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So kocht und küsst nur Emily

1. KAPITEL

Dan Kingsland sollte mit seinen Gedanken lieber beim Geschäft bleiben, denn immerhin gab es an diesem Tag einen großen unternehmerischen Erfolg zu feiern. Nicht nur für sein eigenes Architekturbüro, sondern auch für seine vier besten Freunde, die ebenfalls am Bau des Trinity River Place beteiligt waren. Grady McCabe war der geschäftstüchtige Bauunternehmer, Travis Carson der ausführende Bauherr, Jack Gaines war für die Elektroinstallationen verantwortlich, und Nate Hutchinson gehörte die Immobilienfirma, die für Verkauf und Vermietung zuständig war.

Auf der Baustelle des Wohn- und Gewerbekomplexes in der Innenstadt von Fort Worth war ein Büfett angerichtet – und genau dorthin ließ Dan seine Blicke unablässig wandern. Er war nämlich überzeugt, die gute Stimmung der Gäste dem fantastischen Essen zu verdanken, mit dem der erfolgreiche Abschluss der ersten Bauphase gefeiert wurde. Und es war nur eine einzige Frau, die mithilfe von drei großen rollbaren Campingkochern all diese Köstlichkeiten zubereitete.

Dan verdrehte verzückt die Augen, während er die herrlich gewürzten Gerichte verspeiste. So müsste man zu Hause auch essen …

Grady McCabe bedachte Dan mit einem ironischen Seitenblick und sagte: „Wir wissen alle, was du jetzt denkst. Aber Emily Stayton ist nicht die Lösung für deine Probleme!“

Dan fühlte sich ertappt, anscheinend hatte er die schöne Kochkünstlerin doch etwas zu auffällig angestarrt. „Die Frau kann kochen, so viel steht fest.“ Das Bemerkenswerteste war, dass Emily Stayton unglaublich heiter und gelassen wirkte, während sie mit ihren Töpfen und Pfannen hantierte.

„Klar kann sie kochen, sie ist ja schließlich Chefköchin!“, stellte Travis trocken fest und biss in ein gegrilltes Sandwich.

„Sie hat in den besten Restaurants der Stadt gearbeitet, bevor sie sich selbstständig gemacht hat, weil sie flexiblere Arbeitszeiten haben wollte“, fügte Jack Gaines mit der Sachlichkeit eines Mannes hinzu, der eine Firma für Elektrosysteme gegründet hatte und seine siebenjährige Tochter alleine großzog. Wie es aussah, kam er damit besser klar als Dan mit seinem renitenten Nachwuchs.

„Dann kann ich sie ja fragen, ob sie für mich arbeiten will.“ Geld war im Moment für Dan kein Thema. Es ging ihm vorrangig darum, ein Problem zu lösen, das ihm allmählich über den Kopf wuchs. Und dafür war unkonventionelles Denken gefragt. Machte er das nicht immer so, dass er Probleme auf kreative Weise anging?

„Das kannst du nicht.“ Nate Hutchinson war der Einzige, auf dem keine familiären Verpflichtungen lasteten. Dafür kannte er sämtliche Frauen der Stadt, die frei und ungebunden waren – so wie die schöne Köchin. Zumindest trug sie keinen Ehering, darauf achtete Nate immer als Erstes. „Emily zieht von Fort Worth weg.“

Mit zusammengezogenen Augenbrauen blickte Dan auf den weißen Cateringbus mit dem strahlendblauen Logo an der Seite. „Wann denn?“

„Ende des Monats. Das hier ist ihr letzter Auftrag. Sie will aus dem Ballungsgebiet weg und wieder in das hügelige Hinterland von Texas ziehen, wo sie aufgewachsen ist.“

Von diesem unverhofften Hindernis ließ Dan sich nicht abschrecken. Hürden waren schließlich dazu da, überwunden zu werden. „Noch ist sie aber nicht umgezogen!“, sagte er und kratzte den Rest der köstlichen Bohnen nach Farmerart von seinem Teller. Schon früh im Leben hatte er gelernt, dass es im Leben darauf ankommt, den richtigen Moment abzupassen.

Nachdem er mit Essen fertig war, wartete er geduldig, bis die Gäste sich zerstreuten und das Büfett abgeräumt wurde. Dann schlenderte er gemächlich zu dem langen Tisch hinüber, wo Ms Stayton mit Einpacken beschäftigt war. Ihre Augen waren von einem derart umwerfenden Blau, dass ihm der Atem stockte. Nicht, dass er an ihr als Frau interessiert wäre … Er suchte bloß eine Köchin. Und auf eine feste Beziehung oder gar Ehe war er schon gleich gar nicht aus.

„Ich habe gehört, dass Sie aus Fort Worth wegziehen wollen“, sagte er beiläufig.

Emilys Blick nach zu urteilen, war ihr nicht entgangen, dass er sie die ganze Zeit über angestarrt hatte. Allerdings deutete sie seinen Blick garantiert anders. Sie stapelte die leeren Servierplatten in eine große Plastikbox, dann ging sie zum nächsten Büfetttisch. „Ja, ich ziehe nach Fredericksburg.“

Fasziniert betrachtete er ihre feingliedrigen Hände, mit denen sie flink den Tisch abräumte. „Was gibt es denn dort so Besonderes?“

„Ich habe dort eine Obstplantage in Aussicht und stehe kurz vor dem Vertragsabschluss.“ Sie sah ihn freudestrahlend an.

Während sie sich über den Tisch beugte, um an eine Schüssel am anderen Ende zu kommen, fiel ihre weite Schürze hinten auseinander und enthüllte ihren festen Po und ihre umwerfenden Oberschenkel. Dan wandte rasch den Blick von diesem aufreizenden Anblick ab und versuchte, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – ihre Fähigkeiten als Köchin. „Und wann werden Sie unterschreiben?“

Mit entschlossenem Gesichtsausdruck klappte Emily den Deckel der Plastikkiste zu und ließ ihn einklicken. Dann straffte sie sich und hob die schwere Kiste hoch. „Sobald ich das Geld für diesen Auftrag bekommen habe und die Finanzierung sichergestellt ist. Ich hoffe, dass ich nächste Woche hier weg bin.“

Dan nahm ihr die Box ab und trug sie zu ihrem Cateringbus. Nachdem er sie dort abgestellt hatte, wo sie es ihm gezeigt hatte, drehte er sich zu ihr um.

„Und was wird aus Ihrem Cateringservice?“

Emily zuckte mit den schmalen Schultern und ging zurück zu den Büfetttischen. Während er ihr folgte, blickte er bewundernd auf ihr seidiges kastanienbraunes Haar, das in der Novembersonne leuchtete.

„Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist, heißt es doch, oder nicht!?“

Ihr zarter Orangenblütenduft umwehte seine Nase, während sie die Tischdecken zusammenfaltete. „Sie wollen einfach so mir nichts dir nichts alles aufgeben?“

„Ich werde Obst anbauen“, erwiderte sie, „und um Ihre Frage zu beantworten, Mr …?“

Er war ganz verlegen, weil er vergessen hatte, sich vorzustellen und streckte ihr seine Hand entgegen. „Dan Kingsland.“

Sie ergriff seine Hand mit derselben Anmut, mit der sie alles andere erledigte. „Nett, Sie kennenzulernen. Ich bin Emily Stayton.“

Nur widerstrebend ließ er ihre Hand los und war überrascht, dass sie sich trotz der vielen Küchenarbeit so zart anfühlte. Schnell trat er einen Schritt zurück, bevor ihre Nähe ihn noch mehr verwirrte. „Das Essen war übrigens köstlich.“

Ihre weichen Lippen formten sich zu einem angedeuteten Lächeln. „So sollte es auch sein, aber trotzdem danke.“

Dan trug den Stoß Tischtücher zu ihrem Wagen. „Gibt es eine Möglichkeit, Sie noch zu engagieren, bevor Sie wegziehen?“

Ihre elegant geschwungenen Augenbrauen zogen sich zusammen. „Für eine Party?“

Nein, eigentlich mehr … für alles. Er sah ihr in die Augen und kam direkt zum Punkt. „Ich kann mich nicht erinnern, wann es bei uns zu Hause mal ein richtig gutes Essen gegeben hätte. Toll war es ja noch nie, denn mit den Kochkünsten ist es in unserer Familie einfach nicht weit her. Selbst noch bevor meine Frau und ich uns vor ein paar Jahren getrennt haben. Aber jetzt, wo die beiden Älteren in die Highschool gehen und meine Jüngste in der Grundschule ist, kommen wir schon überhaupt nicht mehr zu einem gemeinsamen Essen.“ Er seufzte schwer. „Und wenn, dann will jeder was anderes essen. Zumindest mögen die Kinder nicht das deftige Zeug, das ihr Großonkel Walt ihnen vorsetzt.“

Sie blickte ihn teilnahmsvoll an. „Ja, das ist bestimmt anstrengend. Aber ich wüsste nicht, wie …“

Er unterbrach sie mit einer Handbewegung. „Sehen Sie, ich habe Sie heute beobachtet, wie Sie mit einer unglaublichen Leichtigkeit für so viele Leute gekocht haben, und das ganz ohne richtige Kücheneinrichtung. Und da dachte ich, wenn Sie das für uns machen könnten – vielleicht könnten Sie uns dabei helfen, wieder gerne gemeinsam am Tisch zu sitzen. Vielleicht könnten wir sogar wieder eine glückliche Familie werden.“ Er zögerte. So viel hatte er eigentlich gar nicht preisgeben wollen. Allerdings hatte er auch nicht so viel Mitgefühl und Besorgtheit in ihren schönen Augen erwartet.

Ihm war nicht klar, was ihn dazu brachte, alles auf eine Karte zu setzen. „Was halten Sie davon? Wollen Sie uns helfen?“

Emily hatte Dan Kingsland auf Anhieb attraktiv gefunden, doch diese blitzartige Erkenntnis war nichts im Vergleich zu dem erregten Kribbeln, das sie überfiel, als sie nun vor seiner Haustür stand. Sie hatten einen Besprechungstermin um sechs Uhr abends vereinbart.

Noch bevor sie die Klingel berührt hatte, ging die Haustür auf, und der alleinerziehende Vater von drei Kindern stand vor ihr. Er trug verwaschene Jeans und einen tannenfarbenen Pullover, der das Grün seiner Augen hervorhob. Sein sandfarbenes Haar war so gekonnt geschnitten, dass es locker und leicht zerzaust wirkte. Seine Nachmittagsstoppeln passten zu dem attraktiv nachlässigen Aussehen.

Er wirkte ein wenig gehetzt, doch als ihre Blicke sich trafen, ging ein Lächeln über sein Gesicht. „Ich freue mich sehr, dass Sie gekommen sind!“, sagte er in einem lockeren Tonfall.

Emily wünschte, sie könnte die Sache ebenso locker sehen. Doch sie hatte das unbestimmte Gefühl, wenn sie diesem Mann den kleinen Finger reichte, würde er die ganze Hand nehmen.

Um möglichst gelassen zu wirken, schob sie ihre Hände in die Taschen ihrer legeren Wollhose. Neuerdings vermied sie Situationen, die sich schon von Anfang an zu … intim anfühlten. Außerdem war sie Chefköchin und keine Familienberaterin. Dem Lärm nach zu urteilen, der von drinnen kam, befand sich diese Familie gerade mitten im Wochenendchaos. Aber da musste sie jetzt durch, denn schließlich brauchte sie das Geld für ihren Umzug nach Fredericksburg.

Dan führte Emily in das Innere des zweistöckigen Backsteinhauses und ahnte nichts von ihren komplizierten Gedankengängen. Auf der einen Seite des Flurs befand sich eine große altmodisch eingerichtete Wohnküche. Auf der anderen Seite war das Wohnzimmer untergebracht, ausgestattet mit einem ausladenden Ecksofa, einem großen gemauerten Kamin und hohen Bücherregalen. Überall lagen Sachen herum – Aktentaschen, Schulranzen, Jacken, Schuhe, Mützen, und mitten in dem Chaos befanden sich Dans drei Sprösslinge.

Alle hatten das gleiche sandfarbene Haar wie ihr Vater und die gleichen grünen Augen. Aber die Ähnlichkeit betraf nur das Äußere, wie Emily bald feststellte, nachdem Dan sie vorgestellt hatte.

Die siebzehnjährige Ava war in ein Buch vertieft, in dem sie immer wieder Stellen mit einem gelben Leuchtstift markierte. Der fünfzehnjährige Tommy stand vor dem weit geöffneten Kühlschrank und studierte dessen Inhalt. Die achtjährige Kayla saß inmitten einer Ansammlung von Bastelutensilien, Malblocks, Wasserfarben und bunter Knetmasse am Boden. Alle drei waren ganz auf ihre Beschäftigung konzentriert und kümmerten sich nicht um die anderen.

Die kleine Kayla lief auf Emily zu und bremste haarscharf vor ihr. Ihr Gesicht und ihre Arme waren mit Farbe bekleckert. „Kochst du jetzt für uns?“

„Emily ist gekommen, um mit uns über unsere Probleme zu reden“, erklärte Dan. „Sie wird uns ein paar Tipps geben, wie wir das mit dem gemeinsamen Essen wieder in den Griff kriegen.“

„Na viel Glück“, murmelte Tommy. Er schnappte sich ein Sportgetränk und schlenderte in Richtung Haustür. „Ich gehe joggen.“

„Du kommst doch gerade vom Training!?“, wandte Dan ein.

Tommy zuckte die Achseln. „Ich brauch noch mehr Bewegung.“

Zweifelnd betrachtete Emily das rote erhitzte Gesicht des Jungen.

„Jetzt bleibst du erst mal hier!“, erwiderte Dan mit väterlicher Strenge.

Ava stand auf. „Ich habe auch keine Zeit, ich muss lernen.“ Sie griff nach ihrem dicken Biologiebuch und dem Textmarker.

Freitagabends? wunderte sich Emily. Da trafen sich doch Mädchen in Avas Alter mit Freundinnen und entspannten sich nach der anstrengenden Woche. Das hatte Emily eigentlich auch vorgehabt, bevor Dan sie mit seiner Bitte überrumpelt hatte.

Um ihren älteren Geschwistern nicht nachzustehen, zupfte Kayla an Emilys Ärmel. „Und ich muss malen. Willst du mir zugucken?“ Sie schoss los und stolperte dabei über das Wasserglas mit den Pinseln.

„Kannst du nicht in deinem Zimmer malen?“, maulte Tommy seine Schwester an.

„Ja, immer liegen uns deine blöden Sachen im Weg!“, stimmte Ava mit ein.

„Kinder, das reicht!“, sagte Dan in tadelndem Ton.

In diesem Moment kam ein steifbeiniger alter Mann mit weißem Stoppelhaar herein. Dan stellte ihn Emily als Onkel Walt vor.

Walt blickte Dan verdattert an. „Ich dachte, du wolltest heute Abend kochen?“

Dan zuckte die Achseln. „Hab mich anders entschieden.“

Emily warf Dan einen argwöhnischen Blick zu. Hatte er sie etwa unter falschen Vorgaben hierhergelockt?

Zerknirscht erwiderte Dan ihren Blick. „Ich wollte Sie wirklich nicht derart überfahren.“ Er holte sich ein Stück von der Küchenpapierrolle und wischte das Farbwasser auf.

„Warum nicht? Wenn sie sowieso hier ist und kochen kann …“, knurrte Walt. „Auf jeden Fall wird was Besseres dabei rauskommen als bei uns.“

„Stimmt, das Essen hier ist echt beschissen“, murrte Tommy.

Wobei Emily sich fragte, ob die Kinder überhaupt gerne aßen. „Wie ist es denn bei eurer Mutter?“, fragte sie, denn sie war neugierig zu wissen, ob Dans Exfrau besser kochen konnte. „Was kocht sie denn, wenn ihr bei ihr seid?“

Schlagartig verstummten alle. Emily hatte das Gefühl, in ein Wespennest gestochen zu haben. Schnell fragte sie weiter. „Ich nehme an, dort ist das Essen auch ein Problem, oder?“

Immer noch Schweigen. Sekunde um Sekunde verstrich, bis Walt sich räusperte. „Hat Dan es Ihnen nicht erzählt? Seit der Scheidung lebt meine Nichte nicht mehr in den Vereinigten Staaten.“

Emily wünschte, Dan hätte sie ausführlicher informiert. Wenn sie gewusst hätte, dass er ganz alleine mit den Kindern war, hätte sie vermutlich gleich abgelehnt. Derartige emotionale Verwirrungen konnte sie im Moment überhaupt nicht gebrauchen …

„Mom ist in Afrika!“, platzte Tommy heraus.

„Du bist nicht ganz auf dem Laufenden, mein Lieber“, korrigierte Ava ihn und schob ihre Brille wieder richtig auf die Nase. „Dort war sie letzte Woche. Jetzt ist sie in China.“

„Wo auch immer“, bemerkte Tommy achselzuckend und wandte sich wieder zum Gehen. „Jedenfalls ist sie nicht hier. Nie ist sie hier.“

„Ja, sie soll zurückkommen!“, schmollte Kayla. „Wir wollen wieder eine Mommy haben.“

Walt zog eine Grimasse. „Meine Nichte ist Ärztin und arbeitet für eine internationale Kinderhilfsorganisation.“

Also hatte Dan wohl das alleinige Sorgerecht für die Kinder – mit all den schönen und zugleich anstrengenden Seiten. Und noch dazu den greisen Onkel seiner Exfrau am Hals.

„Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht alles genauer erklärt habe“, mischte Dan sich ein. Seine Miene verriet sein schlechtes Gewissen.

Emily atmete tief durch. Einerseits hätte sie besser keine Fragen gestellt, die den ganzen Clan aufbrachten. Andererseits, was hatte sie damit zu tun, dass die verflossene Mrs Kingsland ihre Kinder vernachlässigte? Nichts, beschwichtigte sie sich selbst. Das war das Problem von Dan, nicht ihres. Sie würde ohnehin gleich wieder gehen.

Kayla zupfte an Dans Pullover. „Dad, ich habe schrecklichen Hunger!“

Offensichtlich frustriert, dass er nichts unternommen hatte, um dieses Problem zu lösen, hob Dan beruhigend die Hand. „Okay, wir bestellen Pizza.“

„Nicht schon wieder!“, riefen alle drei unisono.

Dan warf Emily einen hilflosen Blick zu.

Kayla stampfte mit den Füßen auf. „Aber ich will sofort was essen!“, rief sie mit Tränen der Empörung in den Augen.

Emily war von Natur aus immer vorne mit dabei, wenn es um das Lösen von Problemen ging. Deshalb sagte sie spontan: „Soll ich euch schnell was kochen?“ Nebenbei könnte sie mit Dan alles bereden und würde ihren Scheck bekommen und gehen, bevor sie hoffnungslos in dieses Familiendrama mit hineingezogen würde.

„Hm … da gibt es ein Problem“, sagte Dan.

Walt nickte. „Wir hatten noch keine Gelegenheit einzukaufen.“

„Wir gehen immer nur am Wochenende einkaufen“, erklärte Kayla.

Aus Erfahrung wusste Emily, dass die Leute immer mehr an Vorrat hatten, als sie dachten. „Lasst mich mal sehen.“ Sie öffnete den Kühlschrank und die anderen Schränke. „Daraus lässt sich doch was machen.“

„Dauert das lange?“, fragte Kayla weinerlich.

Emily war schon dabei, ihre Zutaten auf der Anrichte auszubreiten. „Zwanzig Minuten!?“

„Das ist ja schneller als Pizza bestellen!“, begeisterte sich Dan und warf ihr einen dankbaren Blick zu.

Froh, für den Moment das Schlimmste abgewendet zu haben, übernahm Emily das Ruder. „In der Zwischenzeit setzt ihr euch alle hin, und jeder macht eine Liste mit seinen Lieblingsgerichten und eine Liste mit Speisen, die ihr überhaupt nicht mögt.“

„Daddy, kannst du meine für mich aufschreiben?“, fragte Kayla.

„Okay“, versprach Dan.

Walt durchsuchte das Telefonschränkchen nach Kugelschreibern, und alle verteilten sich am Küchentisch. Währenddessen stellte Emily einen großen Topf Wasser auf den Herd, dann schnitt sie ein Stück Schinken in Würfel, die sie in der Pfanne briet.

„Was gibt denn das?“, fragte Tommy argwöhnisch.

Dem Jungen alles haarklein zu erklären, würde nur Kritik und Widerspruch ernten, auch das wusste Emily aus Erfahrung. „Das ist eine Überraschung“, erwiderte sie lächelnd. „Macht jetzt mal mit euren Listen weiter.“

Ava blickte ihren Vater stirnrunzelnd an. „Darf sie das?“

Dan zuckte die Achseln. „Sie hat ja schon damit angefangen. Kommt, Kinder, das ist eure einmalige Chance zu bestimmen, was es hier in Zukunft zu essen gibt.“

Seine Logik war nicht zu widerlegen. Alle machten sich an die Arbeit, überlegten, schrieben auf, überlegten wieder. Als Emily eine große Schüssel Spaghetti Carbonara und grüne Bohnen mit Mandelblättchen auf den Tisch stellte und noch dazu eine Schüssel Obstsalat auf die Anrichte, waren alle Listen zu Ende geschrieben.

„Hey, das sieht gut aus.“ Staunend beäugte Tommy die würzig duftende Pasta.

„Obstsalat ist mein Lieblingsessen“, lächelte Kayla mit Blick auf die Schüssel auf der Anrichte.

„Das riecht ja fantastisch!“, sagte Walt.

Dan zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor. „Bitte setzen Sie sich zu uns, Emily.“

Sie zögerte. War sie nicht schon einmal auf diese Art in Schwierigkeiten gekommen? Indem sie die Grenze zwischen angestellter Köchin und Freundin der Familie überschritten hatte? „Normalerweise …“

„… tun Sie das nicht, ich weiß.“ Dans Lächeln war ebenso liebenswürdig wie verwegen. „Aber das hier sind keine normalen Umstände.“

Emily hätte trotzdem abgelehnt, wenn ihr nicht auch der Magen geknurrt hätte. Außerdem hatte sie sich vorgenommen, zu regelmäßigeren Zeiten zu essen und nicht gerade dann, wenn es in den Terminplan passte. Sie musste neuerdings auf ihre Gesundheit achten. „Also gut“, sagte sie dankbar, „aber sobald wir fertig gegessen haben, müssen wir über das Geschäftliche reden.“

Die Schüsseln wurden herumgereicht, und eine ganze Weile war es mucksmäuschenstill am Tisch, während die Kinder gierig das Essen in sich hineinstopften. Zehn Minuten später war alles bis auf den letzten Krümel aufgegessen.

„Wow!“, sagte Dan und lehnte sich zufrieden seufzend in seinem Stuhl zurück.

Walt stimmte ihm zu. „Unglaublich.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass es mir schmeckt, aber das war wirklich toll“, sagte Tommy anerkennend.

Ava lächelte. „Das fand ich auch.“ Sie sprang vom Stuhl hoch. „Möchte jemand Kaffee?“

Dan und Walt nickten.

Emily seufzte im Stillen. Zu gern hätte sie auch einen mitgetrunken, aber Koffein gehörte zu den Dingen, die in ihrem Ernährungsplan verboten waren. „Nein, danke“, sagte sie.

„Kommst du jetzt jeden Tag und kochst für uns?“, fragte Kayla und sah Emily mit treuherzigem Blick an. „Ich wäre sehr, sehr glücklich, wenn du das machen würdest.“

Dan bemerkte, dass Emily eine Sekunde lang zögerte, als ob sie kurz davor war, zustimmen zu wollen. Doch dann huschte ein Anflug von Bedauern über ihr Gesicht. „Ach, meine Kleine …“, begann sie, als plötzlich Salsaklänge aus ihrer Handtasche ertönten, welche sie neben der Küchentür abgestellt hatte. Froh, zunächst um die Antwort herumgekommen zu sein, stand Emily auf und suchte ihr Handy.

„Bitte entschuldigt mich, aber ich muss unbedingt rangehen. Das ist bestimmt der Grundstücksmakler.“ Mit dem Mobiltelefon am Ohr ging sie hinaus in den Flur.

„So, Kinder, ihr seid mit Aufräumen dran“, sagte Dan. „Kayla, du räumst den Tisch ab, Ava belädt die Spülmaschine, Tommy wischt den Tisch und die Anrichte ab und trägt den Müll raus.“

Zu seiner Überraschung widersprach diesmal keines der Kinder. Anscheinend weil sie satt und zufrieden sind, dachte er, wenigstens was ihren Bauch anbelangt. Der emotionale Mangel war eindeutig schwieriger in den Griff zu kriegen.

Aus dem Flur kam Emilys aufgeregte Stimme. „Aber das können Sie doch nicht machen! Ich habe gerade die Zusage für den Kredit bekommen.“ Sie hörte eine Weile zu, dann rief sie empört: „Sagen Sie mir wenigstens, wer das veranlasst hat. Garantiert Tex Ostrander, stimmt’s?“

Wer ist dieser Tex? fragte sich Dan. Offensichtlich stand der Kerl in irgendeiner Beziehung zu Emily.

Abrupt wurde ihre Stimme ruhig und geschäftsmäßig: „Gut, ich verstehe. Ich rufe in ein paar Tagen wieder an.“

„Ich frage mich, was da los ist“, murmelte Tommy, und das fragten sich alle anderen auch.

Als Emily in die Küche zurückkam, glänzten ihre Augen verräterisch. „Tut mir leid“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Ich habe gerade schlechte Nachrichten bekommen.“ Sie rieb sich über die Stirn. „Ist es in Ordnung, wenn ich eure Listen mit nach Hause nehme, mir Menüvorschläge überlege und dann noch mal herkomme?“

„Natürlich.“ Dan ging zu ihr. „Ich begleite Sie hinaus.“

Er wartete, bis sie an Emilys Wagen standen, bevor er fragte: „Kann ich irgendetwas für Sie tun?“

Ihre Unterlippe fing an zu zittern, und sie blickte schnell zur Seite. „Ich glaube kaum. Es sei denn, Sie können mir den Obstgarten zurückzaubern, in dem ich aufgewachsen bin.“ Seufzend fuhr sie sich durchs Haar, dann sah sie Dan an. „Er ist vor ein paar Monaten zum Verkauf angeboten worden. Als ich davon gehört habe, bin ich sofort zu den Eigentümern gegangen und habe gesagt, dass ich das Grundstück kaufen möchte. Ich müsste nur noch das Geld herbeischaffen.“

Emily schluckte, bevor sie fortfuhr. „Ich meine, mir war klar, dass wir nur einen vorläufigen Vertrag gemacht haben, und sich garantiert noch andere Interessenten melden. Aber dass jemand anbieten würde, die gesamte Kaufsumme sofort in bar zu bezahlen, das hätte ich nicht erwartet. Und noch dazu mein Exverlobter!“, fügte sie empört hinzu.

Dan blinzelte. „Ihr Exverlobter hat das Grundstück hinter Ihrem Rücken gekauft?“

Emily verschränkte die Arme vor der Brust, was Dans Blick unfreiwillig auf ihre wohlgeformten Brüste zog. „Ja, er hat zehn Prozent mehr geboten.“

Dan musterte sie prüfend. „Und so viel können Sie nicht aufbringen?“

„Leider nicht.“ Emily begann, hin und her zu gehen. „Ich habe ganz knapp kalkulieren müssen.“

„Warum macht der Mann denn so was?“

Emily zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Seit unserer Trennung habe ich ihn nicht mehr gesehen, und das ist zehn Jahre her.“

„Wusste er davon, dass Sie das Grundstück zurückkaufen wollten?“

„Das war ihm wohl egal. Anscheinend wollen seine Eltern sich in einer anderen Gegend zur Ruhe setzen, und da hat er beschlossen, den Familienbesitz zu übernehmen.“ Emily verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Unsere beiden Grundstücke grenzen nämlich aneinander, und damit wäre er der größte Obstanbauer in der Gegend.“

Ein cleverer Schachzug, dachte Dan, denn diese Gegend in Texas war weltberühmt für ihren Pfirsichanbau.

Sie standen jetzt so dicht voreinander, dass er ihren herbsüßen Duft wahrnahm. „Wollen Sie unter diesen Umständen denn noch immer in Ihre Heimat zurück?“

„Das weiß ich nicht.“ Emily seufzte frustriert. „Der Grundstücksmakler meinte, dass mir die Bewilligung der Hypothek auf jeden Fall erhalten bleibt. Die Bank ist bereit, das Geld auch für ein anderes Grundstück zur Verfügung zu stellen.“

Es war schlimm, einen Traum aufgeben zu müssen, besonders einen so lange gehegten. Dan war voller Mitgefühl und versuchte Emily zu trösten: „Vielleicht findet sich ja eine andere schöne Obstplantage?“

Mit großen Augen sah sie ihn an. „Selbst wenn es eine solche gäbe, ich will keine andere. Ich wollte nur dieses Grundstück, weil es meinen Eltern gehört hat, als ich klein war.“ Sie wandte das Gesicht ab und tippte unschlüssig mit den Fußspitzen auf den Betonboden der Auffahrt. Unwillkürlich bewunderte Dan ihr schönes Profil. „Ich wollte die Farm wieder zum Blühen bringen, so wie es früher war. Um … ach, egal. Dieser Traum ist jedenfalls ausgeträumt!“ Sie sah traurig und enttäuscht aus.

„Und was wollen Sie jetzt machen?“, fragte Dan. Zu gerne hätte er ihr etwas Tröstendes gesagt.

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