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So liebt nur ein Texaner

1. KAPITEL

Der Unbekannte mit dem breitkrempigen Texanerhut stand lächelnd vor Lisa Sanders und rührte sich nicht von der Stelle.

Lisa seufzte im Stillen. Der Mann war es eindeutig gewohnt, seinen Willen durchzusetzen. Nicht bei mir, dachte sie und richtete sich hinter ihrem Schreibtisch noch etwas auf.

Sie arbeitete erst seit einem Monat als Brians Empfangsdame, aber sie wusste, worauf es ihm ankam. Sie sollte ihren Chef vor ungebetenen Besuchern schützen, und da ließ sie sich weder durch Schmeicheleien noch durch Einschüchterungsversuche beeindrucken. Sie machte ihre Arbeit gut.

Der Besucher hatte sich als Alan Barrett vorgestellt und behauptet, Brian würde ihn erwarten. Aber er stand nicht auf der Liste für heute.

Lisa sah Alan Barrett fest in die unglaublich blauen Augen und versuchte zu ignorieren, wie heftig ihr Herz plötzlich klopfte.

„Mr. Summers ist in einer Besprechung, da kann ich ihn jetzt nicht stören“, erklärte sie freundlich, aber bestimmt. „Er hat heute einen vollen Terminkalender. Vielleicht kann ich Sie kurz nach eins einschieben.“

Das Lächeln auf Alan Barretts Gesicht verschwand. „Hören Sie, Miss …“, er warf einen Blick auf ihr Namensschildchen auf dem Tisch. „Miss Sanders, Brian und ich sind nicht nur Geschäftspartner, sondern auch Freunde. Vor einer knappen Stunde habe ich mit ihm telefoniert, und wir haben uns um zehn hier verabredet.“ Er blickte auf seine Uhr. „Das ist jetzt.“

Lisa straffte die Schultern und entgegnete höflich: „Möchten Sie vielleicht so lange Platz nehmen, dann kläre ich das mit Mister Summers, sobald die Besprechung zu Ende ist.“ Dabei wies sie zu der ledernen Sitzgruppe im Vorraum.

Sie spürte, wie der Besucher sie musterte: ihren kinnlangen blonden Bubikopf, die Farbe ihres Lippenstiftes, ihr marineblaues, strenges Kostüm.

Und plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie zurückstarrte und mit dem Blick geradezu an seinem kantigen Kinn und den breiten Schultern unter dem edlen Mantel hing. Alan Barrett war ein äußerst attraktiver Mann.

Sein Gesicht war von dem Texanerhut halb verdeckt, aber sie nahm an, dass er schon an die vierzig sein musste. Viel zu alt für sie und überhaupt nicht ihre Kragenweite! Außerdem hatte sie in absehbarer Zukunft kein Interesse an Männern. Sie war gerade dabei, in ihrem Beruf und ihrem Leben endlich Fuß zu fassen.

Denn Brian war nicht nur ihr Chef. Er und seine Frau Carrie hatten Lisa geholfen, als sie an einem Tiefpunkt ihres Lebens angekommen war. Sie hatten sie buchstäblich von der Straße geholt. Ohne die beiden würde sie vielleicht immer noch in einem Obdachlosenasyl schlafen, fremde Menschen hätten ihr Baby adoptiert, und sie hätte es nie mehr wiedergesehen.

Brian und Carrie Summers hatten ihr ein Zuhause und eine zweite Chance gegeben, wofür sie ihnen ewig dankbar war. Bald würde sie ihre Maklerzulassung bekommen und Brians offizielle Assistentin werden. Und sie hatte sich geschworen, ihn niemals zu enttäuschen.

Wahrscheinlich gab es sowieso keinen Mann auf der Welt, der mit der Tatsache leben konnte, dass sie ihr Kind fortgegeben hatte.

Ihre Kollegen im Büro hielten sie für eine Verwandte von Brian, und nur ein paar enge Freunde kannten die wahre Geschichte: Als Lisa achtzehn Jahre alt und im achten Monat schwanger gewesen war, hatten die Summers sie bei sich aufgenommen, ihr Baby adoptiert und Lisa seither wie eine Tochter behandelt. Sogar das Studium hatten sie ihr bezahlt.

Alan Barrett schien keine Ahnung von alldem zu haben. Wie gut konnte er denn dann mit Brian befreundet sein?

Seine angenehme, tiefe Stimme riss sie aus ihren Gedanken: „Da ich Sie heute zum ersten Mal sehe, Miss Sanders, sind Sie wohl neu hier. Und Sie machen Ihren Job sicher sehr gut. Aber Sie sollten Brian jetzt trotzdem Bescheid sagen. Nicht, dass Sie es später bedauern.“

Er versuchte sie einzuschüchtern! Aber mit autoritärem Auftreten löste man bei Lisa unweigerlich das Gegenteil aus. Sie war schon immer absolut allergisch gegen jede Art von Bevormundung.

„Ich werde diesen Job nicht so schnell verlieren, Mister Barrett, glauben Sie mir“, erklärte sie gefasst. „Wenn Sie sich nicht setzen wollen, dann müssen Sie wohl später wiederkommen.“

War der Mann überrascht darüber, dass er bei ihr so auf Granit biss?

Zumindest ließ er sich nichts anmerken. Er sah nur ein weiteres Mal auf seine Uhr und bemerkte ruhig: „Zu dumm, ich hätte Brian gern gleich gesprochen, weil ich danach einen wichtigen Anruf erledigen wollte. Haben Sie vielleicht irgendein leeres Besprechungszimmer, von dem aus ich telefonieren kann?“

Lisa überlegte. Brian hatte sicher nichts dagegen, wenn sie Alan Barrett in einen der Räume ließ. Sie musste ihn nur im Auge behalten.

Mit einem Nicken erhob sie sich und sagte: „Kommen Sie mit.“

Während sie vor ihm herging, spürte sie ein heftiges Kribbeln im Nacken. Unwillkürlich hoffte sie, dass ihre Kostümjacke nicht allzu verknittert war. Und dass ihr Rock noch richtig saß.

Hör auf, ermahnte sie sich innerlich. Was ging sie dieser Mann an? Sobald er seine Geschäfte mit Brian abgewickelt hatte, verschwand er wieder aus ihrem Leben.

Als sie das erste freie Besprechungszimmer erreichten, stieß Lisa die Tür auf und wollte einen Schritt zurücktreten, um Alan Barrett an sich vorbeizulassen. Aber sie war nicht schnell genug, und im Umdrehen stieß sie fast mit ihm zusammen. Er war über einen Kopf größer als sie.

Unwillkürlich blickte sie hoch, und ihr stockte der Atem. Sie roch sein Aftershave, das nach Wald, Erde und Mann duftete, und fühlte sich plötzlich ganz klein und zerbrechlich neben ihm.

Der raue Stoff seines Mantels streifte ihre Jacke, und sie sah etwas in Alan Barretts Augen aufflackern, das sie nicht recht deuten konnte.

Hatte ihr kleiner Beinahezusammenstoß ihn etwa auch nicht kalt gelassen?

Was ist los mit dir, fragte sich Lisa. Seit wann hast du bei der Arbeit Männerfantasien?

Schnell trat sie einen Schritt zurück und erklärte, ohne Alan Barrett direkt anzusehen: „Sie können hierbleiben, so lange Sie wollen. Wenn Brian fertig ist, sage ich ihm, dass Sie da sind.“

Dann eilte sie zurück an ihren sicheren Schreibtisch.

Alan atmete tief durch. Er war es nicht gewohnt, einfach so abgeschoben zu werden. Weder zu Hause auf der Ranch seiner Familie in Texas noch bei seiner Arbeit im Immobiliengeschäft, die ihn im letzten Jahr immer häufiger mit Brian Summers zusammengebracht hatte. Er mochte Brian und sah ihn mittlerweile auch als Freund an.

Etwas ratlos musterte er die blonde junge Frau, die ihm so entschlossen den Zugang zu Brian versperrte. Bei einem Blick in ihre grünen Augen und das herzförmige Gesicht hatte sich sein Puls plötzlich so beschleunigt wie seit Jahren nicht mehr.

Was war los mit ihm? Fast hätte er leise geflucht. Lisa Sanders wirkte kaum älter als seine eigene Tochter!

Im nächsten Moment war sie verschwunden.

Halb erleichtert, halb bedauernd trat Alan ans Fenster und sah hinaus auf die viele Stockwerke unter ihm liegende Stadt.

Dann griff er nach seinem Handy und rief bei der Schule seiner Tochter an. In einer halben Stunde hatte er einen Gesprächstermin mit Christinas Betreuerin, aber vielleicht hatte er ja Glück und bekam sie schon jetzt ans Telefon. Dann war die Wartezeit nicht verloren.

Während er dem Freizeichen lauschte, lächelte Alan versonnen. Christina hatte seit Kurzem ihre Zulassung für die Stanford University in der Tasche, aber sie überlegte ernsthaft, lieber an der Universität von Illinois Tiermedizin zu studieren. Seine Exfrau Sherri hielt nicht viel von dieser Idee. Ihr wäre es lieber, Christina würde sich für Psychologie oder Humanmedizin entscheiden. Auch sie hatte heute noch einen Termin mit Christinas Betreuerin, um diese Fragen zu besprechen.

Aber seine Tochter hatte schon immer ihren eigenen Kopf gehabt. Sie war Alans ein und alles, und meistens gelang es ihr, ihn auf ihre Seite zu ziehen.

Alan hatte Glück, die Frau war da, und eine halbe Stunde später waren ihm die künftigen Studienaussichten seiner Tochter schon klarer. Erleichtert bedankte er sich bei Christinas freundlicher Betreuerin, steckte sein Handy ein und verließ das Besprechungszimmer.

Entschlossen näherte er sich Lisa Sanders’ Schreibtisch, um noch einmal darauf zu bestehen, dass sie Brian von seiner Ankunft benachrichtigte. Sie hatte ihn noch nicht bemerkt, und so blieb er kurz stehen und beobachtete sie.

Ihr Bubikopf war perfekt geschnitten und schwang bei jeder Bewegung locker mit. Ihr langärmeliges Kostüm saß wie maßgeschneidert an ihrem schlanken Körper, und die weiße Bluse hatte einen sittsamen runden Ausschnitt. Ein kleines Medaillon baumelte darüber.

Vermutlich ein Geschenk von einem festen Freund.

Ärgerlich schüttelte Alan den Kopf. Was ging ihn das denn an? Seit wann fühlte er sich zu so viel jüngeren Frauen hingezogen?

Aber in Lisa Sanders’ Augen hatte er eine Reife gesehen, die ihn verwirrte.

Jetzt öffnete sie gerade mit geübten Griffen einen Briefumschlag und zog einen doppelt gefalteten Bogen heraus. Im nächsten Moment wurde sie totenblass.

Was für Post konnte sie so aus der Fassung bringen?

Instinktiv trat Alan näher. Er sah, dass ihre Hände zitterten. „Stimmt etwas nicht?“, fragte er, als er vor ihr stand.

Sie starrte immer noch völlig geistesabwesend auf das Papier in ihrer Hand.

„Miss Sanders, ist alles in Ordnung?“, wiederholte Alan sanft.

Da sah sie hoch zu ihm. Als ihre Blicke sich begegneten, durchfuhr es ihn schon wieder in jeder Faser seines Körpers. Doch in ihren Augen erkannte er so etwas wie Furcht. Was hatte die junge Frau so erschreckt?

Im nächsten Moment hatte Lisa Sanders sich wieder gefangen. Sie blinzelte, setzte ihre geschäftsmäßige Miene auf und holte tief Luft. „Alles in Ordnung“, antwortete sie abweisend.

„Ihre Hände zittern“, bemerkte Alan.

Sie starrte hinunter auf ihre Hände und den Brief. Rasch faltete sie den Bogen zusammen und steckte ihn in die Tasche ihres Blazers. „Mir ist ein bisschen kalt, glaube ich … das feuchte Wetter draußen …“

Ja, in Portland ist es wirklich ständig feucht, dachte Alan. Aber er spürte, dass Lisa Sanders trotzdem gerade das Blaue vom Himmel herunterschwindelte. Ihr war nicht kalt! Schuld war der Brief, den sie so schnell hatte verschwinden lassen. Der hatte sie völlig aus der Fassung gebracht.

Das geht dich alles gar nichts an, ermahnte Alan sich innerlich.

Jetzt erklangen Stimmen hinter Brians verschlossener Bürotür. Sekunden später trat Brian mit zwei Klienten heraus, die sich gleich darauf verabschiedeten.

Erfreut begrüßte Brian Alan, der verstohlen Lisa betrachtete. Sie öffnete mit konzentrierter Miene die restliche Post und war immer noch sehr bleich.

„Schön, dich zu sehen“, bemerkte Brian zu Alan. „Was hat sich seit letztem Monat in Texas getan?“

„Alles paletti. Mein Bruder hat die Ranch im Griff“, gab Alan lächelnd zurück. „Ich kann sie ihm zwischendurch bedenkenlos überlassen.“

„Ihr habt euch wohl schon miteinander bekannt gemacht?“, fragte Brian Lisa.

Lisa nickte lächelnd. Alan erschien ihr Lächeln leicht gezwungen.

„Ja. Als er kam, wollte ich dich nicht stören“, gestand sie ehrlich.

„Du kannst mich jederzeit stören, wenn Alan hier auftaucht, das hätte ich dir wohl sagen sollen“, erklärte Brian.

Dann nahm er den Stapel Post, den Lisa ihm schweigend reichte, ging ihn schnell durch und bemerkte: „Das kann alles warten. Legen wir lieber gleich los. Bei diesem Projekt hätte ich dich gern mit dabei, Lisa.“

Überrascht sah Lisa ihren Chef an, und wieder war Alan fasziniert von ihren unergründlichen grünen Augen. Was für Tiefen verbargen sich darin?

Brian nickte. „Du musst Erfahrungen sammeln, und das kannst du am besten, indem ich dich in meine Projekte stärker einbeziehe. Learning by doing! Außerdem könntest du uns helfen und Notizen machen.“

Lisa beugte sich über ihren Schreibtisch und griff nach Notizblock und Stift. Wieder roch Alan ihr betörendes Parfüm, eine Mischung aus Blüten- und Moschusduft. Er trat einen Schritt zurück und bedeutete ihr formvollendet, an ihm vorbei Brians Büro zu betreten. Für einen Moment begegneten sich ihre Blicke.

Als sich alle drei um Brians Tisch gesetzt hatten, erklärte Brian: „Lisa hat im Dezember ihren Collegeabschluss gemacht.“

„Ist Margery denn nicht mehr da?“, fragte Alan. Margery war Brians langjährige Sekretärin, und bei Alans letztem Besuch hatte Margery noch an Lisa Sanders’ Platz gesessen.

Brian lachte. „Margerys Mann ist in Rente gegangen, da haben die beiden sich ein Wohnmobil gekauft. Zurzeit fahren sie kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten. Lisa hat ihren Posten nur vorübergehend übernommen, bis sie die Maklerzulassung hat und offiziell meine Assistentin wird.“

Alan nickte verstehend, aber in seinem Kopf kreisten unendlich viele Fragen. Warum hatte Brian ausgerechnet Lisa Sanders eingestellt? Warum war er bereit zu warten, bis sie ihre Zulassung bekam? Warum hatte er nicht einfach eine Mitarbeiterin mit mehr Erfahrung genommen?

Im Lauf des Gesprächs beobachtete Alan die beiden verstohlen. War da vielleicht etwas zwischen seinem Freund und dieser jungen Frau? Er konnte keine Anzeichen dafür erkennen. Aber natürlich wusste man nie, was hinter geschlossenen Türen vor sich ging.

Alans Gedanken wanderten weiter. Irgendwann einmal hatte Brian ihm gegenüber eine Bemerkung über schwierige Zeiten in seiner Ehe gemacht, aber seit er und Carrie vor drei Jahren den kleinen Timothy adoptiert hatten, schien sich alles in Wohlgefallen aufgelöst zu haben.

Selten hatte Alan ein so glückliches Paar und so hingebungsvolle Eltern gesehen.

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder Lisa zu. Sie starrte auf ihren Notizblock und hielt den Stift bereit. Aber Alan spürte, dass sie in Gedanken ganz woanders war.

Als Brian fortfuhr, Einzelheiten ihres gemeinsamen Projekts zu erläutern, notierte sie hin und wieder Stichworte, ohne ein einziges Mal hochzusehen.

„Im Prinzip haben wir mit deinem gestrigen Fax alle Papiere beisammen“, bemerkte Brian jetzt zu Alan. „Hast du schon ein Meeting mit den Investoren vereinbart?“

„Nächsten Donnerstag“, entgegnete Alan. „Wir könnten am Mittwoch fliegen.“

Brian nickte, dann wandte er sich Lisa zu. „Ich hätte gern, dass du mitkommst und Alan und mir assistierst. Zum Glück befindet sich das Gelände bei Alan um die Ecke, da können wir auf seiner Ranch wohnen.“

„Ich soll nach Texas mitkommen?“, fragte Lisa. Ihre Wangen hatten sich leicht gerötet, und sie warf Alan einen kurzen Blick zu, als erschreckte sie der Gedanke, mit ihm noch mehr zu tun zu bekommen.

Alan fragte sich überrascht, ob er darüber gekränkt oder geschmeichelt sein sollte.

„Ich bin doch gerade noch mitten im Umzug“, fuhr sie zögernd fort. „Und ich …“

Als sie sah, wie Brian irritiert die Augenbrauen hochzog, gab sie sich geschlagen. „Okay, das kann natürlich alles warten“, sagte sie lächelnd. „Ich komme gern mit.“

Von da an wirkte sie konzentrierter und schien den Brief, der sie so verstört hatte, fürs Erste vergessen zu haben.

Als sie sich bald darauf erhoben und gemeinsam Brians Büro verließen, sagte Alan spontan zu Lisa: „Packen Sie für Mittwoch bequeme Kleidung ein. Wenn Sie Stiefel haben, bringen Sie die mit. Wir haben Pferde, falls Sie gern reiten möchten.“

Lachend antwortete sie: „Ich bin erst ein Mal in meinem Leben geritten, und das war nicht gerade ein Erfolgserlebnis.“ „Wir haben auch ein paar ganz sanfte Tiere“, bemerkte er lächelnd.

„Alan und sein Bruder züchten auf ihrer Ranch erstklassige Reitpferde“, warf Brian ein. „Und Alan reitet sie selbst zu, stimmt’s, Alan?“

„Wenn ich Zeit habe. Ich war im letzten Jahr so oft fort, dass Neal das jetzt meistens allein macht“, entgegnete Alan bedauernd.

Lisa wandte sich ihrem Chef zu. „Wie lang werden wir dort bleiben?“

„Drei oder vier Tage voraussichtlich. Je nachdem, wie es läuft.“

„Soll ich Plätze im Flieger reservieren lassen?“

„Nicht nötig. Ich haben meinen eigenen Jet“, erklärte Alan. „Mein Pilot ist bei Bedarf innerhalb von einer Stunde bereit.“

Die meisten Frauen waren sehr beeindruckt, wenn Alan seinen Privatjet erwähnte, nicht jedoch Lisa Sanders. Sie nickte nur und sagte einfach: „Ach so.“

„Und was hast du jetzt vor? Lunch mit Craig?“, fragte Brian mit einem Blick auf seine Armbanduhr.

Lisa nickte und erklärte lachend: „Ich muss mich noch umziehen. Auf keinen Fall setze ich mich so auf sein Motorrad.“

Schnell streckte sie Alan die Hand hin. „Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Mister Barrett. Wenn Sie nächstes Mal kommen, sage ich Brian sofort Bescheid, versprochen.“

Alan ergriff ihre Hand. Im ersten Moment erschien sie ihm kühl, doch dann entstand aus dem Händedruck eine Hitze, die ihn durchströmte wie alter Whiskey.

Sie ließen beide gleichzeitig los, und Alan spürte, dass Lisa ebenso durcheinander war wie er. Da gab es eine Chemie zwischen ihnen, die er so noch nie mit einer Frau erlebt hatte. Und er hatte immerhin einige Erfahrung mit Frauen.

Als Lisa gegangen war und Brian noch ein paar Papiere zusammenräumte, gab Alan sich einen Ruck und fragte seinen Freund nebenbei: „Wie alt ist sie?“

„Lisa? Einundzwanzig“, gab Brian zerstreut zurück.

Alan schluckte. Dann sagte er langsam: „Wäre es nicht besser, bei dem Projekt jemanden mit mehr Erfahrung dabei zu haben? Ich kann jemanden aus meinem Büro in Rocky Ridge dazuholen.“

Jetzt blickte Brian ihn an. „Lisa ist jung, aber sie ist ehrgeizig und lernt schnell. Sie hat das College in drei statt in vier Jahren geschafft und dazu noch im Sommer gearbeitet. Aber wenn es dir lieber ist, dass wir jemanden von deinen Leuten mit ins Boot nehmen …“

„Nein, nein, wenn sie die Richtige für das Projekt ist …“, wehrte Alan ab. Im Hinblick auf Geschäftliches vertraute er Brian vorbehaltlos.

Als er kurz darauf Brians Büro verließ, sah er Lisa in Begleitung eines jungen Mannes aus dem Haupteingang kommen. Der Mann trug Lederjacke, Stiefel, langes Haar, ein Piercing an der Augenbraue und Ohrringe.

Und Lisa Sanders war kaum wiederzuerkennen. Sie hatte jetzt einen schwarzen Pullover an, der sich eng an ihren Körper schmiegte, und tiefsitzende Jeans mit einem breiten, steinchenbesetzten Gürtel. Über ihrem Arm hing ebenfalls eine Lederjacke, und ihre schlanken Beine steckten in Motorradstiefeln.

Beim Anblick der beiden jungen Leute spürte Alan plötzlich das ganze Gewicht seiner achtunddreißig Jahre.

Gleichzeitig gestand er sich ein, dass er wieder dasselbe empfand wie zuvor, als Lisa Sanders ihm den Weg zu Brian versperrt hatte: Er fühlte einen überwältigenden Drang, Lisa zu küssen.

Seine Fantasien erschreckten ihn selbst, und entschlossen schob er alle Gedanken in dieser Richtung beiseite. Lisa Sanders war Brians Assistentin und arbeitete mit ihnen an diesem Projekt zusammen. Mehr konnte und durfte nicht sein.

Nach dem Mittagessen hatte Craig Lisa wieder vor dem Büro abgesetzt und war verschwunden. Lisa schloss die Tür zum Waschraum hinter sich und ging daran, sich wieder umzuziehen.

Als sie sich den Pullover über den Kopf streifte, schien das Meerjungfrauen-Tattoo an ihrem linken Arm ihr direkt zuzuwinken. Auch die Tätowierung mit dem Friedenszeichen an ihrem rechten Handgelenk erinnerte sie daran, dass sie gerade versuchte, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Im Büro wusste – außer Brian natürlich – niemand etwas von ihren Tattoos. Sie hielt sie immer sorgsam bedeckt. Sie passten einfach nicht ins Bild einer jungen, aufstrebenden Karrierefrau.

Bevor sie ihre Jeans auszog, holte sie aus der hinteren Tasche den Bogen Papier heraus, der dort die ganze Zeit förmlich wie Feuer gebrannt hatte. Sie faltete ihn auf und las ein weiteres Mal die hässliche anonyme Botschaft:

Du schuldest mir was. Glaub nicht, dass ich das vergessen habe!

Müde schloss sie die Augen und atmete tief durch. Beinahe hätte sie Craig beim Essen von dem geheimnisvollen Brief erzählt. Schließlich war er ihr bester Freund.

Nach Timothys Geburt hatte sie irgendwann sogar einmal gedacht, aus ihrer Beziehung könnte vielleicht mehr werden. Aber dazu war es nie gekommen. Der zwei Jahre ältere Craig blieb so etwas wie ihr großer Bruder und Beschützer, und Lisa lag viel an dieser Freundschaft. Auf Craig konnte sie sich immer verlassen.

Die Botschaft war ein Computerausdruck auf unauffälligem weißem Papier. Vor Jahren, als Lisa auf der Straße lebte, hatte sie Kontakt zu einigen üblen Typen gehabt: Zuhälter wollten, dass sie für sie arbeitete, Drogendealer versuchten, sie in ihre Dienste zu nehmen. Steckte jemand aus diesem Milieu dahinter?

Dann gab es noch Thad, den leiblichen Vater ihres Sohnes. Er hatte nie etwas mit ihr und dem Baby zu tun haben wollen, denn er lebte nur für den Football und seinen großen Traum: die National League.

Konnte der Brief von Thad kommen? Er hatte damals ebenso wie Lisa offiziell auf alle elterlichen Rechte verzichtet.

Lisa schluckte. Manchmal quälte diese Entscheidung sie jetzt nachts, und dann hielt der Schmerz sie wach. Aber damals war sie sicher gewesen, dass es das Beste für ihr Kind war.

Sie straffte die Schultern und wandte sich wieder der Gegenwart zu. Was sollte dieser Brief überhaupt bedeuten? War er der Auftakt zu irgendeiner Art Erpressung? Dachte jemand, wegen ihrer Beziehung zu Brian und Carrie schwamm sie ebenfalls in Geld?

Langsam faltete Lisa das Papier wieder zusammen und legte es in ihre Brieftasche. Sie wollte erst noch gründlich darüber nachdenken, bevor sie jemandem davon erzählte.

Auf keinen Fall wollte sie Brian und Carrie da mit hineinziehen, nach allem, was die beiden für sie getan hatten. Sie stand jetzt auf eigenen Beinen und war von niemandem mehr abhängig. Es war ihr Leben.

Während sie sich vorbeugte und Stiefel und Jeans auszog, baumelte das Medaillon, das sie immer trug, vor ihrem Gesicht vor und zurück. In Slip und BH blieb sie noch einen Moment lang stehen, öffnete das Medaillon und betrachtete das winzige Gesicht ihres Babys, das sie fortgegeben hatte. Langsam strich sie über die seidige Haarlocke, die dabei lag.

„Du bist glücklich, so, wie es ist, mein Schatz“, flüsterte sie. „Nur darauf kommt es an. Carrie und Brian lieben dich wie ihr eigenes Kind.“

Dann schlüpfte sie schnell in ihr Kostüm und die hochhackigen Schuhe, fuhr sich mit dem Kamm durchs Haar, legte neuen Lippenstift auf und musterte im Spiegel die Karrierefrau, die sie gerade zu werden versuchte.

Plötzlich schob sich Alan Barretts gebräuntes Gesicht mit dem festen Kinn und den markanten Fältchen vor ihr inneres Auge. Sie blinzelte.

Alan war um vieles älter als sie. Er war Brians Geschäftspartner. Er war allzu gut aussehend und wusste das auch. Er war ein klein wenig arrogant, willensstark, ja, vermutlich sogar autoritär. Alles Dinge, die gegen ihn sprachen.

Aber warum ging er ihr einfach nicht aus dem Kopf?

Wegen der überraschend tiefen Anteilnahme in seinen Augen, als sie den anonymen Brief geöffnet hatte? Oder weil es sie jedes Mal, wenn ihre Blicke sich begegneten, von Kopf bis Fuß heiß durchfuhr?

Mach dir keine Illusionen, ermahnte sie sich. Alan Barrett war bestimmt kein Mann, der auf Tattoos stand.

Und ganz sicher ließ er sich auch niemals ernsthaft mit einer Frau ein, die ihr Kind weggegeben hatte.

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