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So lang davon geträumt

1. KAPITEL

“Lockhart, warten Sie! Ich muss mit Ihnen reden!”

Als Steve Lockhart Caseys Stimme hörte, seufzte er, aber er behielt sein Tempo bei. Er war auf dem Weg vom Parkplatz zu seinem Büro.

“Hören Sie!”, rief sie jetzt. “Ich habe Ihnen etwas zu sagen.”

Ihm war klar, dass sie Aufmerksamkeit erregten, und ein paar Leute, die an diesem Septembernachmittag nach der Arbeit auf ihre Autos zusteuerten, schienen sich zu amüsieren. Die Streitereien zwischen ihm und Casey Jansen waren allgemein bekannt auf dem kleinen Flughafen in Arkansas, wo sie beide ihre Firmen hatten. Gewöhnlich genoss Steve die Auseinandersetzungen, aber heute hatte er es eilig.

Er verschwand im Vorraum von Lockhart Air. “Sag ihr, dass ich nicht da bin”, befahl er seiner Assistentin, während er an ihr vorbeilief. Dann schloss er die Tür seines Büros hinter sich. Als er nach dem Telefonhörer griff und die Nummer eines Kunden wählte, konnte er draußen Caseys erhobene Stimme hören.

“Was soll das heißen: Er ist nicht da? Ich habe gesehen, wie er reingegangen ist …”

Steve grinste. Dann konzentrierte er sich aufs Geschäft.

Eine halbe Stunde später steckte er vorsichtig den Kopf zur Tür hinaus. “Ist sie weg?”

Madelyn, seine Büromanagerin und persönliche Assistentin, blickte auf und lächelte. “Ja. Aber ich vermute, sie kommt zurück.”

Natürlich würde sie das tun, und Steve hoffte sehr darauf. Sonst würde er sich einen Vorwand ausdenken müssen, um zu ihr zu gehen. Die erbitterte geschäftliche Rivalität hatte Steve nicht davon abgehalten, sich bis über beide Ohren in Casey Jansen zu verlieben und Pläne für später zu schmieden, wenn die Zeit gekommen war. Aber er wollte lieber eine Begegnung vermeiden, bis er sie richtig genießen konnte.

Er lehnte sich gegen Madelyns Schreibtisch. “Gab es Anrufe, während ich weg war?”

Madelyn reichte ihm einen Stapel Notizzettel. “Nichts, das nicht bis morgen warten könnte.”

“Gut. Ich fliege heute Abend nach Memphis, um mit jemandem über eine gebrauchte Beechcraft zu reden, die zu verkaufen ist. Wenn ich den Verkäufer dazu kriege, ein paar Tausend runterzugehen, haben wir vielleicht eine neue Maschine in unserer Flotte.” Er sprach das letzte Wort etwas ironisch aus, da es sich dabei nur um drei Flugzeuge handelte.

Madelyn nickte. “Klingt gut. Aber sorge dafür, dass wir nicht Pleite gehen.”

Steve schmunzelte, aber die Warnung war berechtigt. Neue Firmen machten oft im ersten oder zweiten Jahr Bankrott, und Steve befand sich mit seiner Charterfluggesellschaft noch im gefährlichen Bereich. Die fünfunddreißigjährige, alleinstehende Madelyn führte ihm die Bücher und passte auf sein Geld auf, als wäre es ihr eigenes. Das gefiel Steve, da er selbst wenig Ahnung von Buchhaltung hatte.

Madelyn war klein, rundlich und wirkte auf manche Leute einschüchternd, aber sie hatte ein gutes Herz und war so ausgeglichen, wie Steve es noch bei niemand anderem erlebt hatte. Während der zwei Jahre, die sie inzwischen zusammenarbeiteten, hatte er begonnen, fast so etwas wie eine Schwester in ihr zu sehen. Er respektierte ihre Kompetenz, ihre Intelligenz und ihren trockenen Humor.

“Hat B. J. sich schon gemeldet?”, fragte er.

Madelyn schüttelte den Kopf. “Nein. Er gibt gerade Mrs. Hood Unterricht.”

Steve seufzte mitfühlend. Avis Hood nahm schon seit fast einem Jahr Flugunterricht und war immer noch beängstigend schlecht. B. J. würde die Geduld eines Heiligen brauchen, um weiter mit ihr zu arbeiten. Andere Leute hatten bereits versucht, sie davon zu überzeugen, dass sie besser auf dem Boden bleiben sollte. Glücklicherweise genoss sie die Lektionen und war bereit, gut dafür zu bezahlen.

Sein Blick fiel auf den übervollen Papierkorb neben Madelyns Schreibtisch. “Immer noch keine Nachricht von Janice?”

Madelyn verzog das Gesicht. “Nein. Ich mache mir wirklich Sorgen um sie.”

“Ich auch”, gab Steve zu. “Aber ich weiß nicht, was ich tun soll.”

Die junge Frau, die in den letzten sechs Monaten jeden Nachmittag ihr Büro saubergemacht hatte, war seit Freitag nicht mehr aufgetaucht. Janice war Anfang zwanzig, unverheiratet und hatte angeblich keine Familie. Außerdem war sie mindestens im achten Monat schwanger.

Als Janice am Montag nicht gekommen war, hatten sie versucht, sie anzurufen, aber niemand war an den Apparat gegangen. Da Janice immer zuverlässig gewesen war, hatte Steve sich schon am Dienstag solche Sorgen gemacht, dass er zu dem heruntergekommenen Wohnwagenpark gefahren war, wo Janice wohnte.

Niemand hatte die Tür aufgemacht. Er hatte in alle Fenster gesehen und keinen Menschen entdeckt. Der Manager des Wohnwagenparks hatte ihm erklärt, Janices Miete wäre bis zum Ende des Monats bezahlt, aber er hätte sie in letzter Zeit nicht gesehen. Allerdings hatte er hinzugefügt, dass er sie sowieso nicht oft sah, da sie viel Zeit allein in ihrem Wohnwagen verbrachte, nie Besuch bekam und ihre Miete immer pünktlich zahlte. Er wünschte sich, alle Mieter würden so wenig Ärger machen, hatte er noch gesagt.

Und nun war es wieder Freitag, und sie hatten immer noch nichts von Janice gehört. Madelyn hatte sauber gemacht, aber Steves Sorgen galten ohnehin nicht dem Staub auf den Möbeln.

“Ich hätte darauf bestehen sollen, dass sie uns noch eine andere Telefonnummer gibt, für Notfälle”, murrte er. “Es gibt doch sicher jemanden, der weiß, wo sie ist.”

Bevor Madelyn antworten konnte, ertönte eine vertraute Stimme. “Da sind Sie ja. Versuchen Sie nicht wieder, vor mir wegzulaufen, Lockhart.”

Steve drehte sich lächelnd zu Casey Jansen um. Sie war wie immer ein erfreulicher Anblick. In ihrem blauen Kleid und den farblich passenden Schuhen sah sie aus, als käme sie gerade aus einer Besprechung. Es bestand kein Zweifel daran, dass sie eine bemerkenswert attraktive Frau war. Ihr ovales Gesicht wurde von hellbraunem Haar umrahmt, das ihr bis zur Mitte des Rückens reichte. Ihre Augen waren dunkelblau, ihre Lippen voll und weich.

Steve war fasziniert von diesem Schmollmund und wünschte sich, endlich herauszufinden, wie es sein würde, Casey zu küssen. Aber vermutlich würde sie zuschlagen, wenn er es versuchen sollte. Offensichtlich war sie nicht bereit, sich einzugestehen, dass eine gewisse Anziehungskraft zwischen ihnen bestand.

Sie schien ihn nicht besonders zu mögen, vermutete Steve, aber immerhin dachte sie wohl oft an ihn. Genau wie er die meiste Zeit an sie denken musste. Und in letzter Zeit hatte sie sogar eine Rolle in seinen Träumen gespielt.

Obwohl er wusste, worüber sie mit ihm reden wollte, wich er doch aus. “Ich nehme an, Sie haben auch nichts von Janice gehört?”, fragte er.

Casey blinzelte. “Janice?”

“Die Frau, die abends Ihr Büro sauber macht, wenn sie mit unserem fertig ist.”

“Ich weiß, wer sie ist. Aber offensichtlich wollte sie nicht mehr weiter arbeiten.”

Steve hob eine Augenbraue. “Hat sie gekündigt?”

“Nein, aber das hat ihre Vorgängerin auch nicht getan.”

“Die Frau ist verhaftet worden, weil sie in ihrem Küchengarten die falschen Kräuter angepflanzt hat”, erinnerte Steve Casey trocken. “Madelyn und ich machen uns Sorgen, dass Janice in Schwierigkeiten stecken könnte. Sie war in letzter Zeit sehr nervös, und es sieht ihr gar nicht ähnlich, nicht anzurufen. Im Wohnwagenpark hat sie auch die ganze Woche niemand gesehen.”

“Wahrscheinlich ist sie zu ihrer Familie zurückgekehrt. Oder zum Vater des Babys”, meinte Casey. “Ich habe mich schon gefragt, wie lange sie noch würde arbeiten können. Vorige Woche habe ich mich erkundigt, was ihr Arzt davon hält, und sie hat geantwortet, sie dürfte es tun, solange sie sich dabei wohl fühlt.”

Steve wusste, dass Casey eine andere Einstellung zu den Angestellten hatte als er. Für sie schienen Zahlen wichtiger zu sein als Menschen. Aber er hatte sie eigentlich nie für hartherzig gehalten. “Sie machen sich überhaupt keine Sorgen?”

Ihr Ausdruck veränderte sich. “Ich habe mir schon Gedanken um sie gemacht, seit ich erfahren habe, dass sie zweiundzwanzig ist, allein, unverheiratet und schwanger”, gab sie zu. “Aber jedes Mal, wenn ich gefragt habe, ob ich ihr helfen kann, hat sie behauptet, dass mich das alles gar nichts angeht. Ich würde sagen, das hat sie Ihnen nun auch klargemacht, indem sie einfach verschwunden ist. So schwer es mir fällt, ich werde nächste Woche jemand anders einstellen, und ich schlage vor, das tun Sie auch.”

“Janice hätte nicht einfach aufgehört, ohne anzurufen”, behauptete Madelyn. “Sie wird zurückkommen, wenn sie kann.”

“Aber unsere Papierkörbe quellen über, und die Toiletten müssen geschrubbt werden. Wir können nicht einfach alles stehen und liegen lassen, bis sie wiederkommt.” Casey strich sich durchs Haar, und Steve hatte den Eindruck, dass sie müde war. Er hatte ihr oft vorgeworfen, dass sie zu hart arbeitete, um erfolgreicher zu sein als er. Seine Sorge um sie hatte sie natürlich nicht daran gehindert, so weiterzumachen.

Casey war temperamentvoll, stur, kratzbürstig und litt ein bisschen unter Verfolgungswahn, wenn es um Steve ging. Er dagegen war hingerissen von ihr. Und wenn die Zeit reif dafür war, würde er versuchen, sie von seinen Gefühlen zu überzeugen.

In der Zwischenzeit musste er sich ums Geschäft kümmern. “Ich muss weg. Madelyn, fahr nach Hause. Es ist fast sechs. Wir sehen uns am Montag. Falls du von Janice hörst, sag ihr, ich werde ihr in jeder Weise helfen. Casey, es war wie immer ein Vergnügen, Sie zu sehen.”

Sie riss die Augen auf. “Warten Sie mal. Wir sind noch nicht fertig. Ich muss mit Ihnen reden … Verdammt, Lockhart, wagen Sie es ja nicht, wieder davonzulaufen.”

Er war schon halb zur Tür raus. “Tut mir leid, aber ich habe einen Termin. Vielleicht können wir uns nächste Woche unterhalten.”

Sie folgte ihm auf den Fersen, als er ins Freie trat. Es wurde allmählich kühler, aber die Hitze des Tages steckte noch im Asphalt und drang durch die Schuhsohlen. Steve war froh, dass er das Flugzeug im Hangar gelassen hatte. Wenn es draußen gestanden hätte, wäre es im Cockpit jetzt so heiß gewesen wie in einem Backofen.

Casey legte eine Hand auf seinen Arm. “Ich hasse es, wenn Sie mich so ignorieren.”

Er grinste und berührte ihre Hand leicht. “Ich weiß, Casey, Darling. Aber Sie müssen zugeben, dass Sie dadurch einen guten Grund haben, hinter mir herzulaufen.”

Sie zog ihre Hand weg, und ihre Augen schienen Funken zu sprühen. “Davon träumen Sie wohl.”

“Oft”, sagte er und erinnerte sich an einen bestimmten Traum, in dem sie beide auf einer einsamen Insel waren.

Sie musterte ihn unsicher. Es brachte sie immer durcheinander, wenn er andeutete, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte. Er hätte gern geglaubt, dass sie in Versuchung war, ebenfalls mit ihm zu flirten, aber noch hatte sie sich das nicht gestattet.

Und dann schüttelte sie den Kopf. Offenbar nahm sie an, dass er sie bloß aufziehen wollte. “Ich will wissen, warum Sie mir George McNalley abgeworben haben”, fuhr sie ihn an. “Er war fünf Jahre lang ein zufriedener JCS-Kunde. Und jetzt finde ich heraus, dass er plötzlich Sie beschäftigt. Was haben Sie ihm versprochen?”

Steve trat in den Hangar und strich liebevoll über eine der glänzend weißen Tragflächen seines Flugzeuges. Er freute sich auf einen friedlichen, einsamen Flug. “Zuverlässigen Service zu einem ausgezeichneten Preis.”

“Den hat er schon von mir bekommen”, protestierte Casey.

“Sehen Sie den Tatsachen ins Gesicht, Casey. Ich habe Sie unterboten. Und außerdem mag er mich”, fügte Steve selbstzufrieden hinzu.

Sie gab einen unterdrückten Fluch von sich. “Sie haben den guten alten Kumpel gespielt, was? Sie haben ihm eingeredet, ein Mann wäre besser geeignet, eine Fluglinie zu führen als eine Frau. Er ist einer der Kunden, der sich Sorgen gemacht hat, ich könnte nicht fähig sein, das Geschäft nach dem Tod meines Vaters weiterzuführen, oder? Haben Sie solche sexistischen Argumente benutzt?”

Steve legte eine Hand auf den Türgriff des Flugzeuges. “Casey, ich finde, Sie sind vollkommen qualifiziert, den Jansen Charter Service zu leiten. Immerhin tun Sie es jetzt schon ein Jahr lang erfolgreich. Sie sind ein harter Konkurrent. Aber das bin ich auch. Wenn es ums Geschäft geht, macht es für mich überhaupt keinen Unterschied aus, dass Sie eine Frau sind. Ich werde Sie deswegen nicht unterschätzen, und ich werde Ihnen deswegen auch keine Zugeständnisse machen. Ich werde weiter Service zu Tiefstpreisen anbieten, und wenn das zu Ihren Lasten geht … Nun ja, so ist das Leben.”

Sie schwieg einen Moment, dann murmelte sie: “Ich werde Sie in den Bankrott treiben, Lockhart.”

“Das können Sie gern versuchen”, antwortete er gleichmütig. “Genau wie Sie es schon ein Jahr lang tun. Aber ich habe jetzt genauso wenig die Absicht, mich von Ihnen ruinieren zu lassen wie damals. Wenn Sie mich nun entschuldigen würden … Ich muss …”

Er brach ab, als er die Tür öffnete und auf den Pilotensitz blickte.

“Wenn Sie glauben, dass ich … Was ist das?” Casey war ebenfalls verblüfft.

“Es sieht aus wie ein … Baby.” Steve musterte das winzige schlafende Geschöpf in dem Plastikkindersitz. Es war noch so klein, dass er sich einen Moment lang fragte, ob es nicht eine Puppe war.

Aber dann bewegte es den Mund. Anscheinend war es unzufrieden.

Casey schnappte nach Luft. “Du meine Güte, Steve. Es ist ein Baby!”

Er warf ihr einen aufgebrachten Blick zu. “Das habe ich doch gerade gesagt.”

“Aber wem gehört es? Wie ist es hierhergekommen?”

Er sah sich schnell im Hangar um, aber er und Casey waren allein. Sogar Ralph, sein Mechaniker, war schon nach Hause gegangen. Wer immer das Baby hier gelassen hatte, musste das in der letzten halben Stunde getan haben. “Ich weiß es nicht.”

Das Kind bewegte sich unruhig. Die winzigen Hände öffneten und schlossen sich immer wieder. Wegen der Hitze trug es bloß ein dünnes weißes Hemd und eine Windel.

Casey starrte es weiter an. “Steve, dieses Baby kann nicht älter sein als ein paar Tage. Haben Sie erwartet, ein Baby hier zu finden?”, fragte sie. “Hatten Sie es deshalb so eilig?”

“Nein, ich habe kein Baby in meinem Flugzeug erwartet. Was soll das für eine Frage sein?”

“Sie meinen, irgendwer hat es einfach hier ausgesetzt?”

“Wer sollte denn ein Baby ausgerechnet in meinem Flugzeug aussetzen?” Steve schüttelte ungläubig den Kopf. Falls das ein Scherz war, war es ein verdammt schlechter. Er sah sich noch mal um, aber es war niemand da, abgesehen von Casey, ihm selbst … und dem Baby.

“Wir sollten es hineinbringen”, meinte Casey. “Es ist zu heiß hier draußen.”

“Hinein?”, wiederholte Steve verständnislos.

“In Ihr Büro. Es ist näher als meins. Wir können von dort die Polizei anrufen.”

“Die Polizei?”

Casey verdrehte die Augen. “Hören Sie auf, alles zu wiederholen, was ich sage! Natürlich müssen wir die Polizei anrufen. Das muss man tun, wenn man ein verlassenes Baby findet. Immerhin könnte es sein, dass es einen Arzt braucht.”

Steve sah wieder das Baby an und fragte sich, warum ihm die Vorstellung, es der Polizei zu übergeben, unangenehm war. Aber Casey hatte wohl recht. Wenn wirklich jemand das Baby ausgesetzt hatte, mussten sie die zuständigen Behörden benachrichtigen. “Okay. Sie tragen es.”

“Ich?” Casey versteckte hastig ihre Hände hinter dem Rücken. “Nein, besser nicht. Ich könnte es fallen lassen. Sie tragen es.”

Er verzog das Gesicht. Aber da er keine Alternative sah, hob er vorsichtig den Kindersitz aus dem Flugzeug. Er war überraschend leicht. Das Baby schien nicht mehr als sechs oder sieben Pfund zu wiegen.

Etwas flatterte auf den Boden. Casey bückte sich danach.

“Was steht da?”, fragte Steve.

Caseys Stimme zitterte ein bisschen. “Bitte kümmern Sie sich um Annie.” Sie blickte auf. “Das ist alles. Keine Unterschrift.”

Bitte kümmern Sie sich um Annie. Steve musterte das hilflose Baby. “Du musst Annie sein”, murmelte er.

Er blickte auf und merkte, dass Casey ihn ansah. “Jemand hat dieses Baby im Stich gelassen”, sagte sie, als würde sie es jetzt erst begreifen.

Steve schluckte. “Bringen wir sie rein.”

Vielleicht würde er klarer denken können, wenn sie sich in seinem Büro befanden. Aber vermutlich würde er auch dann immer noch keine Ahnung haben, was er mit einem neugeborenen Baby tun sollte.

Casey biss sich auf die Lippe, als sie Steve zurück in sein Büro folgte. Er ging jetzt langsamer als vorhin und trug das Baby so vorsichtig, als wäre es zerbrechlich. Es sah außergewöhnlich klein aus in Steves starken Armen.

Casey konnte immer noch kaum fassen, dass jemand ein Kind in Steve Lockharts Flugzeug ausgesetzt hatte. Was wäre gewesen, wenn er nicht vorgehabt hätte, dieses Flugzeug zu benutzen? Wenn er den Hangar abgeschlossen hätte, ohne hineinzublicken? Hatte die Mutter von einem Versteck aus beobachtet, ob ihr Kind auch gefunden wurde? Casey sah sich um, aber niemand schien besonders auf sie zu achten. Die Mutter des Kindes hätte ebenso gut inzwischen in einem anderen Staat sein können.

Madelyn saß noch an ihrem Schreibtisch. Sie unterhielt sich mit einem großen Mann, dessen Haar und Bart rot waren. Außerdem trug er ausgefranste Jeans und grüne Turnschuhe. Casey schüttelte missbilligend den Kopf, wie sie das immer tat, wenn sie B. J. Smith sah, der als Pilot und Fluglehrer für Lockhart Air arbeitete. Ihre eigenen Piloten trugen perfekt gebügelte Khakihemden mit dem Logo vom Jansen Charter Service. Eine professionelle Erscheinung war Casey wichtig, genau wie sie das für ihren Vater gewesen war.

Mit einem Anflug von Panik dachte sie, dass sie trotzdem Kunden an Lockhart verlor. Steve sorgte dafür, dass ihr Profit immer weniger wurde. Vor seinem Tod hatte ihr Vater katastrophale Entscheidungen getroffen, die fast der Ruin der Firma gewesen wären. Aber George McNalley würde der letzte Kunde sein, den sie an Steve Lockhart verloren hatte. Sie würde beweisen, dass ihr Vater – und alle anderen Leute – sich geirrt hatten, als sie vorausgesagt hatten, dass sie die Firma verlieren würde, die ihr Großvater vor vielen Jahren gegründet hatte.

Eine tiefe Stimme riss sie aus ihren Gedanken. “Hey, Steve, ich dachte, du wärst … Was ist das?” B. J. riss die Augen weit auf, als er das Baby sah.

“Es ist ein Baby”, antwortete Madelyn überrascht.

Steve stellte den Kindersitz vorsichtig auf den Schreibtisch.

“Jemand hat dieses arme Kind in Steves Flugzeug ausgesetzt”, erklärte Casey.

“Soll das ein Witz sein?”, fragte B. J.

Steve schüttelte den Kopf. “Als ich die Tür öffnete, war es da. Niemand sonst war im Hangar.”

“Wir haben diese Notiz gefunden”, fügte Casey hinzu und legte den Zettel hin.

B. J. rieb sich den Nacken. “Was wollt ihr jetzt tun?”

“Wir werden natürlich die Polizei anrufen”, antwortete Casey, als Steve zögerte. “Sie werden jemanden herschicken, der Nachforschungen anstellt und sich um das Baby kümmert.”

“Nein”, sagte Madelyn, und alle Augen richteten sich auf sie.

“Was meinen Sie damit?” Casey verzog das Gesicht. “Natürlich müssen wir die Polizei rufen. Es ist ein Verbrechen, ein Baby auszusetzen. Und dieses Kind muss sofort versorgt werden. Wir wissen nicht, wie lange es her ist, seit es gefüttert wurde, oder wie lange es in dem Flugzeug gelegen hat.”

Plötzlich machte sich Casey Sorgen, weil das Baby immer noch so fest schlief. Hätte es nicht inzwischen von all den Geräuschen aufgewacht sein müssen? Jemand musste etwas unternehmen, und da alle anderen wie gelähmt zu sein schienen, griff Casey nach dem Telefon.

Madelyn legte ihre Hand auf Caseys. “Warten Sie.”

“Das können wir nicht länger.”

Als hätte das Baby nun endlich gemerkt, dass etwas Wesentliches im Gange war, wachte es auf und fing an zu weinen. Die blauen Augen waren weit offen, die winzigen Hände und Füße bewegten sich heftig. Und das Weinen war überraschend laut für so kleine Lungen.

Steve versuchte, den Kindersitz hin und her zu bewegen und das Baby mit beruhigenden Worten zu trösten, aber das nützte nichts.

“Man sollte es vielleicht hochnehmen”, meinte B. J. “Die Babys meiner Schwester haben immer aufgehört zu weinen, wenn sie jemand in den Arm genommen hat.”

“Madelyn?”, fragte Steve hoffnungsvoll.

Madelyn schüttelte den Kopf. “Es ist zu winzig. Und ich bin zu nervös.”

Steve wandte sich an Casey. “Ich nehme nicht an, dass Sie …”

“Versuchen Sie es”, erwiderte sie schnell. Der Gedanke, es selbst zu tun, erschreckte sie furchtbar. “Wahrscheinlich hat es Hunger. Ich erledige inzwischen den Anruf.”

Wieder versuchte sie den Hörer aufzunehmen, aber Madelyn hinderte sie erneut daran. “Nein.”

Steve atmete tief ein, löste die Gurte des Kindersitzes und umschloss unsicher Kopf und Hüften des Babys mit den Händen. Dann legte er es an seine breite Brust. Casey beobachtete ihn und bemerkte plötzlich, dass ihre Kehle sich aus irgendeinem Grund zusammengezogen hatte. Es hatte einen gewissen Reiz zuzusehen, wie ein großer starker Mann ein winziges Kind in den Armen hielt … besonders wenn der Mann so attraktiv und sexy wie Steve Lockhart war.

Sie drehte sich rasch zu Madelyn um und hob die Stimme, um das Weinen des Babys zu übertönen. “Warum wollen Sie nicht, dass ich die Polizei anrufe?”

Wieder schüttelte Madelyn den Kopf. “Was ist, wenn es Janices Baby ist?”, fragte sie. “Was ist, wenn sie es zu uns gebracht hat, weil sie unsere Hilfe braucht?”

2. KAPITEL

Casey erstarrte. Sie hatte nicht daran gedacht, dass es Janices Baby sein konnte. Nun sah sie Steve an, der immer noch das unglückliche Kind in den Armen wiegte. Ihn schien Madelyns Idee nicht besonders zu überraschen. War ihm diese Möglichkeit schon selbst in den Sinn gekommen?

“Janices Baby ist doch erst in zwei Wochen oder so fällig, oder?”, fragte sie zögernd.

“Es ist nicht besonders groß”, meinte B. J. “Es könnte durchaus eine Frühgeburt sein. Und es sieht nicht aus, als wäre es älter als ein paar Tage. Wie lange ist es her, dass jemand Janice gesehen hat? Eine Woche? Dann könnte es tatsächlich ihr Kind sein.”

Casey bekam allmählich Kopfschmerzen. “Warum sollte Janice ihr Baby in Steves Flugzeug legen? Das ist doch verrückt.”

“Ich habe ja gesagt, dass sie in Schwierigkeiten ist”, murmelte Madelyn.

“Wenn Janice die Mutter ist, hat sie uns das Kind aus einem bestimmten Grund gegeben.” Steve deutete auf den Zettel auf dem Schreibtisch. “Sie dachte, wir würden ihr helfen.”

B. J. nickte ernst. “Sie muss verzweifelt sein.”

Casey sah sie alle ungläubig an. “Sie glauben wirklich, Janice hätte ihr neugeborenes Baby in Steves Flugzeug gelegt?”

“Sie müssen zugeben, dass das möglich ist”, sagte Steve.

“Vielleicht”, stimmte Casey widerstrebend zu. “Aber das ändert nichts daran, dass wir die Behörden benachrichtigen müssen.”

“Sie wollen die Cops auf Janice hetzen?”, fragte B. J. vorwurfsvoll.

Sie ging sofort in die Defensive. Konnten diese Leute nicht erkennen, dass sie sich Sorgen um das Baby machte – und um Janice? “Wenn es Janices Kind ist, ist sie offensichtlich in Schwierigkeiten. Sie braucht Hilfe.”

“Die Polizei wird ihr nicht helfen”, meinte Madelyn. “Sie werden sie nur festnehmen, weil sie das Kind gefährdet hat. Und dann werden sie ihr das Baby wegnehmen.”

“Wieso glauben Sie, dass sie Annie will?”

“Weil sie Steve gebeten hat, sich um sie zu kümmern. Sie wird zurückkommen, sobald sie kann.”

Casey schüttelte den Kopf. “Das können Sie nicht wissen.”

“Ich weiß, dass sie das Baby nicht bei Steve gelassen hätte, wenn sie es hätte loswerden wollen.”

“Madelyn, wenn sie nur einen Babysitter wollte, wäre das kaum die richtige Art gewesen, einen zu finden.”

“I

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