht, dass das Schicksal etwas ganz anderes für mich vorgesehen hatte. Einen Schmerz, den ich niemals vergessen sollte.

»Hab dich«, rief Jacob, als das Klingeln endlich verstummte und ich die Stimme meines Vaters hörte, der den Anruf entgegennahm. Noch mehr Dornen zerkratzten meine Arme, als ich aus meinem Versteck kroch. Grummelnd, denn ich hatte unser Spiel noch nie verloren. Entsprechend frustriert sah ich in Jacobs pausbäckiges, mit Sommersprossen übersätes Gesicht. Während er grinste wie ein Honigkuchenpferd, war alles, woran ich denken konnte, ein besseres Versteck, wo er mich nicht finden würde.

Was hätte ich dafür gegeben, wenn meine Welt in dem Moment aufgehört hätte, sich zu drehen. Wenn die Zeit in dieser Sekunde für Jacob und mich eingefroren wäre. Dann hätte ich diesen gutmütigen Jungen in den nächsten Jahren auch weiterhin ansehen können, ohne gleich in Tränen auszubrechen.

Eine Stunde später sperrte mich mein Vater auf den Dachboden, der im Sommer einem Hochofen glich. Wie vieles andere an diesem Tag brannten sich seine Worte in mein Gehirn wie ein glühendes Eisen.

»Was ist denn los?«, fragte ich verängstigt, als er mich die Stiege hinaufzerrte. Seitdem Mama und ich bei ihm wohnten, war er oft wütend gewesen. Für mich war es besser, ihm in solchen Situationen aus dem Weg zu gehen. Aber diesmal gab es kein Entkommen.

»Halt’s Maul, elender Bengel! Deine Mutter, diese verfluchte Schlampe, hat sich vom Acker gemacht«, zischte er und schubste mich in die Dachkammer. »Und zum Dank dafür, dass ich sie geheiratet hab, hat sie mir dieses beschissene Kuckuckskind untergejubelt.«

Vergeblich suchte ich auf dem Dachboden nach dem Kuckuck. In diese Hölle aus Hitze und Staub verirrte sich nichts, nicht mal eine lästige Fliege. Stattdessen fand ich unzählige Kisten, die voll mit den Büchern meiner Mutter waren. Es waren nicht viele Romane, denen ich mit neun Jahren etwas abgewinnen konnte. Aber nachdem ich vom Flehen, mein Vater möge mich doch herauslassen, heiser war, kroch ich mit »Robinson Crusoe« neben das runde Fenster und las. Dabei tropften meine Tränen auf das Papier, das geduldig und stumm meinen Kummer aufsog.

Die Sonne war längst untergegangen, als mein Vater zurückkam. Er schloss den Riegel auf, den ich nie zuvor an der Tür zur Dachkammer gesehen hatte, und befahl mir, in der Ecke zu bleiben, in der ich saß. Seine Worte glitten wie das Flüstern des lauen Abendwindes an mir vorbei. Nach den einsamen Stunden, die ich mit meinem quälenden Durst, meinem Hunger und »Robinson Crusoe« allein verbringen musste, wollte ich einfach nur kaltes Wasser auf der Zunge und seine beruhigenden Arme um mich spüren.

Dass er nicht meine Mutter war und ich ihre sanften Umarmungen niemals wieder spüren würde, begriff ich in dieser ersten Nacht, die ich blutend in einer Ecke lag, noch nicht. Das Verstehen kam erst, als der Dachboden zu meiner Heimat wurde.

Stück für Stück löschte mein Vater mit seinen Schlägen die Erinnerungen an meine Mutter aus. Nur Fragmente blieben mir. Ihr Lächeln, wenn sie mit einem Buch am Abend in ihrem Sessel saß. Oder ihr entrückter Gesichtsausdruck, wenn sie mir vorlas.

Diese Bruchstücke wurden zu meinen Freunden, als ich dringend Freunde brauchte. Jacob, der in der Schule neben mir saß, konnte ich nicht mehr ansehen. War meine Mutter doch an einer Krankheit gestorben, die einen Teil seines Namens trug. Sein fröhliches Gesicht und seine leuchtend blauen Augen passten nicht länger zu meinem Leben, in dem Lachen keine Berechtigung mehr hatte.

Ich konnte nicht verstehen, wer etwas so Bösem, das mein Leben für immer zerstörte, einen derart harmlos klingenden Namen wie Creutzfeldt-Jacob gegeben hatte. Ich begriff nur, wenn mein Vater seinen braunen Ledergürtel auf meinen Rücken krachen ließ, dass ich allein auf dieser großen weiten Welt war. Allein mit diesem Mann, der mit mir tun und lassen konnte, was er wollte.

Heute, Jahrzehnte später, stand ich, wie so oft, vor dem Badspiegel und verzog den Mund zu einem Lächeln, das dem meiner Mutter ähneln sollte. Es war eher eine groteske Imitation, und doch konnte ich nicht damit aufhören, ihr Lächeln nachzuahmen. Weil ich dann diesen einen Erinnerungssplitter an sie nicht vergaß und das Gefühl hatte, ihr nahe zu sein. So nah, dass ich eine Verbindung zu den wenigen Fetzen meines früheren Lebens herstellen konnte, um sie in das Fotoalbum zu pinnen, das ich nie besessen hatte.

Früher einmal tröstete mich der Gedanke, dass meine Mutter ein Album für mich angelegt hatte. Um sich mit mir an jene Augenblicke zu erinnern, in denen wir auf Fehmarn glücklich gewesen waren. Aber falls dieses Fotoalbum jemals existierte, dann hatte es mein Vater verbrannt. Wie alles andere, was ihr gehörte.

Ich wandte den Blick vom Spiegel ab und trat ans Fenster. Der warme Augustwind war erfüllt vom Duft unzähliger Rosen, von in glühende Holzkohle tropfendem Fleischfett und dem Chlor der umliegenden Pools. Musik hallte die schmale Straße hinab, auf der zwei Mädchen Federball spielten.

Ich lehnte mich an den Fensterrahmen und dachte an sie. Wie jeden Nachmittag, wenn die Sonne schien, war sie bestimmt mit ihrer Tochter im Garten. Ich stellte mir vor, wie sie sich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr strich und ihrer kleinen Tochter eine Trinklerntasse an die Lippen hielt. Die Kleine patschte in meinen Gedanken jauchzend ihre Hände auf die Tischplatte, wo ein rosa Schmusetuch lag. Und ich … ich erstarrte.

Eine Idee raste mir durch den Kopf. Eine so einfache Idee, dass ich mich fragte, wieso ich nicht schon früher darauf gekommen war.

Ein befreites Lachen schlüpfte über meine Lippen, denn endlich war mein Plan komplett. Freude durchflutete mich, und mein Körper reagierte auf diese Emotion mit der einzigen Art, die ihm nach den Jahren auf dem Dachboden geblieben war. Mein Schwanz erigierte. Ich schloss die Hand um ihn und dachte an meinen Plan.

Bald, Süße.

Bald gehört jeder einzelne deiner Gedanken mir.

1. Kapitel

Annika Ritter

10. August, 23:10 Uhr

»Komm, lass uns einfach von hier verschwinden«, flüsterte Stefan in mein Ohr. Er trat hinter mich, zog mich an seine Brust und schloss die Arme um mich. »Jetzt gleich.«

»Das geht doch nicht«, widersprach ich halbherzig. »Wir haben das Haus voller Gäste.«

»Die super ohne uns klarkommen. Frank, Hendrik und Jonas haben vor zwei Stunden unsere Vorratskammer im Keller entdeckt. Glaub mir, es ist besser, wir tauchen unter und kommen erst in einem Monat zurück. Dann finden wir zwar nur noch leere Regale vor, aber die sind mir lieber als meine Verwandtschaft.«

Ich wusste, dass er das nicht so meinte, zumal Frank und Jonas unsere Nachbarn waren, ohne die wir wohl erst in zehn Jahren in unser Haus gezogen wären.

Die drei grinsten mir zu, als sie mir mit einer im Keller gefundenen Flasche Woodford Reserve Classic Malt zuprosteten.

Stefan stöhnte entsetzt, als sich unsere Nachbarn und Franks Schwager Hendrik den letzten Rest des knapp hundert Euro teuren Whiskys direkt aus der Flasche teilten. Brüderlich, obwohl sie nicht verschiedener hätten sein können.

Stefan hatte Frank den Spitznamen Teddybär verliehen, als sie sich das erste Mal begegneten. Denn über Franks Schmerbauch spannte sich sein weißes Oberhemd wie ein Segel bei Windstärke acht. Seine gutmütigen braunen Augen verschwanden beinah hinter einer dicken Hornbrille, und sein Doppelkinn zierte ein dunkler Kinnbart. Hendrik und Jonas hingegen wirkten, als wären sie als Sportler geboren worden. Groß, schlank, drahtig. Allerdings bestand der einzige Sport, den Jonas betrieb, darin, den Rasenmäher übers Grundstück zu schieben, wenn er Urlaub hatte. Hendrik hingegen hatte als Amateurboxer im Mittelgewicht bereits ein paar Pokale nach Hause geholt. Worauf er ebenso stolz war wie auf sein volles blondes Haar, weshalb er Jonas, dem vor drei Jahren die Hälfte seiner Haare ausgefallen war, wegen seines rasierten Glatzkopfes immer aufzog.

»Hoffentlich finden sie nicht die zweite Flasche«, ächzte Stefan.

Lachend hob ich den Kopf und sah über meine Schulter in seine grünen Augen, die vor Humor und Überschwang leuchteten. Was wohl an dem Sekt lag, den er getrunken hatte. Stefan trank kaum Alkohol, doch heute kam er nicht dazu, das Glas abzustellen. Bei mehr als fünfzig Leuten, die gratulieren wollten, erwies sich das als ebenso unmöglich, wie während der Rushhour in der Berliner U-Bahn einen Sitzplatz zu ergattern.

Irgendein Witzbold unter unseren Gästen hatte den DJ überredet, Ballermann-Musik aufzulegen. Jürgen Drews’ Stimme hallte zusammen mit hämmernden Bässen über den Rasen und brachte vermutlich noch meine Gläser in der Anbauwand zum Klirren. Innerhalb von Sekunden verwandelte sich unsere Terrasse in ein Meer aus lachenden Menschen, die ihre Hüften kreisen ließen. Meinem besten Freund Bastian gelang es mit einer galanten Verbeugung, unsere betagte Nachbarin auf die Tanzfläche zu führen. Ursula Leipolds Gehstöcke standen einsam und verwaist neben ihrem Stuhl, während ihre silbergrauen Locken im Takt der Musik auf und ab wippten. Ihr Gesicht, das sonst Ähnlichkeit mit einer Walnuss hatte, glättete sich, die Andeutung eines Lächelns schlich sich in ihre Mundwinkel und ließ sie zwanzig Jahre jünger aussehen.

Der DJ spielte am Lautstärkeregler. Die Bässe schwollen an und setzten sich wummernd durch den Boden fort. Nicht zum ersten Mal am heutigen Tag war ich froh, all unsere Nachbarn eingeladen zu haben. Wir wohnten in einer ruhigen kleinen Straße, wo man noch die Bürgersteige hochklappte (wenn wir denn welche hätten), sobald sich Fuchs und Elster gute Nacht wünschten.

Ich hatte eigentlich auf all das Weiß verzichten wollen. Die unschuldige Farbe, in die sich viele Bräute kleideten, ließ mich ebenso farblos und durchsichtig erscheinen wie eine Fensterscheibe. Weshalb mein Kleid genauso rot war wie Schneewittchens Wangen.

»Nur gut, dass ich auf dich gehört habe«, sinnierte ich mit Blick zu den Lichterketten, die sich um den Zaun, die Koniferen und die Äste unserer Kugel-Trompetenbäume wanden. Was zusammen mit den weißen Gerbera, den roten Rosen plus weißen Schleifen gar nicht übel aussah. »Meine geplanten Feuerschalen wären bei dieser hämmernden Musik bald eine nach der anderen umgekippt und hätten den Garten in ein Inferno verwandelt.«

Stefan lachte, und ich fragte mich nicht zum ersten Mal, wieso ausgerechnet ich diesen Jackpot gewonnen hatte. Diesen besten aller Haupttreffer, für den ich keinen einzigen Lottoschein ausgefüllt hatte. Schon in der ersten Minute, als wir uns im Institut für Bauingenieurwesen der TU Berlin, wo Bastian und Stefan Architektur studierten, kennenlernten, kreuzte ich in Gedanken Zahlen an, gab den Lottoschein jedoch nie ab. Weil es manchmal besser war, das Glück nicht herauszufordern.

»Das Inferno hätte bestimmt toll ausgesehen«, scherzte Stefan.

Ich stöhnte, musste mir dabei allerdings ein Grinsen verkneifen. »Die Feuerwehr hätte vermutlich nach dem ersten Brand gleich hierbleiben können.«

»Kein Problem. Satt wären sie allemal geworden, und zu trinken ist auch reichlich da.« Stefan drehte mich zu sich und legte meine Arme um seinen Nacken. Ich ließ die Finger in sein nachtschwarzes Haar gleiten, das er mir zuliebe etwas länger hatte wachsen lassen. Er war wohl die Ausnahme von der Regel – oder ich. Ein normaler Bräutigam ging vor der Hochzeit zum Friseur. Stefan hatte den Salon um die Ecke vor drei Wochen das letzte Mal betreten.

Meine Freundin Nadine fand seine schulterlangen Locken höchst peinlich und total unpassend für einen renommierten Architekten, der sich eins der hochkarätigsten Bauvorhaben Berlins unter den Nagel gerissen hatte. All das hatte sie mir mit einem Knurren ins Ohr geflüstert, während sie mir am Morgen den Schleier im Haar feststeckte. Sie war meine beste Freundin, meine Arbeitskollegin in der Schule, meine Trauzeugin und, wie Bastian, meine Familie. Weshalb ich auf jeglichen Kommentar verzichtet hatte. Ich grinste nur und dachte an den Augenblick, in dem ich Stefan endlich in unserem Haus die Treppe hinauf ins Schlafzimmer ziehen würde.

»Also«, murmelte er mit Blick auf unsere Terrasse, die durch all die darauf tanzenden Menschen so bunt wie ein Kindermalbuch aussah. »Die Gelegenheit ist günstig. Keiner wird bemerken, wenn wir uns ins Auto setzen und unsere Flitterwochen ein paar Minuten früher als geplant beginnen.«

»Wir können noch nicht gehen«, protestierte ich, jedoch mit einem lang anhaltenden Seufzen. »Wenn wir uns vor Mitternacht aus dem Staub machen, werden wir dafür büßen müssen.«

Stefan senkte seine Lippen auf meine Halsbeuge. »Jeder der anwesenden Männer wird es verstehen, dass ich nicht mehr bis Mitternacht warten will, um meine Frau für mich allein zu haben.«

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, was auf dem Rasen und mit meinen Pfennigabsätzen schwerer als erwartet war. Dass ich von seinem Kompliment rot wurde, konnte ich nicht verhindern. Eigentlich hätte ich mich in den vergangenen fünf Jahren daran gewöhnt haben müssen, dass Stefan nichts unversucht ließ, meinem ansonsten recht blassen Teint etwas Farbe zu verleihen. Mit meinen langen blonden Haaren und den blassblauen Augen war ich das Gegenteil von ihm. Er entsprach dem brillanten Farbbild, das mit einer hochauflösenden Nikon geschossen wurde. Ich dagegen war die Schwarz-Weiß-Aufnahme, die ein Hobbyfotograf mit einer Sechzigerjahre-Kamera knipste.

»Um die Männer mache ich mir auch keine Sorgen«, erwiderte ich. »Eher um die Frauen. Angeführt von Nadine, würde mich jede, die sich nach einem goldenen Ring am Finger sehnt, lynchen, wenn ich meinen Brautstrauß nicht werfe.«

»Hat das schon mal jemand nachge…«

Von irgendwo drang ein leises Weinen an meine Ohren. Ein Geräusch, das nicht in diese Nacht gehörte und nicht zu dem Lachen unserer Gäste passte, das sicher noch zwei Straßen weiter zu hören war.

Blinzelnd öffnete ich die Lider, die so schwer waren, als hätte ich noch keine zwei Stunden geschlafen. Ich wollte den Traum festhalten, der zu verwehen begann wie Papierschnipsel, die von einer Windböe durch die Luft getragen wurden. Ich schloss die Augen wieder und konzentrierte mich auf den Fetzen, der mit Stefans Lachen davonflog. Immer weiter und weiter entfernte er sich von mir. Wurde ausgelöscht, als würde ein überdimensionaler Radiergummi die Bilder aus meinem Kopf tilgen.

»Stefan?«, murmelte ich und tastete über das Bett. Noch immer hallte Jürgen Drews’ Stimme in meinen Ohren nach, dazwischen klirrten Gläser. Der DJ rief etwas, was ich nicht verstehen konnte, weil er scheinbar in einen gigantischen Staubsauger gesaugt wurde, der die letzten übrig gebliebenen Traumschnipsel aus meiner Erinnerung löschte.

Ich stöhnte, weil ich nicht aufwachen wollte. Nicht jetzt. Nicht in diesem schönen Augenblick. Dort war mein Leben. Nicht in der Realität, die sich ungewollt, aber beharrlich in mein Bewusstsein drängte.

Unter meinen Fingern spürte ich weder Satin noch ein Baumwolllaken. Ich musste auf der Tagesdecke eingeschlafen sein. Oder auf dem Sofa. Ich hob meine Lider und sah vor mir die cremeweißen Gardinen meines Schlafzimmers. Fahles Mondlicht vereinte sich mit dem Licht der Straßenlaterne gegenüber und tauchte den Raum in ein mystisches Kaleidoskop aus silber-goldenen Flecken und Schatten.

»Stefan?«, murmelte ich verschlafen und stützte mich auf den Ellbogen. Ordentlich bedeckte die salbeigrüne Tagesdecke, auf der ich lag, sein Kissen.

Eine Mauer aus Schmerz raste auf mich zu. Ich wollte mich abwenden, wollte zurück in meinen Traum fliehen, doch die Wirklichkeit kannte kein Erbarmen. Sie überfiel mich in jeder Sekunde, in der ich meine Träume loslassen musste.

»Nein«, flüsterte ich und krallte die Finger in Stefans Kissen, das nach neun Monaten längst nicht mehr nach meinem Mann roch. Die Bilder jenes Morgens, als er zum letzten Mal neben mir lag, sprangen wie ein Echo durch meinen Kopf. Sie waren immer da und erinnerten mich in jedem Augenblick daran, was ich verloren hatte.

Trauer umschloss mich wie ein Käfig, aus dem es kein Entkommen gab. Ich war darin gefangen, seit dieser feige Autofahrer meinem Mann die Vorfahrt genommen und nicht einmal den Notruf gewählt hatte, als Stefans Auto frontal in eine Kastanie krachte.

Schmerz verkrampfte meine Finger um die Tagesdecke. Ich spürte die weichen Fasern an meiner Haut und … etwas Feuchtes, Klebriges. Hatte ich Saft verschüttet, bevor ich eingeschlafen war? Ich durchforstete meine Erinnerungen, doch nur der Stapel Wäsche, den ich zusammengelegt hatte, tauchte darin auf.

Ich setzte mich auf und betrachtete die vom Mondlicht beschienene Tagesdecke, über die sich wellenförmig ein dunkler Strich zog, der dort nicht hingehörte. Ähnlichkeit mit einem verschütteten Getränk besaß er jedenfalls nicht. Als ich meine T-Shirts zusammengelegt hatte, war die Wellenlinie noch nicht da gewesen, da war ich mir sicher.

Ratlos knipste ich die Nachttischlampe an. Als ob eine Minisonne vor mir explodieren würde, stach das aufflammende, grelle Licht in meine Pupillen.

»Verdammt«, entfuhr es mir, während ich meine Augen abschirmte. Hatte ich die falsche Energiesparlampe eingedreht? Die Helligkeit brannte sich in meine Netzhaut, als würde eine Hundert-Watt-Glühbirne in der Fassung stecken.

Rasch drehte ich mich weg. Erleichterung durchströmte mich, als die künstliche Sonne und die flackernden Punkte vor meinen Augen verschwanden. Mein Blick klärte sich und erfasste einen Umriss auf der Tagesdecke. Als ob jemand mit einem gelben Farbstift den Ort markiert hätte, an dem eine Leiche gefunden worden war. Mit einem Unterschied: Derjenige hatte sich in der Farbe geirrt. Die Linie leuchtete blutrot.

»Quatsch«, murmelte ich und schüttelte den Kopf über diesen absurden Gedanken. Vermutlich war ich noch nicht richtig wach und stellte deshalb solche verrückten Theorien auf. Was ich vor mir sah, war garantiert keine Umrisslinie, sondern eine simple Falte in der Tagesdecke. Die entstanden war, als ich darauf geschlafen hatte.

Ich bückte mich, um die Decke glatt zu streichen, und fühlte erneut klebrige Feuchtigkeit unter meinen Fingern. Langsam dämmerte es mir, dass ich weder träumte noch Falten schuld an der merkwürdigen Linie waren.

Mit zusammengekniffenen Augen hob ich die Hand, sie war rot. Welcher Komiker hatte denn Farbe auf meinem Bett …?

Ich taumelte zurück, während mir ein metallisch süßer Geruch in die Nase stieg und mein Blick den Stapel weißer Oberhemden erfasste, der am Fußende auf dem Bett lag. Stefans Hemden, die ich vor einem halben Jahr säuberlich in Kisten auf dem Dachboden verpackt hatte.

Kaltes Entsetzen packte mich. Irgendjemand war in meinem Schlafzimmer gewesen. Und dieser jemand konnte nur …

»Oh mein Gott, Janina«, rief ich und fuhr herum. Im selben Moment hörte ich ihr Weinen. Leise, als ob ich sie mit meinem Ruf aus einem schönen Traum gerissen hätte. Oder als ob nicht nur eine Wand, sondern eine ganze Etage zwischen uns läge.

Wieso ist sie unten im Wohnzimmer?

Blödsinn! Mit ihren neun Monaten konnte sie zwar krabbeln und versuchte auch manchmal, sich an den Gitterstäben ihres Bettchens hochzuziehen, aber stehen konnte sie noch nicht, geschweige denn aus dem Bett klettern und die Treppe hinunterlaufen. Der Gedanke war also ebenso absurd wie der, dass Janina blutrote Farbe um mich verteilt haben könnte.

Ich erreichte den Flur, als unten ein gedämpfter Knall ertönte und das Schluchzen meiner Tochter abrupt abbrach.

»Janina!« Schlich da etwa irgendjemand durch mein Haus? Nein, unmöglich. Das war nur ein Fenster, das zugefallen war. Nichts weiter. Und doch konnte mich die reine Logik des Gedankens nicht beruhigen. Janina konnte nicht die blutrote Farbe um mich herum gemalt haben. Erst recht kam sie nicht auf den Dachboden, um die Hemden ihres Papas aus den Kisten zu holen.

Im Vorbeilaufen griff ich vom Sideboard, das im Flur zwischen Kinderzimmer und Schlafzimmer an der Wand stand, den schweren silbernen Kerzenständer. Nicht gerade die Pistole, die ich mir zum ersten Mal im Leben in meiner Hand wünschte. Aber besser als nichts.

Ich zwang mich, langsamer zu laufen, und hob den Kerzenständer über meinen Kopf. Auf keinen Fall durfte ich die Nerven verlieren. Weshalb ich mir immer wieder sagte, dass alles in Ordnung war: Meine Tochter lag in ihrem Bettchen und hatte aufgehört zu weinen, weil sie wie so oft von dem Sternenhimmel fasziniert war, der von ihrem Nachtlicht an die Decke projiziert wurde.

Und wenn nicht? Ich schloss meine Finger fester um den Kerzenständer. Dann würde ich mit jeder Faser meines Körpers meine Kleine beschützen. Was der Spaßvogel, der sich möglicherweise mein Haus für seine rabenschwarzen Scherze ausgesucht hatte, noch begreifen würde, bevor er zu Boden ging.

Denn alles, was mir geblieben war, lächelte ebenso herzergreifend wie ihr Papa. Janina war der Mittelpunkt meiner Welt. Und ich wollte sie gesund und munter – von mir aus auch verschlafen – in meinen Armen wiegen.

Jetzt!

Mit dem erhobenen Kerzenständer trat ich ins Kinderzimmer. Das Nachtlicht tauchte den Raum in ein sanftes Weißgold. Mein Blick erfasste sofort Janinas Bettchen.

Es war leer.

Auch sonst war niemand in dem Zimmer.

»Was …?« Meine Stimme versagte.

Über dem Bett waren kleine blutrote Handabdrücke auf der Tapete an der Wand. Nicht einer, auch nicht drei. Es waren viele, die zwei Worte bildeten:

Bye, Mama

Ich bekam keine Luft mehr und schwankte rückwärts, als würde ich auf einem Boot stehen, das gegen einen Orkan ankämpfte. Meinen Fingern fehlte unvermittelt die Kraft, den Kerzenständer zu halten. Mit einem dumpfen Geräusch krachte er auf den Teppich.

»Janina!« Erstickt schrie ich auf und schlang die Arme um meinen Oberkörper, durch den ein tobender Schmerz fuhr. Mein Brustkorb fühlte sich an, als würde er nicht mehr in meinen Körper passen. Als wäre er ebenso zu klein geworden wie ein Wollpullover, der in der Kochwäsche gelandet war.

Meine Beine knickten ein. Hilfe suchend tastete ich um mich und bekam die Türklinke zu fassen. Ich hielt mich an ihr fest und klammerte die Finger um sie. Alles schien stillzustehen. Die Zeit, die Welt um mich herum, nur meine Gedanken nicht. Sie rasten durch meinen Kopf wie die Lichter auf einer nächtlichen Autobahn.

»Janina!« Der Schrei quälte sich aus meiner Kehle. Zischend bekam ich endlich etwas Luft in die Lungen, woraufhin mich ein heftiges Schwindelgefühl erfasste. Mir wurde schlecht, Magensäure stieg meine Speiseröhre hinauf. Würgend versuchte ich, den bitteren Geschmack hinunterzuschlucken. Wieder und wieder, bis mein Hals nur noch aus Schmerz bestand.

Fühlte es sich so an, wenn man starb?

Die Frage stoppte meine wirbelnden Gedanken. Die Stille danach fühlte sich an, als würde ich wieder gegen eine Mauer prallen. Meine Kleine war verschwunden, und ich hing hier an dieser verdammten Türklinke.

Tu endlich was!

Die flüsternde Stimme in mir gab mir Kraft. Tränen rannen mir über die Wangen, als ich es schaffte, mich aufzurichten. Die Mattigkeit in meinen Beinen ließ mich nach vorn taumeln.

»Janina!« Ich brachte nur ein Krächzen zustande. Gleichzeitig liefen meine Gedanken Amok. Ich werde sie niemals wieder in meinen Armen halten. Niemals wieder ihr Lachen hören, wenn ich ihren Bauch kitzle.

Stopp! Abwehrend hob ich die Hände, um die blutigen Handabdrücke nicht mehr sehen zu müssen.

Tu was! Die leise Stimme hallte in mir nach. Anfänglich kaum hörbar, doch nun immer lauter. Du musst Janina suchen. Und anrufen!

Ich klammerte mich an dieses Mantra, das zu einem Singsang in mir wurde. Suchen und anrufen! Du musst suchen und anrufen!

Tränen rannen über mein Gesicht, während ich zurück in den Flur und zur Treppe schwankte. War Janinas Weinen doch von unten gekommen und abgebrochen, als die Haustür ins Schloss fiel? Zitternd fischte ich mein Handy aus der Jeans und stolperte die Stufen hinab. Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Alles um mich wirkte wie ein Wasserfarbenbild, das in eine Pfütze gefallen war.

Ich aktivierte mein Smartphone, wählte eine Nummer aus dem Kurzwahlspeicher und rannte auf die Haustür zu. Als es in meinem Ohr klingelte, drückte ich die Klinke herunter – aber nichts passierte. Die Tür war noch immer so verschlossen wie am Abend, als ich den Schlüssel umgedreht hatte. Ich schloss auf, stolperte die fünf Stufen hinab und hastete zum Gartentürchen. Mondlicht vereint mit dem Schein der Straßenlaternen beleuchtete die schmale Fahrbahn vor unserem Haus. Ein paar Meter von mir entfernt huschte eine Katze über die menschenleere Straße.

Ein Knacken erklang im Handy, dann hörte ich eine vertraute Stimme. »Annika, was ist los?«, fragte Bastian verschlafen.

»Janina, sie …« Erstickt schluchzte ich auf. Träumte ich noch? Ein Albtraum? Ja, das musste es sein! Schließlich war die Haustür verschlossen gewesen. Ich wollte mich zwicken, um mich zu vergewissern, dass ich nicht schlief, als sich die blutroten Handabdrücke aus meiner Erinnerung schälten und ich würgen musste. »Janina ist nicht mehr in ihrem Bettchen!« Nach vorn gebeugt würgte ich ein zweites Mal und schmeckte Galle.

»Was?«, fragte Bastian, und ich hörte ein Knarren, als wäre er aus dem Bett gesprungen.

Ich blinzelte, um das Haus besser mustern zu können. Mein Blick flog zur Garage, aber auch zu den Fenstern unter dem dunkelblauen Dach. Alles war, wie es sein sollte. Verschlossen. Und doch …

»Sie ist weg.« Keuchend schwankte ich zurück ins Haus, in den Flur. Ich musste sie finden. Sicher gab es für all das eine logische Erklärung. Mir fiel zwar keine ein, aber …

»Was heißt weg?«, fragte Bastian. »Sie kann doch nicht einfach verschwinden.«

»Sie ist weg! Meine Kleine ist …« Ich konnte nicht mehr weitersprechen. Den Gedanken nicht aussprechen, der wie ein Pingpongball durch mein Hirn raste. Weil ich ihn nicht zulassen durfte. Keine einzige Sekunde lang.

Klappernd landete mein Smartphone auf den Fliesen und rutschte in eine Ecke. Ich hörte Bastian etwas rufen, während ich ins Wohnzimmer lief. Mit zitternden Händen betätigte ich den Lichtschalter. Helligkeit flammte auf und gab den Blick auf eine unversehrte Terrassentür preis.

Niemand war im Haus, schoss es mir durch den Kopf. Die Beweise hatte ich vor mir.

Und doch wollte sich keine Erleichterung einstellen. Ich drehte mich im Kreis und versuchte, meine nächsten Schritte zu überlegen. Ich sollte mein Telefon nehmen und die Polizei rufen. Aber kaum tauchte die Idee auf, verflüchtigte sie sich wieder. Weil ich nur träumte. Nichts im Haus deutete auf einen Einbruch hin. Oder?

Ich schwankte zurück in den Flur und die Treppe hinauf. Meine Bewegungen waren schnell und irgendwie manisch. Wieder und wieder rutschte einer meiner Füße von einer Stufe ab, und doch konnte ich nicht langsamer laufen. Hoffnung festigte schließlich meine Schritte. Das alles war nicht passiert. Nur in meinem Traum, aber nicht real. Meine amoklaufenden Gedanken hatten mir ein Trugbild vorgegaukelt. Das war alles.

Erneut stand ich vor dem Kinderzimmer und holte tief Luft. Unter meiner Tochter konnte sich schließlich keine Erdspalte aufgetan und sie verschluckt haben. Erfüllt vom Vertrauen in diesen Gedanken, betrat ich den Raum und erstarrte.

Das Bettchen war leer.

»Oh mein Gott!« Ich träumte nicht. Ich war so wach wie mittags um zwölf. Aber wo war meine Kleine?

»Mama wird dich finden«, keuchte ich und drehte mich um. »In einer Minute liegst du in meinen Armen, mein Schatz.« Ich wusste das. Weil es nicht anders sein durfte.

Weil ich sonst wahnsinnig vor Angst um Janina werden würde.

Sie war doch mein Engel. Das Ebenbild ihres Papas. »Ich komme, Süße«, rief ich mit fester Stimme und lief in den Flur, um sie zu suchen. »Gleich habe ich dich gefunden, und dann bekommst du einen dicken Schmatzer von deiner Mama, das verspreche ich dir.«

2. Kapitel

Eric Weinsheim

10. August, 23:18 Uhr

»Es tut mir leid«, sagte ich, drückte mein Handy fester ans Ohr und stieg aus dem Wagen. Das Haus in der Rossinistraße, vor dem ich parkte, war ein Neubau mit Eigentumswohnungen, die meine Gehaltsklasse deutlich überstiegen. Fast alle Wohnungen waren hell erleuchtet. Was an dem Blaulicht der Polizeifahrzeuge liegen konnte, die vor dem Haus standen.

Früher wehte ein Geruch von Gummi und Leder durch die Straßen des Komponistenviertels. Heute befanden sich hier statt der alten Fabrikgebäude schicke Wohnkomplexe und begrünte Hofgärten.

»Kathrin?«, fragte ich, nahm mein iPhone in die rechte Hand, legte es ans Ohr und wartete weitere fünf Sekunden, ob sie etwas erwiderte. Doch sie schwieg. Mit Absicht, wie ich vermutete. Das war ihre Art, mir mitzuteilen, dass sie mit diesem nächtlichen Einsatz nicht einverstanden war. Damit, dass ich mich vom Kommissariatsleiter hatte überreden lassen, meinen Namen auf die Bereitschaftsliste setzen zu lassen. Was für Kathrin einer geistigen Umnachtung gleichkam, war für Eisfeld in der Urlaubszeit selbstverständlich.

»Ich mach es wieder gut«, versprach ich. Aber es waren fade Worte, die mir unangenehm unter die Haut krochen. Genau wie ihr beharrliches Schweigen. Ich konnte nicht gut Alleinunterhalter am Handy spielen. Nicht wenn Kathrin am anderen Ende des Hörers war. Früher einmal hatte ich sie zum Lachen gebracht. All ihre Geheimnisse waren auch meine gewesen. Diese neue Sprachlosigkeit zwischen uns, war genauso unerträglich wie das Scheidungsurteil, das ich in irgendeine Schublade meiner Küche verbannt hatte.

»Bist du noch da?« Ich lehnte mich an meinen Dienstwagen. Regenwolken verdeckten nicht nur den Blick auf die Sterne, sondern auch auf die Perseiden. Doch der Höhepunkt der funkelnden Sternschnuppen wurde ohnehin für die kommenden beiden Nächte erwartet.

Die Berliner Allee, die sich unweit von mir befand, dämmerte in ihrem kurzen nächtlichen Schlaf, bevor in wenigen Stunden der Berufsverkehr einsetzen würde.

»Kannst du Nele sagen, dass ich es wiedergutmache?«, fragte ich Kathrin, die ich leise atmen hörte.

Neles Reisetasche stand neben meiner im Flur bei mir zu Hause. Fertig gepackt. Seit zwei Tagen. In zehn Stunden sollte es losgehen. Unser erster gemeinsamer Urlaub nach der Scheidung. Nur Vater und Tochter, zusammen mit einem großen Sammelsurium an Wasserbällen, aufblasbaren Schwimmtieren, Tauchsets, Förmchen und bunten Steinen, die unseren Sandburgen den letzten Pfiff verleihen sollten. In dieser einen Woche im Sommer, die meine Tochter und ich seit Monaten akribisch planten, hatten wir uns vorgenommen, die größten Eisbecher zu essen, die wir am Wannsee finden konnten. Mord hatten wir nicht einkalkuliert.

Kathrin seufzte, klang dabei jedoch eher müde als wütend. »Nele schläft, ich rede morgen früh mit ihr.« Ich wartete darauf, dass sie mir Vorhaltungen machen würde. Darüber, wie sehr sich unsere Tochter auf morgen freute. Um dann den Sprung zu dem Tag zu schaffen, an dem ich beschlossen hatte, dass mir eine Uniform nicht genug war. Eine Woche später hatten wir uns kennengelernt. Mitten im Tiergarten, wo mich Kathrin mit ihrem Fahrrad fast umgefahren hätte. Knapp sechzehn Jahre danach zerstörte meine Entscheidung von damals unsere Ehe.

»Danke«, erwiderte ich und ging zur Haustür, die mir ein uniformierter Beamter aufhielt. Erst als er mich grüßte, erkannte ich Volker. Wir hatten zusammen die Polizeischule absolviert. Er blieb bei der Uniform, ich tauschte diese gegen eine Anzugjacke.

»Nele verzeiht dir alles, das weißt du doch.«

Im Gegensatz zu dir, wollte ich sagen, verkniff mir die Worte allerdings. Für einen Streit mit ihr fehlte mir die Zeit.

Während ich die Treppe hinaufstieg, sah ich Kathrin vor mir, wie sie vor fünfzehn Minuten in meine Wohnung geschneit war, um auf unsere Tochter aufzupassen. Ich hatte nicht damit gerechnet, sie jemals wieder in dieser Jeansshorts zu sehen, die sie an unserem letzten glücklichen Wochenende getragen hatte. Dazu hatte sie ein geblümtes himmelblaues Bikinioberteil an und grub ihre nackten, rot lackierten Zehen in den weichen Rügener Sand.

Man sollte meinen, dass Exfrauen nach der Scheidung geschlechtsneutral wurden, aus dem Beuteschema herausfielen. Doch Kathrin hatte noch nie irgendwo hineingepasst. Weder in eine Schublade noch in irgendwelche Kategorien. Womit sie das genaue Gegenteil von mir war. Ich war berechenbar. Einschätzbar. Ich war die Drei-Tage-Wettervorhersage, die fast immer zutraf. Sie war so unvorhersehbar wie ein neuer Tag, von dem man am Morgen noch nicht sagen konnte, was er bringen würde.

Unser Jeansshorts-Wochenende stand stellvertretend für diesen Berg, von dem ich geglaubt hatte, dass er nie in unserer Ehe auftauchen würde. Auf Rügen hatten wir den Gipfel erklommen und waren dem Himmel so nah gewesen wie nach unserem Kennenlernen und zu Neles Geburt. Danach ging es mit unserer Ehe steil bergab.

»Ich werde es Nele morgen früh erklären«, versprach ich trotz meiner Ahnung, dass mir keine Zeit für ein Vater-Tochter-Gespräch bleiben würde. Nicht einmal fünf Minuten, um meiner Sechsjährigen zu sagen, warum unsere geplante Sommer-Sandburgen-Bau-Woche ausfallen musste.

»Versprich nichts, was du nicht halten kannst, Eric.« Kathrin seufzte erneut.

»Ich werde alles versuch…«

»Das weiß ich«, fiel sie mir ins Wort. »Und Nele auch. Pass einfach auf dich auf, okay?«

Verblüfft blieb ich vor der Wohnung stehen, die ich betreten wollte. Anderthalb Jahre hatte ich diese Worte von ihr nicht mehr gehört. Ich wusste, dass sie nur so dahergesagt waren. Relikte einer Zeit, die nicht mehr existierte. Und doch neigte ich den Kopf und wartete auf mehr. Wartete auf das, was sie früher angefügt hatte. Aber das Schweigen dehnte sich aus und lastete schwer auf meiner Brust. Weil ich dieser Idiot war, der trotz Scheidungsurteil nicht loslassen konnte – im Gegensatz zu Kathrin. Sie hatte einen Neuen. Einen Anwalt, der ein Ferienhaus auf Gran Canaria besaß.

»Das werde ich.« Mehr konnte ich nicht versprechen. Nicht nach jenem Tag, der auf Rügen gefolgt war.

Stille drang aus meinem Smartphone. Ich umklammerte es und wartete mit angehaltenem Atem darauf, dass sie etwas erwidern würde. Irgendetwas, was die Bilder aus meinem Kopf wischte, die ich nicht mehr zulassen wollte. Ich hatte die Schuld auf mich genommen. An jenem Tag und später. Doch sie erwies sich als zu schwer für meine Schultern. Weil ich nicht ungeschehen machen konnte, dass die Kugel fünf Zentimeter über meinem Herzen mein Fleisch, Muskeln und Gewebe zerfetzt hatte.

»Ich nehme Nele morgen früh mit zu mir, wenn sie ausgeschlafen hat. Komm vorbei, falls du Zeit hast. Sie freut sich, dich zu sehen und ich …« Sie machte eine Pause, in der ich im Kopf ihren Satz beendete: Ich mich auch. Wann war es für sie so schwer geworden, diese Worte auszusprechen? Worte, die ich ebenso vermisste wie ihre Hand in meiner.

»Ich könnte uns Kaffee kochen.«

Ich lauschte ihrer Stimme und hörte neben Müdigkeit etwas anderes. Etwas, was mich an die Zeit unseres Kennenlernens erinnerte. An ihr Flüstern, wenn wir nachts im Tiergarten saßen.

Ich wollte nach diesem Flüstern greifen, das sich für mich nach einer zweiten Chance anhörte. Wollte es festhalten wie den windgeschüttelten herzförmigen Luftballon, den ich Kathrin bei unserer fünften Verabredung geschenkt hatte. Doch eine leise mahnende Stimme in meinem Kopf erinnerte mich daran, dass ich mich verrennen könnte. Flüsterte mir zu, dass es da diesen Anwalt mit einem Haus auf Gran Canaria gab, mit dem Kathrin alt werden könnte.

Ich dagegen hatte nur diese beschissene Kugel, die mein Herz knapp verfehlt hatte, zu bieten. Manchmal fragte ich mich, ob ich die Patrone aus diesem Grund an einer Kette um den Hals trug. Um mich symbolisch an jenen Moment zu fesseln, in dem mir das Schicksal den stinkenden Atem des Todes ins Gesicht geweht hatte … und weitergegangen war.

»Ich würde mich freuen, mit dir einen Kaffee zu trinken«, sagte ich, als meine Partnerin Julie Reuss im Wohnungsflur auftauchte. Sie sah so ungeduldig aus wie jemand, dessen ICE seit einer Stunde Verspätung hatte. »Tut mir leid, ich muss Schluss machen.« Ich hob die Hand und deutete Reuss an, dass ich gleich kommen würde. Sie nickte und verschwand wieder.

»Bis später.« Kathrin legte auf. Hinter mir auf der Treppe erklangen Schritte, während ich das Handy in meine Jackentasche schob.

Dr. Frobel drückte sich an mir vorbei. »Eric«, grüßte er mürrisch mit diesem Blick, der besagte, dass er lieber in seinem Bett liegen würde.

»Hallo, Christian.« Ich nickte dem Rechtsmediziner zu. Er stand kurz vor der Rente, was man seinem Gesicht nicht ansah. Die feinen Lachfältchen um seine Augen deuteten auf Mitte vierzig. Doch das Bild verlor sich, wenn er wie jetzt keinen Hut trug. Die wenigen grauen Haare, die ihm geblieben waren, zierten seinen Schädel wie ein Lorbeerkranz.

Der Doc grummelte etwas und verschwand in der hell erleuchteten Eigentumswohnung des Opfers. Ich folgte ihm, blieb allerdings mitten im Flur stehen. Die Wohnung mit ihren antiken Echtholzmöbeln, den goldgerahmten Gemälden und handgeknüpften Teppichen warf in mir die Frage auf, ob ich mich für den richtigen Job entschieden hatte. In meinen vier Wänden tummelten sich neben IKEA-Regalen noch Fransenteppiche vom nächstgelegenen Baumarkt und ein Sofa, das bereits in meiner Studentenbude gestanden hatte.

Ich wich ein paar Leuten der Spurensicherung aus und bemerkte, wie sich der Rechtsmediziner neben die Tote kniete.

Der Anblick einer Leiche sollte mich nach all den Jahren nicht mehr aus der Fassung bringen. Jedenfalls hatte das ein betagter, kahlköpfiger Lehrer behauptet, als ich meinen Hintern auf die harten Bänke der Polizeischule gedrückt hatte. Ich glaubte an den Spruch, als ich während meiner ersten Leichensektion mein Frühstück über meine Beine gekotzt hatte. Ich glaubte auch noch an diese Plattitüde, nachdem ich Hauptkommissar geworden war. Mittlerweile hatte sich mein Glaube verändert. Ich dachte nicht mehr über meinen aufgewühlten Magen nach, der neben dem letzten Essen auch noch Fassungslosigkeit verarbeiten musste, sondern eher über das verfickte Arschloch, das meinte, Berlin wäre ein überdimensionaler Spielplatz für perverse Idioten.

»Wer ist die Tote und wer hat sie gefunden?«, fragte ich Reuss, die aus dem Schlafzimmer kam. Sie war gefühlte zwanzig Jahre jünger als ich, tatsächlich waren es nur zehn. Doch im Gegensatz zu mir strahlte sie mit ihren Achtundzwanzig noch diese jugendliche Frische aus, die mir zwischen Ausbildung, Studium, Job und Scheidung verloren gegangen war.

»Hallo, Chef«, erwiderte sie und sah auf ihren Notizblock. Dabei rutschte ihr eine goldblonde Haarsträhne ins Gesicht, die sie mit einer lässigen Geste hinters Ohr strich. Ich wusste nicht, wie sie es machte, musste jedoch neidvoll feststellen, dass sie auch kurz vor Mitternacht ebenso frisch wie am Morgen aussah. Und sie duftete auch wie lenorweichgespülte Wäsche.

»Susanne Weiß, dreißig Jahre alt. Single, keine Kinder, wohnte hier allein. Wir überprüfen noch, ob sie einen Freund hatte. Ihr gehörte eine Galerie in den Hackeschen Höfen«, sagte Reuss im Telegrammstil. »Im letzten Jahr hat sie eine zweite in der Schönhauser Allee eröffnet.« Sie blätterte eine Seite ihres Notizblocks um. »Rebecca Mühlner hat das Opfer gefunden. Sie ist die Assistentin der Toten und wartet in der Küche auf Sie, Chef.«

»Besitzt Frau Mühlner einen Zweitschlüssel für die Wohnung?«, fragte ich mit Blick auf die Tür. Eine Frau im weißen Plastikanzug der Spurensicherung stellte dort gerade Fingerabdrücke sicher.

»Ja.« Reuss folgte mir zum Schlafzimmer der Toten. »Sie hat sich um ihre Chefin gesorgt, als diese sich nicht wie vereinbart nach der Landung aus New York gemeldet hat.«

»Das Opfer hatte einen Flug in die Staaten gebucht? Wozu?«

»Für heute Morgen«, bestätigte Reuss. »Sie war zur Galerieeröffnung eines Freundes eingeladen.«

Ich blieb im Türrahmen des Schlafzimmers stehen. Die Tote lag mit dem Rücken in einer Blutlache auf dem Boden. Eigentlich war es immer der leere Blick der toten Augen, der meinem Magen dieses Ziehen entlockte, das erst verschwand, nachdem der Fall aufgeklärt war.

Hier war es anders.

Die Brutalität war anders. Ich hatte schon viel gesehen. Mehr als ich mir als Greenhorn auf der Polizeischule vorgestellt hatte. Doch das hier war keine Tat im Affekt gewesen. Es gab keine Einbruchsspuren. Alle Fenster waren geschlossen. Spuren eines Kampfes gab es auch nicht. Im Wohnzimmer stand neben einem Buch, das auf dem Couchtisch lag, ein leeres benutztes Rotweinglas. Alles wirkte, als hätte es sich das Opfer in ihrem Lesesessel gemütlich gemacht und war dann allem Anschein nach vom Mörder überrascht worden. Entweder, als sie ins Bett gehen wollte, worauf die zurückgeschlagene Bettdecke hinwies. Oder er hatte am Morgen zugeschlagen, nachdem sie aufgestanden war und das zerwühlte Laken glatt gestrichen hatte.

Aber warum hat sie sich nicht gewehrt?

Die Tote lag vor dem Doppelbett auf einem cremefarbenen Teppich. Sie war nackt, ihre Beine unter dem Körper angewinkelt, die Oberschenkel gespreizt. Der Täter hatte ihre Hände mit einem Paketband vor dem flachen Bauch gefesselt. Auf ihrer Stirn war, vermutlich mit einem Brandeisen, das Wort Schlampe eingebrannt worden. Die Augen, die normalerweise starr in die ewige Dunkelheit blickten, fehlten. Stattdessen klafften dort zwei blutverkrustete Löcher.

»Er hat ihr in die Augen geschossen«, bestätigte Reuss das Offensichtliche.

Ich wies auf die angewinkelten Beine des Opfers. »Er hat sie vor sich knien lassen, demütig, um Gnade bettelnd, bevor er sie erschossen hat.« Das hier war persönlich und zeugte von sehr viel Hass und Wut. Wahrscheinlich hatte der Täter das Opfer gekannt. Vielleicht sogar intim, worauf das Wort Schlampe hindeutete.

»Wie sieht’s aus?«, fragte ich den Doc.

»Rigor mortis ist voll ausgeprägt. Die Leichenflecken sind nicht mehr wegdrückbar. Ich schätze, dass der Todeszeitpunkt zwischen drei und fünf Uhr heute Morgen liegt.«

»Wodurch?«, wollte ich wissen, denn das Offensichtliche war nicht immer das Ursächliche.

»Durch die Schüsse in die Augen aus nächster Nähe. An den Rändern befinden sich Schmauchspuren.« Christian wies auf die leeren Höhlen. »Wahrscheinlich Kaliber 9 Millimeter. Der Täter hat sich die Mühe gemacht und die Kugeln eingesammelt.«

»Hat ihr der Täter das Wort postmortal auf die Stirn gebrannt?«

Christian schüttelte den Kopf. »Nein. Sie hat noch gelebt, weist aber keinerlei Abwehrverletzungen auf.«

Warum nicht? Selbst mit ihren gefesselten Händen hätte sie zuschlagen oder sich wehren können.

»Wo hat er das Brandeisen erhitzt?« Ich sah mich um, entdeckte jedoch weder im Schlafzimmer noch im Wohnzimmer einen Kamin.

»Vermutlich im Backofen. Die Tür stand offen, als die Beamten hier eingetroffen sind«, sagte Reuss. »Er muss Handschuhe getragen haben. Denn bis auf die Fingerabdrücke des Opfers hat die KT noch keine anderen am Backofen sichergestellt.«

Hinter mir betrat mein Kollege Bauer das Schlafzimmer, der von allen wegen seiner Vorliebe für Birnen nur Peary genannt wurde. Ich nickte ihm zu, wunderte mich jedoch, wieso er hier war, bis mir einfiel, dass er gleich um die Ecke wohnte.

»Chef.« Er tippte sich an die hohe, von tiefen Falten durchzogene Stirn. Er war im vergangenen Jahr fünfzig geworden. Den Begriff »Workaholic« könnte er neu definieren. Drei Ehen waren seiner Arbeitswut zum Opfer gefallen. Seinem ursächlichen Hass auf alle, die Leben nahmen. Vor vierzig Jahren hatte Peary seine Eltern ermordet aufgefunden, als er aus der Schule kam. Der Täter war nie gefasst worden. Vielleicht hätte er mit der Sache abschließen können, wenn der Mörder hinter Schloss und Riegel sitzen würde. Doch so war dieser nie abkühlende Motor, der aus Wut, Trauer und Schmerz bestand, zu Pearys Lebenselixier geworden.

»Soweit wir bislang beurteilen können, wurde nichts gestohlen«, sagte er. »Weder Schmuck noch Bargeld oder andere Wertgegenstände. Alles scheint laut Frau Mühlner an seinem Platz zu sein. Hundertprozentig sicher ist sie sich jedoch nicht.«

»Also kein Raubüberfall, bei dem der Einbrecher erwischt wurde.« Was ich auch nicht vermutete. Der Mörder hatte das Opfer gedemütigt, bevor er es erschoss. Rache schien mir hier das naheliegendere Tatmotiv zu sein. Oder wir hatten es mit einem Perversen zu tun, in dessen Beuteschema das Opfer durch Zufall passte.

Ich wandte mich wieder an den Doc. »Ist sie vergewaltigt worden?«

»Soweit ich das bis jetzt beurteilen kann, nein. Genaueres kann ich dir nach der Obduktion sagen.«

Schiefer, Pearys Partner, schob sich in mein Blickfeld. Zu meinem Erstaunen sah er vollkommen übernächtigt aus. Normalerweise hatte er Ähnlichkeit mit den Titelfotos der GQ. Oder den Abbildungen eines anderen Modemagazins für Männer, weshalb ihm ein Kollege den Spitznamen InStyle Man verliehen hatte. Doch jetzt entdeckte ich am Kragen seines Hemdes weiße Flecken. Milchrückstände. »Wie geht’s Josie und Julian?« Die Zwillinge waren heute auf den Tag zwei Monate alt und hielten ihre Eltern ganz schön auf Trapp.

»Sie haben beide Magen-Darm-Grippe. Weiß der Geier, wo sie sich die eingefangen haben.«

»Gute Besserung«, sagte ich und verdrängte die Erinnerung, als Nele vor drei Jahren mit so einem Infekt aus dem Kindergarten gekommen war. Kathrin und ich hatten danach überlegt, Küche, Bad und Kinderzimmer neu zu streichen. Trotz Medikamenten und Schonkost konnte Nele zwei Tage nichts bei sich behalten.

Schiefer verzog den Mund und blätterte durch sein Notizbuch. »Keiner der Nachbarn hat etwas gehört.«

Ich runzelte die Stirn. »Wieso nicht?« Früh am Morgen hätten die Schüsse jeden in der Nähe aus dem Schlaf reißen müssen. Es sei denn, der Täter hätte einen Schalldämpfer benutzt.

»Die Nachbarn links, Familie Wildner, ein älteres Ehepaar, sind erst heute Nachmittag aus dem Urlaub zurückgekommen. Die Eigentümer, die unter dem Opfer wohnen, sind laut Aussage von Frau Wildner von Frühling bis Herbst auf ihrem Grundstück in Brandenburg. Der Nachbar rechts, Herr Grünzig, ist schwerhörig.«

»Was ist mit der Wohnung über der des Opfers?«

Schiefer schüttelte den Kopf. »Da öffnet keiner.« Er blätterte weiter durch seine Notizen. »Frau Wildner vermutet, dass der Eigentümer der Wohnung, ein gewisser Tobias Bruch, auf Geschäftsreise ist. Sicher war sie sich allerdings nicht. Er würde aber regelmäßig nach Spanien fliegen, wo er eine weitere Bar besitzt.«

»Überprüfen Sie die Aussage«, wies ich Schiefer an. »Was hat Frau Wildner sonst noch über die Tote gesagt?«

»Dass sie ruhig und sehr gebildet gewesen ist. Ihre Mutter wäre ab und an zu Besuch hier gewesen, wohne aber nicht in Berlin. Sie hätte einen eher bayrisch klingenden Akzent.«

»Haben Sie schon die Adresse?«

»Nein, aber ich wollte gerade die Assistentin des Opfers befragen. Frau Mühlner kennt sie vielleicht.«

Ich sah zur Küche, wo die junge Frau weinend am Tisch saß. Vor sich ein Glas Wasser. »Um die Befragung kümmern wir uns. Sonst noch etwas? Hat Frau Wildner Fremde ins Haus gehen sehen? Oder auf der Straße beobachtet?«

Schiefer blätterte um. »Am Tag, bevor sie in den Urlaub geflogen sind, stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein roter Opel Corsa. Nummernschild hat sie nicht erkannt, sich aber erinnert, den Wagen in den vergangenen Wochen öfter in der Nähe gesehen zu haben. Es saß ein Mann drin, der eine große Sonnenbrille trug. Sie hätte sich noch gewundert, auf wen er so geduldig wartet. Weil er bereits am Nachmittag dort stand, als sie ihre Enkeltochter aus dem Kindergarten abgeholt hat. Abends, als sie und ihr Mann in ein nahe gelegenes Restaurant essen gegangen sind, war der Kerl immer noch da.«

»Kann sie den Mann beschreiben?«

»Nein. Er trug ein schwarzes, unbeschriftetes Basecap und dazu eine große Sonnenbrille, an der Frau Wildner nichts weiter aufgefallen ist, außer dass das Gestell schwarz war. Sie meldet sich, wenn ihr noch etwas einfällt.«

Ich nickte. »Der Täter hat das Opfer also beobachtet, ihren Alltag ausspioniert. Und er wusste über die Nachbarn Bescheid.« Ich kniff die Augen zusammen. »Befragt Herrn Grünzig und Herrn Bruch, wenn er wieder im Land ist, ob ihnen der Corsa auch aufgefallen ist. Vielleicht haben sie den Mann besser gesehen und können ihn beschreiben. Oder das Kennzeichen. Redet mit den anderen Anwohnern. Der Täter hat erst zugeschlagen, als er unbemerkt ins Haus kam, ohne einbrechen zu müssen. Entweder hat ihm das Opfer die Tür geöffnet, was darauf hindeutet, dass sie ihren Mörder kannte. Oder er hatte einen Zweitschlüssel.«

»Möglicherweise arbeitet er als Hauswart«, warf Reuss ein.

»Durchaus denkbar. Wir benötigen die Telefonlisten des Opfers, ihre Bankauszüge, Kreditkartenabrechnungen. Alles.« Ich wollte mich abwenden, verharrte jedoch noch einen Moment. »Die Mordwaffe wäre auch nicht schlecht. Lasst jeden Grashalm in der Nähe umdrehen. Vielleicht hat der Täter die Pistole entsorgt.« Irgendetwas war hier seltsam. Nur entzog sich mir der Grund für dieses ungute Gefühl.

Peary nickte. »Ich kümmere mich morgen früh darum.«

Ich wollte mit Reuss in die Küche gehen, um Frau Mühlner zu befragen, als mich Christian aufhielt. »Eric, das solltest du dir ansehen.«

»Ich spreche derweil mit Frau Mühlner«, sagte Reuss und ging nach meinem Nicken zu der jungen Frau, die zusammengesunken mit einem Taschentuch in der Hand am Küchentisch saß. Sie sah ziemlich mitgenommen aus. Mitgenommener, als das Verhältnis zwischen Chefin und Angestellter eigentlich hergab. Allerdings sah man sich nicht jeden Tag einer auf so grausame Weise ermordeten Bekannten gegenüber. Der Schock konnte durchaus hinter Frau Mühlners vielen Tränen stecken, die ihr übers Gesicht rannen – oder etwas anderes.

Ich wandte mich Christian zu, der die Tote in eine Seitenlage gedreht hatte. »Was hast du für mich?«

Er hielt einen Beweismittelbeutel hoch, in dem sich eine kleine Karte, ähnlich einer Visitenkarte, befand. »Wir haben diesen Bibliotheksausweis unter der Leiche gefunden«, sagte er und gab mir die Tüte. »Er ist ausgestellt auf einen gewissen Sebastian Suarek.«

»Wo unter ihr?«, fragte ich und nahm die Tüte entgegen. Der Ausweis war laminiert, weshalb die Schrift darauf vom Blut der Toten nicht unkenntlich geworden war.

»Unter ihrer rechten Schulter.« Der Rechtsmediziner deutete auf eine Stelle auf dem blutdurchtränkten Teppich. Der Ausweis musste dort bereits gelegen haben, als das Opfer erschossen worden war.

»Danke, Doc.« Ich nahm mein Handy aus der Jackentasche und beorderte Beamte zu Suareks Adresse. »Nur observieren bis wir eintreffen«, wies ich an und legte wieder auf. Der Bibliotheksausweis unter der Leiche war eigentlich Grund genug, den Mann sofort verhaften zu lassen. Aber welcher Mörder verlor einen Büchereiausweis?

Nachdenklich sah ich zu Fabian Poller, von der KTI 21, der neben dem Fotografen stand. »Habt ihr Fingerabdrücke oder irgendetwas anderes sichergestellt?«

»Zahlreiche. Es sind zwei verschiedene, die augenscheinlich dem Opfer und ihrer Assistentin gehören. Wir überprüfen das jedoch noch.« Er wies zu dem großen hellen Kleiderschrank. »Außer im Mittelteil des Schranks. Die Schiebetür ist vollkommen sauber gewischt. Innen wie außen.«

Im mittleren Teil des Schranks befand sich eine Kleiderstange, auf der sich Kostüme aneinanderreihten. »Untersucht alle Sachen auf Fasern, Haare und andere Rückstände«, sagte ich. Es war durchaus denkbar, dass sich der Täter im Schrank versteckt hatte. Oder er hatte in ihm etwas gesucht. Auf jeden Fall hatte er nach der Tat versucht, seine Spuren zu verwischen. Ich betrachtete kurz den Bibliotheksausweis. Wie war dieser unter dem Opfer gelandet? Ein Täter, der seine Fingerabdrücke wegwischte, übersah doch keinen Ausweis, der uns direkt zu ihm führen würde.

»Geht klar«, erwiderte Fabian Poller.

Ich gab ihm den Beweismittelbeutel, nachdem ich mir die Adresse von Sebastian Suarek notiert hatte. »Habt ihr eine Zahnbürste oder von mir aus auch Socken gefunden, die auf einen Freund hindeuten?«

Poller schüttelte den Kopf. »Nein, nichts.«

»Nutzlos zu erwähnen, dass ich eure Ergebnisse gern vorgestern hätte.«

Poller verzog den Mund zu einem schmalen Lächeln. »Wir tun, was wir können.«

»Mehr wollte ich nicht hören.« Ich ging in den Flur, wo ich auf Peary traf. »Überprüfen Sie bitte einen Sebastian Suarek für mich.« Ich nannte ihm die Adresse. »Reuss und ich werden ihm einen Besuch abstatten.« Sein Ausweis unter der Leiche reichte für mich nicht, um ihn unmittelbar in Gewahrsam zu nehmen. Aber er genügte, um den Mann mitten in der Nacht aus dem Bett zu klingeln.

»Ich melde mich, sobald ich was habe«, entgegnete Peary.

Ich ging in die Küche, wo meine Partnerin am Fenster stand und telefonierte.

»Hauptkommissar Weinsheim«, stellte ich mich Rebecca Mühlner vor und setzte mich ihr gegenüber. Sie wandte mir ihr tränenfeuchtes Gesicht zu und unterdrückte ein Schluchzen. Eine feine Narbe zog sich quer über ihre rechte Wange. An ihrem Hals entdeckte ich die tätowierte Flügelspitze eines Schmetterlings, dessen restlicher Körper unter ihrem pinkfarbenen T-Shirt nicht mehr auszumachen war. Sie war ungefähr im gleichen Alter wie das Opfer. Jedoch hatte sie im Gegensatz zu ihrer ermordeten Chefin einen eher gedrungenen Körperbau und nachtschwarze, igelkurze Haare.

Da ich nicht wusste, welche Fragen meine Partnerin bislang gestellt hatte, verzichtete ich auf die obligatorischen und begann mit der offensichtlichen. »Sagt Ihnen der Name Sebastian Suarek etwas?«

Sie blinzelte mehrmals. »Nein, nichts. Den Namen höre ich zum ersten Mal.« Ihr Blick sank auf den Tisch, eines ihrer Augenlider zuckte. Eindeutig, sie kannte Suarek.

»Standen Sie sich nahe? Sie und Frau Weiß?«

Eine feine Röte kroch ihr vom Halsansatz aus ins Gesicht. »Wir sind …« Sie brach ab und schluchzte erneut. »Wir waren befreundet.«

»Hätte sie es Ihnen erzählt, wenn sie einen Freund gehabt hätte?«

Ein seltsames Glitzern tauchte in Rebecca Mühlners Augen auf. Unzweifelhaft gefiel ihr meine Frage nicht.

»Sie hatte keinen Freund.« In ihrer Stimme schwang ein merkwürdiger Unterton mit. Als ob ein Hund seinen gut gefüllten Futternapf verteidigen würde.

»Weshalb sind Sie sich da so sicher?«, hakte ich nach, denn ihre Worte beantworten nicht meine Frage.

In der feinen Röte auf ihren Wangen tauchten dunkelrote Flecken auf. »Das hätte sie mir gesagt.«

Reuss trat neben mich. Sie hatte ihr Telefonat beendet.

»Sie und Frau Weiß hatten eine Beziehung?«, sprach ich meine Vermutung aus. Frau Mühlner besaß einen Zweitschlüssel für die Wohnung des Opfers, in der sie sich offenkundig auskannte. Und sie wehrte sich ein wenig zu vehement gegen die Annahme, dass die Tote einen Freund gehabt hatte.

Rebecca Mühlner wurde blass. »Nein, hatten wir nicht. Frau Weiß war eine anständige Frau.«

»Natürlich war sie das.« Ihre seltsame Wortwahl ließ ich unkommentiert. Vorläufig. Ich erhob mich. »Vielen Dank für Ihre Hilfe, Frau Mühlner. Es könnte jedoch sein, dass wir noch weitere Fragen an Sie haben.« Sie hatte mich wegen Suarek angelogen und verschwieg mir irgendetwas. Vielleicht hatte sie mit dem Opfer eine kurze Affäre gehabt, die die Tote wegen Suarek beendete?

Mühlner sank erneut in sich zusammen und tupfte mit dem feuchten Taschentuch über ihr Gesicht. »Wer macht so etwas Schreckliches nur? Susanne hat niemanden etwas getan. Sie war immer freundlich.«

»Das versuchen wir herauszufinden, wobei wir Ihre Mithilfe benötigen«, erwiderte ich und verabschiedete mich von Frau Mühlner. Danach ging ich mit Reuss aus der Küche. Im Flur erzählte ich ihr von dem Bibliotheksausweis und sie mir von ihrer Unterhaltung mit der Assistentin der Toten.

»Das Opfer wollte um 6:45 Uhr nach Frankfurt fliegen und um 8:40 Uhr weiter nach New York. Ihre Assistentin und sie haben am Abend zuvor miteinander telefoniert. Da klang die Tote normal. Sie freute sich auf ihren Bekannten und die Galerieeröffnung.«

»Wann haben sie miteinander telefoniert?«

Reuss sah in ihren Notizen nach. »Gegen dreiundzwanzig Uhr, danach wollte das Opfer ins Bett gehen.«

»Damit fehlen uns noch vier bis sechs Stunden bis zur Tat. In denen das Opfer geschlafen haben kann oder auch nicht.« Ich erzählte Reuss von dem sauber gewischten Schrankteil und meinen Vermutungen.

»Warum sollte der Täter so lange im Schrank warten?«

Eine Frage, auf die ich vorläufig nur eine Antwort hatte. »Möglicherweise spielte die Tatzeit für ihn eine Rolle.«

Reuss folgte mir zur Wohnungstür. »Vielleicht.« Sie verengte die Augen. »Ich stimme Ihnen zu. Das Opfer und ihre Assistentin hatten was miteinander. Allerdings hat Frau Weiß früher auch Beziehungen zu Männern gehabt. Dieses Thema behagt Frau Mühlner offenbar nicht.«

»Fragt sich nur warum«, überlegte ich laut. »Haben Sie die Adresse der Mutter herausgefunden?«

»Beate Weiß, wohnt in München.« Reuss ging neben mir her zur Treppe. »Ich habe Beamte zu ihr geschickt.«

In deren Haut ich nicht stecken wollte. Einer Mutter zu sagen, dass ihr Kind ermordet worden war, war eine der schlimmsten Aufgaben, die unser Job mit sich brachte.

»InStyle Man hat mit Herrn Grünzig gesprochen. Ihm ist kein roter Corsa aufgefallen.« Jäh bildeten sich rote Flecken auf Reuss’ Wangen. »Verzeihung, ich wollte nicht unhöflich sein.« Glühend, wie eine von innen beleuchtete Tomate, verstaute sie ihr Notizbuch in ihrer schwarzen Kostümjacke. »Es ist schwer, sich die richtigen Namen zu merken, wenn die Kollegen untereinander nur Spitznamen verwenden.«

Ich verkniff mir ein Grinsen und beugte mich zu ihr. »Wenn Sie mich mal Agent Mulder nennen, sind Sie für einen Monat die neue Sponsorin meines Mittagessens.«

Reue breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Julie Reuss war erst seit sechs Wochen bei uns. Ihr Ehrgeiz reichte an meinen heran, aber ihre Lebenserfahrung noch nicht. Weshalb sie jedes meiner Worte für bare Münze nahm. »Ja, Chef.«

»Ich esse gern Chinesisch«, sagte ich und ging von ihr gefolgt die Treppe hinunter. »Wie kommt Suareks Ausweis unter das Opfer?«

»Der Täter hat ihn verloren?«, mutmaßte Reuss.

»Einen Bibliotheksausweis?«

Julie zuckte mit den Schultern. »Möglicherweise liest er gern und war vor der Tat noch in der Bücherei. Als er das Opfer überwältigte, ist der Ausweis ihm dann aus der Hemdtasche gefallen.«

Ich sah die Schlagzeile bereits vor mir. Leseratte ermordet bisexuelle Galeriebesitzerin. Was für ein Scheiß.

Wir erreichten die Haustür, und Reuss schüttelte über ihre eigenen Worte den Kopf. »Sie vermuten, dass der Täter Suareks Ausweis unter der Toten platziert hat«, schlussfolgerte sie aus meinem Schweigen.

»Richtig.« Die Frage war nur, warum.

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