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So küsst nur ein Wüstenprinz

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1. KAPITEL

„Ich weiß, es klingt verlockend, einen Kronprinzen zu heiraten und dann irgendwann einmal Königin zu werden.“ Daphne Snowden hoffte, dass ihre Stimme ruhig und gelassen klang, obwohl sie mit ihrer Geduld fast am Ende war, als sie mit ihrer Nichte sprach. „Aber die Realität sieht anders aus. Du kennst Prinz Murat nicht. Er ist ein schwieriger eigensinniger Mann.“

Das wusste sie aus eigener Erfahrung. „Außerdem ist er doppelt so alt wie du.“

Brittany blickte von ihrer Modezeitschrift auf. „Du machst dir zu viele Sorgen. Entspann dich, Tante Daphne. Es wird alles gut.“

Daphne sank entnervt in den Sitz des luxuriösen Privatjets zurück. Nur mit Mühe schaffte sie es, sich zusammenzureißen. Das alles durfte doch nicht wahr sein! Wahrscheinlich träumte sie nur. Ihre Lieblingsnichte konnte unmöglich eingewilligt haben, einen Mann zu heiraten, den sie nie zuvor gesehen hatte. Seit Wochen versuchte Daphne nun schon vergeblich, ihr die Sache auszureden.

„Ich möchte doch bloß, dass du glücklich wirst“, sagte sie eindringlich.

Brittany lächelte gutmütig. „Du machst dir unnötig Sorgen. Ich weiß, dass Murat bereits ein älteres Semester ist.“

Daphne presste die Lippen zusammen. Sicher, für eine Achtzehnjährige war ein Mann mit fünfunddreißig Jahren praktisch ein Greis, aber sie selbst, Daphne, war nur fünf Jahre jünger als er.

„Er soll sehr nett sein“, fügte ihre Nichte hinzu. „Und reich. Ich werde in einem Palast leben.“ Sie legte die Zeitschrift beiseite und streckte die Beine aus. „Meinst du, ich hätte lieber andere Sandaletten anziehen sollen?“

Daphne unterdrückte einen hysterischen Aufschrei. „Deine Schuhe interessieren mich nicht. Ich rede über deine Zukunft. Über dein Leben. Wenn du Kronprinz Murat heiratest, kannst du nicht mehr den ganzen Tag shoppen. Du musst Verantwortung für das Volk von Bahania übernehmen, musst Wohltätigkeitsveranstaltungen und offizielle Empfänge besuchen. Und man erwartet von dir, Erben zu produzieren.“

Brittany zeigte sich nicht im Geringsten beeindruckt. „Die Partys sind okay. Ich kann alle meine Freundinnen dazu einladen. Und was das Kinderkriegen angeht, ältere Männer sind sowieso die besseren Liebhaber“, erklärte sie ihrer geschockten Tante. „Meine Freundin Deanna hatte Sex mit einem Typen vom College. Sie meinte, das sei viel besser gewesen als mit ihrem Freund von der Highschool. Erfahrung zahlt sich aus.“

Am liebsten hätte Daphne ihre Nichte geschüttelt. Was war nur in das Kind gefahren? Sie kannte Brittany seit ihrer Geburt und hatte sie mit großgezogen. Was war passiert, dass sie sich plötzlich in eine gefühllose, hohle junge Frau verwandelt hatte?

Daphne sah auf ihre Uhr. Die Zeit wurde allmählich knapp. Wenn sie erst in Bahania gelandet und auf dem Weg zum Palast waren, gab es kein Zurück mehr. Es war schon einmal eine Snowden-Braut kurz vor dem Jawort davongelaufen. Diese Chance würde man Brittany sicher nicht einräumen.

„Was hat sich deine Mutter nur dabei gedacht?“ Diese Frage stellte Daphne eigentlich mehr sich selbst.

„Mom fand die Sache von Anfang an cool“, meinte Brittany freimütig. „Sie hofft, dass für die Brautmutter auch ein paar Juwelen abfallen. Außerdem mache ich mit einem Prinzen eine bessere Partie als Tante Grace mit ihrem Harvard-Professor.“

Daphne nickte nur. Manche Familien konkurrierten im Sport miteinander, während andere um Geld und sozialen Status wetteiferten. In ihrer Familie ging es um Macht, genau gesagt, um politische Macht. Eine ihrer Schwestern war mit einem Senator verheiratet, der für das Präsidentenamt kandidieren wollte. Die andere mit einem Industrieboss. Nur sie, Daphne, hatte einen anderen Weg eingeschlagen.

Sie beugte sich vor und nahm Brittanys Hände. „Bitte überleg es dir noch einmal. Warum willst du einen Mann heiraten, den du noch nie gesehen hast? Als Frau eines Prinzen kannst du nicht mehr tun und lassen, was du willst. Dein Leben wird einer strengen Reglementierung unterworfen sein. Du kannst nicht einfach eine Freundin besuchen oder ins Shoppingcenter gehen.“

Brittany sah sie ungläubig an. „Was soll das heißen, ich kann nicht ins Shoppingcenter?“

Daphne horchte auf. Brittany hatte nach dem Köder geschnappt. „Eine zukünftige Königin kann nicht im Ausverkauf nach Kaschmirpullovern wühlen.“

„Warum nicht?“

„Das habe ich dir jetzt schon hundertmal erklärt.“ Daphne seufzte. „Du wirst in einem fremden Land leben, dessen Sitten du respektieren musst. Man wird Erwartungen an dich stellen, die du zu erfüllen hast.“

Brittany zog die Mundwinkel nach unten. „Ich dachte eigentlich, ich könnte jederzeit nach Hause fliegen und meine Freunde treffen.“

„Dein Zuhause wird in Bahania sein. Willst du dafür wirklich alles aufgeben? Deine Freunde in Amerika, das College?“

Brittany krauste ihr niedliches Näschen. „Wieso? Ich kann doch ein College besuchen, wenn ich möchte.“

„Überleg doch mal. Welcher Professor möchte gern eine zukünftige Königin in seinem Seminar haben? Er könnte ihre Leistung doch niemals neutral bewerten.“

Die junge Frau begann nachdenklich auf ihrer Unterlippe zu kauen.

„Brittany, ich liebe dich, als wärst du meine eigene Tochter. Ich will doch nur verhindern, dass du dein Leben wegwirfst. Wenn du dich verliebt hättest, dann wäre es mir egal, ob in einen Prinzen oder einen Außerirdischen. Aber so ist es nun mal nicht. Hätte ich doch nur früher davon erfahren, aber deine Mutter hat ihr Bestes getan, um die Sache vor mir zu verheimlichen.“

„Sie hat eben ihren eigenen Kopf“, seufzte Brittany.

„Hör mal, Mädchen, sag mir ganz ehrlich, ob du hundertprozentig überzeugt bist, das Richtige zu tun. Dann bin ich sofort still. Aber wenn du nur die Spur eines Zweifels hast, dann musst du dir das Ganze noch einmal überlegen.“

„Ich bin nicht sicher“, gab Brittany mit dünner Stimme zu. „Natürlich wünsche ich mir, dass alles gut läuft. Aber was, wenn nicht?“ Jetzt traten ihr plötzlich Tränen in die Augen. „Na ja, meine Eltern legen so viel Wert darauf, und ich wollte ihnen eigentlich diesen Wunsch erfüllen, aber nun wird mir doch ganz anders.“ Sie blickte sich hektisch um. „Der Pilot hat gesagt, dass wir in zwanzig Minuten landen. Das ist nicht mehr lange. Wie soll ich dem Prinzen gegenübertreten und ihm beiläufig eröffnen, dass ich nicht sicher bin?“

Daphne schwor sich, bei nächster Gelegenheit ein ernstes Wort mit ihrer Schwester Laurel zu reden. Wie konnte sie ihre einzige Tochter in diesen Gewissenskonflikt stürzen? In Daphnes Wut mischte sich Erleichterung. Sie nahm ihre Nichte in die Arme.

„Es wird alles gut“, versprach sie. „Ich kümmere mich darum. Du bleibst hier an Bord und fliegst direkt nach Amerika zurück. Ich fahre allein zum Palast und regele die Angelegenheit dort.“

Brittanys Augen leuchteten auf. „Wirklich? Dann muss ich ihn also nicht treffen?“

„Richtig. Du fliegst zurück und versuchst, die ganze Sache so schnell wie möglich zu vergessen.“

„Und was ist mit Mom?“

Daphnes Miene wurde grimmig. „Deine Mutter kannst du getrost mir überlassen.“

Eine Stunde später saß Daphne in der schwarzen Limousine, die sie zum Rosa Palast von Bahania brachte. Sie durchquerten die Stadt, in der jetzt am späten Nachmittag besonders quirliges Treiben herrschte. Vor den Neubauten des Finanzbezirks erhoben sich die alten historischen Gebäude. Das Meer erstrahlte in einem satten Blau wie nirgendwo sonst auf der Welt. Für Daphne waren diese Eindrücke atemberaubend und vertraut. Sie hatte sich in dieses Land verliebt, als sie es vor zehn Jahren zum ersten Mal besuchte.

Doch dies war nicht der Moment, in Erinnerungen zu schwelgen. Stattdessen musste sie sich überlegen, was sie Murat sagen sollte. Bedenken, dass sie etwas falsch gemacht hatte, brauchte sie nicht zu haben. Murat war derjenige, der sich schämen musste. Wie kam er nur auf die Idee, ein Mädchen heiraten zu wollen, das nur halb so alt war wie er?

Daphne fühlte sich im Recht und war entschlossen, ihren Standpunkt energisch gegen alle Angriffe zu verteidigen. Dennoch verspürte sie ein nervöses Kribbeln im Bauch, als die Limousine vor dem Palast hielt. Vor zehn Jahren war sie, Daphne, schon einmal hier gewesen: jung und verliebt.

Und mit Murat verlobt.

Doch drei Wochen vor der Hochzeit hatte sie den Traum platzen lassen und war ohne ein Wort der Erklärung abgereist.

„Miss Snowden?“

Ein junger Mann, der in Landestracht gekleidet war, kam auf Daphne zu.

„Ja?“

„Der Prinz erwartet Sie. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“

Daphne fragte sich, ob der Mann wusste, dass sie nicht Brittany war. Aber wahrscheinlich hatte Murat sein Personal nicht über Einzelheiten informiert, sondern es nur angewiesen, eine Frau abzuholen und zu ihm zu bringen.

Als sie dem jungen Mann durch den Palast folgte, spürte sie, wie beruhigend die Umgebung auf sie wirkte: die Wandteppiche, die zierlichen geschnitzten Möbel mit der kunstvollen Intarsienarbeit, die spektakuläre Aussicht.

In einer sonnigen Nische hockte eine große Katze und putzte sich. Daphne lächelte, als ihr die vielen Dutzend Katzen einfielen, die der König im Palast hielt.

„Bitte hier entlang, Miss Snowden.“ Der junge Mann öffnete eine Tür. „Der Prinz kommt sofort zu Ihnen.“

Sie betrat den kleinen Raum, der im westlichen Stil eingerichtet war: ein Sofa und drei Sessel mit Kaffeetisch in der Mitte und eine Anrichte an der Wand. Auf der Anrichte standen ein Telefon und eine Karaffe mit Eiswasser und einigen Gläsern. Daphne schenkte sich ein Glas Wasser ein, trank einen Schluck und blickte sich kopfschüttelnd um.

Das sah Murat ähnlich, seine Braut von einem Fremden in irgendein unpersönliches Zimmer führen und dort warten zu lassen. Aber er erwartete ja auch ein unerfahrenes junges Mädchen, das ängstlich darauf bedacht war, ihm zu gefallen und ihm jeden Wunsch zu erfüllen. In diesem Punkt irrte er sich allerdings gewaltig.

Daphne war ganz und gar nicht ängstlich. In den vergangenen zehn Jahren hatte sie viel dazugelernt.

Als sie Schritte auf dem Flur hörte, setzte sie sich auf das Sofa und straffte die Schultern. Sekunden später betrat der Prinz ihrer schwärmerischen Jungmädchenträume das Zimmer.

Er bewegt sich mit der Anmut des geborenen Herrschers, war ihr erster Gedanke, als sie ihn in seinem eleganten dunklen Anzug auf sich zukommen sah. Vor allem ist er ein nicht zu unterschätzender Gegner, ermahnte sie sich.

Murat blieb stehen und sah sie an. Er zeigte nicht das geringste Zeichen von Erstaunen. „Daphne“, sagte er mit einem kleinen Lächeln. „Bist du schließlich zurückgekehrt …“

„Ich weiß, dass du mich nicht erwartet hast, aber Brittany lässt sich entschuldigen.“

Er hob eine Braue. „Ist sie krank?“

„Nein, im Gegenteil. Sie ist einfach nur zu Verstand gekommen. In diesem Augenblick fliegt sie in die Vereinigten Staaten zurück. Es wird keine Hochzeit geben.“ Um diese barsche Mitteilung abzuschwächen, fügte sie etwas scheinheilig hinzu: „Es tut mir leid.“

„Sicher, ich spüre dein Mitgefühl deutlich.“ Er ging zum Telefon, nahm den Hörer ab und wählte. „Den Flughafen, bitte. Flugkontrolle.“

Er wartete einen Moment und erkundigte sich dann nach seinem Privatjet.

Daphne beobachtete ihn. Zuckte da nicht ein Muskel an seinem Kinn? Sie war sich nicht sicher. Irgendetwas musste er doch empfinden. Oder vielleicht auch nicht. Vor zehn Jahren hatte er sie ohne ein Wort gehen lassen. Warum sollte es ihn kümmern, wenn ihm wieder eine Braut davonlief?

Er legte auf und wandte sich zu ihr. „Ich nehme an, du warst an Brittanys Entscheidung nicht ganz unbeteiligt.“

Das war eigentlich keine Frage, aber Daphne antwortete trotzdem. „Allerdings. Die Sache ist doch Wahnsinn. Ich weiß nicht, was du dir dabei gedacht hast. Sie ist kaum achtzehn, Murat. Ein Kind. Wenn du unbedingt eine Braut willst, dann such dir jemanden, der dir gewachsen ist.“

Zum ersten Mal, seit er den Raum betreten hatte, zeigte er eine Gefühlsregung. Zorn. „Du beleidigst mich mit deinem unangemessenen Verhalten.“

Sie seufzte leise. Richtig, er war schließlich ein Prinz, und sie mischte sich so unbedarft in seine Privatangelegenheiten ein. Das war er ganz sicher nicht gewohnt. „Sorry, aber ich kann leider nicht anders.“

„Und weiter?“

„Ich werde alles tun, um Brittany vor dir zu schützen.“

„Dass du mich nicht heiraten wolltest, bedeutet nicht, dass andere Frauen genauso denken.“

„Dem stimme ich zu. Die Welt ist voller williger junger Frauen. Du kannst sie alle haben. Aber nicht meine Nichte.“

Statt einer Antwort zog er ein kleines Gerät aus der Jackentasche. Sekunden später stürmten sechs Wachen ins Zimmer und umringten Daphne.

„Was soll das?“ Sie hob spöttisch die Brauen. „Willst du mich einsperren, weil ich nicht möchte, dass du meine Nichte heiratest?“

„Ich nehme dich in Schutzhaft, weil du die Privatangelegenheiten des Kronprinzen von Bahania sabotierst.“

Sie wurde eine Spur blasser. „Das kannst du mit mir nicht machen.“

„Wie du gleich feststellen wirst, irrst Du dich.“

„Du Schuft!“ Sie sprang auf und wollte sich auf ihn stürzen, doch die Wachen stellten sich ihr in den Weg. „Versuch ja nicht, Brittany zurückzuholen. Ich lasse nicht zu, dass du sie berührst. Das schwöre ich.“

Murat hatte sich bereits zum Gehen gewandt, drehte sich an der Tür aber noch einmal um. „Täusch dich nicht, Daphne, in vier Monaten gibt es eine Hochzeit. Und die Braut wird eine Snowden sein. Du kannst mich nicht davon abhalten.“

„Wollen wir wetten?“, rief sie aufgebracht.

„Sicher, ich wette gern mit dir.“ Er lächelte nonchalant. „Was bekomme ich, wenn ich gewinne?“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer.

Als Daphne die berühmten goldenen Doppeltüren erblickte, wusste sie, wohin die Wachen sie brachten. Diese Relieftüren waren gut drei Meter hoch und zeigten eine ausgelassene Szene junger Frauen in einer Oase.

Einer der Wachen öffnete den linken Türflügel, woraufhin die anderen Daphne hineinführten. Für einen Augenblick dachte sie daran zu fliehen. Doch ihr war klar, dass sie nicht weit kommen würde. Also akzeptierte sie ihr Schicksal mit Würde und nahm gelassen hin, wie die Wachen sich zurückzogen und die große Tür von außen verriegelten. Stimmen auf dem Flur verrieten ihr, dass zwei oder drei Wachposten vor der Tür blieben.

„Das sieht dir ähnlich, Murat.“ Daphne stemmte die Hände in die Hüften. „So mächtig du dich auch fühlst, ich gebe nicht nach. Ich werde alles ertragen, um zu verhindern, dass du Brittany heiratest.“

Sie schaute sich nach etwas um, was sie gegen die Tür werfen konnte, doch der Raum war absolut leer. Die einzige Dekoration stellte der bunte Mosaikfußboden dar.

Durch einen Rundbogen betrat sie den riesigen Wohnbereich, wo Dutzende von Sesseln und Sofas standen. Ein Gang auf der linken Seite führte zu den Bädern. Rechts befanden sich die Schlafzimmer. Sie erinnerte sich an diesen Teil des Palastes von einem Rundgang vor zehn Jahren.

Murat hatte es tatsächlich gewagt, sie in den Harem zu sperren.

Wütend machte Murat sich auf den Weg zum Regierungsflügel des Palastes. Nach all den Jahren besaß Daphne Snowden die Frechheit, hier aufzukreuzen, nur um erneut als Störenfried in seine Welt einzudringen.

Mit keinem Wort hatte sie sich für ihr Verhalten von damals entschuldigt. Er fluchte im Stillen. Diese Frau hatte ihm in die Augen gesehen und mit ihm gesprochen, als sei sie ihm ebenbürtig. Sie hatte sich ihm widersetzt.

Er stürmte in das Büro seines Vaters und blieb vor dem großen Schreibtisch stehen. „Sie ist da.“

Der König zog die Brauen hoch. „Du klingst nicht gerade begeistert. Hat deine Verlobte dich schon verstimmt?“

„Sie ist nicht meine Verlobte.“

Sein Vater seufzte tief. Dann stand er auf und kam um den Schreibtisch herum. „Murat, ich kenne deine Vorbehalte wegen dieser Verlobung. Du fürchtest, das Mädchen sei zu jung und unerfahren und wird hier nicht glücklich. Aber ich bitte dich trotzdem, ihr eine Chance zu geben.“

Murat blickte seinen Vater an, ohne seinen Zorn zu zeigen. Er hatte schon als Kind gelernt, seine Gefühle zu verbergen.

„Du hast mich falsch verstanden, Vater“, sagte er ruhig. „Brittany Snowden befindet sich nicht hier im Palast. Sie ist in diesem Moment auf dem Rückflug nach Amerika.“

Der König runzelte die Stirn. „Und wer …?“

„Daphne.“

„Deine ehemalige …“

Murat fiel ihm ins Wort. „Ja.“

Es gehörte zu den Vorrechten des Kronprinzen, Befehle zu erteilen. Vor zehn Jahren, nachdem er von seiner Verlobten ohne Erklärung verlassen worden war, hatte er angeordnet, dass keiner im Palast je wieder ihren Namen aussprechen durfte. Alle hatten gehorcht, mit Ausnahme seines Vaters. Der König stand natürlich über den Dingen.

„Sie sagte mir doch glatt ins Gesicht, sie erlaube nicht, dass ich ihre Nichte heirate.“ Murat lachte hart auf. „Als ob ihre Wünsche mich interessieren. Ich bin Kronprinz Murat von Bahania. Ich bestimme selbst über mein Leben. Niemand darf es wagen, mir Vorschriften zu machen.“

Sein Vater nickte bedächtig. „Verstehe. Dir passt also nicht, dass Daphne dich daran hindern will, eine Frau zu nehmen, auf die du selbst auch nicht gerade versessen bist.“

„Darum geht es nicht.“ Murat machte eine wegwerfende Handbewegung. „Diese Frau hat meine Position schon vor zehn Jahren nicht respektiert, und daran hat sich nichts geändert.“

„Aha“, bemerkte König Hassan wissend. „Wo ist sie jetzt eigentlich?“

Murats Blick wanderte zu einer der Katzen, die sich genüsslich auf dem Sofa rekelte.

„Ich habe ihr angeboten zu bleiben, bis die Dinge geklärt sind.“

„Es überrascht mich aber, dass sie dein Angebot angenommen hat.“

„Ihr blieb keine Wahl. Ich habe sie in den Harem sperren lassen.“

Der König geriet nur selten aus der Fassung, aber nun wurde Murat Zeuge, wie sein Vater vor Staunen vergaß, den Mund zu schließen.

„Ich konnte ihr Verhalten nicht tolerieren“, erklärte Murat stolz. „Sie muss im Harem auf nichts verzichten und wird so lange dort bleiben, bis ich sie freilasse.“

Jener Teil des Palastes wurde seit mehr als sechzig Jahren nicht mehr für seinen ursprünglichen Zweck genutzt, dennoch wurde er im Originalzustand instand gehalten.

„Daphne hat selbst Schuld“, fügte Murat fast trotzig hinzu. „Sie hatte kein Recht, sich in meine Angelegenheiten einzumischen. Natürlich wollte ich Brittany nicht heiraten. Ich habe nur eingewilligt, sie kennenzulernen, um dir einen Gefallen zu tun. Trotzdem war es eine Unverschämtheit von Daphne, meine Pläne zu durchkreuzen.“

„Ich verstehe vollkommen“, sagte sein Vater. „Wie soll es jetzt weitergehen? Lässt du Brittany nach Bahania zurückbringen?“

„Nein. Ich weiß, du hättest sie gern als meine Frau gesehen, aber ich habe kein Interesse.“ Murat akzeptierte den Wunsch seines Vaters nach Enkelkindern, und er war bereit zu heiraten, doch er konnte sich nicht vorstellen, den Rest seines Lebens mit einer so viel jüngeren Frau zu verbringen.

„Vielleicht behalte ich Daphne ein paar Tage hier“, überlegte er laut. „Nur, um ihr eine Lektion zu erteilen.“

„Im Harem?“ König Hassan konnte es nicht glauben.

„Ja.“ Murat lächelte verschmitzt. „Das wird sie am meisten ärgern.“

Sie würde ihn verfluchen und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen. Und natürlich würde sie sich ihm weiterhin widersetzen. Trotz allem, was sie ihm angetan hatte, konnte er es kaum erwarten, sie wiederzusehen.

Daphne entdeckte ihr Gepäck in einem der größten Schlafzimmer des Harems. Der Schlafbereich bestand aus mehreren Einzelzimmern, die für die Lieblingsfrauen des Königs reserviert gewesen waren, und großen schlafsaalähnlichen Zimmern mit zehn oder zwölf schönen Betten.

Die Betten wie auch die anderen Möbel, einschließlich der handgearbeiteten Teppiche, die den Fliesenboden in den Schlafzimmern bedeckten, waren über hundert Jahre alt.

Statt ihre Koffer auszupacken, begann Daphne, die Wände zu untersuchen. Irgendwie musste ihr Gepäck ins Schlafzimmer gelangt sein. Durch den Haupteingang konnte niemand hereingekommen sein. Das hätte sie bemerkt. Also musste es eine Geheimtür geben. Sie tastete sich an den Möbeln entlang durch die Zimmer, bis sie schließlich wieder im Foyer ankam, doch sie fand nichts.

„Wahrscheinlich bleibt mir noch jede Menge Zeit, nach der Geheimtür zu suchen.“ Sie seufzte tief. Dann öffnete sie die Terrassentür, die in den von einer hohen Mauer umgebenen Garten führte.

Daphne trat hinaus in den strahlenden Sonnenschein und atmete den Duft der exotischen Blumen ein. Durch den Garten mit seinen Bäumen, Sträuchern und Blumenbeeten führte ein schmaler Weg. Steinbänke luden zum Verweilen ein. Ein Geräusch erweckte ihre Aufmerksamkeit. Im nächsten Moment flatterten zwei aufgeschreckte Papageien von einem Baum hoch.

„Ihre lauten Schreie übertönen sogar Frauenstimmen.“

Sie wirbelte herum. Murat trug immer noch seinen Anzug und seine gebieterische Miene. Leider war er der faszinierendste Mann, der ihr je begegnet war, sodass sein Anblick sie nicht wütend machte, sondern ihr ein erregendes Kribbeln im Bauch verursachte.

Hormone, dachte sie verächtlich. Es war die richtige Entscheidung gewesen, ihn damals zu verlassen. Doch sie hatte viel zu lange gebraucht, um ihre Liebe zu ihm abzutöten. Und es war ihr auch nicht wirklich gelungen. Selbst der Schmerz darüber, dass er nicht versucht hatte, sie zurückzugewinnen, konnte daran nichts ändern.

„Viele von den Papageien hier sind schon sehr alt“, fuhr er im Plauderton fort. „Es gibt nur ein einziges Pärchen, das für Nachwuchs sorgt.“

„Wenn ihr keine Frauen mehr im Harem habt, warum behaltet ihr dann die Papageien?“

Er zuckte die Achseln. „Manchmal fällt es schwer, sich von Traditionen zu lösen. Aber das interessiert dich ja nicht. Du möchtest lieber darüber diskutieren, was ich tun und lassen soll.“ Er nickte auffordernd. „Bitte. Fang an.“

„Was hast du mit Brittany vor?“, fragte sie prompt, obwohl sie an der Aufrichtigkeit seines Angebots zweifelte.

„Nichts.“

Sie glaubte ihm nicht. „Lässt du das Flugzeug umkehren?“

„Nein. Auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst, ich werde meine Braut zu nichts zwingen. Sie wird zur Stelle sein, wenn es so weit ist.“

Daphnes Augen funkelten zornig. „Nein, das wird sie nicht.“

Er tat ihren Protest mit einer Handbewegung ab. „Die Bäume sind gewachsen, seit du das letzte Mal hier warst. Erinnerst du dich? Damals hat dich der Harem entzückt. Du warst enttäuscht, dass wir die Räume nicht mehr für den ursprünglichen Zweck nutzen.“

„Das stimmt nicht“, widersprach sie. „Ich finde es furchtbar, dass Frauen gefangen gehalten wurden, nur um dem König Vergnügen zu bereiten.“

Er lächelte süffisant. „Das sagst du heute. Aber ich weiß noch deutlich, wie aufregend du die Vorstellung fandst. Du konntest nicht genug über die alten Bräuche hören.“

Sie spürte, dass sie rot wurde. Okay, vielleicht hatte es sie tatsächlich interessiert, wie ein Harem funktionierte. Vor zehn Jahren war sie gerade zwanzig gewesen und hatte noch nicht viel von der Welt gesehen. Das Leben im Palast hatte sie fasziniert. Besonders Murat.

„Ich bin darüber hinweg“, erklärte sie. „Wie lange willst du mich hier eigentlich festhalten?“

„Das habe ich noch nicht entschieden.“

„Meine Familie wird sich für meine sofortige Freilassung einsetzen. Du weißt, dass die Snowdens über nicht unerheblichen politischen Einfluss verfügen.“

Die Drohung ließ ihn unbeeindruckt. „Ich weiß nur, dass sich ihre Ambitionen nicht geändert haben. Sie setzen alles daran, eine Snowden an der Seite eines Herrschers zu sehen.“

Dem konnte Daphne nicht widersprechen.

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