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So nah bei dir und doch so fern

Über die Autorin

Kate Allatt ist verheiratet und Mutter dreier Kinder. 2010 hatte sie einen Schlaganfall und litt anschließend am Locked-in-Syndrom. Nach ihrer erstaunlichen und unvorhersehbaren Genesung gründete sie die Wohltätigkeitsorganisation »Fighting Strokes«, die sich aktiv für die Verbesserung der Schlaganfall-Rehabilitation von vornehmlich jungen Menschen einsetzt.

Kate Allatt

So nah bei dir
und doch so fern

Als ich in meinem Körper gefangen war

Aus dem Englischen von
Axel Plantiko

Für meinen bewundernswerten Ehemann Mark, der mir das Leben rettete, sowie für meine gleichermaßen bewundernswerten und dabei außergewöhnlich belastbaren Kinder – Indi, Harvey & The Woodster.

Ich liebe euch so sehr.

Kate und Mum x

»Erfolg ist nicht final, Misserfolg nicht fatal;

es ist das Durchhaltevermögen, das zählt.«

Winston Churchill

INHALT

Prolog

1 Intensivstation

2 Das Laufen und meine erstaunlichen Freundinnen

3 Die Mutter aller Kopfschmerzen

4 Acht von zehn ist schlecht

5 Innen lebendig

6 Die größte Erniedrigung

7 Wir hatten unsere Differenzen, aber meine Mutter ist fantastisch

8 Lachen ist die beste Medizin

9 Ein Wimpernschlag für »nein«, zwei für »ja«

10 Wieder achtzehn

11 Mama weint nur, weil sie glücklich ist, dich zu sehen

12 Teezeit

13 Wer einmal lügt, der wird entlassen

14 Willkommen in Osborn 4

15 Es fühlt sich an, als würd ich eine Wassermelone machen

16 Es gehört sich nicht, jemanden als Krüppel zu bezeichnen

17 Die wollen mich umbringen

18 Wag es nicht, mich abzuschreiben

19 Hondas und Rasenmäher

20 »Du bist nicht meine Mutter. Ich hasse dich!«

21 Denen werde ich es zeigen!

22 Das ganze Dorf hilft mit

23 Besucher sind wie Busse

24 Facebook rettete mir das Leben

25 Frustshopping und grauer Haaransatz

26 Vierzig und kein bisschen munter

27 Es ist meine Party, und ich heul, wenn mir danach ist

28 Therapiewahnsinn

29 Schubkarren und Freundschaft

30 Tagesausflüge und Tagebücher

31 »Sag meinen Namen, Mama«

32 Lasst mich nicht noch einmal im Stich

33 Weshalb muss ich um alles kämpfen?

34 Für ein Wochenende zu Hause

35 Ich weiß, dass ich keine gute Patientin bin

36 Ich stehe in Marks Schuld

37 Ich habe meine Zeit abgesessen; danke und tschüss!

38 So, Kinder, jetzt reicht’s! Die Normalität hat mich wieder

39 Ich werde wieder laufen

40 Ein Wochenende unter Frauen

41 Bis dass der Tod uns scheidet

42 In Pute und Fleischbällchen lauert Gefahr

43 Wohltätigkeit beginnt zu Hause

44 »Alles, was wir uns zu Weihnachten wünschen, ist unsere Mama«

45 Laufen ist meine Freiheit

Nachwort Reflexionen nach einem beschissenen Jahr

Danksagungen

PROLOG

Sonntag, 7. Februar 2010

Ich weiß nicht, wie sich Migräne anfühlt. Neununddreißig Jahre lang blieb es mir erspart, sie zu erleben. Doch wenn sie sich so anfühlt, dass man am liebsten seinen Kopf abnehmen und ihn jemand anderem überlassen würde, damit derjenige sich darum kümmert, bis der Schädel endlich zu kreischen aufhört, dann lag der Arzt in der Notaufnahme wohl richtig, als er bei mir Migräne diagnostizierte.

Vor vier Stunden hat mich derselbe Arzt mit einer Packung Co-codamol-Schmerztabletten nach Hause geschickt und mir geraten, es ein paar Tage lang ruhig angehen zu lassen. Ich versuche mein Bestes, seinem Rat zu folgen, was für eine Mutter von drei äußerst lebhaften Kindern alles andere als einfach ist. Den Nachmittag verbringe ich im Bett und warte darauf, dass das Medikament endlich zu wirken beginnt, damit das unablässige Hämmern in meinem Schädel erträglich wird. Ich schließe die Augen, umklammere meinen Nacken und massiere mit den Fingern sacht den Hinterkopf. Mein einziger Wunsch ist, von dieser Höllenqual wenigstens so lange befreit zu sein, bis ich in einen schmerzfreien Schlaf versinke. Bitte, nur eine Stunde Erholung, dann bin ich wieder auf dem Damm.

Plötzlich ertönt ein »MAMA!« aus dem Badezimmer. Dort tobt ein brüderlicher Kampf zwischen dem neunjährigen Harvey und dem sechsjährigen Woody. Es ist Woody, der meine Unterstützung fordert. Ich versuche ihren Streit zu ignorieren, da ich weiß, dass mein Ehemann Mark, der unten in der Küche die Hinterlassenschaften des sonntäglichen Mittagessens beseitigt, einschreiten wird, sollte der Zank aus dem Ruder laufen – was meistens der Fall ist. Aber ich kann den Krach nicht ausblenden. Diese Kopfschmerzen machen mich rasend. Ich stehe auf und schleppe mich ins Badezimmer.

»Harvey, wenn du deinen kleinen Bruder nicht auf der Stelle in Ruhe lässt, gehst du morgen nach der Schule nicht zum Fußballtraining!«, schimpfe ich, was dazu führt, dass neuerliche Übelkeit in mir aufsteigt. Mark hört die Verzweiflung in meiner Stimme und kommt mir zu Hilfe.

»Du strengst dich zu sehr an«, sagt er leicht verärgert. »Setz dich. Ich kümmere mich schon um die beiden. Und beruhige dich erst mal, ich mache dir gleich eine Tasse Earl Grey.«

Er legt mir den Arm um die Schulter und führt mich nach unten ins Wohnzimmer, wo ich auf das rote Ledersofa sinke und mir den Kopf halte, in dem es so grauenhaft hämmert. Dies ist die Mutter aller Kopfschmerzen. Unsere Tochter India, elf Jahre alt, hat den Fernseher laufen lassen und ist nach oben gegangen, um ihren Schulranzen für morgen zu packen. Auf dem Plasmabildschirm läuft die Wiederholung von Dancing on Ice aus der vergangenen Woche, und irgendein Seifenopern-Star wirbelt wie ein Profi über die Eisbahn. Doch ich sehe ihm nicht zu. Ich schaue auf die Uhr des Bildschirms. 18.09 Uhr. Ich fühle mich krank, richtig krank. Nicht so, als steche nur ein furchtbarer Kopfschmerz in meinen Schädel, es ist vielmehr ein Gefühl, das sich nicht beschreiben lässt. Mein ganzer Körper ist geschwächt, alle Energie scheint aus mir herauszufließen. Langsam gerate ich in Panik.

»Mark, was ist mit mir los? Mir ist so komisch«, versuche ich meinem Mann zuzurufen, der sich ein paar Meter entfernt in der Küche aufhält. Es ist nur noch ein Lallen. »Mmmooh«, ein unterdrücktes Stöhnen kommt aus meinem Mund, und plötzlich steht Mark vor mir, doch sein Gesicht ist lediglich eine verschwommene Fläche vor meinen Augen. Mein ganzer Körper versteift sich, und panisch registriere ich, wie ich vom Sofa rutsche und als unförmiger Haufen auf dem Boden lande. Ich fühle Marks Arme, die mich umfassen, als er versucht, mich hochzuheben, um meine starren Gliedmaße auf dem Teppich in eine normale Position zu bringen. Ich erkenne nichts außer vagen Formen und Bewegungen, doch ich spüre die Furcht meines Mannes, als er unserer Tochter zuruft: »India, lauf nach nebenan und hol Burt!«

Sekunden verstreichen, aber ich habe kein Gefühl für die Zeit, nur blinde Angst. Ich habe keinerlei Kontrolle mehr über meinen Körper, was mich zu Tode erschreckt. Mark ist immer noch dicht neben mir, ich kann gerade noch das Weiß seines T-Shirts im Kontrast zu seinem dunklen Haar erkennen.

»Bitte, hilf mir! Lass mich nicht allein«, flehe ich innerlich.

Wie aus der Ferne höre ich India, die Mark berichtet, der Nachbar sei nicht zu Hause. Danach will sie wissen, was denn los ist.

»Lauf und hol Lise, hol irgendjemand!«, erwidert Mark, damit India eine andere Nachbarin um Hilfe bittet, die zufällig Krankenschwester ist. Während er mich im Arm hält, wächst die Angst in seiner Stimme. Mark, dieser für gewöhnlich ruhige, vernunftgeleitete »Alles-ist-schwarz-oder-weiß-Typ«, gerät in Panik. Momentan sieht er nur schwarz.

»Kate, hörst du mich? Was ist passiert? Alles in Ordnung mit dir, Kate?« Lise ist hier. Ich habe keine Ahnung, wie viel Zeit inzwischen verstrichen ist. Mir ist heiß, ich möchte nach irgendetwas greifen, mit dem ich mir Luft zufächeln kann, doch ich kann mich nicht rühren. Meine Augen sind angstvoll aufgerissen wie bei einem Kaninchen, das vom Scheinwerferlicht angestrahlt wird. Nicht einmal meine Atmung kann ich noch kontrollieren, und ich ringe nach Luft. Ich höre meine eigenen verzweifelten Hechelgeräusche. Lise schickt India fort, um einen Ventilator zu holen, und sie weist Mark an, sofort den Notarzt zu alarmieren.

Als Erstes erscheint ein Sanitäter. Er hört meine Herztöne ab und misst meinen Blutdruck, dann greift er zum Funkgerät, um Unterstützung anzufordern, einen Rettungswagen für eine »Frau in Notlage«. Ich warte. Mark und Lise befolgen den Rat des Sanitäters und legen mir feuchte Tücher auf die Stirn, um mich zu kühlen. Doch ich fühle mich nach wie vor, als befände ich mich im Glutofen der Hölle. Vielleicht ist dies die Strafe für meine Lebensweise, bei der ich einen Haushalt führe, gleichzeitig eine eigene Firma betreibe und die Kinder nach der Schule zu ihren Vereinen und sonstigen Aktivitäten kutschiere. Möglicherweise bekomme ich hier auch die Quittung für mein anspruchsvolles Berglauf-Programm.

»Hat sie einen Anfall?«, fragt Mark den Sanitäter.

»Das ist kein Anfall«, lautet die ernste und knappe Antwort.

Minuten verstreichen, und wir warten. Ich fühle mich immer schwächer werden. Der Sanitäter greift wieder zu seinem Funkgerät. Er lässt keinerlei Entschuldigung gelten: »Schickt mir den erstbesten Wagen, und zwar auf der Stelle!« Selbst er scheint inzwischen in Panik zu geraten.

Es ist ernst: Mark weiß, dass es ernst ist, und auch ich weiß, dass es ernst ist. Der Sanitäter sagt Mark, er solle eine Reisetasche mit den nötigsten Dingen für mich vorbereiten, da ich sie brauchen würde. Ich höre Marks Schritte auf der Treppe, und er kommt mit meinen Laufklamotten zurück, dieser Volltrottel. Ich weiß, dass ich es liebe, bis zum Umfallen zu laufen, aber Joggingsachen sind in diesem Moment wirklich das Letzte, was ich brauche.

Zwei Männer in Grün kommen und heben mich auf eine Bahre mit Rollen. Während ich aus meinem Haus gefahren werde, denke ich: Wo sind die Kinder? Ich hoffe nur, dass sie mich nicht in diesem Zustand sehen. Danach frage ich mich, ob ich einen zueinander passenden Schlüpfer und BH trage.

Als ich hinten in den Rettungswagen geschoben werde, spüre ich, wie auf der Innenseite meines linken Oberschenkels etwas hinabträufelt. Na toll, jetzt habe ich mir auch noch in die Hose gemacht. Wie werde ich jemals mit dieser Peinlichkeit leben können? Mark hält meine Hand, die Sirene heult, und ich gleite in eine Bewusstlosigkeit, als habe jemand eine Pausentaste für mein Leben gedrückt.

KAPITEL 1
Intensivstation

Mittwoch, 10. Februar 2010

Oh Scheiße! Was ist denn jetzt passiert?, war mein erster Gedanke, als ich wieder zu Bewusstsein kam. Ich lebte. Gerade so. Drei Tage lang hatte ich im Koma gelegen. Um mich herum konnte ich das Geräusch von allen möglichen Geräten und Maschinen der Intensivstation hören. Man hatte mich zusammengeschnürt wie einen Truthahn. Nie zuvor hatte ich so viele Schläuche auf einmal gesehen. Sie hingen in meiner Nase, steckten in meinen Armen, und am schlimmsten war dieser Monsterschlauch, den man mir in den Mund gestopft hatte. Ich wollte ihn ausspucken, doch außer meinen Augenlidern konnte ich nichts bewegen.

Was ich nicht wahrnahm, war die Tatsache, dass der Schlauch in meinem Mund mit einer Maschine verbunden war, die die Atmung für mich besorgte. Das ließ mich sabbern, was niemanden gut aussehen lässt, insbesondere keine prächtige junge Mutter wie mich. Im Moment fühlte ich mich allerdings alles andere als prächtig, ich war verängstigt und entsetzt.

Ich konnte mich nicht rühren, doch mein Verstand arbeitete normal und machte Überstunden. So etwa muss es sein, wenn man lebendig begraben wird, dachte ich. Nur war dies noch schlimmer, da ich sehen konnte, wie um mich herum das Leben weiterging, ohne dass ich eine Chance hatte, daran teilzunehmen. Ärzte und Krankenschwestern drängten sich am Fußende meines Bettes; sie unterhielten sich leise über mich.

»Hallo, wissen Sie denn nicht, dass es ungehörig ist, über Leute zu reden, die sich im selben Raum befinden?«, sagte ich. Doch natürlich blieben meine Gedanken ungehört. Ich konnte nicht sprechen, und ich konnte auch nicht genau verstehen, was sie über mich sagten, was mich fürchterlich ärgerte, aber ihr Gesichtsausdruck verriet, dass ich jemand war, den man bemitleiden musste. Nachdem sie gegangen waren, hörte ich Gelächter aus dem Schwesternzimmer. Die Medikamente mussten mich paranoid gemacht haben, denn ich dachte, die Schwestern würden über mich lachen.

»Kommt, Leute, lasst mich an eurem Spaß teilhaben. Ich habe genügend Sinn für Humor. Und genau jetzt könnte ich wahrlich etwas brauchen, das mich aufmuntert.« Ich wollte sie unbedingt wissen lassen, dass ich die lebenslustige Kate war. Ich wollte ihnen zeigen, dass sich unter all diesen Schläuchen eine nette, normale Mutter befand, ganz wie sie, und nicht der medizinische Notfall, der dem Tode nahe war. Eine Schwester erschien mit einem Klemmbrett und beschäftigte sich mit einem der Geräte. Sie bemerkte nicht einmal die vor lauter Frustration vergossenen Tränen, die mir über die Wange liefen. »Bitte, kommen Sie und reden Sie mit mir. Ich weiß, dass ich wahrscheinlich scheiße aussehe, aber ich beiße nicht.«

Wenigstens hatten jetzt endlich die Kopfschmerzen aufgehört. Das Hämmern im Hinterkopf war der Grund, weshalb ich hier so nahe dem Tode lag. Später erfuhr ich, dass es in der Tat keine Migräne gewesen war, sondern ein Blutgerinnsel im Stammhirn, oder, um es weniger verbrämt zu sagen, ein gewaltiger Schlaganfall. Man hatte mir eine Fifty-fifty-Überlebenschance gegeben, und drei Tage lang hatten die Ärzte mich im künstlichen Koma gehalten, um meinem Gehirn Ruhe und die Möglichkeit zur Erholung zu verschaffen. Als ich mein Bewusstsein wiedererlangte, war ich in meinem Körper eingeschlossen, gefangen – »locked in«, wie es im Englischen heißt. Die gesamte Muskulatur – mit der ich normalerweise jede Bewegung in meinem Körper kontrollierte – war gelähmt. Ich war nicht nur unfähig, mich zu setzen oder einen Finger zu rühren, ich konnte aus eigenem Antrieb nicht einmal atmen oder schlucken. Ich war vollkommen hilflos. Doch ich konnte meine Augenlider bewegen – daher war ich in der Lage, die Augen zu öffnen und alles in meinem unmittelbaren Blickfeld zu beobachten. Ich konnte selbstständig denken und verstand alles, was um mich herum geschah. Aber wusste jemand, dass ich innerhalb meines erstarrten Körpers noch am Leben war?

Da bemerkte ich, dass ich auch Schmerz empfinden konnte. Nachdem ich drei Tage lang in unveränderter Position verbracht hatte, tat die Schulter verteufelt weh. Ich hätte alles dafür gegeben, mich auf die Seite rollen zu können, um sie zu entlasten, doch ich war nicht imstande dazu.

Die Uhr gegenüber meinem Bett zeigte 14.50 Uhr. Bald würden die Kinder aus der Schule kommen. Ich spürte Panik. Wo war Mark? Wartete er vor der Schule auf sie?

Die Zeit vergeht grausam langsam, wenn man keine Kontrolle über seinen Körper besitzt. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Minutenzeiger der Uhr zu beobachten, wie er Stück für Stück vorwärtstickte, und zu hoffen, dass jemand käme, um ein paar schöne Minuten mit mir zu verbringen und mir zu erzählen, was gerade vor sich ging. Ich bin nie ein Minutenzähler gewesen. Mein Leben war zu hektisch mit drei Kindern, dem Betreiben der eigenen Firma, einem großen Freundeskreis und meinem Hobby, dem Berglaufen, gewöhnlich hatte der Tag viel zu wenig Stunden. Doch jetzt konnte ich nichts anderes tun, als auf die Uhr zu starren und auf jemanden zu warten, irgendjemanden, der Notiz von mir nahm. Erst nach ein oder zwei Tagen fiel mir auf, dass ich mich nicht einmal auf Mahlzeiten freuen konnte. Selbst das war mir genommen worden, denn ich wurde durch den Schlauch in meiner Nase ernährt. Ohne es zu spüren, ging ich davon aus, dass man einen Katheter gelegt hatte, um meinen Urin abfließen zu lassen.

Plötzlich hatte ich das furchtbare Gefühl, auf Toilette zu müssen. Mist! Mir wurde klar, dass ich auch keine Gewalt über meine Gedärme besaß und eine Windel trug. Ich spürte, wie da unten irgendetwas vor sich ging, als hätte mir jemand einen Kuhfladen in den Schlüpfer gestopft. Ich roch nichts, stellte mir aber vor, ein unangenehmer Geruch wabere zum Schwesternzimmern auf der anderen Seite meines Bettes hinüber. Bestimmt würde gleich eine Schwester kommen und nach mir schauen.

Wenn so mein künftiges Leben aussehen sollte, dann wünschte ich ein schnelles Ende herbei.

KAPITEL 2

Das Laufen und meine erstaunlichen Freundinnen

Was kann ich über mein früheres Leben berichten, das mir auf so plötzliche und würdelose Weise genommen wurde? Für jeden außenstehenden Beobachter musste es ausgesehen haben, als hätte ich das große Los gezogen. Wir waren die typische Mittelklasse-Familie, die ein perfektes Vorstadtleben führte.

Mark und ich waren frisch verheiratet, als wir vor dreizehn Jahren in dem kleinen Ort Dore in ein Zweifamilienhaus aus den Dreißigerjahren zogen. Wir hatten uns in das Dorf und seinen ländlichen Charme verliebt. Es war eine angenehm altmodische, freundliche Yorkshire-Gemeinde mit florierenden Geschäften, Pubs und einer guten Grundschule, genau das, was wir für die Gründung unserer Familie brauchten. Wichtiger noch, vor unserer Haustür erstreckte sich das herrliche Hochlandgebiet von South Yorkshire, das wir ausgiebig für Spaziergänge und Touren mit dem Mountainbike nutzten. 1998 wurden wir in der Kirche von Dore getraut. Ein Jahr später kam India zur Welt, das erste unserer drei Kinder. Harvey und Woody komplettierten unsere Familie.

Mark und ich arbeiteten beide hart und steckten unser Geld in das Haus und die Familie. Mark war Vertriebs- und Marketingleiter eines Unternehmens, das Sanitätsartikel verkaufte, und ich war gerade dabei, meine eigene Online-Marketing-Firma aufzubauen, nachdem ich jahrelang für andere Leute gearbeitet hatte. Die Kinder hatten ihren eigenen prallen Terminkalender: Pfadfinderinnen und Tanzstunde für India, Fußball und Rugby für Harvey, Klavierstunde und Schwimmen für Woody.

In unserer Beziehung war ich die Leidenschaftliche, Kreative: die treibende Kraft. Ich steckte meine Ziele stets höher, als andere Leute es von mir erwarteten. Ich trieb mich an, mich immer noch mehr für meine Arbeit und mein Privatleben zu engagieren. Mark war praktischer und geerdet: mein Steuermann. Sobald ich mal wieder zu einem Höhenflug ansetzte, holte er mich auf den Teppich zurück. Zusammen bildeten wir ein gutes Team.

Neben meiner Familie waren die wichtigsten Dinge in meinem Leben meine Freundinnen und meine eigene Fitness. Meine engsten Freundinnen hießen Alison, Anita und Jaqui, drei andere Mütter aus Dore. Wir hatten etwa gleichaltrige Kinder, die dieselbe Schule besuchten, und im Laufe der Jahre vertiefte sich unsere Freundschaft noch durch andere Gemeinsamkeiten. Wir waren alle »Superfrauen«, die die Belastung eines Fulltime-Jobs meisterten, einen Haushalt führten und dabei noch genügend Zeit fanden, sich selbst ansehnlich und gut in Schuss zu halten. Wir bildeten das Äquivalent von Dore zu den Desperate Housewives – vier Frauen in den Dreißigern, die sich täglich auf dem schmalen Grat zwischen Dramatik und friedlicher Häuslichkeit bewegten.

Alison ist meine beste und loyalste Freundin. Sie ist die Überlegte und Fürsorgliche und mit Chris, dem Schuldirektor, verheiratet. Ich kann ihr meine tiefsten Geheimnisse anvertrauen. Jaqui ist die Praktische, Effiziente des Typs »Tochter aus gutem Hause und etwas nervig«. Sie bekleidet einen hochrangigen Regierungsjob und ist mit einem Firmenchef verheiratet. Anita ist die, auf die alle Kerle stehen. Als zierliche Halb-Inderin sieht sie umwerfend aus, gibt sich bisweilen blauäugig und betreibt ihren eigenen Hundesalon. Ihr Mann Bill besitzt eine Etiketten- und Verpackungsfirma.

In dieser Gruppe war ich die Sture, die harte Nuss, die ewig Pläne schmiedete und Resultate schaffte. Wenn eine von uns gestresst war, halfen die anderen ihr, den Druck zu mildern. Wenn eine aus der Gruppe niedergeschlagen war, organisierten die anderen einen Ausgleich. Wir genossen unsere Weiberabende, indem wir uns Filme anschauten, uns jede Woche im Literaturkreis trafen, uns an Wochenenden davonmachten und in Wellnesscentern verwöhnen ließen oder an mediterranen Stränden Sonne tankten. Durch unsere Freundschaft wurden auch unsere Ehemänner gute Kumpel. Mark meinte, ich sei in der Lage, jedes Ereignis zu einer Party zu machen, und mit Alison, Anita und Jaqui an meiner Seite tat ich das auch.

Unser Berglauf am Samstag gehörte zu unseren regelmäßigen Treffen. Während der letzten vier Jahre hatten Jaqui, Anita und ich uns jeweils für den Morgen verabredet und waren gelaufen. Egal, bei welchem Wetter, egal, was sonst anstand, wir liefen. Wir planten die Strecke reihum, und sie war jedes Mal mindestens 20 Kilometer lang. Wenn es regnete, wählten wir einen Weg durch die tiefer gelegenen Wälder, und wenn es schneite, was gelegentlich vorkam, liefen wir einfach etwas schneller. Am Ende winkte immer das Café. Der Lauf war ein Muss, für das weder mieses Wetter noch andere Entschuldigungen akzeptiert wurden, und er gab uns die Möglichkeit, den Klatsch und Tratsch der Woche auszutauschen. Unsere Gespräche drehten sich im Allgemeinen um die vier Hauptthemen: Wie beschissen sich unsere Ehemänner wieder einmal benommen hatten; wie hektisch es bei der Arbeit zugegangen war; wie ungezogen die Kinder gewesen waren; und die üblichen Betrügereien im Dorf, bei denen sich jemand dummerweise hatte erwischen lassen. Nach zwei Stunden und einer Tasse Earl Grey waren wir für eine weitere Woche Stress mit Arbeit und Familie gerüstet.

Wenn ich mit dem Festlegen der Strecke an der Reihe war, führte ich die anderen häufig zum Froggatt Edge hinauf. Mit über 30 Kilometern war es einer unserer längeren Läufe, doch der Ausblick über die violett blühende Heidelandschaft entschädigte für die Mühe. Dieses Bild unbeschreiblicher Schönheit blieb mir während meines Krankenhausaufenthalts immer vor Augen.

Unsere Ehemänner verdächtigten uns, die Läufe seien reine Erfindung, nachdem Mark uns einmal im Dorf vor einem Café sitzend entdeckt hatte, als wir eigentlich auf halbem Wege zu einem Berggipfel hätten sein müssen. Doch unsere Fitness sprach für sich.

Vier Tage vor meinem Schlaganfall war ich zu Gast bei BBC Sheffield, einem lokalen Radiosender, um über meine große Geburtstagsherausforderung zu reden. Am 3. Juni 2010 stand mein vierzigster Geburtstag an, und ich war wild entschlossen, dieses Jahr unvergessen zu machen. Einige Jahre zuvor hatte ich zusammen mit einigen befreundeten Arbeitskollegen als Unterstützung für eine lokale Wohltätigkeitsorganisation die Three Peaks Challenges absolviert und die drei höchsten Gipfel in England, Schottland und Wales bewältigt. Meinen Geburtstag nahm ich zum Anlass, meine Ziele noch höher zu stecken: Ich plante, eine Serie von Herausforderungen anzugehen, die im September mit der Besteigung des Kilimandscharo enden sollte, des höchsten Berges von Afrika. Wir wollten die schwierigste, die westliche, Route nehmen. Die Organisation des Unternehmens lag bei mir. Mark, Jaqui und fünf Freunde vom örtlichen Rugbyverein wollten mich begleiten. Wir hatten unsere Beiträge bereits bezahlt und die Plätze für die Herausforderung unseres Lebens gebucht. Uns blieben nur noch sieben Monate Vorbereitung, um richtig fit zu werden.

Als Teil meiner Geburtstagsherausforderung hatte ich die Freundinnen beim Eyam Halbmarathon im Mai angemeldet, der eine der härtesten Strecken in Yorkshire, wenn nicht in ganz Großbritannien, bereithält. Während der 21,1 Kilometer rauf zu den Yorkshire Moors würden wir 365 Höhenmeter zu bewältigen haben, und deshalb hatte ich Anita davon überzeugt, dass es gut wäre, vorher an einem Ausbildungslager teilzunehmen. Wir mussten uns einfach noch stärker fordern, und ich hielt ein zweistündiges Trainingsprogramm mit militärischem Drill für genau das Richtige.

Am Samstag, dem 6. Februar, um 7.45 Uhr, einen Tag vor meinem Schlaganfall, holte mich Anita ab, und wir fuhren nach Chatsworth House, wo unser neues Training beginnen sollte. Es war einer dieser perfekten Wintermorgen, kalt und klar, und wir freuten uns darauf, mal etwas anderes zu tun. Ich war richtig aufgekratzt, denn zum ersten Mal seit fast zwei Wochen war ich beschwerdefrei aufgewacht. Die lästigen Kopfschmerzen, unter denen ich in den letzten vierzehn Tagen gelitten hatte, waren verschwunden, und ich fühlte mich pudelwohl, als der Ausbilder uns aufforderte, uns in der klaren, frischen Februarmorgenluft aufzuwärmen, wobei wir den Schafskötteln auf dem herrschaftlichen Anwesen des Duke of Devonshire ausweichen mussten.

»Kate, mach langsam«, warnte mich Anita, weil ich meinen Körper mit Pendelläufen bis zum Limit forderte, weit schneller, als unser Ausbilder von uns verlangte. Außerdem machte ich doppelt so viele Sit-ups und Liegestützen wie gefordert. Anita wusste, dass für mich träges Herumtraben auf dem Gelände nicht infrage kam.

Das erste Mal hatte ich Anita mit der wundervollen Landschaft des Peak Districts bekannt gemacht, als unsere Kinder noch Säuglinge waren. Unsere Babys legten in jungen Jahren hunderte Kilometer zurück, indem wir sie bei jeder Witterung in unseren Tragerucksäcken Kilometer um Kilometer über die Hügel mitschleppten oder in ihren total verdreckten dreirädrigen Geländekinderwagen durch die Wälder schoben. Im Gegenzug hat Anita mich zum Berglauf gebracht. Ich hatte jahrelang Straßenläufe gemacht und an Fünf- oder Zehn-Kilometer-Benefizläufen wie dem Race for Life teilgenommen. Den Sheffield-Halbmarathon hatte ich in ordentlichen 1:38 Stunden geschafft. Doch Berglauf erschien mir für meine alternden Gelenke einfacher. Anita wusste, dass ich gerne 200 Prozent gab, wenn ich etwas anging; andere sagten, es sei der Kontrollfreak in mir, ich hingegen meinte, es sei Zielstrebigkeit. Sie wusste auch, dass ich zwei Wochen zuvor eine Trainingseinheit mit einem Privattrainer absolviert hatte, die damit endete, dass ich herumlief, als habe ich zwei Wochen auf einem Pferd gesessen. Deshalb war sie zu Recht beunruhigt.

Von den Endorphinen in unseren Körpern noch total aufgedreht, beschlossen wir auf der Rückfahrt, Jaqui davon zu überzeugen, uns in der nächsten Woche zu begleiten. Als ich nach Hause kam, gönnte ich mir ein heißes Schaumbad, während Mark sich für seine übliche Wochenend-Tour aufs Mountainbike schwang. Harvey hatte Fußballtraining, Woody war beim Schwimmen und India befand sich in ihrem Kinderzimmer und hörte Musik auf ihrem iPod, daher hatte ich wohlverdiente Zeit nur für mich allein und kam zur Ruhe. Später am Abend brachte Alison ihre Tochter Charlotte vorbei, die bei India übernachten wollte, und während die Mädchen oben vor Facebook klebten, saß der Rest der Familie wie jeden Samstagabend vor der Glotze, kuschelte auf dem Sofa, genoss Chicken tikka massala, Pilau-Reis und Onion bhaji aus der örtlichen Imbissstube und schaute sich Dancing on Ice an, bevor es früh zu Bett ging.

KAPITEL 3

Die Mutter aller Kopfschmerzen

Am nächsten Morgen waren die Kopfschmerzen wieder da. Außerdem kribbelte mein Mund. Ich fühlte mich lausig und konnte es nicht mal auf den Rotwein vom vorigen Abend schieben, da ich nicht mehr als ein halbes Glas geschafft hatte. Eigentlich hätte ich mich mit Jaqui zu einem Lauf aufmachen sollen, doch ich schickte ihr eine SMS: »Mir ist nicht nach Laufen. Kopfschmerzen sind zurück.«

Nach dem Frühstück kam Alison, um ihre Tochter abzuholen. Ich bezeichnete Alison gerne als meine Komplizin, denn wir teilten die gleiche Lebenslust und denselben verrückten Sinn für Humor. Sie behauptete immer, ich sei der einzige Mensch, der auf ihrer Wellenlänge lag. Nie bereit, mit der Wahrheit hinterm Berg zu halten, sagte sie: »Du siehst scheußlich aus.«

Ich nahm es als Einladung, über meine Kopfschmerzen zu jammern, die mir während der vergangenen beiden Wochen den letzten Nerv geraubt hatten. Es war zwar nicht so schlimm gewesen, dass ich meine tägliche Routine hätte aufgeben müssen, doch es störte und belastete mich. Die Kopfschmerzen schienen ständig präsent zu sein, ein permanenter Schmerz, der mich behinderte. Am vorangegangenen Samstagabend waren mein Bruder und dessen Frau mit ihren Kindern gekommen, und ich war früh schlafen gegangen, was äußerst ungewöhnlich für mich ist. Ich dachte, der Grund sei vielleicht Dehydration gewesen, und trank deshalb eine Menge Wasser. Doch führte das nur dazu, dass ich häufiger pinkeln musste, ohne dass der Schmerz nachließ.

Nachdem Alison gegangen war, sagte Mark, den ich im Verdacht hatte, langsam genug von meinem ewigen Gejammer zu haben: »So, das reicht mir jetzt; wir lassen es untersuchen.«

Typisch Mann, der seinem natürlichen Drang folgte, Dinge in Ordnung zu bringen, trommelte er die Kinder zusammen und fuhr uns zum örtlichen Krankenhaus. Als wir dort ankamen, hatten sich die Kopfschmerzen von »ziemlich lästig« zu »ganz und gar nicht normal« entwickelt. Mark setzte mich und India am Eingang der Notfallambulanz ab und fuhr mit den Jungs weiter, um den Wagen zu parken. Wir gingen zu der Frau am Empfang. Doch als ich ihr meinen Namen sagen wollte, begann ich zu lallen und sah nur noch verschwommene Bilder.

»Ist dies der schlimmste Kopfschmerz, den Sie je erlebt haben?«, fragte die Krankenschwester, was ich mit »Ja« beantwortete. Man testete meinen Urin, und obgleich die Schwester sagte, man habe nichts Außergewöhnliches gefunden, gefiel ihr die Sache mit dem Lallen offenbar gar nicht, denn sie empfahl, die Notfallstation des Allgemeinkrankenhauses in Sheffield aufzusuchen. Mir boten sich drei Möglichkeiten: sofort dorthin aufbrechen, am nächsten Morgen hinfahren oder einen Termin für den nächsten Tag machen.

»Wir fahren direkt«, sagte Mark, der inzwischen mit Harvey und Woodster vom Parkplatz gekommen war. Die Empfangsdame benachrichtigte die Notfallstation, und wir fuhren quer durch die Stadt zum Sheffield Hallam Hospital.

Eine Stunde später stand ich dem diensthabenden Arzt gegenüber. Zuweilen heißt es, man solle unbedingt vermeiden, an einem Sonntag krank zu werden, denn dies sei der Tag, an dem die Fachärzte freimachen und die jüngsten unter den Assistenzärzten Dienst schieben. Mittlerweile hatte die wunderbare Wirkung der Ibuprofen-Tabletten eingesetzt, die ich früher am Morgen eingenommen hatte, und mir ging es nicht mehr so schlecht; Sprachvermögen und Sehkraft funktionierten wieder. Ich beschrieb, was mir im anderen Krankenhaus widerfahren war.

»Haben Sie es gehört?«, fragte der Arzt Mark.

Hatte er nicht. Ich schickte ihn nach draußen zum Empfang, um nach den Kindern zu schauen, die wir in unserer Panik im belebten Eingangsbereich alleine zurückgelassen hatten. Dann wollte der Arzt wissen, ob irgendjemand anderes mein Lallen gehört hatte. Damals kam mir diese Frage seltsam vor.

»Haben Sie momentan irgendwelche Sorgen?«, fragte der Arzt weiter.

Ich erklärte, dass ich gerade dabei sei, meine eigene Marketing-Firma aufzubauen, und dass mich die Aufgabe, einen Kundenstamm zu gewinnen und genügend Geld zu verdienen, um meine zwei neuen Angestellten zu bezahlen, durchaus unter Druck setzte. Daraufhin kam der Arzt zu dem Schluss, ich leide an Migräne, und schickte mich mit ein paar Co-codamol-Tabletten und dem Ratschlag nach Hause, ich solle es »im Auge behalten« und mich nicht überanstrengen.

Im Nachhinein weiß ich, dass ich seine Diagnose hätte infrage stellen und darauf hinweisen sollen, dass die Schwester im anderen Krankenhaus immerhin besorgt genug über mein Lallen gewesen war, um mich eine zweite Meinung einholen zu lassen. Außerdem hätte ich dem Arzt erklären müssen, dass er nach der Blutdruckmessung bei dem Ergebnis »normal« nur einen Blick in meine Akte hätte werfen müssen, um festzustellen, dass »normal« in meinem Fall »niedrig« bedeutete. Doch von all dem tat ich nichts, ich fuhr einfach nach Hause, legte mich ins Bett und wartete, bis das Blutgerinnsel in meinem Stammhirn die Versorgung des Gehirns kappte.

An die Fahrt im Rettungswagen zur Notfallstation vier Stunden später erinnere ich mich kaum, doch man erzählte mir, dass dort helle Aufregung und fieberhafte Aktivität herrschten, während Mark bei Alison anrief, sie solle sich um die Kinder kümmern. Ich wurde nach Sheffield in dasselbe Krankenhaus gebracht, nur schob man mich diesmal auf einer Bahre mit Rädern und mit hektischen Rettungssanitätern an meiner Seite hinein. Der erste Mensch, dem wir begegneten, war der Arzt, der nachmittags die Migräne diagnostiziert hatte. Mark berichtete mir später, er sei ganz schön bleich geworden, als er uns als absoluten Notfall zurückkehren sah.

Ich versuchte, irgendetwas über einen Krampf in meinem Bein zu schreien. In diesem Moment bemerkte Mark den Wahnsinnsschrecken in meinen Augen. Ich war ein Kontrollfreak, der sämtliche Kontrolle über seinen Körper verloren hatte. Mir wurde eine Maske über das Gesicht gestülpt, um mich zu sedieren, und die Ärzte entschieden, sie müssten eine Ader zum Gehirn blockieren, bevor ein Scan gemacht werden konnte. Mark sagten sie, »irgendetwas Neurologisches« sei vorgefallen, aber sie wüssten noch nicht, was es sei.

Während mein Gehirn gescannt wurde, hatte Mark die unangenehme Aufgabe, unseren jeweiligen Eltern die schlimme Nachricht zu überbringen. Weil er meine Mutter nicht erreichte, rief er meinen Stiefvater an und teilte ihm Unheil verkündend mit: »Ihr müsst sofort kommen, mit Kate passiert irgendetwas!« Sie waren auf einer Party bei einem Freund in Bury, entschuldigten sich und machten sich umgehend auf den Weg nach Sheffield. Danach rief Mark meinen Vater an, der zu Hause war und direkt zum Krankenhaus raste. Marks letzter Anruf unterbrach eine sonntägliche Soiree seiner Eltern. Seine Mutter und sein Vater, beide halbpensioniert und in ein reges Gesellschaftsleben eingebunden, steckten mitten in den Vorbereitungen für ein Dinner mit Freunden. Nachdem sie den Anruf bekommen hatten, stellten sie das Abendessen auf den Tisch, baten die Gäste, sich selbst zu bedienen, packten ihre Reisetaschen und brachen zu einer einsamen und nervösen Fahrt über 160 Kilometer durch Schnee und Nebel auf.

Drei Stunden später waren sämtliche Eltern versammelt, um den Bericht des behandelnden Arztes zu hören. Ich hatte eine rechtsseitige vertebrale Aortendissektion und -okklusion erlitten, was zu einem akuten Infarkt in der Hirnbrücke geführt hatte. Laienhaft ausgedrückt hieß das, ein großer Pfropfen saß in der Hauptschlagader und verhinderte die Blutversorgung des Gehirns. Die Computertomografie zeigte schwere Schädigungen, und die Prognose war düster. Der Schaden befand sich in einem derart sensiblen Bereich, dass die Ärzte nicht operieren konnten. Die einzige Alternative bestand in der Verabreichung von Medikamenten, die das Blutgerinnsel auflösten, doch die Ärzte waren sich nicht sicher, ob es dafür nicht schon zu spät war. Es handelte sich um ein so spezielles Fachgebiet, dass sie den Rat von Experten einholen mussten, und einige der führenden Neurologen des Landes hatte man bereits zu Hause kontaktiert.

Mark und meiner Mutter reichte das nicht, sie wollten mehr wissen. Sie baten um konkretere Auskünfte, doch zu diesem Zeitpunkt gab es keine.

»Es ist ziemlich ernst«, war alles, was der Arzt sagen konnte. »Wir müssen sie über die nächsten Stunden bringen. Die nächsten Stunden sind entscheidend.« Mark, dem das Ausmaß der Situation damit noch immer nicht klar war, ließ nicht locker.

»Heißt das, dass sie die Nacht möglicherweise nicht überleben wird?«, fragte er.

»Die Chance steht bestenfalls fünfzig zu fünfzig«, lautete die Antwort.

Meine Familie wartete, und aus Minuten wurden Stunden. Für den Einsatz der Blutgerinnsel auflösenden Medikamente war es zu spät, daher beschlossen die Ärzte, die einzige Möglichkeit, mich lebend über diese Nacht zu bringen, bestünde in der Stilllegung meines Körpers. Ich wurde auf die Intensivstation gebracht und an die Maschinen angeschlossen, die mich künstlich am Leben erhalten würden. Mark und meine Mutter blieben an meiner Seite und warteten auf einen winzigen Hoffnungsschimmer, doch da war nichts: nur das Zischen des Atemgeräts und das hypnotisierende Piepsen des Herzmonitors. Um drei Uhr morgens schickte man sie nach Hause. Sie konnten nichts mehr tun. Sie konnten lediglich warten. Als sich auf dem Weg zum Auto die Schleuse der Intensivstation öffnete, fielen sie sich in Tränen aufgelöst in die Arme, weil ihnen die Schwere meiner schier aussichtslosen Lage noch einmal bewusst wurde – sie würden mich vielleicht nie mehr lebend wiedersehen. In dieser Nacht betete meine Mutter, und Mark schlief: den Schlaf eines ausgepowerten und machtlosen Mannes.

KAPITEL 4

Acht von zehn ist schlecht

Während ich im künstlichen Koma lag, lief für meine Kinder die Schule normal weiter. Mark hatte beschlossen, sie alle bräuchten eine gewisse Stabilität in ihrem Leben, für seinen Verstand ebenso wie als Schutz für die Kinder. Er wusste, dass er zusammenbrechen würde, sobald er es sich auch nur eine Sekunde erlauben würde, innezuhalten und sich zu viele Gedanken über die Situation zu machen. Genauso wusste er, dass ich meine ganze Aufmerksamkeit immer unseren Kindern gewidmet hatte, und wenn er sie jetzt vernachlässigte, würde ich zurückkommen und ihn als Geist heimsuchen. Außerdem, was sollte er den Kindern denn ehrlich sagen, wo er doch selbst nicht wusste, was ihm gerade widerfuhr?

Am Abend zuvor waren die Kinder in dem Wissen zu Bett gegangen, dass ich krank war, und als sie aufstanden, fanden sie eine leere Küche vor, in der ich gewöhnlich ihre Müslischalen gefüllt und herumgemeckert hätte, sie sollten endlich voranmachen. Beim Frühstück teilte Mark ihnen mit, Mama läge sehr krank im Krankenhaus, aber alles müsse normal weiterlaufen wie bisher.

»Ich fahre euch zur Schule, und wenn ihr nach Hause kommt, ist alles in Ordnung.« Das entsprach zwar nicht der Wahrheit, doch sie schienen es zu akzeptieren.

Für Mark und Alison war es gleichermaßen schwierig, als sie die Kinder zur Schule brachten und von dort abholten. Alison vermied jeden Blickkontakt und sprach mit keiner der anderen Mütter aus Angst, die Fassung zu verlieren. Als sie sich in den frühen Morgenstunden von Mark verabschiedet hatte, nachdem er aus dem Krankenhaus zurückgekehrt war, betrug meine Überlebenschance gerade mal fünfzig Prozent. Sie konnte nicht mit ihm reden, da sie sich davor fürchtete, eine schlechte Nachricht zu hören. Anita, die Intuitive unter uns, spürte, dass etwas passiert war, und als Alison ihr die Wahrheit erzählte, kamen sie überein, es für sich zu behalten, bis es nähere Neuigkeiten gab.

An den folgenden Tagen, als sich die Nachricht von meinem Zustand im Dorf verbreitete, wurde das Bringen und Abholen der Kinder von der Schule noch schwieriger, da immer mehr Mütter Mark aus dem Wege gingen. Man konnte meinen, er sei es, der eine furchtbare Krankheit mit sich herumtrug. Alle waren schockiert, doch niemand wusste, was er sagen sollte. Jedermann hatte Fragen, aber wie es sich in einem höflichen, gutbürgerlichen Gemeinwesen gehört, wollte niemand der Erste sein, der Mark eventuell aus der Fassung brachte. Meine Mutter und meine Freundinnen waren es, die ihm über die ersten schweren Tage hinweghalfen.

Nachdem die Kinder zur Schule gebracht worden waren, versammelte sich meine Familie im Besuchszimmer der Intensivstation zu einem Gespräch mit den Ärzten und dem Pflegepersonal. Es war eine unbehagliche Situation mit sehr viel Schweigen, denn aus medizinischer Sicht gab es kaum etwas Neues zu berichten. Ich hatte die Nacht überlebt, das immerhin war positiv, doch die nächste Aufgabe bestand darin, mich über den Rest der Woche zu bringen.

Mark wollte wissen, wie düster die Prognose sei, deshalb fragte er: »Auf einer Skala von null bis zehn, wobei zehn Tod bedeutet, wie schlimm steht es da um Kate?«

Er erwartete eine mittlere Einstufung von fünf, doch als Antwort erhielt er »Acht«.

Dies war der Punkt, als wirklich zu allen durchdrang, wie nahe ich dem Tode war. Meine Mutter war entsetzt, zum einen über die nüchterne Art und Weise, wie Mark mein Leben auf eine Wahrscheinlichkeits-Waagschale hatte legen können, zum anderen über die Trostlosigkeit der Antwort. Sie brauchte einen Hoffnungsschimmer, um das natürliche Gleichgewicht der Mutterschaft wiederherzustellen, welches besagt, dass die Kinder einen überleben sollten.

Einer der Ärzte, ein Ire, musste die Fassungslosigkeit meiner Mutter bemerkt haben, denn er erklärte, das Gehirn sei ein erstaunliches Organ, und er habe einen Fall wie meinen erlebt, bei dem es zu einer Besserung gekommen sei. Und wenn es erst einmal zu einem Fortschritt käme, dann vollzöge sich für gewöhnlich ziemlich schnell ein Heilungsprozess, der sogar zu einer fast normalen Genesung des Patienten führen könne. Allerdings machte der Doktor seinen eigenen Hoffnungsschimmer gleich wieder zunichte, als er hinzufügte, um mich stünde es wirklich sehr schlecht, und bei vielen Patienten mit einer schweren Schädigung des Hirnstamms wie meiner könne man kaum mit einer vollständigen Genesung rechnen. Vielmehr müsse man davon ausgehen, dass ich für den Rest meines Lebens ein Pflegefall bliebe. Falls ich überlebte.

»Das sind keine guten Aussichten«, fasste Mark die Gedanken der anderen zusammen. Die Ärzte nickten zustimmend.

In den folgenden Tagen machte sich Mark den Grundsatz zu eigen: »Das Leben wird hart sein, aber wir müssen damit zurechtkommen.« Bei der Arbeit informierte er seinen unmittelbaren Vorgesetzten, sprach aber nicht mit seinen anderen Kollegen darüber, da er keine schwierigen Fragen beantworten wollte. Mit Unterstützung meiner Mutter und seiner Eltern entwickelte er eine tägliche Routine aus Arbeit, Krankenhaus und Schlaf. Sobald die Kinder um halb neun im Bett waren, legte auch er sich schlafen. Er wollte vermeiden, abends allein dazusitzen und ins Grübeln zu geraten, denn er wusste, wenn er es zuließe, würde er in ein tiefes Loch stürzen, aus dem er vielleicht nie mehr herauskäme. Später erzählte er mir, er habe es noch Monate nach meinem Schlaganfall nicht geschafft, sich in unser Wohnzimmer zu setzen, wo das Drama begonnen hatte. Der Raum vermittelte ihm ein Gefühl zu großer Einsamkeit.

Es ist erstaunlich, dass einen in den bittersten Zeiten die einfachsten Dinge zum Lachen bringen können. Für Mark und meine Familie ergab sich dies anlässlich einer entgangenen Fischpastete und eines Kneipenabends mit den Kumpels.

Sobald sich die Nachricht von meinem Zustand verbreitet hatte, trat die Dorfgemeinschaft von Dore in Aktion. Mit Krankenhausbesuchen war niemandem geholfen, daher versorgte man die ganze Familie mit guter Hausmannskost, was Mark sehr zu schätzen wusste. Die Frauen der Kirchengemeinde taten sich zusammen und kochten im Rotationsprinzip. Wenn man bedenkt, dass wir seit unserer Hochzeit vor fast zwölf Jahren keinen Fuß mehr in die Kirche gesetzt hatten, mit Ausnahme des jährlichen Weihnachtskonzertes, war dies eine außergewöhnlich freundliche Geste.

Jeden Tag wartete auf unserer Türschwelle ein anderes Gericht: herzhafte Aufläufe, Töpfe mit Chili con Carne oder Schüsseln mit Spaghetti Bolognese. Eines tauchte jedoch nicht auf: eine angekündigte Fischpastete, auf die sich besonders mein Stiefvater Dave freute, da es seine Lieblingspastete war. Als er an jenem Freitagabend mit meiner Mutter aus dem Krankenhaus kam, war keine Fischpastete zu sehen. Sie fragten herum, doch niemand wusste etwas davon. Um nicht unhöflich zu erscheinen, bedankten sie sich bei der Köchin, ohne die Pastete gefunden zu haben. Das Rätsel löste sich erst ein paar Tage später auf, als eines der Kinder eine Schultasche von der Anrichte nahm und darunter die vermisste Speise fand.

Kurz danach luden eine Gruppe Ehemänner aus Dore und seine Mountainbike-Kumpel Mark in die Dorfkneipe ein, damit er für ein paar Stunden auf andere Gedanken kam. Es funktionierte großartig, denn inmitten seines Freitagabendbieres sagte Mark: »Ich habe dermaßen viel um die Ohren, dass ich noch nicht mal dazu gekommen bin, mir einen runterzuholen!«

Daraufhin meinte einer aus der Gruppe: »Wenn ich dir irgendwie behilflich sein kann, brauchst du mir nur Bescheid zu geben.«

Der Mann bemerkte gar nicht, was er da wörtlich angeboten hatte, und Mark verzichtete auf das Angebot, aber die Geschichte sorgte seitdem immer wieder für Lacher.

KAPITEL 5

Innen lebendig

Nachdem ich aus dem Koma erwacht war, bekam ich alles um mich herum mit, während die Ärzte und das Pflegepersonal darum kämpften, Leben zu retten. Über das Rauschen der Ventilatoren und das Piepen des Herzmonitors hinweg hörte ich die gedämpften Stimmen des Personals, wie sie sich über die schlechten Aussichten anderer Patienten unterhielten. Doch ich konnte nichts unternehmen, um ihnen klarzumachen, dass ich lebte und zuhörte.

Ich spürte jeden Schmerz in meinem Körper, und jeder schien verstärkt. Die Schmerzen in der Schulter wollten nicht verschwinden, und ich konnte sie durch nichts lindern. Gestützt durch zwei Kissen unter meinen Armen und mit Schläuchen in jeder Körperöffnung, fühlte ich mich, als sei ich das Opfer irgendeines bizarren Folterrituals.

Den Blick hielt ich starr auf diese verdammte Uhr gerichtet – das war alles, was ich tun konnte. Ich weinte freiwillige und unfreiwillige Tränen, geboren aus Schwermut, Frustration und der Notwendigkeit, Aufmerksamkeit zu erregen. Blinzeln war das Einzige, was ich kontrollieren konnte, doch jemanden darauf aufmerksam zu machen, lag völlig außerhalb meiner Macht, was zu weiteren Tränen führte.

Um 16.17 Uhr erschienen neben meinem Bett eine Krankenschwester mittleren Alters mit einem Dutt und eine blonde Hilfsschwester. Sie unterhielten sich, schauten mich dabei aber nicht an, sondern durch mich hindurch. Die ältere Schwester hielt eine Spritze in der Hand und injizierte Schmerzmittel in eine Kanüle, die in meinem rechten Handrücken steckte. Sie schwieg und vermied die ganze Zeit über jeglichen Blickkontakt, während ich spürte, wie die Kälte des Medikaments in meinen Blutkreislauf floss. Danach rollten mich die beiden vom Rücken auf die linke Seite.

Es war das erste Mal, dass ich bewusst wahrnahm, wie das vierstündliche Ritual ablief, das ein Wundliegen verhindern sollte. Tränen rannen mir über die Wangen. Ich versuchte sie wegzublinzeln, doch sie tropften mir in den Mund. Ich verstand nicht, weshalb die Schwestern nicht mit mir sprachen. Ich wollte verzweifelt wissen, was hier geschah. Ich hoffte so sehr, dass sie über die Schläuche und Diagramme hinweg den Menschen anschauen würden, der da gefangen in einer gelähmten Hülle lag.

Ich stellte mir vor, dass diese Schwestern, die im Retten von Leben ihre Berufung gefunden hatten, in einem anderen Leben jene Art unabhängiger, motivierter Frauen sein mochten, die ich gerne meine Freundinnen genannt hätte, wenn ich nur die Chance dazu erhielte. Später erfuhr ich, dass sie geglaubt hatten, ich sei hirntot, und die Tränen seien meine Art gewesen, dem alten Leben nachzutrauern.

»Riecht, als wenn da jemand einen Wechsel braucht«, murmelte die ältere Schwester ihrer Kollegin zu, als eine Duftwolke aus meiner Windel sie erreichte. Als sie die Vorhänge um mein Bett zogen, wurde mir klar, dass ich am Anfang einer langen Reihe von Erniedrigungen stand. Während ich ausgezogen und von einer Seite auf die andere gerollt wurde, die Schwestern mir den Hintern abwischten und die schmutzigen Einlagen in den Windelbeutel wanderten, versuchte ich, meine Scham zu unterdrücken. Ich schloss die Augen und rief mir das Gefühl frischer morgendlicher Bergluft in meiner Lunge in Erinnerung. In meiner Fantasie lief ich über Hügel.

Nachdem sie ihre Arbeit verrichtet hatten, gingen die Schwestern zum nächsten Bett, und ihre Stimmen verloren sich im Surren und Schwirren der Maschinen. Erneut blieb mir nur das Zählen der Minuten. Wo ist Mark?, fragte ich mich. Ob er wohl weiß, dass ich lebe? Weshalb redet denn niemand mit mir?

Eine Stunde verstrich, doch in diesem Niemandsland zwischen Medikamenten und Tod erschien es wie eine Ewigkeit. Dann erblickte ich am Ende meines Bettes plötzlich ein vertrautes Gesicht.

»Mein Gott, hast du uns einen Schrecken eingejagt«, sagte Mark und versuchte, fröhlich zu klingen und seine Angst zu verbergen, als er mit dem Wrack seiner Frau konfrontiert wurde.

Mark hatte mich nie krank erlebt – außer bei dem einen Mal, bei dem ich mir während eines Rugbyspiels auf der Hochschule den rechten Arm brach. Selbst als Woody mit einem Kaiserschnitt zur Welt kam, stand ich bereits drei Tage später wieder auf und ging ins Fitnessstudio. Mich drei Tage lang im Koma liegen zu sehen, war ein gewaltiger Schock für Mark. Obwohl meine Augen jetzt ein wenig geöffnet waren und leise Hoffnung bestand, erwies sich unsere Konversation als sehr einseitig.

Ich war unheimlich erleichtert, ihn zu sehen. Er umging sämtliche Schläuche, setzte sich ans Bett und umarmte mich. Ich versuchte meine Hand zu bewegen, um seine Finger zu umklammern. Nichts. Ich versuchte meinen Fuß zu bewegen. Nichts. Ich wusste nicht, was mit mir passiert war. Ungewollt liefen mir Tränen über das Gesicht, und ich hatte keine Möglichkeit, sie zu verbergen, während Mark von seinem Tag bei der Arbeit berichtete und die eigenen Tränen zurückhielt.

»Deine Mutter ist zu Hause und kümmert sich um die Kinder. Kate, du musst wieder gesund werden, schließlich weißt du, dass ich es nicht sieben Tage die Woche mit deiner Mutter aushalte«, sagte er in dem Versuch, die ernste Situation aufzuheitern.

Ich wollte ihm mitteilen, dass ich lebte, doch mir stand keine Form der Kommunikation zur Verfügung. Mark hatte mir immer gesagt, meine Augen sprächen deutlicher als Worte. Er hatte gewitzelt, ein einziger Blick in meine Augen würde reichen, um zu wissen, ob ihn Unheil erwartete, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Jetzt konnte ich nur geradeaus starren und hoffen, dass er bemerkte, wie ich eine Verbindung zu ihm suchte. Ich wollte ihn fragen, ob er den Beitrag für Woodys Schwimmgruppe überwiesen hatte. Ich wollte wissen, ob India, Harvey und Woody gesehen hatten, wie ich in den Rettungswagen geschafft wurde, und ob sie genauso angsterfüllt waren wie ich.

Ich beobachtete Mark, während er sprach, doch sein Gesichtsausdruck blieb vage. Ich fragte mich, ob die Ärzte ihm die Wahrheit gesagt hatten. Wusste er, dass ich sterben würde? War dies sein Abschiedsbesuch? Ich hatte Angst, er könnte auf meinen verkrüppelten Körper hinabsehen und mich dann verlassen. Mark redete noch, und mir schoss ein Gedanke durch den Kopf, der meine Augen lachen ließ: »Dies ist das erste Mal, dass du in einem Gespräch mit mir die Oberhand gewinnen kannst, genieße es also!« Ich beobachtete, wie sich seine Lippen bewegten, und ich hätte sein Gesicht so gerne mit den Händen umfasst ...

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