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So küsst nur ein Millionär

1. KAPITEL

„Bitte, drücken Sie sich deutlicher aus. Was genau bedeutet in diesem Zusammenhang ‚unglückliches Ereignis‘?“ Ryan Patrick hielt den Blick unnachgiebig auf den Mann auf der anderen Seite des ausladenden Schreibtischs gerichtet.

Der Direktor der Lakeview-Fertility-Klinik rutschte unbehaglich auf seinem schweren Ledersessel hin und her. „Einer von unseren jungen Ärzten hat vergessen, die Referenznummer auf Ihrer Probe gegenzuchecken. Er hat lediglich die Namen überprüft, und die waren gleich, wenn auch Vor- und Nachname vertauscht waren. Ich versichere Ihnen, Mr. Patrick, so etwas kommt wirklich außerordentlich selten vor. Normalerweise wird alles doppelt und dreifach überprüft, sodass es unmöglich …“

„Und was genau bedeutet das? In meinem Fall? Für mich speziell?“, unterbrach Ryan ihn ungeduldig. Nervös hielt er die Armlehnen des Besucherstuhls umklammert. Denn es war nicht leicht, sich zu entspannen, wenn der Mann ihm gegenüber so wirkte, als bekäme er jede Sekunde einen Herzinfarkt.

Der Direktor holte tief Luft. „Ihre Samenspende wurde der falschen Frau injiziert.“

„Was?“ Ryan zwang sich zur Ruhe. Das war ja nur dann ein Problem, wenn die Frau …

„Vor zwei Wochen wurde die Schwangerschaft bestätigt“, erklärte der Direktor und räusperte sich.

Also hatte er doch ein Problem. Dazu noch eins, das seinen Plan gefährdete. Schließlich wollte Ryan seinem Vater endlich beweisen, dass er sehr wohl in der Lage war, das millionenschwere Familienunternehmen zu leiten. Dazu gehörte, dass er seinem Vater überzeugend erklärte, wie weit die wilden Jahre zurücklagen und wie lange er bereits ein ruhiges Leben führte. Außerdem brauchte er ein Kind – das Enkelkind, das der Vater sich schon seit Langem wünschte.

Doch Ryan war schon mit ganz anderen Sachen fertiggeworden. Er wäre nicht der erfolgreiche Architekt, der er war, wenn er vor jedem Problem kapitulieren würde. Schade, dass sein Vater ihn jetzt nicht sehen konnte.

„Schon vor zwei Wochen? Und warum erfahre ich erst jetzt davon? Und was ist mit der Leihmutter, der Frau, die ich engagiert habe?“

„Wir haben die ganze Sache erst gestern entdeckt, als die Frau zu ihrem vereinbarten Termin kam. Da Sie nur eine Samenspende abgeben wollten, konnten wir nur eine Insemination mit ihr durchführen.“

Natürlich hatte er nur eine Samenspende abgegeben. Schließlich war er bei dem exzellenten Ruf der Klinik davon ausgegangen, dass alles beim ersten Mal klappen würde. „Und Sie sind absolut sicher, dass diese andere Frau mit meinem Kind schwanger ist?“

„Ja, Sir.“

Ryan konnte immer noch nicht glauben, was da passiert war. Dann hätte er sich die monatelangen Nachforschungen und das harte Auswahlverfahren mit den verschiedenen Frauen auch sparen können! Aber er hatte sehr viel Wert darauf gelegt, die perfekte Leihmutter zu finden, eine Frau mit erstklassiger genetischer Ausstattung, die gut aussah und intelligent war. Die Frau, für die er sich schließlich entschieden hatte, erfüllte all diese Voraussetzungen. Außerdem machte sie sehr deutlich, dass sie sich nicht gefühlsmäßig an das Kind binden würde, das sie neun Monate lang auszutragen hatte. Und dass sie keine Schwierigkeiten hätte, ihm das Kind nach der Geburt zu überlassen.

Und nun war die falsche Frau mit seinem Kind schwanger.

„Wer ist diese Frau?“

„Ich bin nicht befugt, Ihnen das zu sagen, Sir.“

„Was?“ Wütend sprang Ryan auf. „Sie können mir nicht sagen, wer mein Kind bekommen wird?“

„Nein. Datenschutz, Sie verstehen …“

„Nein, das verstehe ich ganz und gar nicht.“ Ryan stützte sich auf dem Schreibtisch ab und starrte den Direktor an, der immer tiefer in seinem Sessel zu versinken schien. „Soll ich erst mit einem Heer von Anwälten hier anrücken? Das möchte ich Ihnen nicht raten. Denn das kann nicht nur sehr kostspielig für Sie werden. Ihr Ruf als beste Fruchtbarkeitsklinik wäre total ruiniert. Das ist mein Kind, und ich habe alle Rechte der Welt, zu erfahren, wer die Mutter ist und ob sie überhaupt geeignet ist, mein Kind auszutragen. Ich verlange, dass Sie mir jegliche Information zur Verfügung stellen, die Sie über diese Frau haben.“

Der Direktor wurde puterrot und verschränkte nervös die Hände. „Mr. Patrick, Sie können sich doch sicher vorstellen, dass eine derart delikate Angelegenheit wie diese …“

„Wie heißt sie, und wie kann ich Kontakt mit ihr aufnehmen? Wenn Sie mir nicht sofort sagen, was ich wissen will, können Sie noch vor der Lunchpause mit dem Eintreffen meiner Anwälte rechnen.“

„Das wird nicht nötig sein.“ Der Klinikdirektor schob nervös die Akten auf seinem Schreibtisch hin und her. „Ich bin überzeugt, dass Ms. Hightower, unsere andere Klientin, eine nüchterne und vernünftige Frau ist. Wenn ich ihr erkläre, was passiert ist und worum es geht …“

„Sie werden ihr überhaupt nichts erklären, das mache ich. Sie haben schon genug Unheil angerichtet. Auch wenn Sie sich noch so sehr bemühen und das, was passiert ist, als ‚Ereignis‘ oder ‚Angelegenheit‘ bezeichnen, es war einfach eine grobe Fahrlässigkeit Ihrerseits und ein nicht wiedergutzumachender Kunstfehler.“

Dem armen Mann stand der Schweiß auf der Stirn. Ryan musterte ihn wie ein Insekt, das er am liebsten zertreten würde. Als der Mann schließlich kaum merkbar nickte, wusste Ryan, dass er gewonnen hatte. Er brauchte die Anwälte nicht zu bemühen, und das war ihm auch ganz recht. Sonst hätte sein Vater womöglich noch Wind von der Sache bekommen.

„Okay.“ Der Direktor räusperte sich. „Sie bekommen die gewünschte Information.“

„Warum nicht gleich so!“ Während der Direktor hastig den Raum verließ, setzte Ryan sich wieder. So weit, so gut. Jetzt musste er nur noch diese Frau davon überzeugen, dass sie ihm das Baby nach der Geburt überließ, so, wie es mit der Leihmutter verabredet gewesen war.

Sie würde die beste Tante sein, die ihr Baby sich nur vorstellen konnte. Das würde genügen. Es musste genügen. Nicole Hightower legte sich eine Hand auf den rumorenden Magen und griff mit der anderen nach einem Cracker. Sie konnte es immer noch kaum glauben. Sie war schwanger mit Patricks Baby.

Und Beths.

Bei dem Gedanken umfasste sie den Griffel ihres digitalen Terminkalenders fester. Denn so war es ursprünglich nicht geplant gewesen. Zumindest hatte sie andere Träume gehabt.

Schnell steckte sie sich den Vollkorncracker in den Mund und versuchte, sich auf den Kalender zu konzentrieren, der vor ihr lag. Für einen Kunden musste sie die nächsten drei Monate vorausplanen, das heißt, sie musste die Termine von Pilot, Crew und Flugzeugwartung koordinieren und aufeinander abstimmen. Normalerweise liebte sie ihre Arbeit, und es machte sie stolz, wenn die Kunden zufrieden waren. Aber heute musste sie ständig an ihre eigene Situation denken und ließ sich nur zu leicht von der Arbeit ablenken. Dabei hatte sie genug zu tun.

Ihr Baby aufzugeben würde sicher hart sein, aber sie würde schon damit zurechtkommen. Denn sie wäre nicht nur die Patentante, sondern auch jederzeit willkommen – das zumindest hatte ihre Schwester ihr versprochen. Und Beth würde ihr Versprechen halten, davon war Nicole überzeugt. Auf ihre ältere Schwester hatte sie sich immer verlassen können, Beth war immer für sie da gewesen, besonders wenn die Eltern mal wieder Probleme machten. Wenn der Vater seiner Spielleidenschaft nachging und die Mutter einen neuen Verehrer hatte. Da war es nur selbstverständlich, dass sie der Schwester den Herzenswunsch erfüllte und ein Kind für sie austrug.

Und später hätte sie auch oft Gelegenheit, das Kind zu sehen. Denn ihre Schwester wollte wegen des Babys nicht zu Hause bleiben, sondern würde es in der Krippe abgeben, die die Hightower Aviation Management Corporation für die Angestellten eingerichtet hatte. Also würde Nicole die ganze Lunchpause mit ihrem, nein, Beths Kind verbringen können. Und selbst von ihrem Arbeitsplatz aus würde sie in den Hof sehen können, in dem die Kinder, also auch ihr Ba…, das heißt, ihre Nichte oder ihr Neffe, spielten. In dem firmeneigenen Kindergarten war sogar eine Kamera installiert, sodass ein kurzer Klick genügte, und Nicole konnte auf ihrem Monitor sehen, was dort vor sich ging.

Die Gegensprechanlage summte und riss Nicole aus ihren Gedanken. Sie drückte auf den Knopf. „Ja?“

„Ein Mr. Ryan Patrick möchte dich sprechen.“

„Du meinst wohl Patrick Ryan.“

„Nein. Es ist nicht dein Schwager. Es ist ein …“ Nicoles Assistentin Lea senkte die Stimme. „… Traum von einem Mann mit schwarzem Haar und blauen Augen. Er ist in der Rezeption und hat nach dir gefragt. Auf seiner Visitenkarte steht, dass er irgendein hohes Tier bei Patrick Architectural Designs ist. Das ist eine der besten Firmen in Knoxville, falls du das nicht weißt. Plant Hightower Aviation denn schon wieder, um- oder anzubauen?“

„Nein, soviel ich weiß, sind keine Erweiterungen geplant.“ Allerdings konnte Nicole da nicht ganz sicher sein. Leider informierte ihr ältester Bruder Trent, der die Firma führte, sie längst nicht über alles. Da sie die jüngste der Hightowers war, hielt er es wohl nicht für nötig.

Vielleicht hatte sie den Termin vergessen? Sie überprüfte ihren Kalender. Nein, die nächste Besprechung war erst in einer Stunde. Schnell googelte sie Patrick Architectural Designs, denn sie hasste es, nichts über ihren Gesprächspartner zu wissen. Verschiedene Links tauchten auf dem Monitor auf, und sie suchte sich den vielversprechendsten aus. Die Website war eindrucksvoll, brachte etwas über die Geschichte der Firma und zeigte die interessantesten Bauten. Ein Bild von Ryan Patrick war allerdings nicht dabei. Offenbar war die Firma schon eine ganze Zeit lang im Geschäft.

„Patrick Architectural Designs scheint ein ziemlich großes Unternehmen zu sein, das landesweit operiert“, informierte sie Lea. „Vielleicht will Mr. Patrick bei uns ein Flugzeug kaufen?“ Dennoch seltsam, dass er direkt nach ihr gefragt hatte. Normalerweise unterschrieben die Kunden erst Kauf- oder Leasingverträge in der Verkaufsabteilung, bevor sie zu ihr wegen der Terminkoordination kamen.

Auch dass er Ryan Patrick hieß und ihr Schwager Patrick Ryan, war ein merkwürdiger Zufall.

„Nur ein Kunde?“, fragte Lea enttäuscht. „Und ich habe schon gedacht …“

„Ich weiß.“ Nicole lachte. „Vielleicht solltest du deine romantischen Fantasien etwas mehr zügeln, Lea. Aber okay, lass ihn reinkommen.“

„Sofort.“

Nicole wischte schnell die Krümel von ihrer Seidenbluse und stellte die Schachtel Cracker in die Schublade. Als es klopfte, stand sie auf.

Die Tür wurde aufgestoßen, und ein Mann trat ein. Er kam mit einer Selbstverständlichkeit auf Nicole zu, als gehöre ihm das Büro. Lea hatte recht. Er sah umwerfend aus. Das kurze schwarze Haar war leicht gewellt, die Figur war sicher der Traum eines jeden Herrenschneiders: breite Schultern, schmale Hüfte, lange Beine. Und diese Augen … sie waren nicht einfach blau, sie waren von einem leuchtenden Kobaltblau und musterten Nicole jetzt so kritisch, als wäre sie ein Jet, den der attraktive Fremde eventuell kaufen wollte.

Nicole straffte sich, ging um den Schreibtisch herum und trat auf diesen Traummann zu.

„Sind Sie Nicole Hightower?“

Seine Stimme entsprach der übrigen Erscheinung. Dunkel und sexy. Was für ein Mann … doch Schluss jetzt!, rief Nicole sich schnell zur Ordnung. Kunde war Kunde, und es wäre sehr unprofessionell, irgendwelchen Fantasien nachzuhängen.

Lächelnd streckte sie die Hand aus. „Ja, die bin ich. Was kann ich für Sie tun, Mr. Patrick?“

Er schüttelte ihr die Hand, und Nicole spürte die Wärme, die seine kräftigen Finger ausstrahlten, bis in die Zehenspitzen. Warum das? Als sie erfahren hatte, dass sie schwanger war, hatte sie das Kaffeetrinken aufgegeben. Ob ihr Körper deshalb so seltsam reagierte? Fehlte ihr das Koffein? Schnell entzog sie ihm die Hand.

Er warf einen Blick auf Lea, die immer noch an der Tür stand. „Wenn Sie erlauben … ich würde gern mit Ihnen allein sprechen.“

Auf einen Wink von Nicole verschwand Lea und zog die Tür fest hinter sich zu.

Nicole war verblüfft, dass Lea so bereitwillig den Raum verlassen hatte. Normalerweise war sie bei allen Gesprächen dabei. Denn sie war nicht nur eine Angestellte und Nicoles Assistentin, sie war auch eine Freundin, die mit ihrer Meinung nur selten hinter dem Berg hielt.

So war sie zum Beispiel entsetzt über Nicoles Plan gewesen, als Leihmutter für ihre Schwester zu fungieren. Denn sie wusste, was Nicole für ihren Schwager empfand. Sie waren zusammen auf dem College gewesen, und Lea hatte miterlebt, wie die Freundin sich Hals über Kopf in Patrick verliebte. Als der dann aber mit Beth durchbrannte, war Nicole vollkommen am Boden zerstört gewesen. Und Lea hatte versucht, ihr, so gut es ging, beizustehen.

Lea war davon überzeugt, dass dieser ganze Baby-Schwachsinn, wie sie sagte, noch einmal schlimme Folgen für die Freundin haben würde.

Nicole wies auf den Besucherstuhl, während sie selbst um den Schreibtisch herumging. „Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Patrick. Was führt Sie her?“ Sie spürte, dass er sie unverwandt ansah. Ihre Brüste waren wegen der Schwangerschaft bereits ein bisschen größer geworden, und sie konnte nur hoffen, dass ihr Po nicht auch … Aber im Grunde war es vollkommen egal, was er von ihrem Po hielt. Er war ein Kunde wie jeder andere, zumindest ging sie davon aus.

Erst als sie sich in ihren bequemen Ledersessel sinken ließ, setzte auch er sich. Dass er so höflich war, hätte sie ihm gar nicht zugetraut. Heutzutage erlebte man das als Frau nur noch sehr selten, vor allem nicht bei diesen reichen Schnöseln, mit denen sie meistens zu tun hatte.

„Ich möchte Ihnen zu Ihrer Schwangerschaft gratulieren.“

Was? Woher wusste er …? Sie hatte doch nur Beth, Patrick und Lea davon erzählt. Die zukünftigen Eltern hatten das Recht, es zu wissen. Und vor Lea hatte sie ihre morgendliche Übelkeit nicht verbergen können, sodass die Freundin es ihr schließlich auf den Kopf zugesagt hatte. Der Rest der Familie und auch die Freunde würden es erst am Sonnabend erfahren. Am Labour Day fand wie jedes Jahr die große Gartenparty statt, und da wollten Beth und Patrick die Neuigkeit verkünden. Nicole stand dieser Tag ein wenig bevor, denn sie war ziemlich sicher, dass eine Reihe von Leuten ihre Entscheidung unmöglich finden würde.

Inzwischen hatte sie sich wieder gefangen. „Danke. Aber weshalb sind Sie heute zu uns gekommen?“

„Sie sind mit meinem Kind schwanger.“

„Wie bitte?“ Entsetzt riss sie die Augen auf und sah ihn fassungslos an. Sie musste sich verhört haben.

„Die Fruchtbarkeitsklinik hat einen schweren Fehler gemacht und Sie fälschlicherweise mit meinem Samen behandelt statt mit dem des Spenders, den Sie sich ausgesucht hatten.“

Fassungslos ließ sie sich zurücksinken. „Das kann nicht sein.“

Mr. Patrick griff in seine Brusttasche und zog einen länglichen weißen Briefumschlag heraus. Er hielt ihn ihr hin, und als sie ihn nicht nahm, warf er ihn auf den Schreibtisch.

Nicole blickte starr auf den Umschlag, als hätte sie eine riesige haarige Spinne vor sich.

„Der Klinikdirektor hat in diesem Brief dargelegt, wie es dazu kommen konnte. Die Erklärung ist ziemlich einfach. Ich heiße Ryan Patrick, und der Name Ihres Spenders ist Patrick Ryan. Die Referenznummern wurden nicht gegengeprüft, und so haben Sie den falschen Samen bekommen. Weil irgendein Idiot die Namen verwechselt hat.“

Ihr wurde eiskalt, ihr Herz schlug wie verrückt. „Das kann nicht sein, Sie müssen sich irren.“

Er wies auf den Brief. „Bitte, lesen Sie selbst.“

Sie betrachtete den Umschlag. Sollte sie ihn öffnen? Oder lieber nicht? Andererseits konnte sie ihm nicht beweisen, dass er unrecht hatte, wenn sie die Tatsachen nicht kannte. Mit zitternder Hand griff sie nach dem Brief und riss ihn auf. Das Geräusch des reißenden Papiers und dann das Knistern, als sie den Bogen auseinanderfaltete, taten ihr in den Ohren weh. Ihre Nerven lagen blank.

Ja, es war der Briefbogen der Lakeview-Klinik. Und der Brief war von dem Direktor der Klinik unterschrieben worden. Hastig überflog sie das Geschriebene. Bestimmte Begriffe blieben haften. Unglücklicher Fehler … Vertauschen der Spender … bitte vielmals um Entschuldigung

Verwirrt ließ sie den Brief sinken. Sie wusste nicht mehr, wo ihr der Kopf stand, Tausend Gedanken stürzten auf sie ein. Dann las sie den Brief zum zweiten Mal, aber der Inhalt blieb derselbe, ein Missverständnis war ausgeschlossen.

Sofern dieser Brief nicht ein überaus geschmackloser Witz war, war sie mit Ryan Patricks Baby schwanger, nicht aber mit Patrick Ryans, dem Baby des Mannes, den sie schon seit ihren Collegetagen liebte. Und der ihre Schwester geheiratet hatte.

„Das ist nicht besonders komisch“, sagte sie leise.

Ihr Gegenüber blieb ernst. „Das ist bei medizinischen Kunstfehlern selten der Fall.“

Irgendwie hatte sie immer noch gehofft, dass ihre Schwester hinter der ganzen Sache steckte, wenn es auch ein ausgesprochen übler Scherz wäre. Aber Mr. Patrick sah so stoisch und entschlossen aus, dass sie diesen Gedanken schnell beiseiteschob. Eine leichte Übelkeit meldete sich, und sie presste die Hand fest auf den Magen. „Da muss irgendwo ein Fehler unterlaufen sein.“

„Allerdings. Die Klinik hat ihn gemacht. Und die Folge davon ist, dass Sie mit meinem Kind schwanger sind.“

„Das kann nicht sein.“

„Ich wünschte, Sie hätten recht.“

Wieder blickte sie auf den Brief, während ihr Tausend Dinge im Kopf herumschwirrten. Wenn es wirklich so war, was hatte das für Konsequenzen? Für sie selbst? Für Patrick und Beth? Für diesen Fremden, der hier vor ihr saß?

Was sollte geschehen? Wenn das Baby wirklich nicht Patricks war?

Sie versuchte, die Fassung wiederzugewinnen, und räusperte sich kurz. „Das tut mir alles sehr leid. Muss schwierig sein für Sie und Ihre Frau.“

„Ich habe keine Frau.“

„Na, dann für Ihre Freundin.“

„Ich habe auch keine Freundin.“

Damit konnte sie nun gar nichts anfangen. „Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz …“

„Ich will das Kind allein aufziehen.“

„Für Frauen ist das nicht ungewöhnlich. Aber für Männer? Warum heiraten Sie nicht einfach?“

Er hob abwehrend die Hände. „Um Himmels willen! Ich war schon mal verheiratet und habe fest vor, diesen Fehler nie wieder zu machen.“

Soso. Offenbar war seine erste Ehe kein Erfolg gewesen. Aber davon wollte sie jetzt nichts weiter hören. Sie hatte selbst genug Probleme. Vielleicht war seine Geschichte nicht wahr … Vielleicht war er nicht ganz normal. Mit einem Verrückten könnte sie leichter umgehen als mit der Situation, wie sie in dem Brief beschrieben war. Sie brauchte nur den Sicherheitsdienst anzurufen. Aber so einfach ließ sich das Ganze wohl nicht regeln. Der Mann schien seinen Verstand durchaus beisammenzuhaben.

Schweigend zog er einen zweiten Briefumschlag aus der Tasche und legte ihn vor sie hin. Wieder sah Nicole darauf. „Ich bin bereit, Ihnen das Gleiche zu zahlen wie der Leihmutter, die ich engagiert hatte.“

Nachdenklich runzelte sie die Stirn. „Sie haben einen Vertrag mit einer Leihmutter?“ Wieso musste jemand, der so aussah wie er, eine Frau dafür bezahlen, dass sie sein Kind zur Welt brachte? Wahrscheinlich standen die Frauen bei ihm doch Schlange.

„Ja. Sie ist für die Aufgabe vorzüglich qualifiziert und hat alle Tests bestanden.“

Wollte er damit sagen, dass sie, Nicole, für eine solche Aufgabe nicht ausreichend qualifiziert war? Ungeduldig griff sie nach dem Umschlag, zog das Blatt Papier heraus und begann zum zweiten Mal an diesem Tag, etwas zu lesen, was sie eigentlich gar nicht lesen wollte.

Doch sie kam nicht weit. Überall war ihr Name eingefügt … Was hatte das zu bedeuten? Schockiert starrte sie ihn an. „Sie wollen mein Kind kaufen?“

Genau, Nicole. Leihmütter verkaufen ihre Babys. Das war ihr schon klar, aber es so schwarz auf weiß zu sehen war etwas ganz anderes.

„Es ist der Vertrag für eine Dienstleistung, wenn ich so sagen darf. Sie liefern mir ein Produkt. Ich bezahle Sie für Ihre Zeit und den Umstand, dass Sie Ihren Körper zur Verfügung stellen.“ Das klang so emotionslos, als verhandele er mit ihr über den Kauf eines Flugzeugs.

Ein Produkt? Ihr Baby? Niemals! Unwillkürlich schlang sie die Arme um ihren Bauch, als wolle sie das werdende Leben schützen. Bisher war sie zwar bereit gewesen, das Kind Beth und Patrick zu überlassen. Aber es einem Fremden verkaufen? Nie im Leben! „Sie sind wohl vollkommen verrückt geworden, Mr. Patrick.“

„Es ist mein Kind.“

„Aber auch meins. Es sind mein Ei, mein Körper und meine Schwangerschaft.“

„Ich finde meine Bedingungen sehr großzügig.“

„Kann sein.“ Sie warf ihm den Vertrag zu, doch er fing ihn nicht auf. „Aber Ihre Bedingungen sind mir vollkommen egal. Gehen Sie doch zurück zu Ihrer Leihmutter.“

„Ich soll vergessen, dass ich bereits ein Kind gezeugt habe?“

„Ja. Sie haben doch noch keinerlei Gefühl investiert, und finanzielle Verpflichtungen haben Sie auch nicht. Für Sie ist es sehr viel einfacher als für mich, ein zweites Kind zu haben. Ich trage dieses Kind neun Monate lang aus. Ihren Beitrag können Sie innerhalb weniger Sekunden abliefern.“

„Sie sind doch erst seit zwei Monaten schwanger. Da können Sie doch noch gar keine Bindung zu dem Kind aufgebaut haben.“

Empört sah sie ihn an. „Wie können Sie das behaupten! Sie haben doch keine Ahnung.“

Zu ihrer eigenen Überraschung hatte sie nur wenige Tage nach der Entlassung aus der Klinik bereits gespürt, dass etwas anders war. Ihr Geschmack hatte sich geändert, sie hatte plötzlich auf die seltsamsten Dinge Appetit. Noch bevor der Schwangerschaftstest positiv ausgefallen war, hatte sie gewusst, dass sie Patricks Baby unter dem Herzen trug.

Das heißt, dieser Mann behauptete ja, dass es nicht Patricks Baby sei. Aber vielleicht irrte er sich.

Wenn er sich doch nur irrte … „Tut mir leid, aber ohne Beweis nehme ich Ihnen Ihre Geschichte nicht ab.“

„Da liegt der Beweis.“ Er wies auf den Brief.

„Das ist nicht genug.“ Wenn nötig würde sie sämtliche Unterlagen der Klinik durchsehen. Und wenn das nicht ausreichte, würde sie einen DNA-Test machen lassen. Wie lange das wohl dauerte? Ob das gefährlich für das Baby war? Sie musste unbedingt ihre Frauenärztin fragen.

Mr. Patrick wurde zunehmend ungeduldig. „Sie sind doch erst achtundzwanzig. Da können Sie noch weitere Kinder haben.“

Eben nicht, denn der Mann, den sie liebte, war bereits vergeben. „Sie sind auch nicht gerade uralt.“

„Ich bin fünfunddreißig.“

„Frauen haben einen sehr viel geringeren zeitlichen Spielraum, ein Kind zu bekommen, als Männer. Sie können in den nächsten fünfzig Jahren noch viele Kinder zeugen.“

Gereizt schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ich will aber jetzt ein Kind! Außerdem habe ich keine Lust, dass Sie irgendwann auf die Idee kommen, mich wegen unterlassener Unterhaltszahlungen zu verklagen.“

Der Mann wurde Nicole mit jedem Satz unsympathischer. Normalerweise fand sie an jedem Menschen irgendetwas Positives. Mr. Ryan Patrick schien die Ausnahme von der Regel zu sein. Abgesehen von seiner Erscheinung gab es nichts, was sie für ihn einnahm.

Doch sie zwang sich zur Ruhe. HAG, ihre goldene Regel, hatte sie noch nie im Stich gelassen. Mit Höflichkeit, Ausdauer und Geduld ließ sich jedes Problem lösen. „Das würde ich nie tun“, sagte sie freundlich. „Ich will nichts von Ihnen, jetzt nicht und auch in Zukunft nicht.“

„Und Sie erwarten von mir, dass ich mich auf das Wort einer Fremden verlasse?“

Denk doch, was du willst! „Ich bin an Ihrem Geld nicht interessiert. Und ich bin durchaus bereit, von meiner Anwältin eine entsprechende Erklärung aufsetzen zu lassen, die Sie von jeglicher Verantwortung und Verpflichtung befreit.“

„So eine Erklärung ist vollkommen wertlos. Sie können sie jederzeit widerrufen.“

Oh … Am liebsten hätte sie ihn geschlagen. Doch sie beherrschte sich, wenn auch mit Mühe. „Mr. Patrick, selbst wenn ich wollte, was nicht der Fall ist, könnte ich Ihnen dieses Kind nicht geben.“ Wieder spürte sie diese Übelkeit und legte sich die Hand auf den Magen. „Das Baby gehört mir nicht. Ich trage es ...

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