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So küsst nur ein stolzer Spanier

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1. KAPITEL

Tiefblau schmiegte sich das Mittelmeer an Barcelonas weitläufige Küste. Schaumkronen tanzten auf den Wellen dahin, die auf dem hell schimmernden Strand ausliefen. Über dem Tragflügel strahlte hell und groß die Sonne und übergoss die Landschaft mit strahlendem Morgenlicht. Alison schaute gebannt durch das kleine Flugzeugfenster nach unten. Gleich würde die Maschine landen, und sie freute sich schon auf einen Café con leche an der nächsten Ecke. Doch dann plötzlich machte das Flugzeug einen Schwenk und riss sie aus ihren wohligen Gedanken. Dächer blitzten auf, und ein Blick auf die Armbanduhr sagte ihr, dass sie keine Zeit zu verlieren hatte. Ja, sie musste sich sogar beeilen. Denn der bevorstehende Termin war so wichtig wie schon lange keiner mehr.

Als sie wenig später mit den anderen Passagieren ins Flughafengebäude lief, schaltete sie ihr Handy ein: Ich hoffe, es geht Dir gut. Melde mich zur Mittagszeit noch einmal. Beste Grüße aus London, Paul, lautet die SMS.

Er soll mich in Ruhe lassen!, stöhnte Alison innerlich.

Sie wollte nicht, dass Paul sie immer wieder anrief. Er war der Sohn eines sehr wichtigen und wohlhabenden Geschäftspartners, und allein dies genügte, dass ihre Geschwister sie mit ihm verkuppeln wollten. Paul war nett, ja, und sie kannten sich schon seit ihrer Jugend. Doch er war viel zu blass und bieder, um sie zu faszinieren, wobei allerdings niemand nach ihrem Geschmack fragte, von Liebe ganz zu schweigen. Alison seufzte tief. Bei der gewünschten Heirat ging es einzig und allein um das Wohl der Firma. Obwohl Paul sie tatsächlich ein wenig umwarb.

Aber ich möchte den Mann, mit dem ich mein Leben verbringe, selbst aussuchen, sagte sie sich wohl zum hundertsten Mal und beschleunigte ihre Schritte. Und genau das war auch ein Grund, warum sie vor einem Jahr von London nach Madrid gezogen war. Vielleicht konnte sie einer Vernunftehe, wie ihre Schwester Helen sie führte, ja doch noch entkommen. Niemand konnte ihr weismachen, dass Helen glücklich geworden war. Doch der Ortswechsel allein würde nicht genügen …

Alison erreichte den Terminal. Menschen hasteten vorbei, Stimmen hallten laut durch den Raum. Zum Glück war der Leihwagen schon bestellt, und zwischen dem Termin am Vormittag und dem Rückflug nach Madrid am Nachmittag warteten ein paar freie Stunden auf sie. Auf keinen Fall wollte sie sich von den schweren Gedanken an ihre beklemmende Lage die Laune verderben lassen.

Wenig später kämpfte sie sich konzentriert durch den dichten Stadtverkehr. Ziel war Pedralbes, eine exklusive Wohngegend im Westen Barcelonas. Hier lebten neben wohlhabenden Familien auch die Film- und Fernsehstars, Politiker und Diplomaten, ihre großzügigen Anwesen hinter dichten Hecken und hohen Zäunen dezent verborgen.

Als sie endlich angekommen war, warf Alison noch schnell einen Blick in den Rückspiegel. Wache grüne Augen schauten ihr entgegen, ihre dunkelblonden Locken waren in einem straffen Haarknoten gebändigt, und das Make-up kaschierte perfekt die kleinen Sommersprossen auf ihrer hellen Haut. „Du wirst überzeugend wie immer sein, es gibt keinen Grund zur Aufregung“, sagte sie zu sich selbst und lächelte. Dennoch erinnerte sie das seltsame Gefühl in der Magengegend daran, wie unsicher sie in ihrer ersten Zeit als Immobilienagentin gewesen war. Seitdem jedoch hatte sie so viele erfolgreiche Verkaufsgespräche geführt, dass sie diese schon lange nicht mehr zählte. Warum sollte es diesmal anders sein?

Die exklusive Villa eines französischen Weltstars ist eben doch etwas Besonderes, versuchte sie sich ihre Nervosität zu erklären, als sie ausstieg. Vielleicht lag es einfach am berühmten Namen ihrer Auftraggeberin: Carla Croix. Der persönliche Assistent der Diva hatte zwar angegeben, dass die Schauspielerin keinesfalls anwesend wäre, doch Alison fand es aufregend, gleich durch ihre privaten Räume zu gehen und zu sehen, wie sie hier in Barcelona gelebt hatte. Sie liebte ihre Filme, gab es darin doch stets einen begehrenswerten Helden, eine bezaubernde Heldin, jede Menge Zärtlichkeit und ein Happy End – eben genau das, was in ihrem Leben fehlte.

Lautstark schlug sie die Wagentür zu, als könnte sie damit endlich ihr seltsames Bauchgefühl vertreiben. Sie strich die Hosenbeine glatt und sog die frische Luft tief ein. Viel zu warm war es ihr in dem hellgrauen Hosenanzug, der nun von Flug und Fahrt auch noch zerknittert war. Aber als sie am frühen Morgen in ihrem Madrider Apartment den Wetterbericht für Barcelona hörte, hatte sie einfach nicht glauben wollen, dass dieser Frühlingstag so heiß werden sollte. An das mediterrane Klima hatte sie sich immer noch nicht ganz gewöhnt, sich sonst aber gut eingelebt. Bereits als junges Mädchen hatte sie begeistert Spanisch gelernt und ihren Bruder Robert, der lange vor ihr in Madrid arbeitete, so oft wie möglich besucht. Und nun war ihr Traum, hier im sonnigen Süden auch zu leben, endlich in Erfüllung gegangen.

Sie hatte das Auto ein Stück von der Villa entfernt geparkt, um noch ein paar Schritte gehen zu können. Sie liebte es, neue Gebiete zu erkunden und dabei vielleicht auf ein interessantes Objekt zu stoßen. Wie aufregend war es damals gewesen, das verträumte Schloss mit den windschiefen Türmen in den grünen Tälern Cornwalls zu entdecken. Und erst die rustikale Hazienda mit dem grandiosen Blick, versteckt im Vorland von Madrid, der Sierra de Guadarrama. Beide Immobilien hatte sie sehr gewinnbringend veräußert, und es war ihre Eintrittskarte an die Spitze von „Coleman’s First Class Homes“ gewesen, eine Position, die sie nicht nur wegen der Familienzugehörigkeit innehatte.

Schon von Weitem erkannte sie die Villa, umwachsen von hohen Palmen, die das Anwesen wie ein schönes Gemälde einrahmten. Hell, fast gleißend, erstrahlte die Fassade im Sonnenlicht. Als Alison nur noch wenige Meter entfernt war, setzte sich mit einem leisen Surren das eiserne Schiebetor in Bewegung. Man hatte ihre Ankunft also schon bemerkt.

Sie folgte einem geschwungenen Kiesweg, der von rosa und violett blühenden Rhododendren gesäumt war. Aus einem kleinen Teich stob eine Wasserfontäne empor, in deren Sprühnebel das Licht in den schönsten Farben tanzte. Insekten summten, Büschel hohen Ziergrases wogten in einem kaum spürbaren Luftzug, und die vielen Blüten verbreiteten einen intensiven süßen Duft. Welch Frieden hier herrschte!

Vor einem prächtig verzierten Portal, an dem ein faustgroßer goldener Löwenkopf als Türklopfer wachte, blieb sie stehen. Es war Punkt zehn. Alison hielt den Atem an und spürte eine Mischung aus Erleichterung und Furcht. Mit diesem millionenschweren Auftrag würde sich die Lage der Firma zwar etwas bessern, aber die finanzielle Krise des Unternehmens war damit noch lange nicht überstanden. Lief denn nicht doch alles darauf hinaus, dass sie Paul heiraten musste? Und wenn sie es nicht tat? Was würde passieren, wenn sie sich weigerte? Womöglich würde sie so alles verlieren …

Sie stieß die Luft aus, um diesen katastrophalen Gedanken abzuschütteln. Dann öffnete sich die Tür: Ein gedrungener Mann mit sehr kurzem Haar, einer randlosen Brille und einem dichten Bart trat ihr entgegen.

„Mrs. Coleman!“, begrüßte er sie mit festem Händedruck. „Es ist zu warm für diese Jahreszeit, viel zu warm. Kommen Sie herein! Ich bin Domingo Sanchez, der Assistent von Madame Croix.“

Sie traten ins Innere der Villa, wo sich ihre Augen erst an das Dämmerlicht gewöhnen mussten. Es war angenehm kühl hier, und Alison folgte dem Assistenten in den Empfangsraum, der sparsam, aber edel möbliert war. Sie nahm auf einem der hellen Ledersessel Platz.

„Warum haben Sie Ihr Auto außerhalb geparkt? Unser Carport bietet Platz für mindestens fünf Wagen. Oder drei Limousinen, je nachdem.“ Er lachte kurz auf. „Hatten Sie eine gute Reise?“

Alison verzog die Lippen zu einem dünnen Lächeln und nahm ein Glas mit kaltem Orangensaft entgegen. „Ja, danke. Außer, dass eben im Wagen die Klimaanlage ausgefallen ist …“

Señor Sanchez wiegte übertrieben bedauernd den Kopf.

Einen Moment lang taxierte Alison den etwas arrogant wirkenden Spanier, der noch ein weiteres Glas auffüllte und dann die Arme vor der Brust kreuzte. Er schien auf etwas zu warten, und Alison überlegte, ob sie ihm offen oder eher reserviert begegnen sollte. „Das Expose hat nicht zu viel versprochen, wie mir scheint. Es muss ein Traum sein, hier zu leben“, sagte sie bewundernd. Durch das Fenster bot sich ein weiter Blick in den riesigen Garten. Zwar gab es in diesem Stadtteil allerlei Villen, Lofts und Apartments für den großen Geldbeutel, aber für dieses Luxusobjekt musste man schon Multimillionär sein. Durstig trank sie das Glas aus und stellte es hörbar auf den Tisch zurück, eine Geste, die zeigen sollte, dass sie für den Rundgang bereit war. Doch Señor Sanchez rührte sich nicht.

„Wollen wir?“, hakte Alison betont ruhig nach.

„Wir warten noch.“

Alisons Herz schlug einen Moment lang schneller. Würde die Diva etwa doch persönlich anwesend sein? Señor Sanchez hatte bei der Terminvereinbarung schon angedeutet, dass es Carla Croix um mehr ging als nur um einen möglichst hohen Verkaufspreis. Die Villa „Sol y Mar“ war ihr eine Herzensangelegenheit und sollte in besondere Hände gelangen. Der Assistent würde ihr sicher gleich die Einzelheiten über den Verkauf und die Wünsche der Schauspielerin darlegen.

„Ist Carla Croix …“

„Nein, Madame ist nicht anwesend. Wir warten noch auf Señor Martinez, und es wäre unhöflich, ohne ihn zu beginnen.“

Alison runzelte die Stirn. „Warten? Warum?“ Instinktiv griff sie nach ihren Unterlagen. Sie hatte auf einmal das Gefühl, schutzlos zu sein. „Handelt es sich um den Hausmeister?“

Nun schien auch der Assistent irritiert: „Hat die Nachricht Sie denn nicht mehr erreicht? Auch die Agentur ‚Casas Cristales‘ aus Barcelona ist mit im Rennen.“

„Nein“, antwortete Alison überrascht. „Das wusste ich nicht, und ehrlich gesagt würde ich auch gerne wissen …“ Señor Sanchez’ Augen funkelten gebieterisch hinter den Gläsern. „Nun, Señor Martinez, der Geschäftsführer, wird wohl gleich da sein“, unterbrach er Alison. „Er ist, wie auch Sie, in diesem Fall persönlich um die Sache bemüht. Ich dachte, Sie hätten davon Kenntnis. Eine besondere Anordnung von Madame. Sie besteht auf mehreren Angeboten unterschiedlicher Agenturen, das ist alles.“

Alison schluckte und bemühte sich, gelassen zu bleiben. In diesem Geschäft war es unklug, sich schon beim ersten Gespräch von Emotionen leiten zu lassen. Doch von möglicher Konkurrenz war bisher nicht die Rede gewesen. Unruhe erfasste sie. Was, wenn ihre Firma diesen großen Auftrag doch nicht bekam? Die aktuelle Krise des Unternehmens betraf sie hier in Spanien ganz besonders, die Geschäfte liefen nur schleppend. Sie biss sich auf die Lippe und versuchte, klar zu denken. Martinez war ein geläufiger Name, und sie konnte ihn in diesem Fall keinem konkreten Gesicht zuordnen. Immer wieder mal war ihr jemand mit diesem in Spanien typischen Namen begegnet, doch kein Mann hatte sie so aufgewühlt wie jener Martinez, als sie erst zwanzig Jahre und noch unerfahren gewesen war. Und den sie seitdem zu vergessen versuchte.

Jetzt erst bemerkte Alison die beiden Monitore an der Decke, die die Ansicht des Gartens sowie die Vorderfront des Hauses zeigten. Gerade fuhr dort ein Sportwagen mit offenem Verdeck vor. Doch das Bild war viel zu klein, als dass man den Fahrer hätte erkennen können.

„Da ist er ja!“, rief Señor Sanchez. „Wenn Sie mich bitte kurz entschuldigen würden …“

Plötzlich überkam Alison eine seltsame Aufregung. Das nervöse Gefühl in ihrem Magen breitete sich aus, und sie konnte einfach nicht mehr sitzen bleiben. Sie machte ein paar Schritte auf das Fenster zu, prüfte den Sitz ihrer Frisur und zog den Lippenstift nach. Gerade als sie ihre Handtasche wieder schloss, hörte sie die beiden Männer zurückkommen. Sie drehte sich um und konnte nicht verhindern, dass ein Laut der Überraschung aus ihrer Kehle drang und sie sich mit einer Hand auf dem Fensterbrett abstützen musste. Er war es! Ramon Martinez! Warum nur hatte sie so lange verdrängt, dass sie ihm eines Tages wieder begegnen könnte? Schließlich hatte sie ihn hier in Spanien kennengelernt, und danach war sie unzählige Male in der Madrider Filiale des Familienunternehmens zu Besuch gewesen. Und nun leitete sie selbst die Agentur, seit ihr Bruder nach dem Tod ihres Vaters vor einem Jahr wieder die Geschäfte in London betreute. Das kam davon, wenn man eins und eins nicht zusammenzählen konnte. Denn hatte sie nicht flüchtig davon gehört, dass auch Ramon in der Immobilienbranche tätig war? Doch eine solch hochkarätige Auftraggeberin wie Carla Croix traute sie ihm einfach nicht zu. Und nun war er sogar Geschäftsführer …? Verzweifelt versuchte sie, die Beherrschung wiederzuerlangen. Sie war wie betäubt.

Ramon überragte den Assistenten um einen ganzen Kopf. Seine dunklen Augen suchten sofort die ihren und brannten sich in sie ein. Ein Schauer lief Alison über den Rücken. Schon kam er auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. Doch statt sich wie üblich mit eigenem Namen vorzustellen, sagte er langsam, betont und ohne jede Überraschung: „Alison Coleman.“

Hoffentlich würde er ihr den Schock über das unerwartete Wiedersehen nicht anmerken! Sie zwang sich zu einem höflichen Lächeln. Ramon trug ein Sakko aus grober Seide und darunter ein helles Hemd, dessen obere Knöpfe nicht geschlossen waren. Sie konnte sogar den Ansatz seines dunklen Brusthaars sehen. Wie unverschämt leger und gut aussehend er zu einem Geschäftstermin kam!

„Ramon …“, brachte sie nur heraus, während er ihre Hand einen Moment länger als nötig hielt. Als er losließ, prickelte ihr ganzer Arm.

„Sie kennen sich?“, drang wie aus weiter Ferne die Stimme des Assistenten zu Alison.

„Ja, wir kennen uns von früher. Es ist ein Weilchen her, aber wir hatten schon einmal miteinander zu tun …“, antwortete Ramon, doch er schaute statt zu Señor Sanchez weiterhin in ihr Gesicht. „Geschäftlich“, setzte er nach. „Dann jedoch haben wir uns aus den Augen verloren.“

Alison nickte automatisch. Doch eigentlich ging das Señor Sanchez gar nichts an. Dieser schien zum Glück der gleichen Meinung zu sein, denn er kam, während er Ramon ein Glas Orangensaft reichte, gleich zum Wesentlichen: „Wenn Sie sich bereits kennen, können wir ja sofort beginnen. Wir machen nun eine komplette Begehung. Madame hegt übrigens den besonderen Wunsch, die Käufer bei Vertragsabschluss persönlich kennenzulernen.“

Nun schien auch Ramon überrascht. Er runzelte die Stirn, erwiderte jedoch nichts. Ein solcher Wunsch war ungewöhnlich. Normalerweise ging es einzig und allein um den Preis, Verkäufer und Käufer bekamen sich oftmals nicht zu Gesicht, weil die Makler das Geschäftliche erledigten.

Immer noch stand Alison wie angewurzelt vor dem Mann, der ihr einst so viel bedeutet hatte. Als sie seinen maskulinen Duft einatmete, stellten sich ihre Härchen auf den Armen auf. Zum Glück konnte niemand sehen, wie sich unter ihrem Jackett sogar die Spitzen ihrer Brüste verräterisch regten! Sie wandte sich ab und wünschte sich verzweifelt, flüchten zu können. Sie fühlte sich wie in einer Falle.

Nimm dich zusammen, mahnte sie sich und war froh, dass ihre Stimme nicht zitterte, als sie sich sagen hörte: „Ja, wir können gerne beginnen.“ Gleichzeitig aber ärgerte sie sich, weil Ramon so tat, als berührte ihn ihre Anwesenheit nicht im Geringsten. Stattdessen sah er sich interessiert um. Nun, er hat ja schließlich vorher gewusst, dass wir uns hier treffen werden, überlegte Alison angespannt, während sie ebenso versuchte, ihn nicht weiter zu beachten.

„Aufwendige Verarbeitung … kostspieliges Furnier …“, hörte sie die Ausführungen von Señor Sanchez wie aus weiter Ferne an ihr Ohr dringen und bemühte sich, aufmerksam zu folgen. Schließlich war ihr persönlicher Eindruck für den erfolgreichen Verkauf fast genauso wichtig wie die technischen Details. Und das Haus machte wirklich einen überwältigenden Eindruck. Wie überaus edel die Wohnsalons vertäfelt waren, wie makellos das Parkett glänzte! Jeder Raum war fast so groß wie ihr gesamtes Apartment in Madrid.

Den Speisesaal zierte ein herrlich glitzernder Kronleuchter über einer ausladenden Tafel, und die Wand schmückte ein überdimensional großer Farbdruck von Andy Warhol. Die Kombination aus moderner Eleganz mit einem Hauch Verspieltheit war bemerkenswert. Aber wie sehr Alison auch alles bestaunte, sie konnte sich kaum konzentrieren. Denn Ramon zog ihren Blick wie magisch auf sich, und dann nahm sie nur noch eins wahr: seine schlanke und gleichzeitig muskulöse Figur, die sich in der elegant geschnittenen Hose zu gut abzeichnete, die kräftigen gebräunten Unterarme, über die locker die Ärmel gekrempelt waren, das Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte. Diese Lippen waren es, die sie einst liebkosten. Diese Lippen waren es, die ihr seine Liebe gestanden hatten. Diese Lippen waren es, die sie nächtelang im Traum verfolgten … Hoffentlich konnte Ramon keine Gedanken lesen!

Doch dieser ging schweigsam hinter dem Assistenten her. Erst das geräumige Fitness-Studio, ausgestattet mit den neuesten Sportgeräten, entlockte ihm einen anerkennenden Ausruf: „Erstklassig!“ Alison ertappte sich dabei, wie sie ihn abermals musterte. Ja, mit jeder Minute faszinierte Ramon sie mehr. Er hatte sich zu einer noch stattlicheren Erscheinung mit starker Anziehungskraft entwickelt. Fast war sie ein wenig wütend darüber, denn er kam der Vorstellung ihres Traummanns gefährlich nah – dabei hatte sie Ramon doch für immer aus ihrem Gedächtnis löschen wollen!

Endlich ging es nach draußen. Vor ihnen erstreckte sich glitzernd ein verschwenderisch großer Pool, dessen Rand in ein kunstvolles Mosaik gefasst war. Eine geschwungene Steintreppe führte vom Garten zur oberen Veranda, die wahrscheinlich einen optimalen Panoramablick in Richtung Stadt und Meer gewährte, auch wenn dieses ein paar Kilometer entfernt lag. Alison hatte schon viele wunderschöne Häuser und Grundstücke gesehen, doch dieses nahm ihr fast den Atem.

Bald wird die Villa neue Besitzer haben, dafür werde ich sorgen. Vielleicht eine Familie, deren Kinder hier glücklich und geborgen aufwachsen, dachte sie entschlossen und spürte dabei einen leichten Stich in der Brust. Nicht zum ersten Mal verursachte ihr der Gedanke an das Familienglück anderer einen Schmerz, und sie blieb stehen. Señor Sanchez’ monotone Stimme wurde leiser und leiser: „… mit Bodenheizung im Bereich der ersten fünf Meter von der Schiebetür Richtung Rasen …“

Alison sah in den Himmel, wo sich ein paar Wolken zusammenballten. Wie herrlich musste es sein, hier zu leben! Gemeinsames Frühstück auf der Veranda, die Kinder in die Schule gebracht, ein Bad im Pool, Mittagessen mit dem geliebten Mann auf der Terrasse …

„Tagträume?“, fragte plötzlich jemand neben ihr.

Alison riss die Augen auf. Das durfte doch nicht wahr sein! Nicht, dass es sie zu sehr erschreckte, weil Ramon plötzlich neben ihr stand. Doch er war es gewesen, den sie eben hinter geschlossenen Augen gesehen hatte! Er war es gewesen, der in die Gestalt ihres Ehemanns geschlüpft war, mit dem sie glücklich auf der Terrasse gesessen hatte …

„Ach, nichts“, wehrte sie verwirrt ab. „Nichts von Bedeutung. Ich habe nur die Augen zugemacht, weil … wegen der Hitze. Es ist so warm heute.“

Ramon kniff die Augen zusammen und sah Alison prüfend an. „Wegen der Hitze?“, wiederholte er langsam. „Das glaube ich kaum. Denn für einen Moment …“, sein Gesicht nahm einen verschlossenen Ausdruck an, bevor er weitersprach, „… hast du sogar gelächelt.“

Alison spürte die Erinnerung an Ramons Zärtlichkeiten wie eine Welle auf sich zurollen. Verzweifelt suchte sie nach einer passenden Antwort, da hörten sie beide: „Señorita, Señor!“ Der Assistent stand bereits auf der oberen Veranda und bedachte nun also auch sie mit der spanischen Anrede. Ein Zeichen dafür, dass ihre perfekten Sprachkenntnisse honoriert wurden? Doch warum nannte er sie Señorita? Diese Anrede war nicht mehr üblich, klang sie heute doch eher altmodisch. Ein „Señora“ wäre ihr lieber gewesen. Señora Martinez … Alison schüttelte über diesen absurden Gedanken den Kopf, während Ramon sie immer noch undurchdringlich ansah. Schnell wandte sie ihren Blick ab. „Wir sollten weitergehen“, murmelte sie.

Von der Veranda aus schimmerte ihr das Meer als blauer Streifen am Horizont entgegen wie die Verheißung glücklicher Tage in der Zukunft. Doch mit jedem Tag, der verging, schwand die Hoffnung auf ihr Glück. Das Gegenteil, die Ehe mit einem Mann, den sie nicht liebte, wartete auf sie. Aber hatte sie eine Wahl? Es war ja nicht nur so, dass Paul das Kapital zur Konsolidierung der Firma einbringen würde. Nein, sie brauchte ihn auch, um an ihr Erbe zu kommen, denn laut einer Testamentsklausel hatte sie bis zum 30. Geburtstag zu heiraten – oder das Geld kam der Firma zugute. Noch heute war sie wütend über dieses Ultimatum, das erst kurz vor dem Tod ihres Vaters ins Testament eingeflossen war, ohne dass sie davon gewusst hatte. Schließlich hatte sie kurz zuvor einen enormen Kredit aufgenommen, ohne aber mit ihrer Familie darüber zu sprechen. Denn dass sie ihrer schwerkranken Freundin Laura eine aufwendige Therapie in Amerika finanzierte, war allein ihre Sache – und es war ihre ganz besondere Notlage. Wie sollte sie den hohen Kredit zurückzahlen, wenn nicht mit dem Erbe?

Alison stand zwischen Señor Sanchez und Ramon, der mit zusammengekniffenen Augen über die Landschaft blickte. Seine Hand lag nun ganz nah neben ihrer auf dem Geländer, und auf seinem rechten Handrücken erkannte sie die blasse Narbe, die damals, als sie sich kennenlernten, noch frisch gewesen war. Er hatte ihr davon vertrauensvoll erzählt, und auch, dass er aus einfachen Verhältnissen kam. Und genau das war das Problem gewesen für ihre Familie, die großartigen Colemans, für die Ramon vollkommen inakzeptabel war. Trotzdem hatte sie anfangs zu ihm gehalten, ohne zu wissen, wie sehr er sie dann enttäuschen würde. Bis heute hatte sie immer noch keinen Mann getroffen, dem sie vertrauen und den sie lieben konnte. Doch bis zum Stichtag des Ultimatums blieb ihr kaum mehr ein Jahr Zeit …

Alison kniff kurz die Augen zusammen, um wieder zu sich zu kommen. Was war nur los mit ihr? Hier ging es um die Zukunft der Firma, und sie hatte nichts weiter zu tun, als die unwiederbringliche Vergangenheit heraufzubeschwören und an ihr Liebesglück zu denken. „Ein wundervoller Blick“, sagte sie, um das drückende Schweigen zu unterbrechen.

„Das ja. Vor allem ist es ein Blick, der viel kostet“, pflichtete Señor Sanchez ihr bei.

Carla Croix konnte wahrhaft stolz auf ihren agilen Assistenten sein, der keine Möglichkeit auszulassen schien, um auf die Kostbarkeit und Exklusivität des Anwesens hinzuweisen.

„Geld allein bringt kein Glück. Liebe ist viel wertvoller. Aber das wusste ich schon damals“, sagte Ramon neben ihr, allerdings so leise, dass sie es selbst kaum hören konnte.

Alison befeuchtete mit der Zungenspitze ihre trockenen Lippen. Sie hatte schon wieder Durst und fühlte sich plötzlich unendlich müde. Wieso sprach Ramon von Liebe? Er war es doch gewesen, der nach ihrer traumhaften gemeinsamen Woche und den leidenschaftlichen Nächten den Kontakt abgebrochen hatte! Er hatte doch ihre späteren Liebesbriefe, drei an der Zahl, einfach ignoriert! Wahrscheinlich war sie für ihn nichts weiter als eine kurze Affäre gewesen, bestimmt hatte er sich nach ihrer Abreise sogleich einer anderen zugewandt, während sie ihn noch jahrelang schmerzlich vermisst hatte … Sie schaute auf ihre Knöchel, die fast weiß waren, so fest umklammerte sie das Geländer.

Hoffentlich ist das alles gleich vorbei, flehte sie stumm. Ramons Nähe brachte sie völlig aus dem Gleichgewicht. Doch eine leise innere Stimme sagte, dass dies alles erst der Anfang eines zermürbenden Kampfes war.

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